Überfall auf Mondgrünau

Die folgende Geschichte habe ich 2014 auf Bitte von Musti vom Herr-der-Ringe-Forum als Drehbuch für einen Kurzfilm an der Universität Leipzig geschrieben. Es sollte für einen Action-Film von ca. 20 Minuten Länge sein und Kämpfe zwischen Hobbits und drei Haradern enthalten, die die Harader letztlich verlieren. Um Urheberrechtsfragen aus dem Weg zu gehen, sollten keine in den Romanen oder Filmen vorkommenden Figuren mitspielen oder bestenfalls nur von hinten zu sehen sein und nicht beim Namen genannt werden.

Aus dem Film scheint nichts geworden zu sein, denn ich habe nie wieder davon gehört. Ich hatte mir seinerzeit vorbehalten, die dem Drehbuch zugrunde liegende Geschichte jedenfalls als Fanfiction veröffentlichen zu können.

Ich tue es heute, am 19.01.2026.

 

 

Überfall auf Mondgrünau

 

 

 

Aus der Chronik von Mondgrünau oder: Das Grüne Buch von Ithilien

 

Oh, es ist so lange her … für mich als Hobbit schier ein halbes Zeitalter. Ich hoffe, ich bringe es noch alles zusammen.

Hildigrim Spachtler bin ich. Gleich nach dem Ende des Ringkrieges zogen meine Eltern Hildifons und Tüftina Spachtler mit ungefähr zwanzig anderen Familien von Froschmoorstetten im auenländischen Ostviertel nach Ithilien. Fürst Faramir hatte uns und die Waldelben von Herrn Legolas eingeladen, Ithilien wieder zu dem zu machen, was es einst war: Eine grüne Schönheit in den sanften Hügeln vor den schwarzen Felsen des Ephel Dúath. Die Elben sollten und wollten sich um die Aufforstung des Waldes kümmern – aber von Wald allein kann man nicht leben. Kräuter allein sind etwas dürftig. Wir Hobbits wissen das und verstehen uns darauf, essbare Grünpflanzen und sättigende Feldfrüchte anzubauen. Wir waren die Gärtner und Bauern, die Elben die Forstleute. Fürst Faramir nahm uns dankbar auf und überließ uns Neuankömmlingen gutes Land. Die Elben von Prinz Legolas nahmen den ursprünglich so waldreichen Norden bis zur Insel Cair Andros in Besitz, wir Hobbits erhielten ein mit nur noch sehr wenig Bäumen bewachsenes Brachland östlich von Osgiliath als fürstliches Lehen und sollten es zur Kornkammer Ithiliens und – wenn möglich – auch Gondors machen. Beinahe hätten wir unseren großen Umzug von Froschmoorstetten im Ostviertel nach Ithilien allerdings bitter bereut.

Es war im Jahr 5 V.Z. Unser Dorf Mondgrünau bestand gerade erst drei Jahre. Mein Vater Hildifons Spachtler war damals Dorfvorsteher. Es war ein heißer Sommer in jenem Jahr; nicht nur bei uns in Ithilien, sondern noch viel mehr in Harad, das ohnehin heiß und trocken ist. Sie kamen aus dem Süden – und sie hatten Hunger …

Harad, 5 V.Z.

Die brütende Hitze dauerte nun schon vier Monate an. Vier Monate war kein Tropfen Regen gefallen. Die ohnehin kargen Felder, mit Hirse und Kichererbsen bepflanzt, waren vertrocknet. Es würde eine Hungersnot geben, daran hatte König Markilan von Harad keinerlei Zweifel.

„Vater, Ihr müsst um Hilfe ersuchen!“, beschwor Haduran, der zweitälteste Sohn Markilans den König.

