Demnächst wird der Band 3 Der SOL 3 = Erde-Reihe erscheinen. Er vereint die bisher hier veröffentlichten Teile 3: Der Transponderschwindel und Teil 4: Mission: Galoba in einem Band.
Inhalt Band 3
Teil 1 – Der Transponderschwindel behandelt die Rückkehr des Ehepaars Hansen auf die Erde, um sich in ärztliche Behandlung zu begeben. Während Gabi untersucht wird, trifft Thomas einen ehemaligen Kollegen. Im Gespräch mit ihm stößt Hansen auf Transponderchips, die es eigentlich nicht geben dürfte, weil sie auf dem Grund der Nordsee liegen sollten. Und sie haben einen Fabrikationsfehler, der schon einige Opfer gefordert hat. Thomas und Gabi kommen einem Betrug zu Lasten ihres Ex-Arbeitgebers auf die Schliche. Werden sie ihren ehemaligen Kollegen helfen können?
Teil 2 – Mission Galoba: Kaum ist das Ehepaar Hansen wieder auf Gemara, droht der Dritte Galaktische Krieg. Galoba, ehemaliger Hauptplanet einer wesentlich größeren Gemeinschaft in der Galaxis, aus der auch die Galaktische Föderation hervorgegangen ist, ist nach zwei Kriegen in der Galaxis neutral geworden, erklärt aber seinen Beitritt zur Galaktischen Föderation. Der Haken: Das Anwida-System, zu dem Galoba gehört, ist ein Wanderer zwischen zwei Armen der Galaxis und wird in Kürze in das Gebiet des Lukanischen Imperiums eintreten. Das Imperium will den Planeten annektieren. Es droht eine militärische Auseinandersetzung, die Gabi und Thomas unbedingt verhindern wollen. Wieder einmal hat Kilma Gribor, erklärter Feind der Hansens, seine grünen Griffel im Spiel, aber nicht nur er alleine …
Leseprobe Teil 1
Kapitel 1
Rückkehr zur Erde
Die Ganymed erreichte den Erdorbit. Thomas und Gabriele Hansen waren auf der Brücke und sahen das gewaltige Bauwerk des terranischen Orbitaldocks auf dem Hauptbildschirm des Kreuzers. Es sah aus wie ein gigantischer Kreisel, bei dem die Spitze nach Süden zeigte und das breite Ende nach Norden wies. Oder wie ein überdimensionaler Pilz, der noch einen zweiten Hut mit etwas geringerem Durchmesser in der Mitte des Stiels hatte. Mit dreißig Kilometer Länge zwischen dem Pilzhut und der Wurzelspitze und einem Durchmesser von fünf Kilometern in der größten Breite der oberen Orbitalstation war das terranische Orbitaldock nicht nur eines der größten in der Föderation, es war auch das modernste – wenn es auch einige nicht ganz so neue Elemente hatte. Die Raumstation MIR der früheren Sowjetunion war in das Dock integriert worden. Im Gegensatz zur früheren irdischen Raumfahrt herrschte jetzt aber in der Station künstliche Schwerkraft. Das Dock umkreiste die Erde geostationär über dem nördlichen Afrika.
Das Schauspiel der wirbelnden Wolkenmassen war vom Raum aus besonders schön sichtbar. Gerade bildete sich über dem Atlantik, etwas südlich von Island, ein neues Tief. Der Tiefdruckwirbel war eine riesige Spirale, deren Enden von Kanada bis nach Südspanien reichten.
„Wie ich diesen Anblick vermisst habe!“, seufzte sie. „Gemara ist richtig langweilig mit seinen einförmigen Wetterlagen. Norddeutsche Stürme habe ich schon lange nicht mehr im Gesicht gehabt.“
„Darauf kann ich immer noch gut verzichten. Hoffentlich hat mein Dach in den letzten sechs Jahren gehalten“, erwiderte er, ebenfalls seufzend. Sie sahen sich lächelnd an. Aus ihrer Liebe machten sie kein Geheimnis, und die Besatzung der Ganymed war von Hugh Fowler schonend darauf vorbereitet worden, dass Françoise Debussy sich sehr verändern würde – nicht nur namentlich.
Fowler grinste und drehte sich zu seinem Kommunikationsoffizier um.
„Ryan, einen Kanal zum Dock“, wies er den Leutnant an.
„Verbindung steht, Sir.“
„Kreuzer Ganymed unter Commander Fowler erbittet Einflugkoordinaten für Erdorbitaldock“, meldete sich der Kommandant.
„Hier Orbitaldock SOL3. Wir haben Sie im Leitstrahl für das Dock 14. Schalten Sie die Antriebsenergie ab und gehen Sie auf Automatik.“
„Danke, Orbitdock. Antriebsenergie ist aus, Steuerung ist auf Automatik. Holt uns sauber ‘rein!“, gab der Commander zurück. Auf der Steuerkonsole erlosch die Kontrolllampe für die Impulstriebwerke, dafür leuchtete die Automatikkontrolle auf. Der Steuermann lehnte sich entspannt in seinem Sessel zurück.
„Ich beneide dich, Tommy“, seufzte er. „Drei Monate Urlaub! Hältst du das überhaupt aus?“
„Von wegen Urlaub!“, spottete Thomas. „Die meiste Zeit werden wir wohl im Krankenhaus und in Reha-Kliniken verbringen, fürchte ich. Gabi wegen der Gesichtsoperation, und ich wegen der verdammten Plasmis. Schon die Vorbereitungen in Sachen Gesichtsoperation werden ein paar Wochen komplett ausfüllen. Von der ganzen Zeit werden uns vielleicht drei Wochen echte Erholung bleiben“, orakelte er düster. „Vor allem muss endlich geklärt werden, wer uns eigentlich im Rat vertritt. Die Arbeit kann schließlich nicht so lange liegen bleiben.“
„Wohin wollt ihr zuerst?“, erkundigte sich Fowler.
„Nach New York, zum Chef“, erwiderte Gabi. Hugh sah sie nachdenklich an.
„Lass es“, sagte er dann. „Ich habe vernommen, dass die UNO mit Butros Butros-Ghali einen neuen Generalsekretär hat. Vielleicht wäre es besser, wenn er gar nicht mehr Françoise Debussy kennen lernt, sondern gleich Gabriele Hansen – mitsamt neuem Gesicht“, empfahl er dann.
Einige Stunden später saßen beide dann doch im Büro des UN-Generalsekretärs.
„Danke, dass Sie gleich nach Ihrer Ankunft auf der Erde hergekommen sind“, begrüßte der Ägypter sie. „Mein Vorgänger Perez de Cuellar hat mir Ihre Berichte weitergegeben. Ich bin sehr dankbar, dass wir ein so erfolgreiches Duo im Raum haben.“
„Eigentlich war von einem Quartett die Rede, Mr. Secretary“, lächelte Thomas freundlich. „Wir sollten eigentlich jeder einen Stellvertreter haben. Uns ist bekannt, dass die ursprünglich dafür vorgesehenen Personen wegen anderer Verpflichtungen die Aufgabe nicht übernommen haben. Wer vertritt uns nun?“
„Ja, die UN haben sich die Sache nicht einfach gemacht. Aber nun kann ich Ihnen Ihre Stellvertreter vorstellen. Es handelt sich um einen britischen Parlamentsabgeordneten, Mr. Theodore Jordan von der Conservative Party und um eine senegalesische Menschenrechtlerin, Madame Sarouna Adougou. Es hat uns viel Mühe gekostet, eine geeignete Mischung zu finden, ohne eine Bevorzugung bestimmter Völker vorzunehmen.“
„Der Proporzgedanke ist einfach nicht auszutreiben!“, seufzte Thomas. „Na schön. Wir werden sie instruieren, damit sie einen entsprechenden Wissensstand über die derzeitige politische Lage in der Föderation haben. Wie ist die allgemeine Weltlage?“, fragte er dann. Butros-Ghali seufzte tief und winkte ab.
„Fragen Sie lieber nicht! Es gibt zwar keine Nationalstaaten mehr, aber der Weg bis zu einer wirklich geeinten Welt ist weit. Ich bin nur froh, dass es Ihnen gelungen ist, die Drohung der Vernichtungsflotte von uns zu nehmen. Noch haben wir nicht alle Vorbehalte beseitigt, die die Völker untereinander haben – siehe Mischung der Ratsvertretung. Die Vereinigung der einzelnen Staaten hat große wirtschaftliche Probleme geschaffen, weil sich die Wirtschaft früher fast blind darauf verlassen konnte, dass, wenn ein Staat ihrer Ansicht nach zu viel Steuern nahm, sie in den nächsten wandern konnte. Jetzt bauen wir eine einheitliche Wirtschaftsstruktur auf, die zu einer gewissen Nivellierung der Weltwirtschaft führen wird. Heißt im Klartext: Die einst superreichen Staaten müssen abgeben, die ärmeren Staaten stellen keine Billiglohnländer mehr dar. Gewisse Produkte, die früher in Taiwan oder in der Volksrepublik China äußerst billig hergestellt wurden, haben jetzt einen Preis, den das Produkt auch im früheren Italien gekostet hätte. Sie sind dadurch zwar erheblich teurer geworden, gleichzeitig aber entfallen Transportkosten, weil nun im Lande selbst hergestellt wird. Ausnahmen gibt es natürlich immer noch – wie zum Beispiel die Chipherstellung, die heute nahezu ausschließlich auf das Silicon-Valley in Kalifornien beschränkt ist, einfach, weil dort die Materialien und das Know-how zur Verfügung stehen.
Was es zum Glück nicht mehr gibt, sind Ressourcen-Streitereien. Sämtliche Bodenschätze dieser Welt wurden unter die direkte Aufsicht der UN gestellt, damit nie wieder um solche Dinge ein Streit unter Völkern entstehen kann und damit nie wieder einzelne Konzerne in der Lage sind, ganze Völkerstämme zu erpressen. Schürfkonzessionen werden nur noch an Firmen vergeben, die nachweisen, dass sie Arbeitsplätze schaffen, Einheimische einstellen und die Umweltschutzvorschriften genauestens beachten. Auf diese Weise haben wir schon eine Menge Regenwald retten können, der sonst Brandrodungen zum Opfer gefallen wäre.
Es wird sicher noch einige Jahre dauern, bis alle Verwerfungen der Umbruchszeit bereinigt sind, aber dann werden wir auf der Erde das haben, was sich schon viele, als größenwahnsinnig verschriene Politiker vorgestellt haben: Eine Welt, in der für alle die gleichen Rahmenbedingungen herrschen.
Aber es wird noch viel Nerven und in manchen Regionen auch soziale Sicherheit kosten – dafür werden andere erstmals erfahren, was soziale Absicherung überhaupt bedeutet und wie wichtig sie für einen Menschen ist. Positiv wirkt sich aus, dass nunmehr überall gleichermaßen scharfe gesetzliche Bestimmungen hinsichtlich des Umweltschutzes bestehen, die auch in gleichem Maße überwacht werden. Das war vor allem für die Staaten der früheren Dritten Welt eine große Umstellung.
Ein Weiteres haben die Außerirdischen erreicht: Technologischer Fortschritt wirft nicht immer nur den Verdacht einer neuen Gefährdung auf. Dank deren Errungenschaften gibt es endlich sichere Kernkraftwerke, womit die Energieversorgung von Millionen von Menschen über lange Zeiträume gesichert ist. Unsere malagrivischen Freunde konnten uns mit einer Fusionstechnologie ausstatten, die wirklich nur für eine normale Energiegewinnung taugt, nicht waffenfähig ist und in der Plutonium einfach nicht anfällt. Sogar für die Endlagerung der bisher angefallenen Kernabfälle hat sich eine Lösung gefunden. Sie werden jetzt auf einem Marsmond in ungefährliche Stoffe zerlegt und können dann in anderen Technologien gefahrlos weiterverarbeitet werden.
Was gewisse Sorgen bereitet, ist die immer mehr ausufernde Roboterproduktion. Das kostet menschliche Arbeitsplätze in ungeheuren Ausmaßen. Die Industrie reibt sich natürlich die Hände, denn Maschinen – speziell solche mit künstlicher Intelligenz – kosten nur die Anfangsinvestition und später nur geringe Wartungskosten, brauchen weder Urlaub noch Wochenende, können vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage die Woche arbeiten. Es gibt natürlich auch Militärs, die meinen, man könnte auch auf der Erde gut Kampfroboter einsetzen. Das hat die UN-Vollversammlung – Gott sei Dank – verhindern können. Aber die Industriebosse picken immer weiter und hoffen, die Regionalchefs – früher Staatschefs – doch noch mürbe zu machen“, erklärte Butros-Ghali. Ein leiser Seufzer mischte sich hinein. Leicht hatte der Mann als Chef der Weltregierung es gewiss nicht. Thomas und Gabi nahmen die Ausführungen des Regierungschefs dennoch mit einiger Freude zur Kenntnis, bedeutete eine Einheit der Erde doch endlich, dass Krieg auf der Erde – hoffentlich – ausgestorben war.
