SOL 3 = Erde Teil 1 Aufnahme oder Zerstörung – das ist hier die Frage (Leseprobe)

Aufnahme oder Zerstörung – das ist hier die Frage!

Im Rat der Galaktischen Föderation kann man mit dem Planeten Erde nicht recht etwas anfangen. Soll die Erde in die Föderation aufgenommen werden oder soll man sie doch lieber vorsorglich zerstören? Kwiri Swin vom Volk der Deneber hat nicht viel Zeit, denn sein Intimfeind Kilma Gribor hat eine große Flotte und gewisse Freunde im Rat auf seiner Seite … Kann der Erdmensch Thomas Hansen ihm helfen? Aber welcher UFO-Forscher wird auf der Erde schon ernst genommen?

 

Prolog

In einem abgedunkelten Raum auf einem Planeten mit Namen Megara, der friedlich seine Kreise um seine Sonne zog, deutete ein grünhäutiger, für sein Volk sehr großer Mann auf ein Hologramm, das einen blauen Planeten mit schäumenden Wolkenmeeren zeigte. Nur wenig, vielleicht dreißig Prozent der Oberfläche war mit festen Bestandteilen bedeckt. Zu erkennen waren vier große Landmassen und zahlreiche Inseln unterschiedlicher Größe. Ansonsten bestand die Oberfläche des Planeten aus blau schimmernder Flüssigkeit.

„Auf diesem Planeten, den wir SOL 3 nennen, gibt es rund einhundertfünfzig souveräne Staaten, die in drei große, einander feindlich gesinnte Bündnissysteme aufgeteilt sind. Etwa fünf Milliarden intelligenzbegabter Geschöpfe humanoider Prägung und eine nicht näher bekannte Anzahl nicht intelligenter Lebewesen niederer Entwicklungsstufe bevölkern diese Welt. In unseren Dateien werden die intelligenten Lebewesen dieses Planeten als grundsätzlich feindlich eingestuft und gelten als vernichtungswürdig. In den vergangenen Jahrhunderten galaktischer Zeitrechnung haben wir auf unseren diversen Expeditionen in das System bisher einige tausend Exemplare der unterschiedlichen Ausprägungen dieser Rasse eingesammelt und genau untersucht. Wir haben festgestellt, dass sie im Prinzip ängstliche Wesen sind, wenn sie einer fremden Macht allein gegenüberstehen. Erst in der Herde – wenn ich das so ausdrücken darf – werden sie mutig, sind dann aber leicht beeinflussbar. Ich glaube, dass wir diese Wesen für die Föderation der Galaxien gewinnen können. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass aus hundertfünfzig Einzelstaaten eine Einheit mit einer einzigen Regierung wird; so, wie das auch auf allen anderen Mitgliedsplaneten der Föderation üblich ist. Unmöglich ist es nicht, wie gerade Megara beweist. Ich glaube zudem, dass die Hinzunahme des Systems, in dem dieser Planet liegt, ein großer Gewinn für die Föderation als solche wäre. Das SOL-System liegt an einer Schlüsselposition zu den jenseits davon gelegenen Raumsektoren, die der Föderation bisher verschlossen waren, weil wir die Bewohner des SOL 3 vielleicht mehr gefürchtet haben, als wir zugeben möchten. Wie Sie, meine Mitabgeordneten, wissen, gab es auf SOL 4 zwar einen Stützpunkt der Raummarine, der aber aufgegeben wurde, als die Bewohner von SOL 3 Raumsonden nach SOL 4 schickten. Der Stützpunkt ist bislang unentdeckt geblieben, weil die Raumfahrt der Bewohner von SOL 3 in bemannter Form zurzeit noch auf SOL 3 und seinen Mond beschränkt ist – aber das muss nicht so bleiben. Sollten diese Wesen eines Tages über ihre bislang sehr begrenzte Raumfahrt hinauskommen und besitzergreifende Ausflüge auch in den entfernten Raum machen, kann das für die Föderation gefährlich werden. Wir sollten einer möglichen Konfrontation vorbeugen und deshalb versuchen, dieses Volk für die Föderation zu gewinnen und die Feindlichkeitseinstufung aus der Zugriffsdatei der Raumflotte streichen.“

Der Redner setzte sich auf seinen Platz und berührte einen Schalter. Das Hologramm verschwand in einem kegelförmigen Projektor in der Mitte des Raumes. Gleichzeitig ging die Beleuchtung wieder an und zeigte einen halbrunden Saal mit etwa vierhundert Plätzen, auf denen die Vertreter der Planeten saßen. Ein anderer Redner stand auf. Genau wie sein Vorredner war er von grüner Hautfarbe und hatte den gleichen Körperbau. Bei einem Vergleich mit den anderen im Saal sitzenden Abgeordneten wurde schnell klar, dass beide derselben galaktischen Rasse angehörten.

„Kwiri Swin, du verlangst zu viel Verständnis für diese närrischen Lebewesen. Sie werden nie vollwertige Mit­glieder der Föderation werden. Dazu reicht ihre Intelligenz einfach nicht aus. Wir beobachten sie seit langer Zeit. Ich gestehe ein, dass es eine Art Weltregierung gibt, aber die hat nicht die Macht und den Einfluss, den die Regierung der Galaktischen Föderation hat und den sie von den Regierungen auf ihren Mitgliedsplaneten erwartet“, sagte der zweite Redner.

„Im Moment hat sie das nicht; das bestreite ich auch nicht“, erwiderte Swin. „Aber bevor wir einen Planeten mit vier oder noch mehr Milliarden intelligenter Lebewesen auslöschen, sollten wir versuchen, ihnen die Notwendigkeit der Einigung und des Beitritts zur Föderation zu verdeutlichen. Wenn das fehlschlägt, können wir deinem Plan, diesen Planeten aus dem All zu schießen, folgen, Kilma Gribor – aber nicht eher!“

„Diesen Wesen auch noch zu sagen, was wir mit ihnen vorhaben, wenn sie sich uns denn nicht anschließen wollen, verdirbt das Überraschungsmoment, Kwiri! Sieh es ein: Diese Wesen sind dumm und überflüssig. Wir brauchen sie nicht – aber sie sind uns im Weg!“

„Bravo, Kilma, endlich zeigst du dein wahres Gesicht!“, rief Swin mit einer gewissen Erbitterung. „Du hast nicht einmal vor, ihnen auch nur die geringste Chance zu geben, sich uns anzuschließen. Du willst sie zu Planetenstaub zerblasen, obwohl sie uns definitiv nichts getan haben oder sich irgendwo in unsere Angelegenheiten gemischt haben. Du hast doch nur Angst vor diesen Wesen! Du hast schlicht Angst um den vorgeschobenen Posten auf SOL 4, den du recht überstürzt aufgegeben hast, als dir eine unbedeutende Raumsonde irgendwo – kilometerweit von den äußersten Vorposten auf diesem lausig kalten Wüstenplaneten – auffiel, die dich und deine Sechste Flotte nicht einmal bemerkt hat! Oder willst du in Wahrheit eine Basis auf diesem Planeten, weil er sehr viel wirtlicher ist als dein bisheriger Stützpunkt? Du weißt genau, dass man dich dort nicht dulden würde, weil die Leute dort Besuch aus dem All nicht schätzen. Also willst du sie beiseiteschaffen, damit sie dich nicht belästigen können!“, wetterte Swin erbost.

