Chroniken der Verborgenen Lande – Martin von Wengland – Das Turnierbuch (Leseprobe)

 

Aus dem Leben des Martin von Wengland

Das Turnierbuch

Leseprobe

 

Teil 1: Wengland 1198: Martin, der Kronprinz des Königreichs Wengland, wird beim Turnier seines Onkels Roland von Hirschfeld zum Ritter geschlagen und verliebt sich in Regina, die Prinzessin des Herzogtums Scharfenburg. Martin wirbt um sie, doch beide sind nach scharfenburgischem Recht noch nicht im heiratsfähigen Alter. Der Herzog erwartet zudem von Martin, dass er sieben Turniere gewinnt, bevor er Regina heiraten kann.

Teil 2: Scharfenburg 1199: Martin hat die geforderten sieben Turniere gewonnen und wirbt beim Turnier der scharfenburgischen Grafschaft Falkenstein erneut um Reginas Hand. Herzog Ludwig ist auch einverstanden – aber Martin ist Ausländer. Damit hat der Adelsrat mitzubestimmen und setzt auf Initiative von Markgraf Richard von Rebmark ein Sonderturnier an. Die Grafen, die dem Turnier zugestimmt haben, betrachten den Turnierausgang als Gottesurteil, ob der wenglische Prinz der richtige Gemahl für die Prinzessin ist.

Doch Markgraf Richard hat eigene Pläne – und er schreckt auch nicht vor Betrug zurück …

 

Kapitel 2

Ein besonderer Mann

An diesem Sonntag war bereits der dritte Tag des Pfingstturniers, der Tag der Tjoste. Der Tag hatte mit einer Messe unter freiem Himmel für Teilnehmer und Zuschauer begonnen. Danach wurde das Turnier um sieben Uhr mit den Einzelgestechen, den Tjosten, fortgesetzt. Dieser Wettkampf würde noch vor sechs Uhr abends und dem Angelus-Läuten enden. Mit dem Angelus-Läuten am Mittag trat eine einstündige Pause ein, in der die Teilnehmer essen und etwas ruhen konnten.

Eine Drei-Lanzen-Runde dauerte vom reinen Zeitablauf nicht länger als etwa eine Viertelstunde. Mit Vorstellung der Teilnehmer, dem Aufruf um Gunstbeweis durch die Damen und dem Annehmen derselben war pro Platz nochmals eine Viertelstunde kalkuliert. Eine weitere Viertelstunde war für den Platzwechsel vorgesehen.

 

Regina von Scharfenburg, die Tochter des Herzogs von Scharfenburg, hatte schon am Tag zuvor beim Schwertkampf eine Entdeckung gemacht, die sie in der Nacht zuvor fast nicht hatte schlafen lassen. Es war ein junger Ritter, der im Schwertkampf erst nach der fünften von insgesamt acht Runden am späteren Sieger des Schwertkampfes, Markgraf Richard von Rebmark aus Scharfenburg, gescheitert war. Regina war zum Kampf etwas zu spät gekommen und hatte die Vorstellung der Kontrahenten verpasst.

Der Schild des jungen Mannes zeigte das Wappen der Grafschaft Hirschfeld: von Blau und Gold schräglinks geteilt, in Blau eine liegende goldene Hirschstange, in Gold ein rotes Tatzenkreuz. Im Schildhaupt – der Teil des Schildes direkt unter dem oberen Rand – zeigte ein dreilätziger goldener Turnierkragen an, dass der Träger des Schildes nicht der Graf selbst war. Der Helm, den er am Sattel befestigt hatte, war ein normaler Nasalhelm, doch die außen blaue und innen gelb gefütterte Helmdecke verriet, dass der junge Mann Erfahrungen im Orient gesammelt hatte. Die Ritter, die im Orient lebten oder von dort zurückkehrten, hatten sich angewöhnt, die metallenen Helme mit solchen Decken vor der sengenden Sonne zu schützen.

Prinzessin Regina von Scharfenburg, ein junges Mädchen von sechzehn Jahren, konnte kaum den Blick von dem hübschen Jungen wenden, der ziemlich genau dem entsprach, wovon sie träumte, wenn sie an ihren künftigen Gemahl dachte. Er erinnerte sie an einen Jungen, den sie knapp drei Jahre zuvor auf Burg Palparuva getroffen hatte – Martin, den älteren Sohn des Königs von Wengland. Seither waren sie sich nicht mehr begegnet. Ja, ganz genau so sollte er aussehen.

Was für ein Zufall, dass er gerade an diesem Morgen eine Viertelstunde nach neun Uhr im vierten Abschnitt der ersten Vorrunde in dem Turnierfeld Nummer 7 seine Fähigkeiten im Gestech unter Beweis stellen wollte, auf dessen Tribüne sie gerade die beiden letzten freien Plätze für sich und ihre Leibdienerin Sophie hatte ergattern können. Der junge Ritter und ein weiterer Mann, ein wahrhafter Hüne, ritten gerade in die Bahn, als die jungen Frauen sich setzten. Regina nutzte die Tatsache, dass der für dieses Feld zuständige Herold direkt vor ihr auf dem hölzernen Fußweg der Tribüne am Rand des Kampffeldes stand.

„Wer ist der junge Ritter dort, Meister Herold?“, fragte sie den Herold in den Farben Hirschfelds, der an dem Tappert* – dem ohne Gürtel über dem Gambeson* oder Kettenhemd getragenen Wappenrock – und dem weißen Stab, den er in der rechten Hand hielt, gut zu erkennen war. Der gräfliche Bote wandte sich zur Tribüne um und erkannte die hübsche Prinzessin.

„Holde Regina, schöne Prinzessin Scharfenburgs, wen meint ihr genau?“, erkundigte er sich. Sie wies mit dem ausgestreckten Finger auf den gutaussehenden jungen Mann in den Hirschfelder Farben, der es ihr angetan hatte. Der Herold lächelte verschmitzt.

„Gefällt er Euch, Hoheit?“, fragte er.

„Ja“, erwiderte sie mit hochroten Wangen.

„Der junge Herr ist noch kein Ritter. Es ist Martin, der Erste Knappe meines lieben Herrn Roland. Bald will er ihn zum Ritter schlagen – vielleicht noch auf diesem Turnier.“

„Danke, Meister Herold“, lächelte die Prinzessin und setzte sich wieder auf ihren Platz, den hübschen Knappen fest im Auge behaltend. Sie wollte ihn gern näher kennen lernen, aber dazu musste sie ihm einen kleinen Gunstbeweis geben.

„Meister Herold?“, sprach sie den Herold nochmals an.

„Hoheit?“

„Ich weiß, es ist nicht üblich, einem Knappen ein Lanzentüchlein zu geben, aber für diesen hübschen jungen Mann würde ich gern eine Ausnahme machen. Könnt Ihr ihm vielleicht sagen, dass er … bei mir … vorbeikommt?“, bat sie. Der Herold nickte mit einem sanften Lächeln. Wenn die junge Dame wüsste, in wen sie sich da verguckt hatte … Sie würde es so nicht erfahren, denn bei diesem Turnier trat Martin nicht unter seinem wahren Namen an, ließ sich lediglich als Neffen des Grafen und dessen Erster Knappe titulieren.

 

Regina bekam einen völlig verklärten Blick, als Herold Walther Martin und Bertram von Ermeldorf dem Publikum vorstellte.

„Zu meiner Linken seht Ihr Martin, den Ersten Knappen unseres geliebten Grafen Roland, sein Neffe, der mit ihm im Heiligen Land war, der schon mit fünfzehn Jahren sein Leben riskierte, um seinen geliebten Onkel zu retten. Martin, wir alle danken Euch für diesen unschätzbaren Dienst! Er ist noch jung an Jahren, doch er wird ganz sicher zu einem unserer besten Ritter heranreifen! Martin reitet seinen großartigen Hengst Rufus, einen Schwarzen Normannen aus der Zucht seines Onkels. Zu meiner Rechten: Oh, wen stelle ich Euch da vor, meine lieben treuen Zuschauer? Bertram von Ermeldorf auf seinem Schlachtross Candidus! Eigentlich muss ich dazu nichts mehr sagen!“

Jubel erhob sich auf den Tribünen des Platzes. Bertram war ein wohlbekannter Ritter.

„Er ist erfahren wie kein Zweiter! Er ist der Heermeister unseres geliebten Königs! Er ist der einer der Wenigen, die es je geschafft haben, unseren geliebten König selbst in den Staub dieser Arena zu werfen! Jawohl, das ist Bertram von Ermeldorf!“, fuhr Walther schwärmerisch fort und verriet sich damit als offener Bewunderer des Barons von Ermeldorf. „Fünfundsiebzig Tjostsiege hat er mit seinem Candidus vollbracht – und heute wird er wohl den sechsundsiebzigsten hinzufügen. Martin, seht es mir nach, wenn ich nicht auf Euren Sieg wetten würde …“, schloss der Herold. „Ihr Damen: Wen wollt Ihr mit Eurer edlen Gunst bedenken? Wählt Euren persönlichen Helden dieses Gestechs!“, ergänzte er dann.

Es waren relativ wenige Damen anwesend, aber die, die in den Tribünen waren, schrien sich nach Bertram fast die Seele aus dem Leib, dem sie ihr Lanzentüchlein anvertrauen wollten. Diese Tücher konnten sehr unterschiedlich sein – vom feinsten, fast durchsichtigen Seidenstoff bis zu massivem Atlasgewebe, aus Streifen in den Farben der Damen gewebt oder auch genäht, manchmal rein weiß mit einem sorgfältig gestickten Wappen der Dame in einer Ecke. Auch die Größe variierte von Taschentuchgröße bis zu einem Geviert, das sich ohne weiteres für eine neue Helmdecke eignete. Mit stolzgeschwellter Brust nahm Bertram die erste Lanze auf und lenkte sein Schlachtross an den Tribünen entlang, sammelte die sich ihm entgegenstreckenden Tüchlein ein wie ein Sammler die reifen Beeren.

Martin stand etwas verloren auf seinem Startplatz. Es war schon eine hohe Ehre, als Knappe selbst teilnehmen zu dürfen und nicht nur seinen Ritter unterstützen zu können. Er konnte nicht erwarten, dass einem Knappen ein Lanzentüchlein angeboten wurde. Aber es stach doch, wenn kein solches Angebot kam, wie er seufzend feststellte.