Wenig später hatten die Hansens ihre Vertreter über die Lage der Föderation aufgeklärt und sie mit der derzeitigen politischen Situation vertraut gemacht, dann flogen sie nach Hamburg weiter. Noch von New York aus rief Thomas seine Nachbarin Lene Möller an, die höchst überrascht war, dass ihr Nachbar doch nochmal zur Erde zurückkehrte. Vor seiner Abreise hatte er sie gebeten, sich um sein Haus und seinen Garten zu kümmern, hatte ihr dafür auch Bezahlung zugesagt. Jetzt bat er sie, einige Dinge einzukaufen, damit er und Gabi sich wieder häuslich einrichten konnten.
Schon aus der Luft war erkennbar, dass der Flughafen sich sehr verändert hatte. Neben den Flugsteigen für die herkömmlichen Flugzeuge gab es auch ein Landefeld für Raumschiffe, die klein genug waren, um auf einem Planeten wie der Erde zu landen. Auf dem Raumhafen herrschte fast größerer Betrieb als auf dem eigentlichen Flughafen. Transporterfähren in unterschiedlichen Größen, von staatlichen wie von privaten Gesellschaften bewegten sich dort in großer Zahl.
Thomas sah das Treiben beim Landeanflug mit einem melancholischen Lächeln. Hätte er das, was er dort unten auf dem Hamburger Raumhafen sah, vor sechs Jahren in der Öffentlichkeit behauptet, wäre er ohne langes Federlesen in der psychiatrischen Klinik Ochsenzoll* gelandet. Und jetzt tummelten sich dort unten Raumschiffe, wie er es sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt hatte. Kontrollen gab es am Flughafen weiterhin, auch wenn die früheren irdischen Staaten in einer Zollunion vereinigt waren. Zollpflichtig blieben aber bestimmte Güter aus dem Raum, ganz besonders solche, deren Wirkung auf die Bewohner der Erde noch nicht ganz bekannt war. Diese Dinge wurde einstweilen in Quarantänekammern am Flughafen verschlossen, bis ihre Ungefährlichkeit nachgewiesen war.
Eine der größten Änderungen bekamen die Hansens zu sehen, als sie einen Mietwagen nehmen wollten. Kraftfahrzeuge, so wie sie sie gekannt hatten, gab es kaum mehr. Auf der Erde hatte sich der Gleiter durchgesetzt. Zugegebenermaßen hatten die irdischen Gleiter sehr viel Ähnlichkeit mit den alten Kraftfahrzeugen, basierten sie doch auf den alten Karosserien, die einfach nur kein Fahrgestell mehr hatten. Dank der technologischen Entwicklung der Deneber gab es so gute Energiezellen, dass man auf der Erde ein umfassendes Netz von Magnetstraßen hatte bauen können. Bereits fertige Asphaltstraßen waren umgerüstet worden.
Thomas mietete also einen zweisitzigen Gleiter der Firma Volkswagen und steuerte in Richtung Autobahn A 7, um in sein Haus in der Heide zu fahren. Als er den Gleiter dort auf seinem alten, immer noch ölfleckigen Parkplatz abstellte, und er und Gabi ausstiegen, bemerkten sie, was ihnen bisher gefehlt hatte, ohne dass sie recht wussten, was es gewesen war: Der früher allgegenwärtige Geruch von Benzin, Abgasen und Öl. Damals hatte man diesen Geruch gar nicht wahrgenommen, aber jetzt, wo es praktisch keine Verbrennungsmotoren mehr gab, fiel er in der geringen Konzentration, in der er um das alte Heidehaus vorhanden war, doch auf.
Gabi lächelte.
„Es riecht nach zu Hause“, sagte sie. „Komisch, früher hätte ich immer gesagt, dass in der Heide eine viel bessere Luft ist als in Hamburg.“
Thomas schloss den Gleiter ab, kam um das Fahrzeug herum und umarmte Gabi.
„Willkommen zu Hause“, lächelte er und küsste sie.
„Ich werd’ bestimmt eine ganze Woche schlafen!“, lachte sie auf. „Diese Zeitunterschiede kann ich immer noch nicht verknusen*.“
„Moin*, Herr Hansen!“, kam es von der anderen Seite des Zaunes. Er drehte sich um und sah seine Nachbarin, Frau Möller, dort stehen.
„Moin, Frau Möller. All’ns kloor*? „
„Ich hab’n büschen* für Sie eingeholt, Herr Hansen. Woll’n Sie das gleich abhol‘n?“
„Ja, ich komm’ gleich ‘rüber, danke“, rief er zurück. „Packen wir aus, dann hole ich die Lebensmittel ab“, wandte er sich an Gabi. Sie nickte.
Etwas später hatte er den Einkauf von Frau Möller abgeholt, hatte ihr das Geld für die Hauswache gegeben, sie hatten sich in seinem Haus wieder eingerichtet. Obwohl es erst früher Nachmittag war, waren sie beide von der langen Reise doch so müde, dass sie sich erst gründlich ausschlafen wollten, bevor sie daran gingen, ihre weiteren Schritte zu planen.
Am folgenden Tag begann Thomas mit diversen Telefonaten bei Behörden und Ärzten, um Termine zu bekommen. Der erste Termin musste notwendigerweise beim Gehirnspezialisten sein, denn ohne den Nachweis, dass Gabi unter Amnesie gelitten hatte, konnte sie kaum zu ihrer früheren Identität zurückkehren. Er fand einen Eintrag, der auf einen sulukanischen Arzt hinwies. Dr. Zerno hatte seine Praxis am Herwardeshuder* Weg, ganz in der Nachbarschaft ihrer früheren gemeinsamen Arbeitsstelle.
„Praxis Dr. Zerno, Maas, guten Morgen“, meldete sich die Sprechstundenhilfe.
„Guten Morgen, Frau Maas, Hansen ist mein Name. Ich bräuchte einen Untersuchungstermin wegen einer Amnesieanalyse.“
„Für Sie selbst?“
„Nein, für meine Frau. Gabriele Hansen.“
„War sie schon einmal bei uns?“
„Nein.“
„Passt Ihnen morgen Vormittag? Oder wollen Sie lieber am Nachmittag?“, fragte die Sprechstundenhilfe.
„Vormittag passt gut. Welche Uhrzeit?“
„Halb elf?“
„In Ordnung. Wir sind da.“
„Wir brauchen eine Überweisung vom Hausarzt. Haben Sie die?“
„Ja, bringen wir mit.“
„Gut, bis morgen.“
„Danke, wiederhören.“
Thomas legte auf.
„Mann, wo schreib’ ich das hin? Ein Arzt, der am nächsten Tag einen Termin frei hat!“, murmelte er verblüfft. „Gabimaus! Es wird ernst!“, rief er dann. „Ich hab’ für morgen einen Termin beim Gehirnklempner!“
Dr. Sika Zerno war eine Ärztin vom Volk der Sulukaner, hatte demzufolge violette Haut und ungefähr die Größe und die Gestalt eines Erdmenschen. Was sie von einem Erdmenschen aber deutlich unterschied, war das dritte Auge über der schmalen und sehr kurzen Nase. Dieses Auge jedoch hatte keine dunkelgrüne Iris, wie sie sonst den Sulukanern eigen war, sondern war vollständig schwarz und glänzte fast übernatürlich. Mit diesem Auge nahmen Sulukaner nicht visuell, sondern mental wahr, konnten mit diesem Empfänger Gedanken lesen. Sulukanische Ärztinnen und Ärzte waren deshalb praktisch überall im Bereich der Galaktischen Föderation als Gehirnspezialisten tätig. Das vollständig weiße Haar bedeutete bei Sulukanern, dass sie jung waren. Erst mit wenigstens achtzig Erdjahren bekamen Sulukaner den violetten Altersschimmer im Haar.
Dr. Zerno lächelte freundlich, als Thomas und Gabi das Ordinationszimmer betraten. Sie war es gewöhnt, dass jemand, der sich von ihr untersuchen ließ, in der Regel in Begleitung kam. Gabi stellte ihr Anliegen vor.
„Es geht Ihnen also darum, gegebenenfalls den Nachweis zu führen, dass Sie unter einer derartigen Amnesie gelitten haben, dass Sie sich für eine andere Person gehalten haben. Habe ich das so richtig verstanden?“, fasste die Ärztin zusammen. Gabi nickte.
„Ja, das ist so richtig“, bestätigte sie.
„Gut. Da die Sache aber so lange zurückliegt, werde ich sehr lange in ihrer Erinnerung suchen müssen, bis wir den richtigen Zeitpunkt gefunden haben. Das wird mehrere Stunden in Anspruch nehmen.“
„Kann mein Mann hierbleiben? Es wäre mir sehr wichtig“, bat Gabi.
„Nein, ich muss mich vollständig auf Sie konzentrieren, Frau Hansen. Aber ich verspreche Ihnen, dass Ihr Mann hier ist, wenn Sie in die Hypnose fallen und wenn Sie daraus wieder aufwachen. Dazwischen kann er Ihnen ohnehin nicht behilflich sein, würde mich aber in der Konzentration behindern.“
Gabi war unsicher, aber Thomas’ sanfter Händedruck gab ihr wieder die nötige Kraft.
„Ich bleibe auf jeden Fall in der Nähe und nehme den Kommunikator mit. Falls etwas passiert, kann Dr. Zerno mich jederzeit rufen. Gut?“, bot er leise an. Gabi nickte.
Dr. Zerno bat sie auf eine bequeme Liege, setzte selbst eine Kappe mit einer Unzahl von Kabeln auf und verteilte die verschiedenen Elektroden an Gabis Stirn und auf ihrem Kopf.
„Wozu brauchen Sie die Kappe?“, fragte Gabriele besorgt. „Ich dachte, Sie können Gedanken lesen?“
Dr. Zerno lächelte.
„Das kann ich auch. Allerdings nur ihre gegenwärtigen Gedanken. Und ich erkenne in Ihren jetzigen Gedanken, dass Sie große Angst haben. Angst davor, dass ich Ihnen etwas suggeriere, was nicht wahr ist, Angst davor, dass ich Ihnen mit meinem Wissen, das ich aus Ihren Erinnerungen gewinne, schaden könnte. Als Ärztin unterliege ich der Schweigepflicht, darf also nur weitergeben, was Sie mir ausdrücklich erlauben. Und ich verspreche Ihnen, dass ich nie etwas von dem nutzen werde, was ich erfahren werde. Ich werde Ihnen auch nichts suggerieren, Sie werden sich selbst an etwas erinnern; etwas, das wirklich stattgefunden hat; etwas, das Sie als schön und angenehm empfunden haben. Was Ihren Gedächtnisverlust anbelangt, können Sie ebenso unbesorgt sein. Sie werden das auslösende Ereignis nicht nochmals erleben.“
„Irgendwie ist es mir unheimlich, dass Sie in meiner Erinnerung stöbern können, ohne dass ich etwas davon merke“, bemerkte Gabi mit trockener Kehle.
„Das geht nicht nur Ihnen oder anderen Menschen so, das ist jedem Wesen in der Galaxis unheimlich. Aber wir sulukanischen Gehirnspezialisten haben einen besonderen Eid geschworen, der uns verbietet, aus dem, was wir in den Gehirnen unserer Patienten erfahren, einen Nutzen für uns selbst oder für Dritte zu ziehen. Es fiele uns aber auch schwer, weil wir das, was wir im Gehirn lesen, nicht behalten können, sondern nach kurzer Zeit wieder vergessen“, erklärte die Ärztin. „Herr Hansen, setzen Sie sich bitte hierher und halten Sie Ihrer Frau die Hand“, bat sie dann Thomas und wies ihm einen Platz auf einem bequemen Schemel zu.
