Vorbemerkung
Am 15. April 2012 jährte sich zum 100. Mal der Untergang der Titanic. Welches Programm man im Fernsehen auch anzappte: Titanic allerorts.
Als jemand, der an Geschichte mehr als nur interessiert ist, konnte ich es mir nicht verkneifen, die zahlreichen Dokumentationen zu verfolgen. Das ZDF lieferte gleich noch eine zweiteilige Spielversion vom Untergang dieses Synonyms für fehlgeschlagene Technikgläubigkeit der Spezies homo sapiens.
Aber … wenn es um eine Spielfilmversion des Untergangs der Titanic geht, gibt es für mich nur eine Version: Den 1997 von James Cameron veröffentlichten, seinerzeit und für lange Zeit erfolgreichsten Film der Filmgeschichte, ausgezeichnet mit 11 Oscars, eben
TITANIC.
Kate Winslet und Leonardo DiCaprio kannte davor kein Mensch, inzwischen sind beide etablierte Hollywoodstars, die für andere Rollen nach TITANIC auch schon selbst den Academy Award, wie der Oscar eigentlich heißt, für ihre Schauspielkunst erhalten haben.
Folgerichtig habe ich historisch passend diesen Film am Abend des 14. April 2012 gesehen. Und dann fiel mir ein, dass ich mich schon damals, als der Film 1997 im Kino lief, in Grund und Boden geärgert habe, dass es dazu keinen Roman gab. Es gibt ein Making-of-Buch von James Cameron, aber keinen Film-Roman.
Da ich die DVD besitze und das Drehbuch von James Cameron kostenfrei im Internet erhältlich ist, habe ich mich also daran gemacht, das zu liefern, was Leseratten noch fehlt: den Roman zum Film.
Ich verwende die Originaldialoge der deutschen Synchronisation, gelegentlich ergänzt durch übersetzte Dialoge entfallener Szenen aus dem Drehbuch. Einen Teil der Beschreibungen verwende ich analog zum Drehbuch, einiges aus meiner eigenen Anschauung und Interpretation. Außer den in der Kinofassung veröffentlichten Szenen übernehme ich aus dem Drehbuch auch die unveröffentlichten Szenen. Manche davon geben einen tieferen Einblick in die Charaktere, manche enthalten Erklärungen für Anspielungen, die in anderen Szenen gemacht werden, und die erst durch die Vervollständigung den richtigen Platz im Mosaik erhalten.
Alles in allem hoffe ich, dass es mir gelungen ist, den Film so wiederzugeben, dass es als Roman zum Film passend erscheint und dass es auf Interesse trifft.
Viel Lesevergnügen wünscht
Eure Gundula
♦♦♦
Teil 1 – Schatzsucher
Prolog
Davy Jones’ Locker – so nennen Seeleute des englischen Sprachraums den Meeresboden; den Teil dieser Welt, der uns fremder ist als die Rückseite des Mondes; den Teil dieser Welt, der nicht mehr hergibt, was einmal in ihn hineingefallen ist.
Es ist dunkel auf dem Meeresgrund – dunkel und sehr, sehr kalt; je tiefer, desto dunkler und kälter. Je tiefer, desto höher der Druck.
In der Tiefe, in der der ganze Stolz der britischen Reederei White Star Line am 15. April 1912 ihr Ende, aber keineswegs ihre Ruhe fand, ist er so hoch, dass nur sehr spezielle Fahrzeuge hier hin tauchen können und unbeschadet wieder die Oberfläche des Nordatlantiks erreichen können.
Kapitel 1
Geisterschiff
Tiefe Schwärze umfing das gewaltige Wrack, das seit vierundachtzig Jahren hier in den Tiefen des Nordatlantiks ruhte. Dreiundsiebzig Jahre davon waren nur Fische, Wale, Tiefseekrabben und die Geister derer hier vorbeigekommen, die in jener ebenso stillen wie eisigen Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 am und im Wrack des größten Schiffes seiner Zeit gestorben waren. Ab und zu schaute vielleicht auch Davy Jones hier nach, ob er noch jemanden an Bord vergessen hatte oder war Gast auf der ständigen Party der Geister. Der Geister der Titanic.
Zwei dicht beieinander liegende Lichter durchbrachen die ewige Dunkelheit, die erstmals elf Jahre zuvor von den Lichtern eines unbemannten Tauchbootes gestört worden war. Seither kamen diese Lichter immer wieder und störten die Geister der Titanic. Jetzt waren es sogar vier. Sie gehörten zu den Tiefseetauchbooten Mir 1 und Mir 2, die – anders als der Tauchroboter elf Jahre zuvor – selbstständig operieren konnten und nicht an elend langen Leitungen hingen. Die beiden Tauchboote kamen von ihrem Mutterschiff, der Akademik Mstislav Keldysh, einem Forschungsschiff der Russischen Föderation, das aus Kostengründen auch schon mal an Leute vermietet wurde, deren Absichten nicht allein der Forschung und der Lehre dienten, sondern auch dem Profit.
Brock Lovett, der in Mir 1 auf dem Weg zum Meeresgrund war, gehörte in diese Kategorie. Er war jetzt knapp über vierzig, war tief gebräunt, das dunkelblonde, leicht lockige Haar gehörte in seiner ungekämmten Wildheit zweifellos zu einem Abenteurer, ebenso wie der stoppelige Drei-Tage-Bart und der goldene Ohrring im linken Ohrläppchen. Zum Abenteurer passte auch der Umstand, dass er den Overall grundsätzlich bis weit auf die Brust offen ließ, auch wenn es in knapp viertausend Meter Tiefe auch im Tauchboot kalt genug war, um Bier frisch zu halten. Er war eine kühne Mischung aus Abenteurer, Historiker und auch redegewandter Verkäufer, wenn es darum ging, Geld für eine solche Expedition wie diese zusammenzukratzen. Auf der ebenfalls sonnengebräunten Brust leuchtete eine Goldkette, die bewies, dass Lovett mit seinen Unternehmungen durchaus Erfolg hatte. Er hatte einen Riecher für Schätze – und hier witterte er das ganz große Geschäft.
Anatoly Michailawitsch, einer der russischen Tauchexperten der Keldysh, steuerte die Mir 1, während Lovett den gut zweistündigen Abstieg verschlief. Der dritte Mann in der gerade mal zwei Meter langen Tauchkapsel war Lewis Bodine, ein bärtiger Mann mit beträchtlichem Leibesumfang. Bodine galt als einer der Experten für die Titanic. Er kannte sie so intensiv, dass er darauf zu wohnen schien – im Geiste jedenfalls. Dazu war er Steuermann des R.O.V., des remotely operated vehicle, des ferngesteuerten Roboters, mit dem Wracks wie dieses näher untersucht werden konnten, wo ein Taucher im Neoprenanzug keine Chance dazu hatte. Auch Bodine lehnte schlafend an der Seite des Tauchboots.
Im Scheinwerferlicht der Mir 1 wechselte das Schwarz der Tiefsee zu dunklem Blau der Umgebung, dann erschien eine fahle Mondlandschaft, als das Boot den Meeresgrund erreichte und mit einem unüberhörbaren Rumms aufsetzte. Die schlafenden Passagiere wurden durch den Ruck des Aufpralls unsanft geweckt.
„Wir sind da“, meldete Michailawitsch. Er sprach englisch mit starkem russischem Akzent.
Wenige Minuten später waren die Passagiere beider Tauchboote so weit wach, dass sie die Instrumente beobachten konnten. In Mir 1 war Bodine dafür zuständig. Er sah konzentriert auf die Anzeige des Seitensonars. Im Licht der Scheinwerfer präsentierte sich immer noch der konturlose, graue Lehmboden des Meeresgrundes, während Lewis schon die Umrisse eines riesigen, spitzen Objektes auf seiner Anzeige hatte. Anatoly lag auf dem Bauch, die Nase fast an das zentrale Bullauge gepresst, um zu sehen, wohin er steuerte.
„‘N bisschen mehr nach links!“, wies Bodine Michailawitsch an. „Sie ist direkt vor uns. Achtzehn Meter. Fünfzehn, dreizehn. Ihr müsstet sie jetzt sehen.“
„Kannst du es sehen? Ich nicht“, sagte Anatoly, um gleich darauf einen Schemen wahrzunehmen. „Da ist es!“, rief er.
Aus der Dunkelheit schälte sich eine geisterhafte Erscheinung – der Bug* eines Schiffes wurde sichtbar. Das messerscharfe Vorschiff schien den Meeresboden wie die Wellen des Ozeans selbst zu durchpflügen. Wie ein Turm stand es dort, so, wie es vierundachtzig Jahre zuvor dort im Wortsinne gelandet war.
Die Titanic – oder das, was von ihr übrig war.
„Okay. Zieh sie hoch und geh über die Bugreling!“, wies Lovett den Piloten an. „Okay, Mir 2. Wir gehen über den Bug. Bleibt an uns dran!“, wandte er sich über Funk an das zweite Tauchboot.
„Wir sind links von euch!“, meldete der Pilot der Mir 2.
Mir 1 schwebte hinauf, schwang sich über die Bugreling. Abgesehen von Rostfahnen, die sie wie zu Eisenbärten mutiertem Spanischem Moos dekorativ überwucherten, war sie unbeschädigt.
Lovett hatte den Camcorder ausgepackt und filmte sich im Moment selbst. Sein Gesicht füllte den Schwarz-weiß-Monitor komplett aus, wie Bodine beobachten konnte.
„Es berührt mich immer wieder“, sagte er. Währenddessen schwenkte das Bild zur Seite, über Anatolys Schulter hinaus durch das Frontfenster. Der Russe drehte sich um.
„Das sind deine Schuldgefühle, weil du von den Toten stiehlst.“
Anatoly konnte sich die bissige Bemerkung nicht verkneifen. Er kannte Lovett und seine tatsächlichen Absichten.
„Danke, Tolya. Arbeite jetzt hier mit mir“, versetzte Brock. Es gelang ihm, das ernsthafte Gesicht wieder aufzusetzen und nachdenklich hinauszusehen, als er die Kamera wieder in seine eigene Richtung drehte, sie auf Armlänge von sich weghielt und sich filmte.
„Okay, wir drehen!“, warnte er die beiden anderen vor weiteren unqualifizierten Bemerkungen.
„Es packt mich immer wieder aufs Neue, wenn sie wie ein Geisterschiff aus der Dunkelheit auftaucht. Wir sehen vor uns das traurige Wrack dieses großen Schiffes, das am 15. April 1912 um zwei Uhr dreißig morgens nach seinem langen Fall aus der Welt über uns hier liegen geblieben ist“, kommentierte Lovett die Aufnahme. Anatoly verdrehte die Augen.
„Du redest vielleicht ‘ne Scheiße, Boss!“, kicherte Lewis und hielt sich fest, um nicht vor Lachen umzufallen. Zu seinem Glück hatte Brock die Kamera gerade kurz ausgeschaltet.
Mir 2 fuhr inzwischen achtern* von der Mir 1 an der Steuerbordseite* herunter, vorbei an einem riesigen Anker, während Mir 1 über das schier endlose Backdeck* schwebte, vorbei an den massiven Ankerketten, die immer noch in zwei akkuraten Linien lagen, die bronzenen Köpfe der Ankerspills schimmerten im Licht der Scheinwerfer. Die gut sechseinhalb Meter langen Tauchboote wirkten wie weiße Käfer neben dem gewaltigen Wrack.
„Sechster Tauchgang“, fuhr Lovett mit seinem Videokommentar fort, „wir sind wieder auf dem Deck der Titanic … zweieinhalb Meilen tief, dreitausendachthundert einundzwanzig Meter. Der Druck beträgt hier dreieinhalb Tonnen pro Quadratzoll. Diese Scheiben haben eine Stärke von neun Zoll. Sollten sie nachlassen, heißt das in zwei Millisekunden Sayonara.“
Er schaltete die Kamera aus.
„In Ordnung, genug von dem Blödsinn“, brummte er. Das Video, das er aufnahm, sollte der Dokumentation dienen – der offiziellen Dokumentation der ordnungsgemäßen Forschung … Aber selbst Indiana Jones, Hollywoods beliebtester fiktiver Professor der Archäologie, ließ gelegentlich etwas mitgehen … Echte Schatzsucher waren da, bei Gott, keine größeren Unschuldsengel, als ihr filmisches Vorbild. Mir 2 landete auf dem Bootsdeck.
„Setz sie wieder auf das Dach der Offizierskabinen, wie gestern!“, wies Lovett Anatoly an und zog sich einen Pullover über, weil es ihm nun doch zu kalt wurde. Der Russe brachte das Tauchboot einigermaßen sanft auf dem Fleck herunter, den Brock ihm genannt hatte.
„Okay, Mir 2, wir landen jetzt direkt über der großen Freitreppe. Seid Ihr soweit, den Roboter auszusetzen?“, fragte Brock.
„Wir sind bereit. Wir setzen den Roboter jetzt aus“, bestätigte Roger, Missionschef der Mir 2. „Los, Charlie!“
Charlie, in Mir 2 mit den gleichen Aufgaben betraut wie Lewis Bodine in Mir 1, setzte sich ebenso wie der Kollege im Nachbarboot die elektronische 3-D-Brille auf und nahm das Paneel mit dem Joystick für die Steuerung des Roboters. Der Roboter löste sich aus der Halterung und schwebte vorwärts, mit dem Tauchboot durch gebündelte Kabel wie mit einer Nabelschnur verbunden, die vom Boot aus verlängert werden konnten.
„Okay, gut!“, bestätigte Charlie. „Mehr Leine! Leine geben!“
„Brock!“, rief der Missionschef das andere Boot. „Wir lassen ihn am Rumpf entlang sinken.“
„Okay, Roger!“, bestätigte Lovett den Empfang der Meldung. Im Funkverkehr genügte im englischen Sprachraum normalerweise der Begriff Roger. Brocks Entgegennahme der Meldung der Mir 2 klang deshalb für englischsprachige Ohren doppelt gemoppelt, machte aber deutlich, dass er den Captain der Mir 2 mit Namen angesprochen hatte. „Geht runter und dann durch die Gangwaypforte der Ersten Klasse. Ihr übernehmt die Eingangshalle und den Salon auf dem D-Deck!“
„Verstanden!“
Charlie ließ den Roboter nach unten sinken, bis die Gangway-pforte erreicht war. Während die Crew der Mir 2 den Roboter durch die ehemals doppelflügelige Eingangspforte steuerte, bewaffnete sich auch Bodine mit Steuerpaneel und 3D-Brille, startete den Roboter der Mir 1.
„Noch mehr Leine!“, sagte Charlie.
„Geht klar“, erwiderte Roger und ließ mehr Kabel laufen. „So, jetzt nach links“, wies er den Robotsteuermann an. „Links, links, links!“, kommandierte er, als der Roboter dem immer noch stehenden rechten Türflügel bedrohlich nahe kam.
„Schwenke nach links“, erwiderte Charlie, hielt mehr nach links und kam knapp um das modrige Holzteil herum.
„Gut so“, kommentierte der Captain der Mir 2.
Lewis klinkte den Roboter der Mir 1 aus und ließ ihn abwärts schweben.
„Snoop Dog ist unterwegs“, verkündete er.
„Wir gehen den Treppenschacht runter“, funkte Brock an das Nachbarboot. „Okay, Lewis, geh runter aufs B-Deck“, sagte er zu Bodine, als er die Funktaste losgelassen hatte und das oberste Deck im Scheinwerferlicht der Kamera erkannte. „Das ist das A-Deck.“
„Gib mir ‘n bisschen Leine, Captain“, erwiderte der Robotoperator. Lovett ließ mehr Kabel nach und Snoop Dog ging tiefer zum nächsten Deck.
„B-Deck“, erkannte Brock und wies auf die Tür, die im Scheinwerferlicht sichtbar wurde. „Geh da rein! Geh da rein!“, wies er Bodine an.
„Gut“
Lewis steuerte den Roboter unter den wie erstarrtes Seegras oder Stalaktiten aus Rost wirkenden Vorhang, der von der Unterseite des A-Decks herab wuchs. Auf dem B-Deck, dem Promenadendeck, hatten sich die richtig teuren Suiten befunden, die aus mehreren Räumen bestanden und sogar ein eigenes Flanierdeck hatten. Hinter dem Flanierdeck waren die ovalen Ausschnitte, in denen einst Glasfenster gewesen waren. Im Scheinwerferlicht zeichnete sich ein vollständig erhaltener Kronleuchter ab, der noch immer an der Stelle hing, an der er am Ausrüstungskai in Belfast montiert worden war. Trotz der Ablagerungen, die sich in vierundachtzig Jahren auf den Kristallfassetten abgesetzt hatten, erstrahlten die Glasteile für einen Augenblick wie polierte Diamanten.
Auf dem Promenadendeck hatte sich im Lauf der Jahrzehnte Sand abgelagert – bei der harten Landung des stählernen Riesen war mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Menge Sediment aufgewirbelt worden, das sich nach und nach über das ganze Schiff verteilt hatte. Halb im Sand vergraben tauchte im Licht der Scheinwerfer ein Schnürstiefel auf, wie ihn die Damen der feinen Gesellschaft am Beginn dieses Jahrhunderts getragen hatten. Im Treffpunkt der Nähte hatte sich erst vor kurzem Seetang angesiedelt, dessen erstes Blatt wie eine dekorative Feder in der leichten Strömung wedelte. Nur eine Handbreit oberhalb des Schaftendes lag eine Brille, die nur noch aus dem Drahtgestell und dem linken Glas bestand. Hinter der Brille war ein rechteckiger Gegenstand in den Schlamm eingesunken, der im vorübergleitenden Licht nicht sofort zu erkennen war. Es konnte ein Buch sein, aber ebenso gut ein Kästchen.
Noch etwas weiter schälte sich etwas aus der Dunkelheit, das einem unvorbereiteten Beobachter das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte: Ein Schädel! Ein kleiner Schädel – etwa ein Kinderschädel? Bei näherem Hinsehen war der Schädel als Kopf einer Porzellanpuppe zu erkennen. Die organischen Bestandteile der Puppe, das Haar, die Holzwolle der Füllung, die Stoffe und das Leder, aus denen die Kleidung und die Schuhe gefertigt gewesen waren, waren im Lauf der Jahrzehnte in der Nahrungskette verwertet worden.
Wahre Forscher hätten diese Gegenstände auf der Stelle verweilen lassen, um sie näher zu untersuchen, vielleicht für ein Museum zu bergen – doch weder Brock noch Lewis waren wirklich Forscher. Sie waren Schatzgräber – und die Gerüchte, dass mit der Titanic ungeheure Reichtümer in Davy Jones’ Locker geraten waren, wollten nicht verstummen. Zu viele Superreiche waren auf diesem Schiff gereist …
Lovett hatte einen Riecher für Schätze, Bodine wusste über die Titanic so gut wie alles, was für Lovett wissenswert war. Snoop Dog, der Tauchroboter, war auf einem Weg zu einem solchen wissenswerten Ziel, der Suite B-52. Die im Schlamm der Zeit versunkenen profanen Gegenstände wie Stiefel, Brillen oder Puppen interessierten beide weniger als die Kochrezepte des Smutjes* auf der Keldysh …
Snoop Dog schwebte weiter wie eine Forschungssonde auf einem fremden Planeten über das Flanierdeck bis zu einer Tür. Im Licht erschien der Türrahmen. Lovett schien es, als würde der Roboter den Türrahmen mitnehmen.
„Pass auf den Türrahmen auf! Pass auf den Türrahmen auf!“, warnte Brock hektisch. „Vorsicht! Vorsicht!“, mahnte er. Die Frage war, um was er sich mehr Sorgen machte: um den Türrahmen oder um den Roboter? Die Wahrscheinlichkeit, dass es Letzteres war, war groß …
„Ich seh’ ihn ja! Ich seh’ ihn ja!“, beschwichtigte Lewis seinen aufgeregten Boss. Aber Brock zuzuhören und gleichzeitig ein Ausweichmanöver zu steuern, hatte Tücken. Snoop Dog rammte mit der rechten Seite prompt den Rahmen.
„Tiefer! Tiefer!“, befahl Lovett. Die zunehmende Aufregung in seiner Stimme war unüberhörbar. Offensichtlich hatte ihn das Jagdfieber gepackt. Bodine steuerte den Roboter weiter nach unten, worauf Lovett noch nervöser wurde.
„Bleib vom Boden weg. Wühl’ ihn nicht wieder so auf wie gestern!“
„Ich versuch’s, Boss!“, erwiderte Lewis. Am Tag zuvor hatte die Schraube von Snoop Dog die Sedimente so heftig aufgewühlt, dass da drin nur noch Nebel gewesen war …
„Läuft alles bestens! Ganz ruhig, Boss!“, beruhigte der Steuermann Brock und lenkte wieder vorwärts. Die Scheinwerfer beleuchteten eine geborstene Tür. Bei der Weiterfahrt schob sich die runde Platte eines zusammengebrochenen Beistelltisches ins Licht. Bodine hob den Roboter etwas höher, um nicht auf der Tür aufzusetzen und nicht wieder in einer Nebelwand zu landen. Ein Kamin wurde sichtbar, davor schlängelte sich ein Tiefseefisch eilig aus dem Licht. Lewis fuhr näher heran und weiter hinauf. Die Reste eines zerbrochenen Spiegels warfen das Scheinwerferlicht zurück.
„Das ist der Wohnraum B-52“, meldete Bodine.
„Gut so! Gut so!“, entfuhr es Lovett. „Und jetzt dreh’ dich! Dreh’ dich!“
„Bin dabei! Bin dabei, Captain!“
Snoop Dog war schon ziemlich nahe am Kamin und hatte einen gewissen Bremsweg, das wussten sie beide. Bodine bremste den Roboter und drehte ihn gleichzeitig nach links. Dennoch kam der Roboter dem Kamin mit den außerordentlich gut erhaltenen Messingbeschlägen bedrohlich nahe.
„Pass auf die Wand auf!“, warnte Lovett. Bodine antwortete nicht, sondern konzentrierte sich darauf, Snoop Dog nicht im Wortsinne an die Wand zu fahren. Die Kamera schwenkte nach unten und zeigte eine Krabbe, ein Albino, wie viele Tiere der Tiefsee. Sie krabbelte in Richtung des Schamottebodens, auf dem in den vier Tagen bis zum Untergang mit einiger Sicherheit ein Feuer gebrannt hatte.
Das Funkgerät knackte.
„Ja, ähm, Brock! Wir sind jetzt am Flügel!“, meldete Roger.
„Hab’ verstanden!“, funkte Brock zurück. Er warf einen kurzen Blick auf das Bild das die Kamera des Mir 2-Roboters lieferte. Der Tauchroboter, den Charlie steuerte, schwebte auf den Flügel zu, der auf den ersten Blick erstaunlich gut erhalten schien. Erst im Weiterflug war erkennbar, dass das Instrument während des Untergangs gegen die Wand gekracht sein musste. Eine Seite war schwer beschädigt. Doch die Tasten schimmerten immer noch in Elfenbein und Schwarz, obenauf lagen noch immer Noten, ganz so, als würde der Pianist gleich zurückkehren, um ein neues Stück zu spielen. Dann kehrte Brocks Aufmerksamkeit wieder zu Snoop Dogs Bildern zurück. Die Richtung stimmte.
„So ist’s gut“, lobte er Lewis’ Steuerkunst. „Weiter, weiter! Okay, das ist es. Das ist sie!“, erkannte er mit erneut erwachender Aufregung. „Das ist die Tür zum Schlafzimmer!“
Bodine zeigte ein gieriges Grinsen.
„Ich seh’ es! Ich seh’ es! Wir sind drin! Wir sind drin, Baby! Wir sind da!“
Fast schien es, als geriete der Steuermann des Snoop Dogs ins Sabbern, so gierig klang seine Stimme. Das Scheinwerferlicht ließ die Konturen eines zusammengebrochenen Bettgestells sichtbar werden. Ein einstmals wunderschönes Bettgestell, ein von gedrechselten Säulen getragenes Himmelbett.
„Das ist Hockleys Bett!“, erkannte Lovett „Da hat dieser Mistkerl geschlafen!“
Snoop Dog schwebte weiter durch den Raum. Eine emaillierte Badewanne wurde sichtbar.
„Uups, da hat einer das Wasser laufen lassen“, ließ Lewis einen sarkastischen Kommentar über die auf dem Meeresboden inmitten einer unvergleichlichen Menge Wassers stehende Wanne fallen. Lovett schaute konzentriert auf die durcheinander gefallene Einrichtung der einst so luxuriösen Suite. Die beim Untergang abgefallene Schranktür fesselte seinen Blick. Sie lag schräg im Raum. Brock wog nachdenklich den Kopf.
„Warte! Warte noch eine Sekunde. Geh noch mal nach rechts zurück! Die Schranktür … geh mal etwas näher ran!“, wies er Bodine an.
„Sag’ bloß, du riechst was, Boss?“, fragte Lewis und streckte geifernd die Zunge heraus, als er umsteuerte.
„Ich will mal sehen, was da drunter ist“, erwiderte Lovett.
„Gib mir meine Hände!“, befahl Bodine. Anatoly gab ihm die Joysticks. Lewis aktivierte die Roboterarme und fuhr die mit Greifzangen versehenen Arme aus der Halterung aus.
„Großartig!“, kommentierte Bodine, als die Greifarme auf die virtuellen Kommandos ohne Verzögerung reagierten.
„Schön vorsichtig!“, mahnte Lovett, als die Greifarme die Schranktür buchstäblich in die Zange nahmen. „Mach nichts kaputt!“ Um nichts in der Welt wollte er, dass sie hier Spuren einer groben Durchsuchung hinterließen …
„Na klar!“, bestätigte Lewis und griff zu. Die Schranktür hing fest im Griff der Zangen.
„Weiter, weiter, weiter! Dreh sie um! Dreh sie um! Los, los!“, wies Lovett Bodine hektisch an.
„Und weiter! Weiter! Weiter! Okay, jetzt lass sie fallen!“, befahl er. Zunächst wirbelte die herumgedrehte, fallende Tür wieder eine Menge Sedimente auf. Als sie sich legten, kam hinter der Tür ein massives, quaderförmiges, stählernes Behältnis zum Vorschein. Bodine und Lovett bekamen ein geradezu seliges Grinsen angesichts des von ihnen so lange gesuchten Stücks, das für sie etwa mit dem Heiligen Gral vergleichbar war.
„Oh, Baby, Baby! Siehst du das, Boss?“
Brock legte den Kopf schief.
„Wir haben Zahltag, Männer!“, frohlockte er. Es war ein handlicher, transportabler Safe – der Safe, den Caledon Hockley, Fahrgast in dieser Suite, nach ihrer Kenntnis auf jeder seiner Reisen mitgenommen hatte!
Kapitel 2
Unerwartete Entdeckungen
Einige Stunden später kehrten die beiden Tauchboote mit völlig euphorisierten Crews an die Oberfläche zurück. Während das zweite Tauchboot an der Steuerbordseite aus dem Wasser geborgen wurde, kam am Kran des Hecks* ein Netz mit schwerem Inhalt aus dem Wasser. Die schon aus dem Tauchboot ausgestiegene Crew von Mir 1 johlte mit den anderen, die an Bord den Tauchgang unterstützt hatten, um die Wette.
Die Bergungscrew der Keldysh nahm den Inhalt des Netzes in Empfang. Lovett und Bodine stolperten mit Anatoly jubelnd über das Achterdeck. Lovett hatte von den dreien noch den ernsthaftesten Ausdruck, aber auch er sah erwartungsvoll aus wie ein Kind kurz vor der Weihnachtsbescherung.
„Klingelihing!“, jauchzte Lewis, das Geräusch von klingender Münze verbal imitierend. Er umarmte voller Freude Bobby Buell, der als Beauftragter der Geldgeber an Bord war.
„Wir haben es geschafft, Bobby!“, jubelte Brock, als Bobby ihm mit einem festen Händedruck gratulierte. Bodine sprang trotz seiner Breite um beide herum wie ein Eichhörnchen im Frühling und blieb schließlich wie eine Klette an Lovett hängen.
„Wer ist der Beste für dich?“, neckte er Brock. „Sag es! Sag es!“
„Du natürlich, Lewis“, lächelte Brock erleichtert, um dann Bodines Gesichtsmatratze an der Wange zu spüren, als der ihn im Überschwang küsste. Der bärtige, langhaarige Robotsteuermann ließ den Kopf der Expedition los, um eine Flasche Champagner zu köpfen und sich das edle Gesöff gleich aus der Flasche direkt in den Hals zu gießen.
„Habt ihr meine Zigarre?“, fragte Brock. Bobby griff in die Innentasche seiner Windjacke und gab ihm die dicke Siegeszigarre.
„Hier“, sagte er. Brock nahm ihm die dicke Tabakstange ab, zündete sie aber noch nicht an. Den Grund für seine Zurückhaltung konnte er im Moment noch nicht nennen, fand es aber irgendwie unangebracht, den Victory-Knüppel vor der absoluten Gewissheit der fetten Beute in Brand zu setzen.
Die Bergungscrew setzte den Safe auf dem Achterdeck ab, das Netz gab die Beute frei. Einer der Matrosen der Keldysh hatte schon den Trennschleifer laufen, um das Schloss des Safes zu knacken, als Lovett den Kameramann der Filmcrew herbeiwinkte. Er hatte die Filmcrew angeheuert, damit die Leute dokumentierten, wer die Schätze der Titanic entdeckt und geborgen hatte, damit der Augenblick des Triumphs auch ganz sicher festgehalten wurde.
„Drehst du?“, fragte er den Mann mit der Kamera auf der Schulter.
„Drehe“, bestätigte er. Um die Zeit zu überbrücken, bis der Tresor offen war, kommentierte Brock in das Mikrofon der professionellen Videokamera:
„Nun ist er da, der Augenblick der Wahrheit. Jetzt wird sich zeigen, ob die Zeit, der Schweiß, die wir investiert haben und das Geld, das wir ausgegeben haben, um dieses Schiff und die Tauchboote zu chartern, um hier herauszukommen, in die Mitte des Nordatlantiks, es wert waren. Wenn das, was wir vermuten, tatsächlich in diesem Terror … äh, … in diesem Tresor ist, dann war es das wert.“
Brocks Lächeln wurde zu einem geradezu wölfischen Grinsen vor Erwartung, als er hörte, dass das letzte Scharnier offen war.
„Mach’ das Ding mal auf!“, wies er den Techniker an.
„Ich dachte schon, wir finden das Ding nie!“, kam ein erleichterter Ausruf von hinten, wohl von Charlie von der Mir 2. Lewis schüttete einen großzügigen Schluck des kostbaren Champagners über Lovett aus, der sich erschrocken bückte, um der unausweichlichen Dusche zu entgehen. Ein zweiter Techniker schlug einen massiven Stahlhaken an einer ebenso massiven Stahlkette in den Griff des Safes, ruckte kurz an und die Safetür fiel herunter. Aus dem handlichen Tresor floss eine rotbraune Schlammbrühe heraus, spülte Geldscheine heraus. Sie alle wussten, dass diese Dinger nicht mal mehr das Papier wert waren, auf dem sie einmal gedruckt worden waren. Das Federal Reserve System, die Zentralbank der USA, war erst 1913 gegründet worden. Davor hatte es eine üble Wirtschaftskrise gegeben. Geld aus der Zeit davor war Spielgeld für Monopoly oder den Spielzeug-Krämerladen. Seither hatte es zudem diverse Veränderungen der Banknoten gegeben. Geldscheine von vor 1912 mochten einen gewissen historischen Wert haben – aber keinen tatsächlichen Gegenwert zu Waren. Mit dem schlammigen Zeug aus dem Tresor konnte man vielleicht Pappmaché machen, aber ganz gewiss nichts kaufen …
„Lasst mich da mal durch!“, forderte Lovett die Leute auf, die ihm im Weg standen oder hockten. Gehorsam traten sie beiseite und überließen ihrem Boss den ersten Griff in den Safe. Er hockte sich vor den Tresor und griff ins matschige Ungewisse. Er spürte nur weiches, schlammiges Papier – noch mehr wertlose Banknoten. Brock fischte sie heraus, griff nochmals in den Safe. Wieder nur Matsch und Dreck, aber nichts buchstäblich Handfestes. Noch zweimal hatte er nur weiche Wertlosigkeit in der Hand. Die Gesichter der versammelten Crew wechselten langsam von überschäumender Freude über gespannte Erwartung bis zu wachsendem Entsetzen, als Lovett immer wieder nur schlammiges Papier aus dem Safe barg. Schließlich hatte er eine ledrige Masse in der Hand – eine Mappe oder etwas Ähnliches, aber nicht das, was er wirklich suchte. Ratlos tastete er im dreckigen Inneren des Tresors herum, aber er war nun leer, von etwas verbliebener Schlammbrühe abgesehen.
„Verdammte Scheiße!“, fluchte er. Anatoly, der schon fast hinter ihm in den Safe kriechen wollte, sprach aus, was alle dachten:
„Keine Diamanten?“
Lovetts bitteres Schweigen und sein bedrücktes Nicken war die Bestätigung von Michailawitschs Vermutung. Bodine beugte sich herunter.
„Weißt du, Boss – dasselbe ist Geraldo passiert. Und davon hat sich seine Karriere nie erholt“, sagte er. Brock drehte sich um und sah in die laufende Kamera. Er stand auf.
„Schalt’ die Kamera aus!“, wies er den Kameramann an. Es würde nicht einfach sein, den Geldgebern zu erklären, dass das, worauf sie scharf waren, noch nicht gefunden war …
Im Labor unter Deck nahmen die Laboranten der Keldysh die aus dem Safe geborgenen Papiere trotz Lovetts offensichtlichen Desinteresses an diesen Dingen sorgsam auseinander. Vielleicht befand sich ja doch etwas darunter, was in irgendeiner Form Wert hatte oder weiterhelfen konnte. Brock stauchte inzwischen die seiner Ansicht nach unsensiblen Filmleute zusammen.
„Ihr sendet, was ich euch sage und wenn ich es sage. Ich bezahle euch mit Geld, nicht mit Zeit, klar? Und jetzt seht zu, dass ihr die Satellitenstrecke hinkriegt!“
Bobby Buell hatte zur gleichen Zeit die Investoren an der Strippe. Er drehte sich zu Lovett um und hielt die Sprechmuschel des Satellitentelefons zu.
„Brock! Unsere Partner wollen wissen, wie es vorangeht!“, meldete er.
„Wie es vorangeht?“, fragte Brock unwirsch. „Wie am ersten Tag im Knast geht es voran!“, knurrte er und nahm Buell das Telefon ab. Wie umgeschaltet setzte er prompt ein freundliches Lächeln auf.
„Hey, Dave, Barry! Hi! Es war nicht im Safe, aber – hey, hey – ihr solltet euch deswegen keine Sorgen machen. Es könnte an so vielen Stellen sein. Natürlich, klar! Zwischen den Trümmern, in der Suite, im Zimmer der Mutter … im Safe auf dem C-Deck“, sagte er mit zuvorkommender Freundlichkeit und aller Überzeugungskraft, zu der er nach dem Rückschlag jetzt noch fähig war.
„In Jimmy Hoffas Aktentasche!“, warf Bobby eine gekünstelt witzig wirkende Bemerkung ein. Jimmy Hoffa, der ebenso legendäre wie umstrittene Gewerkschaftsführer, mit der Mafia verbandelt und 1975 unter mysteriösen Umständen verschwunden, war in den USA etwa so sprichwörtlich für das Verschwinden wertvoller Gegenstände wie es die englischen Posträuber von 1963 in Europa waren – oder Ede Langfinger von der Firma Klemm, Klau & Greifenberger. Brock ging darauf nicht ein, sondern konzentrierte sich darauf, die ungeduldigen Geldgeber ruhigzustellen.
„Es gibt noch Dutzende anderer Stellen! Jungs, hört zu: Vertraut meinem Instinkt! Ich weiß, wir sind ganz nah dran! Man muss nur eine Möglichkeit nach der anderen eliminieren“, fuhr er fort und wanderte dabei unruhig so weit herum, wie das Telefonhörerkabel ihn ließ. Wie um sich wieder zu fokussieren, peilte er auf den Monitor vor sich, in dem gerade das Bild aus einem der Spültröge zu sehen war, in denen die Papiere aus der Ledermappe vom Schlamm der Jahrzehnte befreit wurden. Was die Sprühdüse langsam freilegte, fesselte plötzlich Lovetts Aufmerksamkeit.
„Eine Sekunde mal …“, sagte er und drehte sich um. „Lass mich das mal sehen!“ Er gab Bobby den Telefonhörer zurück und ging zu dem Tisch, auf dem der Spültrog war, den er eben im Monitor gesehen hatte.
„Kann sein, dass wir da was haben!“, rief Buell in den Hörer und verrenkte sich fast den Hals in Lovetts Richtung. Der stand inzwischen an dem Wasserbehälter. Eine Laborantin sprühte mit einer kleinen Hochdruckdüse den Schlamm von einer Bleistift- oder Kohlezeichnung einer Frau. Der Schatzjäger drehte sich um.
„Kann ich mal das Foto von der Kette haben?“, rief er.
„Wir rufen gleich nochmal zurück!“, beendete Buell das Telefonat und gab Lovett, was er haben wollte.
Lovett sah mit dem Foto in der linken Hand intensiv auf die Zeichnung, die er mit der Rechten vorsichtig aus dem Becken nahm. Sie war fantastisch gut erhalten, sah man von kleinen Schäden am Rand des Blattes ab. Es war eine schöne Frau, die Zeichnung selbst eine hervorragende Arbeit. Sie war jung, vielleicht kurz vor zwanzig oder allenfalls knapp darüber – und sie war nackt. Splitterfasernackt, von einem einzigen Stück abgesehen, das nicht zwanghaft als Kleidungsstück zu betrachten war. Sie trug um den Hals eine Diamantkette, in deren Mitte ein großer Stein war. Trotz der Nacktheit präsentierte sie sich aber gleichwohl mit einem gewissen Anstand. Sie lag auf einem Diwan im Empire-Stil, mitten im Licht; in einem Licht, das geradewegs aus ihren Augen heraus zu strahlen schien.
„Ist ja irre!“, bemerkte ein junger Laborant, der auch an den Tisch getreten war.
Brock hielt das Schwarz-Weiß-Foto des Diamanthalsbandes, das Ziel ihrer ganzen Suche war, neben die Zeichnung. Es war ein historisches Foto, das vor 1912 aufgenommen worden war. Darauf war zweifellos dieselbe Kette zu sehen, die auch auf der Zeichnung abgebildet war – eine Kette aus kostbaren, weißen, perfekt geschliffenen Diamanten. Aber in der Mitte hing ein mächtiger, dunklerer Stein, der fast herzförmig geschliffen war.
In der unteren rechten Ecke, die Brock mit einem sanften Wischen seines rechten Daumens freilegte, fand er ein Datum: 14. April 1912. Einige Zentimeter weiter waren zwei Buchstaben: JD. Vielleicht die Initialen des Zeichners. Wer immer dieses Bild gezeichnet hatte, war ein Meister seines Fachs.
„Das ist ja unglaublich!“, entfuhr es Brock. Die Zeichnung war jedenfalls der handfeste Beweis, dass das Herz des Ozeans – der dunkle, herzförmige Diamant, ein Stück von ungeheurem Wert – auf der einzigen Fahrt der Titanic definitiv an Bord gewesen war.
In einem Haus auf der anderen Seite des amerikanischen Kontinents war es ein sonniger Morgen. Zahlreiche Fotos, die allesamt eine schöne Frau zeigten, standen bunt durcheinander und dennoch wohlgeordnet auf einem kleinen Schank. In einem handlichen Portable-Fernseher auf der Anrichte in der Küche mit ausgesprochen kleinem Bild lief unbeachtet eine Journalsendung des Senders CNN, während Lizzy Calvert, eine Frau Ende Dreißig bis Mitte Vierzig hereinkam, auf dem Tisch gegenüber der Anrichte eine Tasse abstellte und von einem fiependen Zwergspitz umschlichen wurde.
„Schon gut, du kriegst auch gleich was zu fressen“, versprach sie dem Hund. „Na, komm!“, forderte sie das Tier auf und verließ die Küche wieder.
In der Fernsehsendung begann die Sprecherin das nächste Thema:
„Der Schatzsucher Brock Lovett ist vor allem wegen seiner Entdeckung der versunkenen spanischen Galeonen bekannt. Er befindet sich an Bord eines russischen Forschungsschiffes, um zu dem wohl berühmtesten aller Schiffswracks zu gelangen: der Titanic. Wir sind jetzt mit ihm via Satellit auf dem Forschungsschiff Keldysh im Nordatlantik verbunden. Hallo, Brock!“
„Hallo, Tracy!“, meldet sich Lovett von Bord der Keldysh. „Natürlich kennt jeder die bekannten Geschichten über die Titanic. Zum Beispiel die, dass die Kapelle bis zum bitteren Ende gespielt hat und all das. Aber was mich interessiert, das sind die Geschichten, die keiner kennt. Die Geheimnisse, die tief im Inneren der Titanic verborgen sind. Wir sind hier, um mithilfe von Robotern tiefer in das Wrack einzudringen, als je irgendjemand zuvor.“
Die Erwähnung der Titanic machte Rose Calvert aufmerksam, eine alte Frau, die im lichtdurchfluteten Atelieranbau des Hauses an einer Töpferscheibe saß und roten Ton zu einem Topf formte. Ihre Hände hatten zahlreiche Altersflecken, waren faltig und trocken, wirkten aber gleichzeitig kraftvoll. Sie sah von ihrer Arbeit auf. So alt, gebrechlich und konturlos wie ihr Körper wirkte, so strahlend waren ihre Augen, die immer noch ein jugendliches Feuer zeigten. Sie stand mit einiger Mühe auf, nahm ihren Stock und bewegte sich in langsamen, unsicheren Schritten vorwärts in die Küche. Sie hatte sich nicht einmal die Hände gesäubert, so sehr interessierte sie das, was sie gerade wahrgenommen hatte.
„Ihre Expedition ist Gegenstand einer hitzigen Debatte. Es geht um Bergungsrechte und ethische Fragen. Von vielen werden Sie als Grabräuber bezeichnet“, sagte Moderatorin Tracy.
„Bis jetzt ist nie jemand auf den Gedanken gekommen, der Bergung der Kunstwerke Tut anch Amuns als Grabräuberei zu bezeichnen“, wehrte Lovett die Vorwürfe ab.
Die alte Dame nahm wahr, dass die Moderatorin mit dem Mann sprach, der rechts im Bild zu sehen war. Die jüngere Frau, die kurz zuvor mit dem Zwergspitz hinausgegangen war, kam eben in diesem Moment in die Küche zurück.
„Was ist los?“, fragte sie, offensichtlich verblüfft darüber, dass ihre Großmutter ihre Töpferscheibe verließ.
„Dreh’ das mal lauter, Schatz“, bat die Ältere.
„Ich habe Experten verschiedener Museen an Bord, die sicherstellen, dass die Artefakte angemessen konserviert und katalogisiert werden“, fuhr Lovett mit seiner Rechtfertigung fort. „Sehen Sie sich diese Zeichnung an, die wir grad’ heute gefunden haben“, sagte er. Die Kameraeinstellung wechselte zu der Zeichnung, die sich unter den Papieren im Tresor von der Titanic gefunden hatte. „Ein Blatt Papier, das vierundachtzig Jahre im Wasser gelegen hat. Meinem Team ist es gelungen, es unbeschädigt zu bergen. Hätte das für alle Ewigkeiten unentdeckt auf dem Grund des Ozeans verbleiben sollen? Wenn wir es uns jetzt ansehen und daran freuen können …“
„Das ist ja unglaublich!“, entfuhr es der alten Dame, die vorgebeugt vor dem kleinen Fernseher stand und auf etwas sah, das sie zuletzt vor vierundachtzig Jahren gesehen hatte.
Im Nordatlantik war die Sonne untergegangen. Brock Lovett stand wieder an Deck der Keldysh und beobachtete, wie die Mir 1 aus den Verankerungen gehoben wurde, um erneut zu Wasser gelassen zu werden. Das Schwesterboot war bereits wieder ausgesetzt, die Crew wartete nur noch darauf, dass auch Mir 1 wieder startklar war.
„Brock! Da ist’n Anruf über Satellit für dich!“, rief Bobby Buell durch den Lärm von Wind und Krangeräuschen. Lovett drehte sich um und wirkte gereizt.
„Bobby, ich hab’ hier zu tun! Wie du siehst, wollen wir gerade das Tauchboot zu Wasser lassen“, knurrte er.
„Vertrau mir, Kumpel. Dieser Anruf wird dich interessieren!“, rief Bobby mit hektischer Geste.
„Das will ich für dich hoffen!“, grollte Brock und folgte Buell widerwillig zum Satellitentelefon.
„Du musst sehr laut reden! Sie ist schon etwas älter“, brüllte Buell.
„Na, toll!“, seufzte Lovett und nahm den Hörer. „Hier spricht Brock Lovett! Wie kann ich Ihnen helfen, Mrs. …“
Hilfesuchend wandte er sich an Buell.
„Calvert! Rose Calvert!“, half der aus.
„Mrs. Calvert?“
Rose lächelte am anderen Ende des amerikanischen Kontinents.
„Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie das Herz des Ozeans schon gefunden haben, Mr. Lovett?“, fragte sie. Ihr Lächeln wurde schelmisch, als könnte sie sehen, dass ihrem Gesprächspartner gerade die Gesichtszüge entgleisten. Auf dem Nordatlantik hätte Brock Lovett in der Tat nicht erschrockener sein können, wenn vor ihm die Flying Dutchman samt Davy Jones am Steuer aus den Fluten geschossen wäre … Er fuhr herum zu Bobby. Der zuckte mit einer ausladenden Geste mit den Schultern.
„Wusst’ ich’s doch, dass dich das interessieren würde!“, grinste er.
„Also … ich bin ganz Ohr, Rose“, flötete Lovett mit ausgesuchter Höflichkeit. „Können Sie uns sagen, wer die Frau auf dem Bild ist?“, fragte er. Rose lächelte verschmitzt.
„Oh, ja! Die Frau auf dem Bild bin ich!“, ließ sie die Bombe platzen.
Kapitel 3
Der Besuch der alten Dame
Brock Lovett hatte an diesem Abend sehr lange und sehr ausführlich mit Rose Calvert telefoniert. Dabei hatte sie ihm auch gesagt, dass ihr Mädchenname Rose DeWitt Bukater gewesen sei. Der Name fand sich tatsächlich auf der Lewis bekannten Passagierliste, die Brock sich nebenbei hatte geben lassen. Lovett hatte sie am Ende des Telefonats auf die Keldysh eingeladen. Nach der Rettung von gerade einem Drittel der Seelen, die sich an Bord der Titanic befunden hatten, war der Name DeWitt Bukater aber nur noch im Zusammenhang mit Ruth DeWitt Bukater, ihrer Mutter, aufgetaucht. Rose DeWitt Bukater war nach herrschender Meinung der Titanic-Experten oder solcher, die sich dafür hielten, eine der Toten, die das Meer nicht mehr freigegeben hatte; denn auch auf dem Friedhof in Halifax, wo die in den Tagen nach dem Untergang der Titanic geborgenen Toten beigesetzt waren, fand sich ihr Name nicht.
Lewis Bodine gehörte zu der Sorte von Experten, die fest von Roses Tod überzeugt war. Skeptisch, wie er war, hatte er Nachforschungen über die Passagierin und auch über jene Frau angestellt, die Brock von Halifax aus zur Keldysh fliegen ließ. Was er herausgefunden hatte, ließ ihn wie einen wildgewordenen Derwisch hinter Brock über das Schiff rennen, um seinen Freund davon zu überzeugen, dass er einer Betrügerin aufgesessen war.
„Das ist ’ne gottverdammte Lügnerin!“, wetterte er, während Lovett sich zu überzeugen versuchte, dass ein erneutes Aussetzen der beiden Tauchboote reibungslos klappte. „Irgend ‘ne Irre, die scharf auf Geld ist oder ins Fernsehen will! Nur Gott weiß, wieso!“, fuhr er fort, weit ausladend mit den Armen rudernd, um die Aufmerksamkeit seines Bosses ganz sicher auf sich zu lenken. „Genau wie die russische Braut damals … Anesthesia!“
Brock konnte sich über letztere Bemerkung ein Lachen nur schwer verkneifen.
Bobby Buell stand an der Steuerbordseite, wo eines der beiden Boote gerade klar gemacht wurde. Er peilte achteraus, von wo sich ein großer Sikorsky-Hubschrauber vom Typ Sea Stallion dem Landedeck des Forschungsschiffes näherte.
„Sie kommen!“, rief er. Lovett sah kurz nach achtern, dann machte er kehrt, um rechtzeitig am Hubschrauberlandeplatz zu sein. Bodine konnte ihm nur knapp folgen.
„Rose DeWitt Bukater kam auf der Titanic im Alter von siebzehn Jahren ums Leben, stimmt’s?“, fragte er die zwischen ihnen beiden an sich nicht umstrittene Tatsache ab.
„Stihimmt!“, bestätigte Lovett mit fröhlichem Unterton im Laufen und sah sich zwischendurch um, als wollte er den Hubschrauber mit Blicken zum richtigen Platz leiten.
„Wenn sie das überlebt hätte, wäre sie jetzt über hundert!“, protestierte Lewis weiter.
„Hunderteins – nächsten Monat!“, grinste Brock über die Schulter.
„Also gut, dann ist sie eine sehr alte gottverdammte Lügnerin!“, konterte Lewis aufgebracht. „Ich … ich habe die Geschichte dieser Frau bis in die Zwanzigerjahre zurückverfolgt!“
„Toll!“, lobte Brock spöttisch und enterte den steilen Niedergang zum Hubschrauberdeck. Bodine folgte ihm hartnäckig.
„Damals ist sie Schauspielerin gewesen! Schauspielerin! Da hast du deinen ersten Hinweis, Sherlock!“, wetterte er weiter. Das schien ihm der deutlichste Beweis dafür zu sein, dass jemand sie veräppeln wollte. „Damals war sie unter dem Namen Rose Dawson bekannt. Dann hat sie diesen Typen namens Calvert geheiratet. Die beiden ziehen nach Cedar Rapids, und sie brüten ein paar Kinder aus. Calvert ist inzwischen tot und nach allem, was ich gehört habe, Cedar Rapids auch.“
Brock bekam ein so breites Grinsen, dass die Ohren beinahe Besuch von den Mundwinkeln bekamen.
„Und alle, die von dem Diamanten wissen, sind angeblich auch tot – oder auf diesem Schiff! Aber sie weiß davon!“, spielte er seinen fettesten Trumpf aus. Sein Zeigefinger schien Lewis geradezu aufspießen zu wollen, so heftig gestikulierte er mit der Extremität in dessen Richtung. Bodine gab schulterzuckend auf. Sollte Brock doch sehenden Auges in sein Verderben laufen …
Der Hubschrauber mit kanadischer Zulassung setzte auf.
„Er ist gelandet!“, meldete Bobby per Walkie-Talkie an den Kapitän der Keldysh. Der Sturm, den der Rotor verursachte, war so heftig, dass Lovett und Bodine beinahe weggeweht wurden. Instinktiv schützten sie die Augen, obwohl auf der Keldysh schon lange kein Staub mehr sein konnte.
Die Matrosen luden das Gepäck aus. Bodine verschränkte die Arme. Wenigstens zehn Koffer unterschiedlicher Größe stapelten sich an Deck, als Buell dazu kam.
„Sie reist nicht gerade mit leichtem Gepäck!“, ließ Lewis eine spitze Bemerkung fallen. Für ihn war die Frau, die sich als geborene DeWitt Bukater ausgab, einfach eine Wichtigtuerin.
Lovett stand inzwischen an der Schiebetür des Passagierabteils, das gerade offen war. Die Tür gab eine alte Dame im Rollstuhl frei, die einen kleinen Hund auf dem Schoß hatte. Die Piloten hoben den Rollstuhl hinaus, die Matrosen unten nahmen das Gefährt entgegen.
„Seid bitte vorsichtig!“, mahnte Lovett. Er wandte sich an die alte Dame und grüßte ebenso lässig wie angedeutet militärisch. „Mrs. Calvert, ich bin Brock Lovett. Willkommen auf der Keldysh!“, rief er und begrüßte sie dann mit Handschlag. Die Matrosen bugsierten den Rollstuhl samt Insassin vorsichtig genug auf das Deck, um Brocks Vorstellung zu genügen.
„Okay, dann bringt sie mal rein“, entfuhr es ihm mit einer gewissen Erleichterung. „Hi, Miss Calvert“, begrüßte er dann Roses Enkelin, die sportlich aus dem Hubschrauber sprang und sicher auf dem Deck landete. In seiner Stimme schwang ein gewisses Flirtpotenzial mit, als er sie ebenfalls mit Handschlag begrüßte. Sie lächelte ihn zwar freundlich an, wandte sich dann aber von ihm ab und dem Rollstuhl zu.
„Ich mach’ das schon“, sagte sie und nahm den Matrosen die Griffe des Rollstuhls ab, um ihre Großmutter ins Schiffsinnere zu bringen. Die beiden Passagiere waren gerade außer Sicht, als Brock sich wieder zum Hubschrauber umdrehte und geradewegs in ein ziemlich großes Goldfischaquarium sah, das ihm einer der Piloten aus dem Passagierabteil reichte. Eher automatisch griff er zu. Es war die in Jahren antrainierte Reaktion eines Menschen, der sein Leben hauptsächlich auf Expeditionen verbrachte und es gewohnt war, Transportmittel schnell und effizient auszuräumen. Einen Moment stand er dann aber ratlos da, das Aquarium in den Händen.
Etwas später hatten die Goldfische – immerhin vier an der Zahl – samt ihrem Behältnis Platz in einer großzügigen Kabine des Forschungsschiffes gefunden. Neben dem Aquarium drapierte Rose ihre Fotos, als es klopfte.
„Ja?“, bat sie den Klopfer herein. Die Tür öffnete sich und Lovett stand mit einem Lächeln von der ganz süßen Sorte darin. Hinter ihm winkte Bodine, ebenfalls mit zuckersüßem Lächeln.
„Sind Sie mit Ihrer Kabine zufrieden?“, fragte Brock.
„Ja“, erwiderte Rose und wies mit einer eleganten Handbewegung auf Lizzy, die vor ihr hockte und ihr ein gerahmtes Foto nach dem anderen aus einem der Schrankkoffer reichte.
„Habe ich Ihnen schon meine Enkelin Lizzy vorgestellt?“, fragte sie. „Sie sorgt für mich.“
Mit einem verschmitzten Lächeln wandte Lizzy sich an die beiden Besucher.
„Wir haben uns gerade eben kennen gelernt“, neckte sie fröhlich. „Oben an Deck. Weißt du nicht mehr, Nana?“
Tonfall und Wortwahl machten deutlich, dass ihr Bestreiten keineswegs ernst gemeint war, sondern im Gegenteil eine liebevolle Beziehung zwischen Großmutter und Enkelin dokumentierte. Lewis und Brock bekamen es allerdings nicht mit. Als Rose auch noch mit einer hilflosen Geste, die pure Vergesslichkeit ausdrückte, sagte:
„Ach ja …“, und sich dann wieder den Fotos widmete, drehte Brock sich zu Lewis um. Beide verdrehten die Augen. Das konnte ja heiter werden!
„So … das sieht hübsch aus“, konstatierte Rose schließlich. „Ich muss meine Bilder immer dabei haben, wenn ich verreise – und Freddy natürlich auch“, setzte sie hinzu und knuddelte den kleinen Hund. Lovett gab sich alle Mühe, geduldig zu bleiben.
„Kann ich Ihnen noch etwas bringen? Haben Sie noch einen Wunsch?“, fragte er wie ein Steward auf einem Luxusliner – er kam sich inzwischen beinahe so vor …
„Ja“, erwiderte Rose mit einem geradezu jugendlichen Funkeln in den Augen. „Ich würde mir gern die Zeichnung von mir ansehen.“
Lovett und Bodine begleiteten die alte Dame und ihre Enkelin in das Labor der Keldysh. Die Zeichnung lag immer noch in dem Wasserbehälter. Sie musste feucht gehalten werden, um sie zu konservieren. Rose rollte an den Tisch mit dem Wasserbehälter heran und erhob sich dann recht mühsam aus dem Rollstuhl. Der Umstand, dass sie sich dabei an dem Rand des Wasserbehälters festhielt, ließ Brock und Lewis fast das Herz stehen bleiben. Sie hatten Glück. Der Behälter war schwer genug, um sich von der alten Rose nicht aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen.
Ihr Blick fiel auf die Zeichnung, die sie selbst mit gerade mal siebzehn Jahren zeigte. Von ihrer Erinnerung überwältigt schloss sie die Augen und war wieder auf dem Diwan in der Suite B-52. Warmes Licht umstrahlte sie, als der Zeichner sie konzentriert ansah und mit der ihm eigenen Fingerfertigkeit den Bleistift in sachten Strichen über das Papier gleiten ließ. Sie erinnerte sich an seine blaugrünen Augen, die in diesem Moment mit aller Professionalität über ihren Körper glitten, um das Gesehene zu Papier zu bringen – nichts anderes. Jack … Der Gedanke an ihn löste auch nach vierundachtzig Jahren ein warmes Gefühl in ihr aus.
Sie ließ sich wieder in den Rollstuhl sinken, den Lizzy vorsichtshalber festhielt. Außer Lovett, Bodine und Lizzy war noch Bobby Buell mit dazu gekommen, um zu hören, was die alte Dame zu sagen hatte.
„Ludwig XVI. besaß einen berühmten Edelstein. Man nannte ihn den Blauen Diamanten der Krone. Er ging 1792 verloren, etwa zur selben Zeit, als der alte Ludwig alles vom Hals aufwärts verlor“, hörte Rose Lovetts sonore Stimme. „Es gibt eine Theorie, dass der Diamant auch unters Messer kam“, sprach er weiter und nahm das Foto zur Hand, zeigte es Rose. „In Herzform geschliffen, soll er als Herz des Ozeans bekannt geworden sein. Heute wäre er mehr wert als der Hope Diamant.“
Rose sah den Schatzjäger geringschätzig an.
„Ach, es war ein fürchterlich schwerer Klunker. Ich hab’ ihn nur dieses eine Mal getragen“, wehrte sie ab. Lizzys Blick fiel auf die Zeichnung. Sie konnte nicht glauben, dass diese schöne, junge Frau mit ihrer Großmutter identisch war.
„Glaubst du wirklich, das bist du, Nana?“, fragte sie mit unüberhörbarer Skepsis. Rose sah kurz auf die Zeichnung, dann zu ihrer Enkelin.
„Natürlich bin ich das, Schatz!“, stellte sie klar. „War ich nicht eine Augenweide?“, fragte sie dann, leicht verträumt.
Brock fand, dass Lizzys Zweifel die geeignete Gelegenheit darstellte, zu prüfen, ob hier alles wirklich mit rechten Dingen zuging – und Lewis hoffentlich zu beweisen, dass diese Frau tatsächlich die war, die sie vorgab zu sein.
„Ich konnte die alten Versicherungsunterlagen ausfindig machen. Es hat eine Forderung gegeben, die unter Auflage strengster Geheimhaltung beglichen wurde“, sagte er. „Können Sie mir sagen, wer diese Schadenersatzforderung gestellt hat, Rose?“
„Ich könnte mir vorstellen, dass es jemand namens Hockley war“, erwiderte Rose wie aus der Pistole geschossen.
‚Bingo!‘, durchzuckte es Brock. ‚Wir haben die echte Rose DeWitt Bukater!‘
Nur jemand, der wirklich Insider war, konnte diese Verbindung kennen …
„Nathan Hockley, ja, das ist richtig. Ein in Pittsburgh lebender Stahltycoon“, bestätigte Lovett und hockte sich an der Tischkante vor Rose. „Die Forderung bezog sich auf ein Diamantcollier, das sein Sohn Caledon seiner Verlobten – Ihnen! – eine Woche vor Auslaufen der Titanic gekauft hatte“, erklärte er. „Sie wurde nach dem Untergang eingereicht. Also ist der Diamant zusammen mit dem Schiff untergegangen. Sehen Sie das Datum?“
Lizzys Blick fiel auf den unteren Rand der Zeichnung.
„14. April 1912“, las sie ab.
„Wenn Ihre Großmutter also die ist, die sie behauptet zu sein“, ließ sich Lewis von hinten vernehmen, „dann trug sie den Diamanten am Tag des Untergangs der Titanic.“
Brock sah die alte Dame an wie ein treuer Hund.
„Und damit … sind Sie ab heute meine beste Freundin. Ich werde Ihnen mit Freuden alles vergüten, was Sie uns sagen können, um ihn zu finden.“
Rose lächelte sanft.
„Ich will Ihr Geld nicht, Mr. Lovett. Ich weiß, dass es für Leute, die am Geld hängen, schwer ist, etwas davon wegzugeben“, versetzte sie.
„Sie wollen wirklich nichts?“, fragte Bodine verständnislos. Lovett und er fühlten sich regelrecht ertappt. Rose wies auf die Zeichnung.
„Sie können mir das hier geben, wenn ich Ihnen etwas sagen kann, das für Sie Wert hat“, bot sie an.
„Abgemacht“, schloss Brock den Handel.
Nachdem nun geklärt war, dass Rose Calvert tatsächlich Rose DeWitt Bukater war, präsentierte Brock diverse weitere Gegenstände, von ziemlich profan bis durchaus kostbar. Für Lovett war es im Vergleich zu dem noch nicht gefundenen Diamanten dennoch wertlose Beute aus der Suite.
„Das sind ein paar Gegenstände, die wir aus Ihrer Kabine geborgen haben“, sagte er zu den gereinigten und liebevoll hergerichteten Schmuckstücken und Toilettenartikeln – Kamm, Handspiegel, Schere, ein schmales Collier mit unregelmäßigen und deshalb umso schöneren Perlen, Broschen. Roses erster Griff ging zu dem Handspiegel aus Schildpatt, den sie mit zittriger Hand vorsichtig an sich nahm.
„Der gehörte mir. Wie außergewöhnlich!“, entfuhr es ihr voller Begeisterung. „Er sieht noch so aus wie das letzte Mal, als ich ihn in der Hand hielt.“
Sie drehte ihn um und sah in den Spiegel. Das Glas war gesprungen. Irgendwie passte dieser Spiegel – so wie er war – zu ihr. Auch sie war alt geworden, hatte ihre Sprünge …
„Das Spiegelbild hat sich etwas verändert“, bemerkte sie mit einem deutlichen Seufzen, aber mit schelmischem Humor und legte den Spiegel wieder weg – die Spiegelseite nach unten, so, wie sie ihn vorgefunden hatte. Dann fesselte ein wunderschöner Steckkamm ihre Aufmerksamkeit. Der Jauchzer, der sich ihr bei diesem Anblick entrang, hätte auch zu einem jungen Mädchen von siebzehn Jahren gepasst. Es war ein schmaler, aber etwa handlanger Hornkamm, dessen stumpfes Ende mit einem ebenso naturalistischen wie filigranen Jugendstil-Schmetterling aus Bronze geschmückt war. Die Flügel bestanden aus einem ebenso zarten wie stabilen Bronzenetz, dessen Durchbrüche mit feinen Jadescheiben gefüllt waren. Der massiv bronzene Leib des Schmetterlings war an der breitesten Stelle hinter dem Kopf mit einem ovalen, glatt geschliffenen Jadestück verziert. Am linken Flügel waren die Jadescheiben ausgebrochen, das Bronzenetz war dort ebenfalls an den äußersten Reihen beschädigt. Rose war anzusehen, dass sie gerade von einer Welle von Erinnerungen, aber auch Emotionen überrollt wurde, als sie den Kamm in der Hand drehte.
„Sind Sie bereit, noch einmal auf die Titanic zu gehen?“
Lovetts Frage drang wie aus weiter Ferne zu ihr durch. Sie nickte schweigend, weil ihr die Stimme zu versagen drohte.
Der Kontrollraum, in dem verschiedene Monitore Bilder der beiden Tauchboote und den Robotern Snoop Dog und Duncan zeigten, war abgedunkelt.
„Live aus zwölftausend Fuß Tiefe“, kommentierte Bodine die Bilderschwemme, die Roses Wahrnehmung zu überfluten drohte. Doch ihr Blick verfing sich an dem Monitor, der Bilder von der Bugreling zeigte. Es war offensichtlich, dass diese Stelle des Schiffes ihr ganz persönlich etwas bedeutete. Brock studierte ihre Reaktionen genau. Lizzy drehte den Rollstuhl herum, damit ihre Großmutter Bodines Computer sehen konnte.
„Wir haben die weltgrößte Datenbank über die Titanic zusammengestellt“, sagte er, während er nach der passenden Datei suchte und sie aufrief.
„Rose möchte das vielleicht nicht sehen“, mutmaßte Lovett.
„Nein, nein, ist schon in Ordnung. Ich bin neugierig“, entgegnete sie. Tatsächlich schaute sie mit unübersehbarem Interesse auf die animierte Grafik, die auf dem Bildschirm erschien, die Bodines maschinengewehrschnelle Erläuterung unterstützte.
„Okay, los geht’s! Sie rammt den Eisberg mit der Steuerbordseite, stimmt’s? Sie schrammt an ihm entlang und reißt sich lauter Löcher in die Seite. Wie ‘n Morsecode … dit, dit, dit. Das Ganze geschieht unterhalb der Wasserlinie“, begann er. Die Animation zeigte, wie das Schiff gegen den Eisberg schlug, daran entlang schrammte und in kurzen Abständen mehrere kleine, aber umso verhängnisvollere Lecks bekam.
„Die vorderen Abteilungen beginnen, vollzulaufen. Jetzt, wo der Wasserstand weiter steigt, läuft das Wasser über die Schotten hinweg, die unglücklicherweise nur bis zum E-Deck reichen. Und damit beginnt der Bug zu sinken und das Heck hebt sich“, kommentierte er die Animation, die nun die unmittelbaren Folgen der Lecks zeigte. „Am Anfang noch langsam, dann immer schneller und schneller, bis irgendwann der gesamte Arsch steil in die Luft ragt – und das is’ ‘n gewaltiger Arsch! Wir reden hier von zwanzig, dreißigtausend Tonnen!“, fuhr er fort und entfernte sich zunehmend von einer – nun ja – angemessenen Sprache gegenüber einer alten Dame, von der er als Titanic-Experte mit Hang zu den Schätzen in der Ersten Klasse wissen musste, dass sie in feiner Gesellschaft aufgewachsen war.
„Okay, der Rumpf kann einer so starken Belastung nicht standhalten. Also, was passiert? Krrrk – sie bricht durch, runter bis zum Kiel“, bremste er seine entglittene Sprache und ging zur Lautmalerei über. „Das Heck fällt wieder zurück in seine alte Position. Dann, als der Bug sinkt, zieht das Heck in die Vertikale und bricht dann schließlich weg. Das Heck treibt in dieser Position noch einige Minuten lang wie eine Art Korken, läuft dann voll und geht um etwa zweiuhrzwanzig unter. Zwei Stunden und vierzig Minuten nach der Kollision. Der Bug driftet davon und schlägt etwa ‘ne halbe Meile entfernt mit einer Geschwindigkeit von zwanzig bis dreißig Knoten auf den Grund. Ziemlich cool, hä?“, schloss er seine Präsentation, die mit dem Aufschlag des vorderen Teils der Titanic endete, der nochmals in sich brach. Es blieb am Ende das Bild, das sich den Forschern seit nunmehr vierundachtzig Jahren bot, wenn der Meeresgrund entsprechend ausgeleuchtet werden konnte.
Rose sah ihn abschätzend an.
„Vielen Dank für Ihre präzise, forensische Analyse, Mr. Bodine“, versetzte sie sarkastisch. „Sie verstehen sicher: Die persönliche Erfahrung – das war ein klein bisschen anders …“
Brock hatte bislang geschwiegen und den Redefluss dem Computerfreak Lewis überlassen.
„Lassen Sie uns daran teilhaben?“, fragte er leise, fast sanft. Rose antwortete nicht, sah sich um. Ihr Blick fiel auf einen der Monitore, die hinter ihr waren. Dort war die geschnitzte Eingangstür zum Salon des D-Decks zu sehen. Das D-Deck war der gesellschaftliche Treffpunkt gewesen, dort hatte sich auch der Speisesaal der Ersten Klasse befunden. Rose verfolgte, dass der Roboter dicht an die Tür heranfuhr. Auf dem Monitor war Dunkelheit, abgesehen vom Scheinwerferlicht des Robots, schwebende Teilchen – es mochte Plankton oder einfach aufgewirbeltes Sediment sein – und eine halbe Eingangspforte. Doch Rose sah etwas anderes: Strahlendes, warmes Licht, eine perfekt zu ihrer Zeit passende, kostbare Jugendstil-Tür, die einen wunderbaren Vorgeschmack auf den Luxus dieses Schiffes präsentierte. Vor ihrem geistigen Auge wurde die Tür von zwei freundlich lächelnden Stewards geöffnet, die sie willkommen hießen; entfernte Musik – ein Walzer – klang geisterhaft in ihren Ohren. Der Tagtraum der schönen Erinnerung verging, als sie eine andere Erinnerung überfiel; die Erinnerung an das, was später geschehen würde. Entsetzt darüber schlug sie die Hände vor den Mund. Ein Schluchzen entrang sich ihrer Kehle, die sich immer enger zusammenschnürte.
Lizzy machte sich zunehmend Sorgen um ihre Großmutter, fürchtete, dass dies alles eine viel zu große Belastung für die alte Dame war. Sie trat zu ihr und nahm sie an den Schultern.
„Es ist besser, wenn sie sich jetzt ausruht“, sagte sie.
Mit erstaunlicher Kraft schüttelte Rose sie ab.
„Nein!“, widersprach sie energisch. Aus der ebenso niedlichen wie gebrechlichen alten Dame wurde eine willensstarke Frau mit schier stählernem Blick, als sie sich umwandte. Lovett wurde langsam klar, dass er es mit einer unglaublich starken Frau zu tun hatte, die nur wegen eben dieser Kraft jene Katastrophe überlebt hatte.
Sie setzte sich mit Lizzys Unterstützung.
„Das Diktiergerät!“, winkte Brock, setzte sich wieder rittlings auf den Stuhl, so wie er schon während Bodines Vortrag gesessen hatte. Das Diktiergerät stellte er eingeschaltet auf den Computertisch.
„Erzählen Sie ‘s uns, Rose“, bat er.
„Es ist über vierundachtzig Jahre her …“, setzte sie an. Lovett sah sich veranlasst, sie zu beruhigen:
„Schon gut. Versuchen Sie, sich an irgendwas zu erinnern. Egal, an was.“
„Wollen Sie das nun hören oder nicht, Mr. Lovett?“, schmunzelte sie ihn an. Brock wurde beinahe rot vor Beschämung. Er lächelte, etwas verunsichert und nickte. Sie konzentrierte sich.
„Es ist … über vierundachtzig Jahre her …“, begann sie erneut – wie eine Schauspielerin, die ihren Text neu ansetzt. „… und ich rieche immer noch die frische Farbe. Das Geschirr war noch völlig unbenutzt. Noch nie hatte jemand in den Betten geschlafen. Die Titanic wurde auch das Schiff der Träume genannt – und das war sie auch. Das war sie wirklich.“
Die Augen aller hingen wie gebannt an Roses faltigen Lippen, gleichzeitig aber auch an dem Monitor hinter ihr, der den Bug der Titanic zeigte. Roses Erzählung war so lebendig, dass alle Zuhörer glaubten, der Bug verwandele sich – vom rostigen, seetangüberwucherten Metallteil auf dem Meeresgrund in blauem Licht zur strahlend weiß lackierten Spitze des größten Schiffes seiner Zeit unter blauem Himmel am Passagierkai in Southampton, bereit, zum ersten Mal in See zu gehen …
♦♦♦
Teil 2 – Roses Erzählung
Kapitel 4
Des Einen Leid, des Anderen Freud
Der 10. April 1912 war ein strahlend schöner Tag. Es war der Tag der Jungfernfahrt der Titanic. Am Dock der White Star Line in Southampton war eine riesige Menschenmenge versammelt. Es waren ebenso Passagiere wie Schiffspersonal der Reederei, aber auch zahlreiche Sehleute, die das gewaltige Schiff – das größte und schönste dieser Tage – abfahren sehen wollten. Noch lag es fest vertäut an der Pier und erwartete seine Passagiere, die über mehrere Zugänge in das Schiffsinnere strömten.
Die Welt dieser Tage war streng in Klassen geteilt, deren Grenzen nicht leicht zu überwinden waren. Die Standesunterschiede ergaben sich aus gesellschaftlicher Herkunft, aus dem normalsterblichen Volk oder dem Adel, letzteres jedenfalls in Großbritannien, wo es einen Geburtsadel gab, wo auch Erhebungen in den Adelsstand durch einen nach wie vor vorhandenen König erfolgen konnten. Im Laufe der Zeit hatte sich neben Adel und einfachen Bürgern durch Handel, Industrie und Dienstleistungen eine zwischen Adel und Normalvolk stehende Klasse gebildet, der Geldadel – Leute, die so reich geworden waren, dass sie ihr Geld in diesem Leben allein nicht verprassen konnten oder Leute, die entsprechende Reichtümer geerbt hatten, von Beruf eher Sohn oder Tochter waren, als dass sie einer bezahlten Arbeit nachgingen.
In den Vereinigten Staaten, einer präsidialen Republik, die weder vorhandenen Adel anerkannte noch in den Adelsstand erhob, teilten sich die Klassen zwischen Geldadel, mehr oder weniger bescheidenem Mittelstand und Habenichtsen. Offiziell waren die Klassen in der Republik Vereinigte Staaten von Amerika nicht vorhanden; theoretisch hatte jeder die Möglichkeit, durch Fleiß, Geschick und zuweilen auch Rücksichtslosigkeit Geld zu machen und damit gesellschaftlich aufzusteigen, aber die Geschichte vom Tellerwäscher, der es zum Millionär brachte, blieb für den weitaus größten Teil der Auswanderer in die Neue Welt ein Traum, eine Legende.
Die oberen Klassen, Adel und Geldadel, rechneten die Mittellosen zum Abschaum dieser Erde, gerade gut genug, um fast rund um die Uhr zu schuften, um den Reichen das Leben leicht zu machen oder um sie noch mehr Geld scheffeln zu lassen, als sie ohnehin schon besaßen.
Die Titanic spiegelte diese Unterschiede augenscheinlich schon durch den Anstrich wider: War sie am Rumpf bis zum D-Deck schwarz gestrichen, war der obere Teil, die Decks A bis C, weiß lackiert, ein gelber Streifen unter den Bullaugen des C-Decks markierte die Grenze zwischen den beiden Teilen. Zwei Turmbrücken vom Terminal ermöglichten den Passagieren der Ersten Klasse einen nahezu ebenerdigen Zugang in das B-Deck, in dem sich die extrem teuren Suiten und Kabinen der Ersten Klasse befanden. Eine dieser Turmbrücken befand sich unterhalb des zweiten Schornsteins, die zweite unterhalb des vierten Schornsteins. Ein wenig nach vorn versetzt unter der vorderen Turmbrücke führte eine schräge Gangway direkt von der Pier hinauf in das D-Deck, die Zugänge zum E-Deck, in dem die Dritte Klasse untergebracht war, führten ganz vorn und fast am Heck mit nur wenig Neigung in das Schiff.
Gepäck wurde verladen, sogar ein Auto, ein schöner, dunkelroter Renault Tournee, hing in Krantauen und wurde zur Ladeluke auf der Back an Bord gehoben. Passagiere und sie verabschiedende Angehörige standen in Trauben um die Zugänge. Die Passagiere der Dritten Klasse wurden durch einen Staketenzaun zu den Zugängen geleitet, wo speziell geschulte Crewmitglieder sie erwarteten und jeden einzelnen Passagier vor dem Einsteigen penibel auf Läuse und andere Krankheiten untersuchten, als wären sie Tiere vor dem Schlachthaus. Einer der Einschiffungsoffiziere in White-Star-Uniform wedelte wie ein Verkehrspolizist mit den Armen, um die Auswanderer zum richtigen Eingang zu lotsen.
„Passagiere der Dritten Klasse mit Kabinen vorne im Bug – gehen Sie bitte hier entlang und stellen Sie sich in dieser Reihe an!“, rief er – nicht, dass sich diese Leute noch zur Gangway der Ersten und Zweiten Klasse ins D-Deck verirrten …
Noch einige Yards** vom Schiff und auch den peinlich untersuchenden Crewmitgliedern entfernt stand Bert Cartmell, hatte seine kleine Tochter Cora auf dem Arm und starrte fasziniert auf die gewaltigen Dimensionen des Schiffes, das sie nach Amerika bringen sollte.
„Ziemlich großes Boot, hm?“, brachte er heraus. Cora sah das riesige Schiff ebenfalls fasziniert an. So etwas Großes hatte sie in ihrem kurzen Leben noch nicht gesehen.
„Daddy! Das ist doch ein Schiff!“, protestierte sie. Bert lächelte. Seine Kleine war ein aufgewecktes Kind. Sie würde es in Amerika noch zu etwas bringen …
„Du hast Recht“, bestätigte er.
In diesem Moment forderte ein anderes Geräusch Coras Aufmerksamkeit. Das kleine Mädchen drehte sich auf Vaters Arm um und sah zum Schuppen am Kai. Dort bahnten sich drei von grau livrierten Fahrern gesteuerte Kraftwagen den Weg durch die Menschenmenge an der Pier und stoppten in der Nähe der Gangway zum D-Deck. Zwei der Fahrzeuge hatten ein geschlossenes Passagierabteil, der dritte Wagen war gänzlich offen und hoch mit Koffern beladen. Seit gut fünfundzwanzig Jahren gab es nun mit Motorkraft fahrende Wagen, aber sie hatten immer noch viel Ähnlichkeit mit den Kutschen, die von Pferden gezogen wurden. Geschlossene Wagenkästen gab es nach wie vor nur für die Passagiere, nicht aber für den Fahrer und den Beifahrer; die saßen immer noch im Freien, hatten in der Regel nur eine Windschutzscheibe, bestenfalls noch ein Dach über dem Kopf und vielleicht eine niedrige Tür, die knapp gegen hochspritzenden Straßendreck schützte, aber ganz gewiss keine Seitenscheiben.
Der Beifahrer des ersten Fahrzeuges, es war ein weißer Renault, stieg vom Fahrerbock und öffnete die linke Fondtür. Eine weiß behandschuhte Frauenhand hob sich ihm entgegen, die er helfend in seine, in einem schwarzen Stulpenhandschuh steckende Hand nahm, um der Frau, zu der die Hand gehörte, das Aussteigen aus dem Fahrzeug zu erleichtern.
Cora sah zunächst einen riesigen, purpurfarbenen Hut mit einer ungeheuren, lila und weiß gestreiften, dreifachen Schleife. Ein Hut, groß wie ein Wagenrad … Das, was unter dem Hut zum Vorschein kam, war eine junge Dame von betörender Schönheit, deren feuerrotes Haar zu einer geschickten Knotenfrisur vereint unter dem Hut versteckt war. Sie war nach der neuesten Pariser Mode elegant in Weiß und Purpur gekleidet, in ein eng anliegendes Kostüm aus doppellagiger Seide, bestehend aus einem fast bodenlangen Rock, der den Beinen nicht viel Bewegungsfreiheit ließ und einem weißen Blazer mit zarten senkrechten purpurfarbenen Streifen und vollständig purpurfarbenen Revers aus Samt und purpurfarbenen, samtbezogenen Knöpfen. In Brusthöhe verzierte ein zwei Finger breiter purpurner Querstreifen aus Samt mit weißen, ebenfalls samtbezogenen Knöpfen den Blazer.
Es war Rose DeWitt Bukater, eine junge Frau aus gutem Hause, siebzehn Jahre alt – aber mit dem Benehmen einer thronerfahrenen Königin. Sie hob den Kopf und ließ ihren Blick aus unergründlichen grünen Augen mit einer gelangweilten Eleganz über das Schiff gleiten, die nicht weniger majestätisch war als das Schiff, das sie betrachtete. Um sie herum zerriss sich alles über die schiere Größe des schwimmenden Titans aus Holz und Stahl – aber sie ließ es völlig kalt.
Aus dem zweiten Wagen, einem silbergrauen Daimler Benz, stieg ein misstrauisch um sich blickender Mann, der sicher deutlich über fünfzig war, aber seine Bewegungen und sein stetes Sichern nach allen Seiten bewiesen, dass er ein Mann war, der für Sicherheit sorgte. Man hätte ihn sich gut als Leibwächter vorstellen können – und genau das war Spicer Lovejoy auch. Noch immer sichernd, öffnete er die Fondtür des Daimlers. Eine junge Frau mit Strohhut und blauem Cape stieg aus, in der Hand diverse kleinere Gepäckstücke.
„Ich versteh’ gar nicht, was die alle für ein Gewese machen. Sie sieht nicht viel größer aus als die Mauretania“, sagte Rose mit betonter Langeweile in der Stimme zu dem Mann, der hinter ihr aus dem Renault stieg – Caledon ‚Cal‘ Hockley, Roses Verlobter. Groß und schlank war er, das kurzgeschnittene, dunkle Haar unter einer dunkelbraunen Melone verborgen, gekleidet in einen eleganten, hellgrauen Anzug, am obersten Knopf in Brusthöhe geschlossen, aus dem ein weißes Hemd mit dunkler, gemusterter Krawatte und eine cremefarbene Weste herauslugten. Die hellen Farben seiner Kleidung betonten die sportliche Bräune seines glattrasierten Gesichtes. Cal war dreißig Jahre alt, sah durchaus gut aus, war unverschämt reich und unglaublich arrogant, künftiger Erbe des Stahlwerkbesitzers Nathan Hockley. Er sah den stählernen Giganten mit dem Blick dessen, der von dem Werkstoff, aus dem er gefertigt war, wenigstens eine Ahnung hatte. Schließlich machten die Arbeiter seines Vaters den lieben langen Tag nichts anderes als Stahl …
„Du magst vielleicht über andere Dinge spotten, Rose, aber nicht über die Titanic“, wies er Rose zurecht. „Sie ist über einhundert Fuß** länger als die Mauretania – und sehr viel luxuriöser! Hier gibt es Squashplätze, ein Pariser Café … sogar türkische Bäder.“
Er sah sich um. Hinter ihm entstieg Ruth DeWitt Bukater dem Renault. Sie mochte Mitte Vierzig sein, war in einen dunkelgrünen Samtmantel gekleidet, dem die Kostbarkeit auf Meilen anzusehen war. Aus dem mit Pelz besetzten Kragen lugte eine verschwenderisch mit Spitze dekorierte, hochgeschlossene, cremefarbene Bluse hervor, deren Stehkragen mit einer Art-Deco-Kamee gleichzeitig geschlossen und geschmückt wurde. Eine große Kappe aus schwerem, komplex gemustertem Stoff im russischen Stil, mit zwei besonders langen Hahnenschwanzfedern geschmückt, thronte wie eine Krone auf ihrem erkennbar lockigen, zu einer ausladenden Knotenfrisur geformten Haar, das mindestens ebenso rot war wie das ihrer Tochter. Die verwitwete Ruth DeWitt Bukater stammte aus einer der angesehensten Familien von Philadelphia und wirkte in ihrer ganzen Haltung nicht weniger königlich als Rose. Sie waren Amerikanerinnen, hatten aber über viele Generationen hinweg die Manieren der britischen Upper Class konserviert, die von ihren Vorfahren einst in die Neue Welt gebracht worden waren und in den reichen Familien der Neuenglandstaaten intensiv gepflegt wurden.
Cal nahm die Hand seiner Schwiegermutter in spe und half ihr galant aus dem Wagen.
„Es ist nicht leicht, Ihre Tochter zu beeindrucken, Ruth“, lächelte er. Ruths Blick ging hinauf zu dem weiß gestrichenen Teil der Titanic, dorthin, wo die Suiten wohl liegen mochten, die Cal kurzfristig doch noch hatte buchen können. J. P. Morgan, Besitzer der White Star Line, hatte eigentlich mit dem nagelneuen Stolz seiner Linie auf deren Jungfernfahrt gehen wollen, hätte in den von Hockley reservierten Suiten wohnen sollen, war aber durch eine Erkrankung gehindert worden.
„Das ist also das Schiff, von dem es heißt, es sei unsinkbar …“, murmelte sie nachdenklich.
„Es ist unsinkbar!“, versetzte Cal von hinten im Brustton der Überzeugung. „Gott selbst könnte dieses Schiff nicht versenken!“, verstieg er sich zu einem blasphemischen Vergleich. Ein Zupfen am linken Ärmel forderte seine Aufmerksamkeit, zu der er allerdings nicht in Stimmung war.
„Was?“, knurrte er, ärgerlich, von seinen Damen abgelenkt zu werden. Neben ihm war ein Einschiffungsoffizier der White Star Line aufgetaucht, der die undankbare Aufgabe hatte, die für ihre mangelnde Kooperationsbereitschaft bekannten Passagiere der Ersten Klasse auf gewisse vertragliche Verpflichtungen hinzuweisen. Keiner dieser Leute hatte den Ruf, sich um irgendetwas selbst zu kümmern, es sei denn, es handelte sich darum, Geld zu zählen – und selbst das überließen manche Berufserben gern Dienstboten.
„Sir, Ihr Gepäck muss am Hauptschalter aufgegeben werden. Das ist gleich dort vorne, Sir“, sagte der Einschiffungsoffizier. Hockley griff in die Hosentasche, fingerte einige zusammengerollte Geldscheine heraus, nahm einen davon, ohne auf den Wert zu sehen, steckte die anderen wieder weg und gab dem Mann den Schein – eine Fünf-Pfund-Note.
„Sie haben mein vollstes Vertrauen, guter Mann. Wenden Sie sich an meinen Kammerdiener!“, sagte er und wandte sich ab. Mit solchen Kleinigkeiten wollte er einfach nicht belästigt werden. Der Einschiffungsoffizier bekam große Augen. Fünf Pfund, das war ein wahrhaft fürstliches Trinkgeld. Es gab eine Menge Leute, die dafür lange schwer arbeiten mussten.
„Aber ja, Sir“, dienerte der Einschiffungsoffizier und eilte mit Verbeugungen hinter Cal her. „Ist mir ein Vergnügen Sir. Wenn es irgendwas gibt, was …“
Weiter kam er nicht. Lovejoy hatte ihm den rechten Arm um den Leib gelegt und drehte ihn unsanft um.
„Äh, ja, hier entlang …“, bremste er den diensteifrigen Mann und wies auf die Fahrzeuge und die Koffer. „Alle Koffer von dem Wagen hier, die zwölf von dem hier und der Safe kommen in die Suite B-52, 54 und 56“, erklärte er anhand eines Zettels, den Hockley ihm schon Stunden zuvor gegeben hatte.
Hockley selbst war schon wieder auf dem Weg zu Rose und Ruth. Er zog die Uhr aus der Westentasche. Es war zehn Minuten vor zwölf. Um zwölf Uhr sollte die Titanic ablegen und auf Jungfernfahrt gehen.
„Ladies … wir sollten uns beeilen. Kommt“, sagte er. Sie machten sich auf den Weg zur Gangway der Ersten Klasse zum D-Deck, vorbei an den brav in Warteschlangen stehenden Auswanderern, die vor den Augen der nach ihnen wartenden Passagiere Dritter Klasse auf Läuse und Krankheiten untersucht wurden.
„Alle Passagiere der Dritten Klasse begeben sich vor dem Einstieg bitte zur Gesundheitsuntersuchung an …!“, drang ein Ruf an Roses Ohr, den sie getrost ignorieren konnte. Er galt nicht ihr. Untersucht wurden selbstverständlich nur die Passagiere der Dritten Klasse, das Auswandererpack. Den Reisenden der Zweiten Klasse trauten Reederei und Behörden zu, sich öfter als gelegentlich zu waschen und die der Ersten Klasse waren über einen jeglichen Verdacht in Sachen Ungeziefer und Krankheiten sowieso erhaben …
„Mein Mantel?“, fragte Rose. Es war erst Anfang April, da konnte es noch frisch werden …
„Den hab’ ich, Miss“, sagte Trudy Bolt, eines der beiden Dienstmädchen, die Ruth und Rose DeWitt Bukater persönlich bedienten. Sie schleppte einige Gepäckstücke, die die letzten Einkäufe ihrer Arbeitgeberin Rose enthielten und viel zu kostbar waren, um von den groben Händen der Gepäckträger verstaut zu werden.
Sie passierten einen der Gesundheitsoffiziere, der einen Mann mit Vollbart auf Läuse untersuchte. In der behandschuhten Hand hatte er einen Kamm, mit dem er die dichten Kopfhaare des Mannes bereits untersucht hatte.
„Den Kopf kurz hoch“, wies er den Auswanderer an, der auch artig das Kinn hob. Mit dem Kamm teilte er den langen Vollbart und fahndete nach drohenden blinden Passagieren.
Auf dem weiteren Weg kamen sie an Daniel Marvin vorbei, einem gut gekleideten jungen Mann, der die Kurbel eines Kinemato-graphen** drehte, der auf einem Dreifuß montiert war. Er filmte seine junge Ehefrau, die vor der Titanic stand.
„Sieh zum Schiff hinauf, Liebling, das ist es!“, rief er. „Du bist fasziniert! Du kannst nicht glauben, wie groß es ist!“, gab er ihr Regieanweisungen. „Wie ein Berg. Das ist großartig.“
Mary, seine Frau, reagierte zwar, aber nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Der Film war noch ein junges Medium, Mary hatte damit keine Erfahrung. Sie kannte bisher nur Fotografien, die im Wortsinne auf die Platte gebannt wurden – und dafür durfte man sich um nichts in der Welt bewegen. Sie hob nur die Hände präsentierend nach oben wie in einer Pantomime, dann regte sich keine Faser mehr in ihrem Körper.
Cal und seine künftige Familie gingen weiter, bahnten sich den Weg durch die wartenden Auswanderer. Nicht jeder machte ihnen respektvoll Platz. Zwei der Jungen, die auf den Einstieg in die Dritte Klasse warteten und sich die Zeit mit lautstarken Rangeleien vertrieben, prallten gegen Hockley. Bevor er etwas sagen konnte, bekam er einen weiteren Schubs, als der Vater der Jungen gegen ihn prallte.