„Das habe ich längst!“, entgegnete der König. „Es gibt nichts, was die Rhûnrim uns geben könnten – außer Waffenhilfe gegen Gondor. Wir werden uns holen, was uns fehlt – aus Gondor! Aber Gondor greift man selbst mit einer Armee von Tausenden nur dann an, wenn man gut vorbereitet ist. Wir müssen wissen, wie es jenseits des Ephel Dúath aussieht. Sende Spähtrupps aus, die die Lage erkunden!“

Von den Höhen des Morgulpasses kamen drei junge Haradrim nach Ithilien hinunter. Wegen der herrschenden Sommerhitze trugen sie lediglich Lendenschurze, darüber hatten sie die Waffengürtel geschnallt, an denen die für Haradrim so typischen Krummschwerter steckten. Es waren muskulöse junge Krieger. Kerkilan, der dem Menschentypus von Nah-Harad am ehesten entsprach; Yanan, der etwas fremdartigere Gesichtszüge hatte und aus der Gegend von Khand stammte; Mumakabe, ein tiefschwarzer Fern-Harader, dessen Goldschmuck in scharfem Kontrast zu seiner dunklen Haut stand.

Der Weg war beschwerlich gewesen. In Mordor hatten sie nicht einmal Wasser gefunden. Halbverdurstet warfen sie sich nicht weit von Minas Morgul entfernt an den hier immer reiner werdenden Bach Morgulduin und schlürften durstig das kühle, klare Nass.

„Wohin führt dieser Weg, Kerkilan?“, erkundigte sich Yanan und wies auf die Straße, die hier immer breiter wurde. Kerkilan gehörte zu den Veteranen des Ringkrieges und war schon einmal hier gewesen.

„Nach Minas Morgul und darüber hinaus direkt nach Osgiliath. Hier könnten uns ganz schnell Wachen der gondorischen Waldläufer erwischen – oder Elben. Wir müssen vorsichtig sein. Los, weiter!“

Die jungen Krieger setzten ihren Weg fort und kamen rasch nach Minas Morgul. Dort erschütterte fürchterlicher Krach die Sommerluft. Die Erde bebte schier – und dann sahen sie etwas, was sie ins Reich der Fabel verwiesen hätten: Einen ausgewachsenen Troll, der mit Eifer an den von Saurons Schwärze durchsetzten Mauern zerrte und sie regelrecht auseinander nahm.

„Es ist heller Tag!“, entfuhr es Mumakabe. „Wieso ist der nicht längst zu Stein erstarrt?“

„Ist doch egal. Den knöpfe ich mir vor!“, knurrte Yanan. Kerkilan bekam ihn gerade noch am Zipfel des Lendenschurzes zu fassen und hielt ihn eisern fest.

„Bist du verrückt? Einen Troll kannst du nicht mit dem Krummschwert angreifen! Der macht Grütze aus dir!“, warnte er. „Wir sollten unser Leben nicht unbedacht aufs Spiel setzen. Unser König will wissen, was uns hier erwartet. Wir werden ihm sagen, dass es hier einen Troll gibt, der Tageslicht verträgt. Kommt, er hat uns noch nicht bemerkt.“

Vorsichtig passierten sie das Tor von Minas Morgul, ohne dass der Troll sie entdeckte. Nicht lange darauf kamen sie an eine Kreuzung. Nagender Hunger machte sich bemerkbar. Seit ihrem Aufstieg zum Morgulpass hatten sie nichts mehr gegessen.

„Ich verhungere gleich!“, murrte Mumakabe. „Wieso haben wir nicht mehr Proviant mitgenommen?“

„Wir sollten uns in Minas Morgul verpflegen können, war die Meinung von Prinz Haduran. Hat sich was!“, knurrte Kerkilan. „Nur, wo finden wir hier was zu beißen?“

„Sieh mal. Da kommt jemand, der uns Auskunft geben könnte“, wies Yanan auf einen Wagen, der sich von Norden näherte.

„Deckung!“, befahl Kerkilan. Die drei jungen Krieger versteckten sich in den Büschen am Rand der Straße.