Er setzte sich, nahm Gabis Hand, die die seine fest umkrampfte. Sie hatte schreckliche Angst. Dr. Zerno schloss die beiden Augen mit der sanften, grünen Iris, das schwarze, mentale Auge begann langsam zu pulsieren, als sie sich auf ihre Patientin zu konzentrieren begann. Allmählich wurde aus der tiefen, blanken Schwärze ein leuchtendes, dunkles Violett, dann ein strahlendes Königsblau. Gleichzeitig begannen die Verbindungskabel leicht bläulich zu schimmern.
Thomas spürte eine sanfte Berührung am Arm. Er sah auf. Die Sprechstundenhilfe stand neben ihm.
„Kommen Sie“, sagte sie leise. „Frau Doktor braucht jetzt ihre ganze Konzentration.“
Er löste ganz vorsichtig seine Hand aus Gabis, streichelte noch einmal sanft darüber und verließ dann auf Zehenspitzen das Ordinationszimmer.
„Wie lange wird die Untersuchung in etwa dauern?“, fragte er draußen.
„Wie lange liegt der Gedächtnisschaden zurück?“
„Sechseinhalb Jahre.“
„Das kann gut drei bis vier Stunden dauern.“
Er sah aus dem Fenster. Es war ein sonniger Maitag, es war um die Mittagszeit – eine gute Zeit, um im Alsterpark spazieren zu gehen. Er zog seinen Kommunikator aus der Tasche.
„Ich gehe in den Alsterpark. Falls etwas sein sollte, können Sie mich über die Ratsfrequenz erreichen“, sagte er. Die Sprechstundenhilfe nickte, und die Tür klappte hinter ihm ins Schloss.
Kapitel 2
Alte Bekannte
Thomas ging zu dem auf dem Parkplatz des Fährhauses am Herwardeshuder Weg abgestellten Mietgleiter, holte sich sein Lunchpaket und ging zu einer der Bänke am Alsterufer, wo er sich hinsetzte, die Zeitung las und einen Happen aß. Die Sonne war warm, und Thomas genoss es, nach langer Zeit die Strahlen einer Sonne einigermaßen ungefährdet auf sich scheinen zu lassen. Auf Palavor wäre das völlig undenkbar gewesen, er wäre nach wenigen Minuten wie ein Hähnchen gegrillt gewesen. Und auch Deneb hatte seine Tücken, die sich bei Terranern in einer fast chronischen Sonnenallergie niederschlug. Die UV-Strahlung war für Terraner einfach zu stark.
„Tommy? Bist du das wirklich oder hab’ ich Halluzinationen?“, störte ihn plötzlich eine ihm bekannte Stimme aus seinen Überlegungen und Träumen auf. Thomas blinzelte leicht sonnenblind und erkannte seinen früheren Kollegen Frank Eichner.
„Grüß’ dich, Frank. Ist schon Mittagspause?“, fragte er und klopfte einladend auf die Bank. Frank Eichner setzte sich prompt.
„Super, dass du wieder in Hamburg bist. Bleibst du länger?“
„Drei Monate wohl“, gab Thomas zurück. Frank druckste einen Moment.
„Ehrlich: Du und Gabi, ihr fehlt uns. Geht’s dir wieder einigermaßen?“
Thomas grinste.
„Mir ist es selten besser gegangen.“
„Nach Gabis Tod warst du völlig fertig. Hast du’s gepackt?“, erkundigte sich Frank. Thomas überlegte einen Moment, ob er Frank die Wahrheit sagen sollte. Sie kannten sich lange, hatten zusammen bei Sperling Assekuranz gelernt und bis zu Thomas’ Kündigung Tür an Tür gearbeitet.
„Manche Dinge sind nicht so wie sie scheinen, Frank“, sagte er schließlich. „Ich musste erst einen Ausflug zu den Sternen unternehmen, um wieder klar zu werden“, setzte er geheimnisvoll hinzu. Vielleicht war es im Moment besser, auch einem guten Freund wie Frank noch nicht alles zu erzählen. Der nickte verstehend, obwohl er nicht ganz begriffen hatte, was sein Ex-Kollege meinte.
„Und was machst du, wenn dein Mandat abgelaufen ist? Kommst du wieder unter Papa Sperlings Fittiche?“, fragte er schließlich.
„Lebt unser alter Herr noch?“, erkundigte sich Thomas.
„Ist grad’ fünfundsiebzig geworden. War ‘ne Riesenparty im Haus. Jeder hat unser Firmenzeichen als Anstecknadel oder als Krawattenklammer bekommen. Die meisten haben sich eins gefeixt, aber manche tragen das Ding wie einen Orden.“
„Und wie sieht’s sonst so bei euch aus? Schadenmäßig meine ich.“
„Katastrophe!“, seufzte Frank. „Seit diese Gleiter mit den Prallfeldern in Mode gekommen sind, ist die K-Schaden*-Abteilung praktisch ausgestorben. Nein, grins’ nicht! Ich meine das ernst! Wir waren mal zwanzig Leute mit drei Großkopferten und Registratur. Hat sich was! Jetzt sind’s noch drei: Scheunemännchen als Abteilungsleiterin, Babsi Thomas und ein Azubi. Herr Nattermann ist in Pension, Straßner ist in den Schoß der Justiz zurückgekehrt. Andreas Tams versucht sich als Außendienstler, Sabine und ich sind in Transport-Schaden* umgezogen und so weiter und so weiter. Und was treibst du?“
„Im Moment bin ich noch im Galaktischen Rat, danach habe ich einen Job bei der Raumflotte“, erwiderte Thomas. Eichner grinste.
„Wenn du mir das bei deiner Kündigung gesagt hättest, hätte ich dich ausgelacht.“
„Logisch – wie jeder andere Terraner auch.“
„Und? Wie ist es bei der Flotte? Bundmäßig?“, fragte Eichner neugierig.
„Nein, weniger Brüllaffen“, gab Thomas zurück. „Ich habe es als Ratsmitglied allerdings ein bisschen besser, weil ich gleich als Leutnant eingestiegen bin.“
„Du siehst nicht nach Problemen aus. Gibt’s tatsächlich ‘ne Armee, in der es keine Probleme gibt?“
„Die Raumflotte ist ebenso wenig problemfrei wie andere Armeen – oder Firmen. Die Achte Flotte, zu der ich gehöre, wenn ich nicht beim Rat bin, hat zum Beispiel gewisse Probleme mit Kampfrobots der Serie S 5. Die Mistdinger lassen sich auf dem Wüstenplaneten, wo wir stationiert sind, einfach nicht steuern. Wir vermuten zwar, dass ein Defekt der Steuerung Auslöser ist, aber gefunden haben wir bisher nichts“, sagte Thomas. Eichner bekam nachdenkliche Falten auf der Stirn.
„Einer unserer Versicherungsnehmer* – du weißt schon: Harkort AG – produziert Teile von Kampfrobotern. Ich glaube, auch die Steuerung.“
„Unter anderem diese“, gab Thomas zurück. „Aber die fehlerhaften Robots gibt es schon länger als Harkort die Lizenz dafür hat.“
„In der letzten Zeit dürfte er davon wenig produziert haben“, bemerkte Frank.
„Wieso?“
„Na, Harkort hatte einen saftigen Transportschaden. Denen sind ‘ne Menge Transponderchips abhanden gekommen. Stell’ dir vor: Schippert ein Containerfrachter durch den Ärmelkanal, es kommt ein schöner Südwest-Sturm und – schwupp – machen sich ein paar von den Blechdosen selbstständig und versinken einfach vor der Küste von Dover! Hat ‘ne Stange Geld gekostet. ‘Ne viertel Million Stück war nach den Frachtpapieren in dem Container drin, aber irgendwo an der Wattenmeerküste wurden drei kleine Plastiktütchen mit insgesamt dreitausend Chipsen angeschwemmt. Nun liegen sie bei uns und wir versuchen gelegentlich welche als Provenuen* zu verkaufen. Aber bring’ mal Spezialchips unter die Leute! Der Einzige, der welche kauft, ist unser Hausmeister Hirte. Aber zufrieden ist er nicht damit.“
„Was für Chips sind das?“, hakte Thomas nach. Er war neugierig geworden.
„Transponderchips. So ‘ne Art kleiner Sender.“
„Und wofür verwendet Hirte die Dinger?“
„Harkort stellt nicht nur Roboter her, sondern auch Mobiltelefone und Cityrufempfänger. Hirte hat so einen Piepser, der auch einen solchen Chip hat. Irgendwann ist ihm das Ding im Putzeimer versunken – und das haben verschiedene Teile nicht überlebt. Hirte hat den Empfänger selbst repariert. Du weißt, er ist ein genialer Bastler. Ja, und da hat er sich aus Sperlings Provenuenbeständen Chipsies geholt. Im Prinzip funktionieren die auch. Aber im Sommer ist er trotzdem manchmal nicht erreichbar. Behauptet, der Eumel hat nicht gepiepst.“
Thomas bekam eine dunkle Ahnung, dass er dem Fehler der S 5 auf der Spur sein könnte. Andererseits gab es den Fehler schon viel länger als Harkort für die Flotte produzierte.
„Habt ihr noch welche von den Dingern?“, fragte er.
„Logo. Hirte hat zwanzig Stück gekauft, alle anderen sind noch da.“
„Kannst du mir welche davon zeigen?“
„Klar“, erwiderte Eichner. Er sah auf die Uhr. „Bloß heute nicht. Mittagspause ist um. Ich muss schleunigst zurück. Bist du morgen in der Gegend?“
„Weiß ich noch nicht. Hängt davon ab, wie meine Terminplanung läuft. Ich gehe demnächst noch ins Krankenhaus.“
„Oh, was Ernstes?“
„Ich hatte eine unschöne Begegnung mit einem S-5-Kampfrobot. Seither habe ich einen Plasmaverband, bin aber allergisch dagegen. Der muss operativ ‘runtergeholt werden.“
„Mann, wo?“
„Weiß noch nicht. Vielleicht in Barmbek*.“
Eichner stand auf.
„War schön, dich zu treffen. Meld’ dich mal wieder.“
„Vorsicht! Ich tu das!“, warnte Thomas grinsend. „Welche Durchwahl hast du jetzt?“
„289“, gab Eichner Auskunft. Er winkte noch einmal, dann lief er quer über die Wiese zum Herwardeshuder Weg.
Thomas sah ihm nach und erwischte sich beim Träumen von seinem früheren Job. Schadenbearbeitung war immer ein stressiger Job gewesen; vor allem deshalb, weil das Auto des Deutschen liebstes Spielzeug ist, das er nicht gern in kaputtem Zustand sieht. Aber im Vergleich zu manchen Dingen, die ihm seither begegnet waren, war es ein Kinderspiel, mit mehreren Wochen Postrückstand, hundertfünfzig Akten gestapelt hinter sich und einem Telefon im Dauerklingeln zu leben – und einem Chef, der diesen Rückstand auf maximal eine Woche reduzieren wollte.
Er seufzte leise, als der Kommunikator in seiner Hosentasche zu vibrieren begann.
„Hansen“, meldete er sich.
„Hallo, Herr Hansen. Praxis Dr. Zerno, Maas. Ihre Frau wird in Kürze aus der Trance erwachen. Sie wollten dabei sein.“
„Ja, danke. Ich bin in fünf Minuten da“, antwortete er und eilte zu der sulukanischen Ärztin zurück.
Gabi Hansen wachte langsam auf. Das Erste, was sie spürte, war Thomas’ sanfter Händedruck. Mit einiger Mühe schlug sie die Augen auf und sah ihn lächelnd neben sich sitzen. Wortlos beugte er sich über sie und küsste sie.
„Wie geht’s dir, Schatz?“, fragte er dann sanft.
„Ich hab’ ‘nen ziemlich dicken Kopf. Frau Doktor hat ganz schön gewühlt, habe ich den Eindruck.“
Ihr Blick glitt suchend durch den hellen Raum und blieb schließlich an der Gehirnspezialistin hängen.
„Und? Was haben Sie aus meiner Erinnerung erfahren können?“, fragte sie dann. Dr. Zerno lächelte das Paar freundlich an.
„Erstens, dass Sie immer noch verliebt sind. Zweitens, dass Sie für Ihren Mann fast alles tun würden – bis hin zu einer Art Selbstverleugnung. Sie haben verzweifelt nach einem Ausweg gesucht, um der Scheidung zu entgehen. Diesen Ausweg haben Sie schon vor dem Unfall gesucht, aber nicht gefunden. Dann kam der Unfall, bei dem Ihre Freundin ums Leben kam – und Sie hatten die Idee, sich in Ihre Freundin zu verwandeln, was dann auch geschehen ist.“
Die Hansens sahen die Ärztin betroffen an.