„Martin!“, drang ein Ruf an sein Ohr. Er nahm es fast nicht wahr, meinte, seine Wünsche spielten ihm einen Streich.

„Martin! Hierher! Mein Tuch!“, schrie die weibliche Stimme erneut. Er sah auf, völlig überrascht, dass ihn jemand bedenken wollte. Sein suchender Blick fand zwar Hände mit Tüchern, aber die galten irgendwie doch Bertram. Herold Walther deutete hinter sich. Martin, der Walther als ausgesprochenen Verehrer seines Kontrahenten kannte, nahm auch das nicht für voll. Erst, als Walther sich einen kleinen Schild in den Farben Hirschfelds geben ließ und damit winkte, wurde Martin aufmerksam.

„Hier, hinter mir, Mylord. Die junge Dame hier hat etwas für Euch“, sagte der Herold augenzwinkernd und deutete mit dem Daumen hinter sich. Martin sah in die Tribünenreihe – und meinte, vor ihm wäre der Blitz eingeschlagen. Da sah ihn eine leibhaftige Madonna an! Irgendwie kam sie ihm bekannt vor.

„Mylady!“, grüßte er mit einer Verbeugung im Sattel.

„Bitte, erlaubt mir, Eure Lanze zu schmücken, mein Ritter!“, bat sie. Martin lächelte.

„Ihr wollt einen Knappen mit Eurem kostbaren Gut bedenken?“, fragte er verblüfft.

„Aber ja! Nun macht und gebt mir Eure Lanze!“, erwiderte sie, schon fast ungehalten über seine augenscheinliche Begriffsstutzigkeit.

„Kommt schon! Bleib da!“, rief Mathieu, der seinem besten Freund in diesem Tjost ebenso sekundierte, wie Martin es für ihn bis zu seinem Ausscheiden im vorherigen Teil der Vorrunden getan hatte. Der junge Mann brachte die erste Lanze und reichte sie Martin, der Regina die Spitze hinhielt, damit sie ihr Lanzentüchlein vergeben konnte. Sie knotete es um die Spitze und drückte noch einen scheuen Kuss darauf.

„Viel Glück!“, sagte sie mit einem so strahlenden Lächeln, dass Martin zu schweben glaubte.

„Danke. Wer seid Ihr?“

„Regina von Scharfenburg.“

„Ich bete, dass ich Eurem Geschenk keine Schande mache, meine Prinzessin“, erwiderte der Prinz mit einer erneuten Verbeugung. Er kehrte mit einem völlig neuen Gefühl auf seinen Startplatz zurück, verbeugte sich noch einmal in Richtung der Prinzessin und setzte seinen Helm auf. Auch Bertram von Ermeldorf hatte seine Tücher eingesammelt und kehrte mit seiner Beute zunächst zu seinem Knappen zurück, der zwei Drittel der Tücher abknüpfte und in einer Kiste verschwinden ließ. Mit dem verbleibenden Drittel der Tücher trabte Bertram auf seinen Startplatz, präsentierte seine geschmückte Lanze, ließ sein Ross auf der Hinterhand hüpfen, stülpte sich den Topfhelm über.

„Zeig’s ihm, Martin!“, feuerte Mathieu seinen Freund an.

„Ich fürchte, er rammt mich unangespitzt in den Boden. So eine Gunstbeute hat er noch nie abgeräumt. Der schäumt vor Kraft, sag’ ich dir.“

„Du wirst auch beachtet“, erinnerte Mathieu mit einem Blick zu der madonnenhaften Prinzessin in der ersten Reihe der langen Tribüne. „Tu es für sie!“

„Ich hoffe, sie beachtet mich auch noch, wenn Bertram mich in die Tribüne hinter uns befördert hat“, erwiderte Martin. Gegen Bertram hatte er bisher im Wortsinne noch keinen Stich machen können. Es war richtiges Glück gewesen, dass er erst jetzt auf ihn traf.

„Der Pessimist sieht im Käse nur die Löcher!“, wies Mathieu ihn zurecht. Martin musste lächeln – und dieses Lächeln traf Regina wie ein Blitzstrahl. Ganz gleich, wie das hier ausgehen würde: Sie würde ihn nachher in seinem Zelt besuchen. Knappe Martin hatte eine ernsthafte Verehrerin … 

  

„Möge der Kampf beginnen!“, rief der Herold dann und trat beiseite. Die Kontrahenten legten die Lanzen ein und preschten an der Schranke entlang aufeinander zu, die Lanzen leicht schräg über dem Pferdehals, um den Schild des Gegners zu treffen. Scheppernd krachten die Lanzen in die Schilde, splitterten wüst auseinander. Keiner hatte den anderen aus dem Sattel werfen können – und beide waren darüber aus unterschiedlichen Gründen höchst erstaunt.

„Mathieu! Das Tüchlein!“, rief Martin, als er zu seinem Startplatz zurückkehrte und von seinem Cousin Jean-Raymond die nächste Lanze gereicht bekam. Der Neunjährige konnte das lange Ding knapp stemmen, aber es zeigte sich, dass er bei seinem Vater schon ab und zu den Schmiedehammer schwang. Die Pferde des Grafen von Hirschfeld beschlug der Titelinhaber immer noch am liebsten selbst …

„Danke, Jean“, sagte Martin und hielt Mathieu die Lanze hin, damit er das Tüchlein wieder befestigen konnte.

„Nein, du Stoffel! So was macht der Ritter selbst!“, grollte Mathieu und gab Martin das Tüchlein in die Hand. Martin bedachte es seinerseits mit einem scheuen Kuss und knotete es um die Spitze. Regina bekam den verklärten Blick der rettungslos Verliebten. Was für ein hübscher und auch noch galanter junger Mann! Als er sich auch noch zu ihr verbeugte, ließ sie sich nur noch auf ihren Sitz fallen. Dieser Blick!

„Gefällt er Euch?“, fragte ihre Leibjungfer Sophie, die neben ihr saß.

„Oh, Sophie, das tut er! So stelle ich mir Tristan vor – oder Lancelot … was für ein schöner, junger Mann!“, schwärmte die Prinzessin, den hübschen Knappen mit Figuren der höchst populären Artuslegende vergleichend. Die Übersetzer und die Kopisten konnten im Moment kaum mit dem Vervielfältigen der Romane aus diesem Sagenkreis hinterherkommen.

„Eieiei, beides Ehebrecher!“, warnte Sophie kichernd.

„Aber hübsche Knaben!“

„Allerdings!“, seufzte Sophie. „Aber der da auch.“

 

Während die Mädchen noch vor sich hin schwärmten, galoppierten die Gegner wieder aufeinander los. Es krachte erneut fürchterlich. Martins Stoß hatte Bertram schwer ins Wanken gebracht, hatte sogar seine Lanze abgelenkt, die im Gegensatz zu Martins nicht gebrochen war. Aber von Ermeldorf saß immer noch im Sattel.

„Dieser Lausebengel!“, schnaufte der Heermeister. „Der Knappe ist noch nicht geboren, der mich aus dem Sattel wirft, Hänfling!“, rief er mit gewisser Erbitterung. Martin ließ sich die dritte Lanze geben, verzichtete seinerseits auf jegliches Triumphgehabe, mochte es auch ein ungeheurer Erfolg sein, Bertram von Ermeldorf gleich zweimal widerstanden zu haben. Mathieu sammelte die abgebrochene Spitze mit dem Tüchlein wieder auf. Martin nahm es an sich und bemerkte die schäumende Ungeduld bei Bertram.

„Gib mir die Lanze, Jean. Ich lasse ihn jetzt nicht warten. Sonst macht er wirklich Kleinholz aus mir.“

„Es ist Gleichstand, Martin. Mach es nicht zunichte, indem du dich aus dem Sattel heben lässt!“, warnte Mathieu. Martin nickte, verbeugte sich noch einmal zu Regina, küsste ihr Tüchlein – und steckte es unter sein Kettenhemd.

„Bist du …?“, keuchte Mathieu, aber Martin war schon auf dem Weg zum Startplatz. Er hatte ihn kaum erreicht, als der Herold die dritte Runde freigab.

Wieder jagten die Streitrosse aufeinander zu. Bertram zog die Lanze im letzten Moment nach oben, erwischte Martins, drückte sie hoch, dann prallte die Kronenspitze an die Schulter des Schildarms. Martin wurde so weit herumgerissen, dass der erhöhte Hinterzwiesel, die Rückseite des Sattels, nicht ausreichte, um ihn zu halten. Er flog aus dem Sattel, stürzte geradewegs auf die Schranke und hatte noch Glück, dass sie hoch genug war, um ihn auf seiner eigenen Seite zu halten.

Bertram stieß den Rest seiner gebrochenen Lanze jubelnd in den Himmel. Zum wiederholten Mal hatte er den Kronprinzen buchstäblich ausgestochen. Er nahm den Helm ab und warf ihn vor Freude in die Luft, das Publikum johlte – bis auf zwei junge Mädchen, die starr vor Entsetzen dasaßen. Ihr Traumritter! So übel abgeworfen!

„Komm!“, wies Regina Sophie an. Beide sprangen auf und strebten eilig dem Ausgang zu, der auch in die Arena führte.

„Sieger des zweiten Tjostes auf dem Platz Nummer sieben: Bertram von Ermeldorf im dritten Durchgang durch Abwurf. Herzlichen Glückwunsch, Heermeister Bertram!“, meldete der Herold laut. Tosender Jubel belohnte den unfairen Stoß, der im Reglement nicht zugelassen war. Mathieu, der als Sekundant hier eigentlich hätte Martins Stelle einnehmen müssen, sah nur seinen gestürzten Freund, der sich nicht mehr rührte.

 

Jean-Raymond, Mathieu und sein Vater Alain – eigentlich nur Zuschauer – bemühten sich um den gestürzten Prinzen.

„Martin! Sag was!“, keuchte Mathieu erschrocken, als sie ihn geborgen und zunächst auf die Bank an der Seite gelegt hatten. Sein Vater nahm Martin vorsichtig den Helm ab.

„Bist du verletzt?“, hakte Alain nach. Martins Augen flatterten; er war für kurze Zeit ohnmächtig gewesen.

„Ich hab’s doch gewusst!“, schnaufte er. „Wieder nichts !“

Er richtete sich auf, spürte einen fürchterlichen Schmerz in der linken Schulter und fluchte ebenso lästerlich wie unterdrückt.