Der Wagen, der sich näherte, gehörte Berthil, einem Händler aus Minas Tirith. Er hatte die Elbensiedlung weiter im Norden besucht und wundervolle Seidenstoffe eingekauft. Die von Natur aus dunkelbraune Seide der ithilischen Seidenraupe woben die naturverbundenen Waldelben ungefärbt zu Stoffen mit wunderschönen elbischen Mustern. Sie war Berthils Verkaufsschlager auf dem Markt von Minas Tirith. Ein Lied vor sich hin pfeifend lenkte er seinen gut beladenen Wagen zur Wegscheide, an der sich die Straße westlich des Ephel Dúath und die Straße ins Morgultal kreuzten. Nur wenige Klafter vor der Kreuzung sprangen zwei hochgewachsene, muskulöse junge Männer in den Weg des Wagens. Außer einem Lendenschurz trugen sie Krummschwerter mit langen Klingen, die sich dem Händler drohend entgegen reckten. Der eine war ganz dunkelhäutig, der andere hatte die Gesichtszüge und die hellere Haut eines Nah-Haraders.

Berthil blieb schon bei deren Anblick die Luft weg, aber bevor er überhaupt reagieren konnte, fühlte er sich am Kragen gepackt und nach hinten gerissen. Ein muskulöser linker Arm legte sich hart um seinen Hals und schnürte ihm fast die Luft ab. Panisch strampelte der entsetzte Händler.

„Hilfe! Überfall!“

„Du kannst schreien, so viel du willst, elender Gondorer!“, zischte Kerkilan. „Hier ist außer uns und dir niemand. Was hast du auf dem Wagen? Rede!“

Berthil wehrte sich weiterhin, aber Mumakabe drosch ihm mit der flachen Klinge auf den Kopf. Der Händler verdrehte die Augen und war kurz ohnmächtig. Kerkilan schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.

„He, er soll noch reden können!“, mahnte er seinen Kameraden zu mehr Fingerspitzengefühl. Der zuckte nur mit den breiten Schultern.

„Wenn ich zuhaue, haue ich zu. Das weißt du …“, grunzte er. Yanan verpasste dem weggetretenen Händler einige, für die Kraft seiner Arme eher leichte Backpfeifen, Berthil kosteten sie fast einen Backenzahn. Langsam kam wieder Leben in den Händler.

Er fand sich mit einer der Länge nach aufgerissenen Seidenbahn mit den Händen an seinen Wagen gefesselt auf der Straße wieder. Die Füße hatten die Haradrim ihm auch gleich verschnürt.

„Also: Was hast du außer Seide noch auf deinem Karren?“, fragte Kerkilan beinahe sanft.

„Wenn … wenn ihr die Seide wollt, dann nehmt sie im Namen der Valar! Nur lasst mich bitte frei!“

„Seide … kann man nicht essen, Gondorer“, grinste Kerkilan. „Wo finden wir hier etwas zu essen? Und beeil‘ dich mit einer Antwort, sonst bist du unser Mittagessen!“

„Hier gibt es nur einen Ort, in dem es Proviant geben könnte …“

„Und wo ist der?“

Berthil bekam ein schlechtes Gewissen. Diese Haradrim waren wahre Riesen, wohl noch größer als der ohnehin hochgewachsene König Elessar, der schon über sechs Fuß maß. Konnte er die Hobbits von Mondgrünau diesen … Räubern … überlassen?

Mumakabe fasste ihm an die Kehle und drückte wohldosiert zu. Berthil lief langsam blau an, aber er bekam gerade noch Luft genug, um reden zu können.

„Hör mir gut zu, Hänfling:“, begann Mumakabe. „Wenn du uns sagst, wie wir dorthin kommen, lassen wir dich frei. Wenn nicht …“

Er machte mit der anderen Hand eine Bewegung, die das Abschneiden des Halses andeutete. Berthil wurde bleich.