„Also keine Amnesie“, stellte Gabi ernüchtert fest.
„Nein, genau genommen nicht. Sie können sich sehr gut erinnern, was geschehen ist. Zu gut. Die Erinnerung an den Unfall quält Sie sehr. Sie haben ebenso verzweifelt versucht, das zu verdrängen, wobei Ihnen Ihre neue Identität helfen sollte. Das ist aber nicht ganz gelungen, weil Sie die Identität nie ganz angenommen haben, sondern im Innern immer Gabriele Hansen geblieben sind. Sie sind erst richtig in die Krise geraten, als Sie Ihren Mann wiedergesehen haben. Wenn Sie nicht wieder zu Ihrer Identität zurückkehren können – einschließlich Ihres ursprünglichen Gesichtes – werden Sie immer tiefer in diese Krise geraten. Schon aus diesem Grunde werde ich in meinem Bericht dringend empfehlen, Ihnen bei der Rückkehr zu Ihrer tatsächlichen Identität keine Schwierigkeiten zu machen.
Ich rate Ihnen aber, sich unbedingt anwaltlich beraten zu lassen, welche rechtlichen Folgen der Identitätswechsel haben wird, wenn Sie ohne wenn und aber die Sache rückgängig machen wollen. Der einfachere Weg wäre, wenn Sie Ihren Mann als Françoise Debussy heiraten, einen deutschen Namen annehmen und sich dann bei einem Gesichtschirurgen Ihr ursprüngliches Gesicht wiedergeben lassen. Das hat zwar die Folge, dass Ihre jetzige Identität an Ihren Hacken kleben bleibt, aber möglicherweise hat eine echte Rückkehr schlimmere Folgen familiärer oder rechtlicher Natur. Sie sollten sich das wirklich überlegen“, warnte die Ärztin.
„Gut, ich werde drüber nachdenken“, sagte Gabi langsam.
„Sie sind nicht überzeugt, Frau Hansen“, bemerkte die Ärztin lächelnd. Gabi wurde schamrot.
„Ich sollte dran denken, dass man einem Wesen, das Gedanken lesen kann, nichts vormachen kann, Frau Doktor. Danke für den Rat“, sagte sie schließlich.
Eine Stunde später waren die Hansens wieder in Undeloh. Gabriele war völlig erschöpft.
„Wie wär’s, wenn du schläfst, mein Schatz?“, fragte Thomas.
„Ich weiß gar nicht, ob ich das überhaupt kann“, murmelte sie müde.
„Mit Kwiris Tiefschlafkur geht alles!“, gab er zurück und küsste sie sanft. „Und wenn du wieder aufwachst, gibt’s was Schönes zu essen. Was meinst du?“
Sie nickte nur, war aber nicht in der Lage ein Wort zu sagen. Er löste sich vorsichtig aus ihrer Umarmung, brachte sie ins Schlafzimmer und gab ihr eine von den Kapseln, die er von Kwiri bekommen hatte. Wenig später war sie in tiefen Schlaf gefallen. Er schloss leise die Schlafzimmertür. Zwar war noch eine Menge an Terminplanung zu machen, aber er wollte dies nicht ohne sie machen. Sie sollte ihre Termine selbst bestimmen. Von diesen Terminen würde wohl auch seine eigene Krankenhausplanung abhängen, denn er wollte sie in der Vorbereitungszeit auf keinen Fall mit ihren Ängsten allein lassen. Aber da war noch die Sache mit den Transpondern …
Er sah auf die Uhr. Es war gerade halb drei. Normalerweise musste Frank noch im Büro sein. Er wählte die Telefonnummer von Sperling mit Franks Durchwahl.
„Sperling Assekuranz, Eichner, guten Tag“, meldete sich Frank.
„Hallo, Frank. Thomas Hansen hier.“
„Der erste vernünftige Anruf heute!“, seufzte Frank. „Was kann ich für dich tun?“, fragte er dann, fast geschäftsmäßig.
„Du hast mich neugierig gemacht – diese Harkort-Geschichte, von der du mir heute Mittag erzählt hast. Was ist damit?“
„Hihi, ich hab’ sie mir schon ‘rausgesucht. Hab’ mir doch gedacht, dass dich das interessieren würde. Ich hab’ schon mit dem Chef gesprochen. Wenn du willst, kannst du dir die Akte ansehen“, bot Eichner an.
„Mich würden auch die Transponder selber interessieren. Kannst du mir welche davon zur Untersuchung zur Verfügung stellen?“
„Kein Problem. Wie viele willst du haben?“
„Hopsala! Sonst waren wir immer sehr zugeknöpft, wenn es darum ging, Betriebsfremden unsere Akten und Schadensachen zu zeigen oder zu überlassen“, wunderte sich Thomas.
„Erstens bist du nicht betriebsfremd, zweitens hat sich herum geschwiegen, was du für diese Welt getan hast und drittens ist sogar ein Herr Baron davon überzeugt, dass du zu so etwas wie zum Detektiv taugst.“
„Wie dick ist das Monster?“
„Ziemlich. Warum fragst du?“
„Könntest du mir die Akte auf das Fax schmeißen?“
„Jesus! Das dauert Stunden. Ich hab’ ‘ne bessere Idee: Ich bring’ sie dir nach Hause. Für uns ist sie abgeschlossen. Revision* ist derzeit nicht in Sicht. Wir brauchen die Akte also im Moment nicht. Es sei denn, du findest noch ‘ne Möglichkeit, dass wir von Harkort die Mäuse zurückfordern können.“
„Bis wann bist du im Büro?“
„Ich hab’ Nachtdienst*. Bis viertel vor fünf bin ich hier.“
„Gut, ich komme vorbei. So in einer Stunde bin ich bei dir“, gab Thomas zurück.
Eine knappe Stunde später saß Thomas im Büro von Herrn Baron, dem Chef der Transport-Abteilung seines alten Arbeitgebers.
„Herr Eichner hat die fixe Idee, dass Harkort gemogelt hat. Ich weiß nicht, woher er das nimmt. Ich kenne die Firma Harkort schon seit zwanzig Jahren. Die haben noch nie den Versuch gemacht, uns zu betrügen“, gab der Abteilungsleiter zu bedenken.
„Ich weiß. Ich habe viele Jahre Harkort AG im K-Bereich bearbeitet“, erwiderte Thomas. „Aber ich kenne auch Herrn Eichner und bin überzeugt, dass er nicht unnötig Alarm schlägt. Zudem habe ich selbst unangenehme Erfahrungen mit Kampfrobots, die Harkort jedenfalls in Lizenz für die Sordana-Robot auf Sarona produziert. Unter bestimmten Bedingungen lassen sich diese Geräte einfach nicht steuern. Meine Kollegen von der Flotte haben die Robots schon völlig auseinander genommen, aber nichts gefunden. Zwar stellt Harkort die Robots, beziehungsweise die Teile, insbesondere die Steuerung, erst seit gut einem Erdenjahr her, aber wer weiß …? Möglicherweise sind die Transponderchips der Schlüssel zum Fehler. Und wenn ich nebenbei Sperling helfen kann, bin ich dabei“, erklärte Thomas.
„Ich muss Sie wohl nicht darauf hinweisen, was für ein wichtiger Kunde Harkort für uns ist, Herr Hansen?“, erkundigte sich Baron.
„Nein. Was Sie aus dem machen, was ich Ihnen möglicherweise geben kann, das ist Ihre Sache, Herr Baron – oder vielmehr die Ihres Geschäftsführers oder der Konzernleitung. Sollte ich etwas finden, was Schritte gegen die Firma Harkort von Seiten der Föderation möglich macht, wird das so geschehen, dass Sperling nicht in den Verdacht von Geheimnisverrat gerät. Das kann ich Ihnen versichern“, erwiderte Thomas ruhig.
„Gut, dann gebe ich Ihnen die Akte mit, Herr Hansen. Ich bitte um Rückgabe, wenn Sie die Akte durchgearbeitet haben.“
Thomas grinste – etwas, was er sich nie geleistet hätte, wäre er noch Angestellter bei Sperling gewesen – und nahm die Akte und etwa ein Dutzend Transponderchips in einem Plastiktütchen an sich.
„Ich hoffe, Sie erwarten nicht innerhalb der berühmt-berüchtigten Wochenfrist eine komplette Ermittlung über Harkort AG“, sagte er in Anspielung auf die bei Sperling Assekuranz eingeführte Bearbeitungsfrist von einer Woche nach Eingang des Poststücks. Baron bekam einen nervösen Anflug.
„Sie sind kein Mitarbeiter des Hauses, Herr Hansen. Natürlich würde es mich freuen, aber wenn Sie umfangreiche Ermittlungen anstellen müssen …“
„Ich bin drei Monate auf Mutter Erde, von denen ich noch einige Wochen wegen einer länger geplanten Operation im Krankenhaus verbringen werde. Insofern steht mir leider nicht meine gesamte Zeit für Sperling zur Verfügung. Soviel ich weiß, benötigen Sie die Akte nicht unbedingt in der nächste Woche, oder?“
„Nein, aber Sie wissen doch, wie die Revision reagiert, wenn Regresse* nicht sofort eingeleitet werden“, gab Baron zu bedenken.
„Natürlich weiß ich das, Herr Baron. Aber in dem Falle bestellen Sie den Herrschaften einen freundlichen Gruß und teilen Sie Ihnen mit, dass dieser Regress – so er zu realisieren ist – ohne ein zufälliges Gespräch zwischen Herrn Eichner und mir gar nicht in Betracht gekommen wäre. Aber ich will sehen, was ich tun kann“, gab Thomas zurück und dachte bei sich, wie sehr er sich früher gewünscht hatte, kleine Spitzen in dieser Form verteilen zu können. Er hatte sich nie getraut. Zu groß waren der Respekt vor den Vorgesetzten und die Angst um den Arbeitsplatz gewesen. Er verabschiedete sich und verließ das Haus. Frank brachte ihn bis zur Tür.
„Ich hoffe, du findest etwas. Sonst sehe ich für meine berufliche Zukunft bei Sperling ziemlich schwarz.“
„Ich verspreche nichts, was ich nicht halten kann. Ich seh’ mir den Kram an – melden tue ich mich dann auf jeden Fall bei dir.“
„Danke, Tommy.“
Kapitel 3
Verblüffender Fund
Als Thomas nach Undeloh zurückkam, schlief Gabi noch immer. Er sah auf die Uhr. Sie würde noch weitere drei Stunden schlafen. Er kochte sich einen Kaffee, setzte sich mit der Akte auf das Sofa im Wohnzimmer und begann, die Akte durchzulesen.
Daraus ergab sich nur, dass Harkort – ein internationaler Konzern, der in nahezu jedem ehemaligen Land der Erde Niederlassungen hatte – eine Ladung Transponderchips auf der Reise von San Francisco nach Aberdeen im Ärmelkanal als Inhalt eines 40-Fuß-Containers untergegangen war und dass eben drei Tüten mit je eintausend Stück Inhalt an der ostfriesischen Nordseeküste in Höhe Norden angeschwemmt worden war. Aus der Akte ergab sich nichts, was die Firma Harkort verdächtig erschienen ließ.
Er legte die Akte weg und nahm sich die Tüte mit den Transpondern vor. Unter dem Mikroskop sah der Chip zunächst ganz normal aus – bis auf einen hauchfeinen Haarriss, der sich senkrecht durch den ganzen Chip zog. Thomas nahm einen anderen Chip. Er wies den gleichen Fehler auf. Nach und nach prüfte Thomas alle Chips, die Baron ihm mitgegeben hatte. Alle hatten den gleichen, wenn auch kleinen Fehler: einen durchgehenden Haarriss auf der Hauptplatine. Thomas verstellte die Vergrößerung und rieb sich verblüfft die Augen: Das war kein Haarriss – das war ein winzig kleiner Spalt unterhalb des Nanometerbereiches. Der Chip war offensichtlich so geätzt worden. Wiederum prüfte Thomas die Chips durch. Sie hatten alle den gleichen Ätzfehler! Eine elektrische Prüfung ergab dennoch eine normale Funktion des Chips.
Er lehnte sich zurück und dachte nach. Unter normalen Bedingungen hatten die Robots immer funktioniert. Ausnahme Amazonia, wo allerdings der Verdacht bestand, dass dieser Robot von außerhalb des Planeten ferngesteuert worden war. Speziell auf Palavor, in der Hitze der Tagseite, wo nicht selten Temperaturen von fünfzig Grad Celsius und mehr herrschen konnten, spielten die Robots nicht mit – genauso wie der Cityrufempfänger von Hausmeister Hirte, wenn er zu lange in der Sonne lag.