„Lass das nicht deine Tante hören!“, mahnte Alain grinsend.

„Aber es befreit“, ächzte Martin.

„Komm, ab ins Zelt. Das dürfte ein Fall für Hassan sein!“, entschied Alain und half Martin auf. Im selben Moment rannten Regina und ihre Dienerin auf den Kampfplatz. Bevor Alain sie hindern konnte, hatte sie Martin schon umarmt.

„Gott sei Dank! Ihr lebt!“, stieß sie atemlos hervor.

„Au!“, entfuhr es dem Prinzen.

 

Etwas später hatte Hassan, Graf Rolands Leibarzt, den Prinzen in Anwesenheit von Alain und Mathieu gründlich untersucht.

„Schulterprellung der ganz üblen Art auf der linken Seite, Handgelenk rechts zum Glück nicht gebrochen, aber ganz böse geprellt“, diagnostizierte der Arzt. „Hoheit, Eure Teilnahme am Buhurt und beim Bogenturnier fällt aus!“

„Das ist nicht dein Ernst, Hassan!“, keuchte Martin.

„Doch, ist es! Und wenn Ihr mir zu erkennen gebt, dass Ihr weitermachen wollt, obwohl Ihr nach meiner ärztlichen Diagnose nicht turniertauglich seid, sehe ich mich genötigt, Euren Onkel in Kenntnis zu setzen.“

„Hassan! Du weißt, was mir speziell dieses Turnier bedeutet!“, erinnerte Martin.

„Ja. Aber Ihr habt das Pech gehabt, auf Bertram von Ermeldorf zu treffen. Ihr habt ihn zweimal ausgetrickst, Sidi. Ihr wisst, wie nachtragend er ist. Zieht künftig lieber zurück, wenn Ihr auf Bertram trefft“, empfahl der Arzt.

Fast im selben Moment stürmte Roland ins Zelt.

„Was ist mit dir, Martin?“, keuchte er. Alain berichtete ihm.

„So, so. Er hat richtig gejubelt, ja?“

„Ja, Mylord“, bestätigte Alain.

„Der braucht einen Denkzettel“, knurrte Roland. „Wie geht es dir?“, wandte er sich an Martin.

„Onkel, der Buhurt ist mir egal – aber ich will am Bogenturnier teilnehmen!“, erklärte der junge Mann bestimmt.

„Mit geprellter Bogenschulter und geprellter Hand? Du spinnst!“, ließ sich Robin von Locksley vernehmen, der von Martins Sturz gehört hatte und mit seinem Freund Roland rasch zum Zelt des Prinzen geeilt war.

„Robin, ich weiß, dass ich gegen dich keine Chance habe. Aber die nutze ich!“, versetzte Martin entschlossen.

„Der Kleine gefällt mir!“, kicherte der Bogenmeister. „Kann kaum geradeaus gucken, aber er will schießen. Hör mal, Martin: Du bist ein tapferer junger Mann, daran gibt es keinerlei Zweifel. Du musst weder mir noch deinem Onkel beweisen, was für ein Kämpfer du bist. Wir wissen es beide. Wir wissen es sehr gut. Ich weiß, wie gut du mit dem Bogen bist, wenn du gesund bist. Die Wächter von König Philippe können es aus dem Jenseits nur bestätigen. Aber wenn du in dem Zustand mit dem Langbogen schießt, blamierst du dich bis auf die Knochen. Tu das nicht!“

„Onkel Roland?“

„Ich kann es dir nicht verbieten, Martin. Als Thronfolger bist du mir nicht zum Gehorsam verpflichtet, das weißt du. Mein Vater würde es dir nicht einmal ausgeredet haben, auch das weißt du. Aber hier geht es nicht um Leben und Tod, sondern um hundert Gulden Preisgeld, die du nicht nötig hast“, erwiderte der Graf.

„Es ist nur … ich komme mir so … so nichtsnutzig vor!“

„Du bist kein Nichtsnutz! Es ist keine Schande, gegen einen so erfahrenen Turnierkämpfer wie Bertram zu verlieren“, erinnerte Roland.

„Mylord …“, meldete sich eine weibliche Stimme. Roland und Robin sprangen auf.

„Hohe Frau?“, verbeugte sich der Graf vor Prinzessin Regina.

„Verzeiht, wenn ich mich einmische, aber …“

„… aber?“

„Ich habe gesehen, dass Herr Bertram gezielt auf die Schulter gestochen hat und nicht auf den Schild, wie es vorgeschrieben ist.“

„Er ist bekannt für solche Hinterlistigkeiten. Danke, dass Ihr mir das noch einmal bestätigt habt“, lächelte Roland. „Wer seid Ihr?“

„Regina von Scharfenburg“

„Willkommen in meiner Grafschaft, Hoheit.“

„Ihr seid der Graf von Hirschfeld?“

„In eigener Person“, grinste Roland, als ihm auffiel, dass Regina zwischen ihm und Martin verblüfft hin und her sah.

„Habe ich dem Sohn des Grafen mein Lanzentuch verehrt?“, fragte sie verwirrt.

„Nein, dem unseres Königs“, erklärte Roland mit breitem Grinsen. „Robin, ich könnte dich und Alain als Sekundanten brauchen. Ermeldorf braucht eine Lektion. Kommt!“

 

Regina setzte sich zu dem recht verwirrt wirkenden Martin.

„Vielleicht hättet Ihr das Lanzentüchlein doch um die Stange knoten sollen und es nicht einstecken sollen“, mutmaßte sie.

„Ist das so?“, fragte der Prinz und nickte Jean-Raymond zu, der ihm den Gambeson brachte. Mit einiger Mühe nahm der Prinz die Schutzkleidung an.

„Seht mal: Der Gambeson ist in Schulterhöhe durchstoßen“, erklärte er die Löcher in Höhe der Schulter. „Ohne Euer ebenso zartes wie festes Tuch hätte er mich sehr viel schwerer verletzt, als mir nur eine böse Prellung beizubringen“, sagte er. „Ich danke Euch für Eure Gabe, die mir vielleicht das Leben gerettet hat. Was wollt Ihr, das ich für Euch tue, um diese Schuld abzutragen?“

„Geht nicht zum Bogenturnier! Und lasst das mit dem Buhurt sein!“, bat Regina. „Ich möchte Euch weder sterben sehen noch erleben, dass Ihr beim Bogenschießen versagt.“

„Wieso?“

„Ich habe Euch heute zum ersten Mal richtig gesehen, Martin. Ich würde Euch gern noch häufiger sehen, wenn es möglich ist.“   

„Ist das so?“, fragte Martin mit einem etwas schiefen Lächeln. Regina sah dieses Lächeln – und der letzte Damm brach. Sie setzte sich zu ihm und küsste ihn einfach.  

 

Leseprobe Teil 1

Kapitel 3

Eine besondere Frau

 

Reginas Lächeln nach diesem Kuss ließ Martin wie auf Wolken schweben.

„Und … ich soll Euch wirklich nichts für Eure ungeheure Gunst geben?“, fragte er. Allein der Klang seiner Stimme ließ sie schweben.

„Ihr habt mir genug gegeben, Martin. Ich kenne Euren Gegner. Ihr seid in meiner Erinnerung der Erste, der ihn überhaupt dazu zwingen konnte, mehr als eine Lanze zu brechen. Ihr wart bis zum Abwurf mit ihm gleich. Nein, mehr kann ich auch in der Minne nicht von Euch verlangen.“

„Und … wenn ich es dennoch möchte?“

Sie nahm seine linke Hand, streichelte sie eine Weile, sah zu Boden und schaute ihn dann direkt an.

„Tapfere Männer sind ein Geschenk Gottes. Kluge Männer ein noch viel größeres. Seid klug, Martin. Lasst es bleiben“, sagte sie. Er setzte an, etwas zu sagen, aber sie schüttelte den Kopf.

„Nein. Wenn Ihr mir in Minne dienen wollt, dann ist mein Befehl als Eure Minneherrin, dass Ihr zuerst Eure Verletzung auskuriert und dann erst erneut Eure Tapferkeit unter Beweis stellt.“

„Befehl?“, hakte der Prinz mit einem schier unwider­stehlichen Hundeblick nach. Mit einem sanften Lächeln, das beinahe mehr versprach, als die Prinzessin sich selbst vorgenommen hatte, schob sie ihn in bequeme Kissen zurück. Er ließ es seufzend geschehen, gab sich ihrer Zärtlichkeit einfach hin. Als er mit vor Wonne geschlossenen Augen lag, berührten ihre Lippen sachte die seinen. Es wurde ein intensiver Kuss daraus, der in einer Ehe eine Liebesnacht eröffnet hätte. Beide genossen diesen ersten Kuss, schmeckten einander, empfingen das zarte Streicheln ihrer Zungen als kostbares Geschenk des anderen.

„Ich verspreche Euch etwas“, flüsterte Martin.

„Und was?“, fragte sie lächelnd und strich sacht mit einem Finger um seine Lippen. Er küsste ihre Fingerspitzen, die sich ihm so einladend darboten.

„Ich werde nur dann weitermachen, wenn Hassan mich lässt. Seid Ihr einverstanden?“, bot er an.

„Und … welchen Einfluss habt Ihr oder jemand in Eurer Nähe auf den armen Hassan?“

„Keinen größeren als Ihr“, hauchte er und drückte nochmals seine Lippen auf ihre Fingerspitzen. Regina schloss die Augen. Was er da tat, war der Himmel auf Erden! Es dauerte einen Moment, bis sie sich soweit in der Gewalt hatte, dass sie ihm nicht sofort den Schoß präsentierte.

„Martin … bitte …“

„Ja?“

Grundgütiger! Diese Stimme  würde sie in ihren Träumen verfolgen!

„Ihr träumt davon, trotz allem das Bogenturnier zu bestreiten“, erkannte sie. Er lächelte.

„Ja, das tue ich“, bekannte er.

„Ritterlicher Wahrheitsliebe?“

„Ja.“

„Ich respektiere Eure Wahrheitstreue. Aber wirklich nur, wenn Ihr dazu in der Lage seid. Denn wenn … will ich Euch als Sieger vom Platz gehen sehen. Darunter mache ich es nicht.“

„Was macht Ihr darunter nicht?“, hakte er nach. Sie lächelte schelmisch.