„He, Vorsicht!“, fuhr Cal ihn an.
„Sorry, Sire“, bat der Vater halbherzig um Entschuldigung und hetzte weiter hinter seinen ungezogenen Bengeln her.
„Zwischendeckschwein!“, pöbelte Hockley hinter ihm her. „Hat offensichtlich sein jährliches Bad verpasst“, wandte er sich dann naserümpfend an Ruth.
„Um ehrlich zu sein, Cal, wenn Sie nicht immer alles auf den letzten Drücker buchen würden, hätten wir bequem durch das Terminal gehen können, statt wie eine armselige Auswandererfamilie durch das Dock zu laufen“, beschwerte sie sich.
„Gehört alles zu meinem Charme“, erwiderte er mit einem jungenhaften Lächeln. „Jedenfalls war es diesmal das Schönheitsritual meiner allerliebsten Verlobten, das uns die Verspätung eingetragen hat“, verteidigte er sich.
„Du hast mich doch genötigt, mich umzuziehen!“, protestierte Rose ärgerlich.
„Ich konnte es nicht zulassen, dass du auf der Reise schwarz trägst. Das bringt Unglück, meine Süße.“
„Mir war nach Schwarz“, versetzte sie eisig. Cal lotste seine Damen aus dem Weg eines von Pferden gezogenen Wagens, der mit zwei Tonnen Orangenmarmelade aus Oxford beladen war, die für das Proviantlager der Titanic bestimmt war.
„Ich setze alle Hebel in Bewegung, damit wir in den luxuriösesten Kabinen auf dem größten Schiff aller Zeiten reisen können – und du tust so, als gingest du zu deiner Hinrichtung!“, hielt er Rose vor.
Nur mit einigem Ziehen ließ sie sich auf die Gangway der Ersten Klasse manövrieren. Ihre Mutter ging vor ihr hinauf und vermittelte den Eindruck einer russischen Großfürstin, wenn nicht gar der Zarin selbst, so wie sie hinauf schritt. Vor ihnen erreichte ein ebenfalls unübersehbar reiches Paar den Einstieg. Sie hatten zwei afghanische Windhunde bei sich.
„Willkommen an Bord“, begrüßte sie der ältere Steward, der rechts vom Einstieg stand.
„Willkommen auf der Titanic“, grüßte auch der Jüngere auf der linken Seite. Ruth sprach mit dem älteren Steward.
„Für alle anderen war es ein Traumschiff“, erzählte die alt gewordene Rose ihren gespannten Zuhörern auf der Keldysh. „Für mich war es ein Sklavenschiff, das mich in Ketten nach Amerika zurückbringen sollte. Nach außen war ich das wohlerzogene Mädchen, das ich sein sollte. In meinem Inneren hab ich geschrien.“
In einem verräucherten Pub am Dock saßen oder standen Dockarbeiter und Personal der White Star Line, die sich in der Mittagspause oder nach Feierabend noch einen Drink gönnten oder auch zwei. Auch manche Fahrgäste der White-Star-Schiffe nutzten den Pub als Wartesaal der Dritten Klasse. Direkt am Fenster saßen vier Männer in Arbeiterkleidung am Tisch bei einem Pokerspiel. Zwei davon, Olaf und Sven Gundersen, waren Schweden, die nach Amerika auswandern wollten. Sie mochten Mitte zwanzig bis Anfang dreißig sein. Die beiden anderen waren deutlich jünger, so um die Zwanzig. Einer, Fabrizio de Rossi, hatte südländisches Aussehen, der andere, Jack Dawson, eher nord- oder mitteleuropäisches Aussehen. Für seine zwanzig Jahre hatte er ein erstaunlich selbstsicheres Auftreten. Das dunkelblonde Haar trug er etwas länger, als die gängige Mode es zuließ, er war nicht besonders gut rasiert, was bei seinen blonden Bartstoppeln aber eher wenig auffiel. Seine Kleidung war ebenso zerknittert wie die von Fabrizio – Folge der Tatsache, dass sie in ihren Kleidern geschlafen hatten. Die beiden jüngeren Männer waren gute Freunde. Jack war Amerikaner, Fabrizio Italiener. Der eine wollte nach Hause, der andere in die weite Welt, vorzugsweise in das Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten, nach Amerika.
Das Spiel dauerte schon eine Weile. In der Mitte des Tisches hatte sich ein beachtlicher Pott angesammelt. Obenauf lagen ein Taschenmesser, eine Taschenuhr – und zwei Fahrkarten Dritter Klasse auf der Titanic. Olaf trank seinen Whisky aus, schüttelte den Kopf und machte seinem Cousin in seiner Muttersprache Vorwürfe, weil der die Fahrkarten gesetzt hatte. Sven konterte, dass Olaf schon einiges an Geld verloren hatte und er das nun zurückholen wollte.
Fabrizio war mit Jacks Einsatzpolitik auch nicht richtig einverstanden.
„Jack, testa di cazzo!“, maulte er drastisch. „Das ist alles, was wir haben!“
Jack machte es nichts aus, als Arschloch tituliert zu werden, solange es außer ihm selbst und Fabrizio niemand verstand. Er erlaubte sich ein leichtes Lächeln.
„Wenn du nichts hast, dann kannst du auch nichts verlieren“, munterte er den Freund auf und wandte sich an den Auswanderer, der ihm direkt zu Rechten saß:
„Sven?“
Der Schwede prüfte seine Karten.
„Karte“, sagte er. Jack gab ihm die verlangte Karte vom Stapel, nahm selbst auch eine und legte eine andere dafür verdeckt ab. Fabrizio und Olaf wollten keine weitere Karte. Jack atmete tief durch. Alles war gesetzt.
„Also gut. Der Augenblick der Wahrheit. Für irgendjemanden beginnt ein neues Leben“, sagte er. „Fabrizio?“
Der dunkelhaarige junge Mann mit der Schiebermütze deckte auf.
„Niente“, kommentierte Jack den Gemischtwarenhandel von Karten seines Freundes.
„Niente!“, wiederholte der Italiener gereizt. Er war nahe daran, Jack Ohrfeigen zu verpassen.
„Olaf?“, forderte Jack den älteren der beiden Schweden auf. Auch Olafs Karten gaben nichts her.
„Nichts“, war Jacks lakonischer Kommentar.
„Sven?“, forderte er den zweiten Nordmann auf. Sven legte seine Karten auf den Tisch.
„Zwei Paare … oh, oh …“, brummte Jack. Fabrizio wurde zusehends nervöser. Das hörte sich irgendwie gar nicht gut an …
„Tut mir Leid, Fabrizio …“, setzte er an. Der heißblütige Italiener explodierte:
„Ma che Leid? Testa di cazzo!“, wiederholte er die wüste Beschimpfung von vor zwei Minuten. „Du hast unser ganzes …“
Weiter kam er nicht, weil Jack sich mit beruhigender Geste zu ihm herüber beugte.
„Es tut mir Leid …“, wiederholte der. „Du wirst deine Mama für sehr lange Zeit nicht sehen. Denn wir fahren nach Amerika!“ Er deckte seine Karten auf. „Full House, Männer! Woohoo!“, jubelte der junge Amerikaner. Fabrizio brauchte noch einige Sekunden, ehe er begriff, was gerade geschehen war. Ebenso wie die beiden Schweden, die Jack völlig entgeistert ansahen und ihre Zukunft in Amerika im Wortsinne davon schwimmen sahen.
Als der Penny bei ihm endlich gefallen war, sprang Fabrizio auf und tanzte jubelnd durch den Raum.
„Dio mio, grazie!“, dankte er dem Herrgott persönlich für ihr unverschämtes Glück. Während der junge Italiener sich vor Freude fast nicht mehr einkriegte, langte Olaf mit der Linken blitzschnell quer über den Tisch und bekam Jack an der Jacke zu fassen, ballte die Rechte zu einer Faust. Jack ging angesichts der Drohung, diese eisenharte Bauernfaust gleich zwischen den Zähnen zu haben, mit zusammengekniffenem linkem Auge in Deckung. Mit einer schwedischen Beschimpfung ließ Olaf die Faust auf eine schnelle Reise gehen – allerdings bog sie kaum eine halbe Armlänge vor Jacks Gesicht nach links ab und traf den völlig unvorbereiteten Sven, der samt seinem Stuhl umfiel. Olaf ließ Jacks Jacke wieder los und prügelte voller Wut auf seinen am Boden liegenden Vetter ein, der überhaupt nicht wusste, wie ihm geschah.
Erleichtert zog Jack sich vom Tisch zurück.
„Na, komm schon!“, forderte er seinen Freund auf, der immer noch mit zwei Hand voll Geld durch den Raum tanzte.
„Ich fahr’ nach Hause!“, jauchzte Jack. Er und Fabrizio fielen sich in die Arme, tanzten umeinander.
„Ich fahr’ nach Amerika!“, johlte Fabrizio.
Die anderen Gäste verfolgten die Explosion purer Freude mit einem Grinsen im Gesicht. Das breiteste Grinsen hatte der Pubkeeper, der mit dem Gläsertuch in der Hand mit dem rechten Daumen auf die Wanduhr hinter sich wies.
„Nein, Kumpel, die Titanic fährt nach Amerika – in fünf Minuten“, lachte er. Die jungen Glückspilze sahen erschrocken auf die Uhr. Sie zeigte wahrhaftig fünf vor zwölf!
„Scheiße, Fabri! Wir müssen uns beeilen!“, trieb Jack den Italiener entsetzt an.
„Andiamo! Andiamo!“, scheuchte Fabrizio sich selbst und seinen amerikanischen Kumpan auf. Sie rafften eilig ihren Gewinn zusammen, steckten ihn nachlässig in die Taschen, Jack schnappte sich die Fahrkarten, sie warfen sich ihre Rucksäcke über, dann rannten sie aus dem Pub und fegten über die Pier wie zwei entfesselte Wirbelwinde. Sie schlugen Haken, umkurvten Passanten und immer noch wartende Fahrgäste, tauchten unter der Gangway zur Ersten Klasse durch.
„Wir reisen mit ganz großem Stil! Zwei wohlhabende junge Männer! Wir sind damit so gut wie Könige, ragazzo mio!“, verkündete Jack lauthals, als sie zur Gangway der Dritten Klasse am Ende des Schiffes hetzten.
„Siehst du? Und wie ich dir schon gesagt habe: ich fahr’ nach Amerika und werde Millionär! Du cazzo!“, schrie Fabrizio seine Pläne und seine Freude über das geschenkte Leben heraus.
„Vielleicht!“, lachte Jack. „Aber ich hab’ die Fahrkarten! Ich dachte, du bist ein guter Läufer?“, neckte er seinen Freund im Rennen.
„Aspetta!“, japste Fabrizio, der vor lauter Jauchzen fast keine Luft mehr bekam. Jack sprintete weiter und erhöhte noch einmal das Tempo, als er sah, dass die Gangway schon weggezogen wurde.
„Warten Sie! Warten Sie! Wir sind Passagiere! Wir sind Passagiere!“, schrie er und sprang auf die schon halb abgezogene Brücke, Fabrizio landete nur einen halben Yard hinter ihm auf der Gangway. Zwischen dem Schiff und der Gangway war schon ein Yard Zwischenraum, als das Hafenpersonal einhielt.
In der offenen Einstiegsluke stand der Sechste Offizier Moody, der die Fahrkarten der Einsteigenden an dieser Stelle geprüft hatte.
„Sind Sie schon bei der Untersuchung gewesen?“, fragte er.
„Natürlich … Wir haben sowieso keine Läuse. Wir sind Amerikaner, mein Freund und ich“, schwindelte Jack geflissentlich. Moody seufzte.
„Na, schön … kommen Sie an Bord“, winkte er beide herein. Die Brücke wurde endgültig weggezogen und die Luke geschlossen.
Kapitel 5
Man richtet sich ein
Moody winkte die jungen Männer beiseite und lotste sie zu Quartiermeister Rowe. Rowe ließ sich die Fahrkarten zeigen, um ihnen die Kabinen anzuweisen. Anders als die Passagiere der Ersten Klasse, die von vornherein bestimmte Kabinen buchten, waren die Passagiere der Dritten Klasse das, was im öffentlichen Personennahverkehr noch hundert Jahre später Beförderungsfall genannt werden würde – wenig mehr als Vieh, das transportiert wurde. Beförderungsfälle bekamen ihre Plätze zugewiesen und suchten sie sich nicht etwa aus …
Rowe sah auf Jacks Ticket den Namen Gundersen und nahm dies hin, ohne mit der Wimper zu zucken. Jack war blond und blauäugig, konnte also gut für einen Skandinavier durchgehen.
„Gundersen und …“, murmelte er und schaute auf Fabrizios Fahrschein. Der Name dort ließ Rowes Augenbrauen nach oben schnellen, als er wieder zu dem Passagier sah.
„… Gundersen???“, entfuhr es ihm zweifelnd, als er das mediterrane Äußere de Rossis realisierte. Fabrizio bekam weiche Knie, aber Jack schaltete sofort.
„Komm, Sven!“, sagte er und griff nach Fabrizios Arm. Sollte der Quartiermeister Rowe weiter Zweifel haben, wollte er ihm erzählen, dass sein Cousin Sven eine italienische Mutter hatte … Doch Rowe schien die Erklärung schon zu ahnen und gab die Karten zurück.
„Kabine G-60“, sagte er und hakte die Passagiere ab.
Die beiden jungen Männer stürmten durch die Gänge, wie um ganz sicher zu sein, nicht wieder hinausgeworfen zu werden, falls Rowes Verdacht erneut hochschwimmen sollte und er vielleicht noch Ausweispapiere verlangte.
„Wir sind die allergrößten Glücksschweine der Welt, weißt du das?“, jubelte Jack und knuddelte Fabrizio, während sie zum Bootsdeck tanzten und sprangen. Sie nahmen sich nicht die Zeit, gleich ihre Kabine aufzusuchen. Jack platzte fast vor Lebensfreude und brauchte dafür dringend ein Ventil.
Während sie den Zugang zum Bootsdeck suchten, das als einziges Außendeck auch für die Passagiere der Dritten Klasse zugänglich war, warfen die Festmacher die Trossen los, die die Titanic an der Pier festhielten. Mit einem langgezogenen Tuten des Typhons, des tief tönenden Nebelhorns, verabschiedete sich die Schiffsführung von Southampton. Die meisten Passagiere standen an der Backbordreling auf dem Bootsdeck oder auf den Freidecks des A- und B-Decks und winkten, riefen Abschiedsgrüße an die zurückbleibenden Angehörigen und sonstigen Leute, die am Kai standen und ebenfalls winkten.
Schlepper zogen das riesige Schiff nach Steuerbord von der Pier weg. Langsam vergrößerte sich der Abstand zur Kaimauer.
Jack und Fabrizio stürzten auf den achteren Teil des Bootsdecks, wo sie rasch noch eine freie Stelle an der Backbordreling fanden. Jack stieg sogar noch auf die unterste Sprosse und winkte heftig den Zurückbleibenden zu.
„Auf Wiedersehen!“, schrie er.
„Kennst du da jemanden?“, fragte Fabrizio verblüfft.
„Natürlich nicht!“, entgegnete Jack strahlend. „Aber darum geht’s nicht!“ Er wedelte erneut hinunter. „Lebt wohl! Ihr werdet mir fehlen!“
Fabrizio überlegte nicht länger. Auch er winkte wie verrückt nach unten, ohne jemand Bestimmtes zu meinen.
„Lebt wohl!“, schrie er.
„Lebt wohl!“, brüllte Jack.
„Ich werde euch niemals vergessen!“, schrie de Rossi.
Auf der ganzen Backbordseite wurde gewunken und gerufen, vom feinen A-Deck bis zum mit Dritter-Klasse-Passagieren proppenvollen C-Deck, vom Bug bis zum Heck der Titanic. Die Menschen unten auf der Pier erwiderten die Grüße vom Schiff und wünschten eine gute Reise auf der Jungfernfahrt dieses ebenso riesigen wie wunderschönen Schiffs.
Als die Schlepper die Titanic weit genug vom Kai abgezogen hatten, wurden die Schraubenwellen mit den stampfenden Kolben der Dampfmaschinen gekoppelt und drei unglaublich große Schrauben begannen, sich zu drehen. Unter der Titanic war nicht viel Platz bis zum Grund des Docks. Es war beinahe die sprichwörtliche Handbreit Wasser unter dem Kiel. Die Titanic hatte immerhin einen Tiefgang von über dreißig Fuß, gut zehneinhalb Meter. Die jeweils vier Propellerblätter je Schraube wirbelten schon nach der ersten Umdrehung Sediment auf, das bis an die Oberfläche gedrückt wurde. Mit eigener Maschinenkraft, aber immer noch zusätzlich von den Schleppern gezogen, ging das gewaltige Passagierschiff in See.
Nicht weit vom Dock der White Star Line entfernt segelte ein zweimastiger Kutter seewärts, den die Titanic an Steuerbord überholte. Der Führer des Kutters konnte sein im Vergleich zu dem wahren Titanen von Stahlschiff zwergenhaftes Boot gerade noch nach Steuerbord wenden, damit ihn die Bugwelle des Riesen nicht querab erwischte und zum kentern brachte.
Nachdem das Schiff den Hafen verlassen hatte und seinem ersten Zwischenstopp in Cherbourg entgegenfuhr, suchten die Passagiere ihre Kabinen auf, um sich einzurichten. Die Reise nach New York sollte sieben Tage dauern, die Ankunft war für den Morgen des 17. April 1912 geplant. Eine volle Woche würden die Reisenden auf dem Schiff verbringen. Da sollte alles so wohnlich wie möglich sein.
Jack und Fabrizio verließen das Achterdeck und stiegen hinunter zum G-Deck, wo ihre Kabine war. In den schmalen Gängen herrschte ziemliches Durcheinander von Leuten, die in dem regelrechten Labyrinth aus sich kreuzenden Gängen umherirrten und ihre Kabinen suchten. Es wurde in den unterschiedlichsten Sprachen gemurmelt und laut gesprochen, nicht wenige hatten Wörterbücher in den Händen, um sich die Beschriftungen an den Ecken zu übersetzen. Manche von ihnen mussten sogar die Schrift erst in ihre eigenen Zeichen umsetzen, um die Wegweisung zu verstehen.
Eine Mutter mit zwei Kindern, einem Jungen und einem Mädchen, die fünf oder sechs Jahre alt sein mochten, sah suchend auf die Anzeigen und schob ihre Kinder weiter.
„Na, lauft schon!“, trieb sie die Kleinen an. „Wir müssen nach links.“
Aus der Richtung, in die diese Familie musste, kamen Jack und Fabrizio.
„G-60“, murmelte Jack. „G-60, G-60“, wiederholte er die Kabinenbezeichnung wie um sie auf gar keinen Fall zu vergessen. An der nächsten Ecke stand ein asiatisch aussehender Passagier und versuchte, die ihm fremden Schriftzeichen zu entziffern, genau gegenüber öffnete ein Mann mit osteuropäischem Aussehen die Tür zu seiner Kabine. In diesem Moment erreichte die Familie die Ecke und schwenkte in den Gang nach links ein, aus dem Jack und Fabrizio ihnen entgegenkamen. Durch den ratlosen Asiaten auf der einen Seite und den Osteuropäer auf der anderen Seite war der Gang stark verengt, so dass Jack mit der Mutter zusammenstieß.
„Oh, Verzeihung!“, bat er um Entschuldigung und hastete weiter geradeaus zur nächsten Einmündung. Dort fand sich ein Hinweis, dass ihre Kabine im Gang hier rechts liegen musste.
„G-60“, brummte er erneut und bog in den Gang ein. Gleich die erste Tür auf der linken Seite ihrer Laufrichtung trug die gesuchte Beschriftung.
„Oh, hier ist es ja!“, frohlockte Jack und öffnete die Tür. Dahinter präsentierte sich eine vollkommen neue, noch nach knapp getrockneter Farbe riechende Kabine, die im Vergleich zu anderen Auswandererschiffen großzügig bemessen war und für eine Dritter-Klasse-Kabine überaus gut ausgestattet war. Vier Betten in Form von zwei Doppelstockbetten standen an den Seiten, das jeweils obere Bett war mit einer Reling ausgestattet, damit der darin Schlafende nicht bei Seegang einen tiefen Fall erlebte. Ein Bullauge, das Tageslicht hereinließ, bewies, dass diese Kabine – anders als auf anderen Schiffen – nicht unter der Wasserlinie lag. Elektrisches Licht erhellte die Kajüte zusätzlich, eine Zentralheizung sorgte für Wärme – auf anderen Schiffen ein undenkbarer Luxus in der Dritten Klasse. Obendrein boten eine Waschkommode mit fließendem Wasser und einem großen viereckigen Spiegel sowie ein ausklappbarer Tisch den gleichfalls ungeheuer erscheinenden Luxus, die Kabine zum Waschen und Rasieren nicht verlassen zu müssen, ja, nicht einmal Wasser aus einer Kanne zum Waschen in eine Schüssel gießen zu müssen.
Üblicherweise wurden Dritter-Klasse-Passagiere in flächenmäßig großen, aber niedrigen Frachträumen untergebracht, in denen an den Wänden längs doppelt, wenn nicht dreifach gestapelte Kajütbetten angebracht waren und querhängende Hängematten die Unterbringung von noch mehr Passagieren ermöglichten. Je mehr Menschen auf möglichst wenig Raum untergebracht werden konnten, desto höher war der Profit des Reeders. Auf der Titanic hatte die Reederei aber selbst den Passagieren der Dritten Klasse Kabinen einrichten lassen, die deren bisherige Wohnung mit Längen schlug. Das hier war für die einfachen Menschen, die die Auswanderer in der Regel waren, der pure Luxus, schier ein Schloss auf hoher See, strahlend weiß und blitzsauber.
Als Jack und Fabrizio in die Kabine stürmten, waren bereits zwei Passagiere anwesend, Björn und Olaus Gundersen, die die beiden Neuankömmlinge verblüfft ansahen, hatten sie doch jemand ganz anderen erwartet. Jack ging in seiner offenen Art gleich auf die beiden anwesenden Passagiere zu.
„Tag! Wie geht’s denn so? Jack!“, stellte er sich vor. Olaus sah verwirrt auf die Hand des jungen Amerikaners und kam gar nicht dazu, etwas zu antworten, denn Jack akzeptierte auch sein nordmännisches Schweigen als Willkommensgruß in der Kabine.
„Freut mich sehr!“, setzte er hinzu und wandte sich gleich an den zweiten Anwesenden:
„Jack Dawson! Freut mich, euch kennen zu lernen! Alles klar?“, begrüßte er auch ihn.
Fabrizio hatte sich etwas pragmatischer gleich ein Bett ausgesucht ohne lange zu fragen, ob es noch frei war. Er warf sein Bündel auf das obere Bett rechts von der Kajütentür und stieg gleich hinauf, um seine Besitzansprüche deutlich anzumelden. Jack drehte sich um.
„Wer sagt, dass du oben schläfst?“, lachte er scherzend und kitzelte Fabrizio.
Die beiden Schweden sahen sich verstört an.
„Wo ist Sven?“, fragte Björn auf Schwedisch.
Fünf Decks höher bezogen Rose DeWitt Bukater, ihre Mutter und Caledon Hockley ihre Suiten B-52 bis B-56. Kammerdiener Lovejoy dirigierte die Gepäckträger in die Räumlichkeiten, einer der Stewards für den Zimmerservice servierte Champagner in edlen Champagnertulpen. Cal nahm sich eines der Sektgläser und eine Champagnerflasche und ging hinaus auf das zur Suite gehörende Promenadendeck. Es war mit einigen Palmen in Blumenkübeln sowie diversen Sesseln und Liegen aus Rattan üppig ausgestattet. Der Steward eilte dienstfertig hinterher, um dem reichen Fahrgast seine Suite angemessen zu präsentieren. Allein dieses nur von dieser Suite zugängliche Promenadendeck hatte eine Länge von etwa fünfzig Fuß, gut fünfzehn Meter. Das Innere der Suite war im Empire-Stil eingerichtet und bestand aus zwei getrennten Schlafräumen, einem Bad, einem zusätzlichen WC, einem Ankleidezimmer und einem gewaltigen Wohnraum.
„Das ist Ihr privates Promenadendeck, Sir. Haben Sie noch irgendeinen Wunsch?“
Cal wehrte mit einem verneinenden Brummen und einer wegwerfenden Handbewegung ab, peilte aus dem Fenster des Promenadendecks hinunter.
„Entschuldigen Sie mich“, verabschiedete sich der Steward, um im Wohnraum noch nachzuschenken, falls es gewünscht wurde.
An der Stirnseite des Wohnraums prangte ein Kamin, in dessen aus blankpoliertem Messing und weißen Schamottesteinen bestehender Feuerkassette noch nie ein Feuer gebrannt hatte. Die Kohlen waren jedoch schon soweit vorbereitet, dass sie nur noch angezündet werden mussten, um zusätzlich zur ohnehin vorhandenen Zentralheizung noch wohlige Kaminwärme zu bieten. Eine der beiden Zofen stellte eine Vase mit einem kunstvoll gebundenen Strauß frischer Schnittblumen auf den Kaminsims
Rose stand mit Zofe Trudy vor einer der großen Reisekisten, die jetzt geöffnet war. Darin befanden sich zahlreiche großformatige Bilder, die Rose mit Cals Geld in Paris eingekauft hatte. Darunter waren impressionistische Kunstwerke wie ein Monet mit Wasserlilien, ein Degas mit Tänzern und diverse abstrakte und kubistische Werke. Sie nahm eines der Bilder nach dem anderen heraus und betrachtete sie, als ob sie etwas Bestimmtes suchte.
„Dieses hier?“, fragte Trudy und zog ein weiteres Bild aus der Kiste.
„Nein“, erwiderte Rose nachdenklich. „Dieses hatte ganz viele Gesichter drauf. Das hier ist es!“
Sie zog das Bild ganz heraus und betrachtete es intensiv.
„Ah“, bemerkte Trudy. „Möchten Sie alle Bilder auspacken?“, erkundigte sie sich.
„Ja … wir brauchen etwas Farbe in diesem Zimmer“, erwiderte Rose.
Lovejoy lotste unbeeindruckt von seiner eher unkonventionell auspackenden künftigen Arbeitgeberin die Gepäckträger.
„Aah – bringen Sie das ins Ankleidezimmer“, wies er den Träger an, der gehorsam in das Ankleidezimmer abbog.
Cal kehrte von seiner ersten Entdeckungstour vom Promenadendeck in den fast vollständig mit dunkelrotbraunem Holz – vermutlich Mahagoni – getäfelten Raum zurück, dessen Wanddekoration mit Schnitzereien geschmückt war, die ebenso dezent wie verschwenderisch mit Blattgold belegt waren. Als er sah, dass seine Verlobte die Bilder auspackte, die er ihr zwar gekauft hatte, aber weder verstand noch mochte, verdrehte er gereizt die Augen.
„Aaach, nicht doch wieder diese Fingerzeichnungen!“, schnaufte er entnervt. „Die waren die reinste Geldverschwendung!“
Rose stellte das Bild auf dem Sofa ab und nahm ein weiteres aus der Kiste, sah stur auf das Bild, das sie in den Händen hielt. Cals Reue bezüglich dieser Bilder kam etwas spät – sie hatte die Bilder, die sie haben wollte …
„Der Unterschied zwischen Cals Kunstgeschmack und meinem ist, dass ich welchen habe“, ätzte sie selbstbewusst. „Sie sind faszinierend. Es ist, als befände man sich in einem Traum“, kommentierte sie die beiden Bilder, eines in Blautönen im kubistischen Stil und jenes mit den zahlreichen Gesichtern, ebenfalls in pastellenen Blau- und Rosatönen.
Hinter ihr dirigierte Lovejoy den nächsten Gepäckträger in eines der Zimmer.
„Es hat Wahrheit, aber keine Logik“, bemerkte sie. Nein, logisch war die in Würfel und Quader aufgelöste Darstellung einer menschlichen Büste im Herrenanzug wahrhaft nicht, dennoch war erkennbar, dass hier ein Mensch dargestellt wurde. Rose nahm ein bereits ausgepacktes Bild ohne Rahmen zur Hand. Es war das Tänzerbild von Degas.
„Wie heißt der Künstler überhaupt?“, erkundigte sich Trudy.
„Irgendwas mit … äh … Picasso“, gab Rose Auskunft. Cal ließ ein spöttisches Lachen hören.
„Hehehe … Irgendwas mit Picasso!“, äffte er seine Verlobte nach. „Aus dem wird nichts! Niemals! Glaub’ mir!“
Rose ignorierte ihn. Cal hatte nach ihrer Ansicht keine Ahnung von Kunst und würde nie begreifen, welche Faszination für sie gerade von diesen nicht auf den allerersten Blick erkennbaren Bildern ausging.
„Bringen wir den Degas ins Schlafzimmer!“, entschied sie und verschwand mit dem ungerahmten Bild im Schlafzimmer. Cal blieb mit einem tiefen Seufzer zurück und leerte das Champagnerglas nach einem spöttischen Blickwechsel mit Lovejoy.
„Na, wenigstens waren sie billig“, brummte er.
„Der kommt auch nach nebenan!“, wies Lovejoy den nächsten Gepäckträger ein, der mit dem Safe auf einer Sackkarre in die Suite kam.
Rose stellte den großen Degas auf der Kommode neben dem Himmelbett ab. Trudy war ihr gefolgt und hängte einige der Roben ihrer Arbeitgeberin in den Kleiderschrank.
„Es riecht alles so ganz neu“, bemerkte die Zofe. „Als ob sie das nur für uns gebaut hätten. Ich meine … wenn ich daran denke, dass ich, wenn ich heute Abend zwischen die Laken krieche, die Erste bin, die das hier tut …“
Der Blick der Zofe traf auf die Tür, in der Cal stand und Rose mit unübersehbarem Begehren ansah.
„Und wenn ich heute Abend zwischen die Laken schlüpfe, werde ich immer noch der Erste sein“, ließ er eine äußerst anzügliche Bemerkung fallen, die Trudy die Röte ins Gesicht trieb.
„Entschuldigen Sie mich, Miss“, knickste Trudy und verschwand rasch aus dem Schlafzimmer. Sie kam knapp um Cal herum, so eilig hatte sie es. Der betrat das Schlafzimmer, trat hinter Rose und legte ihr beide Hände auf die Schultern. So, wie er es tat, war es kein Ausdruck von Zärtlichkeit oder gar Intimität, sondern eher ein Akt von Inbesitznahme.
„Der Erste und Einzige“, sagte er. „Für immer.“
Rose hatte einen Ausdruck im Gesicht, der deutlich machte, was für düstere Aussichten seine Worte für sie bedeuteten.
Die Titanic erreichte Cherbourg gegen Abend des 10. April 1912. Die Passagiere wurden mit dem Zubringerschiff Nomadic zu der auf Reede liegenden Titanic gebracht, von wo aus zumindest die Passagiere der Ersten Klasse auf bequemen Brücken den Einstieg im D-Deck erreichen konnten. Die Nomadic war ein einhundertfünfzig Fuß langer Tender, fast fünfzig Meter lang; aber neben der Titanic wirkte sie wie ein Beiboot.
„In Cherbourg stieg eine Frau namens Margaret Brown an Bord. Wir nannten sie aber alle Molly. In die Geschichte ging sie ein als die Unsinkbare Molly Brown“, erzählte Rose auf der Keldysh.
Molly Brown war eine ebenso stabile wie resolute Frau von etwa fünfundvierzig Jahren, die sich trotz ihres offensichtlichen Reichtums nicht scheute, ein Gepäckstück auch mal selbst in die Hand zu nehmen, bevor sie gefühlte Ewigkeiten auf einen dienstbaren Geist wartete. Der Page, der zu ihr eilte, bekam einen hochroten Kopf, als er realisierte, dass sie ihr Gepäck selbst an Bord gebracht hatte. Diese Geldadligen konnten ziemlich unangenehm werden, falls der eigentlich erwartete dienstbare Geist nicht augenblicklich zur Stelle war, wenn Gepäck zu befördern war.
„Ich hatte keine Lust, den ganzen Tag auf dich zu warten, Kleiner“, grinste Molly und drückte ihm einen kleinen Koffer in die Hand, den größeren pickte der Page selbst auf.
„Entschuldigung“, flehte der junge Mann um Vergebung. Molly lächelte verschmitzt. Wenn es jemanden zwischen dem A- und dem C-Deck an Bord gab, der für menschliche Schwächen Verständnis hatte und sie eher mit derbem Humor nahm, dann war es Margaret Brown.
„Ich hoffe, das ist nicht zu schwer für dich, Kleiner“, spottete sie.
„Ganz bestimmt, Madame“, erwiderte der Page, der spürte, dass diese Frau nicht böse meinte, was sie sagte. Molly eilte weiter zum Fahrstuhl.
„Hey, Jig!“, rief sie dem Fahrstuhldiener zu, der auch schon den Fahrstuhl bremste, aber Molly eilte am ersten Fahrstuhl vorbei zum nächsten, aus dem ihr Rose und Ruth DeWitt Bukater entgegenkamen.
♦♦♦
„Ihr Mann war irgendwo im Westen auf Gold gestoßen, und sie war – wie meine Mutter es zu bezeichnen beliebte – neureich“, kommentierte die alte Rose auf der Keldysh diese Begegnung, wobei sie das letzte Wort besonders spöttisch betonte. Der alte Geldadel, zu dem ihre Mutter gehört hatte, nahm Neureiche, die sich den überkommenen Gepflogenheiten des alten Geldes nicht anpassen wollten, nicht für voll. „Am nächsten Nachmittag dampften wir von der Westküste Irlands Richtung Westen. Es lag nichts weiter vor uns als der unendliche Ozean.“
Jeder, der ihrer Erzählung auf der Keldysh lauschte, meinte, die kräftig dampfende Titanic einsam auf dem gewaltigen Atlantik gen Westen fahren zu sehen.
♦♦♦
Kapitel 6
Wohin man gehört
Am Freitag, den 12. April 1912, war die Titanic völlig allein mitten im Blau des Atlantischen Ozeans unter dem Frühlingsblau des unendlich erscheinenden Himmels, der am Horizont schier ins Wasser tauchte. Ein Gelb-weiß-schwarzer Zwerg in einer ebenso unendlichen Wasserfläche. Ein feiner weißer Strich, wie mit dem Lineal gezogen, markierte über wenigstens eine ganze Seemeile* den Weg der Titanic. Ein weiterer feiner Strich – zuerst schwarzgrau, dann heller werdend und sich verflüchtigend – dokumentierte den Vortrieb des Schiffes durch kräftige, von brennender Kohle angetriebene Dampfmaschinen.
William Murdoch, der Erste Offizier, stand an der Reling auf der Steuerbordseite des Steuerhauses und sah über das weite Meer. Murdoch war neununddreißig Jahre alt und gehörte mit zwölf Jahren Betriebszugehörigkeit zu den erfahrenen Offizieren der Reederei. Inzwischen hatte er mit einiger Mühe verdaut, dass er den ersehnten Posten des Leitenden Offiziers, des Ranghöchsten nach dem Captain, noch nicht bekommen hatte. Der Captain hatte einen seiner früheren Leitenden, Henry Wilde, von der Olympic mitgebracht und ihm den verantwortungsvollen Posten gegeben. Murdoch und sein Kollege Lightoller hatten jeweils einen Rang hergeben müssen und waren davon nur mäßig begeistert gewesen.
Captain Edward John Smith trat neben ihn. Smith war zweiundsechzig Jahre alt und galt als der wohl erfahrenste und beliebteste Kapitän der White Star Line. Die Titanic war nach Britannic, Majestic, Baltic, Adriatic und Olympic das sechste Schiff, das er kommandierte. Smith war ein Patriarch der See und genauso sah er den Ozean auch an: voller Liebe, aber auch mit Autorität.
„Schicken Sie sie auf See, Mr. Murdoch. Legen Sie ein paar Kohlen auf!“, wies er seinen Ersten Offizier an.
„Jawohl, Sir!“, bestätigte Murdoch und trat ins das Steuerhaus und an den an Steuerbord befindlichen Maschinentelegrafen, um diesen von halber Kraft auf voll voraus zu stellen.
„Volle Kraft voraus!“, wies er den dort wachhabenden Sechsten Offizier, James Moody, an.
„Sehr wohl Sir“, bestätigte Moody und trat an den Backbord*-Maschinentelegrafen, stellte ihn ebenfalls von halber Kraft auf voll voraus. Moody war vierundzwanzig Jahre alt und seit gerade einem Jahr Schiffsoffizier. Die Titanic war seine zweite Station bei der White Star Line. Zuvor hatte er auf der Oceanic seinen Dienst versehen.
Im Maschinenraum ertönte ein Klingeln, als die beiden Telegrafen umgestellt wurden. William Bell, der Leitende Ingenieur, wurde aufmerksam und bestätigte zunächst den Fahrtbefehl von der Brücke, indem er den Maschinentelegrafen im Maschinenraum ebenfalls auf voll voraus stellte. Die Bestätigung von unten wurde dem Wachhabenden auf der Brücke durch den Messingzeiger des dortigen Telegrafen angezeigt.
„Volle Kraft voraus!“, rief Bell laut.
„Volle Kraft voraus!“, bestätigte die gesamte Heizercrew im Chor und machten sich an die Arbeit, die Kohlen in kürzeren Abständen in die Kessel zu schaufeln.
„Los, Männer, bewegt euch!“, befahl der Leitende Heizer Fred Barret. Ingenieure und Heizer machten ihren Job.
„Was sagt die Anzeige?“, fragte Bell einen seiner Ingenieure, der ihm entsprechende Auskunft gab. Bell öffnete das Hauptdampfventil und die Manometer der einzelnen Druckleitungen zeigten an, dass die Maschinen mit der maximalen zur Verfügung stehenden Kraft liefen.
„Na, los, Männer! Legt euch ’n bisschen ins Zeug! Wir brauchen volle Kraft!“, feuerte Barret seine Schwarze Gang an, die mit aller Macht Kohlen schaufelten – und das waren Brocken, die mindestens doppelt faustdick waren.
Die riesigen Pleuel, gut vier Stockwerke hoch, stampften heftiger und trieben die Schraubenwellen der drei Propeller schneller. Drei hausgroße vierblättrige Propeller schoben stärker an und trieben die Titanic auf ihre fast maximale Geschwindigkeit.
Während William Murdoch sich am Geschwindigkeitsmesser überzeugte, dass der Befehl des Captains ausgeführt worden war, rannten Jack Dawson und Fabrizio de Rossi leichtfüßig über die Back zum relinggesicherten Steven, um zu sehen, wie der Bug der Titanic das Wasser zerschnitt. Beide lehnten sich gefährlich weit über die Reling, beobachtet von einem schmunzelnden Captain Smith. Murdoch trat zu ihm.
„Einundzwanzig Knoten*, Sir“, meldete er strahlend. Smiths zufriedenes Schmunzeln wurde noch breiter. Er legte beide Hände auf die Brüstung der Brücke* und sah mit sanftem, väterlichem Lächeln wieder zu den beiden jungen Männern ganz vorn am Bug, die vor Lebensfreude schier zu explodieren schienen.
„Hey, sieh mal da unten! Da unten!“, rief Dawson und deutete auf einen Delfin, der vor dem Bug kreuzte. „Siehst du ihn?“
„Ich seh’ ihn!“, bestätigte Fabrizio fröhlich. Jack ortete einen weiteren Delfin und wies darauf.
„Da ist noch einer! Siehst du den? Siehst du den da? Siehst du, wie er springt?“, fragte er und stieß jauchzende Freudenschreie aus, die bis ans Heck zu hören waren. Es war eine ganze Schule von Delfinen, die mit dem stählernen Koloss um die Wette schwammen und problemlos die hohe Geschwindigkeit hielten, ja sogar übertrafen, denn sie kreuzten auch vor dem Bug hin und her, als spielten sie Fangen mit dem Schiff. Nicht nur die beiden jungen Männer strotzten vor Lebensfreude, auch die Delfine ließen ihrer Lust nach Leben freien Lauf.
Auf der Steuerbordseite der Brücke servierte der Fünfte Offizier Harold Lowe dem Captain eine Tasse Tee. Lowe war mit gut neunundzwanzig Jahren zwar schon seit fünfzehn Jahren Seemann, aber erst ein knappes Jahr bei der White Star Line angestellt. Diese Fahrt auf der Titanic war seine erste Transatlantikfahrt. Mit der Teetasse in der Hand schaute Captain Smith geradezu würdevoll nach vorn, immer noch sehr angetan von den beiden jungen Männern, die ihr Leben so offensichtlich genossen.
Während im Kesselraum die Heizer schwitzten und unermüdlich Kohle in die lodernden Feuer schippten, peilte Fabrizio an der Bugreling nach vorn. Er wies zum Horizont.
„Da vorn kann man schon die Freiheitsstatue sehen“, sagte er. „Ganz klein, natürlich …“, setzte er mit unüberhörbarem italienischem Akzent hinzu. Jack stieg auf die zweite Sprosse der Reling*, jauchzte erneut herzhaft und rief:
„Ich bin der König der Weeeelt! Juchhuuuuu!“
Er ließ das Vorstag* los, breitete die Arme aus und stand freihändig, nur gesichert von der Reling, auch wenn er sie nicht berührte, und dem Fahrtwind. Es war ein Gefühl, als würde er fliegen, frei wie ein Vogel im Wind.
Inzwischen war es Mittag. Im Palmengarten-Restaurant hatte sich eine illustre Gesellschaft am Tisch des Reedereivorstands Bruce Ismay versammelt. Außer ihm selbst saßen noch sein Chefkonstrukteur Thomas Andrews, Caledon Hockley, Rose und Ruth DeWitt Bukater und Margaret „Molly“ Brown an diesem Tisch. Ismay, erfüllt von überschäumendem Stolz, dozierte über die Eigenschaften dieses gewaltigen Transportmittels:
„Sie ist das größte bewegliche Objekt, das Menschen je schufen; das größte aller Zeiten. Unser Chefkonstrukteur, Mr. Andrews, hat sie vom Kiel aufwärts an erschaffen.“
Andrews, ein gut aussehender Mann von neununddreißig Jahren, fühlte sich mit derartiger Aufmerksamkeit, die auf seine Person gelenkt wurde, nicht sonderlich wohl. Er war Ingenieur, gewiss ein guter Mann seines Fachs – aber er stand nicht gern im Mittelpunkt.
„Nun, ich hab’ sie vielleicht zusammengebaut – aber die Idee kam von Mr. Ismay“, spielte er seine eigene Rolle herunter. „Ihm schwebte ein Schiff von solcher … Kraft und Größe … vor, dass seine Überlegenheit niemals in Frage gestellt werden würde. Und hier ist es. Durch Willenskraft zu solider Wirklichkeit geworden.“
„Hört, hört!“, bemerkte Cal.
Ein Steward erschien.
„Was wünschen Sie zu speisen, Sir?“, wandte er sich an Ismay.
„Ich nehme den Lachs, bitte“, bestellte der Reedereivorstand.
Rose fand dieses Gespräch – nein, diesen Vortrag – entsetzlich langweilig. Sie steckte eine Zigarette in ihre Zigarettenspitze und zündete sie an. Sie alle hatten gerade ihre Vorspeise zu sich genommen, damit hatte das Essen begonnen. Rose war durchaus bekannt, dass es während des Essens als unhöflich bis absolut unmöglich galt, zu rauchen. Es war ihre Art, gegen die entsetzlich steifen Konventionen dieser Upper-Class-Gesellschaft zu rebellieren …
Ihre Mutter bemühte sich, sie nicht direkt anzuschauen, als sie sie möglichst leise zurechtwies:
„Du weißt, ich mag das nicht, Rose!“
Es war ein ebenso leises wie grantiges Zischen. Sie reckte sich nur ein wenig zu ihrer Tochter hinüber, um nicht unnötig Aufmerksamkeit auf sich und ihren rebellischen Sprössling zu ziehen. Rose wandte sich ihr zu und sah sie geradezu hochnäsig und trotzig an, blies ihr den Rauch direkt ins Gesicht. Cal reichte es. Er griff zu, zog die Zigarette aus der Spitze und drückte sie im Aschenbecher aus.
„Sie weiß es“, versetzte er mit gewisser Reizung über das unmögliche Benehmen seiner Verlobten. Molly, die ihm gegenüber saß beobachtete ihn, von seiner harschen Reaktion peinlich berührt. Es war einer der Momente, in denen sie sich dazu beglückwünschte, dass sie inzwischen von Mr. Brown geschieden war; dass sie sich von solchen gelackten Typen wie Cal Hockley nicht wirklich beeindrucken ließ. Sie bedauerte Rose, die gleich von zwei Seiten unter Druck gesetzt wurde und sich nur durch solche Trotzreaktionen überhaupt zur Wehr setzen konnte.
„Was wünschen Sie, Sir?“, erkundigte sich der Steward.
„Wir nehmen beide das Lamm – englisch; englisch mit ein wenig Minzsauce“, bestellte Cal, ohne Rose nach ihren Wünschen zu fragen.