Der greise Ratspräsident, gleichfalls von der Rasse wie Gribor und Swin, hob die knochige, siebenfingrige Hand und gebot den Streithähnen Einhalt.

„Es reicht jetzt! Ihr streitet euch schon seit fünf Galaxo-Monaten darum, was mit SOL 3 geschehen soll. Es ist jetzt an der Zeit, zu einer Entscheidung im Rat zu kommen“, beendete er die Diskussion. Dann rief er die Vertreter der einzelnen Mitgliedsplaneten auf, ihre Stimme für die vorgetragenen Pläne Swins oder Gribors abzugeben. Die Abstimmung ergab eine knappe Mehrheit für den Plan Kwiri Swins, SOL 3 in die Galaktische Föderation einzugliedern. Auf Antrag der Abgeordneten von Canela und Sarona wurde Swin allerdings nur ein Zeitraum von einer zehntel Galaktischen Jahreseinheit für die Durchführung seines Planes zugestanden. Sollte Swin bis dahin keinen Erfolg mit der Aufnahme haben, würde Gribors Vernichtungsplan wirksam.

„Bittet die Feuerengel von Mingon, dass ihr nie auf meine Fürsprache im Rat angewiesen seid!“, zischte Kwiri im Hinausgehen den canelischen und saronischen Vertretern zu.

 

 

 

 

Kapitel 1

Harte Landung

 

Fern von diesem Raum auf Megara, auf jenem gewissen Planeten SOL 3 – nämlich der Erde – lebte weit abgeschieden in einem uralten Haus ein junger Mann, der seinen Nachbarn ein wenig wunderlich erschien. Sein Name war Thomas Hansen, von Beruf gelernter Versicherungskaufmann, von Hobby UFOist. Schon in frühen Kindertagen hatten Zukunftsgeschichten und Berichte über unbekannte Flugobjekte – UFOs – Hansens Leidenschaft nahezu restlos gefesselt. An dieser Leidenschaft war denn auch eine kurze Ehe zerbrochen. Er war ein Einzelgänger, der den Menschen vor allem dann aus dem Weg ging, wenn er spürte, dass sie glaubten, der Planet Erde sei der einzige bewohnte Himmelskörper in Gottes weitem Weltenraum.

Thomas Hansen war in diesem Jahr, das nach irdischer Zeitrechnung die Zahl 1989 trug, neunundzwanzig Jahre alt, 1,80 Meter groß, einem Bürojob zum Trotz schlank, hatte kurzes, dunkles, leicht gelocktes Haar und kluge, braune Augen. Wenn er lächelte, bildeten sich um die Mundwinkel dekorative Grübchen. Der junge Mann war dem UFO-Fieber seit wenigstens dreiundzwanzig Jahren verfallen.

Nachts saß er meist an seinem Fernrohr, beobachtete den sternenübersäten Himmel, der sich in der Abgeschiedenheit der Heide besonders gut zeigte, weil die Lichtverschmutzung der Stadt Hamburg weit genug entfernt war, um die Beobachtungen am Himmel nicht zu stören. Wenn der Himmel bedeckt war – was in Norddeutschland nun einmal häufig vorkommt – wertete er tagsüber Berichte über UFO-Sichtungen wissenschaftlich aus.

In letzter Zeit hatten sich die Nachrichten über Beobachtungen von unbekannten Flugkörpern in ganz Norddeutschland gehäuft. Jede größere Zeitung berichtete darüber, aber so richtig ernst nahm diese Beobachtungen niemand – bis auf Thomas, der sich seinem Ziel, einmal Außerirdischen zu begegnen, ein wenig näher wähnte. Auf jeden Fall waren die Meldungen Grund genug für Hansen, sich noch genauer mit den Sternen und ihren möglichen Bewohnern zu befassen.

So saß er eines Nachts im Mai 1989 wieder an seinem Fernrohr und fand in der Nähe des Jupiter eine Massenverschiebung, die ihm einen kalten Schauer über den Rücken und Tränen in die Augen trieb: Das konnte nur eine massierte Ansammlung von Raumschiffen sein! Seine Beobachtungen der letzten Tage hatten eine Wanderung von unbekannter Masse von Uranus in Richtung Jupiter ergeben. Thomas stand auf und ging zum Telefon. Was er dort entdeckt hatte, wollte er von der Sternwarte Bergedorf bestätigt haben. Bei der Hamburger Sternwarte in Bergedorf und im Planetarium im Hamburger Stadtpark war Thomas Hansen bekannt. Zwar lächelten die Professoren und Berufsastronomen über seine fixe Idee mit den UFOs, aber seine Arbeit in Sachen Astronomie und Meteorologie war geschätzt. Diese Arbeit und seine freie Tätigkeit für ein populärwissenschaftliches Magazin, das in Hamburg herausgegeben wurde, hatten ihm genügend Geld beschert, so dass er sich seinen Studien über unbekannte Flugobjekte recht sorglos widmen konnte. Diese Studien schlugen ihn normalerweise völlig in ihren Bann, aber was er jetzt entdeckt hatte, bedurfte denn doch der Bestätigung.

„Teichmann, Sternwarte Hamburg“, meldete sich der diensthabende Astronom.

„Hansen, Undeloh. Guten Morgen, Herr Teichmann“, antwortete Thomas. Ein deutliches Schnaufen kam aus dem Hörer.

„Ach, guten Morgen, Herr Hansen“, seufzte Teichmann.