„Der Siegespreis im Bogenturnier wird dieses Jahr nicht von der Gräfin vergeben“, erwiderte sie. „Ich glaube, Euer Onkel wollte wohl nicht, dass sie einen Räuber küssen muss …“

Martins Lächeln wurde noch breiter.

„Mein Onkel, meine Tante und Lord Locksley sind sehr gute Freunde. Sie hat ihm und seinem besten Freund Achmed eine Passage von der Bretagne nach England beschafft. Deshalb hat der König von Frankreich uns ja alle verbannt“, flüsterte er und tupfte noch einen Kuss auf ihre Finger. „Dann vergebt Ihr den Preis?“, mutmaßte er. Sie nickte.

„Ich werde gesund sein“, versprach er.

„Oh, Martin! Ihr …!“

Er richtete sich auf und verschloss ihr den Mund mit einem Kuss.

„Ich werde auch nicht zulassen, dass Ihr einen Räuber küssen müsst“, sagte er, als sie sich aus dem Kuss lösten.

„Ist er nicht ein Freund von Euch und Eurem Onkel?“

„Regina, liebste Prinzessin, schönste Blume Scharfenburgs: Robin von Locksley hat mir das Bogenschießen beigebracht. Mein Onkel, Roland von Ibelin, kann seeehr vieles. Was er kann, hat er mich gelehrt. Aber Bogenschießen ist nicht seine Welt – doch die meines lieben Freundes Robin.“

Regina schüttelte lächelnd den Kopf.

„Ihr seid verrückt!“, schalt sie. Er erwiderte ihr Lächeln.

„Ja – nach Euch!“, flüsterte er. Sie sah ihn erschrocken an.

„Wie?“

„Ich erinnere mich an Euch. Ihr wart als Gast in Palparuva, als mein Onkel, seine Familie, seine Leute und ich nach Wengland kamen. Ich habe das nie vergessen. Seitdem sehne ich mich danach, Euch wiederzusehen. Und dann erweist Ihr mir die höchste Ehre, die einem Knappen widerfahren kann: Ihr gebt mir Euer Lanzentüchlein! Ich kann Eure Güte nicht unvergolten lassen! Das darf ich einfach nicht! Noch bin ich kein Ritter, aber meine Ritterehre bekäme von Anfang an eine böse Delle, wenn ich mich jetzt einfach zurücklehne und schlapp mache.“

„Ihr macht nicht … schlapp! Ihr seid verletzt!“, erinnerte sie ihn.

„Ich fühle mich meinem tapferen Onkel einfach verpflichtet, der mit verletztem Arm und einer Schnittwunde im Gesicht Jerusalem verteidigte!“

 

Während Regina und Martin ganz allein miteinander flirteten, dass die Luft zu brennen schien, suchte Roland Bertram auf.

„Darf ich eintreten?“, fragte er, nachdem er sich am Zelteingang bemerkbar gemacht hatte.

„Aber natürlich, Mylord! Willkommen!“, grüßte Bertram ihn.

„Ihr habt Euch über den Sieg gegen Martin sehr gefreut, wie ich vernommen habe“, sagte der Graf. Bertram war ein wenglischer Ritter – und die nahmen den Rittereid grundsätzlich ernst.

„Ja, das habe ich, Mylord. Es ist schon etwas Besonderes, gegen Prinz Martin zu gewinnen – zumal er mich zweimal fast selbst aus dem Sattel geworfen hat. Wir hatten Gleichstand. Ja, es hat mich gefreut, dass ich dennoch gewonnen habe.“

„Martins linke Schulter ist verletzt. Ich weiß, dass er den Schild nie senkt. Das ist auch fast unmöglich beim Tjost.“

„Was meint Ihr?“

„Eine Zeugin sagte mir, Ihr hättet bewusst auf die Schulter gezielt, Mylord“, versetzte Roland eisig.

„Und jetzt wollt Ihr die Ehre Eures Neffen rächen? Ihr wisst, dass Ihr sie auf diese Weise nicht wiederher­stellt!“, entgegnete Bertram, nicht weniger frostig.

„Ihr habt nach Aussage der Zeugin auf dem Boden der Grafschaft Hirschfeld eine unfaire Handlung in einem Turnier begangen. Insofern übe ich mein Strafrecht als Graf dieser Provinz aus. Ihr bezweifelt die Aussage der Zeugin, entnehme ich Euren Worten. Ich fordere Euch zum Duell, Mylord! Außerhalb des Turniers.“

„Die Regularien kennt Ihr, nehme ich an. Als Geforderter kann ich die Waffe wählen. Ich stehe Euch im Tjost zur Verfügung“, entschied Bertram.

„Natürlich. Treffen wir uns in der Bahn nach Abschluss des heutigen Tages oder wollt Ihr das gleich auf freiem Feld mit mir austragen?“

„Nach Abschluss heute Abend. Ihr wisst, dass ich für den nächsten Gang qualifiziert bin – im Gegensatz zu Eurem Neffen.“

„Ja, das ist mir bekannt“, grinste Roland. „Dann also heute Abend – wenn das Turniergeschick uns nicht noch zusammenführt.“

Er verließ das Zelt und ließ einen recht konsternierten Bertram von Ermeldorf zurück. Roland von Ibelin-Hirschfeld war nicht für Duellforderungen bekannt. Das Missgeschick seines Neffen hatte ihn offensichtlich hart getroffen. Doch Bertram war sich bewusst, dass der Graf absolut Recht hatte: Er hatte auf Martins Schulter gezielt, um dem grünen Bengel eine Lektion zu erteilen. Er würde dem Grafen im Duell gegenübertreten müssen …

Graf Roland hatte als Kämpfer einen ausgesprochen guten Ruf, auch wenn er den Kampf in der Regel nicht um des Kampfes willen suchte.

 

Vom Zelt des Heermeisters ging der Graf zur Turnierverwaltung am Hohen Tor Südwest, um den Turnierplan einzusehen. Er selbst sollte um viertel vor elf auf dem Platz Nummer 6 gegen Graf Peter von Limmenfels im Tjost antreten. Peter galt auch nicht als Musterbeispiel von Fairness, aber Roland hatte ihn schon mehrfach in den Staub der Arena beißen lassen. Mit dem Limmenfelser hatte er ohnehin auch noch ein Hühnchen zu rupfen. Erst eine Woche nach Ostern hatten Limmenfelser Söldner mal wieder das Dorf Wutzbach am Limmur angegriffen und zwanzig Menschen getötet. Peter hatte natürlich bestritten, dass dies auf seinen Befehl geschehen war, aber dass Limmenfelser Söldner ein Dorf in einer anderen Grafschaft aus eigener Initiative angriffen, war einfach zu unwahrscheinlich. Das Turnier jetzt war die beste Gelegenheit, Peter dafür den Hosenboden stramm zu ziehen …

Bertram hatte die erste Vorrunde auf dem Platz Nummer 7 gewonnen. Für die zweite Vorrunde hatte er den Platz Nummer 5 gezogen. Wenn er den Kampf gewann, woran Roland keine Zweifel hatte, würde er dort auch in der ersten Hauptrunde antreten.

Roland sollte auf dem Platz Nummer 6 in der zweiten Vorrunde kämpfen. Er würde – wenn er den Kampf gewann – ebenso wie Bertram für die erste Hauptrunde auf diesem Platz bleiben. Der Turnierplan sah den Sieger der ersten Hauptrunde auf dem Platz 5 als nächsten Gegner des Siegers auf dem Platz 6 in der zweiten Hauptrunde vor … Der Graf konnte sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen. Er schaute aus dem Fenster hinaus auf die von ihm selbst gebaute Sonnenuhr an der Arenenseite des westlichen Hohen Tores der Nordseite. Es war jetzt viertel nach zehn. Es wurde langsam Zeit, die eigene Ausrüstung bereitzulegen …

 

Prinzessin Regina wollte um nichts in der Welt jetzt Martins Zelt verlassen, aber ihre Leibdienerin kam mit regelrecht gehetztem Blick herein.

„Herrin! Euer Bruder geht gleich in die Schranken! Euer Vater lässt schon nach Euch suchen!“, meldete sie.

„Ich muss gehen, Martin. Bedenkt, was ich Euch gesagt habe“, mahnte sie.

„Das werde ich“, versprach der junge Mann. Sehr zögernd, den verehrten Kämpfer so lange ansehend wie möglich, verließ sie das Zelt. Auch er sah ihr nach, solange es ging.

 

Regina und Sophie tauchten in der Gasse der Marktstände unter, die als einander zugewandte Doppelreihe mit zwei Klaftern Abstand zum gegenüberliegenden Stand die Arena umgaben. Die Marktgasse war an der Arenenseite mit festen Holzschranken gegen die Turniergasse abgetrennt, die sechs Klafter breit war. Vor den Läden in den Arkaden der Arena war ebenfalls mit festen Holzschranken nochmals eine vier Klafter breite Straße abgeteilt, damit die Turnierteilnehmer die Zugänge der Arena erreichen konnten, ohne sich mit den Marktbesuchern auf der einen Seite und den Zu­schauern vor den Kasseneingängen der Arena und den Kunden der Arena-Läden ins Gehege zu kommen. Das Turmescher Turnier war ein riesiges Volksfest, auf das sich die ganze Grafschaft fast ein ganzes Jahr freute und vorbereitete.

In der Gasse fahndete bereits Volker von Knutzingen nach Regina. Er war ein dem Herzog Ludwig sehr nahe­stehender junger Ritter, der wohl mit der Provinz Skarpenborn als Graf belehnt werden würde, wenn der jetzige Graf, der ebenso greise wie erbenlose Rudbert, die Augen für immer schließen würde. Ludwig hatte ihn selbst an seinem Hof erzogen und wäre gewiss nicht traurig gewesen, wenn Regina dazu zu bringen gewesen wäre, sich für Volker zu interessieren. Er konnte sie allerdings nicht einfach mit dem künftigen Grafen von Skarpenborn verheiraten. Ludwig hatte seiner Frau auf ihrem Totenbett geschworen, dass ihre Kinder niemals in eine Ehe gezwungen werden würden. Ludwig und seine Gemahlin Helene hatten gegen viele Widerstände aus Liebe geheiratet. Helene wollte abgesichert wissen, dass ihre beiden Söhne und ihre Tochter sich die Ehefrauen oder den Ehemann selbst aussuchen konnten. Insofern war Ludwig genötigt, seiner Tochter mögliche Heiratskandidaten und seinen Söhnen die entsprechenden Kandidatinnen wirklich schmackhaft zu machen und dafür zu sorgen, dass sie sich in seiner Meinung nach den Richtigen oder die Richtige verliebten.