„Sehr wohl, Sir.“
Rose sah betreten und trotzig zugleich an Andrews vorbei ins Leere. Wie lange wollte sie sich diese ständige Bevormundung durch ihre Mutter und ihren Verlobten noch bieten lassen? Cal brummte zustimmend auf die Bestellungsbestätigung. Erst ein Blick auf sein Gegenüber Molly Brown, deren Blick strafende Züge annahm, veranlasste ihn, wenigstens der Form halber nachzufragen:
„Du … magst doch Lamm, Zuckerpüppchen?“
Rose legte die Zigarettenspitze weg und wandte sich Cal mit einem derart falschen freundlichen Kaspergrinsen zu, dass ihm – so hoffte sie – klar sein musste, dass sie ihn am liebsten geohrfeigt hätte.
„Für mich den Schellfisch“, orderte Ruth ihr Mittagessen.
„Und? Werden Sie ihr das Fleisch auch noch klein schneiden, Cal?“, spottete Molly bissig und ließ ein spöttisches Lachen hören. „Hey, wer kam eigentlich auf den Namen Titanic?“, fragte sie dann, um die Stimmung am Tisch wieder etwas zu heben. „War’n Sie das, Bruce?“, setzte sie mit einem koketten Blick auf Ismay hinzu. Ihr Sprachduktus und ihr kesser Blick verrieten, dass sie ganz und gar nicht in diese angeblich so piekfeine Gesellschaft hineingeboren worden war.
„Ja, ganz recht“, bestätigte Ismay. „Ich … äh … ich wollte damit die reine Größe zum Ausdruck bringen. Und Größe bedeutet … Stabilität, Luxus und vor allem … Stärke“, bekräftigte er.
„Haben Sie mal was von Dr. Freud gehört, Mr. Ismay?“, fragte Rose spitz. Männer waren so bescheuert in ihrem Größenwahn und merkten es nicht einmal … „Was er über die männliche Besessenheit, was Größe anbelangt, bemerkt hat, dürfte Sie interessieren.“
Andrews hätte sich an dem Happen Vorspeise beinahe verschluckt und schmunzelte dann über die spitze Bemerkung dieser hübschen, klugen und schlagfertigen jungen Frau. Auch Molly ließ ein anerkennendes und spöttisches Lächeln sehen. Mit Rose war im Ernstfall nicht gut Kirschen essen; die Kleine hatte Mumm, erkannte die von Ruth als Neureiche abgetane, energische Frau.
„Was ist nur in dich gefahren!?“, fuhr ihre Mutter sie leise und giftig an. Rose schenkte ihr einen hochmütigen Blick, der ihre ganze Verachtung dieser in Konventionen zu Stein erstarrten so genannten guten Gesellschaft ausdrückte. Sie legte die Serviette weg und erhob sich. Der Appetit war ihr endgültig vergangen – nicht nur wegen des halb roh zu erwartenden Lamms mit Minzsauce.
„Bitte, entschuldigen Sie mich“, verabschiedete sie sich und verließ mit ebenso schnellen wie hoheitsvollen Schritten das Palmengarten-Restaurant. Ismay erhob sich halb, Caledon erstarrte schier vor peinlicher Berührung. Es fehlte nicht viel und ihm wären die Gesichtszüge entgleist. Nur mit der eisernen Beherrschung seiner Erziehung zum Gentleman gelang es ihm, Contenance zu bewahren. Aber seine Verkrampfung ob dieser Peinlichkeit war kaum zu übersehen. Ruth wäre am liebsten im Erdboden versunken. Dieses eigensinnige Früchtchen Rose war drauf und dran, alles zu verderben, was sie mit einiger Mühe eingefädelt hatte. Zuweilen war ihr Name wirklich Programm – Rosen haben Dornen …
„Ich muss mich entschuldigen“, schämte sie sich fremd. Molly grinste noch breiter.
„Sie ist eine Waffe, Cal“, warnte sie spöttisch. „Ich hoffe, Sie können mit ihr umgehen.“
Cals Gesichtsausdruck war pures Eis.
„Ich sollte von jetzt an wohl besser die Abendlektüre meiner Verlobten überprüfen, nicht wahr?“, versetzte er und rang sich den Anflug eines eisigen Lächelns ab. Ismay sah etwas verstört in die Runde.
„Freud? Wer ist das? Ein Passagier?“, fragte er, seine ganze Ahnungslosigkeit preisgebend.
Auf dem Achterdeck, das den Passagieren der Dritten Klasse als Freideck diente, genossen die Auswanderer die frische Luft und den Sonnenschein des wunderschönen Frühlingstages. Bert Cartmell, ein Emigrant aus Manchester, stand mit seiner kleinen Tochter Cora an der Reling, er selbst auf dem Deck, Cora auf der zweiten Sprosse der weiß lackierten Reling. Bert hielt sie von hinten umarmt, damit sie nicht über Bord ging, die Kleine hatte ihre Ärmchen um Vaters Hände gelegt und ließ sich von ihm erklären, wie es kam, dass die Schiffsschrauben sich tief unter dem weit herausgezogenen Heck drehten und das Schiff vorwärts trieben.
Der liebevolle Vater und seine glückliche kleine Tochter waren das gegenwärtige Motiv, das auf dem obersten Blatt von Jack Dawsons Skizzenmappe schwarz-weiße Gestalt annahm. Der junge Amerikaner saß auf einer der Bänke an der Reling, hatte die in Leder gebundene Skizzenmappe – sein einziger wirklich wertvoller Besitz – auf den Knien und führte den Kohlestift mit sicheren Strichen über das Papier.
Neben ihm saß Fabrizio und wandte sich einem anderen Passagier zu, der an der Reling zum unteren Achterdeck lehnte und rauchte.
„Das … äh … Schiffä … istä … ziemlich gutä?“, radebrechte er mit massivem italienischem Akzent.
„Ja, is’ ja auch ’n irisches Schiff“, bemerkte der Raucher.
„Es ist doch englisch, oder?“, wunderte sich der Italiener.
„Nein, es wurde in Irland gebaut“, erwiderte der andere Passagier. „Fünfzehntausend Iren haben es gebaut. Stark wie ein Fels. Geschaffen von kräftigen irischen Händen“, erklärte er.
Im gleichen Moment kamen zwei Stewards mit einigen Hunden unterschiedlicher Rassen, die offensichtlich Herrchen und Frauchen in der Ersten Klasse hatten, und auf dem Deck des normalen Volkes Gassi geführt wurden.
„Is’ ja mal wieder typisch …“, brummte der Raucher „Die Köter aus der Ersten Klasse kommen hier runter, um sich auszuscheißen.“
Jack wurde auch aufmerksam und sah von seinem Skizzenblock auf.
„Damit wird uns gezeigt, wo wir uns im Gesamtbild befinden“, kommentierte er spöttisch. Der Raucher lachte kurz auf.
„Als würden wir das vergessen!“, versetzte er. „Ich bin Tommy Ryan“, stellte er sich vor und reichte seinen Gesprächspartnern die Hand.
„Jack Dawson“, erwiderte Jack die Vorstellung.
„Hallo“, grüßte Tommy.
„Fabrizio“, stellte sich der junge Italiener vor.
„Hi“, grüßte Tommy. Dann sah er Jacks Skizzenblock und wies darauf.
„Hast du mit deinen Bildern schon was verdient?“, fragte er. Doch Jack antwortete nicht, sah an Ryan vorbei zum einen Stock höher gelegenen und etwa hundertzwanzig Fuß vor dem Heck endenden Freideck des B-Decks. Dort kam eine junge Frau an die achtere Reling, die Jack wie ein rothaariger Engel erschien – Rose DeWitt Bukater. Das Kleid aus artischockenfarbenem Satin, über den ein Oberkleid aus zarter weißer Spitze gezogen war und dem breiten orangefarbenen Gürtel direkt unter dem Busen war ein echter Blickfang, besonders für jemanden wie Jack, der einen Blick für Schönheit und das Besondere hatte. Die Spitze des Oberteils setzte sich nach unten in mehreren stufenförmigen Lagen fort, betonte die schlanke Gestalt der jungen Frau. Die stufenförmige Anordnung der zapfenartigen Spitze wirkte wie Fischschuppen und gab ihr beinahe das Aussehen einer Meerjungfrau. Völlig fasziniert klebte sein Blick an der Reling des oberen Decks.
Tommy bemerkte, wohin der Blick seines neuen Bekannten ging. Er drehte sich kurz um und sah ebenfalls nach oben. Der kurze Augenschein demonstrierte ihm eindrucksvoll, dass Jack sich da besser nicht weiter verguckte.
„Aaaah, vergiss es, mein Freund“, sagte er gedehnt. „An eine Frau wie die kommst du nicht ran. Eher fliegen dir kleine Engel aus ’m Hintern“, warnte er. Jack sah weiter unverwandt nach oben. Fabrizio wedelte mit einer Hand vor Jacks Augen. Er reagierte nicht, war immer noch auf die Schönheit auf Deck B fixiert. Sie sah so verloren aus …
Dass sie es tatsächlich war, bewies das weitere Auftreten eines dunkelhaarigen, schlanken Mannes, der sie mit nur knapp beherrschter Wut an der Reling stellte.
„Was war das eben für ein Auftritt?“, fuhr Cal sie an und riss sie am Arm herum. Rose machte sich gleich wieder von ihm frei, ging wieder in Richtung Schiffsinneres und ließ ihn einfach an der Reling stehen. Jack bemerkte, dass der Mann vor Wut schäumte, aber dennoch versuchte, es Außenstehende nicht merken zu lassen. Es wollte ihm in diesem Fall nicht recht gelingen.
Es wurde Abend, der große Speisesaal der Ersten Klasse im D-Deck füllte sich rasch mit Passagieren der beiden oberen Decks in Abendgarderobe. Man kannte sich, man machte Konversation, man lauschte mit einem halben Ohr der Begleitmusik, die das Musikerensemble um Wallace Hartley machte, man blieb unter sich – weit weg von dem, was man in diesen erlauchten Kreisen als Pöbel betrachtete.
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Die alt gewordene Rose auf der Keldysh schüttelte sich innerlich immer noch, wenn sie an diesen Freitagabend dachte. Sie sah sich, mit leerem Blick am Tisch sitzend, unter den Gesellschaftsklatsch verbreitenden feinen Damen, den von gelungenen Geschäften prahlenden Herren, die eigentlich nur äußerlich fein waren, in ihrem Inneren aber ständig überlegten, wie sie ihren Profit auf Kosten anderer steigern konnten.
„Ich sah mein Leben vor mir, als ob ich es bereits hinter mir hätte. Eine endlose Aneinanderreihung von Partys, Bällen, Yachten und Polospielen. Immer dieselben engstirnigen Leute, dieselben geistlosen Gespräche. Ich hatte den Eindruck, als stünde ich vor einem tiefen Abgrund, mit niemandem an der Seite, der mich zurückhalten würde. Niemandem, der sich dafür interessiert oder Notiz davon nimmt“, sagte sie zu ihren gespannten jungen Zuhörern im Computerraum.
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Sie hatte genug von den prahlerischen Reden der Männer und dem Klatsch und Tratsch, den die Frauen verbreiteten. Sie verließ den Speisesaal und begab sich in Richtung ihrer Suite. Ein Steward, der ihr begegnete, grüßte sie höflich, sie nickte, erwiderte den Gruß mit schweigendem Nicken und einem leichten Lächeln. Nach außen wirkte sie beherrscht, wie es sich für eine junge Dame ihrer Gesellschaftsschicht gehörte. Innen sah es ganz anders aus.
Sie erreichte ihre Suite und stand ganz allein mitten in ihrem Schlafzimmer. Sie starrte auf ihr Spiegelbild im Spiegel des Waschtisches. Sie war müde. Müde wegen der Uhrzeit, aber auch des feinen Benehmens müde. Sie wollte schlafen gehen, doch dazu musste sie zunächst aus dem Kleid heraus, das sie trug. Die Zofen waren nicht da, also versuchte sie, das Kleid allein auszuziehen. Sie kam nicht an den Verschluss auf dem Rücken, egal, wie sie sich zunehmend verzweifelt anstrengte.
Und dann brach der Vulkan aus.
Mit einem unmenschlichen Wutschrei riss sie die Perlenkette von ihrem Hals, die einer Explosion gleich im Raum in Einzelteilen verstreut wurde. In ihrer Raserei riss sie an sich selbst, an ihrer Kleidung und an ihrem Haar herum, ohne das Kleid loszuwerden. Ihre wahnsinnige Wut richtete sich gegen die Einrichtung. Sie stürzte zum Schrank und riss heraus, was ihre Hände greifen konnten, schnappte sich den Handspiegel – dieses Sinnbild aller Eitelkeit – und drosch ihn voller Zorn auf den Waschtisch. Der Spiegel zerbrach, hatte mehrere Sprünge, die sich über den Durchmesser der Glasfläche zogen.
Keuchend kam sie wieder halbwegs zur Besinnung, doch dann konnte sie einfach nicht mehr und traf einen verzweifelten Entschluss …
Kapitel 7
Ein irdischer Engel
Rose rannte über das B-Deck, stieß rücksichtslos alles aus dem Weg, was ihr nicht freiwillig Platz machte. Sie schluchzte haltlos, war trotz der wenig frühlingshaften Temperaturen nach Sonnenuntergang nur mit ihrer roten Abendrobe aus Seide mit einem zarten schwarzen Chiffonoberkleid darüber bekleidet, die nur ganz kurze Ärmel hatte, die gerade knapp unter der Schulter endeten und mit einem weiten Ausschnitt, der die Brust bis fast zum halben Busen unbedeckt ließ – ganz sicher keine Kleidung, die den Nachttemperaturen im April auf dem Nordatlantik angepasst war. Sie hetzte in Richtung Niedergang, schubste ein älteres Paar beiseite, das in Gesellschaft einer ebenfalls älteren Dame über das abendliche Deck flanierte.
„Na, hör’n Sie mal Miss!“, beschwerte sich der elegant gekleidete Herr. Rose nahm ihn nicht wahr und rannte weiter, erreichte den Niedergang*, riss die Tür der Reling auf, rannte hinunter auf das C-Deck und hinüber zum Niedergang zum achteren B-Deck, das auch für die Passagiere der Dritten Klasse zugänglich war.
Auf dem Deck, das Roses Ziel war, lag Jack Dawson auf einer der elegant geschwungenen Holzbänke, rauchte eine Zigarette und sah verträumt auf den völlig klaren, tiefschwarzen Himmel, an dem abertausende Sterne wie auf schwarzem Samt ausgelegte Diamanten glitzerten. Das Geräusch schneller, vor rastloser Eile beinahe stolpernder Schritte störte ihn in seinen künstlerischen Betrachtungen dieses Naturwunders auf. Er kam hoch und sah gerade noch die Silhouette einer ebenso fein wie knapp gekleideten Frau an sich vorüberhuschen.
Atemlos und schluchzend erreichte Rose das Achterdeck und prallte auf das Handrad, das in der Mitte der beiden dort befindlichen Poller stand und zum Einholen der Festmachertrossen diente. Durch einen dichten Tränenschleier sah sie das Heck, genauer den beleuchteten Flaggenmast, an dem von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang das britische Blue Ensign*, die Dienstflagge* Großbritanniens, wehte. Jetzt, bei Dunkelheit, war die Flagge eingeholt.
Selbst, wenn sie vorhanden gewesen wäre, hätte es Rose in diesem Moment keinen Deut geschert, dass die Titanic nicht unter dem Red Ensign* fuhr, der normalen britischen Handelsflagge*, sondern unter der dunkelblauen Dienstflagge, weil sie Post der Royal Mail beförderte. Sie sah nur das Ende des Schiffes; das war alles, was sie in ihrer Verzweiflung noch interessierte. Wie von einem Magneten gezogen, beinahe schlafwandlerisch, ging sie langsam auf die achtere Reling zu. Sie drehte sich um, wie um sich zu vergewissern, dass ihr niemand folgte. Nein, da war keiner …
Einen Moment blieb sie eine gute Armlänge von der Reling entfernt stehen, dann legte sie wie in Trance beide Hände auf die oberste Stange des Geländers, packte dann entschlossen zu, stieg mit beiden Füßen auf die unterste Sprosse, hob erst die rechte Hand, dann auch die linke, um sich am Flaggenmast festzuhalten und kletterte auf die andere Seite.
Immer noch schluchzend, aber auch vor Aufregung keuchend, drehte sie sich um. Nur noch ein kaum drei Finger breiter Absatz des Rumpfes hielt ihre Füße über der Wasseroberfläche. Sie schaute hinunter in die dunkle Tiefe. Gut sechzig Fuß (oder zwanzig Meter) unter ihr schäumte das Wasser des Atlantiks im Heckschwell*. Ihr Herz schlug bis unter die Schädeldecke. Sie schwankte zwischen eisiger Entschlossenheit und beklemmender Verzagtheit, ihrem Leben auf diese Art ein Ende zu setzen. Was würde geschehen, wenn sie dort unten aufschlug? Sie nahm an, dass sie sofort tot sein würde …
Jack Dawson war, den Geräuschen folgend, ebenfalls auf dem offenen Teil des Achterdecks angekommen und glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können. Da stand doch tatsächlich eine von den hochfeinen Damen der Ersten Klasse jenseits der Reling! Genau jene junge Dame, die er am frühen Abend so verloren auf dem oberen Freideck gesehen hatte! Der junge Künstler erfasste rasch, was die junge Frau da plante.
„Tun Sie’s nicht!“, warnte er und schlich vorsichtig weiter in Richtung Reling, um die Frau nicht so zu erschrecken, dass sie losließ. Rose wandte sich um und sah keine zwei Mannslängen hinter sich einen dunkelblonden jungen Mann in einfacher Kleidung stehen.
„Kommen Sie nicht näher! Bleiben Sie, wo Sie sind!“, fuhr sie ihn mit hysterisch klingender Stimme an.
Vorsichtig pirschte Jack näher zu ihr heran und streckte die rechte Hand langsam in ihre Richtung. Er war erheblich weiter von ihr entfernt als eine Armlänge, erlaubte sich diese Vertrauen erweckende Geste aber gleichwohl.
„Kommen Sie, geben Sie mir Ihre Hand. Ich zieh‘ Sie wieder zurück“, bot er mit leiser, sanfter Stimme an – ganz so, als ob er ein panisches Pferd beruhigen und einfangen wollte.
„Nein! Kommen Sie nicht näher! Ich mein’s ernst! Ich lass los!“, warnte sie ihn, sich weiter anzunähern.
Er blieb stehen und überlegte fieberhaft, wie er ihr nahe genug kommen konnte, um sie festzuhalten, ohne dass sie wirklich losließ. Der Einfall, den er benötigte, kam nach seinem Empfinden schneller, als er eigentlich erwartet hatte: seine Zigarette. Er nahm sie aus dem Mund und deutete schweigend an, dass er den Stummel nur über Bord werfen wolle. Das gab ihm die Gelegenheit, ihr wieder ein Stück näher zu kommen. Sie ließ es zu, er machte noch einen Schritt nach links, um ihr zu signalisieren, dass sie ihn nicht fürchten musste und warf mit den Zigarettenstummel aus respektvoller Entfernung zur Reling über Bord. Dann steckte er die Hände in die Hosentaschen und stellte sich direkt neben den Heckanker, der gleich neben dem Flaggenmast an der Reling lag.
„Nein, tun Sie nicht“, sagte er mit sanfter Provokation in der Stimme.
„Was meinen Sie mit das tu ich nicht?“, fauchte sie mit geradezu hilflos-hysterischer Stimme. „Glauben Sie nicht, Sie könnten mir vorschreiben, was ich tu oder lasse! Sie kennen mich doch gar nicht!“
Es reichte ihr wirklich, dass ihr ständig jemand Befehle geben wollte. Jack zuckte mit den Schultern.
„Na ja … sonst hätten Sie’s längst getan“, stellte er fest.
„Sie irritieren mich!“, keifte sie. „Gehen Sie weg!“
Doch Jack gehorchte schon seit langem nur seinen eigenen Anweisungen.
„Ich kann nicht“, sagte er. „Jetzt geht es mich auch was an“, setzte er hinzu und zog seine Jacke aus, ließ sie hinter sich fallen. „Wenn Sie loslassen … muss ich Ihnen wohl oder übel hinterher springen.“
„Das ist doch absurd!“, protestierte sie. „Sie würden ertrinken!“
„Ich bin ein guter Schwimmer“, versetzte Jack, stellte den rechten Fuß auf den Anker, schnürte den rechten Stiefel auf.
„Allein der Aufprall würde Sie töten!“, warnte Rose verzweifelt. Warum, zur Hölle, ließ er sie nicht einfach in Ruhe sterben? Jack konnte sich ein Grinsen kaum noch verkneifen. Vorstellungen hatte die junge Dame …
„Es würde wehtun, da geb’ ich Ihnen Recht“, sagte er, zog den Stiefel aus und beförderte ihn ebenfalls hinter sich. „Um ehrlich zu sein … beunruhigt mich vielmehr, dass das Wasser so kalt ist“, ergänzte er, entledigte sich auch des linken Stiefels und hoffte, dass sie den Köder schluckte und es sich noch einmal überlegte. In der Tat wurde sie unsicher, wie ihr scheuer Blick in seine Richtung bewies.
„Wie kalt?“, fragte sie vorsichtig.
„Ziemlich kalt. Vielleicht ein paar Grad über Null. War’n Sie schon mal … war’n Sie schon mal in Wisconsin?“
Rose zuckte herum.
„Was?“, fragte sie gereizt. Was sollte dieser unzusammenhängende Quatsch?
„Na ja … die haben dort mit Abstand die kältesten Winter“, sagte Jack. „Ich bin da aufgewachsen, in der Nähe von Chippewa Falls. Ich weiß noch, als ich ganz klein war, war ich mit meinem Vater oft zum Eisangeln auf dem Lake Wissota. Eisangeln ist, wenn man …“
„Ich weiß, was Eisangeln ist! Aacchh!“, schnaufte sie giftig. Jack ging vor der zickigen Reaktion einen Schritt zurück in Deckung und zog den Kopf leicht zwischen die Schultern.
„Entschuldigung“, erwiderte er mit leichter Reizung. So richtig gemütlich war es ihm ohne Jacke und Schuhe nicht wirklich. Ohne dass sie es merkte, arbeitete er sich Inch** für Inch an sie heran.
„Sie … Sie kommen mir nur so vor, als würden Sie sich die meiste Zeit drin aufhalten“, erklärte er seinen Erklärungsversuch. „Na, jedenfalls … jedenfalls bin ich da mal eingebrochen. Sie können mir glauben … so kaltes Wasser … wie das da unten“, er wies mit dem Kinn in Richtung der sechzig Fuß frischer Luft bis nach unten hinter dem Heck, „das ist wie tausend Stiche … die man am ganzen Körper spürt. Man kann nicht mehr atmen … man kann an nichts mehr denken – abgesehen von dem Schmerz.“
Er seufzte leise.
„Aus dem Grund bin ich nicht besonders scharf darauf, Ihnen hinterher zu springen. Aber … wie gesagt“, er zog auch die Weste aus, „ich hab’ keine Wahl. Ich kann bloß hoffen, dass Sie über die Reling zurückklettern und mir das ersparen.“
„Sie sind verrückt!“, schleuderte sie ihm entgegen. Jack grinste schief. Er stand jetzt fast direkt hinter ihr.
„Komisch, das sagen alle“, räumte er ein. „Aber … bei allem Respekt, Miss: Ich bin nicht derjenige, der von diesem Schiff springen will“, setzte er mit einer eher spöttischen Verbeugung hinzu. „Kommen Sie“, sagte er dann sanft. „Geben Sie mir Ihre Hand. Sie woll’n das doch gar nicht“, beschwor er sie und reichte seine Hand über die Reling.
Rose gab auf und Jack atmete auf. Es war ihm gelungen, sie vom Freitod abzuhalten. Vorsichtig – wesentlich vorsichtiger als beim Hinübersteigen – drehte sie sich um, als ihr plötzlich klar wurde, in welche Gefahr sie sich gebracht hatte und sie nun, da sie sich für das Leben entschieden hatte, Angst um ihr Leben bekam. Jack hielt sie fest.
„Ich bin Jack Dawson“, stellte er sich vor.
„Rose DeWitt Bukater“, erwiderte sie die Vorstellung.
„Es ist wohl besser, wenn Sie mir das aufschreiben“, grinste er. „Kommen Sie.“
Sie setzte den rechten Fuß übervorsichtig auf die untere Relingstange, trat dabei auf den Saum ihres Oberkleides, der mit schwarzen Glasanhängern besetzt und mit ebenfalls schwarzen Glasfransen gesäumt war. Als sie das Gewicht auf den Fuß verlagerte, um auch den zweiten auf die Stange zu setzen, rutschte sie ab und verlor den Halt. Hätte Jack nicht ihre Hand gehalten, wäre sie ins Wasser gestürzt. Erschrocken und voller Panik schrie sie auf. Jack packte fester zu.
„Ich hab’ Sie! Ich hab’ Sie!“, rief er, um sie zu beruhigen. „Kommen Sie!“, forderte er sie dann auf, aber sie fand an dem sich nach unten verjüngenden Rumpf keinen Halt. Allein Jacks fester Griff bewahrte sie vor dem Absturz.
„Hilfe! Bitte! Hilfe!“, schrie sie. „Hilfe! Bitte helfen Sie mir!“
Roses verzweifelte Rufe erreichten drei Matrosen, die auf dem offenen C-Deck standen. Sie orientierten sich kurz von wo die Schreie kamen und rannten dann hinauf auf das Achterdeck.
„Hör’n Sie! Hör’n Sie! Ich hab’ Sie! Ich lasse Sie nicht los!“, mahnte Jack sie zur Ruhe, wohl wissend, dass Panik sie erst richtig in Gefahr brachte. „Gut. Und jetzt ziehen Sie sich rauf, na los!“
Das war einfacher gesagt, als getan, aber Rose versuchte es. Jack spürte, dass sie der Reling näher kam.
„Kommen Sie, so ist es gut“, machte er ihr Mut. „Sie schaffen es.“
Es gelang ihr tatsächlich, mit seiner Unterstützung die Reling zu erklimmen, aber sie wagte nicht, die Füße wieder auf die Sprossen zu setzen und überließ es Jack, sie über die Reling zu ziehen. Schocksteif, wie sie war, unterstützte sie ihn nicht, als er sie auf das Deck zog.
„Ich hab’ Sie!“, entfuhr es ihm erleichtert, als er spürte, dass ihr Schwerpunkt sich dem Deck zuneigte. Weil sie ihm allerdings wie eine Schaufensterpuppe in dem Armen lag und die Beine nicht einen halben Inch bog, musste er sie in der ganzen Starre über die Stangen zerren, bekam selbst Übergewicht nach hinten und stürzte auf das Deck. Sie fiel auf ihn, rollte sich dann mit ihm zusammen herum, so dass er auf ihr zu liegen kam, bevor die Rollbewegung stoppte.
Genau in dem Moment erreichten die drei Matrosen das Achterdeck.
„Was ist denn hier los?“, fragte der vorderste Matrose, übersah kurz die Situation: Eine feine Dame im Abendkleid lag unter einem jungen Mann aus der Dritten Klasse, er hatte Schuhe, Jacke und Weste ausgezogen – und wollte sich wohl gerade mit Gewalt über diesen Leckerbissen hermachen …
„Nimm sofort die Finger weg! Und rühr’ dich nicht von der Stelle!“, befahl der vorderste Matrose. Jack richtete sich auf und kniete auf dem Deck. Der Matrose drehte sich um.
„Der Bootsmann soll sofort herkommen!“
Wenig später klickten Handschellen, Caledon Hockley war über den Zwischenfall informiert worden und ohne Mantel, dafür mit Lovejoy und Colonel Archibald Gracie, auf das Achterdeck geeilt. Während Gracie Rose auf den Schreck einen Schluck Brandy anbot, die das Angebot schweigend zurückwies, nahm Cal sich Jack vor.
„Das ist völlig inakzeptabel!“, fauchte er. „Was fällt dir ein, Hand an meine Verlobte zu legen?“
Als Jack nicht ihn ansah, sondern besorgt zu der in eine warme Decke gewickelte Rose schaute, die immer noch geschockt auf einer nahen Bank saß, stellte Cal sich ihm in den Blick.
„Sieh mich an, du Dreckshund!“, donnerte er ihn an.
„Cal!“, meldete sich Rose zu Wort, aber Hockley war zu sehr in Fahrt, um sie jetzt wahrzunehmen.
„Was hast du dir dabei gedacht?“, fuhr er mit seiner Tirade fort, ohne Jack auch nur ansatzweise die Gelegenheit zu geben, ihm zu antworten.
„Cal!“, rief Rose, nun lauter.
„Ich sollte dich …“
„Cal! Hör auf!“
Erst als Rose beide am Arm nahm, registrierte Cal überhaupt, dass sie gesprochen hatte.
„Es war ein Unfall!“, bremste sie ihren Verlobten. Hockley sah sie ungläubig an.
„Äh, ein … ein Unfall?“, stotterte er. Das sah doch sehr viel mehr nach versuchter Vergewaltigung aus …
„Ja … ein ziemlich dummer sogar“, erwiderte sie. „Ich hatte mich über die Reling gelehnt und rutschte plötzlich aus“, erklärte sie und erntete ungläubige Blicke – auch von Jack. „Ich … hatte mich so weit herüber gelehnt, weil ich die … äh … äh … die … ähm …, ähm …“
Sie traf nicht auf das Wort, das sie suchte, und drehte den rechten Zeigerfinger in der Luft.
„Schiffsschrauben?“, half Cal aus. Erleichtert nickte sie.
„… Schiffsschrauben sehen wollte und da bin ich ausgerutscht und … äh … ich war’ beinah’ über Bord gegangen, aber Mr. Dawson hat mich gerettet und ist dabei fast selbst abgestürzt“, vollendete sie ihre Erklärung für die ungewöhnliche Situation, in der sie und Jack von den Matrosen gefunden worden waren.
„Du wolltest die …“, stotterte Cal und entschied sich dann für Spott:
„Sie wollte die … hehehe … Schiffsschrauben sehen!“
Colonel Gracie winkte ab.
„Ich sage es immer wieder: Frauen und Technik – das verträgt sich nicht“, seufzte er. Der Bootsmann, der hinter Jack stand, konnte ebenfalls nicht glauben, was er hörte.
„Hat es sich so zugetragen?“, fragte er streng. Jacks Blick tauchte wieder in den Roses, die ihn geradezu flehentlich anschaute und ihn wortlos bat, ihre Notlüge zu stützen. Er war ihr durchaus dankbar für die Schwindelei, die ihn der Erklärung des tatsächlichen Hergangs enthob.
„Ja … etwa so ist es gewesen“, bestätigte er ihre Version. Gracie schob sich samt seinem Brandyschwenker neben Cal.
„Nun, dann ist der Junge ein Held“, konstatierte er. „Reife Leistung! Gut gemacht, mein Sohn“, sprach er ein ernst gemeintes Lob aus und nickte Jack anerkennend zu. „Dann ist alles in Ordnung, und wir können uns wieder unserem Brandy widmen.“
Der Bootsmann ließ sich auch nicht zweimal bitten und schloss die Handschellen wieder auf, ließ Jack frei.
Cal rieb mit übertriebener Fürsorge über die Decke, die Rose einhüllte.
„Also … Schatz … du musst ja furchtbar frieren! Lass uns doch reingehen!“, sagte er in einem Ton, der bewies, dass er nicht wirklich ernst meinte, was er sagte. Er schob Rose in Richtung des Niedergangs. Gracie drehte sich verstört um.
„Wäre eine kleine Anerkennung nicht angebracht?“, ermahnte er Hockley, der es nicht einmal für nötig zu befinden schien, sich für die Rettung seiner Verlobten zu bedanken. Cal blieb stehen, hätte Gracie beinahe wütend angeblitzt, beherrschte sich aber rechtzeitig.
„Selbstverständlich“, bestätigte er, zerstreut tuend. „Ähm … Mr. Lovejoy … ich denke zwanzig wären angemessen“, sagte er dann, an den Kammerdiener gewandt, der die Anweisung mit unbewegter Miene aufnahm.
„Ist das der Tageskurs für das Erretten der Frau, die du liebst?“, fragte Rose spitz. Cal, der sich schon wieder halb abgewandt hatte, blieb stehen und sah sie mit einer Mischung aus Verstörung und Ärger an.
„Rose ist verstimmt“, ätzte er. „Was kann man da nur tun?“, setzte er mit beißendem Spott hinzu und tat, als ob er angestrengt nachdachte. „Ich weiß …“
Er drehte sich um und ging einige Schritte auf Jack zu.
„Mr. Dawson, vielleicht könnten Sie ja zusammen mit uns dinieren und unsere Gesellschaft mit … äh … Ihrer Heldengeschichte ergötzen“, schlug er vor. Jack zog sich die Jacke wieder über und schüttelte sie auf den Schultern zurecht, ohne den Blick von Hockley zu wenden.
„Klar doch. Bin dabei“, bestätigte er.
„Gut, dann wäre das geklärt“, sagte Cal süffisant und wandte sich wieder dem Niedergang zu. Gracie war direkt neben ihm und schlug nun ebenfalls diese Richtung ein.
„Dürfte amüsant werden“, raunte Hockley dem Colonel zu und übersah Roses strafenden Blick, der absolut klar war, dass ihr Verlobter ihren Retter richtig unmöglich machen wollte, indem er ihn in dieses Labyrinth aus gesellschaftlichen Gepflogenheiten lockte, von denen dieser junge Mann mit größter Wahrscheinlichkeit keine Ahnung hatte.
Jack, dem das ebenfalls klar war, nahm es dennoch locker. Er hatte nichts zu verlieren, schließlich hatte er nie behauptet, ein so genannter feiner Gentleman zu sein. Dass er in diesem Moment keinesfalls die Absicht hatte, einen solchen vorzuspiegeln, bewies sein Pfiff, mit dem er den Kammerdiener des feinen Pinkels davon abhielt, das Achterdeck sofort zu verlassen. Lovejoy drehte sich tatsächlich um.
„Kann ich … äh …‘ne Zigarette schnorren?“, fragte er ungeniert. Lovejoy kam näher und klappte sein metallenes Zigarettenetui auf, bot Jack das Verlangte an. Sein Blick ging nach unten auf die offenen Schnürsenkel des Dritter-Klasse-Passagiers.
Jack wollte ihn ignorieren, nahm sich eine Zigarette und schnappte sich dann gleich noch eine, die er hinter dem Ohr verschwinden ließ.
„Die sollten Sie zuschnüren“, gab Lovejoy ihm einen ungefragten Rat und wies mit dem wieder geschlossenen Etui nach unten. Jack folgte dem prüfenden Blick des Kammerdieners.
„Es ist interessant, dass die junge Lady zwar ganz plötzlich ausrutschte, Sie aber trotzdem noch Zeit hatten, Jacke und Schuhe auszuziehen“, bemerkte Spicer bissig. Er wollte diesen ungehobelten Zwischendeckpassagier wissen lassen, dass er Roses Version des Hergangs ganz und gar nicht glaubte und ihn im Auge behalten würde.
Kapitel 8
Intensive Gespräche
Rose saß nach den aufwühlenden Ereignissen des Freitagabends in einem Nachthemd, das problemlos für ein Sommerkleid durchgegangen wäre, vor dem Spiegel ihres Schlafzimmers und schaute müde und mit leerem Blick in den großen Spiegel und auch in ihren Handspiegel. Die Tür zum benachbarten Schlafraum öffnete sich und Cal schaute herein. Auch er war bereits im Nachthemd, darüber trug er einen Hausmantel, den er nicht einmal geschlossen hatte.
„Ich weiß, dass du melancholisch bist“, sagte er leise. „Ich weiß allerdings nicht, warum.“
Langsam kam er in Roses Schlafzimmer hinein, fixierte sie im Spiegel, wie auch sie ihn im großen Spiegel ansah, immer noch mit müdem, leerem Blick. Er kam zur Spiegelkommode, stützte sich mehr mit dem Gesäß daran ab, als dass er sich wirklich daraufsetzte. In seinen Händen hielt er ein zwei bis drei Finger flaches Kästchen, das in Länge und Breite etwa die Größe eines Buches hatte.
„Ich hatte eigentlich vor, hiermit …“, setzte er an und öffnete den Verschluss, „bis zur Verlobungsgala nächste Woche zu warten. Aber … ich dachte … heute Abend …“
Er öffnete das Kästchen ganz. Auf schwarzem Samt war ein Collier drapiert. Die Kette bestand aus maiskorngroßen, lanzettförmigen Gliedern aus hellem Gold, deren Flächen mit kleinen weißen Brillanten besetzt waren. Ein herzförmig geschliffener transparenter Stein hing daran, der im Licht der Lampen in tiefem Blau erstrahlte. Die Fassung, an der die Öse befestigt war, um diesen Stein an eine Kette anhängen zu können, bestand aus Silber oder Weißgold und war ebenfalls mit kleinen weißen Diamanten besetzt. Rose wurde noch blasser, als sie ohnehin schon war.
„Grundgütiger!“, entfuhr es ihr. Dieses Schmuckstück, das sich ihr in dem Kästchen in Cals Händen präsentierte, war der absolute Wunschtraum einer jeden Frau – gleich, ob Dienstmagd oder leibhaftige Königin. Die Frage, die sich ihr aufdrängte war, ob das ein Saphir war – in dieser Größe schon fast unbezahlbar – oder doch ein … nein, das wagte sie nicht einmal zu denken!
„Ist das ein …“, setzte sie dennoch an, brach aber ab, weil sie es einfach nicht aussprechen konnte. Cal lächelte verschmitzt.
„… Diamant?“, fragte er. Sein Lächeln wurde richtig strahlend, dann lachte er leise. Die Überraschung in ihrem Gesicht war echt; ebenso echt, wie seine Freude darüber, ihr eine solche Überraschung bieten zu können.
„Ja“, bestätigte er, rutschte von der Spiegelkommode herunter, legte das Schmuckkästchen darauf ab, nahm das Collier heraus und legte es Rose sanft um den Hals. „Sechsundfünfzig Karat, um genau zu sein.“
Rose musste schlucken. Grundgütiger war noch untertrieben, durchfuhr es sie. Allein dieses Collier war ein Vermögen wert. Cal sah ihr im Spiegel in die Augen.
„Er wurde von Ludwig XVI. getragen“, fuhr er fort. „Er nannte ihn la coeur de la mer. Das Herz des Ozeans.“
Die Übersetzung sprachen sie beide gleichzeitig aus. Der Name war völlig passend – so blau und so riesig wie der Ozean war dieser Diamant.
„Er ist überwältigend“, bekannte Rose. Sie meinte damit sowohl die reine Gestalt, die künstlerische Verarbeitung dieser ungeheuren Kostbarkeit, aber auch das pure Gewicht, mit dem der Stein nun um ihren Hals hing. Wenn sie Freude über dies Geschenk empfand, erreichte sie kaum die Lippen und erst recht nicht die Augen. Roses Gesicht war immer noch wie zu einer Maske erstarrt, sprachfähig zwar, aber ausdruckslos und leer.
„Er ist für Könige“, sagte Cal und sah auf ihr gemeinsames Spiegelbild. „Wir sind königlich“, setzte er hinzu und meinte dies – republikanischer Amerikaner oder nicht – auch völlig ernst. Caledon Hockley gehörte zur Spitze des amerikanischen Geldadels, zum Hochadel des Geldes, sozusagen, dessen Krone aus Geldscheinen oder gleich Golddollars bestand. Er kniete neben dem Stuhl nieder, auf dem sie saß, stützte den Kopf auf den linken Arm, den Arm auf die Spiegelkommode und sah sie an, zunächst weiterhin im Spiegel.
„Es gibt nichts, was ich dir nicht schenken könnte“, sagte er sanft. Sein Blick wurde sehnsüchtig. Zum ersten Mal, seit Rose ihn kannte, wirkte er schier entwaffnet durch ihre Schönheit und ihre Eleganz, die von diesem wunderschönen Schmuckstück nur noch unterstrichen wurde. Zum ersten Mal zeigte er Emotionen, die nicht durch Zynismus und Bissigkeit gezügelt wurden, zum ersten Mal wirkte er … verliebt. Er wandte den Blick vom Spiegel ab und sah sie direkt an. Seine dunkelbraunen Augen wirkten wahrhaft warm.
„Ich würde dir nichts verweigern … wenn du dich mir nicht verweigerst“, sagte er und bekam einen richtigen Hundeblick.
„Öffne dein Herz für mich, Rose.“
Er flüsterte beinahe. Rose wusste nicht, wohin mit ihrem Blick. Sie sah wieder in den Spiegel und fühlte sich schon wieder in die Ecke gedrängt. Nein, Cal gab nichts, ohne eine Gegenleistung zu fordern, nicht einmal ein Verlobungsgeschenk …
***
Die gespannten Zuhörer im Computerraum der Keldysh hingen an Roses Lippen und hatten das Gefühl, sie wären direkt in Roses Schlafzimmer auf der Titanic, während sie von bislang gänzlich unbekannten Einzelheiten dieser ersten und letzten Reise dieses legendären Schiffes erzählte
„Natürlich hatte dieses Geschenk nur den Zweck, auf ihn zurückzustrahlen, Caledon Hockleys Größe zu illuminieren. Es war ein kalter Stein … ein Herz aus Eis“, sagte sie und holte ihr Publikum damit wieder in die Gegenwart auf der Keldysh zurück. „Und nach all den Jahren fühle ich noch, dass es sich wie ein Hundehalsband um meine Kehle legte. Ich kann noch immer sein Gewicht spüren. Wenn Sie das gefühlt hätten, nicht nur gesehen …“
„Nun, das ist genau das, was uns vorschwebt, meine Liebe“, warf Brock ein.
„Äh, nur, dass ich das richtig verstanden habe: Sie hatten wirklich vor, sich umzubringen, indem sie von der Titanic springen wollten?“, hakte Lewis ein. „Is’ ja irre!“, jauchzte er und brach in schallendes Gelächter aus
„Lewis …“, versuchte Brock ihn zu bremsen, aber Rose stimmte in das Gelächter ein.
„Sie hätten bloß zwei Tage warten müssen“, kicherte Bodine und wischte sich die Lachtränen ab.
Lovett, der außerhalb von Roses Blickfeld stand, sah auf die Uhr. Er hatte ja nichts gegen spannende Geschichten, er hatte durchaus schon von so etwas profitiert, aber in diesem Fall lief ihm einfach die Zeit weg. Das dauerte hier definitiv zu lange.
„Rose, erzählen Sie uns doch mehr über den Diamanten. Was machte Hockley danach damit?“, fragte er. Rose sah ihn an und durchschaute die Absicht prompt. Nein, so schnell wollte sie ihn nicht von der Angel lassen – nicht, bevor sie nicht die ganze Geschichte losgeworden war und diesen Piraten davon überzeugt hatte, dass auf diesem Schiff Menschen gestorben waren. Menschen mit einer eigenen Geschichte, eigenen Schicksalen; Menschen mit ihrem ganz persönlichen Glück und ihren ebenso ganz persönlichen Katastrophen, auch unabhängig vom Untergang der Titanic. Die Titanic war wesentlich mehr gewesen als ein Luxusdampfer, mit dem durchaus Gegenstände von beträchtlichem Wert ins Reich von Davy Jones gesunken waren.
„Ich fürchte, ich bin ein bisschen müde, Mr. Lovett“, erwiderte Rose. Lizzy griff das Stichwort prompt auf und schob den Rollstuhl mit ihrer Großmutter aus dem Raum.
„Warten Sie!“, rief Lovett hinterher. „Können Sie uns etwas geben, damit wir weitermachen können? Etwa, wer Zugang um Safe hatte? Was ist mit diesem Lovejoy? Kannte er die Kombination?“
„Es ist genug für heute“, bremste Lizzy ihn aus. Sie schob den Rollstuhl weiter, Roses alte Hand winkte noch locker zum Abschied – schier wie zum Hohn.
Am folgenden Tag schwangen die Davits*, in denen die Mir-U-Boote hingen, wieder außenbords, um die Tauchboote erneut zu Wasser zu lassen. Lovett ging mit Buell über das Deck. Sie schlängelten sich zwischen Deckskränen, den Crews zum Ausbooten und Instandhaltungstrupps hindurch.
„Unsere Partner sind ziemlich angepisst“, warnte Buell.
„Bobby, verschaff’ mir Zeit! Ich brauche noch Zeit!“, keuchte Lovett.
„Wir verpulvern hier dreißigtausend am Tag – und wir sind sechs Tage über die Zeit!“, versetzte Buell. „Ich sag’ ihnen, was du mir gesagt hast, aber ich warne dich: Die Hand ist am Hebel und ist drauf und dran, die Reißleine zu ziehen.“
„Dann sag der Hand, ich brauche noch zwei Tage! Bobby, Bobby, Bobby … wir sind ganz nah dran! Ich rieche es, ich rieche das Eis! Sie hat den Diamanten getragen. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wo er geblieben ist. Ich muss sie nur noch ein bisschen bearbeiten, okay?“
Brock drehte sich um und stand geradewegs Lizzy gegenüber. Er ging zu ihr und schob sie von Buell weg, zu einem ruhigeren Platz auf dem Deck.
„Hey, Lizzy, ich würde Sie gern mal ‘ne Sekunde sprechen“, flötete er. Lizzy sah ihn von oben bis unten an.
„Meinen Sie nicht eher, mich zu bearbeiten?“, fragte sie mit beißendem Spott. Brock seufzte. Sie hatte den letzten Satz offensichtlich mitbekommen und auf sich bezogen.