„Ich kann Ihre Gedanken förmlich lesen, Herr Teichmann. Eine Frage nur: Haben Sie die Masseverschiebung zwischen Uranus und Saturn in Richtung Jupiter bemerkt?“, kam Hansen gleich zur Sache. Teichmann schluckte hörbar.

„Ja, lieber Himmel, ich dachte, Sie wären Kaufmann!“, platzte Teichmann heraus. „Ja, wir haben die Verschiebung registriert. Wir halten es für einen neuen Hinweis auf Transpluto“, sagte er dann.

„Da wäre ich mir nicht so sicher“, gab Thomas zurück. „Die Verschiebung trat sehr schnell auf. Ein Planet, der sich außerhalb der Plutobahn bewegt, wandert nicht innerhalb von achtundvierzig Stunden vom Uranus zum Saturn – abgesehen davon, dass er weit außerhalb dieser Planetenbahnen zieht“, gab Thomas zu bedenken.

„Wofür Sie es halten, weiß ich, Herr Hansen. Ich halte es für Transpluto!“, entgegnete Teichmann kurz angebunden. Er war kurz vor dem Schäumen. Da nervte ihn dieser Irre nachts um halb drei mit seiner Behauptung, er habe mal wieder UFOs gesehen! Zwar hatte Hansen das nicht ausgesprochen, aber gemeint hatte er das. Teichmann kannte den Hobbyastronomen dafür gut genug. Sein Kopfschütteln wäre beinahe sichtbar gewesen.

„Besten Dank. Ich wollte auch nur wissen, ob meine Messungen richtig waren“, bedankte sich Hansen. Jetzt war er sich seiner Sache sicher; so sicher wie noch nie zuvor. „Wiederhören, Herr Teichmann“, verabschiedete er sich.

„Wiederhören!“, kam eine zitronensaure Stimme aus dem Telefon. Es machte klack und die Verbindung war beendet. Hansen wollte sich wieder auf seinen Beobachtungsplatz setzen, als ein heftiger Einschlag den Boden erzittern ließ. Thomas’ erste Reaktion war ein sorgenvoller Blick auf das alte Gebälk seines Hauses, das er mit einem Spezialkunststoff konserviert hatte. Doch zu seinem Glück krümelte es nicht einmal. Als er sich vom ersten Schreck erholt hatte, griff er auf das Bord neben dem Fernrohr, wo er eine ständig schussbereite Infrarot-Motor-Kamera stehen hatte, warf sich seine Windjacke über und lief hinaus in die Dunkelheit.

 

Nicht weit von dem alten Bauernhaus entfernt war ein schwaches Licht zwischen den auf der weiten Heidefläche stehenden Wacholdersträuchern zu erkennen. Das schwache, flackernde Licht reichte aus, um Hansen etwas sehen zu lassen, das ihm fast den Atem verschlug: Ein bruchgelandetes Raumschiff, das alles andere als irdischen Ursprungs war! Die herbe Landung hatte augenscheinlich nicht in der Absicht des Piloten gelegen, der sich vor der beim Aufprall aufgesprungenen Luke die verlängerte Rückseite rieb und nicht besonders glücklich aussah. Mit scharrender Stimme rief der Außerirdische etwas in das Schiff hinein. Thomas schlich sich ganz leise bis in einen Graben, der nur wenige Meter von dem Raumschiff entfernt war, machte schnell und präzise einige Fotos von dem Flugobjekt und mit einem anderen Gerät eine Falsch-Farben-Thermo-Aufnahme.

Diesmal wird nicht mal mehr Teichmann zweifeln können!‘, durchzuckte es Hansen lächelnd. In seiner Freude, endlich das Objekt all seiner Wünsche wahrhaft vor sich zu sehen, hatte er aber vergessen, seiner Digitaluhr das Stundenpiepen zu verbieten. In dem Moment, in dem er sich für weitere Beobachtungen zurechtlegte, piepste es an seinem Handgelenk vernehmlich zur vollen Stunde. Der junge Forscher kam nicht mehr dazu, sich in Sicherheit zu bringen. Ein gleißendes Licht hüllte ihn ein, dann wurde es dunkel um ihn. Thomas spürte nicht mehr, dass er ins Heidekraut fiel – er hatte schon vorher das Bewusstsein verloren.

 

Kwiri ärgerte sich. Die Erdatmosphäre hatte sich als wesentlich dünner erwiesen, als die Instrumente im Raum angezeigt hatten. Die Folge war eine rabiate Landung auf einer weiten Fläche – und an einer ganz anderen Stelle, als eigentlich vorgesehen. Beim Aufprall war die Ausstiegsluke des nicht mehr ganz fabrikneuen Raumschiffs aufgesprungen und der direkt daneben sitzende Kwiri Swin war unsanft ins Freie befördert worden. Seine beiden Begleiter konnten sich ein Lachen über die unfreiwillige Komik ihres Kapitäns nicht verkneifen.

Nach dem ersten Schock und der für sie erfreulichen Feststellung, dass die Erdatmosphäre für sie atembar war, ließ eine befehlende Geste Swins die Kicherei im Schiffsinneren verstummen. Kwiri hatte etwas gehört und betätigte eine Taste auf dem Multifunktionsgerät, das er am Arm trug und aktivierte den Lebensanzeiger. Der Ausschlag war deutlich, gab aber keine Auskunft, in welcher Richtung sich die Erdbewohner befanden, wie viele es waren – und vor allem, in welcher Absicht sie um das Schiff strichen. Er rief das Messergebnis in das Schiff, zog vorsichtig die Laserpistole aus dem Halfter seiner Raumkombination und sah sich ebenso vorsichtig um. Die Dunkelheit um das Schiff war undurchdringlich, nur einige exotische Pflanzen waren in dem ungewissen Licht der unter Energieschwankungen leidenden Außenbeleuchtung erkennbar.

Plötzlich piepste es laut und deutlich aus einem Graben neben dem Schiff. Kwiri fuhr herum und schoss sofort. Der Lähmstrahl ließ einen – gemessen an Swins eigener Größe – riesengroßen Erdbewohner zu Boden gehen. Er sah auf den Lebensanzeiger, der jetzt blinkte und damit anzeigte, dass das einzige Fremdwesen, das sich in der Nähe aufhielt, außer Gefecht gesetzt war. Aufatmend steckte er die Laserpistole ein, schlich vorsichtig zu dem Erdbewohner und überzeugte sich, dass das Wesen noch lebte. Zwar verstieß er gegen sämtliche Bestimmungen der Fremdwesen-Begegnungsverordnung der Galaktischen Föderation, aber seine Mission war friedlicher Natur, sollte dazu dienen, die Erde und ihre Wesen zu Mitgliedern in der Föderation zu machen, nicht, sie zu vernichten.