Volker gehörte nach Reginas Meinung allerdings nicht in diesen erlauchten Kreis – erst recht nicht mehr, seit sie an diesem Tag Martin hatte kämpfen und tapfer verlieren sehen. Dass er zu den Söhnen des Königs gehörte, war für sie völlig unerheblich. Sie hatte ihn als einfachen Knappen kennen und schätzen gelernt, vielleicht auch lieben, aber darüber war sie sich selbst noch nicht ganz im Klaren. Sie wusste nur, dass sie einfach darauf brannte, ihn wiederzusehen.

„Hier seid Ihr!“, schnaufte Volker erleichtert, als er Regina in dem Gewimmel der Marktgasse endlich aufgespürt hatte. „Euer Vater macht sich schon Sorgen, wo Ihr bleibt. Prinz Heinrich wird gleich im Tjost gegen Karsten von Ahornburg antreten. Kommt!“

Volker nahm sie einfach am Arm und lotste sie zur Arena und zum Platz Nummer 17, wo Heinrich gegen Karsten antreten sollte. Sie kamen gerade noch rechtzeitig. (…)

Ende der Leseprobe zu Teil 1

 

Leseprobe Teil 2

 

Kapitel 1

Der Seriensieger

 

In der folgenden Zeit übte Martin mehr als nur eifrig, um seine Fähigkeiten in den ritterlichen Turnierdisziplinen zu verbessern. Das Ergebnis war, dass er schon das folgende Turnier von Limmstedt, das im Juni in der Grafschaft Limmenfels stattfand, im Stechen gewann. Es war der Beginn einer beispiellosen Siegesserie. Nie zuvor war es in den Verborgenen Landen geschehen, dass ein Ritter noch vor seinem achtzehnten Geburtstag ein Turnier gewonnen hatte – wobei es eine gewisse Rolle spielte, dass die für den Ritterstand vorgesehenen Knappen im Normalfall mit achtzehn Jahren zum Ritter geschlagen wurden. Der junge Prinz gehörte zu den Wenigen, denen diese Ehre vor ihrer Volljährigkeit zuteilgeworden war. Und Martin gewann gleich acht Turniere, bevor er im November 1198 achtzehn Jahre alt wurde. 

Im Herbst 1198 und vor der neuen Turniersaison, die im Frühjahr 1199 begann, gab es unter den Turnierinteressierten der Verborgenen Lande eigentlich nur noch eine Wette: Wer würde es bis ins Finale des Stechens schaffen – außer Prinz Martin von Wengland, um von diesem besiegt zu werden … Ja, man wettete in der Tat nur noch darauf, wer hinter dem Thronfolger Wenglands Zweiter werden würde.

 

Zwei Wochen vor Ostern bat Martin seinen Onkel und Erzieher, Roland von Hirschfeld, um die Erlaubnis, dem alten Grafen Alwin von Falkenstein im benachbarten Herzogtum Scharfenburg bei der Turnierorganisation helfen zu können und selbst an diesem Turnier teilnehmen zu können. Es würde in der Woche nach Ostern das erste Turnier des Jahres 1199 sein.

„Falkenstein ist weit, Junge“, sagte Roland. „Bist du bis zu unserem Turnier im Mai gewiss wieder zurück?“

Weil Ostern in diesem Jahr spät war – der Ostersonntag war der 18. April – war das Maiturnier in Turmesch nicht einmal einen vollen Monat später. Die Absicht seines Neffen entsprach deshalb nicht ganz den Planungen des Grafen von Hirschfeld, der gute drei Wochen nach dem Ende des Falkensteiner Turniers selbst ein umfangreiches Turnier veranstaltete – das größte in den Verborgenen Landen überhaupt …

„Ja, ganz sicher, Onkel“, lächelte der junge Mann. „Falkenstein ist eins von den kleineren Turnieren – und trotzdem für Graf Alwin durch die Abwesenheit seiner Söhne nur schwer zu bewältigen. Er hat mich gebeten, ihm ein wenig behilflich zu sein.“

Alwins Bruder Siegmund war Graf der scharfenburgischen Provinz Dunkelfels, die als einzige Grafschaft des Herzogtums südlich des Alvedra lag und bis an das Aventurgebirge und den Aventursee reichte, die die Grenze zum Königreich Wilzarien bildeten. Weil immer wieder Wilzarentrupps nach Dunkelfels eindrangen und Dörfer plünderten, hatte Siegmund seinen Bruder um Unterstützung gebeten. Alwin hatte seine beiden Söhne, Eduard und Lewin von Falkenstein, mit Verstärkungen nach Dunkelfels gesandt und Martin um Unterstützung bei der Turnierorganisation gebeten.   

„Und außerdem setzt er fünfhundert Silberdukaten als Preis für jede Disziplin aus … verstehe“, grinste Roland. „Reite nur. Du wirst noch früh genug auf das Reisen verzichten müssen“, ergänzte er und umarmte den Prinzen. „Ich bin stolz auf dich, mein Junge. Du verstehst es, deine Kampftechnik auf friedliche Weise weiterzuentwickeln.“

 

Zu den meisten Turnieren begleitete Martin sein Freund Mathieu von Rolandsmühl, der Sohn von Rolands Hauptmann Alain von Rolandsmühl, doch Mathieu hatte eine Einladung von Hermann von Wingertsstift, dem Vater seiner Angebeteten, Magdalena. Martins Knappe Eckart Wolfenberg wurde bei den Vorbereitungen zum eigenen Turnier in Turmesch benötigt. So machte sich der Prinz allein auf den Weg nach Scharfenburg. Sein Weg führte ihn über Wachtelberg zunächst nach Stolzenfels, wo er sich der Turniergesellschaft des Herzogs anschließen wollte. Bis nach Falkenstein würde er eine ganze Woche benötigen.

In Stolzenfels, der Hauptstadt des Herzogtums Scharfenburg, sah der Torwächter den weithin leuchtenden gelben Wappenschild mit dem roten achtspitzigen Kreuz, an dem der Prinz kenntlich war. Der Wappenrock des jungen Mannes war dunkelrot und hatte das Wappen in Schildform auf der Brust aufgenäht. Der Schild hatte etwa acht Zoll Länge und sechs Zoll Breite. Noch war er nicht volljährig und konnte die Grafschaft Steinburg und das Wappen des Thronfolgers, die goldene Lilie im roten, grün umrandeten Feld, noch nicht übernehmen.

König Philipp, der erste König Wenglands, hatte zwar sein eigenes Prinzenwappen – den goldenen Falken im grünumrandeten roten Feld – als Zeichen für den designierten Nachfolger auf dem Thron bestimmt. Doch schon sein Sohn Otto, der von seinem Bruder, König Martin dem Säufer, den Thron geerbt hatte, hatte sein eigenes Zeichen als jüngerer Bruder des Thronfolgers dazu erhoben – und das war die goldene Lilie im roten Feld. Er hatte auch veranlasst, dass das Landeszeichen Wenglands, die goldene Lilie im grünen Feld, um das rote Feld mit goldener Lilie erweitert wurde.

„Öffnet das Tor! Prinz Martin kommt!“, rief der Mann zu den Torposten hinunter.

Der Herzog bekam ein freundliches Lächeln, als er den Ruf hörte. Er war einigermaßen sicher, dass er am Ende des anstehenden Turnieres Martins erneute offizielle Werbung um die Hand seiner Tochter Regina hören würde. Seit sein Onkel ihn im Mai 1198 zum Ritter geschlagen hatte, hatte Martin kein Turnier in der Grenzregion mehr verpasst. Stets hatte er für Tjost und Schwertkampf gemeldet und seit Juli 1198, seit dem Wengland-Turnier in Steinburg, bei keinem der Turniere in diesen Disziplinen mehr verloren. Die Bedingung, dass ein Ritter wenigstens sieben Turniere gewonnen haben sollte, bevor er in Scharfenburg um die Hand eines Mädchens anhielt, hatte er mit den Siegen im Stechen und im Schwertkampf beim Turnier von Bauzen­stein Anfang Oktober 1198 bereits erfüllt.

Dass er seine Werbung um Regina noch nicht erneut vorgetragen hatte, lag allein daran, dass er erst während des neunten von ihm gewonnenen Turniers in Oberwengland seinen achtzehnten Geburtstag begangen hatte; daran, dass die herzogliche Familie Scharfenburgs bei dem Turnier in Oberwengland nicht zugegen gewesen war und daran, dass dies das letzte für Martin im Jahr 1198 erreichbare Turnier gewesen war.

Zudem hatte er an Preisgeldern gute zweitausend Wenglische Gulden oder dreitausend Scharfenburgische Dukaten gewonnen – mehr, als so mancher Graf an verbleibenden Einkünften aus seiner Grafschaft zog. Die Hälfte davon hatte er an Arme und Kranke verteilt. Und wenn er keine Einzelpersonen fand, die er mit seinen Gewinnen unterstützen konnte, dann hatten sich die Johanniterstifte über einen warmen Geldregen freuen können. Die Armen waren die größten Freunde ihres Gönners. In den Sommermonaten schwenkten sie rote Blüten, um ihrem Prinzen ihre Unterstützung zu signalisieren, in den Herbstmonaten waren es ungefärbte Leinentüchlein, die sie für ihn schwenkten.

„Herr, Prinz Martin bittet darum, Euch seine Aufwartung machen zu dürfen“, meldete ein Diener dem in Gedanken versunkenen Herzog. Ludwig schreckte hoch.

„Ja, lass ihn eintreten“, erwiderte er, als er gedanklich wieder in seinem Thronsaal war. Der Diener bat den Prinzen herein, der mit federnden Schritten den Thronsaal betrat, in der Mitte stehenblieb und sich vor dem Herzog verneigte.