Er beschloss, die Probe aufs Exempel zu machen, legte die Transponder in den Backofen und stellte eine Temperatur von fünfzig Grad ein. Nachdem die Kontrolllampe erloschen war ließ er die Chips noch etwa eine Viertelstunde im Ofen und nahm dann den Ersten heraus. Unter dem Mikroskop sah er, dass sich der Spalt deutlich vergrößert hatte. Die elektrische Prüfung ergab, dass der Chip nicht funktionierte. Nicht nur einer – alle funktionierten unter dieser Bedingung nicht!
‚Womit der Fehler der Robots vermutlich gefunden ist’, dachte er. ‚Aber damit ist immer noch nicht klar, warum die Robots spinnen, die nicht mit Teilen von Harkort hergestellt wurden.’
Er lehnte sich zurück und drehte einen der defekten Chips in den Fingern. Ein Geräusch störte ihn aus seinen Gedanken auf.
Ende der Leseprobe des Teils 1
Leseprobe Teil 2
Kapitel 1
Ein Problem namens Galoba
Thomas und Gabriele Hansen kehrten nach einem wundervollen Urlaub nach Gemara zurück. Klim holte sie am Raumhafen ab, wo ihre Verbindungsfähre gelandet war. Im Gegensatz zu Kwiri, der die Hansens schon auf der Erde besucht hatte und Suli Kulibos, der Gabi immerhin geraten hatte, zu ihrer alten Identität zurückzukehren, war Klim nicht eingeweiht und dementsprechend erschrocken, als sein menschlicher Freund von einer augenscheinlich anderen Person begleitet wurde.
„Tho… Thomas, wo hast du Françoise gelassen?“, stotterte er. „Hat sie gekündigt?“
„Nein, aber Françoise ist gekündigt worden“, grinste Thomas.
„Ja, was hat sie denn getan? Ihre Arbeit war hervorragend“, erwiderte Klim verblüfft.
„Françoise ist die Identität aufgekündigt worden, und Gabi, meine Frau, hat ihre Ursprungsidentität wieder angenommen“, erklärte Thomas. Klim sah ihn ungläubig an.
„Hä? Die ist doch tot!“, bemerkte er.
„Hihi, das hab’ ich auch geglaubt“, kicherte Thomas. „Gabi war oscarreif.“
„Was meinst du?“
„Bei uns auf der Erde wird jährlich ein Preis für die beste schauspielerische Leistung verliehen. Gabi hätte ihn locker verdient.“
„Versteh’ ich nicht.“
„Macht nichts. Komm mit, ich erklär’s dir zu Hause“, beruhigte Thomas den verwirrten Deneber.
In Thomas’ Haus im Diplomatenviertel erklärte er Klim was vorgefallen war. Klim betrachtete Gabi eingehend.
„Wenn ich ehrlich bin, gefiel mir Françoise Debussy sehr gut, aber ich gestehe, Gabriele Hansen ist etwas Besonderes. Und besondere Wesen braucht die Galaktische Föderation im Moment nötiger denn je.“
Thomas und Gabi sahen sich vielsagend an.
„Aha, was ist los?“, erkundigte sie sich.
„Ihr wart nicht lange weg, aber die Galaxis steht schon wieder Kopf“, seufzte Klim.
„Sag bloß, auf Amazonia geht’s schon wieder rund?“, mutmaßte Thomas.
„Nein“, seufzte Klim, „es geht um den Planeten Galoba im neutralisierten System Anwida.“
„Und?“, fragten die Hansens wie aus einem Mund.
„Also, alles von Anfang an:“, begann Klim, setzte sich in dem für ihn viel zu großen Sessel zurecht, nahm einen genießerischen Schluck Cerasmilch. „Wie Kwiri euch mal gesagt hat, wurde der Planet Galoba – genauer das System Anwida, dessen einziger Planet Galoba ist – vertraglich zwischen der Galaktischen Föderation und dem Lukanischen Imperium für neutral erklärt. Dieses System hat die unangenehme Eigenschaft, zwischen den Raumgebieten der Föderation und des Imperiums zu wandern. Auf beiden Seiten gibt es gewisse gravitationelle Abnormitäten, die dieses System über die Grenzen pendeln lassen.
Nun ist durch eine kosmische Katastrophe auf der Seite der Föderation diese Pendelbewegung verstärkt worden, und das Anwida-System, das sich ohnehin auf dem Pendelschwung zum Imperium befindet, rast wesentlich schneller darauf zu als normal, wird das imperiale Gebiet deshalb nicht erst in drei galaktischen Jahreseinheiten erreichen, sondern in maximal fünf galaktischen Monaten. Nach dem offen erlangten Bericht unseres Botschafters hat das Imperium seine Militärberater in einem Ausmaß verstärkt, das zu Sorge Anlass gibt.
Damit nicht genug haben unsere Agenten in Erfahrung gebracht, dass das Imperium plant, Galobas Neutralität nicht länger zu achten, sondern das System zu annektieren. Die Systemregierung hat offenbar die gleichen Informationen, denn wir bekamen vor einer galaktischen Woche den Aufnahmeantrag Galobas, das sich nach langem Zögern nun doch der Föderation anschließen will. Aber die Sache ist in zweierlei Hinsicht heikel:
Erstens könnten wir das System aufgrund des bestehenden Friedensvertrages nur aufnehmen, solange es sich auf dem Gebiet der Föderation befindet. Hat es erst einmal das Territorium des Imperiums erreicht, wäre eine Aufnahme nur noch mit Zustimmung des Imperialen Hohen Rates möglich. Bei den bekannt gewordenen Bestrebungen der Annexion ist das nicht besonders wahrscheinlich. Ehrlich gesagt: Ich wage mir nicht vorzustellen, was die sagen, wenn wir das Anwida-System nach der mühsamen Neutralisierung jetzt kurz vor Eintritt in das imperiale Territorium als Vollmitglied aufnehmen wollten.
Zweitens kann die Regierung Galobas über den Aufnahmeantrag nicht allein entscheiden. Wegen der interstellaren Neutralität wurde der Bevölkerung für den Fall des angestrebten Beitritts zur Föderation oder zum Imperium ein Mitspracherecht in Form einer Volksabstimmung gewährt. Dabei ist problematisch, dass jeder, der auf Galoba arbeitet, nach drei galaktischen Monaten automatisch das galobanische Bürgerrecht erwirbt und stimmberechtigt ist. Die Ureinwohner, die eigentliche Bevölkerung Galobas, machen etwa ein Drittel der Gesamtpopulation aus, ein Drittel kommt von Planeten der Föderation, ein Drittel von denen des Lukanischen Imperiums. Unter den Galobanern selbst ist ein Beitritt zur Föderation seit langem umstritten, so dass längst nicht gesagt ist, dass bei einer Volksabstimmung die Beitrittswilligen in der Majorität wären. Diese Volksabstimmung hat aber auch noch nicht mal stattgefunden.
Andererseits muss über einen Beitrittsantrag innerhalb von zwei galaktischen Monaten im Rat entschieden werden.
Das Unangenehmste bei dieser Sache ist, dass Galoba in einem Freundschaftsvertrag ein Beitrittsrecht ohne Ablehnungsmöglichkeit durch den Rat zugesichert wurde. Wenn wir Galoba aber aufnehmen und das System tritt in das Territorium des Imperiums ein, bedeutet das fast zwangsläufig Krieg, wenn das Imperium seine Annexionsabsichten realisiert. Weigern wir uns, riskieren wir das Leben der Wesen, die für die Föderation auf Galoba arbeiten. Die Galobaner sind ein stolzes und ziemlich rachsüchtiges Volk. Wenn sie sich alleingelassen fühlen, werden sie tobsüchtig. Holen wir unsere Mitarbeiter aber ab, treiben wir die Galobaner auf jeden Fall in die Arme des Imperiums und riskieren erst recht einen Krieg, weil das Imperium den Abzug unserer Leute als Kriegsvorbereitung werten würde“, erklärte Klim mit sorgenvoller Miene
„Es ist also egal, was wir tun, wir sitzen zwischen allen Stühlen und haben in jedem Falle einen vermutlich vernichtenden Raumkrieg vor uns, sehe ich das richtig?“, fasste Thomas kurz zusammen. Klim nickte bedrückt.
„Und wenn man sich mit den Imperialen zusammensetzt?“, schlug Gabi vor. Klim schüttelte den Kopf.
„Wir unterhalten keine direkten diplomatischen Beziehungen miteinander. Direkte Verhandlungen gibt es nicht. Wir verkehren nur über Mittelsleute auf Galoba miteinander“, gab er zurück.
„Und wenn man den Galobanern das Dilemma erklärt?“, fuhr Gabi fort. Wieder Kopfschütteln des Denebers.
„Sie wehren jeden Versuch ab, über ihren Aufnahmeantrag zu diskutieren. Sie stehen auf dem Standpunkt, dass wir ihnen ein Beitrittsrecht eingeräumt haben, von dem sie jetzt Gebrauch machen.“
„Wer ‚sie’?“, fragte Thomas.
„Die galobanische Regierung“, präzisierte Klim.
„Allein kann sie den Beitritt nicht fordern. Und dass das Volk dahinter steht ist nicht gesagt. Ist es damit nicht abzuwenden?“, gab Thomas zu bedenken.
„Das haben wir auch gedacht und den Antrag damit zuerst zurückgewiesen. Aber die galobanische Regierung hat uns einen noch älteren Vertrag als den Freundschafts- und den Neutralitätsvertrag vor die Nase gehalten, und darin wird der Regierung die Antragsvollmacht zugesichert. Leider fehlt in der Neutralitätsvereinbarung der Zusatz, dass alte Verträge mit gleichen oder ähnlichen Inhalten damit gegenstandslos werden.“
„Hat den Galobanern schon mal jemand erzählt, dass sich die Bestimmungen des alten Vertrages und der Neutralitätsvereinbarung in diesem Punkt gegenseitig ausschließen?“, fragte Thomas.
„Nein, bisher hatten wir noch keine Gelegenheit dazu, weil wir erst gestern die Antwort der galobanischen Vertretung bekommen haben. Was ich euch erzählt habe, berichtet Kwiri eben gerade dem Präsidenten“, erwiderte Klim.
„Wie klar ist den Galobanern eigentlich, dass sie mit ihrer Absicht den Dritten Galaktischen Krieg auslösen?“, erkundigte sich Gabi. Klim seufzte.
„Ich weiß nicht, ob es ihnen klar ist. Und wenn es ihnen klar wäre, weiß ich nicht, ob es sie wirklich interessieren würde. Immerhin sind auch die bisherigen beiden Galaktischen Kriege durch Galoba ausgelöst worden. Ich glaube, sie sehen nur ihren Vorteil und kümmern sich nicht um die Folgen für andere.“
„Wir sollten zum Präsidenten fahren, Klim“, schlug Thomas vor. „Ich halte nichts von Krieg. Schon gar nicht von einem, den man eigentlich nur für fremde Interessen ausfechten soll.“
Wenig später saßen die beiden Terraner und der Deneber ebenfalls beim Präsidenten. Klim berichtete kurz, dass er die Hansens schon unterrichtet habe.
„Sie kennen also das Dilemma, in dem wir stecken. Wie steht die Erdregierung dazu?“, fragte der Präsident.
„Die Erdregierung ist darüber noch nicht in Kenntnis gesetzt, Herr Präsident. Wir haben eben erst durch den Wissenschaftsrat Klim Hamor davon erfahren und konnten unserem Präsidenten noch keine Nachricht geben. Ich könnte mir aber denken, dass die Erdregierung an einem Dritten Galaktischen Krieg gar kein Interesse haben wird. Gerade wir Terraner sind froh darüber, dass Krieg nicht unbedingt ein politisches Mittel der Föderation ist. Es kann nicht im Interesse der Föderation sein, ein System aufzunehmen und zu wissen, dass diese Aufnahme Krieg mit den Lukanern bedeutet.“
„In der Tat liegt es nicht in unserem Interesse. Und verschiedene Planeten- und Systemregierungen haben bereits zu verstehen gegeben, dass sie nicht willens sind, ihre Truppen für einen solchen Krieg zur Verfügung zu stellen“, erwiderte Präsident Sulukum. Ein Blick traf Thomas, der nicht ohne Vorwurf war.