„Dort … dort hinten an der … der Kreu… Kreuzung geht es rechts nach … nach Mondgrünau. Das ist ein Hobbitdorf. Die haben immer genug, dass sie euch bestimmt etwas abgeben können!“, keuchte Berthil. Der Schwarze ließ den Händler los. Kerkilan schüttelte den Kopf. Mit einer ebenso kurzen wie harten Bewegung stieß er dem Gondorer sein Schwert in die Brust.

„Entschuldige, Gondorer. Keine Zeugen, hat Prinz Haduran gesagt. Ich befolge die Befehle meines Herrn.“

Was die drei Haradrim nicht ahnten: Sie waren beobachtet worden. Balidoc Unterberg, der Schmied von Mondgrünau, der im Buschwerk neben der Straße nach Wildkirschen suchte, hatte den Überfall gesehen. Wohl wissend, dass er gegen die Muskelberge aus Harad allein und unbewaffnet nichts ausrichten konnte, zog er sich entsetzt in die Büsche zurück und rannte wie von den Furien gehetzt nach Mondgrünau, als er die Grenze des schmalen Buschlandes erreicht hatte.

In Mondgrünau ging das Leben seinen gewohnten Gang. Man bestellte die Felder, erntete den letzten Spargel und die ersten Kirschen, räucherte Schinken und Würste, braute Bier, buk Brot und Kuchen.

Der unwiderstehliche Duft, der sich zu einem appetitlichen Vorhang aus purer Vorfreude an der Brachlandgrenze vor der Wegscheide verdichtete, stieg auch den drei Haradrim-Kriegern in die Nasen. Sie beschleunigten ihre Schritte, zogen auf halbem Weg zwischen der Straßenkreuzung und dem Dorf, das so einladend vor ihnen lag, die Schwerter. Sie waren Krieger, sie waren gewohnt, sich zu nehmen, was sie brauchten oder wollten – und sie hatten nicht vor, in diesem friedlichen, völlig unvorbereiteten Dorf eine Ausnahme zu machen.

Brüllend stürmten sie den Dorfeingang, griffen sich Tobold Breitgurt, einen der Gärtner.

„Rück was zu beißen raus, aber etwas plötzlich!“, herrschte Yanan den entsetzten Gärtner an. Wie gelähmt vor Schreck hing Tobold in der für seine Verhältnisse riesigen Pranke des Khand-Haraders fest. Die drei Muskelberge aus Harad maßen gute sieben Fuß, Hobbits allenfalls etwas über dreieinhalb – die Harader waren schlicht doppelt so groß wie die angegriffenen kleinen Leute aus Mondgrünau.

Während Yanan Breitgurt noch so heftig schüttelte, dass dem armen Gärtner fast das Genick brach, hetzte Balidoc auf der anderen Seite nach Mondgrünau hinein. Der Erste, der ihm begegnete, war der Landbüttel Odo Stolzfuß.

„Haradrim! Sie haben Berthil umgebracht!“, keuchte Unterberg. Stolzfußens Hand fuhr prompt an seine linke Seite, an der ein Kurzschwert der Noldor hing – Gastgeschenk an die nach Ithilien auswandernden Hobbits aus Lothlórien.

„Sie sind zu dritt! Fast so groß wie der Troll hinten in Minas Morgul!“, warnte Unterberg. „Mit dem Käsemesser kitzelst du sie bestenfalls!“

Odo zog die Hand wieder zurück.

„Ich läute die Sturmglocke. Das wird die Bauern auf den Feldern alarmieren. Geh zu Spachtler und sieh dich schon mal um, womit wir diese Riesen zurechtstutzen können!“

„Das werde ich!“, versprach Balidoc und lief zur Dorfmitte. Odo rannte zur Glocke am westlichen Dorfende, und hängte sich mit seinem ganzen Gewicht an den Glockenstrang.