„Ehre dem Herzog von Scharfenburg!“, grüßte er den Landesherrn. Ludwig lächelte väterlich. Dieser gerade Achtzehnjährige hatte auch noch gute Manieren …

„Willkommen, Königliche Hoheit!“, erwiderte er den höflichen Gruß des jungen Mannes. „Wollt Ihr uns nach Falkenstein begleiten?“

„Es wäre mir eine Ehre“, lächelte der Prinz. „Eine noch größere Ehre wäre es, wenn Ihr mir erlaubt, der Ehrenritter Eurer holden Tochter zu sein.“

„Muss ich Euch das erst erlauben?“, schmunzelte Ludwig. „Seit dem Turnier, an dem Euer Onkel Euch den Ritterschlag gab, habt Ihr stets nur von einer Dame ein Lanzentüchlein angenommen – von Regina. Und sie gibt es stets nur Euch. Ihr seid doch längst ihr Ehrenritter, mein Sohn. Doch wenn Ihr das so ausdrücklich wünscht, sollte ich sie wohl fragen, was meint Ihr?“

Im Geist sah der Herzog eine dauerhafte Verbindung zwischen Wengland und Scharfenburg mit Regina als neuer Königin auf Wenglands Thron, wenn Martin seinen Vater eines Tages beerben würde. Der Prinz lächelte sanft und nickte. Der Herzog winkte einer Hofdame, die knickste und den Thronsaal verließ, um die Prinzessin aus ihrer Kemenate zu bitten. Sie brauchte nicht weit zu gehen. Regina kam ihr schon auf dem Flur zum Thronsaal entgegen.

„Er ist da, Herrin!“, sagte sie. Die Prinzessin erwiderte das strahlende Lächeln und beeilte sich noch etwas mehr, um in den Thronsaal zu gelangen. Martin sah sie eintreten und verbeugte sich vor ihr.

„Meine Prinzessin“, begrüßte er sie. Sie trat mit hochroten Wangen zu ihm und bot ihm die Hand, die er vorsichtig annahm und bis kurz vor seine Lippen führte.

„Willkommen, mein Prinz“, hauchte sie aufgeregt.

„Regina, Prinz Martin hat darum gebeten, beim Turnier in Falkenstein dein Ehrenritter zu sein. Bist du einverstanden, oder soll ich wieder Graf Volker um diesen Ehrendienst bitten?“, fragte Ludwig. Volker von Skarpenborn war der jüngste seiner Grafen, seit einem knappen halben Jahr überhaupt erst Graf seiner Provinz. Er war mit den Söhnen des Herzogs zusammen aufgewachsen, ein hübscher junger Mann. Doch die vier Jahre, die er älter war als die Prinzessin, machten sich für die Siebzehnjährige unangenehm bemerkbar. Martin war nicht ganz ein Jahr älter als sie selbst. Von dem Umstand, dass auf den jungen Prinzen eines Tages ein Königsthron wartete, mal ganz abgesehen … Sie sah ihren Vater glückstrahlend an.

„Das ist unnötig, Papa. Ich bin mit Mar…, äh, Prinz Martin einverstanden“, erwiderte sie und schenkte das strahlende Lächeln dem Prinzen.

„Nun, dann seid Ihr der ritterliche Begleiter meiner Tochter, Herr Martin. Erweist Euch dieser Ehre für würdig“, wandte sich der Herzog an Martin. Der junge Mann lächelte, dass Regina die Knie richtig weich wurden.

„Das werde ich“, versprach er mit sanfter Stimme. Er nahm auch Reginas andere Hand.

„Ich kämpfe ohnehin nur für Euch, meine Prinzessin“, sagte er.

„Wer wüsste das besser als ich, mein Prinz“, schmachtete sie zurück.

 

Noch am selben Nachmittag brach die herzogliche Turniergesellschaft nach Rossfurt auf, dem Hauptort der Provinz Rossensee, wo sie Graf Fridolin und seine Begleiter abholen wollten. Martin ritt neben Reginas Zelter. Die jungen Leute schmachteten sich wortlos an, wie Heinrich und Simon, Reginas ältere Brüder, feststellten. Seit ihre Schwester den Thronfolger des Nachbarreiches 1195 bei seiner Rückkehr nach Wengland in Palparuva kennen gelernt hatte, hatte sie von ihm geschwärmt. Und seit sie sich bei dem Hirschfelder Turnier im Mai 1198 erfolgreich von der Familie abgesetzt hatte und mehr zufällig auf die Stechbahn geraten war, auf der Martin gegen Bertram von Ermeldorf angetreten war, war es endgültig um sie geschehen gewesen. Inzwischen betrachtete sie es als göttliche Fügung, dass sie gerade dort noch einen Platz bekommen hatte. Zwar hatte er im dritten Gang schließlich verloren, doch war es das letzte Mal gewesen, dass er beim Stechen unterlegen war.

Seither hatte er jedes Stechen gewonnen – jedes. Im Juni 1198 war sein Onkel und Lehrmeister in Limmenfels nicht angetreten. Martin hatte im Finale den Hausherrn, Graf Peter, im ersten Gang in den Staub befördert. Im Juli 1198 hatte er im Finale von Steinburg seinen Onkel aus dem Sattel geworfen, hatte dafür aber drei Anläufe gebraucht. Diese ersten Erfolge hatten die Experten, die es für diese Art der immer mehr zur Unterhaltung werdenden Veranstaltung längst gab, noch als Zufall oder sogar geschoben gewertet – besonders den Umstand, dass Martin seinen Onkel besiegt hatte, der selbst ein Tjostmeister war. Viele nahmen an, Graf Roland habe seinen geliebten Neffen gewinnen lassen. Doch nach dem Augustturnier 1198 in Wachtelberg änderte sich die Meinung der Dauerbesucher, die kein Turnier ausließen, das geboten wurde. Dort hatte Martin nicht nur seinen Vater und seinen Onkel, sondern auch Markgraf Richard und Niklaus von Thannburg im Stechen besiegt. Die Letzteren galten ebenfalls als erstklassige Turnierer und standen keineswegs in dem Verdacht, den jungen Prinzen gewinnen lassen zu wollen.

Und seit dem Hirschfelder Turnier vom Mai 1198 reiste Prinzessin Regina zu fast jedem Turnier, an dem Martin teilnahm. Sie war nur dann nicht dort gewesen, wenn zeitgleich in Wengland und Scharfenburg Turniere stattfanden. Bei den Herrscherfamilien hatten die Turniere im eigenen Land natürlich Priorität. Ihre Brüder hatten sie meist begleitet – einerseits, weil sie selbst ger­ne an Turnieren teilnahmen, zweitens, um auf ihre jüngere Schwester Acht zu geben und drittens, weil sie selbst den Thronfolger des Nachbarlandes schätzten.

Weil er sich auch nach einem entscheidenden Sieg zwar erkennbar freute, aber sich Triumphgehabe gegen­über dem geschlagenen Gegner verkniff, wurde er rasch zum Publikumsliebling. Jubel nach einem Sieg ja, Spott gegenüber dem Verlierer niemals! Das sehnsüchtige Seufzen der Damen war in den Arenen nicht zu überhören, wenn er sich bei Prinzessin Regina das einzige Lanzentüchlein abholte, das seine Lanze zierte, das er nach einem Lanzenbruch selbst um die neue Lanze knotete, das er nach einem Sieg stets mit einem Kuss bedachte, bevor er es ihr zurückreichte.

Wer Heinrich oder Simon nach dem wahren Ritter der Minne fragte, bekam den Rat, sich ein Turnier anzusehen, bei dem Prinz Martin von Wengland im Tjost an­trat …

Regina lenkte ihren Zelter so nah an Martins Reisepferd, das sich ihre Füße in den Steigbügeln beinahe berührten.

„Wirst du um mich werben, wenn du dieses Turnier gewonnen hast?“, fragte sie. Er lächelte verliebt.

„Erwartest du, dass ich das Stechen gewinne?“, erkundigte er sich neckend. 

„Seit dem Wengland-Turnier konnte dir weder im Stechen noch im Schwertkampf jemand widerstehen. Sollte ich etwas anderes von dir erwarten als einen Sieg?“, erinnerte sie. Sein Lächeln verbreiterte sich.

„Es kann immer etwas schiefgehen“, gab er zu bedenken.

„Wieso zweifelst du an dir?“, fragte sie. Sein Lächeln erlosch wie eine ausgeblasene Kerze.

„Vielleicht, weil ich gelernt habe, dass Glück nicht von Dauer ist“, erwiderte er. „Ich mag mich nicht in Erfolgen sonnen, die Vergangenheit sind, sobald ich sie errungen habe.“

Regina sah Martin einen Moment an. Er wirkte bedrückt. Sie streckte ihm ihre linke Hand entgegen, die er mit einem etwas mühsamen Lächeln in seine Rechte nahm.

„Wieso nicht? Wenn ein Sieg errungen ist, dann darf er auch gefeiert werden“, sagte sie. Er schüttelte den Kopf.

„Nein, ich traue dem Glück nicht. Zu oft hat es Menschen verlassen, die mir nahe standen oder immer noch stehen.“

Er erzählte ihr von dem glücklichen Sommer 1190, dem für seine Erzieher ein schlimmes Jahr 1191 gefolgt war. 1192 hatte es die Freude der Geburt seines jüngeren Cousins und die erfolgreiche Vermittlung eines Waffenstillstandes durch seinen Onkel im Heiligen Land gegeben, aber auch die ungerechtfertigte Verbannung der ganzen Familie aus dem Königreich Jerusalem;

1193 war mit einem Mordanschlag auf seinen Onkel, dem Tod seines Großonkels durch dasselbe Attentat, dem Tod Saladins, den Intrigen al-Efdals und de Lusignans auch eher ein Katastrophenjahr gewesen. Es war eine solche Katastrophe gewesen, dass sein Onkel lieber als tot hatte gelten wollen und deshalb sogar seinen Namen geändert hatte. Der lange Aufenthalt in Wengland bei ihrer Rückkehr nach Frankreich, die erfolgreichen Ermittlungen seines Onkels in einem Streitfall, der beinahe zu diplomatischen Verstimmungen zwischen Wengland und Scharfenburg geführt hatte, waren die Lichtblicke gewesen.

1194 war trotz der Fehde, die Jacques de Valpellier gegen seinen Onkel geführt hatte, ein gutes Jahr gewesen; der Schlag 1195 umso heftiger, als der König von Frankreich seinen Onkel des Verrats bezichtigt und zum Tod im Angstloch verurteilt hatte. Martin ordnete es unter Glück ein, dass er selbst noch rechtzeitig hatte ausbrechen können, um seinen Onkel zu retten. Die Zerstörung des Lehens seines Onkels und die Verbannung der Überlebenden des königlichen Zornes aus sieben Dörfern – Menschen, die nichts für das konnten, was ihrem Herrn fälschlich vorgeworfen worden war – und der Tod seiner Mutter im Februar 1195 waren die Tiefstpunkte dieses scheußlichen Jahres gewesen.

