Projekt 25: Schlüsseltasche

 

 

 

Nach zwei Jahren, in denen ich mit den Armen doch recht eingeschränkt war (Schulter-OP am 26. April 2024, steifer rechter Finger seit April 2025, Handgelenksbruch am 4. Juni 2025), bin ich nun auch dank Rheuma-Spritze wieder betriebsfähig. Wir haben deshalb unsere schon 2023 gekauften E-Bikes endlich aus dem Keller geholt und in unsere extra dafür gebaute Gartenhütte gebracht, nachdem wir mithilfe eines Regals dort Ordnung geschaffen hatten.

Bei der ersten Tour wurde mir dann bewusst, wie viele Schlüssel wir dafür bei uns hatten: Hüttenschlüssel, Haustürschlüssel, Schlüssel für das fahrradeigene Schloss und den Akku, Schlüssel für das massive „Kryptonite“-Schloss (das nötigenfalls auch als Morgenstern herhalten kann) und für den Fahrradträger am Auto, Autoschlüssel. Wir haben zwar seit vielen Jahren Shorts mit Beintaschen, aber diese Schlüsselparade ist selbst dafür zu viel, vor allem, wenn auch noch Portemonnaie und Smarty als Navigator untergebracht werden müssen – nebst dem sonstigen Notfallkit wie Taschentücher und Handseife. Ich erinnerte mich, dass irgendwo im Keller noch eine einigermaßen handliche Tasche zum Um- und Anhängen sein musste. Sie war im Kofferfach im Schrank im Keller – samt Umhängegurt. Es passte alles hinein. Problem gelöst.

Dann wollte ich die Tasche mit einem von mir gestickten Aufnäher verzieren. Sie hat auf der einen Seite zwei Außentaschen, auf der anderen Seite Gurte, um sie an den Gürtel hängen zu können. Beides war dem Aufnäher im Weg, wären aber beide nur zu entfernen gewesen, wenn ich die Tasche komplett demontiert hätte. Die Verzierung dort entfiel, lieferte mir aber die Idee, die Schlüsseltasche selbst herzustellen – aus Leder, samt Umhängeriemen.

Nach den Maßen der vorgefundenen Tasche habe ich zunächst eine Vorlage auf Papier gezeichnet, diese ausgeschnitten und nach dem passenden Leder in der Lederkiste gefahndet. Ich hatte jeweils genug für die Tasche oder für den Riemen, aber nicht für beides von einer Farbe. Für die Tasche selbst fiel meine Wahl auf rotbraunes Leder, der Riemen sollte aus hellbraunem Leder entstehen.

Die Papiervorlagen habe ich zunächst dazu genutzt, um sie so auf dem Leder zu positionieren, dass eine möglichst große Ausbeute bei möglichst wenig Materialverbrauch zu erwirtschaften war. Klingt nach dem nicht existierenden Minimaxprinzip, aber es ist mir irgendwie gelungen.

Die Tasche sollte einen überhängenden Deckel haben, ähnlich den Patronentaschen der US Army im Amerikanischen Bürgerkrieg, von der Form der Seitenteile aber eher in Richtung der Ziertaschen gehen, die Offiziere der Armeen im 18. Jh. an dem Schultergurt trugen, der über die linke Schulter zur rechten Hüfte ging (es können nur Ziertaschen gewesen sein, denn wie um alles in der Welt wollte jemand daraus etwas entnehmen oder hineingeben, wenn die Tasche knapp unterhalb des rechten Schulterblattes auf dem Rücken hing?). Diese Ziertaschen haben ovale Seitenteile. Die Schwierigkeit ist, solche Form ohne Stanze auszuschneiden. Ich bekenne, das habe ich mir nicht zugetraut und dann doch lieber die rechteckigen Seitenteile der Patronentaschen-Variante genommen, aber deutlich kleiner als die Originale.

Die vorhandenen Stücke Leder ließen ein durchgehendes Stück für Rückseite und überhängenden Deckel nicht zu, also musste der Deckel an die Rückseite angenäht werden. Ferner hatte ich an Beschlägen nur relativ schmale Schnallen zur Verfügung, die eine maximale Riemenbreite von 1,8 cm zuließen.