„Klim! Horka! Helft mir mal! Das Wesen ist ‘ne Nummer zu groß für mich allein!“, rief der Deneber. Zwei weitere grünhäutige Wesen entstiegen dem Schiff. Zu dritt packten sie den langen, schweren Erdbewohner, der in einer recht unterschiedlich blau gefärbten Hose, brauner Jacke und hellblauem Hemd steckte, trugen ihn ins Schiff und legten ihn auf eine Metallpritsche. Er passte nicht ganz darauf. Die langen Beine baumelten herunter. Kwiri sah das Erdwesen an.

„Deneb helfe, dass das jetzt nicht zu viel ist“, murmelte er dann und betätigte einen Schalter.

 

Ein schmerzhafter Stromstoß brachte Thomas Hansen in die Realität zurück.

„Autsch!“, schrie er und fuhr auf, stieß sich den Kopf an einer metallenen Strebe. Verblüfft sah er sich um und bestaunte einige Sekunden lang das Innere des Raumschiffs. Dann sah er die drei grünhäutigen Wesen, die in hellblauen Overalls steckten, die in schwarzen, halbhohen Stiefeln endeten.

So richtige, kleine grüne Männchen. Hab’ ich jetzt richtig einen an der Waffel oder ist das echt? Hilft nur ausprobieren‘, dachte er.

„He, Freunde, dass ihr mir in den Garten purzelt, ist in Ordnung – aber elektrische Stöße sind einfach unfair!“, sagte er, eigentlich nur, um irgendetwas zu sagen.

Die grünen Männchen, halb so groß wie er selbst, aber von humanoider Gestalt – also aufrecht gehend mit zwei Armen und zwei Beinen – redeten in einer für Thomas unverständlichen Sprache. Alle drei nahmen sich kleine Kopfhörer mit Kehlkopfmikrofon und nestelten an einem kleinen Kasten mit einer asymmetrisch geformten Öffnung, die mit einem Metallnetz abgedeckt war. Er hing an einer Kordel um ihre Hälse und hatte eine gesonderte Doppelleitung, die zu den Kopfhörern und zum Mikrofon führte.

Richtig getippt. Translator! Was es nicht alles gibt!‘, durchzuckte es Thomas, als er in fehlerfreiem Hochdeutsch hörte:

„Guten Tag. Ich bin Kwiri Swin, Kapitän der Achten Interstellaren Flotte, links neben mir ist Kadett Horka Marza und rechts der Wissenschaftsrat Klim Hamor. Wir kommen vom vierten Planeten der Sonne Deneb, der Megara genannt wird. Wir sind Abgesandte der Galaktischen Föderation und sind auf die Erde gekommen, um den Regierungen der Erdstaaten klarzumachen, dass es für die Menschheit nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder ein Zusammenschluss aller Staaten der Erde unter einer Weltregierung und eine Aufnahme unter die friedlichen Völker der Galaktischen Föderation, oder die totale Vernichtung allen intelligenten Lebens auf der Erde. Wir mussten uns leider eines rabiaten Mittels bedienen, um Sie wieder aufzuwecken. Der Lähmstrahl hatte offensichtlich eine sehr viel stärkere Wirkung auf Sie, als üblich.“

Thomas sah den Sprecher eine Weile an. Irgendwie hatte er Ähnlichkeit mit einem Frosch – und verblüffende Ähnlichkeit mit Yoda, dieser Figur aus einem Science-Fiction-Film. Die Ähnlichkeit schloss zwei große Augen ein, die eine sehr dunkle Iris hatten, die dennoch von der eigentlichen Pupille gut zu unterscheiden war. Während Yodas Ohren nach oben spitz ausliefen, waren die Ohren der Deneber aber nach unten spitz. Klein genug für den entsprechenden Vergleich waren die Burschen auch. Nur steuerte hier augenscheinlich kein Puppenspieler seine Figuren. Die waren richtig lebendig!

„Danke für die Begrüßung. Mein Name ist Thomas Hansen, Erdbewohner und Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Herzlich willkommen auf einem Planeten, dessen Bevölkerung hartnäckig glaubt, die einzige Intelligenz in Gottes weitem Weltenraum zu sein. Verzeihen Sie, wenn ich noch etwas verwirrt bin. Ich habe Sie richtig verstanden: Sie kommen aus dem All, vermutlich nicht nur vom Mond, denn dort haben wir bislang kein Leben gefunden, Sie sind Angehörige einer Galaktischen Föderation und Sie möchten, dass die Erde diesem Club beitritt, ja?“, erkundigte sich Thomas.

„So ist es“, kam es aus dem Translator. „Was ist da­ran so ungewöhnlich?“

„Nun, ungewöhnlich ist es – jedenfalls für die weitaus meisten Menschen auf dieser Welt – dass es außerhalb dieses Planeten intelligentes Leben gibt und dass es uns erreichen kann. Ungewöhnlich werden die meisten Menschen auf diesem Planeten finden, dass sie sich unter einer Regierung zusammenfinden sollen. Das heißt, es gibt welche, die werden das nicht nur ungewöhnlich, sondern völlig unmöglich finden. Und noch ungewöhnlicher – und das gilt jetzt auch für mich – ist es, einen Planeten vor die Wahl zu stellen, einzutreten oder abzutreten. Das dürfte bei allen Menschen auf sehr wenig Gegenliebe stoßen“, erklärte Thomas. „Was wissen Sie von der Erde und von ihrer politischen Struktur?“, erkundigte er sich dann.

„Wir beobachten die Erde seit langer Zeit“, versetzte Klim Hamor via Translator.

„Schön. Dann haben Sie ja hoffentlich gesehen, dass jeder, der versucht, ein irdisches Einheitsreich zu gründen, daran bisher bitter gescheitert ist. Er wird als größenwahnsinnig und herrschsüchtig bezeichnet. Dann wissen Sie, dass die Völker der Erde nichts mehr hassen, als unter der Regierung eines anderen Volkes zu leben. Und Ihnen ist dann auch klar, dass das herrschende Volk alles tut, um die beherrschten Völker mit Freude zu knechten. Ihr Vorhaben wird, fürchte ich, bereits an dieser Voraussetzung scheitern“, erklärte Thomas.

