Seit dem 01.03.2026 ist der Roman SOL 3 = Erde, Teil 2 Die Amazonia-Affäre im Buchhandel erhältlich. Ich stelle daher hier eine Leseprobe von ca. 20% des Inhaltes zur Verfügung, um auf das ganze Buch Appetit zu machen. Die bisher offene Geschichte ist damit nicht mehr zugänglich.
Wenn euch die Leseprobe gefällt und ich ein weitergehendes Interesse damit wecken konnte, findet ihr am Ende den Button, der euch zum tredition-Verlag weiterleitet, der das Buch verkauft.
Teil 2 – Die Amazonia-Affäre
Die Erde ist Mitglied in der Galaktischen Föderation, Thomas Hansen und Francoise Debussy sind die Vertreter der Erde im Galaktischen Rat. Gribor, Erzfeind der Menschen und ihrer Freunde, hat dafür gesorgt, dass Thomas Militärdienst leisten muss. Seine Basis ist auf dem Wüstenplaneten Palavor, weit entfernt von Megara, dem Hauptplaneten der Föderation. Aber die weite Entfernung zu Megara und damit zu Francoise ist nicht Thomas’ einzige Sorge …
Auf Amazonia soll eine neue Präsidentin gewählt werden. Was nach einem völlig normalen, demokratischen Vorgang aussieht, wird schon bald zu einer Affäre, die nicht nur politischen Sprengstoff birgt, sondern auch Thomas Hansen selbst in große Gefahr bringt.
Was bisher geschah:
Im Band 1 – Aufnahme oder Zerstörung – das ist hier die Frage gelang es dem Deneber Kwiri Swin unter Mitwirkung des deutschen Hobby-UFO-Forschers Thomas Hansen, die Aufnahme der Erde unter der Bezeichnung SOL 3 in die Galaktische Föderation zu erreichen.
Eher versehentlich kam es zum Kontakt zwischen Thomas Hansen und den Denebern, die in der Nähe seines Hauses eine Bruchlandung hinlegten. Nach Gesprächen mit ihnen konnte Hansen Michael Teichmann und Gisela Thomsen, zwei deutsche Astronomen, von der Existenz außerirdischen Lebens überzeugen. Sie drei gemeinsam konnten mithilfe der UN-Sekretärin Françoise Debussy den UN-Generalsekretär zur Kontaktaufnahme mit den Denebern überreden und tatsächlich eine Vereinigung des Planeten Erde unter einer Regierung – gestellt durch die UN – erreichen. Thomas Hansen und Françoise Debussy wurden auf Vorschlag von UN-Generalsekretär Perez de Cuellar als Vertreter der Erde im Galaktischen Rat, dem Parlament der Galaktischen Föderation ausersehen und reisten zum Hauptplaneten der Föderation, Gemara. Dort traten sie ihr Amt an.
Doch die Erde hat im Raum auch Gegner: Admiral Kilma Gribor, gleichfalls ein Deneber, würde die Erde lieber in einige Milliarden Partikel sprengen oder mindestens leblos machen. Er hat dafür gesorgt, dass Thomas zum Dienst in der Raumflotte verpflichtet wird und Dienst auf einem weit entfernten Planeten tun soll.
Admiral Luk-Sun, Chef der Achten Interstellaren Flotte, ist von den Testergebnissen Hansens sehr angetan und froh, einen fantasiebegabten Kadetten zu haben, dem er viel zutraut.
Die Vertretung der Erde im Galaktischen Rat ist trotz der Hinterlist Gribors nicht gefährdet, weil Françoise Debussy die Arbeit weiterführen kann – aber sie hat dennoch ein Problem: Wenn Thomas ein paar Lichtjahre von ihr entfernt ist, wird sie ihm kaum beichten können, dass sie in Wahrheit Gabriele Hansen ist, seine angeblich bei einem Autounfall ums Leben gekommene Frau. Sie hatte sich von ihm scheiden lassen wollen, weil sie seine UFO-Leidenschaft nicht verstand und gegen seine Kündigung bei ihrem gemeinsamen Arbeitgeber war. Zweieinhalb Galaktische Jahreseinheiten – fünf Erdenjahre – haben nicht ausgereicht, um ihm dies beizubringen.
Nun steht Thomas Hansen kurz vor seiner Prüfung zum Leutnant in der Raumflotte und ist weit, weit fort im Weltraum …
Kapitel 1
Seltsame Wahlkandidatinnen
Die Erde war seit nun gut fünf Erdjahren Mitglied in der Galaktischen Föderation – und die menschliche Rasse fand sich überall dort, wo die Föderation war. Auch und gerade in der Föderationsflotte. Durch die Vereinigung der irdischen Staaten und der damit verbundenen Reduzierung von Militär waren auf der Erde Soldaten zu Hunderttausenden arbeitslos geworden – jedenfalls, wenn sie unbedingt auf ihrem Heimatplaneten bleiben wollten. Wer aber bereit war, auch weit weg von der Erde seinen Dienst zu tun, hatte ein gutes Auskommen.
Die Achte Flotte bestand aus allen Rassen, die der Föderation angehörten. Von ihren zehn Großkampfschiffen waren inzwischen vier unter dem Kommando von Erdmenschen, und eines davon war die Solterra, das zweitgrößte Schiff der Flotte. Vizeadmiral Tanaka, geboren in einem Land, das früher einmal Japan geheißen hatte, führte es. Allgemeine Umgangssprache an Bord war Englisch – ein Überbleibsel aus der Fliegerei der Erde. Außer Thomas Hansen waren noch vier andere Raumkadetten auf der Solterra: Hugh Fowler, ein Amerikaner; Igor Pretjakoff, ein Russe; Pierre Auvergny, ein Franzose, und Simonetta Calvari, eine Italienerin. Alle hatten militärische Erfahrung – Fowler war Air-Force-Pilot, Pretjakoff Panzerfahrer, Auvergny war auf einem U-Boot gefahren, Calvari war bei den Carabinieri gewesen und Hansen hatte auch seine Pflichtzeit bei der Bundeswehr abgeleistet – aber wer neu zur Raumflotte kam, war zunächst drei Galaxo-Monate Kadett, wurde gründlich ausgebildet, und danach wurde entschieden, wie der neue Soldat weiter zu verwenden war.
Russisch war eine Sprache, von der Thomas keinerlei Ahnung hatte – und genau das führte ihn mit Igor Pretjakoff zusammen, der fast akzentfrei Deutsch sprach. Igor hatte lange in Schwerin bei der Westgruppe der sowjetischen Armee gedient und hatte neben seiner eigentlichen Aufgabe, Panzer zu kommandieren, auch als Ausbilder für Rekruten gearbeitet. Mit Hansen hatte er sich auf Anhieb verstanden und so teilten sie eine Doppelkabine, während Hugh und Pierre eine andere gemeinsam hatten und Simonetta das Privileg einer Einzelkabine genoss. Das Einzige, was Thomas an seinem Kabinengenossen ein wenig störte, war sein übergroßes Interesse für das andere Geschlecht, das nicht immer erwidert wurde. Simonetta zeigte keine Neigung, sich mit einem der vier männlichen Kadetten näher zu befreunden, hatte Igor durchaus schon geohrfeigt, wenn er ihr zu nahe kam – aber es gab noch andere weibliche Wesen an Bord und auf Palavor.
Die Solterra hatte gerade im orbitalen Raumhafen von Palavor gedockt, als Admiral Tanaka die Kadetten zu sich rufen ließ.
„Meine Dame, meine Herren, Ihre Ausbildungsreise auf der Solterra ist beendet. Sie werden in drei Tagen Ihre Offiziersprüfung machen und dann auf das All losgelassen werden. Bei Ihnen, Mr. Fowler oder Ihnen, Miss Calvari, habe ich wenig Bedenken, dass Sie bald gute Kommandos bekommen. Mr. Auvergny, Sie sind zwar Seemann, aber Ihr Protonentorpedoschießen ist durchaus verbesserungswürdig. Mr. Hansen, Sie werden einen sehr guten Navigator abgeben, und Sie haben ein feines Gespür für taktische Finessen. Aber manchmal werde ich das Gefühl nicht los, Sie verwechseln die Steuerung für Schiffsgeschütze mit einem Computerspiel. Sie sind oft zu risikofreudig. Vergessen Sie nie, dass von Ihren Entscheidungen eines Tages Leben abhängen können! Das hier ist nicht Star Wars, das ist das richtige Leben, da kann manches böse schief gehen, wenn Sie nicht berücksichtigen, dass ein Tarnfeld Ihr Schiff zwar unsichtbar macht, dass es aber immer noch von einem Massetaster zu entdecken ist“, mahnte der Admiral. Dann fiel sein Blick auf Pretjakoff.