Zunächst habe ich Vorderseite, Rückseite, Deckel, Seitenteile, Boden und Halteriemen für die Aufnahme des Schultergurtes mit Silberstift auf dem Leder markiert und dann mit dem Rollmesser und einem Schneiderlineal ausgeschnitten, dazu noch eine Verstärkung für den Deckel und die Seitenteile und den oberen Rand der Vorderseite sowie die Riemen für den unteren Verschluss, der hier aus einer Schnalle besteht. Die Seitenriemen und das Riemenpaar für den Schnallenverschluss habe ich aus Haltbarkeitsgründen doppelt ausgeschnitten. Soweit ich doppelte Lederlagen verwendet habe, habe ich diese mit Decoupage-Kleber zusammengeheftet. Zwar verfüge ich über Lederkleber, aber erstens ist der Geruch des harten Lösemittels im Keller für mich unerträglich, zweitens muss der Kleber 20 Minuten ablüften, bevor die Teile zusammengeklebt werden können und drittens hat man nur einen Versuch. Wenn der nicht absolut perfekt sitzt, ist das bearbeitete Stück schief und bleibt es.

Die Kellerarbeit war nötig, weil ich mit dem Vorstecheisen nicht auf dem Terrassen-Klapptisch arbeiten kann. Er federt zu sehr. Die Näharbeit habe ich wegen des besseren Lichtes hauptsächlich auf der Terrasse gemacht.

Nach dem Zuschneiden und Perforieren aller Teile habe ich zunächst Rückseite und Deckel verbunden. Das war mit dem Nähkloben nicht zu machen, weil die Naht in diesem Fall nicht oben am Nähkloben frei lag, sondern der Deckel für jeden Stich gewendet werden musste. Deshalb habe ich diese Naht im Prinzip freihändig gemacht. Danach habe ich die Seitenteile mit dem Rücken verbunden, den Boden eingenäht, dann das Vorderteil eingesetzt und schließlich die seitlichen Riemen genäht.

Mithilfe einer Papierschablone habe ich am unteren Ende des Deckels und an dessen Verstärkung eine Schweifung angezeichnet und ausgeschnitten. Die dabei erforderlichen Rundungen habe ich nach dem Tipp des schwedischen Lederexperten und Schuhmachers Michael Gärtner stückweise mit einem Cuttermesser und mithilfe eines Gummihammers hergestellt. Die dabei verbleibenden Ecken habe ich nach dem Zusammenfügen von Deckel und Verstärkung mit Schleifpapier und Handschleifer geglättet.

Da mir Gürtelverbinder oder D-Ringe fehlten, ich aber drei gleiche Gürtelschnallen hatte, wollte ich den Schulterriemen zunächst an beiden Enden mit gelochten Enden wie bei einem Gürtel versehen. Die Seitenriemen sollten die Schnallen aufnehmen und bekamen deshalb außer den Löchern für die Befestigung an der Tasche noch einen Schlitz für den Schnallendorn.

Danach war zunächst für zwei Wochen Pause, weil wir verreisten. Nach unserer Rückkehr habe ich die Verschlussriemen an der Tasche angebracht. Den Lochriemen mit 4 5-mm-Löchern, der am Deckel ist, habe ich fest angenäht und die Nahtspur mit einer Lederraute überdeckt. Den Schnallenriemen habe ich mit zwei 10 mm langen Buchschrauben befestigt, ebenso die beiden seitlichen Riemen.

Die Seitenteile sind 2,5 cm länger als das Vorderteil, um dafür zu sorgen, dass der Tascheninhalt auch Tascheninhalt bleibt und sich während der Fahrt nicht selbstständig macht. Um sie auch unter dem Deckel zu halten, bekamen sie je zwei 5-mm-Löcher eingestanzt, durch die ich eine entsprechend starke Schnur gezogen habe, die ich am Ende mit Holzoliven versehen habe. Sie stammen ebenso wie die Verschlussschnur von einem meiner Mittelalterhemden. Damit wird eine zusätzliche innere Sperre hergestellt, die es unmöglich macht, dass etwas aus der Tasche fallen kann.

Mit dem Riemen der im Keller aufgefundenen Tasche habe ich sie bei einer Fahrradtour getestet und für gut befunden.

Dann sollte es mit dem Schulterriemen weitergehen. Er sollte so lang sein, dass ich ihn über den Kopf auf die linke Schulter nehme und die Tasche an der rechten Seite hängt. Er sollte – auch aus Gründen des vorhandenen Materials – aus zwei Teilen bestehen und auf der Brust eine Schnalle haben. Dafür hatte ich die vierte Schnalle aus meinem Bestand vorgesehen – bis ich nochmals nachmaß und feststellte, dass diese allenfalls für 1,0-cm-Riemen gedacht war. Das war mir für einen Schulterriemen, der schräg über dem Körper getragen wird, deutlich zu schmal. Die Aufhängung bedurfte also neuer Planung.