Tobold Breitgurt lag leblos in seinem Garten, während Yanan vergeblich versuchte, durch die für ihn viel zu kleine runde Tür in die Hobbithöhle einzudringen, um die Speisekammer auszunehmen. Woher sollte der ortsunkundige Harader auch wissen, dass es nicht die eigentliche Haustür war, sondern die Schweinestalltür, die den Schweinen freies Verlassen und Betreten ermöglichte? Über der Tür hatte der von Ordnungssinn besessene Breitgurt (seine Gemüsefelder standen sauber ausgerichtet wie die Schlachtkolonnen) zwar ein Schild angebracht, auf dem in den hobbitüblichen Schriftzeichen „Schweinestall“ zu lesen war, aber diese Schriftzeichen waren in Harad unbekannt.

„Warte mal, das haben wir gleich“, knurrte Kerkilan und zog seinen Kumpan aus der Tür, in der er feststeckte. „Du greifst da drüben zu, ich hier“, sagt er. Yanan griff in die rechte Türseite, Kerkilan in die linke.

„Auf drei!“, sagte Kerkilan. „Eins, zwei drei!“

Ein Ruck und das fürchterliche Geräusch berstenden Holzes erfüllte die Luft ebenso wie fliegende Holzsplitter. Drei verschlafene Schweine hoben träge den Kopf. Die Harader sahen sich verblüfft an. Lebende Schweine waren nicht das, was sie erwartet hatten …

„Der Schweinebraten lebt noch, eh?“, fragte Mumakabe mit spöttisch hochgezogener Braue. Glockengeläut drang an ihre Ohren.

„Glocken! Das ist Alarm!“, warnte er.

„Na schön, sie wollen es auf die harte Tour. Das können sie haben!“, versetzte Kerkilan. „Schwerter raus!“

Die drei Haradrim zogen ihre Schwerter und stürmten mit lautem Kriegsgeschrei in Richtung Dorfzentrum.

Von den Feldern eilten scharenweise Bauern am Glockenturm zusammen.

„Was ist los, Odo?“, fragte einer der Bauern.

„Wir werden von Haradrim angegriffen. Verteilt euch, rennt in das Dorf, stiftet Verwirrung unter ihnen, bis Hildifons und Balidoc Gegenmaßnahmen eingefallen sind!“, wies Odo die Feldarbeiter an. Mit Sensen, Harken und Heugabeln in den Händen liefen die Männer auseinander, um von allen Seiten in das Dorf hineinzurennen.

Balidoc Unterberg hatte das Haus des Dorfvorstehers erreicht.

„Alarm! Haradrim!“, rief er.

„Beim Barte unseres Königs! Wie viele?“, fragte Spachtler.

„Drei, aber sehr große! Keiner von uns hat allein eine Chance gegen einen von denen!“

„Dann müssen wir sie überrumpeln. Ist deine Steinschleuder fertig?“

„Nicht ganz. Richtig schwere Steine kann sie nicht werfen, die Zugseile haben nicht die richtige Stärke. Aber Melonen oder Kürbisse vielleicht“, erwiderte Unterberg.

„Lass jeden, den du triffst, alles zusammensuchen, was sich zum Werfen eignet, Balidoc!“, wies der Dorfvorsteher den Schmied an.

Weiter Richtung Dorfeingang wüteten die drei Haradrim mit ihren Krummschwertern, alles niederhauend, was sich ihnen in den Weg stellte. Die meisten Dorfbewohner, die ihnen begegneten, konnten allerdings knapp vor den niedersausenden Klingen gerade noch entwischen. Hobbits waren nicht nur ein kleines, sondern auch ein flinkes Völkchen. In der Dorfmitte rannten welche von links nach rechts, von rechts nach links, von hinten nach vorne und von vorne nach hinten. Es waren die Bauern, die Odo Stolzfuß alarmiert hatte. Ihr wildes Durcheinanderlaufen hatte zur Folge, dass die Haradrim kein Ziel richtig ausmachen konnten und ständig daneben droschen.

