Die Zwilllingstürme des World Trade Center in Flammen nach dem Einschlag der beiden Passagiermaschinen (© Getty Images)
Gedanken zum 11. September 2001
Heute vor 25 Jahren verübten insgesamt neunzehn radikale – nein, fanatische –, Islamisten die Anschläge auf das World Trade Center. Wenn ich es recht in Erinnerung habe, kamen in den Zwillingstürmen, den vier entführten Maschinen und am Boden in New York außerhalb des WTC etwa dreitausend Menschen ums Leben. Sie handelten auf Befehl von Osama bin Laden, der die USA wegen ihrer Israel-Politik hasste und auch nicht vertragen konnte, dass nichtmuslimische US-Soldaten in seinem Heimatland Saudi-Arabien stationiert waren. Für ihn war es ein religiöses Sakrileg, dass „Ungläubige“ den Hüterstaat des Ursprungs des Islam überhaupt betreten durften.
Ich erinnere mich an diesen Tag gut. Es war der erste Tag nach dem Sommerurlaub 2001. Wolfgang erzählte mir, als er mich kurz nach 15.30 Uhr von der Arbeit abholte, in einen Turm des World Trade Centers sei ein zweimotoriges Flugzeug eingeschlagen. Ich dachte zunächst an ein verirrtes Kleinflugzeug wie die Maschine eines Unternehmers in unserer Gegend, der den damals noch aktiven Flugplatz Tornesch benutzte und bei der Landung gelegentlich über unser Haus flog. Als er mir sagte, es sei eine ausgewachsene Boeing 737 gewesen, wollte ich das nicht glauben, obwohl mich die Nachrichten um 16.00 Uhr im Autoradio eines Besseren belehrten und auch schon vom zweiten Einschlag berichteten.
Erst, als wir zu Hause waren, gleich den Fernseher einschalteten, wo sämtliche Kanäle dauerberichteten, und ich in einer der Wiederholungen die beiden Einschläge sah, nahm mein Gehirn dies als Tatsache zur Kenntnis. Ich werde diesen Schock meinen Lebtag nicht vergessen, so wenig wie die Anblicke, als Menschen in Todesangst aus den Stockwerken über den Einschlagstellen in den Tod sprangen; als die Türme vor meinen Augen einstürzten, eine Staubwolke wie ein Pyroklaster durch New Yorks Straßen rollte – zwar ohne Hitze, aber in der erstickenden Wirkung keineswegs weniger tödlich. Wir haben beide geweint.
Am nächsten Tag bin ich in der Mittagspause zum US-Generalkonsulat gegangen, das nicht weit von meiner damaligen Arbeitsstelle lag und habe dort einen Blumenstrauß niedergelegt – und ich war damit keineswegs alleine.
Die Täter waren muslimischen Glaubens, doch zahlreiche offizielle Stellen des Islam verurteilten die Anschläge als unislamisch. Der islamische Rechtsgelehrte Yusuf al-Qaradawi verwies auf den Koranvers 5:32:
„Wenn jemand einen Menschen tötet, der keinen anderen Menschen getötet hat, auch sonst kein Unheil auf Erden gestiftet hat, so ist es, als töte er alle Menschen insgesamt.“[1]
In der christlichen Version würde man von einer Todsünde sprechen, die garantiert in die Hölle führt.
Muhammad Sayyid Tantawi, der das Amt des Scheichs der Azhar bekleidete, einer hoch angesehenen Institution islamischer Wissenschaft in Kairo, verurteilte die Tat im Namen der Azhar mehrfach und erklärte, die Täter seien nicht mutig gewesen. Sie würden am Tag des Gerichts verurteilt werden.[2]
Auch diese Einschätzung betrachtet die Anschläge als – übersetzt – Todsünde, die in die Hölle führt.
Im Gegensatz dazu veröffentlichte Safar al-Hawali einen offenen Brief an US-Präsident Bush, in dem er von einer „gewaltigen Welle der Freude“ schrieb, die in der muslimischen Welt wegen der Anschläge empfunden werde.[3] Dieser Mann hatte allerdings schon vor den Anschlägen des 11. September keine gute Meinung von den USA und dürfte mit seinen Lehren und Predigten mit zu deren Planung und Ausführung beigetragen haben. Später verurteilte er den Krieg gegen den Irak (der in der Tat ohne jeden Grund vom Zaun gebrochen wurde und deshalb auch zu verurteilen ist) und plädierte für einen Dialog mit dem IS und für Selbstmordattentate als Mittel des Dschihad.[4]
Ich habe mich seit jenem 11. September 2001 immer wieder gefragt, wie Menschen sich derart radikalisieren – nein, fanatisieren – lassen, dass sie willens und bereit sind, fliegen zu lernen ohne landen zu wollen, dass sie Passagiermaschinen kapern, diese als Kamikazeflieger in Bürotürme steuern, sich selbst töten, die Menschen hinter sich, jene in den Gebäuden und auch weitere Unbeteiligte am Boden eiskalt ermorden – und das auch noch im Namen Gottes und mit dem Versprechen, sich damit direkt ins Paradies zu katapultieren. Bis heute, 25 Jahre nach den Terroranschlägen, habe ich darauf keine plausible Antwort gefunden.
Mord im Namen einer Religion? Mord im Namen Gottes? Nein, das ist auch 735 Jahre nach dem Ende der christlichen Kreuzzüge im Orient nicht richtiger geworden.
Es ist so unfassbar, dass die drei großen Buchreligionen – Judentum, Christentum und Islam – grundsätzlich dem Frieden verpflichtet sind, Frieden predigen, aber gewisse einflussreiche Personen dieser Religionen zulassen oder sogar befehlen, dass Fanatiker im Namen des Glaubens Menschen anderen Glaubens ermorden und ihnen dafür auch noch das Paradies versprechen.
Im Judentum und Christentum verbietet das Sechste der Zehn Gebote, zu töten. Im Islam ist es der bereits zitierte Koranvers, der das Töten von Menschen, die selbst nichts Unrechtes getan haben, unter die Strafe Gottes stellt – und nicht den Weg zum Paradies weist.
Ich vermute – nein: hoffe – dass die Mörder des 11. September 2001 sich beim Sheitan wiedergefunden haben.
Direkt in der Hölle.
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Terroranschl%C3%A4ge_am_11._September_2001#Internationale_Reaktionen
[2] Siehe Fußnote 1
[3]https://de.wikipedia.org/wiki/Safar_al-Haw%C4%81l%C4%AB#Reaktionen_auf_die_Anschl%C3%A4ge_vom_11._September_und_den_Irak-Krieg
[4]https://de.wikipedia.org/wiki/Safar_al-Haw%C4%81l%C4%AB#Aufruf_zum_Dialog_mit_der_IS-Organisation
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