„Sehen Sie, mir läuft die Zeit weg. Ich brauche Ihre Hilfe“, entgegnete er.
„Ich werde Ihnen ganz bestimmt nicht helfen, meine hundertundein Jahr alte Großmutter unter Druck zu setzen. Ich bin hier runtergekommen, um Ihnen zu sagen, sie in Ruhe zu lassen“, versetzte Lizzy eisig. Lovett packte die nackte Verzweiflung.
„Lizzy, Sie sollten etwas wissen: Ich habe alles in die Suche nach dem Herz des Ozeans gesteckt; alles, was ich habe. Meine gesamte Kohle steckt in diesem Unternehmen; meine Frau hat sich über dieser Jagd von mir scheiden lassen. Ich brauche das, was in den Erinnerungen Ihrer Großmutter verschlossen ist“, erklärte er ohne weitere Verbalarabesken. „Sehen Sie das? Genau das hier?“, fuhr er fort und hielt seine Hand auf. Lizzy sah auf seine Handfläche. Sie war leer, aber leicht gewölbt, als ob er sie um ein imaginäres Stück von der Größe eines Hühnereies gelegt hatte.
„Was?“, fragte sie verständnislos.
„Genau so wird meine Hand aussehen, wenn sie sich um das Ding schließen wird. Verstehen Sie? Ich werde hier nicht ohne das Teil verschwinden, klar?“
Lizzy verstand ihn besser, als es für ihn zunächst den Anschein hatte. Sie zuckte mit den Schultern.
„Sehen Sie, Brock, sie macht das auf ihre Art, in der Zeit, die sie dafür braucht. Vergessen Sie nicht, dass sie den Kontakt mit Ihnen gesucht hat. Sie ist aus ihren eigenen Gründen hier draußen. Gott allein weiß, welche das sind.“
„Will sie vielleicht ihren Frieden mit der Vergangenheit machen?“, mutmaßte Lovett.
„Welche Vergangenheit?“, fragte Lizzy, erneut mit den Schultern zuckend. „Bis vor zwei Tagen hat sie nie – nicht ein einziges Mal – ein Wort darüber verloren, dass sie auf der Titanic war.“
Er nickte.
„Dann treffen wir allesamt Ihre Großmutter zum ersten Mal“, konstatierte er mit einem Seufzen. Da lag noch harte Arbeit vor ihm – sowohl, was Rose betraf als auch seine Geldgeber …
Im Computerraum startete Bodine wieder den Kassettenrecorder. Rose starrte auf den Bildschirm, auf dem Livebilder vom Wrack zu sehen waren, die Snoop Dog gerade übertrug. Der Tauchroboter glitt an der Steuerbordseite des Rumpfes in Richtung Heck. Die rechteckigen Fensterausschnitte wanderten nach rechts aus dem Bild.
„Der nächste Tag. Ich erinnere mich, wie sich das Sonnenlicht anfühlte … als ob ich jahrelang keine Sonne auf mir gespürt hätte “, begann sie ihre Erzählung. Die Zuhörer waren sofort wieder von ihrer plastischen Erzählweise gefangen und tauchten ebenso wie Rose in die Vergangenheit ein und hatten das Gefühl, mit ihr zusammen auf dem sonnenüberfluteten Deck der Titanic zu stehen. Der rostige Rumpf wurde in ihrer Vorstellung wieder zur nagelneuen, strahlenden Titanic des Jahres 1912.
***
Es war Samstag, der 13. April 1912. Rose trat in das strahlende Licht des Tages, ging entschlossen zum Ende des Bootsdecks der Ersten Klasse, öffnete die Tür der Reling und stieg auf das Freideck der Dritten Klasse hinunter. Dort hielten sich praktisch ausschließlich männliche Passagiere draußen auf, die von Roses schöner Erscheinung augenblicklich so fasziniert waren, dass sie sofort mit dem aufhörten, was sie gerade taten und der schönen jungen Frau hinterher sahen. Rose kümmerte sich nicht um sie, sondern hielt geradewegs auf den Zugang zum Aufenthaltsraum der Dritten Klasse zu. Dieser Aufenthaltsraum war das soziale Zentrum des Lebens im so genannten Zwischendeck. Er hielt keinem Vergleich mit der Opulenz der Ersten Klasse stand, aber es war ein lauter, wilder Platz voller Leben. Mütter mit Babys saßen auf den Bänken, Kinder tobten dazwischen herum, in diversen Sprachen durcheinander schreiend. Alte Frauen riefen durcheinander, Männer spielten Schach, junge Mädchen stickten oder lasen Groschenromane. Sogar ein Piano stand hier, auf dem Tommy Ryan herum klimperte. Drei Jungen tollten umher, jagten eine Ratte unter die Bänke, droschen mit Schuhen auf sie ein, verursachten damit fast vollständiges Chaos.
Fabrizio versuchte angestrengt, bei einer hübschen Norwegerin namens Helga Dahl, die mit ihrer Familie um einen der Tische saß, den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen.
„Nicht mal ein kleines bisschen Italienisch?“ fragte er. „Vielleicht ein bisschen Englisch?“
„Nein, nein. Norwegisch. Nur“, kratzte sie ihren begrenzten englischen Sprachschatz zusammen. Etwas forderte ihre Aufmerksamkeit, und sie richtete ihren Blick darauf. Fabrizio bemerkte das gleiche und folgte Helgas Blick. Jack, der mit der fünfjährigen Cora Cartmell auf einer Bank saß und mit ihr zusammen lustige Gesichter in seine Skizzenmappe malte, wurde neugierig und sah in die gleiche Richtung, in die auch sein Freund peilte – und sah Rose.
Das Leben im Raum erstarrte plötzlich, als auch andere auf die ungewöhnlich schöne Erscheinung aufmerksam wurden. Es wurde mucksmäuschenstill. Es war nicht allein ihr königliches Auftreten, es war in diesem Fall auch ihr Kleid, das die Aufmerksamkeit erregte und handfest bewies, dass sie hier nicht hergehörte: Es war ein leichtes Tageskleid aus goldfarbenem Satin mit einem breiten Gürtel aus dem gleichen Material, der sich an diesem Kleid tatsächlich um die schmale Taille schlang und mit einer ovalen Schnalle verschlossen war, die wie eine handgroße Brosche wirkte. Darüber trug sie ein schon auf halber Höhe des Busens endendes extra kurzes Boleroteil aus weißer Seide mit doppelten Ärmeln – einem kurzen Oberärmel und ergänzend dazu einem darin eingesetzten langen Unterärmel – das an den Schulternähten, dem Saum des kurzen Oberärmels und dem kleinen Stehkragen mit goldfarbenen Ranken bestickt war.
Rose spürte plötzlich eine ziemliche Verlegenheit, als die Zwischendeckpassagiere sie anstarrten, als sei eine Prinzessin – manche mit Abneigung, manche mit Ehrfurcht. Dann sah sie Jack und schenkte ihm ein kleines Lächeln, ging direkt auf ihn zu. Er erhob sich höflich, um sie zu begrüßen und lächelte.
„Hallo, Jack“, grüßte sie freundlich.
Fabrizio und Tommy waren platt vor Staunen und bekamen den Mund fast nicht mehr zu. Das war eine Situation wie der Moment im Märchen, wenn Cinderella der Schuh passte … Nur, dass hier die Prinzessin ihrem männlichen Aschenbrödel den Schuh anzog …
„Auch hallo“, grüßte Jack mit einem sanften Lächeln.
„Könnte ich Sie einen Moment allein sprechen?“, fragte sie.
„Oh … ja. Natürlich. Nach Ihnen“, sagte er und lotste sie wieder zurück, folgte ihr. Fabrizio und Tommy warf er einen Blick über die Schulter zu, eine Augenbraue hochgezogen – von wegen: Da ist kein Herankommen …
Wenig später spazierten sie auf dem B-Deck, dem Bootsdeck der Ersten Klasse. Rose wollte den jungen Mann, der ihr Leben gerettet hatte, gern etwas näher kennen lernen – und damit der Anstand sicher gewahrt wurde, ging das am besten mit einem Spaziergang in aller Öffentlichkeit, so dass jeder sehen konnte, dass nichts geschah, was ihre Ehre in irgendeiner Form in Gefahr geraten lassen würde.
„Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr bin ich auf mich allein gestellt. Da sind meine Eltern gestorben. Ich hatte keine Geschwister und keine Verwandten in der Gegend. Also hab’ ich das Weite gesucht und bin seitdem auch nicht mehr da gewesen. Ich bin wie ein Blatt, das vom Wind hin und her geweht wird“, berichtete er. Dann verzögerte er den Schritt. „Also … Rose …“, setzte er vorsichtig an, „wir sind jetzt etwa eine Meile auf diesem Deck herumgelaufen, haben darüber geredet, was für ein herrliches Wetter wir haben und darüber wie ich aufgewachsen bin. Aber das war sicher nicht der Grund, weshalb sie mich sprechen wollten“; sagte er. Rose knetete verlegen die Hände.
„Mr. Dawson, ich …“, setzte sie nun ihrerseits zögernd an.
„Jack!“, korrigierte Dawson mit einem sanften Lächeln.
„Jack …“, probierte sie vorsichtig die vertrauliche Anrede aus und hoffte, dass niemand mitbekam, dass sie den Zwischendeckpassagier mit Vornamen anredete. „Ich wollte mich bei Ihnen bedanken. Nicht nur dafür, dass Sie … dass Sie mich wieder heraufgezogen haben, sondern auch für Ihre Diskretion“, sagte sie. Jack lächelte sie freundlich an.
„Gern geschehen“, erwiderte er.
„Hören Sie …“, fuhr sie fort und wandte sich von ihm ab. „Ich kann mir gut vorstellen, was Sie von mir denken: armes, kleines reiches Mädchen. Was weiß die schon vom Elend“, mutmaßte sie und sah wieder vorsichtig zu ihm zurück. Er trat an die Reling und hielt sich an einer der Wanten* fest, die einen der Schornsteine fixierten.
„Nein“, widersprach er, „das hab’ ich nicht gedacht. Ich hab’ mir gedacht: Was kann diesem Mädchen zugestoßen sein, dass sie glaubt, keinen Ausweg mehr zu haben?“, gab er seine Gedanken preis. Rose sah ihn an und fand Ehrlichkeit in seinem Blick. Sie beschloss, ihn über ihre Situation aufzuklären.
„Nun ja, es … es gibt sehr viele Gründe dafür“, setzte sie an, machte eine schrecklich hilflos wirkende Bewegung mit beiden Armen und trat ebenfalls an die Reling. „Meine ganze Welt und alle Menschen darin. Die Leere, die sich in meinem Leben ausbreitet und meine Machtlosigkeit, etwas dagegen zu unternehmen“, sagte sie, was für Jack zunächst noch etwas rätselhaft klang. Sie streckte ihm ihre linke Hand entgegen, an der ein diamantbesetzter Verlobungsring im Sonnenlicht glitzerte. Jack bekam große Augen.
„Oh, Gott! Was für ein Klunker!“, stieß er hervor. „Damit wär’n Sie ganz sicher untergegangen“, setzte er scherzend hinzu.
„Fünfhundert Einladungen sind verschickt worden. Die ganze Gesellschaft von Philadelphia wird da sein! Und die ganze Zeit habe ich das Gefühl, ich stehe in der Mitte eines überfüllten Raumes und schreie aus vollen Leibeskräften, doch niemand sieht auch nur zu mir hoch“, erklärte sie ihre Not. Jack begriff, dass es ihr vor der offiziellen Verlobung und wohl auch vor der Ehe mit dem Mann, den er bei ihr gesehen hatte, graute. Er fragte er sich im Stillen, weshalb sie dem Typen nicht den Laufpass gab, wenn das so war.
„Lieben Sie ihn?“, fragte er. Rose sah ihn an, als wären ihm Hörner gewachsen.
„Wie bitte?“, hakte sie nach, weil sie meinte, sich verhört zu haben.
„Lieben Sie ihn?“, wiederholte Jack.
„Sie sind sehr taktlos! Sie dürfen mich so etwas nicht fragen!“, wies sie ihn zurecht. Diese Frage stellte man in ihren Kreisen nicht – erstens deshalb, weil Liebe in dieser gesellschaftlichen Größenordnung keine Rolle spielte und Geld gerne mit Geld verheiratet wurde, um es zu vermehren. Gefühle störten da nur. Zum anderen, weil die Frage gesellschaftsmoralisch in etwa der gleichkam, ob sie nackt auf dem Times Square mit ihrem Verlobten tanzen würde …
Jack fand allerdings nichts Falsches an seiner Frage. In seinen Kreisen wurde in der Regel aus Liebe geheiratet. Ob das ein Leben lang hielt, mochte eine andere Frage sein, aber man entschied sich bewusst füreinander, weil man sich mochte. Selbst wenn die Frage der Versorgung durchaus eine Rolle spielte, suchte sich das einfache Volk immer noch einen Partner fürs Leben, den man jedenfalls zu dem Zeitpunkt gut leiden konnte, an dem man sich für diese Person entschied. Ihre Reaktion zeigte die ganze Diskrepanz ihrer gesellschaftlichen Stellung und Weltanschauung.
„Ist doch ’ne ganz einfache Frage“, bohrte er hartnäckig weiter. „Lieben Sie den Kerl oder lieben Sie ihn nicht?“
„Hä? Das ist ja wohl kein Thema für eine Konversation!“, giftete sie. Jacks Lächeln verbreiterte sich noch. Irgendwie war sie richtig süß, wenn sie sich aufregte …
„Wieso können Sie nicht einfach antworten?“, fragte er mit einem unübersehbaren Grinsen im Gesicht. Rose allerdings regte sich nicht künstlich auf. Die Frage nach Liebe gehörte sich einfach nicht – so war sie erzogen worden. Sie lachte gereizt auf, warf die Hände in einer geradezu verzweifelten Geste hoch. Das kam davon, wenn man sich mit dem einfachen Pack einließ, schienen ihr Engelchen und Teufelchen gleichzeitig zu sagen, die es sich in imaginärer Gestalt auf ihren Schultern bequem gemacht hatten.
„Das ist absurd!“, stieß sie hervor. „Sie kennen mich nicht und ich kenne Sie nicht! Und wir sollten nicht so eine Unterhaltung führen!“
Sie nahm seine Hand und schüttelte sie – viel zu lange. Jack überließ sie ihr mit einem spöttischen Lächeln. Wirklich niedlich, wie sie sich gerade aufplusterte …
„Sie sind taktlos, ungehobelt und unverschämt und ich … werde jetzt gehen. Jack – Mr. Dawson – es war mir ein Vergnügen. Ich wollte Sie sehen, um mich bei Ihnen zu bedanken. Das hab’ ich auch getan …“
„… und Sie haben mich beleidigt“, grinste Jack und schüttelte weiterhin ausdauernd ihre Hand.
„Sie haben es auch verdient!“, grollte sie.
„Genau“, schmunzelte er.
„Genau“, bestätigte sie.
„Ich dachte, Sie wollten gehen“, spöttelte er, als sie immer noch seine Hand hielt, sie kräftig schüttelte und keine Anstalten machte, das Deck zu verlassen.
„Ja, das tue ich auch!“, knurrte sie, drehte sich um, und setzte zum Gehen an. „Über Sie kann man sich wirklich ärgern!“, schnaubte sie noch. Jack konnte sich nicht mehr beherrschen und lachte los.
Im selben Moment fiel ihr ein, wo sie tatsächlich waren. Sie machte wieder kehrt.
„Warten Sie! Das ist mein Bereich des Schiffes! Ich brauche gar nicht zu gehen! Sie werden gehen!“, fauchte sie und machte eine hinfort weisende Handbewegung.
„Hohoho, sieh an, sieh an! Wer ist hier taktlos?“, stimmte er – sich weiterhin köstlich über sie amüsierend – in ihren Streitton ein. Rose wirkte ertappt. Sie hatte ihn hierher eingeladen … Es war unhöflich, ihn nun fortzujagen. Ganz abgesehen davon, dass er sich nicht fortjagen ließ. Sie bemerkte die Ledermappe, die er die ganze Zeit unter dem Arm trug. Mit einem schnellen Griff schnappte sie sich die Mappe.
„Was ist das eigentlich Albernes, was Sie da mit sich herumtragen?“, fuhr sie ihn im Kontrolleurston an. „Was sind Sie? Ein Künstler oder so etwas?“, versetzte sie schnippisch und begann, in der Mappe zu blättern. Jack ließ sie gewähren. Es dauerte nur Sekunden, bis sie stutzte. Das, was sie hier zu sehen bekam, waren Zeichnungen von jemandem, der davon etwas verstand …
„Also … die sind ziemlich gut“, gestand sie zögernd ein und setzte sich mit der Mappe auf einen freien Deckstuhl. „Die sind … äh … sehr gut, um ehrlich zu sein. Jack, das sind hervorragende Arbeiten!“
Das klang absolut ehrlich und war auch so gemeint, wie er schnell feststellte. Er setzte sich auf den Stuhl links neben ihr, knetete die Hände und stützte sich mit den Unterarmen auf den Knien ab. Er zuckte mit den Schultern. Enttäuschung warf Schatten auf sein bisher so sonniges Lächeln.
„Im alten Pari’“ – er sprach es französisch aus – „war’n sie davon nicht so begeistert“, sagte er.
„Paris?“, hakte sie nach um sicherzugehen, dass sie ihn richtig verstanden hatte. Er nickte nur. Rose begriff, dass er dort nichts damit verdient hatte … Das Bild, das sie gerade ansah war wohl auch das, was man am Ende dieses noch so jungen Jahrhunderts recycelt nennen würde: Es zeigte eine Frau mit Hut und Mantel mit Pelerine und Fuchsfell. Den Mantel hatte sie geöffnet und die Brüste freigelegt, um dem Kind in ihren Armen die Brust zu geben. Nachdem es offenbar keinen Käufer gefunden hatte, hatte Jack den linken Teil der freien Fläche für die Studie eines verschränkten Handpaares genutzt.
„Sie kommen ja viel herum für einen A…“, setzte sie an, brach aber ab, weil ihr das Wort beleidigend erschien, das sie beinahe benutzt hätte. „Na ja, für jemanden mit begrenzten Mitteln …“, entsann sie sich einer höflicheren Formulierung. Jack fand sein strahlendes Lächeln wieder.
„Raus mit der Sprache: für einen armen Kerl. Sie können’s ruhig sagen“, erwiderte er mit dem ihm eigenen sonnigen Lächeln. Rose blätterte weiter. Sie fand das Bild eines kleinen Mädchens, das nackt auf dem Schoß seines Großvaters saß. Von dem Großvater war kaum mehr zu sehen als die großen Hände, die die Kleine hielten. Dann fand sie Aktzeichnungen, teilweise ebenfalls zusätzlich für Detailstudien genutzt. Die Zeichnungen wirkten derart lebensecht, dass sie das Gefühl hatte, die gezeichneten Frauen würden sich im nächsten Moment bewegen.
„Wunderbar! Fantastisch!“, schwärmte sie „Haben Sie das nach lebenden Modellen gezeichnet?“, fragte sie und schloss die Mappe, als jemand vorüberging. Besonders ältere Herrschaften – ganz speziell die Damen der Gesellschaft – waren überaus prüde, schienen zu fürchten, beim Anblick nackter Körper blind zu werden und hätten sie sicher gehörig angefahren, hätte sie gesehen, was sie so faszinierte.
„Ja, das ist eine der guten Seiten von Paris. Viele Frauen sind bereit, ihre Sachen auszuziehen“, sagte er. Rose blätterte weiter
„Diese Frau mochten Sie“, bemerkte sie. „Sie haben sie mehrere Male gezeichnet.“
„Sie … äh … hat wundervolle Hände. Sehen Sie“, warf Jack ein und blätterte weiter. Die Studie einer weiblichen Brust mit einer davor gehaltenen Hand kam zum Vorschein, dann beide Hände, die offenbar hinter den Rücken gehalten wurden.
„Ich könnte mir vorstellen, Sie hatten eine Affäre mit ihr …“, mutmaßte Rose mit einem schelmischen Lächeln.
„Nein, nein, nein“, entgegnete er. „Nur mit ihren Händen. Sie war … eine einbeinige Prostituierte.“
Er blätterte weiter und zeigte Rose ein Bild, das sie ganz zeigte.
„Oh …“, bemerkte sie mit gewisser Verlegenheit.
„Tjaaa … Sie hatte Sinn für Humor.
Er blätterte noch weiter und zeigte ihr das Bild einer älteren Dame, die mit Hut und Mantel an einem Tisch saß, vor sich ein Glas Wein, die über und über mit Schmuck behangen war. Nur der rechte Ringfinger war ohne Ring.
„Oh, und diese Dame hier … sie saß jeden Abend in einer Bar“, kommentierte er. „Sie trug allen Schmuck, den sie besaß und … äh … wartete auf ihre längst verflossene Liebe. Wir nannten sie Madame Bijoux. Ihre Sachen … waren ganz mottenzerfressen.
„Ach … wirklich … Sie haben Talent, Jack. Ganz ehrlich. Sie sehen die Menschen“, lobte sie seine Kunst. Es klang absolut ehrlich und aufrichtig. Er sah sie von unten her an.
„Ich sehe Sie“, sagte er – und auch das klang sehr ehrlich, schon fast vertraulich, so wie er leise sprach. Rose konnte nicht anders, als den vorsichtigen Flirt aufzugreifen.
„Und?“, fragte sie kokett. Jack sah sie ernsthaft an, für einen Flirt viel zu ernsthaft.
„Sie wär’n nicht gesprungen“, stellte er fest.
Kapitel 9
Peinlichkeiten
Ruth DeWitt Bukater saß mit Lucy Noël Martha Dyer-Edwards, der Gräfin von Rothes, beim Tee in der Empfangshalle des D-Decks. Die Damen unterhielten sich über Bildung im Allgemeinen und Universitäten im Besonderen.
„Der Zweck einer Universität ist, dort einen geeigneten Ehemann zu finden“, gab Ruth ihre persönliche Vorstellung von der Daseinsberechtigung einer solchen Bildungseinrichtung preis, jedenfalls, wenn es um darum ging, ob Frauen Universitätsbildung haben sollten.
„Und das ist Rose bereits gelungen“, setzte sie hinzu, womit sie klarstellen wollte, dass ihre Tochter auf einer Universität nun sicher nichts mehr zu suchen hatte. Die Gräfin saß im rechten Winkel zu Ruth und hatte die Rezeption im Blick, wo in diesem Moment gerade Molly Brown um die Ecke kam.
„Sehen Sie nur, da kommt Mrs. Brown, diese vulgäre Person“, zischte sie mit aller Verachtung, die der alte Adel einer solchen neureichen Person entgegenbrachte. Ruth hatte die bemerkenswerte Fähigkeit, missachtenswerte Menschen wahrzunehmen, ohne sie anzusehen. Sie spürte Mollys Anwesenheit und sah doch stur geradeaus.
„Schnell, stehen wir auf, bevor sie sich zu uns setzt“, entschied sie. Doch Molly Brown war ebenfalls mit Scharfblick gesegnet und hatte ihre angestrebten Gesprächspartnerinnen bereits gesichtet. Sie kam näher.
„Hallo, Mädels!“, grüßte sie burschikos. „Ich hatte gehofft, Sie hier beim Tee zu treffen“, sagte sie. Ruth sah sie geradezu von oben herab an, obwohl sie noch nicht einmal ganz aufgestanden war.
„Den haben Sie verpasst. Wir sind untröstlich“, erwiderte sie. Es war deutlich zu hören, dass sie ganz und gar nicht traurig war, Molly nicht beim Tee dabei gehabt zu haben. „Die Komtesse** und ich wollten uns gerade auf dem Bootsdeck ein wenig die Füße vertreten“, setzte sie hinzu. Molly Brown ließ sich nicht davon beeindrucken, zwischen den Worten herauszuhören, dass sie eigentlich nicht zur Begleitung ausersehen war.
„Toll“, frohlockte sie vielmehr, „dann könnte ich meinen Klatsch und Tratsch auf den neuesten Stand bringen.“
Die Damen, die beim Tee gesessen hatten, wollten die Amerikanerin ignorieren und schwebten geradezu an ihr vorbei, aber Molly ließ nicht locker. Mit freundlichem Lächeln wandte sie sich der Gräfin zu.
„Guten Tag, Komtesse …“, grüßte sie. Eisig schweigend ging die Gräfin an ihr vorbei, Molly folgte ihnen hartnäckig.
Alle gingen an einem Tisch vorbei, an dem Bruce Ismay und Captain Smith saßen. Ismay rauchte eine Zigarette und sah auf gefaltete Papiere in seiner rechten Hand, die den Tagesbericht enthielten.
„Die letzten vier Kessel sind also noch gar nicht angefeuert worden“, stellte der Reedereivorstand fest. Es klang nur mäßig begeistert. Der Umstand entsprach offensichtlich nicht seinen Vorstellungen davon, wie dieses Schiff gefahren zu werden hatte. Captain Smith schüttelte sein in Ehren weiß gewordenes Haupt.
„Nein, ich sehe keinen Grund dazu“, entgegnete er. „Wir liegen hervorragend in der Zeit.“
Ismay faltete den Bericht wieder zusammen.
„Die Presse kennt die Größe der Titanic. Jetzt will ich, dass sie ihre Geschwindigkeit bewundert. Wir müssen ihnen etwas Neues zu berichten geben“, sagte er und nahm die Hände zum Reden zu Hilfe. „Die Jungfernfahrt der Titanic muss unbedingt Schlagzeilen machen.“
So, wie er bestimmt gestikulierte, duldete seine Rede keinerlei Widerspruch. Doch Smith hatte gute Gründe, mit dem nagelneuen Schiff vorsichtig umzugehen.
„Mr. Ismay …“, setzte er gleichwohl leicht zögernd an. Der Vorstand der Reederei kam nach seiner eigenen Auffassung gleich nach Gott, wenn nicht noch davor, dessen war Smith sich bewusst. Wenn er dessen Wünschen widersprach, konnte er das nur mit äußerster Vorsicht tun.
„Ich würde die Maschinen ungern unter Volllast laufen lassen, solange sie nicht eingefahren sind“, gab er seinen Bedenken Ausdruck.
Ismay nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. Er liebte es nicht, wenn man ihm widersprach. Andererseits war sein Fachgebiet die kaufmännische Seite der Reederei. Er war kein Nautiker. Er beugte sich etwas vor.
„Ich bin nur ein Passagier. Ich überlasse es Ihrem Sachverstand, zu entscheiden, was am besten ist“, räumte er ein, um gleich darauf nachzusetzen: „Aber was wäre es für ein grandioser Abschluss Ihrer letzten Überfahrt, wenn wir schon Dienstagabend in New York einlaufen und alle überraschen würden! Es wäre in allen Morgenzeitungen. In den Ruhestand mit einem Feuerwerk! Na, E. J.?“
Smith wurde das Gefühl nicht los, dass Ismay eher eine Meuterei anzetteln würde, als auf den Captain dieses Schiffes zu hören. Wer konnte schon wissen, was für Schwierigkeiten er ihm noch machen würde, wenn er sich diesen Wünschen nicht beugte. Zögernd nickte der Captain. Ismay lächelte maliziös.
„Guter Mann“, lobte er. Er bekam eben immer, was er wollte …
Rose und Jack spazierten noch immer über das Deck, kamen an Passagieren vorbei, die im sich neigenden Tageslicht in Deckstühlen den Tag genossen, Stewards huschten herum, um Tee oder Kakao zu servieren. In Jacks Gesellschaft wurde Rose zu einer unbekümmerten Siebzehnjährigen, die aufgeregt und mädchenhaft von ihren Träumen sprach.
„Wissen Sie, es war schon immer mein Traum, das alles hinzuschmeißen und Künstlerin zu werden … in einer Dachkammer zu leben … arm, aber frei“, gab sie einen geheimen Wunsch preis. Jack bekam die Assoziation mit Carl Spitzwegs berühmtem Gemälde vom armen Poeten, der in seiner ungeheizten Dachkammer im Bett liegt, um sich warmzuhalten, einen Schirm aufgespannt hat, um sich der Undichtigkeit des Dachs zu erwehren … Er musste lachen.
„Das würden Sie keine zwei Tage durchhalten. Da gibt’s kein heißes Wasser, keinen Kaviar …“, spöttelte er. Rose blieb stehen und blitzte ihn an.
„Hör mal, Bursche: Ich hasse Kaviar!“, grollte sie. „Und ich habe die Leute satt, die mir über den Kopf streicheln und über meine Träume nur lachen können!“, fauchte sie in einem erneuten plötzlichen Wutausbruch. Jack spürte, dass er einen Fehler gemacht hatte. Anders als die so genannte gehobene Gesellschaft hatte er aber kein Problem damit, das auch zuzugeben.
„Es tut mir Leid. Wirklich. Entschuldigung“, bat er. Rose merkte, dass er es absolut ehrlich meinte. Er war anders als die anderen. Besonders anders als Cal, mit dem sie über ihre Träume gewiss nicht reden konnte – obwohl er den finanziellen Hintergrund hatte, ihr das oft mühsame Anlaufen einer Künstlerkarriere zu ermöglichen.
„Schon gut“, ruderte sie zurück und akzeptierte seine Bitte um Entschuldigung. „Da ist etwas in mir, Jack. Ich fühle es. Ich weiß nicht was es ist, ob ich eine Künstlerin sein sollte oder … ich weiß nicht … eine Tänzerin. Wie Isadora Duncan – ein wilder, heidnischer Geist“, sagte sie. Isadora Duncan, die berühmte Tänzerin und Choreografin, geboren in Amerika, hatte es in Europa zu Weltruhm gebracht, hatte mit dem Ausdruckstanz antike Vorbilder wiederbelebt und trug auch gern antike Kleidungsstücke wie den griechischen Chiton** oder die römische Tunika.
Rose sprang nach vorn, landete geschickt und wirbelte wie ein Derwisch herum. Es war erkennbar, dass sie Ballettunterricht gehabt hatte. Ihr Gesicht leuchtete noch mehr auf, als es das bereits ob dieser gelungenen Übung tat, denn weiter vorn hatte sie etwas erspäht.
„… oder eine Filmschauspielerin“, fügte sie hinzu, nahm Jack bei der Hand und rannte mit ihm dorthin, wo Mary und Daniel Marvin auf dem Deck waren. Daniel drehte einen Film, kurbelte an seiner großen hölzernen Kamera, was das Zeug hielt, während Mary immer noch steif wie die Gliederpuppe eines Malers an der Reling posierte.
„Du bist traurig. Traurig, traurig, traurig. Du hast deinen Liebsten an Land zurückgelassen. Vielleicht wirst du ihn nie wiedersehen. Versuch’, noch etwas trauriger zu sein, Liebling“, gab er Regieanweisungen. Mit einem Mal platzte Rose in die Aufnahme und warf sich in eine theatralische Pose gleich neben Mary, die in Gelächter ausbrach. Rose zog auch Jack ins Bild und animierte ihn, ebenfalls zu posieren. Er ließ sich nicht zweimal bitten.
Daniel Marvin lächelte und ergriff die sich bietende Gelegenheit beim Schopf, improvisierte Szenen eines Stummfilms zu drehen. Er gestikulierte und gab lauthals Regieanweisungen. Mary, Rose und Jack spielten vor der Kamera, wie Daniel es ihnen ansagte: Rose posierte in tragischer Haltung an der Reling, den Handrücken in schierer Verzweiflung vor die Stirn drückend – deutlich besser als Mary zuvor, die diese Tragik nicht auszudrücken vermochte. Mal gaben die Mädchen die Sklavinnen, die dem als Pascha im Deckstuhl lümmelnden Jack Luft zufächelten; mal kniete Jack händeringend und flehend wie ein jammervoller Romeo vor Rose, die eine ge-langweilte Julia spielte und sich voller Verachtung von ihm abwandte. Dann drehte Rose, während Jack und Daniel sich ein dramatisches Westernduell lieferten, das Jack gewann, sich grinsend der Kamera zuwandte und einen imaginären Schnurrbart zwirbelte wie der Serial-Bösewicht Snidely Whiplash.
Den ganzen Nachmittag über amüsierten sich die jungen Leute auf diese Weise. Als das Licht sich zum westlichen Horizont neigte, die Sonne das Schiff und seine Passagiere in orangerotes Licht tauchte, standen Rose und Jack Schulter an Schulter an der Backbordreling des Promenadendecks der Ersten Klasse. Es war ein wahrhaft magischer Moment, ein perfekter Augenblick.
„Und wie ging es dann weiter, Mr. Wandering Jack?“, erkundigte sich Rose mit einem spitzbübischen Lächeln, das so dekorative Grübchen um ihre Mundwinkel erscheinen ließ.
„Später hab’ ich auf einem Fischerboot in Monterrey gearbeitet. Als das in Arbeit ausartete, ging ich zum Santa-Monica-Pier in Los Angeles. Das is’ ‘n toller Platz! Die haben sogar eine Achterbahn da! Dort hab’ ich angefangen, für zehn Cent das Stück Porträts zu zeichnen“, sagte er.
„Ein ganzes Porträt für zehn Cents?“ hakte sie verblüfft nach. Gegen Jack war der billige Jakob ein Wucherer … Er begriff nicht, was sie meinte.
„Ja, das war richtiges Geld“, erwiderte er, durchaus stolz auf dieses selbst erarbeitete Geld. „Manchmal habe ich einen Dollar am Tag verdient – aber nur im Sommer. Als es kalt wurde, bin ich nach Paris gegangen, um zu sehen, was richtige Künstler tun.“
Sie wandte sich wieder der sinkenden Sonne zu, seufzte leise.
„Wieso kann ich nicht wie Sie sein, Jack? Einfach auf den Horizont zugehen, wann immer mir danach ist?“
Sie machte eine Pause und wandte sich wieder Jack zu.
„Warum fahr’n wir nicht mal gemeinsam zu dem Pier? Und sei’s drum, dass wir nur darüber reden …“, fragte sie ihn. Er lächelte.
„Nein, wir werden es machen“, entgegnete er. „Wir trinken Bier, wir fahr’n mit der Achterbahn bis uns schlecht wird“, entwarf er einen Reiseplan. Rose lachte amüsiert.
„Wir mieten uns ‘n paar Pferde am Strand und reiten durch die Brandung“, fuhr er fort. „Sie müssen dann wie ‘n richtiger Cowboy reiten. Vergessen Sie diesen Damensattel.“
Rose sah ihn verblüfft an.
„Sie meinen … ein Bein auf jeder Seite???“, entfuhr es ihr. Sie ging beinahe in Deckung, als sie das halblaut aussprach. Wie skandalös! Und wie aufregend … Jacks Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen.
„Ja“, bestätigte er. Rose musste schlucken.
„Zeigen Sie mir das?“, fragte sie beinahe schüchtern.
„Klar, wenn Sie woll’n?“, versprach er.
„Sie bringen mir bei, wie ein Mann zu reiten“, hakte sie nochmals nach. Er nickte.
„Und wie ein Mann Tabak zu kauen“, setzte er hinzu.
„Und wie ein Mann zu spucken“, ergänzte sie amüsiert, ohne es wirklich ernst zu meinen.
„Haben Sie das etwa auf der Höheren Töchterschule nicht gelernt?“, erkundigte er sich spöttisch.
„Nein“, lachte sie. Er nahm sie bei der Hand.
„Kommen Sie, ich zeig’s Ihnen. Na los!“, rief er fröhlich.
„Was?“, fragte sie verstört. Das meinte er doch wohl nicht ernst!
„Kommen Sie, ich zeig Ihnen wie das geht“, sagte er und zog sie von der Reling weg. Rose realisierte, dass er ihr tatsächlich Unterricht im Weitspucken geben wollte. Ihre Erziehung trat umgehend auf die Bremse.
„Nein!“, protestierte sie und wollte ihn zurückhalten. Er ließ nicht locker.
„Kommen Sie!“, wiederholte er und zog sie einfach mit sich.
„Nein, Jack!“
„Keine Angst“, beruhigte er sie, aber Rose war klar, dass das einfach unmöglich war – und nicht nur, weil sie sich auf einem Erster-Klasse-Deck befanden …
„Warten Sie, Jack! Nein!“
„Kommen Sie!“
„Nein, Jack, das geht auf gar keinen Fall!“
Doch ihr dauernder Protest prallte an ihm ab wie das Wasser vom Bug der Titanic. Er zerrte sie zum überdachten Teil des Decks, wo bei entsprechenden Übungen niemand getroffen werden konnte, weil hier nur die glatte Schiffswand unter ihnen war. Jack nahm zum Reden eine Hand zu Hilfe, als er sagte:
„Sehen Sie genau zu.“
Er zog mit der Nase hoch, bog den ganzen Oberkörper nach hinten, holte Schwung und spie mit diesem Schwung kräftig über Bord
„Das ist ja ekelerregend!“, rief sie geradezu angewidert. Jack störte sich nicht daran.
„Gut. Jetzt sind Sie dran“, lächelte er. Sie tat es ihm gleich, aber es wurde ein Miniaturspritzer.
„Das war erbärmlich“, kritisierte er ihren untauglichen Versuch. „Na los! Sie müssen es von ganz tief unten hochholen“, ergänzte er und führte es ihr nochmals vor.
„Ungefähr so. Dann zurück, den Hals zurück“, kommentierte er und schleuderte nochmal ordentlich was von sich. „Haben Sie gesehen, wie weit das war?“, jubelte er über den Erfolg wie ein kleiner Junge. Rose bestätigte mit zustimmendem Brummen und bekam nun doch Spaß daran.
„Okay, versuchen Sie’s“, sagte er. Sie folgte seiner Lehre. Das Ergebnis war schon anders als vorher.
Nicht weit von den jungen Leuten entfernt, spazierten Ruth DeWitt Bukater, die Gräfin von Rothes und Margaret Brown über das Deck in Richtung Heck, steuerten genau auf Jack und Rose zu, die davon freilich nichts ahnten.
„Das war schon besser“, lobte er Roses Bemühungen, „aber Sie müssen noch etwas üben“, sagte er. Ruth, die Gräfin und Molly hatten Lehrer und Lernende erreicht und sahen mit blankem Entsetzen, was da geschah. Rose bemerkte sie und schüttelte Jack mehrfach am Arm, um ihn an der Ausführung zu hindern, aber er bekam es in seinem Lehreifer nicht mit.
„Versuchen Sie, ganz viel zusammenzukriegen, dann ist es einfacher. Schön hochziehen“, sagte er und machte es gleich erneut vor. Erst jetzt wirkte Roses Bremse mit der Folge, dass nicht alles wegflog, sondern etwas an seinem Kinn hängenblieb. Er drehte sich um und wäre nun doch beinahe im Erdboden versunken, wären nicht Schiffsplanken und Wasser dazwischen gewesen. Rose versuchte mit nervösem Lachen die Situation zu retten:
„Mutter … Darf ich dir Jack Dawson vorstellen?“
Ruth sah den jungen Mann an und hatte einen derart kalten Blick, dass Eiszapfen an ihren Worten zu hängen schienen, als sie sagte:
„Ich bin entzückt.“
Selten war die damit eigentlich verbundene Anerkennung des Gegenübers mit größerer Falschheit ausgesprochen worden als diese. Molly, die einen Schritt hinter Ruth stand, bemerkte den feuchten Klecks an Jacks Kinn und wies auf ihr eigenes Kinn. Er verstand und wischte eilig den Fleck des Anstoßes ab.
♦♦♦
„Die anderen waren dankbar und neugierig auf den Mann, der mir das Leben gerettet hatte. Aber meine Mutter sah ihn an wie ein … Insekt. Ein gefährliches Insekt, das schnellstens zerquetscht werden musste“, kommentierte die alt gewordene Rose auf der Keldysh das Verhalten ihrer Mutter und der beiden anderen Damen.
♦♦♦
Molly jedoch fand erheblich wärmere und ernster gemeinte Worte für den jungen Mann:
„Nun, Jack; klingt, als wär‘n Sie der Mann, den man in seiner Nähe haben sollte, wenn’s brenzlig wird.“
Im selben Moment trat hinter ihnen ein Steward auf das Deck hinaus und blies auf der Trompete das Signal zum Dinner. Alle zuckten erschrocken zusammen.
„Wieso machen die zum Essen immer so einen Krach, als würde ein ganzes Regiment angreifen?“, fasste Molly kopfschüttelnd den Unmut der vier Damen und des einen Herrn zusammen. Rose ergriff die Gelegenheit beim Schopf, um weitere Peinlichkeiten abzuwenden. Sie nahm ihre Mutter am Arm.
„Gehen wir uns umziehen, Mutter?“, fragte sie mit nervösem Lachen. Ruth nickte hoheitsvoll und wandte sich mit ihrem rebellischen Früchtchen ab, um zur Suite zwecks Umkleidens zurückzukehren. Rose drehte sich noch einmal um und winkte Jack.
„Wir sehen uns beim Dinner, Jack.“
Er sah ihr nach und gestand sich ein, von diesem Mädchen fasziniert zu sein. Molly erkannte die Gefahr, die dem jungen Mann drohte.
„Kleiner“, sprach sie ihn an, doch er war völlig von Rose abgelenkt wie schon am Abend zuvor, als er sie auf dem oberen Freideck gesehen hatte.
„Kleiner!“, machte Molly ihn etwas amtlicher auf sich aufmerksam. Er wendete ihr tatsächlich den Blick zu.
„Haben Sie die leiseste Ahnung, worauf Sie sich da einlassen?“, fragte sie, als er sie ansah. Er grinste jungenhaft.
„Nein, nicht so ganz“, räumte er ein.
„Nun, Sie begeben sich in eine Schlangengrube“, sagte sie und sah ihn von oben nach unten prüfend an. „Was wollten Sie eigentlich anziehen?“, erkundigte sie sich skeptisch. Er machte eine hilflose Geste. Er besaß nichts anderes, als das, was er gerade am Leibe trug.
„Dzzzz … hab’ ich mir doch gedacht!“, seufzte Molly. „Kommen Sie mit!“
Sie brachte Jack in ihre Suite, wo sie ihn zunächst ins Bad steckte. Während er badete, packte sie einen nagelneuen Frackanzug nebst Hemd, Weste und weißer Fliege aus, den sie für ihren Sohn in Paris hatte anfertigen lassen. Als Jack aus dem Bad kam, kleidete er sich mit Mollys Hilfe an. Zu guter Letzt zog sie ihm den Frack über.
„Ich wusste es!“, jubelte sie. „Sie und mein Sohn haben beinahe dieselbe Größe.“
Jack zupfte den Frack zurecht und betrachtete sich im Spiegel. Kleider machten Leute, diese Annahme galt immer noch. Er erkannte sich fast nicht wieder.
„Ja, fast“, bestätigte er. Mollys Blick glitt anerkennend über den eleganten jungen Mann. Er hatte schon in der einfachen Kleidung ganz annehmbar ausgesehen; jetzt – frisch gebadet, ordentlich gekämmt und elegant angezogen – stand ein wirklich gutaussehender Junge vor dem Spiegel. Er war wie ein Rohdiamant, erkannte sie. Richtig geschliffen würde er alle anderen Männer auf diesem Schiff mühelos ausstechen. Seine offene Art, seine Unbekümmertheit und seine Freundlichkeit, die keinesfalls gespielt war, hoben ihn wohltuend von jenen ab, die meinten, die Welt sei ihnen als Eigentum in die Wiege gelegt worden.
Ein anerkennender Pfiff entwich Mollys Lippen. Sie konnte nicht anders. Sie trat hinter ihn und nahm ihn an den Armen, drückte ihn kräftig.
„Sie glänzen wie ein neuer Penny!“, sagte sie und lachte herzhaft. Hockley meinte, sich einen Spaß machen zu können, das wusste sie. Sie hatte die kleine Teufelei in dessen Einladung erkannt. Was der konnte, konnte sie schon lange. Und dieser Junge hier, der würde sich nicht hochnehmen lassen. Dafür würde sie sorgen. Im Geiste hatte sie den gutaussehenden jungen Mann für die Dauer dieser Reise adoptiert …
Kapitel 10
Schaulaufen zum Dinner
Von Molly herausgeputzt steuerte Jack auf den Zugang des Treppenhauses der Ersten Klasse zu. Ein Steward öffnete die Tür und verbeugte sich leicht.
„Guten Abend, Sir“, begrüßte er den jungen Mann, der die Verbeugung leicht und in angemessener Geringfügigkeit erwiderte. Doch während es bei den männlichen Passagieren der Ersten Klasse tatsächlich Geringschätzung des arbeitenden Personals war, war es bei Jack eher Unsicherheit, was der Steward jedoch nicht einmal ahnte. Auf dem Schiff waren über zweitausend Menschen. Kein Steward wäre in der Lage gewesen, jedes Gesicht in die gebuchte Klasse einzuordnen. Der Neuankömmling trug Frack und Fliege, also war er hier richtig …
Vorsichtig ging Jack weiter und kam sich richtig verkleidet vor, fast wie ein Spion, der sich unerkannt unter die Feinde mischte, um brisante Informationen zu sammeln. Von unten drang Musik herauf, die von Wallace Hartley und seinem kleinen Orchester gespielt wurde. In dem Moment, als Jack hereingekommen war, hatten die Musiker An der schönen blauen Donau intoniert, einen berühmten Walzer von Johann Strauß.