„Mr. Pretjakoff, was soll ich Ihnen mitgeben? Soldat sind Sie, dafür waren Sie lange genug bei der Roten Armee. Aber Sie wären ein sehr viel besserer Soldat, wenn Sie nicht ständig nach den Mädchen gucken würden. Viele, sehr viele unserer Schiffe haben nicht nur einen großen Anteil an weiblicher Besatzung, sie werden von Frauen kommandiert. Nicht alle sind so nachsichtig wie ich. Behalten Sie also Ihre Finger unter Kontrolle, wenn Ihnen weibliche Raumsoldaten über den Weg laufen oder mit Ihnen die Brücke teilen. Hüten Sie sich vor allem vor den Amazonierinnen, die sind mit Sicherheit nichts für Sie! Das wär’s. Ich wünsche Ihnen für die Prüfung alles Gute.“
„Danke, Sir!“, antworteten die Kadetten fünfstimmig, salutierten und verließen die Kabine des Admirals.
Thomas sah Igor kopfschüttelnd an.
„Du und deine flinken Finger! Wem bist du diesmal an die Wäsche gegangen?“, fragte er. Igor kicherte.
„Tanaka hat keine Ahnung, was die Amazonierinnen betrifft!“
Thomas hatte kein großes Interesse an Frauen – es gab schließlich Françoise in seinem Leben, auch wenn er noch immer nicht mit sich selbst in dieser Sache im Reinen war. Aber sie ließ sich nicht mehr völlig aus seinem Leben wegdenken. Bisher hatte er Igor für den größten Schürzenjäger des Universums gehalten, aber da war etwas in Igors Blick, das nicht nur die Aussicht auf reiche Beute unter den Amazonen war.
„Was ist mit den Tanten, wovon Tanaka keinen Schimmer hat?“, hakte er nach. Igor sah sich geheimnisvoll um.
„Kennst du Amazonia?“, fragte er dann, als er sicher war, dass niemand sie belauschte.
„Auf den Ausbildungsreisen sind wir dort nicht hingekommen“, gab Thomas zu bedenken. „Wie sollte ich Amazonia kennen?“
„Schade, du hast was verpasst. Ein ganzer Planet voller Damen, eine süßer als die andere – und keine eifersüchtigen Macker in der Nähe, weil es auf dem ganzen Himmelskörper nicht einen einzigen Mann gibt!“, grinste Igor breit. Thomas winkte ab.
„Oh, Igor, wann hörst du auf, mit dem Hoseninhalt zu denken?“, fragte er spöttisch. Aber Igor schüttelte plötzlich ernst den Kopf.
„Nie, aber davon mal abgesehen: Auf der Welt stimmt was nicht“, sagte er.
„Aha. Und was?“
Thomas’ Frage klang recht uninteressiert.
„Es ist normal, dass die Amazonierinnen meinen, sie müssten doppelt so gut sein wie ein männlicher Soldat, aber Kapitän Sinarta benimmt sich in einer Weise, die selbst für Amazonia nicht mehr gängig ist. Sie ist eine Type, die kannst du mit Augusto Pinochet vergleichen oder mit General Noriega – mit jedem Putschisten auf dem alten Mütterchen Erde. Die Tussi hat Putschabsichten! Sie hat einen Kreis von amazonischen Offizierinnen um sich geschart, von denen bekannt ist, dass sie eher einer Diktatur den Vorzug geben als der bestehenden Demokratie. Es ist bekannt – jedenfalls in informierten Kreisen – dass sich die Weibsen allzu heimlich treffen. Komm mit.“
Igor winkte Thomas. Sie bestiegen die Verbindungsfähre zum Stützpunkt auf Palavor. Nach der Ankunft auf dem Planeten führte er ihn in einen Gang, in dem Hansen noch nie gewesen war. Schließlich blieb Pretjakoff stehen, sicherte eine Magnetschleuse und betätigte einen kaum sichtbaren Sensor. Ein Teil der Wand glitt geräuschlos beiseite und gab eine Schalttafel mit einem Bildschirm frei. Igor schaltete die Anlage ein, legitimierte sich mit einem Handabdruck und tippte eine Kombination in die offene Tastatur. Der Bildschirm leuchtete auf, der Computer meldete sich. Nach einer weiteren Eingabe erschien ein Videobild einer Unterkunft.
„He, was ist das? Big Brother?“, fragte Thomas leise.
„So was Ähnliches“, gab Igor zu. „Eine Überwachungsanlage. Der Galaktische Abwehrdienst verwendet solche Anlagen, um den Leuten auf die Finger zu sehen.“
„Stasi und KGB lassen grüßen“, seufzte Thomas.
„Ja und Nein“, erwiderte Igor. „Es braucht schon gewisse Verdachtsmomente, um eine solche Überwachung genehmigt zu bekommen. Bei Sinarta waren entsprechende Verdachtsmomente vorhanden und so überwachen wir sie seit einiger Zeit.“
„Ich schließe daraus, dass du deine Zeit beim Galaktischen Abwehrdienst verbringen wirst?“
„Treffer“, grinste Igor.
„Viel Spaß, du Nachwuchs-James-Bond. Was Frauen anbelangt, bist du eh nicht weit davon entfernt“, erwiderte Thomas. „Warum weihst du mich in das eigentlich ein? Ist das nicht Geheimnisverrat?“, fragte er dann.
„Nein, du bist Ratsmitglied. Ich sage es dir, weil du im Rat bist. Das ist die einzige Institution, die Sinarta wirklich aufhalten kann, wenn es überhaupt jemand mit politischen Mitteln tun kann. Schau, da kommt sie.“
Sinarta folgten noch zwei weitere Amazonierinnen in den typisch amazonischen Uniformen, die aus einem enganliegenden, einteiligen Anzug in verschiedenen, meist sehr auffälligen Farben und einem weiten, schwarzen Umhang mit einem breitabstehenden, steifen, bis zur Hälfte der Ohren reichenden Stehkragen bestanden. Sie waren zweifellos Menschen, waren aber keinesfalls auf der Erde beheimatet. Vom irdischen Schönheitsideal betrachtet, waren die Amazonierinnen außergewöhnlich schöne Frauen, waren – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – schlank und feingliedrig. Meist trugen sie nur eine Art Skalplocke auf den sonst kahlen Köpfen, die etwa drei bis vier Zentimeter Durchmesser hatte. Die Locke wurde offen getragen oder zu unterschiedlichsten Frisuren geformt, war aber immer lang. Höhere Offizierinnen trugen Hauben aus einem schimmernden, steif scheinenden Stoff in der Anzugfarbe, die den ganzen Kopf bedeckten und mit Federn oder kostbaren Steinen geschmückt waren. Kleine metallene Abzeichen am Anzug – bestehend aus Dreiecken, Quadraten, Rechtecken und Pentagonen – markierten die Dienstgrade. Sinarta trug als Kapitän vier daumennagelgroße, senkrechtstehende Rechtecke aus goldfarbenem Metall an der linken Anzugseite knapp unter der Schulter. Die beiden anderen Amazonierinnen waren nach den zwei und drei silbernen Quadraten an den Anzügen eine Oberleutnantin und eine Hauptfrau. Sie setzten sich an einen Computertisch, Sinarta schaltete den Computer ein.
„Wir werden mal ihren Blechkumpel anzapfen“, murmelte Igor und gab einen Steuerbefehl in seine Tastatur ein. In seinem Terminal erschien ein Fenster, das den Bildschirminhalt von Sinartas Computer wiedergab.
„Sieh da, das Stimmenzählprogramm des Wahlcomputers von Amazonia“, stellte er grinsend fest. Sinarta machte eine Eingabe, einen einfachen Löschbefehl. Das Programm wies den Befehl ab.
„Ihr seht, mit dem gewöhnlichen Löschbefehl kommt ihr nicht weiter“, wurde Sinartas Stimme vom Abhörgerät übertragen. „Ihr braucht dazu den großen, den vollständigen Befehl. Prägt ihn euch also gut ein, denn wir werden nicht viel Zeit haben“, wies sie die beiden anderen Amazonierinnen an.
Igor sah Thomas an.
„Na, Towarisch, was hältst du von den Mäuschen?“
„Hm, ich weiß nicht recht, was ich von denen halten soll, wenn ich ehrlich bin“, gab Thomas zu. „Aber wenn du mir schon so viel erzählst, dann sag mir bitte auch, wie ihr auf die Idee gekommen seid, diese Katjuschas zu überwachen.“
Igor schaltete den Computer auf automatische Aufzeichnung, schloss das Programm und stellte das Terminal ab. Dann schloss er die Anlagentür.
„Angefangen hat es eigentlich mit einer harmlosen Übung, für die Sinarta sich sogar als Testperson zur Verfügung stellte“, erklärte er, als sie den Flur verließen und zu den Unterkünften weitergingen.