„Wir wissen genug, um die Wahrheit Ihrer Worte zu kennen – und genug, um zu wissen, dass ein Weg zur Einheit innerhalb kürzester Frist notfalls erzwungen werden muss, wenn die Erde und ihre intelligenten Bewohner noch eine Zukunft haben wollen“, bemerkte Kwiri.

Thomas seufzte und rutschte von der Metallpritsche herunter. Gerade stehen konnte er nicht, also stand er gebückt und fühlte sich wie Gulliver zwischen den Liliputanern, da ihm die Außerirdischen bis zum Hosenbund reichten.

„Da haben Sie sich was vorgenommen, Kapitän Swin!“, sagte er. „Es wird unmöglich sein, die führenden Menschen von der Notwendigkeit einer Einigung zur Abwehr der totalen Vernichtung zu überzeugen. Möglicherweise geht der Schuss auch gleich nach hinten los, wenn die Militärs von dem Vernichtungsplan Wind bekommen und alles daransetzen, dem Schlag zuvorzukommen und Sie zu vernichten.“

Die Außerirdischen lachten, als sie die Übersetzung zu Ende gehört hatten.

„Hihihi, uns vernichten! Kann auch nur ein dummer Mensch von sich geben!“, prustete Horka Marza. Thomas setzte sich wieder auf die Pritsche und kreuzte die Arme vor der Brust.

„Jungs, ihr solltet darüber besser nicht lachen. Selbst, wenn ihr genügend Feuerkraft habt, um diesen Planeten zu atomisieren, bestünde die Möglichkeit, dass unsere famosen Militärs ein paar von euch mit ins Nirwana nehmen“, warnte er.

Kwiri blieb das Lachen im Hals stecken, als er die Übersetzung hörte. Das hörte sich nicht nach unwissendem Erdling an. Das klang irgendwie nach jemandem, der von galaktischer Kriegführung etwas verstand. Im Gegensatz zu den anderen Erdlingen, die Kwiri im Laufe der vielen Jahre begegnet waren, die er schon Besuche auf der Erde gemacht hatte, blieb dieser Mensch ruhig und unterhielt sich mit ihm und seinen Begleitern wie mit jedem anderen Menschen. Er sah Hansen eine Weile an.

„Was, glauben Sie, wird notwendig sein, um die verantwortlichen Menschen zu überzeugen?“, erkundigte er sich.

„Erstens: Überhaupt ein greifbarer Beweis, dass es außerhalb dieses Planeten intelligentes Leben gibt. Denn daran glauben die meisten Menschen schon mal nicht. Zweitens: Eine Erklärung, weshalb die Menschheit gleich aus dem All gepustet werden soll, wenn sie nicht so will, wie Sie. Und wenn wir das haben, müssten wohl folgende Fragen geklärt werden: Zum einen Aufklärung, ob Ihrem Zerstörungsbefehl nicht möglicherweise ein Irrtum zugrunde liegt. Zum Zweiten: Falls ein Irrtum vorliegt, wird man erwarten, dass dieser Befehl zurückgezogen wird. Falls nicht, werden sich dann hoffentlich die Vereinten Nationen mit der Bildung einer Übergangsregierung befassen, bis eine Weltverfassung vorliegt, man sich über das System als solches klar ist, nach dem die Menschheit hinkünftig leben soll. Und wenn man soweit ist, dann kann man über einen Beitritt der Erde zur Föderation verhandeln.“

„Ich wünschte, dass so viel Zeit zur Verfügung stünde. Wir haben nur eine zehntel Galaktische Jahreseinheit Zeit, um die Erde zu einen und sie in die Föderation aufzunehmen. Sonst greift der Zerstörungsplan“, seufzte Kwiri.

„Wie viel Zeit wäre das auf der Erde?“, fragte Thomas.

„Zwei Monate.“

„Na, dann gute Nacht! Da hat’s nicht mal Zweck, überhaupt anzufangen!“, entfuhr es Thomas erschrocken. „Das ist völlig undenkbar!“

„Warum ist das unmöglich?“, fragte Horka.

„Weil Menschen Individualisten sind. Weil wir – obwohl wir alle dieselben Wurzeln haben – uns in hunderttausenden von Jahren in Stämmen und Völkern auseinander gelebt haben. Weil es immer noch Leute gibt, die meinen, dass ein Mensch mit einer anderen Hautfarbe ein minderwertiger Mensch ist. Auf dieser Welt gibt es ungefähr hundertachtzig Staaten, einige tausend verschiedene Sprachen, hunderte von Religionen, die sich gegenseitig ausschließen. Es gibt genügend Irre, die so beredt sind, dass sie buchstäblich Völkerstämme rasend machen und mal eben einen kleinen oder großen Krieg anfangen. Es gibt ein sehr empfindliches Machtgleichgewicht zwischen zwei großen Bündnissystemen, das eifersüchtig überwacht wird. Wehe, wenn eine Seite einen kleinen Vorteil erzielt“, erklärte Thomas.

„Es müsste also ein Dritte Macht her, die in der Lage wäre, die beiden anderen Blöcke zu besiegen?“, fragte Klim. Thomas schüttelte den Kopf.

„Nein, ich glaube, das brächte nichts. Unser Problem als Menschen liegt auch in der Machtgier. Wenn es tatsächlich einen Menschen gäbe, der diese Dritte Macht führen würde, würde ihm diese Macht zu Kopf steigen, und er würde zum brutalen Diktator werden, der nur Stiefellecker in seiner Umgebung duldet. Davon abgesehen: Ihr seid keine Arkoniden, und ich bin nicht Perry Rhodan. Und die Lüneburger Heide ist nicht gerade die Wüste Gobi“, gab er in Anspielung auf eine seit Jahrzehnten laufende Romanheftserie in Deutschland zurück. Kwiri grinste.

„Nein, Thomas Hansen“, krächzte der Translator, „wir sind keine Arkoniden, aber Deneber. Unsere Waffensysteme sind ausgereifter als die der Arkoniden, und unsere Schutzschirme sind sehr viel besser. Sie kennen sich aus, wie es scheint.“

Thomas war wie vom Donner gerührt.