Er fand sich auf dem obersten Stockwerk der riesigen geschwungenen Treppe wieder und näherte sich der Balustrade, gefertigt aus geschnitztem Eichenholz, die einzelnen Balken jeweils etwa eine Handbreit hoch und breit. Die offenen Felder zwischen den tragenden Stützen waren mit schmiedeeisernen, verspielten Art-Deco-Mäanderbändern gefüllt und mit gleichfalls schmiedeeisernen, aber vergoldeten, ovalen Medaillons und geschwungenen Ranken versehen. Die Balustrade ging nahtlos in das gleichartig gestaltete Treppengeländer über. Jacks Blick ging nach oben zu der aus weißem, durchscheinendem Kristallglas gefertigten unglaublich großen Kuppel, die von dahinter verborgenen Lampen indirekt erleuchtet wurde, deren Zentrum aber ein gewaltiger Kristallleuchter war. Die das Licht streuende Kuppel und der Lüster tauchten das Treppenhaus in gleichmäßiges Licht.
Immer wieder passierten einzelne Passagiere oder Paare den staunenden jungen Mann, der sich rechtschaffen bemühte, sein Staunen zu verbergen, um nicht auf den ersten Blick als Landei der ganz armen Sorte erkannt zu werden. Die Leute sprachen leise miteinander, man nickte ihm grüßend zu, er erwiderte den Gruß ebenfalls mit stummem Nicken.
Da stand er nun in der Ersten Klasse und hatte keine Ahnung, wie man sich hier eigentlich benahm. Er beschloss, sich von den anderen Passagieren abzuschauen, wie man sich verhielt. Langsam ging er die Treppe hinunter. Auf dem Absatz des halben Stockwerks, wo sich die geschwungenen Treppen der Backbord- und der Steuerbordseite trafen, um dann als eine einzige Treppe mit zusätzlichem Mittelgeländer zum nächsten Deck hinunterzuführen, war in die Wandtäfelung aus Eichenholz eine reich verzierte Mitteltafel eingelassen, in deren Zentrum zwei geflügelte Frauenfiguren den Rahmen für eine Uhr bildeten. Die Uhr zeigte fünf Minuten nach sieben, Zeit fürs Dinner. Am Fuß der Treppe auf dem C-Deck waren die äußeren Abschlusssäulen jeweils mit einem aus Eichenholz geschnitzten, aufrecht stehenden Pinienzapfen versehen, das mittlere Geländerende wurde von einer aus dunkler gebeiztem, auf Hochglanz poliertem Eichenholz geschnitzten Putte geschmückt, die eine Fackel trug, deren Flamme eine weiße, durchscheinende Lampe war.
Jack ging ganz hinunter, zupfte sich im Weitergehen den Frack zurecht und stellte sich an die erste Säule, die sich rechts vom Treppenfuß befand. Dort stellte er sich mit verschränkten Armen hin und beobachtete die übrigen Leute, die hier vorbeiflanierten. Ein älteres Paar kam, in leiser Unterhaltung vertieft, von der anderen Seite der Treppe und blieb einander zugewandt genau vor der Treppe stehen. Ein anderes Paar kam die Treppe herab. Jack schaute auf den älteren Herrn mit hellgrauem Haarkranz um die spiegelblanke Glatze und dem würdevollen, gepflegten, hellgrauen Vollbart im Frack am Treppenfuß, der kerzengerade stand. Der junge Mann straffte sich und nahm dieselbe Haltung wie der ältere Herr ein, der den anderen Mann mit einer leichten Verbeugung begrüßte und die linke Hand im rechten Winkel angelegt hinter dem Rücken hielt. Es wirkte so, als schöbe er damit eine zusätzliche Stütze ins Kreuz. Jack machte es nach, nahm auch die Nase hoch und fand, dass das schon mehr nach Erster-Klasse-Passagier aussah, als jemand, der mit verschränkten Armen zusammengesunken an einer Säule lehnte.
Der ältere Herr bot seiner Begleiterin – wohl seiner Gattin, wie Jack unterstellte – elegant den rechten Arm, in den sie sich gern einhakte. Gemeinsam schritten sie weiter zum Speisesaal, an Jack vorbei. Sie nickten ihm grüßend zu, er erwiderte das Nicken mit einem leichten Lächeln und drehte sich steif wie eine Figur auf der Spieluhr nach links, um die Herrschaften im Blick zu behalten und sich jede Bewegung des älteren Herrn genau abzuschauen und einzuprägen. Unglücklicherweise ging er mit seiner Begleitung die nächste gleichartig gestaltete Treppe zum Speisesaal auf dem D-Deck hinunter, ohne noch jemand anderem zu begegnen und Jack die Gelegenheit zu weiteren Benimmstudien zu bieten.
Stimmen, die sich von oben her näherten, forderten Jacks Aufmerksamkeit. In der Tat, er hatte sich nicht verhört. Caledon Hockley schritt herab, neben sich seine künftige Schwiegermutter, mit der er weniger leise parlierte, als es die übrigen Passagiere sonst taten, die Hände in den Hosentaschen.
„Wussten Sie, dass mehrere tausend Tonnen Hockley-Stahl in diesem Schiff verarbeitet wurden?“, fragte Cal voller Stolz. Ruth DeWitt Bukater war darüber offensichtlich nicht informiert, tat aber interessiert.
„An welchen Stellen?“, erkundigte sie sich.
„Nur an wichtigen, natürlich“, erwiderte Cal. Es war pure Prahlerei, schließlich hatte er die Bauarbeiten nicht selbst beaufsichtigt und konnte nicht wissen, in welchen Bereichen des Schiffes der aus dem Werk seines Vaters stammende Stahl eingesetzt worden war.
„Dann wissen wir ja, an wen wir uns wenden müssen, wenn es Probleme gibt“, setzte Ruth die Konversation fort. „Wo ist meine Tochter?“
„Sie müsste gleich kommen“, antwortete Hockley. Beide grüßten Jack mit einem leichten Kopfnicken, ohne ihn zu erkennen. Jack hielt sich zurück, zumal Hockley ihm eine Erwiderung abnahm, weil er schon jemand anderes gesehen hatte: die Gräfin von Rothes.
„Da ist ja die Komtesse!“, erkannte Cal und ging mit ausgestrecktem rechtem Arm auf die edle Dame zu, die ihm huldvoll ihre rechte Hand reichte und sich einen Handkuss auf den behandschuhten rechten Handrücken hauchen ließ.
„Guten Abend, meine Liebe!“, grüßte er geradezu überschwänglich. Jack drehte sich wiederum mit und beobachtete genau, was Hockley machte, ahmte die Bewegungen sofort nach, ohne dass Cal und Ruth etwas davon mitbekamen.
Rose erschien auf dem Treppenabsatz bei der Uhr und sah am Fuß der Treppe einen elegant gekleideten jungen Mann mit ordentlich zurückgekämmtem blondem Haar stehen, der wohl noch neu im Club war. Er übte die Bewegungen der anderen männlichen Passagiere und sah aus wie ein aufgezogener Pinguin auf einer Spieluhr.
Jack spürte etwas und sah verstohlen nach oben. Was er aus dem Augenwinkel sah, ließ ihn sich der Treppe zuwenden: Da kam eine leibhaftige Prinzessin! Rose kam herab, gehüllt in einen Traum aus lachsfarbenem Unterkleid, über das sich ein Überkleid aus reich besticktem, schwarzem, durchsichtigem Chiffon in Spiralen wand wie die Ringe eines Meeresschneckenhauses. Über die Ellenbogen reichende lange, weiße Satinhandschuhe ergänzten das kurzärmelige Kleid, das eine gewisse Ähnlichkeit mit dem vom Abend zuvor hatte – jedenfalls, was die Farbzusammenstellung betraf –, nur war es noch aufwändiger in der Verarbeitung.
Ihr langes Haar, das farblich hervorragend mit dem Ton des Unterkleides harmonierte, war zu einem ebenfalls meeresschneckenartig gewundenen Dutt zusammengebunden, die Windungen mit einem Haarband gehalten – oder verziert, so genau war es für Jack nicht zu erkennen –, das über und über mit glitzernden Steinen besetzt war. Jack fragte sich lieber nicht, ob es echte Steine waren oder reiner Zierrat aus Strass. Er vermutete fast Ersteres. In der linken Hand hielt sie ein schwarzes Täschchen, in dem vermutlich die für Damen so unentbehrlichen Dinge wie Taschentuch, Riechsalz und vielleicht ein Lippenstift waren. Ihre Erscheinung verschlug ihm für einige Momente die Sprache.
Rose allerdings ging es nicht anders, als sie erkannte, wer der übende Pinguin am Treppenfuß war. Der Frack saß wie angegossen, als wäre er für Jack gemacht. Wo hatte er den bloß hergezaubert? Von Cal ganz sicher nicht. Der hatte Jack eingeladen, um ihn vorzuführen, wollte ihn einfach nur lächerlich machen – sozusagen als unfreiwilligen Hofnarren missbrauchen. Sie behielt ihre Frage für sich, um ihn nicht versehentlich vor anderen Passagieren bloßzustellen, die keine Ahnung von Hockleys miesem Spiel mit ihrem Retter hatten.
Das angedeutete Lächeln, das sich auf seinen Lippen zeigte, als die ebenfalls sprachlose Rose die Treppe herunterkam, wirkte jedoch selbstsicher genug, um sie nochmals zu verblüffen. Er ließ sich nicht einschüchtern, erkannte sie – oder er hatte die erste Unsicherheit überwunden, nachdem er sich die steifen Posen der Herren abgeschaut hatte. Er trat näher an die Treppe, erwartete sie mit kerzengerader Haltung, die nicht mehr gespielt oder unsicher wirkte.
Als sie drei Stufen vor dem Treppenfuß war, nahm er ihre rechte Hand, hob sie sanft an seine Lippen, verbeugte sich leicht, ohne den Blick von ihren grünen Augen zu wenden und drückte einen sachten Kuss auf ihren Handrücken, der jedem jugendlichen Liebhaber im Stummfilm zur Ehre gereicht hätte. Die Tatsache, dass er die Hand tatsächlich küsste, entlarvte ihn als gesellschaftlich unerfahren – die gesellschaftliche Konvention lehnte die Berührung des Handrückens mit den Lippen ab. Eigentlich führte der Herr die Hand nur bis kurz vor seine Lippen, ohne die Hand damit wirklich zu berühren. Rose war dennoch tief berührt. Das hier geschah nicht aus Gründen der Konvention, sondern war ernst gemeint …
„So einen Handkuss kenne ich aus dem Varieté und wollt’ das seitdem auch mal tun“, sagte er leise, ihre Augen weiterhin fest im Blick behaltend. Rose lachte leise, aber entspannt auf. Er übertrug doch tatsächlich gespielte Verehrung zurück ins richtige Leben und gab ihr Leben. Er konnte offensichtlich nicht nur hervorragend zeichnen …
Sie überließ ihm ihre Hand, als er ihr den Arm zum Einhaken bot. Gleich darauf musste sie wieder lachen, als er in tadellos gespielter Überheblichkeit die Nase hochnahm. Rose zog ihn mit leichtem Druck zu Cal und stupste ihn leicht an.
„Darling … du erinnerst dich bestimmt noch an Mr. Dawson“, sprach sie ihn an. Cal drehte sich um. Erst jetzt bemerkte er, dass er Jack bereits versehentlich begrüßt hatte, ohne ihn mit dem Mann vom vorigen Abend in Verbindung zu bringen. Caledon Hockley gehörte eindeutig zu den Menschen, die andere nur an der Kleidung identifizieren konnten. Ohne ein solches Zeichen war er blind für andere Personen.
„Dawson?“, fragte er verblüfft. Er hatte wirklich damit gerechnet, dass der Retter seiner Verlobten in seiner schäbigen Arbeiterkleidung versuchen würde, in die Erste Klasse vorzudringen. Darauf hatte Cal sich schon geradezu diebisch gefreut. Jetzt entgleisten ihm fast die Gesichtszüge, doch er fing sich erstaunlich schnell.
„Verblüffend“, räumte er ein. „Sie könnten fast als Gentleman durchgehen“, ließ er eine spitze Beleidigung fallen, die an Jack aber abprallte.
„Ja … fast“, erwiderte der kühl.
„Außerordentlich“, entfuhr es Cal, der sich zu fragen begann, woher, um alles in der Welt, dieser Dritter-Klasse-Abschaum einen nagelneuen Frack hergezaubert hatte. Er wandte sich wieder Ruth zu, die immer noch sprachlos über die Erscheinung des jungen Mannes war, den sie als Nichtsnutz betrachtete, und begleitete sie in den Speisesaal. Dort begegneten sie Sir Cosmo und Lucile Lady Duff Gordon, die Cal sogleich begrüßte und in ein kurzes Gespräch verwickelte.
Rose nutzte die Gelegenheit, Jack mit den wichtigsten Bewohnern dieser Schlangengrube, vertraut zu machen – jedenfalls mit dem Klatsch, der über sie kursierte. Sie wies zunächst mit dem Kinn auf die Komtesse, die mit Captain Smith sprach:
„Das ist die Komtesse von Rothes“, stellte sie vor, drehte sich in die andere Richtung um und wies mit der ganzen rechten Hand auf einen distinguiert wirkenden Herrn mit leicht grauen Schläfen und markantem Gesicht.
„Das ist John Jacob Astor, der reichste Mann auf dem Schiff. Sein kleines Frauchen ist in anderen Umständen und etwa so alt wie ich. Sie versucht, es zu verstecken – ein regelrechter Skandal“, flüsterte sie mit mädchenhaftem Kichern. „Und das ist Benjamin Guggenheim und seine Mätresse, Madame Aubert“, wies sie mit dem Kopf in eine andere Richtung zu einem älteren Herrn und einer Dame von etwa dreißig Jahren. „Mrs. Guggenheim und die Kinder sind selbstverständlich zu Hause“, setzte sie bissig hinzu. „Und da drüben hätten wir Sir Cosmo und Lady Lucile Duff Gordon“, präsentierte sie ihm schließlich die momentanen Gesprächspartner ihres Verlobten und ihrer Mutter, winkte Lady Lucile und Sir Cosmo neckisch zu, die sie bemerkt hatten und sie entsprechend begrüßten. „Sie entwirft schlüpfrige Dessous, sie besitzt viele Talente. Sie pflegt Kontakte zum Königshaus“, schloss sie die einstweilige Vorstellung der wichtigeren Leute auf diesem Deck.
„Herzlichen Glückwunsch, Hockley, sie ist prachtvoll“, lobte Sir Cosmo die Wahl Cals mit einem Blick auf Rose, als betrachtete er eine besonders wertvolle Zuchtstute.
„Sie sieht bezaubernd aus“, pries auch Lady Lucile Rose.
„Ich danke Ihnen“, nahm Cal die Glückwünsche entgegen, als habe er eine olympische Medaille gewonnen oder als sei Rose ein besonders schönes Produkt aus der Fabrikation seines Vaters.
„Cal ist ein glücklicher Mann. Ich kenne ihn gut – und das kann nur Glück sein“, bemerkte Colonel Archibald Gracie. Ruth nahm in einer koketten Geste den Arm ihres künftigen Schwiegersohns.
„Wie können Sie das sagen, Colonel? Caledon Hockley ist ein großartiger Fang“, erklärte sie lächelnd, was ihre Worte zu einem heiteren Scherz entschärfte.
„Wann findet die Hochzeit statt?“, erkundigte sich Colonel Gracie.
Die Antwort bekamen Jack und Rose nicht mit, da der junge Mann in diesem Moment von Margaret Brown angesprochen wurde:
„Lust, ‘ne Lady zum Dinner zu geleiten?“
„Sicher doch“, lächelte Jack gewinnend und bot Molly den freien linken Arm, in den sie sich nur zu gern einhakte.
„Zuckerpüppchen?“, rief Cal im Weitergehen. „Zuckerpüppchen!“
Jack führte seine beiden Damen elegant in den Speisesaal hinein.
„Das reinste Kinderspiel, nicht wahr, Jack? Denken Sie daran, die haben nur Geld im Kopf. Behaupten Sie einfach, Sie besäßen eine Goldmine und schon gehör’n Sie zum Club“, gab Molly ihm einen Tipp. Rose bekam eine Ahnung, wer Jack zu der noblen Kleidung verholfen hatte. Hatte Molly etwa …? Ja, der war es zuzutrauen, einen gesellschaftlich unerfahrenen jungen Mann mal eben unter die Fittiche zu nehmen und ihm zu helfen – und zwar nur Molly. Alle anderen, die sich der oberen Gesellschaftsklasse zurechneten, hätten Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um die Abgrenzung nach unten ja nicht in Gefahr geraten zu lassen.
„Hey, Astor!“, rief Molly in ihrer burschikosen Art und steuerte auf das Ehepaar Astor zu.
„Sieh mal an! Hallo, Molly. Schön, Sie zu sehen!“, erwiderte der Krösus ebenso jovial und strahlte sie unverstellt freundlich an.
„Jay-Jay, Madeleine, ich möchte Ihnen Jack Dawson vorstellen“, führte Rose Jack bei den Astors ein.
„Sehr angenehm“, begrüßte Madeleine Astor ihn huldvoll und reichte ihm die Hand zur Begrüßung.
„Ganz meinerseits“, erwiderte Jack und schüttelte ihr die Hand. Auch J. J. Astor reichte ihm die Hand und erntete ein kräftiges Händeschütteln.
„Nun, Jack …“, setzte er an, „gehören Sie zu den Bostoner Dawsons?“
Jack verbeugte sich leicht.
„Nein, äh, zu den Chippewa-Falls-Dawsons, genauer gesagt“, erklärte der junge Mann lächelnd.
„Ach ja …“, erwiderte Astor und tat so, als würde er die Sippe kennen. Dennoch war ihm anzusehen, dass er keine Ahnung hatte, welche Familie Dawson es tatsächlich war – wenn er denn je von einem Ort in Wisconsin mit Namen Chippewa Falls gehört hatte …
Kapitel 11
Gemeinheiten
Captain Smith war inzwischen ebenfalls zum Captain’s Dinner erschienen und ließ sich von einem der Stewards den ihm zugedachten Platz zeigen.
Rose leitete Jack so geschickt durch die Reihen der langen, ovalen Tafeln, dass es gleichwohl so aussah, als führe der junge Mann seine Dame zum Tisch. Dort angekommen, begrüßte er die dort bereits sitzende Gräfin von Rothes, die ihm die Hand zum Handkuss reichte, was Jack auch prompt tat.
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„Er war sicher nervös, aber er ließ es sich nicht anmerken“, kommentierte die alt gewordene Rose auf der Keldysh die Ereignisse jenes Abends „Alle nahmen an, dass er einer von ihnen war. Der Erbe eines Vermögens bei der Eisenbahn vielleicht. Neureich … keine Frage, aber trotzdem ein Mitglied des Clubs. Doch auf Mutter war wie immer Verlass.“
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„Erzählen Sie uns von den Unterkünften der Dritten Klasse, Mr. Dawson. Sie sollen auf diesem Schiff recht annehmlich sein“, forderte Ruth den Gast am Tisch auf, um klarzustellen, dass da ein Wolf im Schafspelz saß – oder umgekehrt, je nach Sichtweise, wo Wölfe und Schafe verteilt waren …
Es war eine illustre Gesellschaft, die an diesem Tisch versammelt war. Gleich links neben Jack saß die Gräfin, im Uhrzeigersinn weiter Bruce Ismay, Colonel Archibald Gracie, Madame Aubert, Benjamin Guggenheim, Lady Lucile und Sir Cosmo Duff Gordon, Ruth DeWitt Bukater, Caledon Hockley, Rose DeWitt Bukater, Thomas Andrews. Rechts neben Jack schloss Margaret Brown den Kreis.
Jack lächelte sanft, geradezu erleichtert, dass er sich nun nicht mehr zu verstellen brauchte.
„Die besten, die ich je gesehen hab’, Ma’am. Fast keine Ratten“, erwiderte er.
„Mr. Dawson ist aus der Dritten Klasse zu uns gestoßen“, stieß Cal in das gleiche Horn. „Er kam gestern Abend meiner Verlobten zu Hilfe“, rechtfertigte er dann gegenüber den feinen Tischgenossen die Einladung an den Zwischendeckpassagier.
„Es hat sich herausgestellt, dass Mr. Dawson ein hervorragender Künstler ist“, griff Rose ein. „Er war so freundlich, mir einige seiner Werke zu zeigen.“
„Rose und ich definieren Kunst in nicht ganz derselben Weise“, ließ Cal eine spitze Bemerkung fallen und dachte an die Fingerzeichnungen eines gewissen Pablo Picasso. „Ohne Ihre Werke beleidigen zu wollen“, setzte er mit einem seiner falschesten Lächeln hinzu. Er kannte die Arbeiten nicht, hatte aber den leisen Verdacht, dass sie ihm ebenso unverständlich sein würden wie die Bilder von Picasso. Jack hob abwehrend die Hand, womit er ausdrückte, dass er Cal die Bemerkung nicht übelnahm. Die übrigen Gäste am Tisch wirkten ob dieser Enthüllung unterschiedlich beeindruckt, einige tuschelten leise.
„Was will Hockley damit beweisen, dass er diesen … Bohemien … hier herauf bringt?“, flüsterte Guggenheim seiner Mätresse zu. Nach einigen Momenten des Unbehagens siegte in den Reichen und Schönen am Tisch die Einstellung, dass man ungeheuer liberal war, ein solches Element am eigenen Tisch zu dulden.
Ismay fand, dass es an der Zeit war, die Aufmerksamkeit wieder dem Schiff zuzuwenden.
„Sein Blut und seine Seele stecken in diesem Schiff“, sagte er. „Auf dem Papier mag sie mir gehören, aber in den Augen Gottes gehört sie Thomas Andrews.“
Rose bedeutete Jack stumm, aber mit deutlichen Gesten, die Serviette vom Teller zu nehmen und sie sich auf den Schoß zu legen, was Jack dann unauffällig tat. Dabei fiel ihm die schier ungeheure Menge an Besteck auf, die drei- bis fünffach neben seinen Tellern lag: Drei Gabeln links, rechts ein kleiner Hornlöffel, eine kleine Gabel, ein Löffel, ein Fischmesser und schließlich ein Tafelmesser. Dazwischen zwei Teller übereinander, auf dem kleineren Teller rechts oben ein Brötchen
„Ist das alles für mich?“, fragte Jack Molly ebenso leise wie erschrocken.
„Ja, arbeiten Sie sich einfach von außen nach innen vor“, gab Molly ihm einen Tipp.
„Er kennt jede einzelne Schraube, nicht wahr, Thomas?“, fuhr Ismay fort, als nicht jeder umgehend in seine Lobeshymne einstimmte. Rose tat ihm schließlich den Gefallen, auch um Jack vor weiteren Attacken zu schützen.
„Ihr Schiff ist ein wahres Wunderwerk, Mr. Andrews“, sagte sie, Andrews zugewandt.
„Ich danke Ihnen, Rose“, antwortete der Ingenieur höflich und absolut ernst gemeint. Auch er verfiel zunehmend Roses mädchenhaftem Zauber.
„Wie wünschen Sie Ihren Kaviar, Sir?“, erkundigte sich der Steward bei Jack.
„Mit einem Spritzer Zitrone“, antwortete Cal an seiner Stelle. „Das hebt den Geschmack mit dem Champagner hervor“, wandte er sich empfehlend an Jack.
„Für mich keinen Kaviar, danke“, erwiderte Jack, an den Steward gewandt, bevor der Cals Empfehlung – oder auch Anweisung – folgen konnte. „Den hab’ ich noch nie gemocht“, setzte er zum allgemeinen Erstaunen seiner Tischgenossen hinzu. Rose lächelte verschmitzt, als sie die Anspielung auf die Unterhaltung vom Nachmittag erkannte.
Ruth fand, dass ein erneuter Ansatz nicht schaden konnte, den zeitweiligen Emporkömmling unmöglich zu machen.
„Und wo genau wohnen Sie, Mr. Dawson?“, erkundigte sie sich mit ausgesucht falscher Freundlichkeit.
„Also … im Augenblick ist meine Adresse noch die RMS Titanic. Was danach kommt, weiß nur der liebe Gott“, erwiderte Jack mit entwaffnender Ehrlichkeit.
„Und woher haben Sie die Mittel, zu reisen?“, bohrte Ruth weiter.
„Ich erarbeite mir die Fahrtkosten normalerweise. Sie wissen schon: Handelsmarine und so was“, versetzte Jack und ließ nun seinerseits eine gemeine Spitze gegen die nicht selbst arbeitende High Society fallen, die in der Regel ihr Geld oder Heerscharen schlecht bezahlter Arbeiter für ihren Reichtum sorgen ließ. „Aber meine Fahrkarte für die Titanic verdanke ich einem glücklichen Händchen beim Poker – einem ausgesprochen glücklichen Händchen“, setzte er hinzu.
„Das ganze Leben ist doch vom Glück bestimmt“, pflichtete ihm Colonel Gracie bei. Caledon brummte verneinend
„Ein richtiger Mann hilft seinem Glück auf die Sprünge“, sagte er und räumte damit zweifellos Manipulationen des Glücks zu seinen Gunsten ein – böswillig oder pur juristisch betrachtet konnte man das auch Betrug nennen … „Nicht wahr, Dawson?“, wandte er sich an Jack und unterstellte ihm damit, beim Pokern gemogelt zu haben. Der brummte zustimmend, gab damit aber nicht zu, selbst betrogen zu haben. Die anderen hatten einfach die schlechteren Karten gehabt, dazu hatte er nichts beigetragen. Aber es war doch interessant, was man bei solchen Tischgesprächen über die oberen Zehntausend und ihre Methoden, zu Reichtum zu kommen, erfahren konnte …
„Und Sie finden dieses wurzellose Dasein ansprechend?“, erkundigte sich Ruth spitz. Es wäre ihr nicht in den Sinn gekommen, freiwillig ohne festes und vor allem hohes Einkommen leben zu wollen.
Jack warf die letzte Zurückhaltung über Bord.
„Oh ja, Ma’am, so ist es. Ich meine … ich hab’ alles, was ich benötige, bei mir. Ich hab’ Luft in meinen Lungen und paar leere Blatt Papier. Ich find’ es schön, morgens aufzuwachen, ohne zu wissen, was passiert … oder wer mir begegnet … oder wohin es mich verschlägt. Vor einigen Tagen hab’ ich noch unter einer Brücke geschlafen und jetzt sitz’ ich hier: Auf dem größten Schiff der Welt und trinke mit vornehmen Leuten wie Ihnen Champagner“, sagte er und hob sein Glas. „Ich hätt’ gern noch was“, sagte er leise zum Steward, der auch gehorsam nachschenkte. „Ich finde, das Leben ist ein Geschenk – und ich habe nicht vor, etwas davon zu verschleudern. Man weiß nie, was man als Nächstes für Karten kriegt. Man lernt, das Leben so zu nehmen, wie es gerade kommt.“
Cal wollte nach der ersten Vorspeise eine Zigarette rauchen – egal, ob das verpönt war oder nicht –, zog eine aus seinem Etui, schob sie zwischen die Lippen und suchte dann nach seinem Feuerzeug. Er fand es nicht und wollte gerade unauffällig den Steward auffordern, ihm Feuer zu geben, als Jack seine Verlegenheit bemerkte.
„Oh, hier, Cal“, sagte er und schmiss ihm fast nebenbei eine Schachtel Streichhölzer hinüber, die Cal gerade noch auffangen konnte und über diese Indiskretion indigniert aus der Wäsche guckte.
„Weil jeder Tag zählt“, setzte Jack hinzu.
„Gut gesagt, Jack“, lobte Molly die selbstbewusste Äußerung des unerschrockenen jungen Mannes.
„Hört! Hört!“, stimmte auch Gracie in das Lob auf Jack ein, dessen Aussagen bei den anderen an der Tafel ein gelöstes Lächeln hervorrief. Saß hier etwa der sprichwörtliche Tellerwäscher, der es noch zum Millionär bringen würde? Rose erhob ihr Glas.
„Weil jeder Tag zählt“, sagte sie und münzte Jacks Ausspruch in einen Trinkspruch um, der von den anderen geradezu begeistert aufgegriffen wurde. Alle erhoben die Gläser und schlossen sich dem Trinkspruch an, nur Ruth verzog keine Miene dabei; Cal ließ ein eher gequältes Lächeln sehen, voller Gram, dass es ihm nicht gelungen war, den jungen Mann aufs Glatteis zu führen und ihn unmöglich zu machen.
Für den weiteren Verlauf des Dinners hatte Jack Ruhe vor den verbalen Attacken von Ruth und Cal, die einsahen, dass er ihnen über war. Schließlich wurde das Dessert serviert, die Stimmung am Tisch hatte sich deutlich gelockert, was sowohl auf den Genuss von Champagner und Wein, aber auch auf Molly Brown zurückzuführen war, die eine Anekdote nach der anderen erzählte und damit die Tischgenossen zu herzhaftem Lachen brachte.
„… und Mr. Brown hatte keine Ahnung, dass ich das Geld im Ofen versteckt hab’. Und als er nach Hause kam, betrunken wie eine Trauergemeinde, zündete er den Ofen an!“, jubelte sie mit einer ausladenden Handbewegung; brüllendes Gelächter am Tisch war die Folge.
Als weitere Stewards erschienen, die den Herren aus Humidoren** Zigarren anboten, wandte Rose sich leise an Jack:
„Als nächstes werden Brandys im Rauchsalon eingenommen.“
Colonel Gracie erhob sich.
„Aaalso … würden Sie mir bei einem Brandy Gesellschaft leisten, Gentlemen?“, fragte er und hob damit die Tafel auf.
„Vorzügliche Idee“, antwortete Sir Cosmo und stand ebenfalls auf. Die anderen Herren folgten ihrem Beispiel und erhoben sich gleichfalls.
„Nun werden sie sich in eine Rauchwolke zurückziehen und sich beglückwünschen, die Schöpfer des Universums zu sein“, giftete Rose leise.
„Ladies, ich danke Ihnen für diesen wunderbaren Abend“, sagte Ismay und verbeugte sich leicht zur weiterhin sitzenden Damenwelt am Tisch.
„Rose, darf ich dich zu deiner Kabine geleiten?“, erkundigte sich Cal mit ausgesuchter Höflichkeit bei seiner Verlobten.
„Nein, ich geh’ noch nicht“, wehrte sie ab. Dieser Abend war zu nett, um ihn schon vergehen zu lassen. Sie hoffte, dass Jack bleiben würde und sah mit böser Ahnung, dass Gracie auf ihn zusteuerte. Was sie nicht bemerkte, war, dass Jack Molly einen Schreiber zurückgab, mit dem er eine Notiz geschrieben hatte.
„Hier … danke, Molly“, sagte er zu ihr in ehrlicher Dankbarkeit. Ohne ihre Hilfe hätte er es wohl nicht geschafft, hierher zu kommen
„Leisten Sie uns Gesellschaft, Dawson? Sie wollen doch nicht etwa bei den Frauen bleiben, oder?“, sprach Gracie ihn an. Der Junge hatte ihn schon am Abend zuvor beeindruckt, die Vorstellung beim Dinner hatte Gracies Wohlwollen nur noch verstärkt.
„Nein, vielen Dank“, erwiderte Jack, durchaus erfreut über die in diesem Fall ernst gemeinte Einladung. Er wollte sein Glück nicht noch weiter strapazieren. „Ich muss wieder zurück“, ergänzte er. Cal atmete auf.
„Ist wohl am besten so. Es geht sowieso nur um Politik und Geschäfte. Würde Sie nicht interessieren“, sagte er, womit er erneut eine spitze Beleidigung fallen ließ. Jack spürte einen Stich, ließ sich aber nichts anmerken.
„Ach … und Dawson: danke fürs Kommen“, sagte Cal, als er einige Schritte weitergegangen war und warf die Streichhölzer wieder zurück, die Jack geschickt auffing.
„Jack, Sie müssen schon gehen?“, erkundigte Rose sich mit sichtlicher Enttäuschung. Er lächelte sanft.
„Es ist Zeit für mich, wieder mit den anderen Sklaven zu rudern. Gute Nacht, Rose“, sagte er, nahm ihre Hand und zauberte erneut einen ehrerbietigen Handkuss darauf. Dabei schmuggelte er seine Notiz in Roses Hand, die sie eher unbewusst abnahm. Ruth bemerkte die Verabschiedung und lächelte zufrieden. Endlich verschwand er!
Während er durch den Saal davon ging, sah er sich immer wieder um, bemerkte Roses Verblüffung, als sie den Zettel in der Hand fühlte. Erst als er den Speisesaal verlassen hatte, traute sie sich, die Notiz unter dem Tisch auseinanderzufalten und zu lesen:
Damit jeder Tag zählt. Treffen Sie mich an der Uhr, war der Inhalt der Notiz.
Rose verließ den Speisesaal, kam zur Treppe, auf deren halber Höhe die Uhr war. Tatsächlich. Jack stand dort und schaute auf die Uhr. Sie zeigte neun Uhr abends. Rose raffte ihren Rocksaum und stieg die Treppe hinauf. Jack spürte, dass sie kam und drehte sich mit einem Lächeln um.
„Haben Sie Lust, auf eine richtige Party zu gehen?“, fragte er.
Kapitel 12
Party in der Dritten Klasse
Unten, im Aufenthaltsraum der Dritten Klasse, ging es in der Tat völlig anders zu als in der steifen Atmosphäre im Speisesaal der Ersten Klasse auf dem D-Deck. Es war laut, es war voll, es war unglaublich lebensfroh. Hier spielte kein Kammerorchester sanfte Walzerklänge wie oben im feinen Speisesaal, hier hatte sich eine improvisierte Band zusammengefunden, die mit Dudelsack, Fiedel und Tamburin, aber auch mit Löffeln irische Folkmusik zum Besten gab, die einfach in die Beine ging. Hier blieb keiner lange sitzen.
Es wurde in allen denkbaren Varianten getanzt, gehüpft, gedreht und gelaufen; Nationalität, Geschlecht und Alter spielten keine Rolle. Man tanzte wilde Rundtänze, bei denen sich die Tanzpartner einhakten und umeinander wirbelten, wie ein Mann offensichtlich russischer Herkunft und ein Mann, der wohl aus Nordeuropa war. Fabrizio und Helga wirbelten ebenfalls durch den Raum.
„Darf ich meine Hand hierhin legen, ja?“, fragte er höflich, Helga nickte und erlaubte ihm, die Hand an ihre Hüfte zu legen.
„Okay!“, jubelte er und stob mit ihr drehend davon. Andere – in dem Fall hauptsächlich Frauen – veranstalteten in größerer Zahl eine Polonaise, bei der immer wieder zwei Personen anhielten und für die Nachfolgenden eine Brücke bauten, unter der diese durchgingen. Auf diese Weise bückten und streckten sie sich immer abwechselnd.
Jack und seine kleine Freundin Cora Cartmell hielten sich an den Händen, Cora drehte sich immer wieder unter Jacks Händen durch.
An einem Tisch saß Rose mit Olaus Gundersen, der gegen den Lärm aus Musik, Gejohle und gegrölten Gesprächen anbrüllte, um mit ihr ins Gespräch zu kommen, aber vergeblich. Auf Schwedisch fragte er sie etwas.
„Was?“, rief Rose. Er versuchte es erneut laut brüllend.
„Ich kann Sie leider nicht verstehen!“, brüllte sie zurück. Sie verstand ihn weder akustisch noch verstand sie seine Sprache überhaupt.
Tommy Ryan kam ebenfalls an diesen Tisch, hatte vier Pint**-Gläser mit dunklem Ale und den Händen, die er geschickt auf der Platte abstellte. Rose und Olaus nahmen sich je eines der Gläser, Rose trank durstig. Der Lärm und Hitze der vielen Menschen hier unten erhöhten den Flüssigkeitsbedarf. Dann beobachtete sie mit einem entspannten Lächeln wieder Jack, der nach wie vor mit der kleinen Cora tanzte.
Hinter ihr krachte es vernehmlich. Sie sah sich um. Ein Betrunkener war auf einen Tisch gefallen und hatte ihn umgeworfen, was johlendes Gelächter der Leute verursachte, die um den Tisch saßen. Man half ihm wieder auf, eine ältere Dame hatte sein zur Hälfte geleertes Glas aufgefangen und gesichert, reichte es ihm zurück. Er musste schon ziemlich genau zielen, um das Glas sicher zu fassen. Rose stimmte in das Lachen der anderen Leute ein, sah wieder zu Jack zurück und bemerkte hinter ihm Fabrizio, der mit Helga tanzte. Worte, gleich in welcher Sprache, waren jetzt unnötig, Musik und Rhythmus übernahmen die Kommunikation – und es funktionierte. Er wirbelte sie herum, sie wirbelte ihn herum und Fabrizio durfte verblüfft feststellen, dass die hübsche Norwegerin stärker als er war.
Die Band spielte die letzten Akkorde des improvisierten Stücks, tosender Applaus und Rufe nach Zugabe wurden laut.
„Wir spielen noch weiter“, kündigte der Bandleader an – und schon ging die Party weiter. Jack beugte sich zu Cora hinunter.
„Ich werde jetzt mal mit ihr tanzen, okay?“, sagte er mit einer Geste zu Rose, die hinter ihm am Fuß des Tanzbodens saß. Cora nickte zwar, aber sie verließ ihren großen Freund doch etwas zögernd.
„Kommen Sie“, forderte er Rose mit ausgestreckter Hand auf. Erst jetzt begriff Rose, dass sie gemeint war.
„Was?“, entfuhr es ihr verstört.
„Kommen Sie!“, winkte Jack erneut. Als sie nicht reagierte, griff er einfach zu und zog sie auf den Tanzboden hinauf.
„Wir tanzen“, entschied er.
„Jack … Jack … warten Sie!“, versuchte sie ihn zu bremsen. „Ich kann das nicht.“
Grinsend zog er sie nah an sich.
„Wir müssen etwas näher zusammen“, sagte er. Sie spürte seine rechte Hand, die sich sanft, aber bestimmt auf ihre linke Hüfte legte, während seine Linke ihre Rechte nahm. Ein leises Knistern durchfuhr sie beide, als sie so nah beieinander standen, dass sie sich berührten.
„Genauso“, sagte er lächelnd. Cora betrachtete das Ganze nun doch mit gewissem Argwohn. Machte ihr die große hübsche Dame etwa ihren großen Freund streitig? Jack bemerkte ihre Sorge.
„Keine Angst“, beruhigte er sie. „Du bist meine beste Freundin“, versprach er und entlockte Cora damit wieder ein zufriedenes Kinderlächeln. Ihr Vater, der hinter ihr saß, quittierte die Situation mit einem väterlich-liebevollen Lächeln, das auch Rose und Jack galt.
„Ich kenne die Schritte überhaupt nicht“, protestierte Rose. Jeder Tanz hatte seine ganz bestimmten Schritte, so hatte man es ihr in der Tanzschule beigebracht.
„Ich auch nicht“, beruhigte Jack sie. „Machen wir’s wie die anderen“, schlug er vor. „Denken Sie nicht nach.“
Füße haben zuweilen eigene Gedanken – und zum Tanzen genügen die jedenfalls dann völlig, wenn solche Rhythmen in den Ohren klingen wie die, die diese irische Band produzierte. Es war einfach unwiderstehlich schwungvoll. Die irischen Klänge verführten Rose und Jack zu einem flotten Galopp, den sie hinunter vom Tanzboden quer durch den Saal tanzten. Rose spürte dabei ein aufkommendes Lebensgefühl, wie sie es bisher nicht gekannt hatte. Hier war Schluss mit jeglicher Beherrschung und steifer Etikette, hier tobte das Leben – und Rose tobte zusammen mit Jack mit.
Fabrizio und Helga enterten im gleichen Takt den Tanzboden und umkreisten einander eingehakt, jauchzend und jubelnd.
„Jack, Jack, warten Sie!“, keuchte Rose. „Halt, Jack! Einen Moment!“
Er wirbelte weiter mit ihr herum. Sie kamen wieder am Tanzboden an, sie stoppte.
„Warten Sie!“
Jack sprang auf den Tanzboden und zog sie hinter sich her. Oben ließ er sie los, strich sich das wild herunterhängende Haar aus dem Gesicht und legte eine Steppeinlage hin. Rose zog ihre Schuhe aus, gab sie einer älteren Dame am Fuß des Tanzbodens und konterte Jacks Stepptanz nur auf ihren schwarzen Seidenstrümpfen. Jack ließ sich davon zwar beeindrucken, aber er legte nach, diesmal mit einer Drehung. Rose wiederholte seine Version. Ihr fröhlicher Wettstreit war von einem Balztanz nur noch schwer unterscheidbar. Schließlich hakten sie sich wie Fabrizio und Helga ein und wirbelten umeinander. Während die Norwegerin und der Italiener die Richtung wechselten, fassten sich Rose und Jack an den Händen und sausten gegen den Uhrzeigersinn wie im Karussell herum, wobei ihre Hände die Nabe des Karussells waren.
„Jack, nein!“, rief Rose, aber Jack ließ nicht los.
„Ooaahhaaa!“, entfuhr es ihm, als die zunehmende Geschwindigkeit sie beinahe vom Tanzboden schleuderte. Rose musste lachen.
Einige Decks höher war von dem lauten, trunkenen Tanz in der Dritten Klasse nichts zu hören oder zu spüren. Im Rauchsalon war es still, es wurde nur leise gesprochen. Über Geschäfte und Politik, ganz wie Cal zu Jack gesagt hatte, aber auch über juristische Probleme – und eines davon hatte Caledon Hockley. Die Firma seines Vaters war nach dem Sherman Antitrust Act angeklagt worden, nach einem Gesetz, das Monopolbildung und übermäßige Marktmacht verhindern sollte.
„Das ist durch die Sherman-Verfügung gedeckt“, sagte er, während ein Steward ihm und Benjamin Guggenheim Feuer für die Zigarren gab. „So werden meine Anwälte argumentieren.“
Guggenheim zog an der Zigarre.
„Das hat Rockefeller auch gesagt“, entgegnete er. „Aber der Oberste Gerichtshof hat da nicht mitgespielt.“
Guggenheim bezog sich auf einen Antitrustprozess, der sich von 1906 bis 1911 hingezogen hatte, bei dem der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten entschieden hatte, Standard Oil** in vier-unddreißig kleinere Einheiten aufzuteilen, die nicht mehr in der Lage waren, Kunden und Lieferanten die Geschäftsbedingungen zu diktieren.
Unten im Aufenthaltsraum der Dritten Klasse ging es inzwischen schon handfester zu. Tommy Ryan und Olaus Gundersen saßen beim Armdrücken. Rechts neben Tommy standen drei volle Pint-Gläser mit dunklem Ale. Die umstehenden Passagiere feuerten sie an. Jack kam ebenfalls an den Tisch, langte über Olaus hinweg zu den Gläsern und nahm zwei davon weg. Eines gab er Rose, das andere behielt er. Er trank einen größeren Schluck, sie setzte an und stürzte zu Jacks sichtlicher Verblüffung durstig das halbe Glas auf Ex herunter. Sie sah ihn amüsiert von der Seite an, dann setzte sie ab.
„Was? Dachten Sie, ein Mädchen aus der Ersten Klasse verträgt nichts?“, fragte sie schelmisch. Jack sah sie einen langen Moment an, sein Blick wurde weicher, geradezu verliebt. Bevor er dazu kam, sie zu küssen, bekam er einen heftigen Schubs, als Björn Gundersen in ihn hineinstürzte. Er verschüttete den größten Teil seines Biers, der hauptsächlich Rose traf, die darüber aber nur lachte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wie lange es her war, dass sie sich so amüsiert hatte – wenn es denn jemals der Fall gewesen war. Jack, ganz der Beschützer, griff zu, erwischte Björn und gab ihm einen saftigen Stoß in die andere Richtung.
„Verschwinde!“, herrschte er ihn an. „Alles in Ordnung?“, wandte er sich besorgt an Rose.
„Mir ist nichts passiert“, erwiderte sie.
Im gleichen Moment gewann Olaus beim Armdrücken die Oberhand. Tommys Faust krachte auf den Tisch – rein in die Gläser, deren Inhalt sich auf den nächsten zwölf Quadratfuß** großzügig verteilte.
„Zwei von drei“, grunzte Olaus zufrieden und triumphierend. Rose lugte über Tommy und Olaus auf die Glastrümmer und das verschüttete Bier. Das von ihr selbst getrunkene Bier tat seine Wirkung, sie spürte aufkommenden Übermut. Keck nahm sie Tommy die Zigarette aus dem Mund und zog kräftig daran.
„Ihr Jungs glaubt, ihr seid harte Burschen?“, fragte sie. Die Männer sahen sie verblüfft an.
„Könnt ihr denn auch das hier?“, fragte sie herausfordernd und raffte den Saum ihres Kleides, gab Jack den Saum in die Hand.
„Halten Sie das mal, Jack. Ziehen Sie’s nach oben“, wies sie ihn an und stellte sich freihändig allein auf die Zehenunterseiten, Fußsohle und Ferse schon in der Luft. Dann hob sie auf die Zehenspitzen ab, stand einen Moment mit ihrem ganzen Gewicht nur auf den Spitzen ihrer beiden Großzehen.
Ihre Körperbeherrschung entlockte den Zuschauern erstaunte Rufe und Jubel.
„Grundgütiger!“
„Jesus, Maria und Josef!“
Nach einigen Sekunden verlor sie das Gleichgewicht und sackte direkt in Jacks Arme.