„Während der offiziellen Übungszeit hat sie natürlich nichts getan, was irgendeinen Verdacht erwecken konnte. Ich hatte den Überwachungscomputer an meine Anlage in der Stube angeschlossen und habe abends noch im Galaxnet was gesucht und mich schlicht vertippt. Versehentlich habe ich den Überwachungscomputer eingeschaltet. Und was sehen meine entzündeten Augen? Kapitän S. lamentiert mit ihren Schwestern über diese leidigen Wahlen und dass man so völlig hilflos der unberechenbaren Stimmenabgabe der Wählerinnen ausgesetzt ist! Sinngemäß sagte sie, sie würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um Präsidentin zu werden – und wenn sie die gewählte Präsidentin wegräumen müsste.
Ich habe mich schwer erschrocken und überlegt, was ich tun sollte. Dann habe ich mitten in der Nacht den General Mar-Av, den GAD-Chef, aus dem Bett geklingelt und ihm von der Sache am Televisor gerade so viel gesagt, dass bei eventuellem Mithören ein anderer daraus keine dummen Schlüsse ziehen konnte. Mar-Av bat mich, ihm die Aufzeichnung am nächsten Tag zu geben, sah sich das Band an und fiel fast vom Stuhl. Er ist damit zum Militärgerichtshof, hat der Militärstaatsanwältin von der Sache berichtet. Das Band war Beweis genug, um eine Überwachung gerichtlich anzuordnen.
Der Inhalt des ersten Bandes darf gerichtlich natürlich nicht verwertet werden, weil er ohne richterliche Genehmigung erlangt wurde; aber auch das, was der GAD später mit Erlaubnis abgehört hat, lässt die Galaxis schlottern.“
„Zum Beispiel?“, wollte Thomas wissen.
„Zum Beispiel, dass Sinarta plant, politische Parteien auf Amazonia zu verbieten, dass sie die Verfassung gravierend in Richtung unbeschränkte Diktatur eines Militärrates verändern will, dass sie die elementaren Wesensrechte – auf Erden nannten wir das mal Menschenrechte – nicht nur einschränken, sondern ratzekahl abschaffen will.
Sie hat sich offiziell als Präsidentschaftskandidatin aufstellen lassen. Ihr Parteiprogramm hat sie auf Amazonia auch nicht unter dem Deckel gehalten. Insofern gibt es diese Informationen sogar aus öffentlich zugänglicher Quelle – bis auf den wiederholten Hinweis, dass sie eine gewählte Präsidentin auch vom Thron schubsen würde, wenn sie dummerweise verlieren sollte. Das allerdings hängt sie nicht gerade an die große Glocke.
Die Mädchen sind nicht unbedingt von ihrem Vorhaben in politischer Hinsicht begeistert. In den Umfragen liegt sie weit hinten. Die amtierende Präsidentin Rashogga hat bessere Chancen.
Es gab noch eine dritte Kandidatin, eine Berufspolitikerin namens Surina, aber sie hat – offiziell – Selbstmord begangen. Glauben kann ich es nicht, denn gerade sie hätte die besten Chancen gehabt, nach den Umfragen jedenfalls. Es gab keine Skandale, von denen schon mal Rashogga nicht frei ist. Bestechung ist auf dem Mond durchaus an der Tagesordnung. Sie hatte soziale Programme für die immer häufiger von Arbeitslosigkeit gebeutelten Programmiererinnen und eine umfassende Steuerreform geplant, die finanzierbar war und die die Mädchen mächtig entlastet hätte. Vor allem war sie unverrückbar föderationstreu.
Rashogga ist es auch, aber bei Freundin S. bin ich mir nicht so sicher. Eines ihrer Ziele ist, Amazonia aus der Föderation zu lösen. Sie sagt das nicht offen, sonst würde die Föderation sofort ankündigen, alle Mittel für den Mond zu sperren, wenn Sinarta gewählt wird. Weil sie dann aber erst recht keine Amazonierin wählen würde, würde sie lauthals Betrug schreien und die Wahl anfechten.
Die Anzeichen sind aber deutlich. Amazonia ist ein Mond des sechsten Planeten der Wega, und es ist ein großer Mond. So groß, dass man mit entsprechender Technologie einen richtigen Kleinplaneten aus ihm machen könnte. Dazu müsste er aus der Umlaufbahn um seinen Mutterplaneten gelöst werden und auf eine eigene Umlaufbahn um die Sonne gebracht werden. Mit der weit entwickelten Technik der Amazonierinnen kein Problem – aber das Gravitationsgefüge würde einen bösen Knacks bekommen. WEGA 6 ist unbewohnt, das wäre nicht der Punkt. Der Planet ist aber eher gasförmig wie der Jupiter im SOL-System, nur nicht so groß.
Wird der Mond abgelöst, besteht die Gefahr, dass die Umlaufbahn des sechsten Planeten in solche Schwankung gerät, dass es ihn zerreißt. Davon wären mit großer Wahrscheinlichkeit Canela und Sarona betroffen, die beiden Nachbarplaneten im System, die beide bewohnt sind. Wegen dieser Gefahr könnte die Föderation eine Verselbständigung des WEGA-6-Mondes nicht hinnehmen. Ihr Vorhaben könnte sie also nur ausführen, wenn Amazonia aus der Föderation aussteigt. Verstehst?“, führte Igor aus. Thomas nickte.
„Ja, durchaus. Schätze, Frau S. wird aufpassen müssen, dass es nicht zur Keilerei auf dem Mond kommt. Sonst hat sie Freund Gribor und seine Sechste Flotte auf dem Hals“, orakelte er.
„Und das ist das Merkwürdigste an dieser Geschichte“, warf Igor ein. „Gribor ist ein fleißiger Wahlhelfer der Dame, gibt ihr jegliche Unterstützung, wohl wissend, dass die Tante in der Lage wäre, einen Bürgerkrieg auf Amazonia auszulösen.“
„Vielleicht gerade deswegen?“, mutmaßte Thomas. „Gribor braucht etwas zum Zerstören. Mit der Erde hat’s nicht geklappt, weil wir uns Gott sei Dank haben aufnehmen lassen. Also sucht er sich ein neues Opfer – und baut es sich notfalls selbst auf.“
Igor sah ihn verblüfft an.
„Ich traue dem Kerl viel bis fast alles zu – aber das dann doch nicht“, versetzte er. Thomas zuckte mit den Schultern.
„Igor, was du mir erzählst, ist nicht weniger fantastisch. Du glaubst es, weil es geheimdienstliche Erkenntnisse sind. Meinen Intuitionen traust du nicht über den Weg, weil sie nicht direkt überprüfbar sind. Ich kenne das.“
„Was meinst du, Towarisch?“, erkundigte sich der Russe.
„Weil mir mein gesunder Menschenverstand schon gesagt hat, dass es mehr als nur einen bewohnten Planeten im Universum gibt, als du noch an die Einzigartigkeit der menschlichen Rasse geglaubt hast“, versetzte Thomas.
Kapitel 2
Mobbingversuche
Drei planetare Tage Palavors später hatten die Kadetten ihre Offiziersprüfung bestanden und vertauschten die grünen Kadettenuniformen mit den dunkelblauen Offiziersuniformen der Flotte. Thomas Hansen wurde als Leutnant Pilot eines Space-Jets, eines auch für den Atmosphäreneinsatz geeigneten Raumjägers, der die nichtirdischen Raumfahrzeugen häufig unterstellte Untertassenform hatte.
Diese Jets gab es in unterschiedlicher Größe, von einem bis zu zehn Wesen Besatzung. Zwar sprachen gerade terranische Raumpiloten gern von einer Rechengröße Mann, doch war dies schon deshalb schlicht falsch, weil die zehn Staffeln Space-Jets zum größten Teil von weiblichen Wesen, nämlich Amazonierinnen, geflogen wurden. In seiner Staffel von zehn Maschinen gab es außer Thomas nur noch zwei weitere Männer – und das waren Igor Pretjakoff und Hugh Fowler.
Die erfahrenen Pilotinnen belächelten die drei Männer bei ihren ersten eigenständigen Raumflügen mehr oder weniger nachsichtig. Häufig waren die Neulinge auch Zielscheibe derber Scherze, die wenigstens Thomas Frauen nicht ohne weiteres zugetraut hatte. Igor und Hugh hatten während ihrer terranischen Militärzeit bereits ähnliche Erfahrungen gemacht, waren gewarnt und gaben zunächst mehr Acht, wurden aber doch von solchen Streichen überrascht. Danach waren sie noch wachsamer und verhinderten weitere Dummheiten an ihren Maschinen.
Aber auch Hansen ließ sich nur zweimal düpieren. Dann bastelte er sich eine Art Alarmanlage für seinen Space-Jet: Er legte eine Magnetsperre um die Maschine, wenn sie im Hangar stand. Die Sperre bewirkte die Aktivierung des jeteigenen Schutzschildes, wenn jemand die Magnetschranke durchschritt. Hinterlistigerweise hatte Thomas damit aber einen zweiten Schutzschild gekoppelt, der einen Raum von etwa zwei Meter Breite außerhalb der Magnetsperre umschloss und damit den Eindringling festhielt. Er warnte jeden, sich ungebeten seinem Space-Jet zu nähern, nannte auch die maximale Annäherungsmöglichkeit, aber seine Staffelkameradinnen ließen sich davon nicht überzeugen.