Kerkilan setzte vier der Bauern nach, die sich auf ein Zeichen nach rechts und links verdrückten und einer dem Harader einen Knüppel zwischen die Beine warf, worauf Kerkilan der Länge nach hinschlug, sich aber abrollen konnte und rasch wieder auf den Beinen stand. Mit einem Hechtsatz rettete er sein Krummschwert, das er beim Sturz verloren hatte, rollte sich nochmals ab und schlug noch aus der Drehung zu, aber der Hobbit, den er anvisiert hatte, schlug einen Haken wie ein Hase und wich dem Hieb geschickt aus.

Yanan wollte die Hobbits in Handarbeit erledigen, zielte auf den jungen Hildigrim Spachtler, aber als er gerade zupacken wollte, rutschte ihm der nach unten durch die zuschnappende Zange seiner muskelbepackten Arme. Wutschnaubend setzte er dem Jungen nach, der sich aber rollend unter den Kasten eines Fuhrwerks in Sicherheit bringen konnte, während Yanan gegen den Wagen krachte und stürzte. Andere wären wohl ohnmächtig liegen geblieben, nicht so der zähe Khand-Harader. Er sprang wieder auf die Füße und jagte den nächsten Hobbits nach, die wieder auseinander strebten und ihn ins Leere laufen ließen.

Mumakabe jagte zwei der Hobbits, einen der Bauern und den Schreiner Beregond Bolger, auf den auf dem zentralen Dorfplatz stehenden Maibaum. Der Maibaum war mit Kränzen geschmückt, die mit zunehmender Höhe enger wurden. Die Kränze waren mit den Erzeugnissen behängt, die die Bauern und Handwerker herstellten. Die Flüchtigen schnappten sich, was in ihrer Griffweite hing und bewarfen den Schwarzen damit. Wütend rüttelte er an dem Maibaum, aber die beiden Früchtchen ließen sich nicht herunterschütteln. Sie kletterten weiter hinauf, wo die sieben Kränze des Baumes, die alle aneinander hingen, zentral befestigt waren.

„Jetzt!“, rief Beregond. Sie hakten mit gemeinsamer, koordinierter Kraftanstrengung das Seil aus der Halterung, drückten sich eng an den Fichtenstamm, die obere Befestigung sauste an ihnen vorbei. Die sieben Kränze samt mehr oder weniger schwerem Behang rauschten nach unten und fesselten Mumakabe ebenso fest wie von oben bis unten an den Fichtenstamm. Tobold Breitgurt, der inzwischen wieder aufgewacht war, schaltete blitzartig.

„Hildigrim, nimm!“, schrie er, warf dem Sohn des Dorfvorstehers ein Seilende zu. Damit rannten sie die wenigen Schritte bis zum Maibaum und vollendeten die Fixierung des Fern-Haraders, der sich nicht mehr bewegen konnte.

Yanan hechtete hinter Balidoc her, der aus seiner Schmiede die halbfertige Wurfmaschine holen wollte. Der Khand-Harader erwischte den Schmied an den Hosenträgern, doch entledigte sich Balidoc umgehend der Hosenträger und riskierte lieber, in der kurzen Unterhose dazustehen, als sich den Hals länger ziehen zu lassen, als gesund war. Mit einem beherzten Sprung entwischte er Yanans Griff und schnappte sich eine neben dem Schmiedefeuer liegende, in Arbeit befindliche Maronipfanne, die er dem Khand-Harader mit solcher Wucht über den Schädel zog, dass der nur noch die Augen verdrehte und bewusstlos liegenblieb. Eilig verschnürte der Schmied den Angreifer mit Ketten, die gerade in seiner Reichweite waren.

„Hildigrim!“, schrie er. Der Junge kam zu ihm gelaufen.