„Alles in Ordnung?“, erkundigte er sich besorgt. Ihr entspanntes und glückliches Lachen überzeugte ihn, dass alles bestens war.
„Das hab’ ich schon seit Jahren nicht mehr gemacht!“, jauchzte sie.
Neben ihnen standen Fabrizio und Helga, händchenhaltend, grinsend, glücklich.
„Wie geht’s euch beiden?“, fragte Jack, ebenfalls grinsend.
„Sie versteht nicht, was ich sage; ich verstehe nicht, was sie sagt; also alles bestens mit uns“, lachte Fabrizio.
Oben, auf der Hälfte der Treppe zeigte sich Spicer Lovejoy, den Hockley angewiesen hatte, Rose im Auge zu behalten. Er hatte eine ganze Weile suchen müssen, bevor er darauf gekommen war, sie in der Dritten Klasse zu vermuten. Sein finsterer Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes, aber Rose bemerkte ihn nicht und amüsierte sich weiterhin königlich.
Die irische Band setzte erneut an.
„Josie, fang an!“, rief der Bandleader. „Holly, steig ein! Und los!“
Wieder schien der Aufenthaltsraum der Dritten Klasse im ansteckenden Rhythmus des neuen Stücks schier zu explodieren. Irgendwo hinten begann jemand eine Polonaise, Fabrizio und Helga wurden von der Polonaise eingefangen.
„Komm!“, forderte Helga Jack auf.
„Andiamo!“, rief Fabrizio Rose zu, nahm sie bei der Hand, wie sie Jacks Hand ergriff. Fröhlich hüpften sie gemeinsam in der Schlange mit, die sich durch den ganzen Saal wand.
Sehr viel später kamen Rose und Jack auf das sternenbeschienene Bootsdeck. Die Party wirkte nach, sie alberten weiter, sangen das populäre Lied von Josephine in der Flugmaschine:
„Come Josephine in my flying machine
And it’s up she goes! Up she goes!
In the air she goes. Where? There she goes!“
Sie verknoteten sich in den Wörtern und brachen lachend ab. Als sie den Zugang zur Ersten Klasse erreichten, gingen sie nicht hinein, sondern blieben davor stehen. Diesen Abend wollten sie noch nicht beenden. Durch die Türen war wie von fern die Musik des Kammerorchesters zu hören, das die Ohren der hier anwesenden Passagiere mit sanfterer Musik erfreute, als sie unten in der Dritten Klasse tobte.
Rose griff nach einem Davit, lehnte sich dagegen und schaute in den tiefschwarzen Himmel hinauf, der wie mit Diamanten übersät schien.
„Ist das nicht großartig?“, fragte Rose berührt. „So riesig und grenzenlos.“
Sie ging weiter an die Reling und lehnte sich daran an.
„Meine Leute, Jack, sie sind so kleine Lichter. Sie glauben, sie sind Giganten auf der Erde, dabei sind sie in den Augen Gottes allenfalls Staub. Sie leben in dieser süßen, kleinen Champagnerperle … aber eines Tages platzt diese Blase“, sinnierte sie. Er trat ebenfalls an die Reling, seine Hand berührte eben gerade ihre. Es war der leichteste, denkbare Kontakt. Das einzige, was sie in diesem Moment spürten war dieser winzige Fleck Haut, an dem sie sich berührten. Jack lächelte.
„Nein, Sie sind keine von ihnen“, sagte er. „Da ist ein Fehler passiert.“
„Ein Fehler?“, erkundigte sie sich verwirrt. Sein Lächeln wurde breiter.
„Sie wurden vom Storch an die falsche Adresse geliefert.“
Sie lachte.
„So ist es, nicht wahr?“
Sie zeigte zum Himmel.
„Sehen Sie: Eine Sternschnuppe!“
„Das war eine sehr lange Sternschnuppe. Mein Vater sagte immer, wann immer du eine siehst, dann ist es eine Seele, die in den Himmel steigt.“
„Ich mag das. Sollten wir uns nicht etwas wünschen können?“, fragte sie. Jack sah sie an und stellte fest, dass sie sehr nah beieinander waren. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, die verbliebene kurze Distanz zu überwinden, um sie zu küssen. Rose schien dasselbe zu denken, so kam es ihm vor.
„Und … was würden Sie sich wünschen?“, fragte er. Sie sah ihn einen Moment an, dann zog sie sich vorsichtig zurück.
„Etwas, das ich nicht haben kann“, antwortete sie. Sie lächelte traurig. „Gute Nacht, Jack.“
Sie verließ die Reling und huschte in den Eingang zur Ersten Klasse.
„Rose!“, rief Jack. Aber die Tür fiel ins Schloss, sie war fort – zurück in ihrer Welt.
Kapitel 13
Katerfrühstück
Der folgende Tag, Sonntag, der 14. April 1912, war erneut ein strahlend schöner Tag.
Rose und Cal saßen beim Frühstück auf ihrem sonnendurchfluteten privaten Promenadendeck und schwiegen sich an, während der ihnen zugeteilte Steward schon die ersten Geschirrteile abräumte und Trudy noch mit der Kaffeekanne hantierte. Sie goss bei Rose noch nach, die ihr die Kaffeetasse hinhielt.
„Kaffee, Sir?“, bot sie Cal an, der aber nur schweigend und mit grimmigem Gesicht leicht den Kopf schüttelte. Trudy zog sich ebenso wie der Steward zurück. Cal sah ihr nach, als wollte er sich sicher sein, dass das Gespräch, das er nun aufzunehmen gedachte, nur an Roses und seine Ohren drang. Er stellte die geleerte Tasse beiseite, während Rose eher teilnahmslos in ihrem Kaffee rührte.
„Ich … hatte gestern gehofft, du würdest noch zu mir kommen“, sagte er. Die darin verborgene Anzüglichkeit, dass Rose noch vor der offiziellen Hochzeitsnacht mit ihm das Bett teilen würde, wollte er keinesfalls vor Dienstboten laut werden lassen. Rose trank von ihrem Kaffee und hätte sich bei diesen Worten beinahe verschluckt. Sie fing sich gerade noch, stellte die Tasse auf die Untertasse, die sie in der Hand hielt.
„Ich war sehr müde“, begründete sie ihr Nichtkommen. Cal fühlte sich von ihr auf den Arm genommen – und das konnte er überhaupt nicht ausstehen.
„Du … musst dich zweifellos unter Deck etwas verausgabt haben“, bemerkte er spitz. Jetzt war es Rose, die den ironischen, spitzzüngigen Ton gar nicht leiden konnte.
„Du hast also deinen Totengräber von Diener beauftragt, mich zu verfolgen“, stellte sie fest. „Typisch für dich!“, versetzte sie eisig.
Cal beherrschte sich nur noch mit Mühe. Er brachte es gerade noch fertig, halbwegs ruhig zu klingen, doch seine höher steigende Wut war unüberhörbar, als er zischte:
„Du wirst dich nicht noch einmal so aufführen. Hast du verstanden?“
Rose war es leid, in dieser Familie nur als Repräsentationsfigur und Befehlsempfängerin angesehen zu werden.
„Ich bin keiner deiner Vorarbeiter, die du herumkommandieren kannst. Ich bin … deine Verlobte, Caledon“, entgegnete sie kühl.
„Meine Verlobte“, äffte er ihren eisigen Tonfall nach. „Meine Ver… meine Verlobte!“, explodierte er, sprang auf und schleuderte mit einer zorngeladenen Armbewegung den Rattantisch weg, der zwischen ihnen stand, so dass er auf die Platte fiel. Das noch auf dem Tisch befindliche Geschirr samt Tischdecke flog im hohen Bogen zu Boden, gleich, ob noch etwas darin oder darauf war, dass es sich einem Hagelschauer gleich auf dem Boden des privaten Promenadendecks verteilte.
„Genauso ist es! Und meine Frau! Praktisch meine Frau, wenn auch noch nicht vor dem Gesetz!“, brüllte er und fasste ihren Sessel an beiden Armlehnen, als wollte er sie mitsamt dem Sessel umwerfen.
Rose war starr vor Schrecken. Bis jetzt hatte er gespottet, hatte bissige Bemerkungen gemacht, aber er hatte sie noch nie derartig angebrüllt. Sie befürchtete, dass er es nicht beim gewaltsamen Wegschleudern des Tisches belassen würde …
„Und deshalb wirst du mich ehren!“, donnerte er weiter, ganz nahe bei ihr. Sie hatte keine Chance, ihm auszuweichen, weil er sie in ihrem Sessel praktisch gefangen hielt. „Du wirst mich so ehren, wie es sich für eine Frau gehört, ihren Mann zu ehren. Denn ich werde mich nicht zum Narren machen lassen, Rose“, zischte er, wieder leiser, aber keinesfalls weniger bedrohlich. „Gibt es noch irgendwelche Unklarheiten?“, fragte er dann – es war klar, dass er nur eine ganz bestimmte Antwort erwartete und zulassen würde.
Rose zitterte am ganzen Leib.
„Nein“, erwiderte sie mühsam und mit vor Angst bebender Stimme. Cal fand sein übliches, arrogantes Lächeln wieder.
„Gut“, säuselte er sarkastisch. „Entschuldige mich.“
Damit verließ er das private Promenadendeck und ließ eine zutiefst geschockte Rose zurück, die ob dieser offenen Drohung mit rabiater Gewalt völlig eingeschüchtert war.
Trudy, die die Szene von der Tür aus mitbekommen hatte, war über den lautstarken Ausbruch Hockleys nicht weniger erschrocken als ihre junge Arbeitgeberin.
„Oh, Miss Rose!“, keuchte sie entsetzt und eilte hinzu, um das Trümmerfeld zu beseitigen, das Cals Wutanfall hinterlassen hatte.
„Das war ein kleines …“, japste Rose tränenerstickt.
„Das macht nichts, Miss Rose“, beruhigte Trudy die junge Frau, die ihr noch nie so verängstigt erschienen war. Diener waren schließlich dazu da, hinter ihren Herren herzuräumen …
„… kleines Miss… geschick“, stotterte Rose. „Tut mir Leid“, bat sie um Entschuldigung.
Sie war so durcheinander, dass sie einerseits Cal sogar schützen wollte und andererseits der Dienerin, die dieses Chaos in keiner Weise zu verantworten hatte, die Arbeit nicht allein überlassen wollte.
„Warten Sie, ich helfe Ihnen“, keuchte sie und ging zu Trudy hinunter in die Knie.
„Nein, lassen Sie nur“, tröstete Trudy erneut und half Rose von den Scherben weg. Sie fiel nach hinten und riss den Rattansessel dabei noch fast um, schluchzte haltlos.
„Ist schon gut“, beruhigte Trudy sie weiter und sammelte nebenbei die Scherben auf.
Etwas später hatte Rose sich wieder von dem Schrecken erholt und bat Trudy in ihrem Schlafzimmer, ihr ins Korsett zu helfen. Es war unmöglich, dieses Körpergefängnis aus Stoff und Fischbein allein anzuziehen oder abzulegen. Schon ihr erster Nervenzusammenbruch vor gerade einmal eineinhalb Tagen war auf die mangelnde Praxistauglichkeit weiblicher Mode zurückzuführen gewesen. Äußerlich schien sie sich mit einem Leben im goldenen Käfig abgefunden zu haben, innerlich suchte sie bereits nach der nächsten Fluchtmöglichkeit.
Trudy zog die Schnüre des Korsetts vorsichtig zu, um ihre junge Arbeitgeberin nicht wieder zu verschrecken.
Die Tür wurde geöffnet und Ruth DeWitt Bukater trat ein.
„Den Tee, Trudy!“, befahl sie der Dienerin in scharfem Ton. Trudy ließ augenblicklich die Korsettschnüre los, drehte sich um und knickste ehrerbietig vor ihrer Arbeitgeberin.
„Jawohl, Ma’am“, bestätigte sie und verließ die Suite. Ruth schloss hinter ihr die Tür und verriegelte sie gleich. Rose sah ihr nach und ahnte schon aus dem eisigen Gesichtsausdruck ihrer Mutter Böses. Mit eiligen, harten Schritten, die ihre Wut deutlich spüren ließen, trat Ruth an das Himmelbett, an dessen einem Pfosten ihre Tochter sich festhielt. Sie griff nach den Korsettschnüren und zurrte sie höchstpersönlich fest – und wesentlich weniger feinfühlig, als Trudy es getan hatte. Rose zuckte zusammen, als die unnachgiebigen Fischbeinstäbe ihr zunehmend die Luft nahmen.
„Du wirst diesen Jungen nicht wiedersehen! Hast du mich verstanden?“, fuhr sie Rose an. Ihre Tochter antwortete nicht, sondern ließ es einfach über sich ergehen, dass sie grob eingeschnürt und erneut im Befehlston daran erinnert wurde, wo sie in der familiären Hierarchie stand – auf der letzten Stufe vor den Dienern …
„Rose!“, fauchte Ruth drohend. „Ich verbiete es!“, stellte sie mit unverblümter Härte klar. Rose seufzte, ebenso gereizt wie entnervt und resigniert.
„Ach, hör bitte auf, Mutter! Du bekommst nur wieder Nasenbluten“, warnte sie vor den Folgen aufregungsbedingten Bluthochdrucks. Ruth war nicht in der Stimmung, um sich Bissigkeiten dieser Art gefallen zu lassen, schon gar nicht, wenn sie dabei war, ihre chronisch rebellische Tochter zurechtzuweisen. Sie packte Rose und riss sie herum.
„Das hier ist kein Spiel“, fuhr sie sie an. „Du weißt ganz genau: Wir haben kein Geld mehr! Wir sind in einer prekären Lage!“
„Ich weiß, dass unser Geld weg ist“, erwiderte Rose mit einem Anflug von Müdigkeit. „Du erinnerst mich täglich daran.“
Ruth kam noch näher heran.
„Dein Vater hat uns nichts außer einem Schuldenberg hinterlassen, der sich hinter einem guten Namen versteckt! Dieser Name ist die einzige Karte, die wir noch ausspielen können“, sagte sie eindringlich. Rose schwieg.
„Ich verstehe dich nicht!“, fuhr ihre Mutter nach einer Pause fort. „Die Verbindung mit Hockley ist tadellos! Sie wird unser Überleben sichern!“
„Wie kannst du mir bloß so eine Last aufbürden?“, entgegnete Rose. Sie hatte den Ruin der Familie nicht verursacht, aber sie sollte dafür herhalten, dass ihre Mutter den Luxus nicht aufgeben musste, den sie gewohnt war, seit sie Roses Vater geheiratet hatte. Rose fühlte sich regelrecht verkauft.
„Wie kannst du nur so selbstsüchtig sein?“, fauchte Ruth. Seit die Menschen zu denken begonnen hatten, war es üblich, dass Kinder, die erwachsen wurden, für ihre Eltern sorgten, wenn diese nicht mehr in der Lage waren, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Sie hatte dabei nur eine Kleinigkeit übersehen … Es war nicht so, dass sie nicht hätte für ihren Lebensunterhalt sorgen können – sie wollte es nicht, sah es als unter ihrer Würde an, von ihrer Hände Arbeit zu leben.
Rose glaubte, sich jetzt wirklich verhört zu haben. Sie sollte einen Mann heiraten, den sie nicht mochte, damit ihre Mutter weiterhin die feine Lady geben konnte, die im Geld schwamm. Wer war hier selbstsüchtig?
„Ich bin selbstsüchtig???“, fragte Rose mit unüberhörbarer Bitterkeit und wachsender Wut. Ruth erkannte durchaus, dass ihre Tochter wieder Boden unter den Füßen gewann und wütend wurde. Sie hatte diese Ehe eingefädelt, hatte Rose weniger gefragt, ob sie Hockley heiraten wollte, als sie dahingehend manipuliert, dass sie als brave Tochter für das Wohlergehen ihrer Mutter zu sorgen hatte. Jetzt packte sie die Panik, dass Rose nicht mehr mitspielen würde, sich mit diesem … Zwischendeckschmarotzer … davonmachen würde und ihre Mutter einem ungewissen Schicksal überlassen würde. Für Ruth war es eine grauenhafte Vorstellung, selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen zu müssen, nicht mehr anderen die unangenehmen alltäglichen Verrichtungen überlassen zu können … Schrecklich …
„Willst du etwa, dass ich als Näherin unser Geld verdiene? Ist es das, was du willst?“, fragte sie und erwartete Schuldbewusstsein von Rose, ihre arme Mutter zu solch niederen Tätigkeiten zu zwingen, um selbst davon zu leben. Dass Rose vielleicht eigene Vorstellungen von ihrer Zukunft hatte, interessierte sie nicht. Sie erwartete Dankbarkeit für ihre bisherige Fürsorge und eine Gegenleistung. „Willst du, dass all unsere schönen Sachen versteigert werden? Und unsere geliebten Erinnerungen verstreut werden?“
Sie wandte sich ab, schlug die Hand vor den Mund, weil sie schon allein der Gedanke dran fast umbrachte, Schmuck, teure Kleidung, schöne Möbel, kostbares Tafelsilber, edles Geschirr und ebenso schöne wie teure Gemälde in die Hände von Menschen zu geben, die damit außer einem gewissen praktischen Nutzen oder einem schönen Anblick nichts verbanden.
Rose resignierte erneut und verlor ihre aufrechte Haltung.
„Das ist so ungerecht!“, seufzte sie. Ihre Mutter drehte sich wieder um.
„Natürlich ist es ungerecht“, bestätigte sie. „Wir sind Frauen. Unsere Entscheidungen sind niemals leicht zu treffen.“
Sie nahm Roses Gesicht in beide Hände und gab ihr einen liebevollen Kuss.
„Komm …“, sagte sie leise. Rose drehte sich wieder um und ließ es geschehen, dass ihre Mutter ihr das Korsett schnürte – nun allerdings nicht mehr mit zornigem, strafendem Reißen an den Schnüren, sondern so vorsichtig, wie es sich gehörte.
Wenig später, es war halb elf am Vormittag, hatten sich die Passagiere der Ersten Klasse zum Sonntagsgottesdienst im Speisesaal auf dem D-Deck eingefunden, an dem auch Captain Smith und seine Offiziere teilnahmen, soweit sie nicht auf der Brücke sein mussten. Der Captain stand vor dem Rednerpult, das hier als Kanzel diente, rechts neben ihm seine Offiziere. Zwischen ihm selbst und den Passagieren war einer der Restauranttische mit chamoisfarbener Tischdecke, Blumenschmuck und hölzernem Standkreuz als Altar hergerichtet. Der Gottesdienst, der hier gefeiert wurde, war ein Wortgottesdienst ohne Pfarrer, den jeder christliche Gläubige abhalten konnte, sofern er eine Bibel oder ein Messbuch hatte. Die Teilnehmer des Gottesdienstes hielten eine Broschüre im Folio-Format mit geistlichen Liedern in den Händen, die die White Star Line für die Gottesdienste an Bord ihre Schiffe herausgab.
Man sang den Choral „Eternal Father, Strong To Save“:
Protect them by Thy guiding hand
From every peril on the land
O spirit whom the Father sent
To spread abroad the firmament
O wind of heaven, by Thy might
Save all who dare the eagle’s flight
And keep them by Thy watchful …
Unter den Gästen der Ersten Klasse, die am Gottesdienst nicht teilnahmen, war Thomas Andrews, der wie immer mit möglichen Verbesserungen seines Meisterstücks beschäftigt war. Mit einem Notizbuch bewaffnet streifte er durch die Gänge und schrieb sich auf, was wo noch zu optimieren war. In diesem Moment stand er auf dem Treppenabsatz des halben Stockwerks und notierte etwas, als von oben her Schritte klangen.
Von dort, vom C-Deck, kam Jack Dawson herunter. Er sprang ebenso lässig wie elegant die Stufen hinunter. Seine Kleidung war wieder die einfache Arbeitergarderobe, die er sein eigen nennen konnte, seine einzige eigene Kleidung. Er wollte sich vergewissern, dass es Rose gutging – behauptete er vor seinem Gewissen. Tatsächlich steckte schon ein deutlich darüber hinausgehendes Gefühl hinter diesem Besuch …
„Hallo, Mr. Andrews“, grüßte er höflich, als er den Ingenieur bemerkte. Andrews sah von seinen Notizen auf und erwiderte Jacks ansteckendes Lächeln.
„Hallo, Jack“, grüßte er freundlich zurück. Jack hüpfte die letzten Stufen hinunter und ging geradewegs auf den Speisesaal der Ersten Klasse zu.
Zwei Stewards standen davor und hatten die Aufgabe, den vornehmen Herrschaften die Türen zu öffnen und die weniger vornehmen Fahrgäste davon abzuhalten, den Speisesaal zu betreten. Sie stellten sich Jack prompt in den Weg.
„Sir …“, bremste der links neben der Tür stehende Steward, der Jack am Abend zuvor eingelassen hatte, ohne auch nur ansatzweise irgendwelche Schwierigkeiten zu machen – aber da war der junge Mann im geliehenen Frack erschienen …
„Ich muss nur mal ganz kurz …“, setzte Jack an, aber der Steward ließ ihn nicht vorbei.
„Sir, Sie dürfen sich hier nicht aufhalten“, erklärte er so freundlich wie möglich und fuhr einen Arm als Schranke aus.
„… mit jemandem reden …“, versuchte Jack es weiter.
„Es tut mir Leid …“, erwiderte der Steward und schob den offensichtlich aus der Dritten Klasse gekommenen Passagier vorsichtig, aber bestimmt von der Tür weg. Jack wand sich wie ein Aal, um vorbeizuschlüpfen, aber auch der andere Steward bewachte die Tür wie ein Beefeater den Tower von London.
Spicer Lovejoy stand zwar im Speisesaal, aber mehr als wachsamer Beobachter und nicht als Teilnehmer des Gottesdienstes. Die Diskussion vor dem Saal erregte seine Aufmerksamkeit. Er ging zur Tür.
„Erinnern Sie sich nicht?“, appellierte Jack an das Gedächtnis des Stewards, der ihn am Abend zuvor ohne weiteres eingelassen hatte. „Ich war gestern Abend auch hier.“
Der Steward schüttelte den Kopf.
„Bedaure, ich erinnere mich nicht“, erwiderte er. „Und jetzt muss ich Sie bitten …“
„Er kann es bestätigen“, versuchte Jack, Lovejoy als Zeugen für seine Anwesenheit in diesen heiligen Hallen am Vorabend zu gewinnen und gestikulierte in Richtung des grimmig dreinschauenden Dieners von Roses Verlobtem, der gerade aus der Flügeltür des Speisesaales kam. „Ich möchte nur mit ihr reden …“
Lovejoy baute sich zwischen den beiden Stewards auf wie Zerberus vor dem Tor zur Unterwelt.
„Mr. Hockley und Mrs. DeWitt Bukater sind Ihnen weiterhin für Ihre Dienste sehr verbunden“, sagte er zu Jack und zückte zwei Zwanzig-Dollar-Scheine aus der Hosentasche.
„Sie haben mich gebeten, Ihnen das als Zeichen Ihrer Anerkennung zu geben“, ergänzte er und hielt Jack die Geldscheine hin.
„Ich will das Geld nicht“, wehrte Jack ab. „Bitte, ich will doch nur …“
„Ich soll Sie auch noch mal daran erinnern, dass Sie eine Fahrkarte der Dritten Klasse haben und Ihre Anwesenheit hier nicht länger erwünscht ist“, versetzte Lovejoy. Doch Jack wollte die Sache noch nicht verloren geben.
„Bitte, ich möchte doch nur ganz kurz mit Rose reden, okay?“
Lovejoy zog den Arm zurück, nahm in jede Hand einen der Geldscheine und bot sie den Stewards an, den Blick stur auf Jack gerichtet.
„Gentlemen, würden Sie bitte dafür sorgen, dass Mr. Dawson wieder dorthin gelangt, wo er hingehört – und auch dort bleibt!“, sagte er. Die Stewards griffen zu. Ein derartiges Trinkgeld bekam man auch als Steward in der Ersten Klasse wahrlich nicht alle Tage.
„Bitte!“, bettelte Jack, aber die beiden Stewards packten ihn an den Armen.
„Jawohl Sir. Kommen Sie, bitte“, sagte der Steward, der Jack am Abend zuvor eingelassen hatte.
Im Speisesaal sah Caledon Hockley mit höhnischem Grinsen, dass der Störenfried vor der Tür auf Lovejoys Intervention weggebracht wurde.
Die Gemeinde im Speisesaal sang die letzten Zeilen des Chorals:
Hear us when we cry to Thee
For those in peril on the sea.
Sie ahnten nicht einmal, dass diese Zeilen sie in guten zwölf Stunden selbst betreffen würden …
Kapitel 14
Verbotenes Wiedersehen
Nach dem Gottesdienst bot Thomas Andrews in Abstimmung mit Captain Smith einigen Passagieren der Ersten Klasse, darunter auch Rose und Ruth DeWitt Bukater und Caledon Hockley, eine Besichtigung des Schiffes an. Die Tour begann im Fitnessraum, wo eine Dame im langen Kleid auf einem stationären Fahrrad strampelte. Cals Blick wurde augenblicklich von dem Rudergerät angezogen. Er setzte sich, nahm die Stangen, die die Riemen ersetzten und legte los. Es war unverkennbar, dass er Übung mit diesem Gerät hatte.
„Das erinnert mich an meine Zeit in Harvard“, sagte er mit jungenhaftem Grinsen, während er kräftig pullte. T. W. McCauley, der Fitnessinstrukteur, war ein eher kleiner, dafür umso agilerer Mann, der in weißem Flanellanzug die Passagiere zu sportlicher Aktivität animierte. Er war sehr eifrig darin, den Gästen seine modernen Geräte vorzuführen. Er legte einen Schalter um und ein Gerät mit Sattel setzte sich einen eine wellenförmige Bewegung.
„Das elektrische Pferd ist sehr gefragt. Wir haben auch ein elektrisches Kamel, wenn Sie es ausprobieren möchten“, warb er mit dem Talent eines berufsmäßigen Marktschreiers. Rose legte neugierig eine Hand an das elektrisch dahin galoppierende „Pferd“.
„Wagen Sie es und versuchen Sie es mal mit rudern, Ma’am“, wandte er sich an Ruth. Sie sah ihn abweisend an.
„Wie absurd! Ich kann mir wohl keine Fähigkeit vorstellen, die mir nutzloser erscheint als diese, Sir“, versetzte sie eisig. Andrews verkniff sich gerade noch ein zu amüsiertes Schmunzeln.
„Die nächste Station auf unserer Tour ist die Brücke. Hier entlang, bitte“, lud er zum Weitergehen.
Auf der Brücke, wunderte Ruth sich gleich darüber, dass es hier zwei Steuerräder gab.
„Und warum gibt es zwei Steuerräder?“, fragte sie.
„Dieses wird nur in Küstennähe eingesetzt“, erwiderte der Captain mit geduldigem Lächeln.
Harold Bride, einer der beiden Funker der Titanic, kam mit eiligen Schritten auf die Brücke und räusperte sich, um die Aufmerksamkeit des Captains zu bekommen, der den reichen Passagieren die Brücke erklärte.
„Verzeihung, Sir“, sprach er ihn an. Smith wandte sich ihm zu.
„Noch eine Eiswarnung. Diesmal von der Noordam“, sagte Bride und reichte Smith die handschriftliche Dechiffrierung des Funkspruchs .
„Danke, Sparks …“, nahm ihm der Captain die Meldung ab und steckte sie in die Tasche.
Sparks, also Funke, war eine scherzhafte Bezeichnung für die Funker im militärischen Bereich, besonders aber auf See, wo die Funktechnik noch in den Kinderschuhen steckte. Längst nicht alle hochseetüchtigen Schiffe verfügten über Funkanlagen. Auf der Titanic war sie als von der Firma Marconi betriebene Luxuseinrichtung eingebaut, damit die reichen Passagiere von Bord aus ihre Ankunft ankündigen konnten, ihnen wichtig erscheinende Nachrichten absetzen konnten oder damit wichtig tun konnten. Die Funkanlage der Titanic hatte eine Wichtigkeits- und Sicherheitsstufe für das Schiff, die vielleicht mit dem hundert Jahre später für ähnliche Zwecke genutzten Twitter vergleichbar wäre – praktisch Null …
Smith sah die augenblicklich auf den Gesichtern seiner Brückengäste aufkeimende Besorgnis. Eiswarnung? Das klang nicht wirklich gut …
„Oh, kein Grund zur Aufregung. Zu dieser Jahreszeit völlig normal. Wir legen sogar noch an Geschwindigkeit zu. Ich habe angeordnet, den letzten Kessel zu beheizen“, beruhigte der Captain mit väterlich-ruhiger Stimme die Damen und den jungen Herrn.
Während Thomas Andrews den nach Ansicht der Reederei wichtigen Passagieren sein Schmuckstück von Schiff präsentierte, nahm Jack Dawson gezielt Kurs auf das A-Deck, auf dem er seiner Fahrkarte nach gar nichts zu suchen hatte. Tommy Ryan und Fabrizio de Rossi begleiteten ihn, Tommy versuchte ihm auszureden, was er vorhatte:
„Sie ist eine Göttin unter sterblichen Menschen, keine Frage. Aber sie ist in ‘ner anderen Welt, Jackie, vergiss sie! Sie hat die Tür zugeschlagen.“
Jack ließ sich davon nicht beeindrucken und schlich weiter nach achtern zu der Wand, die unter der Promenade des A-Decks war.
„Ihre Leute waren das, nicht sie“, korrigierte er Tommys Sicht der Dinge und sah sich vorsichtig um. Die Luft war rein.
„Fertig? Los!“, kommandierte er. Tommy schüttelte resigniert den Kopf, ging in die Knie und formte seine Hände zur Räuberleiter. Jack stieg auf Tommys kräftige Hände und bekam den nötigen Schub, um geschickt über die Reling auf das A-Deck zu steigen.
„Er handelt nicht gerade logisch, sag’ ich dir“, brummte Tommy. Fabrizio grinste breit.
„Amore ist nicht logisch“, erwiderte er mit einer ausholenden, sehr italienischen Geste mit beiden Armen, die Ratlosigkeit und Fatalismus gleichzeitig ausdrückte.
Nahe bei dem Teil der Reling, die Jack überkletterte, waren Arthur Ryerson, sein Sohn Jack und ein älterer Passagier. Ryerson zeigte seinem Jungen, wie man einen Kreisel richtig startete:
„Du musst es ganz fest rumbinden“, erklärte er.
„Etwa so?“, fragte Master Jack, wie der Kleine von den Dienern genannt wurde und wickelte die Schnur fest um den Kreisel.
„Ja, so ist es gut … Und jetzt wirf ihn“, sagte Ryerson. Seinen Mantel hatte er in der warmen Sonne des Frühlingstages abgelegt und auf einem Deckstuhl liegen gelassen, der ältere Herr hatte seine Melone ebenfalls auf dem Stuhl abgelegt. Jack Dawson bemerkte die unbeaufsichtigte Kleidung und den Umstand, dass die beiden Herren ihre Aufmerksamkeit ganz dem Jungen widmeten, der seinerseits ganz auf den Kreisel konzentriert war. Auf Zehenspitzen näherte er sich dem Stuhl, schnappte sich Hut und Mantel, verschwand damit hinter der Ecke, wo er sich den Mantel überzog und den Hut aufsetzte.
Jack Ryerson ließ den Kreisel mit einem geschickten Wurf auf das Deck fallen, der Kreisel begann zu rotieren und stand kerzengerade auf der Spitze.
„Das war doch schon sehr gut“, lobte der ältere Passagier.
„Ist auch gut. Ich probier’s noch mal“, jubelte Klein-Jack.
„Tu das“, bestätigte sein Vater.
„Ein fabelhafter Junge“, schwärmte der Ältere.
„Das ist er in der Tat“, erwiderte Ryerson angetan.
„Wie gefällt es ihm auf dem Internat?“, erkundigte sich der Ältere.
„Bestens“, lächelte Ryerson.
Jack Dawson half seiner äußeren Erscheinung noch etwas nach und strich sich die Haare auf beiden Seiten hinter das Ohr. Dann sah er einige Passagiere angeführt von Thomas Andrews kommen und stellte sich an eines der Rettungsboote, um nicht sofort erkannt zu werden. Der unerlaubt geborgte Mantel und der Hut boten eine gewisse Tarnung und ließen ihn – von weitem betrachtet – wie einen Gentleman aussehen.
Die Gruppe, die Andrews führte, war seine Besichtigungsgruppe. Rose suchte die Nähe des Ingenieurs.
„Mr. Andrews … verzeihen Sie. Ich hab’ das mal nachgerechnet. Und bei der Kapazität der Rettungsboote, wie Sie es gerade erwähnten … verzeihen Sie bitte, aber … es scheint mir, es gibt nicht genügend Platz für alle Passagiere“, sagte sie. Andrews blieb stehen und sah die junge Frau einen Moment an. Wieder verzauberte sie ihn mit ihrer königlichen Erscheinung, die auch von ihrem Kostüm unterstrichen wurde: Es bestand aus einem königsblauen Samtjackett mit langen Ärmeln, das komplett mit ebenso königsblauer Seide gefüttert war, die an den Ärmelaufschlägen, Kragen und Revers nach außen sichtbar war. Die Revers waren mit asiatisch anmutenden Blumenmustern Ton in Ton bestickt. Ein gut handbreiter Seidengürtel umschloss das Jackett an der Taille und betonte Roses ohnehin schlanke Figur, die vom Korsett noch schmaler gepresst war. Das Jackett endete unter der Hüfte, wurde aber optisch noch durch vier schmale Lätze verlängert, die bis auf Kniehöhe reichten und am Ende mit goldfarbenen Metallkugeln abgeschlossen wurden. Der fast bodenlange Rock bestand ebenfalls aus königsblauer Seide, war gewickelt, ließ wenig Beinfreiheit und betonte wiederum die schlanke Silhouette. Am vorderen Saum wiederholte sich die Stickerei der Revers in einem Dreieck, dessen Spitze etwa bis zur Hälfte des Schienbeins reichte. Darunter trug sie ein weißes Mieder, das mit Spitze besetzt war. Um die Arme und den Rücken schlängelte sich ein cremefarbener Seidenschal, der mit goldfarbenen Applikationen besetzt war. Weiße Seidenhandschuhe, die weit unter die langen Ärmel reichten, sowie eine cremefarbene Häkelhandtasche ergänzten ihre Ausstattung.
„Für die Hälfte, um genau zu sein“, räumte Andrews ein. Dies entsprach den gesetzlichen Sicherheitsbestimmungen Großbritanniens für Schiffe, die mehr als zehntausend Tonnen Verdrängung hatten. Dass es inzwischen Schiffe gab, die wie die Titanic erheblich mehr Wasser verdrängten, war bis zu den Verantwortlichen im zuständigen Ministerium noch nicht durchgedrungen …
„Rose, ich muss schon sagen: Ihnen entgeht nichts“, sagte der Ingenieur anerkennend. „Ich hab’ sogar diese neuartigen Davits einbauen lassen“, fuhr er fort und wies auf die Hebeeinrichtung einige Yards weiter achtern.
„Sie könnten noch eine Reihe Rettungsboote auf der Innenseite aufnehmen. Aber … es gab einige, die glaubten, das Deck sei dann zu voll gestellt. Und so … wurde ich überstimmt“, sagte er.
„Ohne Frage eine … Vergeudung von Platz auf einem unsinkbaren Schiff“, bemerkte Cal spitz und stieß mit dem Spazierstock geradezu verachtungsvoll gegen das Rettungsboot, vor dem Andrews stand, und ging dann Arm in Arm mit seiner künftigen Schwiegermutter weiter, die zu seiner Bemerkung zustimmend lächelte.
„Schlafen Sie beruhigt, kleine Rose. Ich hab’ Ihnen ein gutes Schiff gebaut. Stark und solide. Sie ist das einzige Rettungsboot, das nötig ist“, sagte Andrews lächelnd. „Gehen wir zum Heck. Nachher besichtigen wir noch den Maschinenraum“, rief er den schon vorausgegangenen Mitgliedern der Besichtigungstour hinterher.
Rose blieb etwas zurück. Sie konnte nicht recht verstehen, weshalb es auf einem Schiff wie diesem – unsinkbar oder nicht – nur für die Hälfte aller an Bord befindlichen Menschen Rettungsboote gab. Andrews’ Erklärung hatte sie keinesfalls beruhigt, auch wenn er meinte, ein solides Schiff geschaffen zu haben.
Der Mann, der bisher schweigend an dem von Cal so verachtungsvoll behandelten Boot Nummer 7 gestanden hatte, drehte sich hinter Rose um und fasste sie am Arm. Erschrocken wirbelte sie herum und war völlig überrascht, dass es Jack Dawson war.
„Kommen Sie!“, raunte er, winkte ihr hektisch und zog sie in die Tür des Fitnessraums, der jetzt leer war. Drinnen hatte sie ihre fünf Sinne endlich beisammen.
„Jack! Das ist einfach unmöglich! Wir dürfen uns nicht mehr sehen!“, protestierte sie. Er kam ihr näher.
„Ich muss mit Ihnen reden“, sagte er eindringlich. Rose wich zurück bis zur Fensterbank.
„Nein, Jack! Nein!“, wehrte sie erneut ab. „Jack … ich bin verlobt. Ich werde Cal heiraten. Ich liebe Cal“, behauptete sie – und wusste im gleichen Moment, dass es eine handfeste Lüge war. Er seufzte leise.
„Rose … Sie sind nicht gerade einfach. Ehrlich gesagt, sind Sie sogar ein kleines, verwöhntes Mädchen. Aber hinter dieser Fassade steckt das umwerfendste, hinreißendste, wundervollste Mädchen … Frau … die mir jemals begegnet ist. Und …“
Sie nutzte einen kurzen Moment, den er nicht direkt vor ihr stand und erhob sich, um den Fitnessraum zu verlassen.
„Jack, ich …“
Augenblicklich war er wieder zur Stelle und trat ihr in den Weg.
„Nein, nein … Lassen Sie mich versuchen, das in Worte zu fassen“, bremste er sie. Sie setzte sich wieder auf die Fensterbank.
„Ich … ich bin kein Idiot. Ich weiß, wie es auf der Welt zugeht. Ich hab’ läppische zehn Dollar in meiner Tasche und nichts, was ich Ihnen bieten könnte – und das weiß ich auch. Darüber bin ich mir im Klaren“, fuhr er mit einiger Leidenschaft und ausholender Geste fort. „Aber jetzt gehen Sie mich was an. Wenn Sie springen, dann spring’ ich auch – wissen Sie noch? Ich kann nicht einfach gehen, ohne zu wissen, dass es Ihnen gut geht. Das ist alles, was ich will.“
„Es geht mir gut. Es geht mir gut … wirklich“, sagte sie, auch wenn es nicht den Tatsachen entsprach. Jack durchschaute diesen Umstand.
„Wirklich?“, fragte er. „Ich glaube nicht. Merken Sie das nicht? Die halten Sie gefangen, Rose!“, stellte er mit richtig wütender Geste in Richtung Heck fest. „Und Sie werden eingehen, wenn Sie da nicht ausbrechen … Vielleicht nicht sofort, weil Sie stark sind. Aber … früher oder später wird das Feuer, das ich so an Ihnen liebe, Rose … dieses Feuer wird irgendwann verlöschen.“
Er streichelte liebevoll ihre Wange. Rose nahm seine Hand, ihre Augen schwammen in Tränen. Sah er ihr Dilemma nicht? Sie konnte nicht so einfach ausbrechen …
„Es ist nicht Ihre Aufgabe, mich zu retten, Jack“, erwiderte sie mit versagender Stimme.
„Da haben Sie Recht“, räumte er ein. „Das können nur Sie allein.“
Er konnte ihr nur die Tür aufmachen, hindurchgehen musste sie schon selbst … Rose wandte sich von der Fensterbank ab.
„Ich muss jetzt gehen. Lassen Sie mich in Ruhe!“, versetzte sie und ließ ihn im Fitnessraum allein. Er sah ihr nach, tief getroffen von ihrer so offensichtlichen Ablehnung.
Der Tag schritt fort. Zum Tee trafen sich die Damen DeWitt Bukater mit der Gräfin von Rothes und Lady Lucile Duff Gordon im Salon des D-Decks. Während sich Ruth mit den anderen Damen angeregt unterhielt, saß Rose teilnahmslos da.
„Ruth, erzählen Sie Lucile, was Sie für ein Theater mit der Druckerei hatten“, bat die Gräfin. Ruth hielt ihre Teetasse mit geziert ausgestrecktem kleinem Finger in der rechten Hand und sagte:
„Die Einladungen mussten natürlich zweimal nachgebessert werden!“
„Du liebe Güte!“, entfuhr es Lady Duff Gordon.
„Und die scheußlichen Kleider für die Brautjungfern! Ich muss Ihnen erzählen, was das für eine Odyssee war! Rose hatte beschlossen, dass sie Lavendel tragen will. Ich kann diese Farbe nicht ausstehen. Sie hat es nur gemacht, um mich zu ärgern“, fuhr Ruth fort.
„Wenn Wenn Sie sich doch nur schon eher an mich gewandt hätten!“, entfuhr es Lady Duff Gordon „Lucy hat ein paar meiner Entwürfe in der La Mode Illustré gesehen. Sie waren für die Aussteuer der jüngsten Tochter der Herzogin von Marlborough bestimmt. Sie waren recht ansprechend. Aber Sie werden mir sicher Recht geben, meine Liebe, dass wir gemeinsam eine Art Phönix aus der Asche erschaffen haben.“
Rose schaltete jetzt endgültig aus dem Gespräch ab und sah sich im Salon um. Ihr Blick fiel auf eine elegant gekleidete Dame mit ihrer ebenso aufwändig gekleideten Tochter an einem der Nachbartische, die für sich und ihr Kind außer Tee auch Kuchen bestellt hatte. Die Kleine saß zusammengesunken in dem für sie viel zu großen Sessel. Ihre Mutter beugte sich zu ihr herüber, fasste ihr an den Rücken und machte ihr damit deutlich, dass sie gerade sitzen sollte. Den gesellschaftlichen Regeln der britischen Upper Class und auch der amerikanischen Geldaristokratie entsprach es, kerzengerade zu sitzen und die Stuhl- oder Sessellehne niemals mit dem Rücken zu berühren. Die Kleine richtete sich auf, bis sie steif wie eine Puppe dasaß, dann nahm sie ihre Serviette in die behandschuhten Händchen, faltete sie mit gezierter Handhaltung auseinander und legte sie sich derartig steif auf den Schoß, dass es Rose ganz anders wurde. Schlagartig wurde ihr klar, dass Jack Recht hatte: Hier würde man sie weiterhin genauso verbiegen wie dieses kleine Mädchen gerade verbogen wurde. Sie musste hier raus – sofort.
Jack Dawson hing zusammengesunken an der Bugreling. Eben gerade war die Sonne hinter dem Horizont verschwunden, der Himmel färbte sich langsam rot. Er bemerkte es kaum. Enttäuschung und tief sitzender Schmerz waren ihm ins Gesicht geschrieben wie in ein offenes Buch. Er hatte sich geirrt. Sie war eben doch ein verwöhntes Mädchen, das sich aus den Fesseln, die ihr die Gesellschaft angelegt hatte, nicht freiwillig befreien würde. Vielleicht war es auch längst zu spät dazu … Aber sie war ein Mädchen, das er nie – niemals – vergessen konnte. Niemals zuvor hatte ihn eine Frau so tief berührt. Dabei hatten sie sich nicht mal geküsst, geschweige denn, dass mehr geschehen war. Er hatte sich verliebt, erkannte er, richtig verliebt. Dass sie so offensichtlich wider ihren eigenen Wunsch diesen … Pinguin … heiraten wollte, machte den Schmerz in seinem Inneren nur umso schlimmer. Es tat weh, dass sie offenen Auges in ihr gefühlsmäßiges Verderben rannte – und ganz genau wusste, dass es sie zerstören würde. Nein, das hatte sie nicht verdient. Sie verdiente, geliebt zu werden – und er liebte sie.
„Hallo, Jack“, hörte er eine wohlbekannte Stimme hinter sich. Das konnte doch nicht wahr sein … Er drehte sich um und stellte fest, dass es keine akustische Halluzination war, die ihm ihre Nähe vorgegaukelt hatte. Sein Herz tat einen Sprung und zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht.
„Ich … hab’ meine Meinung geändert“, sagte sie mit einem verlegenen Lächeln und einem leichten Schulterzucken. Sein Lächeln verstärkte sich, er ging langsam auf sie zu.
„Sie sagten, hier oben würde ich Sie …“
Er legte den Zeigefinger an die Lippen.
„Schhhh“, bedeutete er ihr zu Schweigen. Nein, sie sollte sich nicht entschuldigen müssen, es war unnötig. Er streckte die Hand nach ihr aus.
„Geben Sie mir Ihre Hand“, bat er leise. Sie tat es, ohne zu ahnen, was er jetzt vorhatte.
„Jetzt schließen Sie Ihre Augen“, fuhr er fort. Sie sah ihn verstört an. Wollte er sie etwa küssen?
„Na los“, bekräftigte er, als sie nicht tat, worum er sie bat. Sie beschloss, ihm zu vertrauen und schloss die Augen. Er trat hinter sie, schob sie ganz vorsichtig in Richtung Reling. Es fühlte sich unglaublich gut an, als er ihre linke Hand in die seine nahm. Seine Hände waren sanft und trotz des kühlen Windes warm.