Als er zwei Tage nach dem Bau seiner Magnetfalle morgens zu seiner Maschine kam, saß Oberleutnant Nora Rosok mit finsterer Miene im Schildkreis. Thomas blieb grinsend vor dem äußeren Schutzschild stehen.
„Guten Morgen, Oberleutnant Rosok. Neugierig gewesen?“, fragte er.
„Erdling, ich befehle dir, mich aus dem Schildkreis zu lassen!“, knurrte die Amazone. Thomas’ Grinsen verlor sich.
„Erstens habe ich einen Dienstgrad, zweitens gefällt mir dein Ton überhaupt nicht, drittens hast du an meinem Jet nichts zu suchen und viertens erwarte ich eine Entschuldigung. Also, wenn du lieb bitte sagst, mich so anredest, wie du selbst angesprochen werden willst und mir bei deiner Amazonierehre versprichst, den Blödsinn zu unterlassen, dann mache ich den Sack auf. Anderenfalls sehe ich mich gezwungen, dir wegen versuchter Sabotage ein Verfahren beim Galaktischen Militärgerichtshof anzuhängen“, versetzte er kalt.
„Deine Reaktion ist völlig überzogen“, fuhr Nora ihn an.
„In Bezug worauf, Oberleutnant?“, fragte Thomas eisig.
„Du verstehst eben keinen Spaß.“
„Es ist also Spaß, die Sauerstoffversorgung – im Raum dummerweise lebensnotwendig – derart zu verstellen, dass der Luftvorrat nur für die halbe Strecke reicht, die zu fliegen einem befohlen wurde? Es ist Spaß, die Energieanzeigen in gleicher Weise zu manipulieren? Wenn das Spaß ist, darf ich dir fröhliche Stunden im Schildkreis wünschen. Ich nehme einstweilen deinen Space-Jet“, sagte Thomas, drehte sich um und wollte gehen.
Er kam nicht weit. Hinter ihm stand die Staffelchefin, Kapitän Hania Malina.
„Was hat das zu bedeuten, Leutnant Hansen?“
„Was bitte, Frau Kapitän?“
„Das da?“, erwiderte sie zornig und wies auf den Schildkreis.
„Oberleutnant Rosok konnte nicht hören und wollte offensichtlich an meinen Space-Jet, obwohl ich davor eindringlichst gewarnt hatte, nachdem man mir die Sauerstoffversorgung und die Energieanzeige manipuliert hatte. Ich halte nichts von dummen Scherzen, denen erwachsene Amazonierinnen einfach nicht würdig sind.“
„Oberleutnant Rosok hatte von mir den Auftrag, die Jets zu inspizieren. Wie kommen Sie dazu, eine Offizierin meines Kommandos an der Erfüllung ihrer Aufgabe zu hindern?“, fauchte die Kapitänin.
„An meinen Jet kommt niemand mehr heran, wenn ich nicht dabei bin – jedenfalls solange ich nicht sicher sein kann, dass nicht irgendwer meint, er oder sie müsse mir Dumme-Jungen-oder-Mädchen-Streiche spielen. Ich habe gestern in Ihrer Gegenwart in der Staffelversammlung ausdrücklich darauf hingewiesen, dass ich meine Maschine gegen unbefugte Eingriffe geschützt habe.“
„Beantworten Sie meine Frage!“
„Ich hindere niemanden bewusst daran, den Befehl der Staffelchefin auszuführen – aber vielleicht tue ich es versehentlich, weil mich der Selbsterhaltungstrieb dazu zwingt. Nachdem ich auch noch betont auf den neuen Schutz meiner Maschine hingewiesen habe, möchte ich eigentlich gern wissen, weshalb die Inspektion so heimlich erfolgen musste, dass sie in der Nacht ausgeführt wurde. Nach meiner Anzeige ist die Falle bereits vor fünf Stunden ausgelöst worden – also mitten in der Nacht! Interessanterweise hat Oberleutnant Rosok bislang nicht damit argumentiert, auf Ihre Anweisung um den Space-Jet geschlichen zu sein.“
„Sie lassen Oberleutnant Rosok sofort aus der Magnetfalle frei, sonst ist es nichts mit den beantragten drei Tagen Urlaub!“, befahl die Kapitänin wütend.
„Ich lasse sie frei, aber den Schutz erhalte ich in meiner Abwesenheit aufrecht. Mein Space-Jet kann jederzeit in meiner Anwesenheit gecheckt werden“, gab Thomas nach. Er betätigte die Fernbedienung in seiner Anzugtasche und der äußere Schirm erlosch. Nora Rosok stapfte zornig davon. Die Kapitänin verließ ebenfalls den Hangar und orderte dann ihre Staffel zum Empfang der Tagesbefehle.
„Es ist von besonderer Wichtigkeit, dass die Space-Jets jederzeit erreichbar sind!“, schloss sie ihre Morgenansprache. Thomas stand auf.
„Frau Kapitän, meine Damen – an meinem Space-Jet wurden in den letzten Tagen Sauerstoffversorgung und Energieanzeige in lebensgefährlicher Weise manipuliert. Kann sein, dass man mich humorlos nennt, aber ich werde weiterhin dafür Sorge tragen, dass ich meinen Pflichten nachkomme, das mir anvertraute Waffensystem in ordnungsgemäßem Zustand zu halten. Ich werde nicht dulden, dass man aus Jux und Tollerei oder weil es halt ein verrücktes Aufnahmeritual ist, an elementaren Teilen der Maschine herummodeln kann. Wenn nämlich ein Unglück geschieht, dann bin ich für den Jet verantwortlich. Ich glaube nicht, Frau Kapitän, dass Sie dann so nachsichtig sein werden, zu sagen, dass Ihre Damen nur Spaß gemacht haben. Wenn Sie den Blödsinn nicht verhindern, muss ich es selbst tun!“
„Leutnant Hansen, Sie verdächtigen in ungeheuerlicher Weise Amazonierinnen! Sie entschuldigen sich jetzt augenblicklich dafür!“, schnauzte die Staffelchefin.
„Dazu besteht kein Anlass. Ich habe eine Amazonierin in meiner Sicherheitsschleuse gefangen, und sie hat indirekt zugegeben, dass die Manipulationen auf das Konto von Staffelangehörigen gingen, indem sie meinte, ich verstünde keinen Spaß. Es ist bedauerlich, dass Offizierinnen von Amazonia nicht so viel Mut, Anstand und Ehre besitzen, wirklich zu dem zu stehen, was sie tun.“
Die Staffelchefin wollte eine grantige Erwiderung geben, als die Alarmsirene schrillte. Alle Differenzen mussten auf später aufgeschoben werden. Die Raumpiloten eilten zu ihren Space-Jets, die sowohl für den Einsatz innerhalb wie außerhalb einer planetaren Atmosphäre geeignet waren.
„Kapitän Malina an alle: Im Sektor 4-23 der planetaren Oberfläche wird die Gasstation von Magmaten attackiert. Oberleutnant Rosok, nehmen Sie Leutnant Pela und Leutnant Hansen mit und halten Sie die Magmaten auf Distanz, bis die Evakuierungsgleiter eintreffen!“
Die drei Angesprochenen bestätigten, hoben mit den Jets ab und schwenkten auf den genannten Sektor ein. Dass sie sich beeilen mussten, war allen dreien bewusst. Magmaten waren die Ureinwohner von Palavor, und sie lebten in den vulkanischen Zonen des Planeten – genauer: im Magma der Vulkane. Diese Lebewesen duldeten es nur selten, dass Fremde sich in ihren Wohnbezirken aufhielten. Ihre unangenehmste Eigenschaft für andere Lebewesen war die Tatsache, dass sie flüssiges Gestein als Wurfgeschosse verwendeten und daraus auch Bomben bauten. Ein Nah- oder gar Ringkampf mit Magmaten war für jedes andere Lebewesen tödlich, weil die Magmaten eine Körpertemperatur hatten, die geeignet war, einen sofortigen Hitzetod herbeizuführen. Da die meisten vulkanischen Zonen auf der Tagseite von Palavor lagen, auf der die meisten anderen galaktischen Lebewesen gar nicht existieren konnten, gab es nicht häufig Konflikte mit den Magmaten. Doch eine Prospektorengruppe von Micronor, einem ebenfalls sehr warmen Planeten, hatte am Rande der Tagseite von Palavor ein interessantes Gasvorkommen entdeckt, das die Gasstation seit fast einem Galaktischen Jahr ausbeutete. Die Prospektoren waren gewarnt, schließlich lag in nicht allzu weiter Entfernung einer der vielen Vulkane Palavors – und von denen war keiner unbewohnt.