Im Zuge einer Aufräumaktion fand ich noch einen alten Gürtel, der aus Kunstleder der ganz schlechten Sorte bestand, völlig unansehnlich geworden war, aber eine gute Schnalle hatte. Sie ist für Riemen von 2,5 cm Breite geeignet, die bereits verwendeten Schnallen für 1,8 cm. Die schmalen Riemen hatten mit Nahtlöchern und Löchern für den Schnallendorn  ohnehin Probleme bereitet. Zudem wollte ich nicht unterschiedlich breite Riemen haben, die direkt aufeinander trafen. Das hätte – zumal mit der abweichenden Farbe des Riemens – doch zu zusammengesucht ausgesehen. Breitere Riemen würden das Problem vermeiden. Dann allerdings brauchte es auch eine neue Seitenbefestigung.

Bei Rickert-Werkzeuge fand ich D-Ringe, die für 2,5 cm breite Riemen geeignet waren und bestellte sie.

Inzwischen stellte ich die Seitenriemen neu her. Ich hatte noch genügend Material, um sogar etwas längere Riemen zu machen, die nun mit drei Buchschrauben versehen wurden: Zwei für die Befestigung an der Tasche, die dritte für die Befestigung des D-Rings.

Ferner schnitt ich die Riementeile für den Schulterriemen zu. Wie die Seitenriemen der Tasche habe ich sie doppelt geschnitten. Das weiche Leder neigt dazu, zu verknüllen, wenn es eingeklemmt wird. Das wollte ich vermeiden. Auf der Schulter selbst sollte noch eine Verbreiterung für eine bessere Gewichtsverteilung sorgen. Normalerweise handelt es sich um ein zusätzliches Teil, das auf dem Riemen verschiebbar ist; hier diente sie auch als feste Verlängerung des Schulterriemens, um die geplante Länge mit dem vorhandenen Material zu erreichen. Auch diese habe ich doppelt geschnitten. Einerseits dient dies der Bequemlichkeit, andererseits ließen sich die Riemen gut darin einnähen.

Diese Verbreiterung ist grundsätzlich oval, weil Ecken sich in der Kleidung verfangen könnten. In der Industrie werden solche Teile ausgestanzt. Ich habe sie – trotz der wenig guten Erfahrung mit den Rundungen der Schweifung – erneut nach der „Methode Gärtner“ ausgeschnitten. Das Ergebnis war dann so katastrophal, dass ich die verbliebenen Ecken mit dem Swifel-Messer nachgeschnitten habe. Das ist eine senkrechte Klinge, die in einem frei in der Horizontale drehbaren Fingergriff montiert ist. Damit lassen sich von der Gerade abweichende Formen passabel schneiden – nach meiner Ansicht besser als mit der „Gärtner-Hack-Methode“. Die Nähte habe ich mithilfe des Nähklobens gemacht.

Die Verbreiterung kam zwischen den Lochriemen, der auf der Brust sein sollte und den Riementeil der über den Rücken verlaufen sollte. Die Schnalle kam an den unteren vorderen Riemen. Die Befestigung der Schnalle sollte mit einer Buchschraube erfolgen. Die unteren Enden beider Riementeile erhielten je zwei Löcher, um die D-Ringe einzufädeln und mit je einer Buchschraube zu befestigen.

Nachdem die Bestellung von Rickert eingetroffen war, konnte ich die Endmontage vornehmen.

Als Verzierung für den Deckel hatte ich zunächst eine Punzierung geplant, aber das weicher, genarbte Leder widersetzte sich zuverlässig einer dauerhaften Punzierung. Sie hielt keine zwölf Stunden. Ich entschied mich letztlich für eine bronzefarbene Wappenlilie aus meinem Bestand, die ich auf den Deckel aufgenietet habe.

Material:

  • Rotbraunes Leder für die Tasche
  • Hellbraunes Leder für den Schulterriemen
  • 2 D-Ringe Messing für die Verbindung von Tasche und Riemen
  • 1 Schnalle Messing für den Verschluss der Tasche
  • 12 Buchschrauben 10 mm für die Befestigung von Riemen und Schnallen
  • Braunes Nähgarn

Hellbraunes Nähgarn

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