„Moment! Wie war das? Arkoniden gibt’s tatsächlich? Verpasst mir bitte noch einen Stromstoß, damit wieder aufwache aus diesem Traum!“

„Sie träumen nicht, Sie sind hellwach. Vielleicht etwas verwirrt, aber wach“, beruhigte Klim. „Es stimmt. Ein solches galaktisches Volk gibt es wirklich.“

„Und was sich bei uns sonst noch in der utopischen Literatur tummelt?“

„Wir wollten nicht einfach so hereinplatzen und haben uns die Mühe gemacht, bestimmten Leuten, die für mentale Nachrichten empfänglich sind, recht genaue Beschreibungen der galaktischen Völker zu geben – und ihrer Verhaltensweisen. Eigentlich müsste die Erdbevölkerung vollständig informiert sein, über das, was sich im All tut.“

„Durch das, was wir Science-Fiction-Literatur oder    -Filme nennen?“

„Genau!“

„Also, wenn ich damit bei den UN anrücke, lande ich gleich in ‘ner Gummizelle“, prophezeite Thomas. „Nein, ich brauche schon einen guten Beweis.“

Kwiri drehte Thomas’ Fotoapparat in seinen siebenfingrigen Händen.

„Ich nehme an, Sie können damit Abbildungen in zwei- oder dreidimensionaler Projektion machen“, sagte er.

„Ja. Zweidimensionale Projektion“, bestätigte Thomas.

„Haben Sie das schon gemacht?“

„Ja, habe ich.“

„Gut. Wenn die Aufnahmen gut sind, wird man Ihnen glauben.“

„Oh, nein. Man wird nicht“, entgegnete Thomas. „Es gibt sehr viele Menschen, die Ihre Raumschiffe be­obachtet und auch fotografiert haben. Entweder werden diese Aufnahmen für Fotomontagen gehalten oder man glaubt, es sei das neueste Raumfahrzeug oder ‘ne Geheimwaffe der Russen oder der Amis.“

„Die Vorbehalte sind uns bekannt. Wir wissen auch, dass die meisten Fotos für echt gehalten werden, dass aber gerade die amerikanische und die sowjetische Regierung diese echten Fotos unter Verschluss halten, weil sie Sorge haben, es könnte zu einer Panik kommen.“

„Ist Ihr Raumschiff eigentlich flugfähig?“, fragte Thomas nach einer Weile.

„Haben Sie Zweifel?“

„Nun, so wie es hier von links nach schräge auf der Heide liegt, sieht es nicht nach einer planmäßigen Landung aus. Und bei einer unplanmäßigen Landung würde ich mal Schäden unterstellen.“

Die drei Außerirdischen sahen sich an, Klim und Horka brachen in helles Gelächter aus, während Kwiri leicht violett anlief. Die Übersetzung aus dem Translator war überflüssig. Thomas hatte auch so verstanden.

„Na ja, also, nach einer Reparatur kann ich wieder fliegen. Warum fragen Sie?“, erkundigte sich Kwiri.

„Mir ist gerade eine Idee gekommen, wie wir jemanden überzeugen, der maßgebend sein kann. Ich könnte Ihnen zeigen, wohin Sie fliegen müssen, um einen großen Zweifler zu überzeugen. Haben Sie eine Karte von der Gegend?“

Klim nickte und bat Thomas, die Pritsche freizumachen.

Er rutschte herunter und hockte sich hin, womit er ungefähr so groß war wie die Deneber. Klim betätigte eine Reihe von Schaltern, die Pritsche wurde eingefahren, stattdessen schob sich ein Kegel aus dem Boden bis etwa vierzig Zentimeter Höhe hoch. Oben war der Kegel offen, in der Öffnung waren kleine Linsen erkennbar. Klim betätigte weitere Schalter am Steuerpult, und es erschien eine holografische dreidimensionale Projektion der nördlichen Lüneburger Heide, die augenscheinlich von einer handelsüblichen Landkarte abgetastet worden war. Im Gegensatz zur flachen Karte waren hier aber die Geländererhebungen maßstabsgetreu mit abgebildet. Das Ganze sah aus, wie bei einem Überflug, bei dem aber die überflogenen Straßen beschriftet waren. Thomas pfiff leise.

„Sieht gut aus“, sagte er anerkennend. „Kann man sich auch drüber beugen oder ist das wegen des Laserlichts nicht zu empfehlen?“

„Das Holo ist strahlengeschützt. Sie können sogar hineingreifen, ohne sich zu verletzen“, beruhigte Klim den Menschen. „Wenn Sie etwas markieren wollen, nehmen Sie den Stab hier“, sagte er dann und gab Thomas einen etwa handgroßen, zylindrischen Stab von ungefähr zwei Zentimeter Durchmesser. „Wenn Sie auf den roten Knopf in der Mitte drücken, markiert der Handlaser den Kartenpunkt, den Sie damit anstrahlen. Der Punkt wird in den Navigationscomputer übernommen und kann als Zielpunkt automatisch angeflogen werden“, erklärte der Deneber.

„Gut“, brummte Thomas. „Ich probiere das jetzt nur mal.“

Er betätigte den Knopf. Es piepte leise und ein grüner Punkt erschien in der holografischen Karte.

„Ah, ja, danke. Sie können den Punkt wieder löschen“, sagt er dann. Klim tat es.

Thomas suchte auf der Karte, bis er die Sternwarte in Hamburg-Bergedorf gefunden hatte und markierte sie mit dem Laser.

„Also: Das ist die Sternwarte Hamburg. Dort arbeitet ein gewisser Michael Teichmann als Astronom, der mir beim besten Willen nicht glauben will, dass außerirdische Intelligenzen die Erde besuchen. Wenn Sie mit Ihrer Raumkugel dort auftauchen, wird Herr Teichmann erst vor Schreck in Ohnmacht fallen und dann bereit sein, jeden Eid zu schwören, dass es Sie doch gibt. Erzählen Sie ihm ebenfalls von der Bedrohung. Er kann Ihnen als Fachmann sicher besser weiterhelfen als ein UFO-Forscher wie ich, den ohnehin keiner ernst nimmt“, erklärte Thomas. Kwiri sah ihn verblüfft an.

„Weshalb nehmen Sie an, dass man Ihnen nicht glauben wird?“, fragte er.

„Ich habe einschlägige Erfahrungen. Nachdem ich ein paar Mal nur knapp am Irrenhaus vorbeigewischt bin, habe ich es aufgegeben, meiner Umwelt von Ihrer Existenz zu erzählen. Ich beschränke mich seither aufs reine Beobachten“, erwiderte Thomas. Dann durchzuckte ihn die Beobachtung der Nacht.

„Apropos beobachten – da fällt mir etwas ein. Ich habe mit meinen Instrumenten eine Massenverschiebung zwischen Uranus und Saturn in Richtung Jupiter bemerkt. Teichmann hat es mir bestätigt. Er hält es für einen neuen Planeten. Ich halte es für eine ziemlich große Flotte von Raumschiffen. Liege ich richtig?“

Die drei Außerirdischen wurden bleich bis hin zu Maigrün.