Das Verhalten der Magmaten hätte nach den Gesetzen der Föderation zwar eine Zerstörung des Planeten gerechtfertigt, doch waren die Gasminen zu wertvoll, um sie einfach zu atomisieren. Dazu kam, dass man den Magmaten auch ein Lebensrecht einräumen musste, auch wenn ihre Intelligenz nicht ausreichte, um sie zu vollwertigen Mitgliedern der Föderation zu machen. Palavor war kein Mitgliedsplanet, sondern bestenfalls eine Kolonie der Föderation. Das für die Verwaltung der Kolonie zuständige Kommando der Achten Flotte nahm allerdings jedes Leben ernst – auch das der Magmaten – selbst vor dem Hintergrund, dass die Magmaten andere Lebewesen bedrohten. Man hatte erkannt, dass sie nicht bösartig waren, sondern lediglich ihre eigene Lebensweise gegen andere verteidigten. Deshalb gab es die Anweisung des Flottenkommandos, jegliches Leben soweit wie möglich zu schonen.
„Ich habe die Angreifer auf dem Lebensanzeiger“, meldete Leutnant Pela. „Schätzungsweise fünfzig bis sechzig Wesen.“
„Erdling, falls du deine Instrumente ablesen kannst, welche Bewaffnung stellst du fest?“, tönte Rosoks Stimme aus Thomas’ Bordsprechanlage.
„Falls du dich einer korrekten Anrede besinnst, werde ich es dir sagen, Amazonierin“, gab er zurück.
„Na gut, du bist also nachtragend. Nimm zur Kenntnis, dass ich deine Informationen nicht benötige. Bleib hinter uns, da richtest du am wenigsten an.“
Thomas antwortete nicht, sondern sah auf seine Anzeigen. Er lokalisierte nicht fünfzig bis sechzig Wesen, sondern wenigstens die doppelte Anzahl. Und sein Waffentaster zeigte beunruhigend viele Gleiter, die zumeist mit Magmagranatwerfern ausgerüstet waren.
„Pela, pass auf, sie haben Granatwerfer. Du bist in ihrer Reichweite“, warnte er die vorausfliegende Amazonierin.
„Red’ nicht von Dingen, von denen du nichts verstehst, Erdling!“, fuhr sie ihn an.
„Außerdem fliegst du ein bisschen tief. Deine Steuerdüsen schlucken Staub, Mädchen!“, warnte er. Sie wollte eine zornige Erwiderung über die Behauptungen des Terraners geben, als ihre Bordinstrumente die Beobachtung ihres Staffelkameraden bestätigte.
„Du hast Recht. Danke, Thomas“, sagte sie und wollte den Space-Jet hochziehen, aber es war schon zu spät. Die verstaubten Steuerdüsen versagten den nötigen Dienst, der Flugkörper ließ sich nicht mehr kontrollieren.
„Schalt’ auf Anti-G um, Pela!“, rief Nora.
„Reagiert nicht mehr“, kam es resigniert aus dem vordersten Space-Jet.
Kapitel 3
Respekt
Thomas schob den Schubhebel ganz durch und gab Vollgas, jagte an der Staffelführerin vorbei, drehte bei und flog von vorn direkt auf den abschmierenden Jet zu, schaltete einen Magnetstrahl ein, in den Pelas Jet hineingeriet und antriebslos hängen blieb. Thomas schleppte den manövrierunfähigen Jet mit seiner Maschine in größere Höhe.
„Pela, kannst du mich hören?“, fragte er.
„Als ob du neben mir sitzt. Danke fürs Einfangen.“
„Bitte, bitte. Versuch’ den Antrieb wieder zu starten.“
Sie versuchte es, aber es gelang nicht.
„Der Fangstrahl lähmt die Maschine. Schalt’ ihn ab.“
„Die Anti-G-Einrichtung muss auch im Fangstrahl funktionieren. Probier’s damit“, empfahl er.
„Du sollst den Magnetstrahl abschalten.“
„Den schalte ich ab, wenn ich sicher bin, dass du nicht wie ein Stein auf die Oberfläche krachst“, versetzte Thomas. Pela aktivierte die Anti-G-Einrichtung. Das Instrument zeigte die Einrichtung in Funktion.
„Anti-G steht. Du kannst loslassen, Thomas“, gab Pela durch. Thomas schaltete den Fangstrahl ab und Pelas Jet flog wieder mit eigener Kraft. Sie startete ein Reinigungsprogramm für die Steuerdüsen.
„Gut gemacht, Leutnant Hansen“, lobte Oberleutnant Rosok über Funk. „Wie bist du nur auf die Idee verfallen?“
Thomas seufzte.
„Danke für das Lob, Chefin. Aber anscheinend nimmst du immer noch an, ich hätte meine Fluglizenz beim Spiel gewonnen, auf dem Jahrmarkt geschossen oder so was ähnliches. Wann kapierst du endlich, dass auch Nichtamazonier den Umgang mit diesen Hobeln lernen können?“
„Vielleicht in diesem Moment“, gab Nora zu. „Pela, sind deine Düsen frei?“
„Sind sie.“
„Gut, dann wieder Kurs Sektor 4-23. Hoffentlich kommen wir noch rechtzeitig.“
Die drei Maschinen nahmen wieder Kurs auf die bedrohte Gasstation.
„Meine Instrumente zeigen etwa hundert Angreifer“, funkte Thomas. „Und sie haben ein Dutzend gepanzerte Fahrzeuge bei sich. Drei haben uns im Visier. Deaktivieren?“
„Du meinst desintegrieren“, korrigierte Nora amüsiert.
„Ich meine stoppen, kampfunfähig machen, nicht vernichten“, übersetzte Thomas.
„Ja, natürlich“, erwiderte Nora. Thomas konnte sie nicht sehen, aber der Tonfall bewies, dass die Amazonierin vor Beschämung rot angelaufen war.
„Ich nehm’ mir den mittleren vor“, kündigte er an und visierte den mittleren der drei radarbestückten Panzergleiter an. Die Zieleinrichtung zeigte die Peilantenne des Gleiters im zentralen Bereich. Thomas feuerte einen konzentrierten Laserstrahl darauf ab, das Radom zerplatzte wie eine Seifenblase, die blassrosa Aura des Schutzschildes kam zu spät.
„Seit wann verfügen die Magmaten über Schutzschilde?“, fragte Pela verblüfft.
„Das sind keine Magmaten!“, erkannte Nora. „Volle Energie auf die Deflektoren! Abdrehen! Sofort abdrehen!“, befahl sie.
Thomas hatte seinen Schutzschild bereits ohne Befehl eingeschaltet, als er den Deflektorschild bei dem Panzergleiter bemerkt hatte, für Pela kam die Anweisung zu spät. Der von ihr angepeilte Gleiter schoss seinerseits, bevor sie den Schild aktivieren konnte. Der Strahl traf den Space-Jet an der Unterseite und zerfetzte die Laserkanone, eine Seitensteuerdüse und die daneben liegende Deflektoreinrichtung.
„Leutnant Pela an Patrouillenführerin: Habe Deflektor und Laser verloren. Backbordsteuerdüse ausgefallen. Verliere Höhe.“
„Ich fange sie auf und nehme sie in meinen Schild. Kümmer’ du dich um die Gleiter“, meldete Thomas und steuerte den beschädigten Jet an. Nora antwortete nicht, sie nahm den nächsten bedrohlichen Panzergleiter unter Beschuss, während Thomas seinen Deflektor kurz abschaltete, Pelas Space-Jet wieder im Magnetstrahl auffing und dann aus der Gefahrenzone abdrehte. Die gelbliche Aura des Schutzschildes umfasste beide Maschinen.
„Pela, funktioniert dein Anti-G noch?“, fragte er.
„Ja, warum?“
„Dann solltest du mit Anti-G zurückfliegen und in der Basis Bescheid geben, dass wir es nicht mit Magmaten zu tun haben und eventuell ein bisschen Verstärkung gebrauchen könnten.“
„Wir brauchen keine Verstärkung!“, zischte es aus dem Funkgerät.
„Bist du anderer Meinung, Chefin?“, fragte Thomas nach.
„Setz’ Pela ab und gib mir Deckung. Pela, du bleibst in Wartestellung. Amazonierinnen brauchen keine Verstärkung!“
Noch bevor Thomas seiner Chefin sagen konnte, was er von ihrem törichten amazonischen Stolz hielt, kam eine Nachricht von der Gasstation:
„Hier Gasstation Micronor, Sektor 4-23. Wir setzten Kampfroboter ein. Halten Sie die Gleiter nur auf Distanz!“
„Wenn Sie S 5 einsetzen, riskieren Sie Ihre Station!“, warnte Nora noch, aber die gefährlichen Kampfroboter marschierten bereits aus den unterirdischen Depots in Richtung der Panzergleiter.