Seit dem Sommer 1195 ging es eigentlich bergauf. Roland war mit den Seinen in Wengland freundlich aufgenommen worden, er war 1196 mit der vakanten Grafschaft Hirschfeld belehnt worden, hatte das große Turnier von Turmesch vervollkommnet und zu dem Turnier in den Verborgenen Landen gemacht. Doch Martin misstraute dem nun zweieinhalb Jahre währenden Glück.

„Nein“, widersprach die Prinzessin, als er geendet hatte. „Nein, betrachte es anders: Die üblen Zeiten sind vorbei – endgültig. Genieße den Frieden und das Glück, das dir geschenkt ist. Freue dich über jeden Tag, den es dich begleitet.“

„Ich freue mich, doch wage ich nicht es zu laut zu bejubeln, um es nicht zu verschrecken, dieses unfassbare Glück. Mir scheint es als scheues Wild, das flieht, sofern ich es zu laut anspreche“, entgegnete er. Regina lachte hell.

„Du bist ein Schwarzseher, Martin!“, jauchzte sie. „Bitte, sei fröhlich, genieße dein Leben, solange du kannst! Wenn du erst deines Vaters Krone geerbt hast, ist es mit dem Turniervergnügen vorbei!“

„Nun gut, wenn meine Prinzessin es wünscht, will ich versuchen, fröhlicher zu sein“, erwiderte er mit dem ihm eigenen sanften Lächeln, das jedem weiblichen Wesen augenblicklich sehnsüchtige Seufzer entlockte. Regina schmolz noch ein bisschen mehr dahin. Ihre Hände umfassten sich fester.

„Soll ich dir etwas verraten?“, fragte sie geheimnisvoll.

„Und was?“, erkundigte er sich.

„Dass ich deine Ernsthaftigkeit und deine Ritterlichkeit sehr mag“, sagte sie leise. „Du hast keine Flausen im Kopf. Jetzt weiß ich auch, wieso. Es kommt dir nicht in den Sinn, einen Gegner zu verspotten, den du besiegt hast. Das macht dich besonders sympathisch. Aber dein Lachen ist ein Geschenk. Es ist so wunderschön, dass ich es in dem Moment bereits schmerzlich vermisse, in dem es erlischt. Es ist zu schön, um es missen zu wollen. Wenn du mir wirklich einen Wunsch erfüllen willst, dann den, dass du öfter lächelst.“

Er verneigte sich schweigend – und verliebt lächelnd.

 

Zwei Tage darauf erreichte die herzogliche Reisegesellschaft Falkenstein, nun bereichert um Graf Fridolin von Rossensee und sein Gefolge. Weil Martin dem greisen Grafen Alwin versprochen hatte, ihm bei der Organisation zur Hand zu gehen, konnte er sich zwischen den Veranstaltungen, die er mit Regina als deren Ehrenritter besuchte, nicht so intensiv um sie kümmern, wie er es zunehmend wollte. Er brannte schier vor Sehnsucht, wenn sie nicht in seiner Sichtweite war.

„Ihr seid verliebt, junger Freund“, stellte Alwin fest. Der junge Prinz sah den alten Grafen mit dem langen, weißen Bart einen Moment an.

„Ja“, gab er unumwunden zu. „Ich vertraue Euch kein Geheimnis an, wenn ich Euch sage, dass es Prinzessin Regina ist, die mir das Herz geraubt hat.“

Alwin konnte ein lautes Lachen nur knapp unterdrücken.

„Geraubt? Oh, da habt Ihr Euch schon bitter gerächt als Ihr mit dem ihren durchgegangen seid!“, jubelte er.

„Ja, das ist wahr; doch bin ich bereit, dafür zu büßen. Wie immer dieses Turnier auch ausgeht: Ich werde Herzog Ludwig erneut um die Hand seiner Tochter bitten“, sagte der junge Mann. „Die geforderten sieben Turniere habe ich gewonnen, Regina und ich haben das geforderte Mindestalter erreicht.“

„Ich denke, Ihr würdet damit nicht nur ihr einen Gefallen tun und auch Euch selbst, sondern den christlichen Landen dieser Region überhaupt. Eine Verbindung zwischen Euch und Regina käme einem Bündnis zwischen Scharfenburg und Wengland gleich. Ein stärkeres Bollwerk gegen dieses heidnische Raubgesindel aus dem Süden, die Wilzaren, gäbe es nicht“, erwiderte Alwin. „Nicht zu vergessen Euer handwerkliches Geschick, das jetzt schon legendär ist. Euer verehrter Onkel hat Euch Fähigkeiten beigebracht, die sich jeder König nur wünschen kann. Welcher andere Prinz ginge sonst morgens um sechs in die Schmiede, um sein Pferd zu beschlagen oder um sein Schwert richtig von Scharten zu befreien und es nicht nur oberflächlich herzurichten?“

„Habe ich Euch etwa geweckt? Dann bitte ich um Verzeihung“, sagte Martin und lief rot an. Alwin schüttelte den Kopf.

„Ich schlafe ohnehin schlecht, seit meine Söhne Eduard und Lewin mit meinen Soldaten meinem Bruder und meinem Neffen in Dunkelfels beistehen. Ich habe seit Monaten keine Nachricht von ihnen, mache mir Sorgen um sie. Nein, Ihr habt mich nicht geweckt.“

„Dennoch bitte ich um Verzeihung, dass ich Eure Schmiede heimlich benutzte. Ich hätte Euch fragen sollen“, bereute Martin die heimliche Schmiedeaktion.

„Und wieso habt Ihr so heimlich geschmiedet?“, fragte Alwin interessiert.

„Ein Prinz, der schmiedet! Und das auch nur, weil er nicht schlafen kann!“, schnaubte der Prinz verächtlich.

„Nein, geht nicht so verächtlich mit Euren Fähigkeiten um, ein Junge“, wehrte Alwin ab. „Schmiede sind wertvolle Handwerker. Meist sind sie das erste Ziel von Plänklern, um eine Waffenproduktion zu unterbinden“, erwiderte Alwin. Martin rang sich ein Lächeln ab.

„Ein guter Grund, diese Fähigkeit nicht zu laut hinauszuschreien. Mein Onkel ist nur deshalb noch in einem Stück, weil er während einer Fehde, die gegen seinen Onkel ausgesprochen wurde, rechtzeitig fliehen und sich verstecken konnte“, entgegnete er.

„Euer Onkel und Flucht? Das passt nicht zusammen!“, wunderte sich Alwin.

„Nein, stimmt schon. Aber damals erkannte sein Onkel, zu dem er gesandt worden war, um seine Ausbildung fortzusetzen, die Ehe zwischen meinem Großonkel und seiner Gemahlin nicht an, weil sie angeblich zu nahe verwandt waren. Er hatte Onkel Roland als angeblichen Bastard aus seinem Haus gewiesen, hatte ihm die Anerkennung als Adligen entzogen und seinem Schmied als Gesellen übergeben. Er galt deshalb als gemeiner Mann, der selbst nicht bewaffnet sein durfte und konnte nur fliehen, als die Söldner des Feindes das Dorf angriffen. Ich wollte jedenfalls nicht, dass alle Welt weiß, dass Wenglands Thronfolger nicht auf einen Schmied angewiesen ist. Das könnte mich im Fall eines Krieges und im Fall meiner Gefangennahme mindestens die rechte Hand kosten, wie Onkel Rolands Meister.“

Alwin lächelte väterlich.

„Ich werde Euer Geheimnis hüten“, versprach er. „Und was habt Ihr gemacht?“, erkundigte er sich interessiert. Martin griff in seine Wamstasche und holte einen goldenen Ring mit einem rechteckig geschliffenen, durchsichtigen grünen Stein heraus. In die hohen Seiten war ein gekrönter Kranz mit einer angedeuteten Lilie gegossen.

„Die Seitenverzierung ist nicht so gelungen, wie ich es erhofft habe. Als Lilie ist es kaum zu erkennen“, sagte er. Alwin nahm den Ring und betrachtete ihn von allen Seiten. Er war glatt und ebenmäßig, die hohe Randverzierung auf beiden Seiten identisch und symmetrisch, das Zentrum zwar nicht hundertprozentig als Lilie zu identifizieren, aber mit etwas Fantasie als solche zu erkennen.

„Meine Güte, stellt Ihr Ansprüche an Euch selbst!“, entfuhr es ihm. „Martin, das ist eine hervorragende Arbeit!“

„Für jemanden, der die Schmiedekunst nur aus Neigung betreibt, gewiss“, räumte der Prinz ein. „Aber ich lerne dies seit meinem achten Lebensjahr und bringe nichts Besseres zustande! Ich sollte mich schämen!“

Alwin gab ihm den Ring zurück und schüttelte den Kopf.

„Übertriebene Selbstkritik ist nicht angebracht, mein Junge!“, sagte er. „Euer Onkel kann nur stolz auf Euch sein. Schließlich bildet er Euch nicht zum Schmied aus, sondern hauptsächlich zum Ritter und zu Wenglands künftigem König. Dass Ihr solche … sagen wir … Nebenfähigkeiten entwickelt und fast vervollkommnet habt, sollte Euch nicht veranlassen, dafür um Entschuldigung zu bitten.“

„Es soll mein Verlobungsgeschenk für Regina sein. Das sollte aber ein Meisterstück sein, ist man der Prinz eines Landes, der Thronfolger gar. Ehrlich, das kann ich meiner geliebten Prinzessin doch nicht schenken!“

Alwin schmunzelte vergnügt.

„Euer Onkel hatte da nicht gar so große Bedenken, wie ich weiß. Er schenkte seiner ersten Frau ein etwas holprig geratenes Silberkreuz“, erinnerte er den Prinzen. „Und ich habe von Eurem Onkel zu meinem fünfundsiebzigsten Geburtstag silberne Becher geschenkt bekommen, die seine ganze großartige Handwerkskunst spiegeln. Er ist ein Meister der Schmiedekunst, kein Zweifel, aber er ist halt etwas älter als Ihr und hat während des Aufenthaltes bei seinem Onkel in Frankreich eben nur geschmiedet, weil er gerade nicht als Ritter anerkannt wurde. Natürlich hat er es nach zwanzig Jahren zu größerer Fähigkeit gebracht als Ihr nach zehn Jahren, in denen dies aber nicht der Hauptinhalt Eurer Erziehung war.“

Er tippte auf den Ring in Martins Hand.