„Ja?“

„Schnell, nimm dir mein Pony und reite sofort zu Prinz Legolas! Falls die Fesseln nicht halten, brauchen wir Hilfe. Mach schnell!“

Hildigrim rannte in den Stall, sattelte eilig das Pony, sprang in den Sattel und jagte in Richtung Norden davon, um die Elben zu alarmieren.

Kerkilan, der letzte in Freiheit verbliebene Harader, drosch weiterhin mit seinem Krummschwert um sich, ohne jemanden zu treffen, weil seine möglichen Opfer rasch ausweichen konnten. Die Hobbits konnten ihm aber nur ausweichen und ihn nicht endgültig austricksen. So lieferte er sich eine wilde Jagd mit dem Dorfvorsteher Spachtler, Beregond Bolger und Tobold Breitgurt. Nicht einmal der Kübel voll Speiseöl, den Tüftina Spachtler ihm in den Weg schüttete, konnte den Harader stoppen. Er geriet zwar ins Schwanken, konnte sich aber mit schier elbischer Körperbeherrschung wieder abfangen und den Hobbits folgen – genauer Beregond folgen, weil sich Tobold und Hildifons nach rechts und links absetzten. In seiner blinden Wut rannte er hinter dem Schreiner auf die Schmiede zu, vor der Balidoc seine Wurfmaschine in Stellung gebracht hatte. Der Schmied zielte sorgsam, kalkulierte die Geschwindigkeit des Haraders ein, dann löste er die Sperre aus – und ein halbes Dutzend Wassermelonen, jede gute zehn Pfund schwer, schossen in einem Netz verpackt auf den Harader zu. In dieser Konzentration hatten sie die gleiche Wirkung wie ein gleich schwerer Stein.

Beregond warf sich in letzter Sekunde zur Seite, das Netz mit den Wassermelonen traf Kerkilan mit voller Wucht und brachte ihn zu Fall. Das Netz platzte, die Melonen ebenfalls und ersäuften ihn schon beinahe. Obendrein verstrickte er sich darin und blieb hilflos gefesselt liegen. Beregond und Balidoc verschnürten ihn stramm und schleppten ihn zusammen mit Yanan zum Maibaum, wo Mumakabe angebunden war. Yanan und Kerkilan strampelten wie wild, um sich von den Fesseln zu befreien, aber je ein Schlag mit der Maronipfanne beendete ihre krampfhaften Bemühungen.

„Was wolltet ihr hier eigentlich?“, fragte Spachtler Mumakabe, der als einziger der drei bei Bewusstsein war.

„Wir wollten doch nur was zu essen haben!“, maulte der Schwarze. „Wir hatten Hunger!“

Er zerrte ebenfalls wie wild an den Riemen, als plötzlich ein grüngefiederter Pfeil direkt neben seinem Kopf einschlug und ihm vor Schreck buchstäblich das Wort abschnitt.

„Diese Ausrede habe ich zuletzt vor gut achtzig Jahren gehört. Jene zähle ich inzwischen zu meinen Freunden. Bei euch Haradrim wird das wohl bis ins nächste Zeitalter dauern!“, grollte eine ebenso feine wie befehlsgewohnte Stimme vom Zugang zum Dorfplatz. Alle Augen wendeten sich dem Sprecher zu – einem hochgewachsenen, blonden Elben.

Hildigrim hatte nicht lange reiten müssen. Prinz Legolas, Herr dieser Gegend von Ithilien, war eher zufällig auf der Straße unterwegs gewesen und keine halbe Meile mehr von Mondgrünau entfernt gewesen.

Der Prinz ließ den Bogen sinken. Hinter ihm kamen wenigstens zwanzig seiner Elbenkrieger auf den Platz.

„Gut gemacht, meine kleinen Freunde. Ihr Hobbits beweist mir immer wieder, dass Mittelerde nur leben kann, wenn wir zusammenarbeiten“, sagte er lächelnd.

 

Ende

 

 

 

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