„Ach, du dicker Meteor!“, entfuhr es Kwiri. „Da sind die schon?“

„Das kann nur bedeuten, dass Freund Kilma Gribor sich nicht mal an die Frist des Rates halten will!“, setzte Horka schnaufend hinzu.

„Wovon reden die?“, wandte sich Thomas an Klim.

„Ja, also, … äh, Kwiri, … ich denke, du solltest dem Erdling alles sagen“, sagte der mit zitternder Stimme.

Swin rang mit sich, war sich nicht ganz sicher, was er von dem Erdling halten sollte. Andererseits hatte er nicht erwartet, jemals mit einem Menschen so lange und normal zu reden, wie er es mit Thomas Hansen schon getan hatte. Der Erdbewohner machte einen guten Eindruck auf ihn. Schließlich gab er sich einen Ruck.

„Ja“, sagte er, „es ist die Sechste Flotte, die Sie gesehen haben. Sie ist mit der Vernichtung der Erde beauftragt, falls sich die Erde nicht in die Föderation integrieren lässt. Kilma Gribor, der Admiral, ist mein Intimfeind und möchte nichts lieber, als die Erde zu Staub zerblasen.“

„Darf man fragen, warum?“, hakte Thomas nach.

„Wenn Sie meine Meinung hören wollen: Weil es ihm Spaß macht, weil er Freude am Zerstören hat. Er wünscht sich eine kompakte Kampfstation, die einen ganzen Planeten atomisieren kann, als Spielzeug. Den Sternen sei Dank, das war dem Rat bisher zu teuer. Aber Gribor ist sehr beredt, wenn es um Mittel für seine Sechste Flotte geht. Eines Tages wird er den Kampfmond bekommen und dann Gnade dem Rest des Alls.“

„Und die offizielle Meinung?“, fragte Thomas.

„Nun, offiziell wissen wir mit der Erde, die wir SOL 3 nennen, weil sie der dritte Planet dieses Systems ist, nicht viel anzufangen. Wir wissen, dass Sie über eine begrenzte Raumfahrt verfügen, die im bemannten Flug aber über das experimentelle Stadium noch nicht hinaus ist oder sich kaum über die Erdatmosphäre erhebt. Wir wissen, dass Sie Raumsonden ausgesandt haben, die ständig Daten zur Erde funken, aber offen gestanden können wir den Datenfluss nicht entschlüsseln, wissen also nicht, was die Sonden zur Erde funken. Unsere Schiffe haben jedenfalls Anweisung, den Raumsonden von der Erde möglichst weiträumig auszuweichen, weil wir auch deren Abtasterreichweite nicht kennen. Weil sich die Menschen auf der Erde untereinander nicht friedlich verhalten, müssen wir annehmen, dass sie es im Raum auch nicht tun.“

„Ihr habt also Angst vor uns“, resümierte Thomas. Horka wollte aufbegehren, aber Kwiri hinderte ihn.

„Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen, wie man bei Ihnen sagen würde“, erwiderte Swin seufzend.

„Und vor lauter Angst will man uns rein vorsorglich eliminieren, richtig?“

„Ich fürchte, ja. Es hat mich sehr viel Überredungskunst gekostet, es auf der Erde überhaupt mit einem Beitritt zur Föderation versuchen zu dürfen.“

Thomas überlegte kurz.

„Wie schnell ist die Flotte?“, fragte er dann.

„Och, theoretisch kann sie in zwei Erdstunden hier sein“, gab Horka zur Antwort.

„Vom Jupiter oder Saturn? In zwei Stunden?“, hustete Hansen. „Guter Gott! Unsere Sonden brauchen dafür schlappe drei Jahre!“, murmelte er. „Könnten Sie von hier feststellen, wo sie jetzt genau ist?“, fragte er dann Klim. Der nickte, sah aber Kwiri unsicher an. Swin bedeutete ihm, dem Erdling Auskunft zu geben. Hamor aktivierte das Raumortungssystem.

„Das Signal ist wegen der Erdatmosphäre nicht so deutlich, aber ich habe sie auf dem Bildschirm“, sagte er mit entschuldigender Geste. „Sie befinden sich im Bereich des vierten Planeten.“

„Nähert sich die Flotte?“, fragte Kwiri.

„Nein, sie haben gestoppt und sind in eine Umlaufbahn um den vierten Planeten gegangen. Vielleicht inspiziert Gribor seinen alten Stützpunkt.“

Thomas sah auf den Bildschirm der neben den dreieckigen Schriftzeichen deutlich den Mars und seine Monde zeigte und daneben etwa dreißig gleich große Punkte in formationsmäßiger Verteilung zeigte.

„Sind das alles Schiffe eines Typs?“, erkundigte sich Thomas.

„Nein. Es ist ein Schlachtschiff, die Megara, zehn Interstellarkreuzer, acht Sternkreuzer, zwei Korvetten und zwanzig Astrozerstörer“, gab Horka Auskunft.

„Also genügend Feuerkraft, um die Erde zu zerbröseln, richtig?“

Klim zuckte zu dem Menschen herum.

„Woher wissen Sie das?“

„Zum einen verfüge ich über ein hohes Maß an Fantasie. Zum anderen habe ich ein halbwegs brauchbares Gedächtnis. Und wenn Sie uns via Film und Literatur Tipps gegeben haben, glaube ich, Ihre Flotte in etwa einschätzen zu können. Sie sollten wirklich so schnell wie möglich zu Herrn Teichmann fliegen und ihm davon erzählen. Ich rufe ihn an und warne ihn“, erwiderte Thomas lächelnd.

„Wollen Sie nicht mitkommen?“, bot Kwiri an.

„Auf Dauer bekäme ich in dieser Sardinenbüchse Platzangst, gebe ich zu. Außerdem sehe ich hier nur drei Sitzplätze, in die ich zu allem Überfluss nicht hineinpasse. Ich fahre lieber mit dem Auto.“

„Na gut. Dann nehmen Sie bitte wenigstens dieses Sprechgerät mit. Wir bleiben dann in Verbindung“, bat Kwiri und zeigte Thomas den Gebrauch des kompakten Geräts, das nicht viel größer war als ein Salzstreuer.

„Nicht schwierig. Wo geht’s nach draußen?“

Klim öffnete die Luke, Thomas zwängte sich ins Freie und atmete erst mal tief durch.