„Das hier, mein Junge, wird Regina ebenso begeistern wie das holprige, aber liebevoll geschmiedete Kreuz die erste Gemahlin Eures Onkels entzückte, glaubt mir“, ergänzte er. Martin fand sein Lächeln wieder.

„Danke, Graf Alwin.“

Alwins Turnier war der erwartete Erfolg für Prinz Martin. Sowohl im Schwertkampf als auch im Stechen besiegte er im Finale jeweils Markgraf Richard von Rebmark. Die Preise – jeweils eine vergoldete Statue eines Falken, der entsprechend der Disziplin ein Schwert oder eine Lanze in den Fängen hielt – vergab Prinzessin Regina. Sie überreichte sie mit einem solch strahlenden Lächeln an den Thronfolger des Nachbarlandes, dass für jedermann sichtbar war, wie sehr sie ihm diese Siege gönnte und wie sehr sie den nicht minder strahlenden Sieger mochte. Obwohl die Etikette es nicht erforderte, ging Martin in die ritterliche Kniebeuge, als sie ihm die Pokale übergab.

„Ehre Euch, Martin, Sieger im Turnier von Falkenstein. Möge Euer doppelter Sieg einen besonderen Platz in der Chronik Falkensteins einnehmen“, sagte sie.

„Dank Euch, edle Prinzessin Regina. In meinem Turnierbuch wird es ein denkwürdiges Ereignis sein, so wahr mir Gott helfe“, erwiderte er und nahm die Statuen entgegen, verbeugte sich noch in der Kniebeuge und reichte sie dann an Lewin weiter, den Knappen, den Graf Alwin ihm zur Seite gestellt hatte. Der Prinz stand auf und nahm Reginas schmale Hände, beugte sich darüber und bedachte sie mit ebenso ehrerbietigen wie sanften Küssen.

„Holde Regina, ich ringe schon eine Weile um die richtigen Worte. Sie wollen mir nicht einfallen, denn ein Meister der Minne bin ich wahrlich nicht. So frage ich Euch direkt: Wollt Ihr meine Gemahlin werden und – so Gott es will – eines Tages Wenglands Thron mit mir teilen?“, rang er sich die Frage aller Fragen ab. Regina sah ihn eine Weile an. Er war schon wieder so ernst, wie sie es kannte, schien sich wieder nicht über seine Siege freuen zu können. Es dauerte einen Moment, bis ihr klar wurde, dass er dieses Mal einen anderen Preis haben wollte – sie selbst. Sie lächelte sanft.

„Gewiss, mein Prinz. Doch lasst mich betonen, dass nicht Euer künftiger Thronanspruch meine Entscheidung beeinflusst, sondern ganz allein Ihr selbst. Ja, ich erhöre Eure Werbung“, sagte sie und zauberte ein wundervolles Lächeln auf sein Gesicht.

„Vater“, wandte sie sich an den mit liebevoller Wärme der Siegerehrung folgenden Herzog, „ich bitte Euch um die Erlaubnis, Prinz Martin von Wengland ehelichen zu dürfen.“

Des Herzogs Lächeln war die pure Güte.

„Regina, du weißt, dass du nach dem letzten Willen deiner Mutter, meiner geliebten Herzogin Helene, in der Wahl deines Gemahls frei bist. Ja, ich bin einverstanden“, sagte er und schaute sich einmal um und wandte sich dann an den jungen Mann:

„Prinz Martin, ich hoffe, Ihr habt Euch Eure Worte gut überlegt, denn Ihr habt sie vor einigen Dutzend Zeugen ausgesprochen. Eure Worte und Reginas und mein Einverständnis machen Euch zum Verlobten meiner geliebten Tochter. Euch gebe ich sie mit Freuden zur Frau. Willkommen in meiner Familie, Eidam!“ 

„Habt Dank, Schwäher*“, sagte er und verneigte sich vor seinem künftigen Schwiegervater. „Edle Regina, nehmt diesen Ring als erstes greifbares Zeichen der Ernsthaftigkeit meiner Werbung.“

Damit übergab er der Prinzessin den von ihm selbst gefertigten Ring, den er ihr vorsichtig auf den linken Ringfinger schob. Er war ersichtlich ein paar Nummern zu groß.

„Oh, da stimmt das Innenmaß wohl nicht“, räumte er mit hochrotem Kopf ein. Regina begutachtete das Schmuckstück.

„Dann will ich ihn an einer Kette tragen“, sagte sie. „Danke, das … ist ein wunderschönes Stück. Wo habt Ihr es fertigen lassen?“

„Ein … guter Freund von mir, der Schmied lernt, hat sich daran versucht. Ich hoffe, es gefällt Euch, trotz der nicht ganz …“

„Ach was! Martin, er ist wundervoll! Danke!“

Sie umarmte ihn voller Freude und küsste ihn auf den Mund. Dabei rutschte der Ring von ihrem Finger und fiel hinunter. Simon konnte ihn gerade noch auffangen, bevor er auf den Steinplatten aufschlug.

„Den trägst du wirklich besser an einer Kette“, grinste er und gab ihn der glückstrahlenden Regina zurück.

 

 

Kapitel 2

Grafenrecht

 

Ein Räuspern hinter dem Herzog verkündete eine unwillkommene Störung in der frohen Stimmung der Siegerehrung.

„Verzeiht, wenn ich mich einmische, Hoheit“, machte Graf Niklaus von Thannburg auf sich aufmerksam. „Ich weise höflich darauf hin, dass die Heirat eines Eurer Kinder mit einem Ausländer durch den Adelsrat genehmigt werden muss. Auch wenn es hier wohl eine reine Formsache sein dürfte, so ist dem Genüge zu tun.“

Der Herzog sah den jungen Grafen, der nur wenig älter war als Martin, einen Moment an.

„Ja, Graf Niklaus, Ihr habt Recht. Es sind alle da. Da kann die Beratung sofort erfolgen“, erwiderte er.

„Vergebt, mein Herzog, doch verlangt unser Gesetz, dass zwischen der Kenntnis eines zustimmungspflichtigen Umstandes und der Abstimmung allein im Kreis des Adelsrates zwei volle Tage vergehen müssen“, warf Markgraf Richard ein. „Schon Herzog Heinrich, der Begründer Eurer Dynastie, der dieses Gesetz schuf und so abfasste, dass es vom Herzog ohne den Adelsrat nicht geändert werden kann, war der Ansicht, dass der Rat nicht im Überschwang von Gefühlen entscheiden soll – seien sie gut oder schlecht.“

Ludwig seufzte. Er hatte gehofft, dass die positive Stimmung des begeisternden Turniers die Adelsräte dieses ihm missfallende Gesetz vergessen lassen würde. Er hatte sich geirrt.

„Prinz Martin, Ihr hört, dass Eure Werbung leider nicht allein an meinem oder Reginas Einverständnis hängt. Das verbriefte Recht des Adelsrates kann ich nicht ignorieren. Das werdet Ihr als Thronfolger eines das Recht schützenden Landes verstehen“, sagte er an Martin gewandt. Der junge Mann nahm seine ganze Beherrschung zusammen, um halbwegs gefasst dieses neue unerwartete Hindernis hinzunehmen.

„Gewiss, Hoheit“, erwiderte er. Seiner Stimme war der Schock gleichwohl anzuhören, den dieser Einspruch für ihn bedeutete. „Recht ohne Wirkung ist nicht Recht. Ich werde mich einer Entscheidung des Adelsrates natürlich beugen.“

„Auch, wenn der ablehnt?“, fragte Richard lauernd.

„In dem Fall hoffe ich, dass der Rat eine gute und nachvollziehbare Erklärung dafür gibt, weshalb Prinzessin Regina nicht der ihr zugesicherten freien Wahl des Gemahls folgen darf“, entgegnete Martin mit säuerlichem Unterton.

„Das ist keine Antwort …“, hakte der Markgraf nach, aber Ludwig unterbrach ihn barsch:

„Martin ist weder Euer noch mein Untertan, Markgraf Richard!“, fuhr er ihn an. „Für dieses Gesetz kann er so wenig wie Regina. Ich teile durchaus seine Auffassung, dass der Adelsrat eine eventuelle Ablehnung gut überlegen und begründen sollte.“

Richard grinste maliziös.

„Ihr wisst doch, dass die Beratung geheim ist und eine Begründung nicht gegeben werden muss, Hoheit.“

 

Am Abend fand das übliche Siegerbankett nach dem Turnier statt. Martin sah sich genötigt, daran teilzunehmen, weil er nun einmal in gleich zwei Disziplinen der Sieger war. Doch seine Miene blieb versteinert. Zu tief saß der Schock, dass der Adelsrat womöglich die Macht hatte, ihn um den einzigen Preis zu bringen, den er jemals begehrt hatte, der ihm wirklich etwas bedeutete. Pokale, Statuen, Geld – das interessierte ihn nicht. Sein Vater war reich, Pokale konnte er nötigenfalls selber machen, Statuen fertigte sein Onkel in einer seltenen Kunstfertigkeit. Aber eine aus Liebe eingegangene Ehe, das konnte ihm niemand ersetzen.

„Weißt du jetzt, wieso ich dem Glück nicht traue?“, fragte er, als Regina neben ihm saß. Sie nahm seine Hand. Normalerweise war sie warm, jetzt war sie kalt, Zeichen dafür, dass es Martin nicht wirklich gutging.

„Ich kann mir denken, dass es ein Riesenschreck für dich ist. Mir geht es nicht anders, glaub’ mir. Aber ich denke nicht, dass der Rat sich über den letzten Willen meiner Mutter hinwegsetzen wird. Testamentarische Verfügungen wie diese sind uns heilig. Es ist eine Formalität. Sieh nicht gleich so schwarz.“

Er nickte und versuchte, daran zu glauben, dass es wirklich nur eine Formsache war, die sich durch das Vermächtnis der verstorbenen Herzogin erledigen würde. (…)

Ende der Leseprobe

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Aus dem Leben des Martin von Wengland – Das Turnierbuch

Softcover: 16,00 €

Hardcover 23,00 €

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