„Zurück! Sofort hinter die Station!“, befahl Oberleutnant Rosok hastig. Thomas’ Space-Jet hatte an der im Fangstrahl hängenden Maschine schwer zu schleppen und kam nicht schnell genug hinterher. Die ausrückenden Kampfroboter nahmen die große Masse gleich ins Visier ohne sich darum zu kümmern, dass sie mit einem Deflektorschild geschützt war und die Kennung der Föderation ausstrahlte.
„Halt’ dich fest. Ich tue so, als ob wir abstürzen“, warnte Thomas, schaltete den Düsenantrieb ab, behielt aber die Hand am Anti-G-Schalter. Die Jets stürzten hinunter, die Robots drehten zu den Panzergleitern ab. Thomas schaltete die Anti-G-Einrichtung ein und fing den Schleppverband nur wenige Meter über dem Planeten ab. Vorsichtig stieg er mit dem Antigrav wieder auf. Die drei Space-Jets zogen sich hinter einen Bergkamm zurück, wo Thomas Pelas Maschine aus dem Magnetstrahl ausklinkte. Pela kam mit dem eigenen Anti-G-Antrieb auf gleiche Höhe mit den anderen Jets. Sie hielten die Maschinen im Schwebeflug so knapp unter dem Bergkamm, dass sie das Kampfgeschehen beobachten konnten.
„Oberleutnant Nora Rosok an Gasstation Micronor: Die S 5 haben uns erfolglos angegriffen und gehen jetzt gegen die Panzergleiter vor. Wir kommen langsam zu Ihnen und evakuieren die Station, bevor die Kampfrobots mit den Gleitern fertig sind.“
„Das ist unnötig. Wir haben die Robots unter Kontrolle“, versicherte der Stationschef. Nora lachte geringschätzig auf.
„Sie wissen genau, dass S 5 auf Palavor nicht zu kontrollieren sind – jedenfalls nicht außerhalb der Zwielichtzone. Und Sie sind außerhalb der Zwielichtzone!“
Die S 5 drängten die Panzergleiter zurück, indem sie sie einfach zurückschoben. Die elektrischen Entladungen der Deflektoren hatten auf die mit nicht leitendem Material verkleideten Robots keine Wirkung. Ihre eigenen Schutzschirme verhinderten, dass sie von den Gleiterfahrern abgeschossen wurden. Eine Warnlampe machte Nora aufmerksam. Sie schaltete das Ortungssystem ein. Hinter den Panzergleitern waren Flugkörper erschienen. Hastig gab sie die Daten in das Bordbuch ein, das ihr auch schnell anzeigte, was sich dort näherte.
„Verdammt!“, fluchte sie leise. „Zwanzig lukanische Space-Jets!“
Sie hatte leise gesprochen, aber Thomas hatte sie über die offene Sprechanlage gehört.
„Sollten wir dann nicht besser die Micronorer zu ihrem Glück zwingen?“, fragte er.
„Das sagst du so! Wir können jeder nur einen Passagier mitnehmen. In der Station sind dreißig Leute. Bis wir sie hier haben, sind die Robots längst auf dem Rückweg. Wir müssen auf die Evakuierungsgleiter warten.“
„Die sind nicht bewaffnet und nicht sehr schnell. Sie sind noch nicht mal auf dem Schirm. Sie brauchen mindestens noch eine halbe Einheitsstunde, bis sie hier sein können. Bis dahin sind die S 5 mit den Gleitern fertig geworden und auf dem Rückweg. Wenn sich die Micronorer auf eine große Transportplattform stellen, kann ich sie im Fangstrahl wegtragen. Wenn du mir Feuerschutz gibst, muss ich nicht schnell fliegen, aber wir bekommen sie aus dem Gefahrenbereich, bevor die Robots zurückkommen.“
Nora stutzte; auf die Idee war sie noch nicht gekommen.
„Wenn die Gasprospektoren mitspielen …“, sagte sie zögernd. Dann rief sie die Station und gab Thomas’ Idee weiter. Der Stationschef wollte nicht.
Aber in diesem Moment drehten die Robots um, als die Panzergleiter überraschend abdrehten und mit Vollgas zu den anfliegenden lukanischen Schiffen fuhren. Es dauerte nur Sekunden, bis die Robots das Feuer auf die Gasstation eröffneten und die Stationsbesatzung merkte, dass die S-5-Roboter sich wie gewöhnlich der Kontrolle durch die Steuereinheit entzogen. Der Chef entsann sich des Evakuierungsangebotes.
„Station 4-23 an Oberleutnant Rosok: Robots nicht kontrollierbar. Erbitten Evakuierung!“, schrie er ins Mikrofon. Nora wollte ablehnen, aber Thomas schwebte bereits davon.
„Ich wusste doch, dass sie vernünftig werden würden“, sagte er. „Ich hole sie ab. Gib ihnen die Methode durch.“
„Du bist verrückt, Erdling!“, schnauzte Nora. „Was willst du mir damit eigentlich beweisen?“
„Nichts. Ich möchte die Micronorer in Sicherheit bringen“, versetzte Thomas.
„Ich komme mit“, kam es von Pela.
„Nein“, widersprach Thomas, „du hast keinen Deflektor mehr. Bleib, wo du bist.“
Er flog mit voller Kraft auf die Gasstation zu, feuerte auf die anrückenden Robots. Die Konzentration des Laserstrahls drang zwar nicht durch die Schutzschilde, warf aber die vordersten Kampfrobots durch den Druck von den flexiblen Beinen und brachte sie zu Fall. Die erste Reihe der nachfolgenden Kampfroboter verhakte sich in den gestürzten Robots, Blitze elektrischer Entladungen schossen in den makellos blauen Himmel, an dem die Sonne des Systems stillzustehen schien. Nora überflog die gelblich ausgeblichene Bergkette ebenfalls, überholte Thomas’ Jet und feuerte weiter auf die Kampfroboter. Er bremste ab und steuerte auf den zentralen Containerplatz in der Gasstation zu.
Unten, in der Station, rannten die Arbeiter zu einer großen Transportplattform, die der herannahende Space-Jet anflog. Hansen schaltete den Deflektor aus, um die Plattform in den Traktorstrahl zu nehmen. Zwei der nachfolgenden S 5 nutzten die augenblickliche Schutzlosigkeit aus und deckten den Space-Jet mit starkem Laserfeuer ein. Thomas’ Maschine wurde wie von einer Riesenfaust geschüttelt, aber sie verlor keine wichtigen Einrichtungen. Dann hatte er die Plattform im Fangstrahl und schaltete den Deflektor wieder ein, der nun auch die Geretteten umfasste. Weitere Schüsse prallten am Schutzfeld wieder ab. Vorsichtig hob er mit dem Anti-G-Antrieb wieder ab und schwebte so langsam in Richtung Bergkette davon, dass die Arbeiter auf der Plattform nicht heruntergeworfen wurden.
Nora konnte die fünfundzwanzig Kampfrobots nicht endgültig stoppen, weil die Feuerkraft ihrer Bordkanonen nicht ausreichte, um die Schutzschirme der S 5 zu durchdringen. Wegen der Nähe der Gasstation wagte sie nicht, Protonentorpedos einzusetzen, deren Streuwirkung die Station erheblich beschädigen, wenn nicht vernichten konnte. Die Robots konzentrierten dafür ihr Feuer auf einen Angreifer, was für den Schutzschirm auf Dauer eine zu große Belastung sein würde. Nervös sah sie Hansens Jet langsam auf die Bergkette zufliegen, zog sich langsam vom Feld der Robots zurück, die ihr nachkamen.
„Thomas, mach zu! Mein Ablenkschirm ist kurz vor dem Zusammenbrechen! Ich kann mir die Robots nicht mehr lange vom Hals halten!“, rief sie über Funk.
„Ich komme gleich zurück“, beruhigte Thomas. „Pela, ich bin jetzt außer Reichweite der S 5. Komm her und übernimm die Plattform. Ich setze jetzt ab und helfe Nora.“
Hinter dem Berg schwebte Pelas Maschine hervor, Thomas setzte den Transport ab und flog sofort zurück zur Station, jagte daran vorbei auf die andere Seite des Robotfeldes, nahm die Robots von hinten unter Feuer. Sie ließen auch von Noras Schiff ab und schossen nun auf Thomas’ Jet.