„Ohne die Abschaffung des § 400 im II. Planetenbeziehungsgesetz hätte ich dieses Problem nicht gehabt“, versetzte er dann. Thomas lächelte freundlich.
„Ich weiß, was dieses Gesetz, speziell dieser Paragraf, gerade Ihnen bedeutet hat, Herr Präsident. Aber ist es Sinn und Zweck der Galaktischen Föderation, sich auf einen unnötigen Krieg einzulassen und dies nur zu können, weil man die Truppen der einzelnen Mitgliedssysteme nur mit Hilfe der Drohung einer Sechsten Flotte bei der Stange halten kann? Das kann ich mir nicht vorstellen. Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren, den Krieg, den wir nicht gewinnen können, zu verhindern.“
Sulukum sah den Terraner verwirrt an.
„Weshalb meinen Sie, die Föderation sei nicht imstande, einen Krieg gegen die Imperialen zu gewinnen? Wir haben sie bereits zweimal geschlagen“, entgegnete er.
„Ja, gewiss“, räumte Hansen ein. „Mit der Drohung an die Mitgliedsplaneten, bei Verweigerung von Mitwirkung zerstört zu werden. Diese Drohung besteht nicht mehr, und ich könnte mir denken, dass eine ganze Anzahl von anderen Planeten keinen Sinn darin sieht, einen Krieg gegen das Imperium zu führen, nur weil es den Galobanern passt.“
„Sie kennen die politische Bedeutung von Galoba nicht, Senator. Sonst würden Sie nicht so reden“, versetzte Sulukum.
„Dann klären Sie mich darüber auf, damit ich weiß, worüber wir eigentlich reden, Herr Präsident“, bat Thomas.
„Als das Stellanidische Reich noch bestand, das die Konföderation von Zagaron, das Lukanische Imperium und die Galaktische Föderation vereinte, war Galoba der Hauptplanet dieses Reiches. Die Zagaroner sind außen vor, die haben kein Interesse an Galoba, aber der Planet ist wegen seiner historisch-politischen Bedeutung von großer Wichtigkeit zwischen Imperium und Föderation. Er wurde neutralisiert, damit letztlich keiner Zugriff darauf hat. Wenn die Ermittlungen unserer Agenten stimmen, will das Imperium Galoba annektieren“, erklärte Sulukum.
„Verzeihen Sie mir die provokante Frage, Herr Präsident: Gibt es tatsächlich einen Aufnahmeantrag Galobas oder möchte die Föderation den Planeten auch nur übernehmen?“
„Sie ist in der Tat provozierend, Herr Senator!“, knurrte Sulukum beleidigt.
„Ja, aber nicht beantwortet“, versetzte Thomas ungerührt.
„Es gibt einen offiziellen Aufnahmeantrag, das heißt – genau genommen – eine Beitrittserklärung, gegen die die Föderation sich nicht einmal wehren kann.“
„Aber warum zu diesem Zeitpunkt und in einer Situation, die zwangsläufig zu einem verheerenden Krieg führen muss?“, bohrte Thomas weiter.
„Das kann ich Ihnen nicht beantworten, Senator. Das könnte Ihnen – vielleicht – die galobanische Regierung oder deren Botschafter sagen.“
„Dann würde ich gerne – wenn Sie erlauben – mit dem Botschafter reden“, schlug Thomas vor.
Kwiri schüttelte erschrocken den Kopf.
„Nein, lass das!“, wehrte er ab. „Das hat keinen Sinn!“
„Und warum nicht?“
„Du hast dich mit der Sache noch nicht beschäftigt. Lies lieber erst die Drucksachen, bevor du in Fettnäpfchen trittst.“
„Wenn ich die Drucksachen gelesen habe, bin ich mit der Sicht der Föderation vorbelastet. Ohne sie zu kennen, gehe ich zwar ahnungslos wie ein Wickelkind in das Gespräch, aber manchmal stößt man jemanden, der sich in seine Idee verbissen hat, erst durch ein paar naive Fragen darauf, dass sein Vorhaben völliger Blödsinn ist.“
„Tu’s nicht“, beharrte Kwiri. „Wenn der Botschafter das Gespräch im Zorn abbricht, bist du bei den Galobanern für alle Zeiten unten durch. Du tust dir als Politiker damit keinen Gefallen – und als Soldat noch viel weniger“, warnte Kwiri eindringlich.
Gabi sah ihren Mann an und wusste, dass ihn von seinem Vorhaben nichts abbringen würde.
„Kwiri, du könntest genauso gut auf einen motivatorgestörten Roboter einreden. Ich sehe es an Thomas’ Nase, dass er mit dem Burschen reden wird“, sagte sie.
Wenn Kwiri Swin auch nicht von Thomas’ Absicht begeistert war, arrangierte er doch ein Treffen mit dem galobanischen Botschafter in einer verschwiegenen Ecke der Parlamentsbar. Thomas hatte allerdings nicht die Absicht, sich als Abgeordneter des Galaktischen Rates vorzustellen, sonst hätte der Botschafter den Grund der Unterredung schnell erahnt. Also saß Hansen in der Uniform eines Commanders der Achten Interstellaren Flotte in jener abgelegenen Nische. Unter den weißen Ratsanzügen und blauen Uniformen der Flotte fiel die schwarze mit Goldfäden durchwirkte Robe des Botschafters schnell auf. Der galobanische Botschafter ging, anscheinend unbeteiligt, in Wirklichkeit den Flottenoffizier suchend, von dem Senator Swin ihm erzählt hatte, durch die immer etwas schummrige Bar und blieb schließlich vor Thomas’ Tisch stehen. Der Galobaner war ein großer, breiter, zweibeiniger Humanoide, hatte aber vier Arme. Seine grobporige Haut war violett wie die der Sulukaner, zwei völlig schwarze, unnatürlich glänzende Augen musterten den Föderationsoffizier.
„Commander Hansen?“, fragte er halblaut mit einer sonoren Bassstimme. Thomas erhob sich höflich.
„Der bin ich. Botschafter Konur von Galoba, nehme ich an?“
„Derselbe“, gab Konur zurück. Seine weite schwarze Robe raschelte metallisch, als er sich gemessen verbeugte und die eingewirkten Metallfäden aneinander rieben. „Senator Swin sagte mir, Sie würden sich für die Galoba-Frage interessieren.“
„Ja, das stimmt, Herr Botschafter. Nehmen Sie doch Platz“, bot Hansen an. Konur lächelte kühl.
„In der Regel werde ich mit Exzellenz angesprochen. Hat sich das bis in Terras galaktischen Hinterhof noch nicht herumgesprochen?“
„Die anderen Botschafter, mit denen ich bisher Gelegenheit hatte zu reden, bestanden nicht darauf. Aber ich werde versuchen, mich an die Bezeichnung zu gewöhnen und Sie korrekt zu titulieren, Exzellenz“, gab Thomas zurück und überging die spitze Bemerkung vom Hinterhof der Galaxis. „Darf ich Sie einladen?“
Konur setzte sich.
„Ich bezweifle, dass sich ein Commander dieser schlecht bezahlten Flotte galobanisches Ambrosianum leisten könnte. Aber danke für das freundliche Angebot. Was kann ich genau für Sie tun, Commander?“, fragte der Botschafter.
„Sie können mir von Galoba erzählen, Exzellenz“, erwiderte Thomas. Ein sulukanischer Kellner kam, um Bestellungen aufzunehmen. Konur und Thomas bestellten, aber der Botschafter wirkte sofort nervös.
„Sulukaner, wie unangenehm“, brummte er.
„Was meinen Sie, Exzellenz?“, erkundigte sich Thomas.
„Diese Wesen können Gedanken lesen. Mir wäre hier nicht wohl, wenn jemand meine Gedanken lesen könnte.“
„Dem muss dann das Gehirn klingeln. Bei den vielen Gästen hier kann der nur Volksgemurmel lesen“, beruhigte Thomas den Galobaner. Konur schüttelte den Kopf.
„Die können sich sehr schön konzentrieren“, gab er zurück. Thomas nickte.
„Schon, aber dann würde sein mentales Auge blau leuchten.“
„Nicht unbedingt. Wenn Sie etwas über Galoba erfahren wollen, würde ich es begrüßen, wenn Sie zu mir nach Hause kämen.“
„Wenn es Ihnen nicht gefährlich erscheint, einen Offizier der Flotte bei sich zu empfangen … Immerhin könnte mich jemand sehen.“
„Kommen Sie in Zivil, dann merkt es keiner“, raunte der Botschafter noch, stand auf, nahm dem Kellner sein bestelltes Ambrosianum vom Tablett, warf im Vorbeigehen noch eine Münze im Wert von hundert Galaxonen darauf und verschwand. Thomas und der Kellner sahen ihm verwirrt nach, dann servierte der Sulukaner Thomas sein Bier. Thomas bezahlte gleich
„Andulor, was ist das für’n Zeug?“
„Was meinst du, Thomas?“, fragte der Kellner und steckte die Münze ein, die er von Hansen gerade bekommen hatte.
„Dieses Ambrosianum.“
Andulor Selno grinste.
„Wäre für dich absolut tödliches Gift. Eine Mischung aus Goldstaub und Radium, in Salpeter- und Salzsäure gelöst.“
„Pfui Teufel, so was kann man trinken?“
„Oh, auf Galoba ist das eine Delikatesse, mein Freund. Für den Herrn Botschafter wäre übrigens dein geliebter Gerstensaft ebenso tödlich.“
„Was hast du in seinen Gedanken gelesen?“, fragte Hansen.
„Dass er schreckliche Angst hat. Wovor, habe ich nicht mehr sehen können, weil er mich dann gesehen hat und seine Gedanken blockiert hat“, gab der Sulukaner Auskunft. Er arbeitete für den Galaktischen Abwehrdienst und war mit Thomas Hansen bereits so lange eng befreundet, wie Thomas bei der Flotte war. Igor Pretjakoff hatte sie bekannt gemacht.
„Kann er das?“
„Alle Galobaner können das. Sie sind selbst teilweise telepathisch begabte Wesen. Sie können zwar nicht direkt Gedanken lesen, aber im Gegensatz zu anderen können sie ihr Gehirn gegen andere Telepathen abschirmen“, erklärte Andulor.
„Andulor, ich brauche heute noch mal deine Hilfe. Ich möchte Konur zu Hause besuchen und ihn über Galoba befragen. Ich bin mir sicher, er verheimlicht etwas. Kannst du auch seine Gedanken lesen, wenn du ihn nicht siehst?“
„Ich muss in seine Nähe. Mehr als fünfhundert Meter kann ich nicht überbrücken, ohne das mentale Organ sichtbar einzusetzen.“
„Gut. Wann machst du Schluss?“
Selno sah auf die Uhr.
„Zwei Standardstunden noch. Dann stehe ich zu deiner Verfügung. Aber wir sollten sicherheitshalber in zwei getrennten Gleitern fahren.“
Kapitel 2
Fragen an den Botschafter
Drei Galaktische Stunden später ließ der galobanische Botschafter Thomas in sein Haus im Diplomatenviertel. Vorsichtig, wie er offensichtlich war, hatte er die Umgebung nach Spionen abgesucht. Auf die Idee, dass der Flottenoffizier, der ihn besuchte, einen Telepathen auf ihn angesetzt hatte, kam er allerdings bei aller Vorsicht nicht. Konur führte Thomas in den großzügigen Salon seiner Villa.
„Darf ich Ihnen ein Glas Ambrosianum anbieten, Commander?“, bot er an.
„Ich weiß dies großzügige Angebot zu schätzen, Exzellenz, aber für uns Terraner ist dieser Cocktail nicht bekömmlich.“
„Oh, Sie sollten es erst probieren, Commander.“
Thomas lächelte freundlich.
„Ich möchte nicht, dass es ein Missverständnis gibt, Exzellenz. Es ist keineswegs so, dass ein Terraner davon nur Kopfschmerzen bekommt. Ich wollte gern wissen, welche Ingredienzien dieser kostbare Saft enthält – und nach den Auskünften, die ich bekommen habe, ist diese Mischung tödlich für unsereins. Und zwar nicht im übertragenen Sinne. Deshalb muss ich leider verzichten.“
Konur nickte.
„Nun gut. Dann kann ich Ihnen leider nichts anbieten. Aber nehmen Sie doch Platz und sagen Sie mir, was Sie genau interessiert, Commander.“
Thomas setzte sich in einen bequemen Sessel dem Botschafter gegenüber.
„Danke, Exzellenz. Aber den Commander, den können Sie weglassen. Sagen Sie einfach Herr Hansen.“
Konur sah ihn verwirrt an.