Kwiri kam ebenfalls mit heraus. Im Osten zeigte sich das erste Morgenrot.

„Euer Planet ist so wunderschön, Thomas Hansen. Lass nicht zu, dass ein Verrückter ihn atomisiert“, bat der Deneber eindringlich. Thomas sah ihn an und bemerkte in der sonst so fremdartigen Erscheinung des kleinen Wesens ernsthafte Besorgnis. Er hockte sich wieder hin.

„Wie lange brauchst du, um dein Schiff wieder flottzumachen?“, fragte er, wie unter einer Eingebung das vertrauliche Du benutzend.

„Einen galaktischen Tag bestimmt. Zwei Landestützen sind verbogen, und es könnte sein, dass der Hyperantrieb was abbekommen hat.“

„Und ohne den fliegt sich’s im Weltraum schlecht, wie ich mir vorstellen kann. Ich habe eine große Scheune, in der ihr euren Raumer verschwinden lassen könnt“, bot Thomas an und wies auf das große Nebengebäude neben seinem Haus.

„Wir haben eine Tarneinrichtung und können uns mit dem Schiff unsichtbar machen“, wehrte Swin ab.

„Was bleibt, wäre der deutlich sichtbare Eindruck im Kraut“, warnte Thomas. „Aber ich kann es euch nur anbieten.“

Kwiri überlegte noch, als Klim aus der Luke sah.

„Kwiri, wir haben ein Problem. Die Tarneinrichtung ist beschädigt.“

„Auch das noch!“, entfuhr es Kwiri. „Ich glaube, Thomas Hansen, wir nehmen dein Angebot an“, sagte er dann, die Anrede offensichtlich dankbar akzeptierend.

Thomas ging voraus zur Scheune und öffnete das Tor, die drei Deneber stiegen aus, Klim hielt einen kleinen Kasten in der Hand, aus dem ein bläulicher Kegel strahlte, der den Raumer umhüllte und anhob. Einige Zentimeter über dem Erdboden schwebend ließ sich das Raumfahrzeug mit dem Kästchen die Scheune schieben. Kwiri sah sich in der Scheune um.

„Hast du einen Lichtstromanschluss?“

„Du meinst zur Energiegewinnung aus Sonnenlicht? Nein, habe ich nicht. Aber wenn ihr ein Sonnenpaddel habt, könnt ihr es aus dem Dach halten“, erwiderte Thomas.

Er stieg auf eine Leiter und öffnete das Dachfenster, drehte sich um und wäre vor Schreck fast von der Leiter gefallen, als Kwiri frei im Raum hinter ihm schwebte.

„Hast du mich erschreckt! Aber eigentlich hätte ich mir das denken müssen. Wenn ihr schon euer Schiff mit Anti-G hier hereinbringt, ist es kein Problem für euch, selbst auch frei zu schweben“, pustete er.

„Thomas Hansen, du bist ein bemerkenswertes Wesen. Nichts von dem, was wir hier bei uns haben, gibt es so auf der Erde, aber du betrachtest es als völlig normal.“

„Kwiri, fast kein Science-Fiction-Film war vor mir sicher – außer solchen, die ohnehin nur düstere Prognosen von der Erde in der Zukunft zeigten oder die sich auf reinen Horror beschränkten. Als Kind habe ich das so ernst genommen, dass ich nächtens nach der Orion Ausschau gehalten habe. Euer Erscheinen ist für mich das Wahrwerden aller meiner Kinderträume.“

 

Zwei Tage später hatten Kwiri und seine Begleiter ihren Raumer repariert und einen kurzen Probeflug um Thomas’ altes Bauernhaus gemacht. Nur den Hyperantrieb hatten sie nicht testen können, da dieser in Planetennähe nicht eingesetzt werden konnte. Eine Mindestentfernung von zehn Millionstel Parsec, entsprechend etwa einem Drittel der Entfernung zwischen Erde und Mond, war dafür erforderlich. Kwiri teilte Thomas die Einsatzbereitschaft seines Raumschiffs mit.

„Gut“, sagte Thomas, „ich rufe dann Teichmann an. Wie schnell seid ihr dort?“

„Nach Erdzeit ungefähr zehn Minuten, wenn wir uns Zeit lassen. Uns wäre lieb, wenn du dabei bist.“

„Dann müsste ich hinfahren und euch von dort rufen. Ich brauche mindestens eine Stunde bis zur Sternwarte.“

Kwiri nickte, Thomas ging zum Telefon und rief die Sternwarte an.

„Nein, Herr Hansen, tut mir Leid. Herr Teichmann hat heute Vormittag Dienst im Planetarium. Der kommt frühestens gegen vier Uhr noch mal herein.“

„Schön, dann treffe ich ihn im Planetarium. Das ist für meine Zwecke ohnehin besser gelegen“, bedankte sich Hansen und rief im Planetarium an.

Teichmann ließ sich nur ungern mit dem seiner Meinung nach verrückten UFOisten verbinden.

„Was denn nun schon wieder?“, fragte er, als er Thomas hörte.

„Ich habe eine Überraschung für Sie. Sind Sie in ein­einhalb Stunden noch im Planetarium?“

„Ja, sicher. Worum geht es denn?“

„Wenn ich Ihnen das jetzt erzähle, wär’s keine Überraschung mehr. Bis in eineinhalb Stunden, Herr Teichmann“, verabschiedete sich Thomas und ging zu den Außerirdischen hinaus.

„Es gibt eine kleine Programmänderung. Könnt ihr die Navigationsspeicherung noch ändern?“

„Natürlich. Was ist?“, fragte Klim.

„Teichmann ist im Planetarium. Das ist mir sogar lieber, weil davor eine riesengroße Wiese ist, wo ihr problemlos landen könnt. Bei dem Regen heute wird dort kaum ein Besucher sein, der gefährdet werden könnte.“

Klim nickte, gab Thomas den Markierungslaser und aktivierte die Hologrammkarte. Hansen markierte das Planetarium.

„Ich fahre jetzt los. Sobald ich am Stadtpark angekommen bin, rufe ich euch. Fliegt möglichst direkt von Süden über den Stadtparksee auf das Planetarium zu und bleibt dicht über den Baumkronen, sonst kollidiert ihr mit den Flugzeugen, die den Hamburger Flughafen anfliegen. Bei diesem Wetter kommen sie meist über den Stadtpark herein. Bis später.“

Ende der Leseprobe

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