„Geh’ höher“, sagte er. „Schieß nicht mehr und steig’ auf.“
Nora schwebte höher, Thomas umkreiste die Roboter, die sich drehen mussten, um ihm zu folgen und sich dabei mit den Beinen erneut verhedderten und stürzten. Thomas ließ nicht nach, kreiste weiter. Die Ortungsrechner der Roboter, die den Robotkörper nicht mehr mit der errechneten Feindposition koordinieren konnten, wurden überlastet und stürzten ab. Der Absturz führte zur automatischen Deaktivierung. Mit einem Schlag hörte der Beschuss auf, die Robots waren abgeschaltet. Thomas stoppte und nahm die Kampfmaschinen in den Fangstrahl, baute aber vorsichtshalber ein zusätzliches Schutzfeld eng um den Jet auf. Dann brachte er die Robots auf die versenkbare Depotplattform in der Station, die mit einem automatischen Unterbrecher ausgestattet war. Auf dieser Plattform waren die Robots ungefährlich.
Nora hatte inzwischen die lukanischen Gleiter weiter beobachtet.
„Sie verschwinden in den Raum“, sagte sie. „Verschwinden wir ebenfalls. Komm!“
Die beiden Jets kehrten zur Bergkette zurück, wo Pela eben die Transportplattform auf einer Hochebene absetzte. Die drei Space-Jets landeten direkt neben der Plattform und gaben damit lebensnotwendigen Schatten. Im vollen Licht der Sonne dieses Systems hielt es kein Lebewesen außer den Magmaten aus. Jedes andere Wesen brauchte dringend einen Sonnenschutz, um nicht sofort zu verbrennen.
Wenig später kamen drei große Evakuierungsgleiter unter dem Kommando von Kapitän Malina auf der Hochebene an und übernahmen die Minenarbeiter.
„Sie können uns wieder in die Station bringen“, sagte der Stationschef, nachdem er sich für die Rettung bedankt hatte. Malina sah ihn abschätzend an.
„Hören Sie, Chefprospektor – Sie kommen nach Palun mit. Und dort werden wir erst einmal klären, wie es kommt, dass eine zivile Minengesellschaft zu fünfundzwanzig ausschließlich für den militärischen Gebrauch bestimmten und zugelassenen Kampfrobotern des Typs S 5 kommt. Und dann ist aufzuklären, warum Sie um Hilfe gegen Magmaten gerufen haben, obwohl es sich um Panzergleiter der Lukaner gehandelt hat. Ab in den Gleiter!“, fuhr sie den verdutzten Minenchef an, der mit seinen Leuten gehorsam in den Gleiter stieg.
Die Kapitänin sah die drei Raumpiloten an.
„Gut gemacht. Fünfundzwanzig hochmoderne Kampfroboter von drei Space-Jets außer Gefecht gesetzt. Gute Leistung, Oberleutnant Rosok.“
„Kapitän, meine Ehre als Amazonierin gebietet mir, zuzugeben, dass nicht wir alle drei das gemacht haben, sondern, dass Leutnant Hansen das allein getan hat.“
„Aha! Nun, ich erwarte einen detaillierten, schriftlichen Bericht dazu“, erwiderte Malina. Sie sah Thomas einen Moment an.
„Ausgezeichnet“, sagte sie nur und stieg in den Kommandogleiter. Über Funk gab sie den Befehl, zur Basis zurückzukehren.
Von diesem Moment an hatten Thomas, Igor und Hugh Ruhe vor den Streichen der Amazonierinnen. Nora bat noch am selben Tag um Entschuldigung für die Dummheiten und versprach, so etwas nie wieder zu tun. Auch die übrigen Amazonierinnen hatten erkannt, dass es auch andere Wesen gab, die mit den Space-Jets umgehen konnten. Die drei Männer von Terra waren anerkannt und fanden in den Frauen von Amazonia gute Freunde – wobei es für Igor nicht nur bei Freundschaft blieb.
Thomas Hansens Ideenreichtum sprach sich schnell innerhalb der Flotte herum, und zwei Wochen später fand er sich zu seiner eigenen Überraschung im Stab von Admiral Luk-Sun wieder und wurde zum Kreuzerkommandanten befördert, was dem Rang eines Kapitänleutnants oder eines Hauptmanns entsprach. Er bedauerte, seine Jet-Staffel verlassen zu müssen, aber er hoffte doch, bald wieder mit seinen amazonischen Freundinnen zusammenzutreffen. Das sollte schneller der Fall sein, als er zu diesem Zeitpunkt ahnte – und unter ganz anderen Umständen.
Kapitel 4
Unglaubwürdige Wahl
Zwei galaktische Wocheneinheiten, nachdem Thomas Hansen seinen neuen Posten im Stab von Admiral Luk-Sun angetreten hatte, fanden die Präsidentschaftswahlen auf Amazonia statt. Thomas, Igor, Hugh und Simonetta sahen die Übertragung der Wahlsendung im Galaxnet. Die Moderatorin gab die erste Hochrechnung bekannt, die fast fünfundsiebzig Prozent der Stimmen für Sinarta auswies.
„Kann doch nicht sein!“, schüttelte Igor den Kopf. „Gestern red’ ich noch mit Pela, und die sagt mir klipp und klar, dass nicht eine einzige Amazonierin hier auf Palavor Sinarta die Stimme geben würde. Die waren sich richtig einig. Die Mädchen sind von der Anzahl und der politischen Meinung durchaus als repräsentativer Durchschnitt der Gesamtbevölkerung von Amazonia anzusehen. Die Umfragen haben auch nichts hergegeben, was auf einen Wahlsieg von Sinarta hinweisen würde. Da hat doch wer gemogelt.“
Er sah Thomas an, der brütend die Stirn runzelte.
„Sag bloß, du glaubst an die Zahlen da?“, fragte er verblüfft. Thomas schüttelte den Kopf.
„Ich weiß noch nicht. Wahlen auf dem Damenmond verfolge ich zum ersten Mal. Bist du sicher, dass die nicht eine zufällig Hochburg der Frau Kapitän ‘rausgepickt haben?“
„Hochrechnungen werden auf der Basis des repräsentativen Durchschnitts ermittelt, mio amico!“, erinnerte Simonetta.
„Danke für die Belehrung, Simonetta. Auf Mutter Erde trifft das ja zu – aber was ist mit Amazonia?“, grinste Thomas. „Wir sollten mal abwarten“, schlug er dann vor.
Die Zeit verging, aber an die Hochrechnungen änderten sich nicht um die Stelle hinter dem Komma!
„Igor, ich glaube, du hast Recht. Das kann nicht sein!“, knurrte Thomas. Seine Freunde zuckten vereint mit den Schultern. Im selben Moment brummte das Visiogerät. Thomas griff zur Fernbedienung und schaltete auf Empfang.
„Hansen! Oh, guten Abend, Chef“, sagte er, als er das blauhäutige Gesicht des Admirals erkannte.
„‘N Abend“, meldete sich Luk-Sun. „Ich sehe, Sie sehen auch gerade Galaxnet an der richtigen Stelle. Was halten Sie davon?“
„Tja, wir können es allesamt nicht glauben, was sich da an Zahlen vor unseren Augen tummelt“, erwiderte Thomas. „Haben Sie mal versucht, jemanden auf Amazonia zu erreichen, Gaul?“
„Sicher. Bei Oberleutnant Rosok hat sich nur der automatische Aufzeichner gemeldet, bei Pela ebenfalls. Kapitän Malina war auch nicht zu Hause. Im Haus der Surinistinnen hat sich eine vereinsamte Wache gemeldet mit dem Hinweis, dass die Kandidatin Kasurina ins Rechenzentrum gefahren sei. Ich habe mindestens zehn Leute beauftragt, jede Amazonierin anzurufen, die in der Flotte ist. Bisher haben wir keine erreichen können. Ich hab’ ein ganz ungutes Gefühl, wenn ich ehrlich bin. Kommen Sie bitte mit Leutnant Pretjakoff zu mir.“
„Hmm, wir sind schon unterwegs, Gaul“, antwortete Thomas und schaltete die Visioverbindung ab. Igor war schon aufgesprungen.
„Simonetta, Hugh – sucht im Galaxnet nach dem Zählprogramm und zeichnet auf, was ihr findet. Wir fahren zum Chef“, rief Thomas noch aus dem Flur, hörte die Bestätigung aus dem Computerraum und eilte mit Igor zu dessen Gleiter, der vor der Tür geparkt war.
Die beiden Terraner fuhren so schnell es ging zur Flottenkommandantur, wo Luk-Suns persönlicher Adjutant Sarni Kulibos sie bereits vor der Tür erwartete. Er brachte sie zum Flottenchef.
„Gut, dass Sie da sind“, sagte der Admiral. „Hier, eben ist das Endergebnis bekannt gegeben worden: Achtzig Prozent der Stimmen für Frau Sezession persönlich! Wenn das wahr ist, ist Palavor auf der Tagseite ein Eiswürfel!“
„Zugegeben, glauben kann ich das auch nicht, Gaul“, gestand Thomas. „Die Sache hat nur einen Haken: Einwendungen gegen die Gültigkeit der Wahl kann wohl nur eine wahlberechtigte Amazonierin erheben – und die sind zurzeit allesamt auf Amazonia“, gab er zu bedenken.