„Sind Sie denn gar nicht bei der Flotte?“
„Doch, das bin ich. Aber wenn ich in Zivil bin, lege ich keinen Wert darauf, mit meinem Dienstgrad angesprochen zu werden. Also: Was ist das eigentlich für eine Welt, die neutral ist und es doch nicht ist?“, erkundigte Hansen sich dann. Konur lächelte hintergründig.
„Was wissen Sie über Galoba?“
„Zugegeben, wenig mehr, als dass Galoba ein interstellarer Zankapfel zwischen Imperium und Föderation ist, dass das System zeitweise seine Lage zwischen den Territorien dieser Raummächte verändert und dadurch von Zeit zu Zeit zum Katalysator eines interstellaren Krieges wird. Aber gerade das macht mich neugierig. Ich möchte wissen, wofür oder wogegen ich demnächst meinen Kollegen von der imperialen Flotte in die Deflektoren ballere“, gab Thomas zurück.
„Soldaten pflegen im allgemeinen keine Fragen zu stellen“, bemerkte Konur spitz.
„Es gibt so ‘ne und solche. Ich stelle Fragen, wenn man mir den Befehl gibt, andere Wesen zu töten. Dort, wo ich herkomme, hält man ehemaligen Soldaten heute noch vor, dass sie zweimal zu wenig Fragen gestellt haben. Ich möchte mich diesem Vorwurf nicht eines Tages ebenfalls aussetzen.“
Konur gab sich mit der Erklärung zufrieden. Er drehte sich um und nahm mit allen vier Händen von einem Sideboard hinter sich einen Globus, der sich in der Gestaltung kaum von seinen irdischen Brüdern unterschied. Der wirkliche Unterschied bestand in Größe und Gestalt der Kontinente und der geringeren Neigung der Polachse. Thomas hatte nicht erwartet, so ein Ding über vierhundert Lichtjahre von der Erde entfernt im Weltraum zu finden. Konur sah die Darstellung seines Heimatplaneten beinahe liebevoll an.
„Sehen Sie, das ist Galoba. Galoba, das bedeutet in unserer Sprache so viel wie Juwel oder Edelstein. Und das ist mein Planet auch: Ein blaugrünes Juwel in einem sternenverzierten All. Galoba ist ähnlich wie Malagriva, die Heimat der Centauren, oder Kando Yar, wie wir Ihren Planeten nennen – nur schöner, vollkommener in seinen Proportionen. Die Hälfte der Planetenoberfläche besteht aus Wasser, die andere Hälfte ist fruchtbares Land. Das Land besteht aus sieben gleich großen Kontinenten, auf denen sich seit Tausenden von galaktischen Standardjahren keine Grenzen verschoben haben. Galoba ist ein Planet, der keine Wüsten kennt, mit Meeren voller Leben und einer sehr alten Bauernkultur. Die sieben Kontinente sind in jeweils fünfzig gleich große Provinzen geteilt, deren Gouverneure alle fünf planetaren Jahre – das entspricht etwa drei Galaxo-Jahren – vom gesamten Volk gewählt werden. Die Gouverneure sind gleichzeitig Wahlleute für das Planetenpräsidium, das aus sieben Personen besteht: Dem Präsidenten oder der Präsidentin, und sechs Vizepräsidenten, die auch die Minister der verschiedenen Ressorts sind.
Aus der problemlosen Vereinigung der galobanischen Kontinente ergab sich vor mehr als eintausendfünfhundert Galaxo-Jahren die erste Initiative zur Gründung einer Raumunion. Die Idee wurde im Raum bis zu einer Entfernung von rund zehntausend Lichtjahren begeistert aufgenommen – ausgenommen der in einer wenig bewohnten Region der Galaxis liegende Sol-Sektor, dessen Bewohner auch weder die technische noch die geistige Reife hatten, überhaupt zu erkennen, dass sie nicht allein im All sind. Galoba war das Zentrum der Raumunion, die aus gut dreißigtausend bewohnten Planeten und Monden bestand. Es war eine föderative Republik, geleitet vom Senat der Union, der seinen Sitz auf Galoba hatte. Ungefähr fünfhundert Jahre überdauerte dieser Bund.
Aber zehntausend Lichtjahre und dreißigtausend bewohnte Himmelskörper – das ist einfach zu groß. Es begann zu kriseln, die Raumunion bekam Risse. Der Prozess verlief allmählich, es dauerte rund hundert planetare Jahre Galobas, dann gab es die Raumunion nicht mehr in der allumspannenden Form, sondern es bildeten sich erste Ansätze der Föderation von Gemara, Andara und Suluk, die Konföderation von Zagaron und die Republik von Galoba. Aber während sich die kleinere Föderation stabilisierte und auch die Konföderation immer selbstständiger wurde, litt die galobanische Republik immer noch unter der Teilung – und unter neuen Geburtswehen. Die Zagaroner, die ein weit entferntes und sehr dicht bevölkertes Planetenkonglomerat bewohnen, kündigten die Raumunion auf und erklärten sich für unabhängig. Um einen Antisezessionskrieg zu führen, war die Konföderation von Zagaron zu weit entfernt, von dieser konnte die galobanische Republik keine Hilfe erwarten. Die Raumunion von Galoba war zerbrochen.
Damit nicht genug, murrten Unzufriedene unter den verbliebenen Mitgliedern, denen die Regierungsform als solche missfiel. Sie wünschten sich ein Wiedererstehen der Monarchie, die sie einst für den Beitritt zur Raumunion aufgegeben hatten. Dies vertrug sich nicht mit der Verfassung der Raumunion, die monarchische Systeme ausschloss. Es ergingen entsprechende Verbote. Auf dem Planeten Pollicus im System Mandrava erhoben sich Adlige, die sich in ihren persönlichen Rechten angegriffen und diskriminiert fühlten und die Republik abschaffen wollten. Das war vor nunmehr siebzig galaktischen Standardjahren.
Der Unionssenat war zu geschwächt und wohl auch zu korrupt, um die monarchistischen Rebellen zur Vernunft zu bringen und die ohnehin gestörte Einheit des Systems wiederherzustellen. Zudem gelang es dem Führer der Sezessionisten, einem jungen Adligen namens Ravinus, auch noch, die Flotte auf seine Seite zu ziehen, die größtenteils von Wesen aus dem Mandrava-System unterhalten wurde. Dennoch wollte ein guter Teil der zur Republik gehörigen Systeme den Exodus nicht mitmachen, solange es noch einen funktionierenden Senat gab und dessen Weisungen in der Galaxis verbreitet wurden. Ravinus ging mit Hilfe der Flotte daran, die Nachrichtenverbindungen zu stören, aber es gab immer noch genügend republiktreue Wesen in der alten Raumunion, die die Verbindungen aufrechterhielten.
Ravinus’ Flotte begann, die Systeme mit Gewalt von der galobanischen Republik wegzuziehen, als alle friedliche Werbung nichts half. Aus nackter Angst traten die Systeme Avaton und Sanderia offiziell aus der galobanischen Republik aus und schlossen sich der Föderation an, weil sie sich von den Föderalen besseren Schutz versprachen. Doch die Föderation ließ sie zappeln und erklärte die Planeten dieser Systeme nur zu Kolonien. Damit stand Galoba als einziger Planet des Anwida-Systems ganz allein da. Ravinus sah seine Gelegenheit gekommen, auch Galoba unter seine Kontrolle zu bringen und griff uns an. Ohne die Flotte, die sich auf Ravinus’ Seite geschlagen hatte, war Galoba wehrlos.
In dieser Situation konnte Galoba nur noch ein galaktisches Wunder helfen – und es geschah in Gestalt eines Hilfsangebotes vom Chef der Achten Flotte, die schon damals auf Palavor stationiert war. Malwinder Sulukum, der Vater des jetzigen Föderationspräsidenten, bot seine Hilfe nicht ganz uneigennützig an, hatte den Hintergedanken, auch Galoba in die Föderation zu ziehen – allerdings nicht, um Galoba den ihm zustehenden Platz an der Spitze der Föderation zu geben, sondern, um es als einen Planeten unter vielen dazuzugesellen. Der Senat war in höchster Not und akzeptierte das Angebot, ohne aber auf das Aufnahmeverlangen einzugehen. Sulukum störte sich nicht daran und attackierte die Flotte von Ravinus, der sich nun Kaiser nannte und seine Flotte zu der des Imperiums von Pollicus erklärt hatte. Sulukums Achte Flotte konnte das erste Treffen für sich entscheiden.
Von der ersten Niederlage gleich in der ersten Schlacht entscheidend geschwächt, bekam Ravinus Konkurrenz von einem Verwandten mit Namen Lukan, einem Zagaronerabkömmling. Er stürzte ihn, nahm dessen Platz auf dem Thron ein, sammelte eine neue Flotte und griff Galoba erneut an, stieß aber auf den erbitterten Widerstand der föderalen Flotte. Galoba und seine Nachbarsysteme Avaton und Sanderia wurden in einen vernichtenden Krieg gestürzt, der als der Erste Galaktische Krieg in die Annalen der interstellaren Geschichte eingegangen ist.
Nun behaupten die föderalen Militärs zwar noch heute, sie hätten diesen Krieg gewonnen, tatsächlich endete das zehnjährige Ringen um die Vorherrschaft im galobanischen Sektor an allgemeiner Erschöpfung und nicht mit dem Sieg einer bestimmten Seite. Die Föderationsplaneten – vor allem die weit entfernten – waren nicht mehr gewillt, einen Krieg zu führen und vor allem zu finanzieren, der sie eigentlich nichts anging. Die imperiale Flotte war nur noch ein Fragment ihrer einstigen Größe. Galoba, Palavor, Algitarius, Brawida und Centeria waren praktisch leblos.
Palavor blieb es, weil durch die Explosion mehrerer nuklearer Bomben die Achsendrehung des Planeten so stark verändert worden war, dass der Planet seiner Sonne Avaton stets dieselbe Seite zukehrt. Palavor verbrannte auf der Tagseite und erfror auf der Nachtseite. Nur die schmale Zwielichtzone ließ überhaupt noch Leben zu.
Während die evakuierte Bevölkerung nach Algitarius und Centeria relativ bald zurückkehrte, dauerte es fast dreißig galaktische Standardjahre, bis Palavor durch die erneute Stationierung der Achten Flotte wieder organisches Leben hatte.
Noch schlimmer hatte es Brawida getroffen: Die Sonne Kolepta war durch den untauglichen Versuch der Imperialen, sie mit einem Schwingungsgenerator weit auf imperiales Gebiet zu werfen, zur Nova geworden und hatte den Planeten praktisch ausglühen lassen, war dann schnell erkaltet und lieferte nun überhaupt keine Energie mehr für Brawida. Die Brawidaner zählten allerdings rund zehn Milliarden humanoide Köpfe plus diverser Milliarden Wesen einer niedrigeren Intelligenzstufe und konnten deshalb nicht dauernd auf einem anderen Planeten Asyl behalten.
Die Brawidaner waren aber schon immer Meister der Energietransformation. So gelang es ihren Wissenschaftlern, Geräte zu erfinden und zu konstruieren, mit denen die Energie einer anderen Sonne teilweise umgelenkt werden kann. Sie gingen mit dem in unmittelbarer Nähe befindlichen System Sanderia, zu dem Algitarius und Centeria gehören, ein Energiebündnis ein und zapften zusätzlich die Sonne Avaton an, womit sich die Strahlung auf Palavor weiter reduzierte, dass auch in den Randbereichen der Tagseite jedenfalls für kurze Zeit humanoide Wesen arbeiten können.
Die Föderation selbst drohte zu zerbrechen, weil eine ganze Anzahl von Systemen, die erst nach der Sezession aus der Raumunion dazugekommen waren, keinen Sinn darin sahen, Schiffe und Truppen für einen für sie bedeutungslosen Planeten namens Galoba zu opfern. Sie drohten im Wiederholungsfalle mit dem Austritt. Um dies zu verhindern, lancierte Malwinder Sulukums Sohn Salander das II. Planetenbeziehungsgesetz mit der darin enthaltenen Zerstörungsandrohung nach dem Paragrafen 400.“
Konur stockte, als er den letzten Satz ausgesprochen hatte und sah Thomas eine Weile an.
„Hansen, Thomas Hansen …“, sinnierte er, „Commander Hansen oder eher Senator Hansen?“, fragte er dann mit nicht zu überhörendem Misstrauen.