„Eine Amazonierin oder ein Mitglied des Galaktischen Rates. Und so einen haben wir hier, nämlich Sie, Kreuzerkommandant Hansen“, grinste Kulibos.
„Schön, und was nützt das? Wenn ich vor dem Rat Einwendungen erheben will, muss ich schon mit handfesten Beweisen kommen, um die Wahl anfechten zu können.“
„Ehrlich, Gaul, glauben Sie wirklich, dass die Wahl auf diesem Emanzenmond korrekt gelaufen ist?“, ereiferte sich der Adjutant. Thomas lächelte freundlich.
„Ich weiß ja, dass auf Malagriva weibliche Centauren nicht viel zu sagen haben, und dass Ihnen eine reine Frauengesellschaft, wie sie auf Amazonia existiert, nicht ganz geheuer ist – aber deshalb brauchen Sie die Damen nicht gleich so zu beschimpfen“, bremste er den chauvinistischen Centauren.
„Sarni hat schon Recht. Es ist was faul auf dem Mond. Ich weiß nicht was, aber ich weiß, dass wir ganz schnell dahinter kommen müssen. Sonst gibt es eine Katastrophe“, ergänzte Luk-Sun.
„Sie meinen, weil Sinarta den Mond verselbstständigen will?“
„Genau das meine ich. Aber ich befürchte noch was anderes: Die Amazonierinnen können sehr giftig werden, wenn sie merken, dass man sie betrogen hat. Auf dem Mond droht ein Bürgerkrieg, weil sich die geschlagenen Parteien das nicht bieten lassen werden. Leider wird auf Amazonia zuerst geschossen und dann gefragt. Die Weiber werden richtig militant, wenn man sie ärgert“, bestätigte der gewichtige Admiral. Sein hellblauer Schwanz wedelte nervös.
„Leutnant Pretjakoff – General Mar-Av hat Ihnen eine versiegelte Tasche gegeben, in der die aufgefangenen Ergebnisse sind. Richter Nom Kartur vom Galaktischen Obersten Gerichtshof ist hier. Holen Sie bitte Ihre Unterlagen!“, wies Luk-Sun Igor an.
„Jawohl, Gaul.“
Igor verschwand. Thomas sah den Admiral verwundert an.
„Erklären Sie mir das näher, Gaul?“
„Der GAD hat eine interessante Nachricht im Galaxnet gefunden und entschlüsselt, wie mir Mar-Av sagte. Es soll die Anweisung für die zu manipulierenden Ergebnisse der Amazonia-Wahl sein.“
Igor kam mit einer Tasche zurück, die von Mar-Av selbst drei galaktische Tageseinheiten zuvor elektronisch versiegelt worden war. Solche elektronischen Siegel enthielten die genaue Verschlusszeit und den Namen des Versiegelnden. Sie galten als fälschungssicher. Luk-Sun ließ auch den Richter dazu rufen. Im Beisein des sulukanischen Richters öffnete Igor das Siegel und nahm die Mikrospeichereinheit heraus. Im Computer des Admirals zeigte sich nach Einspielen der Speichereinheit die Reihenfolge der Hochrechnungen – und es war dieselbe, die am Wahlabend im Galaxnet veröffentlicht worden war. Die Zeitangaben stimmten allerdings nicht mit denen der aufgezeichneten Sendezeiten überein.
„Donnerwetter!“, entfuhr es Thomas. „Hundertprozentige Übereinstimmung! Das ist selten.“
„Wenn’s denn echt wäre, schon, Towarisch“, bemerkte Igor grinsend. „Die Aufzeichnung von vor drei Tagen beweist nach meiner Überzeugung eindeutig, dass die veröffentlichten Hochrechnungen falsch sind. Genauso falsch, wie das ganze Wahlergebnis. Das, was wir hier sehen, hat Sinarta liebevoll verschlüsselt im Galaxnet an Nala Kanita geschickt. Nala Kanita ist Chefprogrammiererin im Rechenzentrum von Amazonia. Dämmert dir was?“
„Würde sagen, mir geht gerade eine Zwillingssonne auf“, seufzte Thomas. „Ich nehme das nächste Schiff nach Gemara und unterrichte den Rat.“
Kapitel 5
Überprüfungsauftrag
Am Raumhafen von Xythara der Hauptstadt Gemaras, erwarteten Hansen Françoise und Kwiri.
„Willkommen auf Gemara, Thomas“, rief Kwiri schon von weitem. „Hätte nicht gedacht, dass ein Terraner diese Uniform so ausfüllt“, setzte er hinzu, als er Thomas’ Uniform begutachtet hatte.
„Du hast bisher nur Centauren in der Uniform gesehen, was?“, lachte Thomas auf.
„Ach, lass ihn schwätzen“, sagte Françoise. „Du siehst großartig aus.“
„Danke, aber der Ratsanzug steht dir auch hervorragend“, erwiderte er sanft. Sie nutzte die Gelegenheit, dass er ihr die Hand drückte, um ihm wenigstens ein freundschaftliches Begrüßungsküsschen auf die Wange zu geben. Der erste Impuls wollte ihn dazu verleiten, sie in die Arme zu nehmen, sie lange zu küssen und ihr zu sagen, dass er sie liebte, aber er schluckte es im allerletzten Moment herunter. Nein, er konnte es seiner toten Frau noch immer nicht antun, sich mit einer anderen zu befassen.
„Ich habe dich vermisst“, sagte er dennoch leise. Manche Wahrheit konnte auch er nicht unausgesprochen lassen.
Kwiri sah seine terranischen Freunde an und fragte sich, warum Thomas sich und ihr das antat.
„Bleibst du länger?“, fragte er.
„Ich weiß noch nicht“, gab Thomas zurück. Er war beinahe froh, dass der Deneber ihn ansprach und ihn vor seinen eigenen Gefühlen rettete.
„Dann sollten wir besser gleich zum Präsidenten fahren. Er möchte dich sprechen“, winkte Kwiri und ging schon in Richtung Ausgang.
„Trifft sich gut. Ich muss auch dringend mit ihm reden“, erwiderte Thomas, nahm seine Tasche, bot Françoise den Arm, die sich auch gern einhakte und folgte dem Deneber.
„Und was willst du vom Präsidenten?“, erkundigte sie sich.
„Auf Palavor ist der Verdacht aufgekommen, die Präsidentenwahl auf Amazonia könnte manipuliert sein. Es gibt recht deutliche Indizien, wenn nicht sogar Beweise dafür“, erwiderte Thomas. „Luk-Sun hat mich als Ratsmitglied gebeten, die Wahl anzufechten.“
„Und ich habe gedacht, du kommst meinetwegen her.“
„Das wäre ich auch, wenn ich ganz normalen Urlaub nehmen könnte. Geht aber nicht wegen der Dienstverpflichtung. Aber ich nutze die Gelegenheit natürlich schamlos aus, dich zu sehen“, lächelte er. Wieder war die Versuchung stark, sie einfach zu küssen. Es kostete ihn viel Beherrschung, es nicht zu tun. Aber er fragte sich, wie lange er noch standhalten konnte – und ob er eigentlich standhalten wollte.
Kwiri hatte an einem sehr neu aussehenden Gleiter angehalten.
„Holla, ist bei dir der Wohlstand ausgebrochen?“, fragte Thomas verblüfft. Er erinnerte sich, dass Kwiri immer alte Fahrzeuge hatte – für sein Raumschiff galt das auch. Der Deneber grinste freundlich über das ganze Gesicht.
„Bei mir nicht; aber bei Françoise. Das ist ihr neues Schmuckstück“, erklärte er. Thomas sah die Französin an, die ihn schelmisch anlächelte.
„Denkst du, die Zeit bleibt stehen, nur, weil du ein bisschen Soldat spielst? Ich habe mich ganz brav um eine Gleiterlizenz beworben, habe meine Fahrprüfung gemacht und mir nach Kwiris Beratung einen Gleiter gekauft. Für die Entfernungen in Xythara ist das ganz praktisch. Ich …“
„Aber ich hab’ doch gar nichts gesagt“, erwiderte er. „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.“
Sie öffnete die Gleitertüren, sie stiegen ein.
„Was sagen die Leute hier auf Gemara zur Amazonia-Wahl?“, erkundigte sich Thomas dann.
„Das ist der Grund, weshalb Sulukum dich sprechen will“, erwiderte Kwiri. „Es gibt die merkwürdigsten Gerüchte. Das ist nicht gut für die Stabilität der Föderation.“
Wenig später parkte Françoise ihren Gleiter vor dem Privathaus des Föderationspräsidenten, der ihnen die Tür persönlich öffnete. Präsident Sulukum war Deneber und mit fünfundsiebzig Jahren galaktischer Einheitszeit auch nach denebischen Maßstäben alt.
Ende der Leseprobe
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