„Was meinen Sie, Exzellenz?“, erkundigte Thomas sich harmlos.
„Waren Sie es nicht, der diesen Fluch des Alls gekippt hat?“, hakte Konur nach. Hansen lächelte verbindlich.
„Warum wollen Sie das wissen?“
„Weil ich das fatale Gefühl nicht loswerde, dass Sie nicht von allein gekommen sind, sondern vom Senat der Föderation oder dem Rat vorgeschickt worden sind, um die Absichten meiner Regierung auszuspionieren!“
„Sie können es sehen, wie Sie wollen, Exzellenz. Doch ob ich als Kommandant eines Raumschiffes hier bin, als Privatmann oder vielleicht als Ratsabgeordneter – der Beweggrund wäre immer der gleiche: Ich möchte verstehen. Als Commander, warum ich vielleicht einen Krieg führen soll; als Privatmann, weil mich Geschichte allgemein sehr interessiert; als Abgeordneter des Rates, weil meine Regierung von mir Vorschläge erwartet, wie sich die terranische Delegation im Rat in dieser Frage verhalten soll. Die Informationen, die ich über den Rat der Föderation erhalten kann, sind naturgemäß mit einer bestimmten Sicht der Dinge gefärbt. Man soll aber beide Seiten hören, bevor man zu einem Urteil kommt. Darum bin ich hier“, versetzte der Terraner.
Konur starrte ihn verwirrt an. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sein Gast ohne lange Ausreden zugeben würde, Ratsabgeordneter zu sein. Ehrlichkeit von Politikern der Föderation war er nicht unbedingt gewöhnt, sah man von Ausnahmen wie Kwiri Swin ab.
„Glauben Sie, Sie würden mich beim Lügen erwischen?“, fragte Konur undiplomatisch direkt.
„Ja, ich denke, ich würde es bemerken, wenn Sie mir nicht die Wahrheit sagen – auch wenn ich Sie das nicht direkt spüren lassen würde.“
„Können Sie etwa auch Gedanken lesen?“, erkundigte sich Konur erschrocken.
„Nehmen Sie ruhig an, ich hätte die Möglichkeit, mich der Wahrheit Ihrer Angaben zu versichern“, erklärte Thomas kühl. Der galobanische Botschafter wirkte plötzlich unsicher, fand Thomas.
„Hören Sie, Exzellenz – ich habe nicht vor, dem Volk von Galoba Böses zu wollen. Wenn Sie mich schon darauf ansprechen, ob ich es war, der den § 400 gekippt hat, kann ich Ihnen sagen, dass ich es jedenfalls war, der den Anstoß dazu gegeben hat. Und ich kann Ihnen auch sagen, dass ich die Zerstörung eines Planeten nicht widerspruchslos hinnehmen wollte. Wenn es um Galoba geht, bilden sich ganz eigenartige Fronten, wie ich gehört habe. Da die Erde – oder Kando Yar, wie Sie meinen Planeten nennen – noch nicht allzu lange Mitglied der Föderation ist, wissen wir im Grunde noch wenig über unsere Brüder und Schwestern im All. Wenn ich meiner Regierung Vorschläge für unser Abstimmungsverhalten mache, möchte ich aber sicher sein, mir – oder der Erde – nicht ohne Not Feinde zu machen. Deshalb möchte ich alles über die Geschichte Galobas wissen.“
Konur überlegte noch einen Moment, schien seine mentalen Kräfte anzustrengen, um Thomas’ Wahrhaftigkeit zu überprüfen. Schließlich fuhr er fort:
„Nun gut. Galoba wollte – und will – mit dem Lukanischen Imperium nichts zu tun haben. Die Regierung hatte aber auch Angst vor der rigiden Gesetzgebung der Föderation, die stark denebisch dominiert war. Insbesondere haben wir das II. Planetenbeziehungsgesetz gefürchtet, das die Zerstörungsandrohung enthielt und noch während des Ersten Galaktischen Krieges erstmals diskutiert wurde. Jeder laute Huster hätte die Sechste Flotte heraufbeschworen. Galoba erklärte sich für neutral, was aber weder von den Lukanern noch von der Föderation respektiert wurde. Galoba hatte keine eigene Flotte – die war in den Händen des Imperiums. Zu den Föderalen fehlte das Vertrauen, die Zagaroner waren zu weit weg.
Dann entdeckten die Astronomen jene Raumströmung, die das Anwida-System in regelmäßigen Abständen pendeln lässt. Die Schwingungsperioden betragen jeweils fünf galaktische Jahre von einem Extrempunkt zum anderen. Der Erste Galaktische Krieg brach aus, als sich das Anwida-System wieder zwei Lichttage weit auf imperialem Territorium befand und hörte auf, als das System so weit in das Gebiet der Föderation hinein geschwungen war, dass eine Kontrolle durch die imperiale Flotte nicht mehr sichergestellt war. Die Föderation ihrerseits wollte Galoba nun unbedingt aufnehmen. Aber – wie gesagt – uns fehlte das Vertrauen, und es war nicht unbegründet.
Kaum hatte meine Regierung das Aufnahmeersuchen der Föderation abgelehnt, hatten wir die Sechste Flotte im Orbit, die uns mit unfreundlichen Grüßen fünftausend Kampfrobots schickte, um die Beitrittsforderung zu unterstreichen. Kolnar Swin – seinen Sohn Kwiri kennen Sie ja – vermittelte damals unter Einsatz seines Lebens und sorgte für den Abzug der Robots. Wir erkannten, dass zwar nicht alle Föderationspolitiker gleich waren, aber sie waren für uns schwer zu unterscheiden – und daran hat sich bis heute nichts geändert.
Kolnar Swin brachte auch den Kooperationsvertrag mit Galoba zustande, in dem eine für Galoba außerordentlich großzügige Beitrittsklausel enthalten war. Nach diesem immer noch gültigen Vertrag kann Galoba der Föderation jederzeit beitreten, ohne dass die Föderation diesem Beitritt widersprechen kann. Aber der Vertrag gilt hinsichtlich des Beitritts nur einseitig. Die Föderation kann ihrerseits keinen zwangsweisen Beitritt fordern.
Es hat zahlreiche Versuche gegeben, den Vertrag zu ändern, aber nach dem Willen der Föderation, die merkte, dass die Klausel für sie ungünstig war, wäre jede Änderung einer anderen Klausel auch mit der Änderung der Einseitigkeitsklausel verbunden gewesen. Aus Angst vor dem II. Planetenbeziehungsgesetz haben wir uns nie dazu verführen lassen. Das Anwida-System schwang wieder zurück und erreichte wieder das imperiale Territorium. Die Lukaner besetzten Galoba sofort und forderten erneut eine Unterwerfungserklärung. Die Regierung weigerte sich mit Hinweis auf die Neutralität, das Imperium setzte auf Krieg und griff Galoba an. Wir waren noch nicht so weit, uns mit dem § 400 anzufreunden, baten aber trotzdem die Föderation um Hilfe und bekamen sie auch. Wieder brach ein verheerender Krieg aus, der Zweite Galaktische Krieg.
Die Verluste beider Parteien waren immens – so sehr, dass Imperium und Föderation schließlich übereinkamen, sich wegen Galoba nicht mehr zu streiten und diese Raumzone zu neutralisieren. Die Föderation hält sich nun an diese Regelung. Die Militärberater der Föderation, die auf Galoba sind, halten sich dort auf ausdrücklichen Wunsch meiner Regierung auf. Nachdem der erste föderale Berater auf meinem Planeten war, forderte das Imperium im Wege der Neutralität ebenfalls berücksichtigt zu werden und unterhält heute bereits mehr angebliche Militärberater auf einen Schlag als die Föderation jemals insgesamt im Wechsel zu uns geschickt hat. Außerdem tummeln sich einige tausend imperiale Geheimagenten auf Galoba und seinen beiden Monden. Alle Versuche meiner Regierung, diese unerwünschten Personen loszuwerden, haben nichts gefruchtet. Wir haben einfach nicht die Mittel, die Imperialen auszuweisen.
Nun ist das neutrale System Anwida erneut vor dem Eintritt in die imperiale Raumzone, was durch eine Sternenexplosion im Bereich der Föderation noch beschleunigt wurde. Die imperialen Astronomen hatten es kaum dem Imperator berichtet, als meine Regierung schon Besuch vom imperialen Botschafter hatte, der ohne jegliche diplomatische Schnörkel erklärte, dass das Anwida-System beim nächsten Eintritt in die imperiale Zone annektiert werde. Er behauptete, das Imperium verfüge über Technologien, die die Raumschwingung stoppen könnte, so dass das Anwida-System nicht wieder in die föderale Zone zurückschwingen würde. Galoba würde damit der Föderation ein für allemal verloren gehen. Deshalb hat meine Regierung jetzt den Beitritt zur Föderation erklärt, damit wir nicht allein dastehen. Unsere Bedenken sind seit dem Wegfall des II. Planetenbeziehungsgesetzes ausgeräumt“, schloss der galobanische Botschafter seine Erklärungen.
Thomas sah ihn eine Weile an, suchte nach den passenden Worten.
„Herr Botschafter – ist Ihrer Regierung klar, dass sie mit ihrer Beitrittserklärung zwangsläufig den Dritten Galaktischen Krieg auslöst?“, fragte er schließlich. Konur nickte.
„Ja, das ist meiner Regierung klar.“
„Sagen Sie: Wie viele Galobaner sind in den beiden Galaktischen Kriegen eigentlich umgekommen?“, erkundigte sich Thomas.
„In den Kriegshandlungen selbst keine. Aber bei der Besetzung hat es jeweils etwa hunderttausend Tote gegeben.“
„Wie groß ist das galobanische Volk noch mal?“, bohrte Hansen weiter.
„Oh, derzeit etwa fünfzehn Milliarden. In den beiden Kriegen betrug die Zahl etwa zehn Milliarden.“
„Und davon sind rund zweihunderttausend insgesamt ums Leben gekommen“, stellte der Terraner fest. Konur nickte.
„Nach den mir zugänglichen Quellen der Föderation hatten Palavor, Algitarius, Brawida und Centeria vor Ausbruch des Ersten Galaktischen Krieges insgesamt etwa dreißig Milliarden intelligenzbegabter Bewohner. Die Ur-Palavorianer sind vollständig ausgerottet worden, was rund zwei Milliarden Toten entspricht. Brawida hatte zehn Milliarden Bewohner, von denen sechs Milliarden die Evakuierung und nachfolgende Energiekrise nicht überlebt haben. Algitarius und Centeria sind besser weggekommen, die hatten jeweils nur rund eine Milliarde intelligente Lebewesen weniger nach dem Krieg. Die Flotte hatte Verluste, die sich auf rund vierzigtausend Schiffe verschiedener Größen belaufen. Mit diesen vierzigtausend Schiffen gingen insgesamt etwa vier Millionen intelligente Lebewesen unter. Der Zweite Galaktische Krieg forderte auf Seiten der Föderation ebenfalls insgesamt rund zehn Milliarden Leben. Zwanzig Milliarden gegen zweihunderttausend – das Verhältnis ist so schlimm, dass man es besser nicht ausrechnet, Exzellenz. Das, was Ihnen – genauer: Ihrer Regierung – Sorge bereitet hat, nämlich der § 400 des II. Planetenbeziehungsgesetzes, gibt jetzt anderen die Möglichkeit, zu überdenken, ob sich ein Engagement für Galoba rechnet. Und wenn Randsysteme wie Palavor oder Brawida das buchstäblich hunderttausendfache an Toten opfern müssen, kann ich mir bildhaft vorstellen, wie sie sich entscheiden!“, versetzte Thomas. Konur lächelte ihn kühl an.
„Das ist meiner Regierung schon klar, Herr Abgeordneter. Wir wissen aber auch, dass der Föderationsvertrag den Mitgliedsplaneten vorschreibt, beim Angriff auf einen anderen Mitgliedsplaneten entsprechende Truppen zur Verfügung zu stellen.“
„Das heißt: Sie wissen hundertprozentig, dass ein Beitritt Galobas zur Föderation den Dritten Galaktischen Krieg auslösen wird – jedenfalls zu diesem Zeitpunkt. Sie schüren diesen Konflikt, indem Sie von einer vertraglichen Regelung Gebrauch machen, die der Föderation nicht einmal die Chance lässt, die Aufnahme bis zur nächsten Schwingungsperiode zu verschieben“, stellte Hansen fest. Konur nickte.
„Ja, das haben Sie richtig erkannt, Herr Abgeordneter“, bestätigte er.
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