„Steigen Sie hier rauf. Halten Sie sich an der Reling fest“, sagte er leise. Seine Stimme klang so warm in ihren Ohren, dass sie schon glaubte, zu schweben.
„Die Augen bleiben zu! Nicht aufmachen!“, erinnerte er sie sanft an seine Regel. Sie musste lächeln.
„Nein, mach’ ich nicht“, versprach sie. Nettes Spiel. Was hatte er nur vor?
„Jetzt steigen Sie oben auf die Reling. Schön festhalten. Schön festhalten“, fuhr er fort und half ihr auf die unteren Stangen der Bugreling. „Und nicht die Augen aufmachen. Vertrauen Sie mir.“
„Ich vertraue Ihnen“, erwiderte sie und spürte in diesem Moment eine Geborgenheit, die sie wohl noch nie empfunden hatte. Sie stand auf zwei dünnen Metallrohren, hinter sich spürte sie Jacks unmittelbare Nähe. Seine warmen Hände nahmen die ihren und lösten sie vorsichtig von der Reling. Langsam zog er ihre Arme zur Seite, bis sie ganz ausgestreckt waren. Ihr Schal, den sie um Arme und Rücken gelegt hatte, flatterte an den Armen wie die Schwungfedern ausgebreiteter Flügel. Der Druck des Fahrtwindes ließ sie die Relingstangen schon fast nicht mehr spüren. Er ließ ihre Hände los, seine Hände legten sich sachte auf ihre Taille. Himmel, was für eine unglaubliche Berührung! In diesem Augenblick spürte sie nur noch Jacks Künstlerhände, die so unendlich sanft ihren Leib berührten und dennoch verlässliche Kraft verrieten.
„In Ordnung“, flüsterte er. „Jetzt öffnen Sie die Augen.“
Sie tat es. Vor sich sah sie nichts als den weiten Ozean, sie spürte den Luftdruck unter ihren Armen, das Flattern ihres Schals. Sie schwebte, sie flog – ja, genau das!
„Ich fliege! Jack!“, jubelte sie.
Im flammenden Abendrot standen zwei im Vergleich zu dem gewaltigen Bug der Titanic winzig erscheinende Menschen wie Galionsfiguren an der Spitze des Riesenschiffes und schienen gleichzeitig ebenso fest mit dem Schiff verwachsen wie federleicht davon abgehoben.
Jack ließ ihre Taille los, breitete ebenfalls die Arme aus und nahm ihre Hände, die sich unwillkürlich ineinander verschränkten wie Körper in ebenso zärtlichem wie leidenschaftlichem Liebesspiel.
„Come, Josephine, in my flying machine, going up she goes, up she goes“, sang er leise direkt neben ihrem Ohr. Rose war völlig hingerissen von dieser geradezu irreal erscheinenden Romantik in knalligem Abendrot, die sie auf jedem gemalten Bild als blanken Kitsch empfunden hätte. Nein, das hier war etwas unglaublich Schönes; etwas, das Cal ihr in hundert Jahren nicht bieten würde. Sie hätte sich jetzt nicht mehr gewundert, wenn der Himmel plötzlich von einem grünen Blitz überstrahlt worden wäre, der in alten Seefahrerlegenden die Rückkehr einer Seele aus dem Reich der Toten anzeigte … Ihrer eigenen in diesem Fall … Sie lebte wieder.
Er nahm ihre Hände aus der Flugposition zurück und führte sie an ihren Leib. Rose drehte den Kopf zu ihm. Fast gleichzeitig fanden sich ihre Lippen zu einem langen, unendlich zärtlichen Kuss, der jeden Zweifel zum Schweigen brachte. Dieser Kuss sagte mehr als jedes Wort jetzt hätte ausdrücken können …
Kapitel 15
Das Porträt
Die altgewordene Rose kehrte mental wieder in den Kontrollraum der Keldysh zurück, ihre Zuhörer ebenfalls – aber nur, weil das Diktiergerät abschaltete. Das Geräusch war leise, eigentlich kaum wahrnehmbar, aber es genügte doch, um den Zauber der Erzählung der alten Dame zu brechen und sie allesamt wieder in die Gegenwart zurückzuholen.
Der Bug auf dem Monitor wurde wieder das, was er seit vierundachtzig Jahren war: Ein rostiges Wrackteil auf dem tiefen Meeresgrund, Spielplatz für Meerjungfrauen, Kalmare und Davy Jones persönlich …
Rose wandte sich den Zuhörern zu, während Brock die Kassette tauschte.
„Das war das letzte Mal, dass die Titanic das Tageslicht sah“, sagte sie. Lovett setzte sich wieder zurecht, nachdem er das Diktiergerät wieder eingeschaltet hatte.
„Der Abend vor der Kollision“, sagte er leise. „Es sind noch sechs Stunden.“
„Unglaublich!“, grollte Bodine und schob seinen massigen Körper nach vorn. „Dieser Smith steht einfach da, hat ’ne Eisbergwarnung in seiner Scheißhand …“
Er unterbrach sich, als ihm die sprachliche Entgleisung bewusst wurde.
„Entschuldigen Sie bitte“, bat er um Nachsicht. „… in seiner Hand … und er ordnet eine noch höhere Geschwindigkeit an!“
Lewis konnte nicht begreifen, dass ein so erfahrener Captain wie E. J. Smith derart leichtfertig einen solchen Blödsinn veranstaltete, für den jedem jüngeren Schiffsführer wohl die Kolbenringe – die Litzenstreifen am Ärmel – abgerissen worden wären. Lovett hatte damit kein so großes Problem.
„Die sechsundzwanzig Jahre Erfahrung haben seinen Blick getrübt“, warf er ein. Betriebsblindheit ist eine Berufskrankheit der besonders Erfahrenen … Bodine würde das irgendwann auch merken.
„Er dachte, dass man alles, was groß genug war, das Schiff zu versenken, rechtzeitig sehen würde“, setzte Brock hinzu. „Aber für die Größe des Schiffes war das Ruder viel zu klein. Damit konnte man keine Kurve nehmen. Sein ganzes Wissen war nichts wert …“
Rose hörte nicht hin. Der Steckkamm mit dem Jade-Schmetterling in ihrer Hand führte sie geradewegs wieder zurück in die Vergangenheit. Sie sah auf den Monitor, der den Kamin der Suite B-52 zeigte. Auf dem Monitor war es ein bläuliches Bild, das die Kälte der Tiefsee eindrucksvoll dokumentierte, doch in Roses Erinnerung war die Verkleidung wieder aus rotbraunem Holz, abgesetzt mit barocken Schnitzereien, die mit Blattgold belegt waren. Ihr Geist tauchte wieder ab in die zermalmende Tiefe von Davy Jones’ Locker …
***
… und zum Abend des 14. April1912.
Ein Feuer brannte im Kamin, die Griffe des Kamingeschirrs daneben glänzten neu in blankem Messing. Auf dem Sims standen zwei Porzellanvasen, verziert mit verspielten Nippesfiguren und barock geschwungenem Goldrand, darin schöne Blumenarrangements aus blassrosa und roten Rosen und dunkelgelben Gladiolen. Die Uhr, die in der Mitte vor dem Spiegel stand, zeigte kurz vor halb neun am Abend.
Im Spiegel über dem Kamin wurde die Tür zum Korridor reflektiert, die von außen geöffnet wurde. Heiter lachend schloss Rose auf und trat mit Jack in die Suite ein.
„Glaub’ mir: Es ist angebracht. Keine Angst“, beruhigte sie ihn, dem in diesem Teil der Titanic nicht recht wohl in seiner Haut war, nachdem man ihn am Morgen recht ruppig darauf hingewiesen hatte, wo sein Platz auf diesem Schiff war.
„Das hier ist das Wohnzimmer“, erklärte sie, als Jack eintrat und mit ungläubigem Staunen zum Kamin durchging. War das wirklich das gleiche Schiff, auf dem er auch fuhr oder hatte er auf dem Weg vom Bug zum B-Deck irgendwie die Dimension gewechselt und war im Märchenschloss gelandet? Völlig entrückt betrachtete er eine üppige Ausstattung, die er bestenfalls in seinen Träumen gesehen hatte …
„Ist das Licht ausreichend?“, fragte Rose mit leichter Besorgnis. Die Lampen gaben warmes Licht, aber sie waren eigentlich nicht als Beleuchtung für ein Künstleratelier gedacht …
Jack kam wie aus weiter Ferne zurück. Cinderellas Ausflug ins Schloss des Prinzen war ja nichts dagegen, wenn das hier real war!
„Was?“, fragte er.
„Künstler brauchen doch gutes Licht“, präzisierte sie ihre Frage. Er kam wieder in der Gegenwart des Jahres 1912 an und gewann Boden unter den Füßen, strich mit einem Finger über den Kaminsims.
„So ist es. Isch bin es nischt gewohnt, unter solsch ‘orriblen Bädingungän su arbaiten …“, erwiderte er mit schwerem französischem Akzent, der Rose zum Lachen reizte. Dann wurde sein Blick wie magisch von einem Bild angezogen.
„Ein Monet!“, entfuhr es ihm. Er stürzte zu dem an die Zimmerwand gelehnten, ungerahmten Bild des französischen Meistermalers.
„Kennst du seine Bilder?“, fragte sie.
„Selbstverständlich“, sagte er und kniete vor dem Bild nieder. Es zeigte eine Wasserfläche, auf der Seerosen in unterschiedlichen, sehr realistischen Blühstadien schwammen, im Wasser spiegelten sich graue Wolken und blaue Himmelsfetzen. Das Bild gehörte zu den berühmten Seerosenbildern des Meisters, die er in seinem Haus in Giverny gemalt hatte, wo sich tatsächlich ein solcher Seerosenteich befand. Claude Monet hatte immer wieder Seerosenmotive gemalt; eine ganze Serie war entstanden, die allerdings nicht die Zufriedenheit dessen gefunden hatte, der sie geschaffen hatte.
„Sieh doch nur mal, wie er die Farben einsetzt!“, schwärmte Jack. „Ist das nicht großartig? Ich habe ihn einmal gesehen – durch ein Loch im Gartenzaun in Giverny.“
Jack Dawson hatte sich den amerikanischen Künstlern angeschlossen, die nach Giverny gepilgert waren, um dort zu malen, wo ihr großes Vorbild Monet seine Kunstwerke schuf. Der Meister hatte engen Kontakt abgelehnt, doch die kunstbeflissenen Amerikaner hatte es offensichtlich nicht gehindert ab und zu durch den Zaun zu spähen …
„Ja, das ist außergewöhnlich“, stimmte Rose Jacks Einschätzung zu. Es waren knappe Pinselstriche, aus denen die einzelnen Elemente des Bildes bestanden, die in gewisser Entfernung aber im Auge des Betrachters unzweifelhaft zu Seerosen, Blättern, gespiegeltem Himmel und Wolken wurden. Impressionistische Bilder wie dieses wurden eben erst im Gehirn des Betrachters zu dem zusammengebaut, was er darin sah. Eine Kunst, die buchstäblich Eindruck machte, schließlich bedeutete Impression genau das …
Rose ging ins Ankleidezimmer und öffnete den Safe, während Jack sich endlich von dem Monet losreißen konnte.
„Cal muss dieses grässliche Ding immer überall mit hinschleppen“, kommentierte sie die Anwesenheit des grünen Sicherheitsschranks aus purem Stahl. Jack ging vorsichtig weiter, peilte in jede der vielen Türen, um sicher zu sein, nicht plötzlich auf die ungebetene Anwesenheit des eigentlichen Mieters dieser Suite zu stoßen. Er kam sich vor wie ein Einbrecher …
„Müsste der nicht jeden Augenblick hier auftauchen?“, fragte er besorgt.
„Nicht, solange noch genug Brandy und Zigarren da sind“, beruhigte sie Jack und kam zurück ins Wohnzimmer, in den Händen das Collier, das Cal ihr nach ihrem Nervenzusammenbruch geschenkt hatte. Die kostbare Kette entlockte dem jungen Mann einen anerkennenden Pfiff.
„Das ist sehr schön“, sagte er, als er sie vorsichtig aus ihrer Hand nahm und den großen herzförmigen Stein näher in Augenschein nahm. „Was ist das? Ein Saphir?“, erkundigte er sich. So einen Klunker hatte er seinen Lebtag noch nie zu Gesicht bekommen – nicht mal bei Madame Bijoux –, geschweige denn in der Hand gehalten.
„Ein Diamant“, sagte Rose leise. „Ein äußerst seltener Diamant, genannt das Herz des Ozeans.“
Wieder blieb Jacks Blick an dem Stück hängen, das jenseits seiner Vorstellungskraft in Sachen Wohlstand war.
„Jack, ich möchte, dass du mich so zeichnest wie die Mädchen in Frankreich … wenn ich das trage“, sagte sie. Er nickte abwesend, völlig gefesselt von der Schönheit des Edelsteins.
„In Ordnung“, sagte er und untersuchte intensiv das unglaubliche Blau des Steins.
„Wenn ich nur das trage …“, hauchte Rose in sein Ohr. Jack wandte sich ihr zu, glaubte, nicht richtig gehört zu haben.
Doch Rose meinte, was sie sagte. Sie verschwand in ihrem Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Jack betätigte sich in der Zwischenzeit als Möbelpacker, stellte die Couch im Wohnzimmer so hin, dass das Licht die Sitzfläche für ihn optimal beleuchtete, drapierte Kissen so, dass sein Modell zur besten Geltung kam. Dann setzte er sich in den Sessel am Kamin, der Couch gegenüber und packte sein Zeichenwerkzeug aus. Er entrollte das Bündel, in dem Stifte, Kohle und ein Messer wie chirurgische Instrumente steckten – und genauso sorgsam behandelte er sein Werkzeug auch. Mit dem Messer spitzte er den Kohlestift an, um die beste Dimension der Spitze für die Zeichnung zu haben.
Inzwischen entledigte Rose sich ihres Kleides**, löste den Hornkamm mit dem Jade-Schmetterling, schüttelte ihr Haar aus, dass es lose über ihre Schultern fiel und warf stattdessen einen hauchdünnen Seidenkimono über, der mit heruntergelassenen Armen wie ein Kokon wirkte, bei ausgebreiteten Armen aber die Flügel eines Schmetterlings repräsentierte. Er bestand aus fast durchsichtigem schwarzem Seidenchiffon, der an den Ärmeln mit Arabesken aus goldfarbenen Pailletten und ebensolchen Perlen bestickt war. Die Arabesken waren so groß, dass sie von der Schulter bis zum Ärmelsaum reichten. Mit zusammengefalteten „Flügeln“ war deshalb praktisch der ganze Arm in goldene Stickereien gehüllt. Es war ein Kleidungsstück, das auch zu einer orientalischen Prinzessin gepasst hätte. Mit kräftigen, etwa handbreiten Seidenstreifen, die am Ansatz schwarz waren und zum losen Ende hin wie eine Art dunkler Regenbogen über Violett und Rot in flammendes Orange übergingen und in schwarzen Quasten endeten, konnte der Seidenmantel verschlossen werden.
Als sie damit bekleidet ins Wohnzimmer der Suite zurückkehrte, hielt sie den Kimono über der Brust mit der linken Hand zu, darüber glitzerten die weißen Diamanten der Kette und der Umrandung des blauen Herzdiamanten im warmen Licht der Lampen. In der rechten Hand schwang sie die rechte Hälfte des Gürtels verführerisch wie eine der Varietétänzerinnen in Paris und trat mit koketter Bewegung auf Jack zu, dem schon diese Erscheinung die Sprache verschlug.
„Das Letzte, was ich gebrauchen kann, ist noch ein Bild, auf dem ich aussehe wie eine Porzellanpuppe“, sagte sie und gab ihm eine 10-Cent-Münze. „Als zahlende Kundin … kann ich wohl erwarten, das zu bekommen, was ich will“, setzte sie hinzu und öffnete den Kimono, um sich Jack so zu präsentieren, wie Gott sie geschaffen hatte – von dem Diamantcollier abgesehen …
Der junge Mann schluckte heftig und konnte kaum glauben, was er an makelloser Schönheit zu sehen bekam. Der Kimono sank zu Boden. Verliebt, wie Jack war, war ihre strahlende Nacktheit geeignet, ihn auf gänzlich andere Gedanken kommen zu lassen, als sie jetzt zu zeichnen. Ihr Anblick raubte ihm schlicht den Atem. Er brauchte einige Sekunden, um wieder Luft zu bekommen und seine Gedanken auf die bestellte Zeichnung zu konzentrieren.
„Geh … äh, zum Bett …“, stammelte er wie unter Schock. „Zur Couch …“, berichtigte er sich und hatte das Gefühl, dass er gerade die Farbe reifer Tomaten annahm, so sehr schämte er sich für seine verknotete Zunge und seine Gedanken an das, was er jetzt am liebsten mit ihr machen würde. Sie ließ sich katzengleich nieder, er setzte sich im Sessel zurecht, um ordentlich zeichnen zu können.
„Gut so … leg dich hin“, sagt er und dirigierte sie auf die Couch. Rose legte sich hin, wandte sich ihm zu, probierte möglichst bequeme, aber auch für Jack als Zeichner passable Lagen aus – den linken Arm über dem Kopf, auf der Couchlehne …
„Sag mir, wenn ich richtig liege“, sagte sie. Er wies auf ihren linken Arm.
„Den Arm genau dahin, wo er eben war“, sagte er. Sie nahm ihn wieder über den Kopf. „Genau so …“, bestätigte er. „Nimm den andern Arm nach oben, leg deine Hand neben dein Gesicht. So ist gut. So, und jetzt … das Gesicht runter. Die Augen zu mir. Sieh mich an. Und versuch, dich nicht zu bewegen.“
Er atmete nochmals tief durch, dann gelang es ihm endlich, sich auf die Striche mit dem Kohlestift zu konzentrieren und sie so genau wie möglich abzubilden.
Er begann mit der Kontur des linken Armes, skizzierte dann die Finger der linken Hand.
„Och, so ernst …!“, spottete sie leise, als sie seine vor Konzentration geradezu verkniffenen Gesichtszüge bemerkte. Er musste lächeln, zeichnete ihren Kopf leicht vor.
„Ich glaube, Sie werden rot, großer Künstler“, neckte sie ihn weiter. Er zeichnete ihre Augen, die Augenbrauen, Nase und Mund vor, um die Konturen dann zu verstärken. Immer wieder sah er zu ihr hinüber. Über dem Rand der Skizzenmappe waren für Rose dann nur seine Augen zu sehen. Blaugrüne Augen, die sie musterten, als wollten sie ihre Seele finden. Es war ein Anblick, den sie nie vergessen würde.
Das Gesicht auf dem Papier nahm weitere Form an, Jack skizzierte Kette und Diamanten vor, füllte die Kontur mit geschicktem Schattenwurf.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Monsieur Monet rot werden würde“, fuhr sie fort, um wieder dieses sanfte Lächeln hervorzuzaubern, das sie so faszinierte.
„Das liegt daran, dass er Landschaften malt“, entgegnete er. „Entspann dein Gesicht“, mahnte er sanft.
„Entschuldige …“, erwiderte sie und gab sich alle Mühe, nicht nur den Körper, sondern auch das Gesicht ruhig zu halten.
Die Zeichnung wurde immer vollständiger, er verwischte die scharfen Striche des Kohlestifts zu weichen Schattierungen. Die Konturen des Busens behandelte er mit besonderer Sanftheit, ganz so, als berühre er zärtlich das Original dort drüben auf der Couch.
***
Roses detaillierte Erzählung von der Entstehung des Porträts, das sie alle in diesem Raum zusammengebracht hatte, ließ ihre Zuhörer andächtig und berührt schweigen. Die alte Dame kam wieder ins Jahr 1996 zurück. Ein schelmisches Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Das junge Gemüse auf Stühlen und Tischen hatte sie richtig im Griff. Sie lachte leise.
„Das war wohl der erotischste Moment in meinem Leben – jedenfalls bis dahin“, sagte sie.
„Und was passierte dann?“, fragte Lewis mit nicht zu überhörender Aufregung.
„Sie meinen, ob wir … es … getan haben?“, las sie Bodines Gedanken. Aber nicht nur Lewis kicherte ertappt, alle anderen auch.
„Es tut mir Leid, Sie enttäuschen zu müssen, Mr. Bodine. Jack war äußerst professionell“, gab sie die Antwort gleich dazu.
***
Das Porträt war fertig, Jack zeigte es Rose, nachdem sie sich den Kimono wieder übergezogen hatte. Fasziniert starrte sie auf die Zeichnung, die sie perfekt abbildete. Doch nicht nur das. Jack hatte geradezu ihre Seele gesucht, durchschaut und auf das Papier bekommen. Die Augen der Zeichnung strahlten ihren ganzen Lebenshunger und ihre Energie aus, die Jack – gefördert durch das weiche Licht und die wohlige Wärme des Kamins – bei ihr gesehen hatte.
„Datiere es, Jack. Ich möchte immer an diesen Abend denken“, bat sie. Er tat es und notierte April 14 1912 in einem für die Zeichnung nicht genutzten Fleck am unteren Rand des Blattes und setzte seine Initialen JD dazu.
Er blies die letzten überschüssigen Kohlereste fort, gab ihr die fertige und datierte Zeichnung samt dem ledergebundenen Skizzenbuch.
„Danke sehr“, sagte sie und küsste ihn, kaum weniger intensiv als kurz nach Sonnenuntergang am Bug.
Rose schrieb eine Nachricht auf dem Briefpapier mit dem Kopf der Reederei, das in den Kabinen der Ersten Klasse zur Ausstattung gehörte.
„Was machst du da?“ fragte er interessiert. Sie ging nicht darauf ein, gab ihm vielmehr die Kassette, in der das Diamantcollier war.
„Würdest du das für mich wieder in den Safe legen?“, bat sie. Er brummte zustimmend und brachte die Kassette ins Ankleidezimmer zurück, wo der offene Safe war. Er stellte das Kästchen an der Seite hinein und bemerkte dann, dass im Inneren des Stahlschranks vier Geldbündel aus großen Scheinen lagen. Das Bargeld entlockte Jack einen ungläubigen Pfiff …
Kapitel 16
Katz und Maus
Im Rauchsalon saß Caledon Hockley mit Colonel Archibald Gracie und Lord Duff Gordon an einem der Tische, als Lovejoy hereinkam und zu Hockley ging. Cal erhob sich.
„Würden Sie mich entschuldigen?“, bat er seine Gesprächspartner um Nachsicht für die Unterbrechung.
„Selbstverständlich“, entließ Gracie ihn. Er zog sich mit Lovejoy aus der Hörweite der beiden anderen an die dunkel getäfelte Wand zurück, die mit einem Rankenmuster aus cremefarbenen Intarsien geschmückt war. In dem Mosaikfenster daneben wiederholte sich das Muster der Intarsienarbeiten bis auf einen runden Ausschnitt, der den Blick aus einem Bullauge auf ein Schiff imitierte.
„Keiner der Stewards hat sie gesehen“, sagte Lovejoy, als er sicher war, dass niemand das Gespräch verfolgen würde.
„Das ist absurd!“, ereiferte sich Hockley. „Das hier ist ein Schiff! Es gibt nicht sehr viele Orte, wo sie sein kann!“ Mit einem gereizten Seufzen setzte er hinzu: „Lovejoy: Finden Sie sie!“
Die Titanic glitt durch den spiegelglatten Atlantik, auf dem das Licht der unzähligen Sterne so perfekt reflektiert wurde, dass der Himmel nicht mehr vom Horizont zu unterscheiden war.
Auf der Brücke war es dunkel. Der Rudergänger stand im hinteren Teil der Brücke, der Fünfte Offizier Lowe schaltete das Licht im Kompass ein, um nachzuschauen, ob der Kurs noch stimmte. Der Zweite Offizier Lightoller kam von der Backbordseite in das vordere Steuerhaus und gesellte sich zu Captain Smith, der zwischen den beiden Maschinentelegrafen vor dem unbesetzten Steuerrad am Fenster stand. Smith bemerkte die Anwesenheit eines weiteren Mannes.
„Klare Sicht“, sagte er.
„Ja“, bestätigte Lightoller. „Ich kann mich nicht erinnern, je eine so ruhige See gesehen zu haben.“
„Wie ein Dorfteich“, stimmte Smith seinem Zweiten Offizier zu. „Es weht kein Lüftchen.“
„Es wird schwierig sein, Eisberge zu erkennen, wenn sich keine Wellen an ihnen brechen“, warnte Lightoller. Smith brummte zustimmend und rührte in seiner Teetasse, drückte die darin befindliche Zitronenscheibe mit dem Löffel aus.
„Ich ziehe mich zurück“, sagte er. „Halten Sie Kurs und Geschwindigkeit, Mr. Lightoller!“, wies er seinen Zweiten Offizier an, was bei Lightoller das Gefühl hinterließ, seine Warnung sei am Captain schlichtweg abgeprallt.
„Ja, Sir!“, bestätigte er mit unterdrücktem Seufzen und ungutem Gefühl in der Magengrube die Anweisung.
„Und wecken Sie mich selbstverständlich, falls irgendetwas auch nur den leisesten Anlass zum Zweifeln gibt“, setzte der Captain hinzu und verließ die Brücke, einen nun doch erleichterten Zweiten Offizier zurücklassend.
Ein Deck tiefer stand Jack am Fenster des zur Suite gehörenden privaten Promenadendecks. Er hatte es heruntergezogen und ließ sich die kalte Nachtluft um die Nase wehen, während Rose sich wieder anzog. Er hatte die Hoffnung, dass die Kälte hatte die schon fast nicht mehr zu beherrschende Erregung vertreiben würde, die der Anblick von Roses unbekleidetem Körper in ihm ausgelöst hatte. Jetzt allerdings wurde die eisige Kälte der nordatlantischen Nachtluft langsam schmerzhaft; Jack froren fast die Finger ein, obwohl er sich den am Nachmittag unerlaubt geborgten Mantel übergezogen hatte. Er zog sich vom Fenster zurück, schüttelte sich fröstelnd und hauchte seine froststarren Finger an, damit sie langsam wieder auftauten.
Als er in das Wohnzimmer trat, kam Rose aus dem Ankleidezimmer.
„Es wird kalt“, sagte Jack und sah sie an. Statt des blauen Samtkostüms trug sie jetzt ein leichtes, weißes, ärmelloses Chiffonkleid, das über dem Busenansatz mit zarter Spitze besetzt war. Über das Kleid hatte sie einen zarten, hellgrauen, bodenlangen, vorn offenen Kaftan aus fast durchsichtigem Chiffon mit kurzen Ärmeln gezogen, der nach unten fließend in ein zartes Lila überging. Unter dem Busen hielt ein zartrosa Gürtel den Kaftan an Ort und Stelle. Es war eine weich fließende Robe, die sie noch engelhafter machte, als sie nach Jacks Meinung ohnehin schon war. Seine Absicht, sich in der aprilfrischen Nachtluft abzukühlen war von diesem zauberhaften Anblick prompt zunichte gemacht. Erneut wallte es in ihm auf. Er beglückwünschte sich, im Moment noch durchgefroren zu sein. Wäre ihm jetzt so warm gewesen wie vorhin, als er sie gezeichnet hatte, hätte er ob dieses Anblicks für nichts mehr garantieren können …
„Du siehst hübsch aus“, bemerkte er und stellte fest, dass diese Bemerkung eine grobe Untertreibung war. So, wie sie jetzt vor ihm stand, machte sie Aphrodite, der griechischen Göttin der Schönheit, ernsthafte Konkurrenz. Doch bevor er sich ihr gegenüber korrigieren konnte, klopfte es an der Tür.
„Miss Rose?“, drang eine männliche Stimme herein – unverkennbar Spicer Lovejoy, wie Rose augenblicklich klar wurde. Sie reagierte sofort, griff Jacks Hand und zog ihn durch Cals Schlafzimmer, von dem das Ankleidezimmer abging, durch ihr eigenes Schlafzimmer zum zweiten Ausgang der Suite. In Cals Schlafzimmer stockte er.
„Meine Zeichnungen!“, entfuhr es ihm, er wollte wieder zurück, aber Rose zog ihn unnachgiebig weiter.
„Komm, Jack!“, feuerte sie ihn an.
Lovejoy betrat das Wohnzimmer der Doppelsuite und sah sich suchend um. Er wollte schon nach der Verlobten seines Arbeitgebers rufen, als das Geräusch einer klappenden Tür ihn aufmerksam machte. Lovejoy griff in sein Jackett nach der Schusswaffe, die er in einem Schulterhalfter trug, zog die Waffe aber noch nicht, sondern folgte zunächst dem Geräusch, das ihn an einen Einbrecher glauben ließ.
Rose und Jack spazierten durch den Gang in Richtung des großen Treppenhauses, als sie ihrerseits durch ein Türgeräusch alarmiert wurden. Sie sahen sich um und bemerkten Lovejoy, der aus der Tür spähte. Er sah sie und folgte ihnen mit eiligen Schritten. Rose und Jack beschleunigten mit einem Grinsen im Gesicht und rannten kichernd den Gang weiter, an der Treppe vorbei zu den Fahrstühlen.
Aus einem der Aufzüge trat ein elegant gekleidetes Pärchen, von einem Steward mit einer Verbeugung begrüßt. Rose schaltete zuerst.
„Warten Sie!“, rief sie im Rennen, um die Abfahrt des von einem weiteren Steward bedienten Fahrstuhls zu verhindern. „Warten Sie! Warten Sie!“
„Moment!“, rief nun auch Jack. „Moment! Moment!“
Sie bekamen gerade noch die Kurve, rannten den außen am Aufzug stehenden Steward und die eben ausgestiegenen Passagiere beinahe um. Lovejoy hetzte hinter ihnen her.
„Fahren Sie runter! Schnell!“, wies Rose den Fahrstuhlführer an. „Schnell! Schnell!“
„Runter!“, kommandierte Jack atemlos. „Runter! Runter! Los!“
Noch verwirrt über die rasch wechselnden Anweisungen der Passagiere, drückte der Steward den Knopf zur Abwärtsfahrt. Sein Kollege schloss gerade noch die Tür, bevor Lovejoy heran war. Der Fahrstuhl fuhr nach unten, Lovejoy krachte in die geschlossene Gittertür und sah die Verlobte seines Arbeitgebers mit dem Zwischendeckpassagier abwärts fahren. Wenn sein Blick hätte töten können, wäre mindestens Jack todwund zu Boden gegangen …
Rose und Jack kicherten hämisch, Rose zeigte dem älteren Kammerdiener höchst undamenhaft mit der rechten Hand den Stinkefinger, was Jack fast zu lautem Gelächter amüsierte.
„Tschühüß“, kicherte sie, winkte spöttisch und mit keckem Blick, während der Kammerdiener aus ihrem Blickfeld verschwand.
Doch so einfach ließ Spicer Lovejoy sich nicht abhängen. Er eilte mit ebenso grimmiger wie versteinerter Miene zur Treppe und rannte die Stufen so schnell hinunter, wie es ihm in seinem etwas fortgeschrittenen Alter – er mochte Mitte fünfzig sein – möglich war. In jedem Deck sah er nach dem hinteren Aufzug, mit dem die Flüchtigen gefahren waren.
Jack und Rose erreichten lachend das E-Deck. Jack stolperte hinaus und riss beinahe einen Steward um, der gerade am Aufzug vorbeikam.
„Tschuldigung!“, rief Jack und konnte sich vor Lachen kaum auf den Beinen halten. Die Stewards, die die beiden verstört ansahen, mochten denken, dass sie deutlich mehr als einmal zu viel die Luft aus dem Bierglas oder dem Cognacschwenker gelassen hatten. Lachend rannten sie weiter zur nächsten Treppe und verschwanden in Richtung F-Deck.
Sie waren kaum nach unten fort, als Lovejoy im E-Deck an den Aufzügen erschien. Ein knapper Blick zur Seite überzeugte ihn, dass die Flüchtenden bis hierher gefahren waren. Er sah sich um, um den weiteren vermutlichen Weg zu entdecken.
Jack stolperte die Treppe hinab, wäre beinahe hingefallen und konnte sich gerade noch an einem voll beladenen Servierwagen festhalten, den ein Steward gerade aus der Küche in den Gang schob. Beim Umdrehen räumte Jack den Wagen halb ab, brachte die oberste Cloche** zum Absturz.
„Tschuldigung, Kumpel!“, japste er und rannte hinter der lachenden Rose her, die durch eine Doppelschwingtür fegte, in der in Augenhöhe zwei runde Fenster angebracht waren. In dem Gang dahinter hielt sie keuchend an, Jack sprang ebenfalls durch die Tür und hielt sich ebenfalls japsend an der stählernen Ecke fest.
„Für ’n Kammerdiener ‘n ziemlich zäher Bursche. Kommt mir eher vor wie ’n Polizist“, hechelte er.
„War er früher auch mal“, bestätigte Rose lachend und keuchend. „Cals Vater hat ihn engagiert, um Cal vor Schwierigkeiten zu bewahren … um sicherzustellen, dass er immer wieder samt Geld und Gut in sein Hotel kommt, nachdem er einige Male in den weniger passablen Ecken der Stadt Ärger hatte.“
„So, wie wir jetzt, was?“, lachte Jack
Einen Moment wähnten sie sich in vorläufiger Sicherheit, aber dann tauchte Spürhund Lovejoy vor den Bullaugen der Schwingtür auf. Der Lärm von Jacks Kollision mit dem Servierwagen hatte ihn wieder auf die Spur gebracht. Er sah sich um, bemerkte die Schwingtür und stürzte darauf zu.
„Scheiße!“, entfuhr es Jack drastisch.
„Lauf!“, rief Rose. Sie rannten weiter bis zur nächsten Ecke, wo ein Mann aus seiner Kajüte kam, um auf dem Gang zu rauchen. Jack rannte ihn fast um.
„Tschuldigung!“, schrie er im Weiterrennen. Sie flitzten nach links um die Ecke, nur um festzustellen, dass sie in eine Sackgasse geraten waren. Hinter ihnen dröhnten schon Lovejoys eilige Schritte. In letzter Sekunde bemerkte Jack eine Tür, die von der Ecke aus gesehen gleich links in der Sackgasse war.
„Hier lang!“, rief er, war mit einem Satz an der Tür und öffnete sie. Rose und er schlüpften hinein, Jack schloss die Tür und drehte den Türknopf zu, womit die Tür von innen verschlossen war. Lovejoy, der ihnen nachgesetzt war, krachte gegen die geschlossene Tür und kam auf diesem Weg zunächst nicht weiter.
In dem Raum, in dem sie gelandet waren, herrschte ein Höllenlärm. Rose hielt sich die Ohren zu.
„Und was jetzt?“, brüllte sie. Jack hielt sich ebenfalls die Ohren zu und verstand sie nicht.
„Was?“, brüllte er und sah sich um. Der Raum hatte nur die Tür, vor der Lovejoy vermutlich wie ein Wachhund darauf wartete, dass sie wieder herauskamen. Fast im selben Moment bemerkte Jack aber ein Loch im Boden, das an einer Seite von der Schottwand begrenzt wurde, zwei Seiten waren mit einem Geländer gesichert. Es war ein schmaler Niedergang, aus dem es rötlich in das höhere Deck leuchtete. Dampf und Kohlestaub wallten aus dem Loch nach oben; es wirkte wie der Eingang zur Hölle.
Jack peilte hinunter. Unter ihnen war offenbar einer der Kesselräume der Titanic. Ohne lange zu überlegen, stieg Jack die Leiter hinunter, Rose folgte ihm. Er fing sie am Ende der Leiter auf. Ja, es war einer der Kesselräume, der Kesselraum Nummer 6.
„Legt euch mal ‘n bisschen ins Zeug!“, rief einer der Männer in ihrer Nähe.
„Mehr Kohle für Nummer eins, Kumpel!“, brüllte ein anderer.
Für einige Momente standen die jungen Leute und sahen sich staunend um. Der Kesselraum wirkte wie eine höllische Kathedrale, ebenso hoch, aber von den Feuern der gewaltigen Kessel gespenstisch rot beleuchtet – und auch so heiß wie die Hölle. Die Männer hier unten waren schwarz vom Kohlenstaub, sie trugen zu normalen Hosen nur Unterhemden, die nass vom Schweiß waren.
„Moment mal! Was wollt ihr beide denn hier unten?“, fuhr der Chefheizer Barret sie an. „Ihr habt hier nichts verloren! Das ist gefährlich hier!“, brüllte er.
Jack nahm Rose an der Hand, nachdem er sich kurz orientiert hatte und hetzte mit ihr weiter nach vorn. Sie sprinteten durch den Kesselraum, wobei es ihnen wie durch ein Wunder gelang, weder einen der Heizer umzurennen, noch über eine Schaufel zu stolpern oder auf dem Kohlenstaub auszurutschen. Die Heizer sahen sie an, als wären sie Elfen, die sich in ein Bergwerk der Zwerge verirrt hatten.
„Weitermachen!“, rief Jack ihnen fröhlich zu. „Kümmert euch nicht um uns! Ihr leistet prima Arbeit! Macht weiter so!“
Während Jack und Rose auf der Flucht von Lovejoy eher zufällig die Tiefen der Titanic erforschten, saß Caledon Hockley immer noch bei Colonel Gracie und Lord Duff Gordon im Rauchsalon, wo sie inzwischen ein Kartenspiel aufgenommen hatten. Dennoch war Gracie eher zu weiterer Unterhaltung geneigt, als sich um seine Karten zu kümmern.
„Wir fahren höllisch schnell, das kann ich Ihnen sagen. Ich wette fünfzig Dollar, dass wir es bis Dienstagabend nach New York rein schaffen werden“, orakelte er. Cal hörte ihm nicht zu, zog seine goldene Uhr aus der Tasche und starrte finster auf das Ziffernblatt.
Tief unten im Schiff öffnete Jack Dawson die nächste Tür und sah staunend in den dahinter liegenden Laderaum. Kisten über Kisten waren übermannshoch gestapelt, die Stapel mit Netzen gesichert, damit sie nicht auseinanderfielen, wenn das Schiff in schwere See geriet und dann stark rollte oder stampfte. Nach der Hitze der Kesselräume, die sie durchrannt hatten, war es hier regelrecht kalt. Die Laderäume waren unbeheizt. Hier herrschte praktisch die gleiche Temperatur wie oben an Deck, ausgenommen ein eher schmaler Streifen, der nah an den Kesselräumen lag und von dort noch etwas Wärme erhielt. Jack zuckte über die Kühle zusammen, obwohl er noch einen Mantel trug, aber Rose, deren Kleid nur dünn und obendrein kurzärmelig war, fröstelte richtig. Jack zog sie sanft vorwärts, sah durch eine Lücke in den Kistenstapeln ein Automobil.
„Ah … Sieh mal, was wir hier haben“, sagte er und beschleunigte seinen Schritt, Rose an der Hand hinter sich herziehend. Sie gingen zu dem Fahrzeug hin. Es war der ebenso nagelneue wie wunderschöne dunkelrote Renault Tournee von William Carter mit dem Liechtensteiner Kennzeichen, auf der Transportpalette angelascht, auf der er in Southampton an Bord gehievt worden war. Das warme Burgunderrot der Karosserie wurde von den in Messing gefassten Scheinwerfern, den aus poliertem Messing bestehenden breiten Zierleisten der Motorhaube und den strahlend weißen Gummireifen auf massiven, dunkelrot lackierten Felgen noch unterstrichen. Die stählernen Felgen sahen immer noch so aus wie die hölzernen Wagenräder des vergangenen Jahrhunderts. Zusammen mit dem schwarzen, geschlossenen Oberteil der Karosserie mit den großen Fenstern und dem offenen, lediglich überdachten Fahrersitz wirkte das Automobil immer noch wie eine Pferdekutsche – wie eine königliche Pferdekutsche.
Während Jack noch bewundernd die Einzelheiten im Cockpit bewunderte, stellte Rose sich neben die Tür und räusperte sich gespielt vernehmlich, als wollte eine königliche Prinzessin ihren Diener auf seine Pflichten hinweisen. Jack kam aus dem Fahrerteil hoch, verstand und ging grinsend um Rose herum, öffnete ihr mit ebenso gespielt diensteifrigem Räuspern die Tür, reichte ihr wie ein professioneller Chauffeur die Hand, um ihr in den Fond des Wagens zu helfen. Rose nahm seine Hand mit der Geste einer Königin, raffte den Rock und stieg ein, ließ sich mit einem gespielt hoheitsvollem Lächeln in den plüschbezogenen Rücksitz sinken. Ihr Blick fiel auf eine Kristallvase, die oben in der rechten hinteren Ecke der Karosserie angebracht war. Zwei rote Rosen steckten in der Vase und hatten das darin befindliche Wasser schon zur Hälfte aufgesogen.
Jack schloss die Tür und schwang sich hinter das Steuer auf den Fahrersitz. Mit hochgereckter Nase setzte er sich zurecht. Rose stand wieder auf und zog das Frontfenster des Fonds herunter.
„Wohin, Miss?“, fragte er im typischen Tonfall eines Chauffeurs. Rose beugte sich zum ihm heraus.
„Zu den Sternen“, flüsterte sie, packte ihn an den Armen und zog ihn vom Fahrersitz einfach in den Fond. Er plumpste direkt neben ihr in die Polster. Er saß kaum, als Rose ihn am Mantel packte und zu sich zog. Er legte ihr den linken Arm um die Schulter und zog sie ebenfalls zu sich, nahm ihre Hand. Ebenso unbewusst wie kurz nach Sonnenuntergang am Bug verschränkten sich ihre Hände, ihre Blicke versanken ineinander.
„Hast du Angst?“, fragte er nach einer Weile beredten Schweigens.
„Nein“, flüsterte sie und legte den Kopf an seine Schulter. Sie zog seine rechte Hand zu sich und küsste zärtlich die Kuppen seiner ebenso geschickten wie sanften und doch von harter Arbeit geprägten Künstlerfinger. Die sachte Berührung ihrer weichen, warmen Lippen ließ ihn seufzen. Wusste sie eigentlich, was sie da tat?
Sie wusste es; sie wusste es ganz genau.
„Berühre mich, Jack“, bat sie leise. Er sah sie noch ein wenig ungläubig an, glaubte erst, diese Worte nur zu träumen, doch sie führte seine Hand an ihre Brust. Diese weiblichste aller Rundungen an ihrem schlanken Körper hob sich der sanften Last entgegen und beseitigte jeglichen Zweifel bei Jack, dass er diese Einladung zu gemeinsamer Wonne nicht geträumt hatte. Nur wenige Stunden zuvor hatte er sein wachsendes Begehren nur knapp zügeln können. Dass es ihr nicht anders ging, bewies sie ihm jetzt mehr als nur überzeugend. Sie wollte ihn, er wollte sie – und sie nutzten das gegenseitige Einverständnis. Ein langer, unglaublich zärtlicher Kuss eröffnete eine körperliche Begegnung von ungeahnter Leidenschaft und Wonne, eröffnete Momente, die sie bis an ihr Lebensende nie vergessen sollten. Die Kälte des Laderaums war vergessen, als die Leidenschaft zweier junger Menschen das Wageninnere erhitzte.
Kapitel 17
Eisberg voraus!
Einige Decks über den Laderäumen arbeiteten die Funker Jack Phillips und Harold Bride im Funkraum wie besessen an den zahlreichen Funksprüchen, die ihnen die Reichen unter den Passagieren aufgaben. Die Luxuseinrichtung der Funkstation von Marconi wurde von den Wohlhabenden weidlichst genutzt – mit unglaublich unwichtigen und dummen Funksprüchen, die die Funker immer wieder zu spöttischen Bemerkungen reizten, sofern sie allein in der Funkkabine waren.
„Guck dir den hier an: Will, dass sein privater Zug ihn abholt. Lackaffe!“, bemerkte Bride bissig und klatschte das Telegrammformular mit der flachen Hand auf den Tisch. „Wir werden die ganze verdammte Nacht in dem Loch hier zubringen.“
Während er noch fluchte, fing Phillips eine eingehende Morsenachricht von dem in der Nähe befindlichen Frachter Californian auf, die seine abgehende Nachricht blockierte.
„Jesus! Was ist das für ein Idiot auf der Californian!“
Die Schiffe waren einander so nah, dass die Morsesignale ohrenbetäubend laut waren. Immer noch fluchend funkte Phillips einen saftigen Rüffel zurück.
Auf der Californian riss der dortige Funker Cyril Evans sich die Kopfhörer von den Ohren, als die Antwort von der Titanic ihn beinahe ertauben ließ. Er entschlüsselte den Funkspruch für den Dritten Offizier Groves der Californian:
„Dämlicher Bastard! Ich versuche, ihn vor Eis zu warnen und er sagt: Bleib aus der Leitung und halt die Klappe! Ich spreche gerade mit Cape Race!“
„Und? Was funkt er jetzt?“, fragte Groves.
„Keine Seekrankheit. Pokergeschäft gut. Al“, übersetzte Evans die Morsezeichen, die in seinen Ohren piepten. „Okay, das war’s für mich. Ich schalte jetzt ab“, sagte er und machte sein Funkgerät aus. Er verließ mit Groves die Funkkabine und trat an Deck. Der Blick der beiden Seeleute ging zu dem, was Evans zu seiner Funkwarnung veranlasst hatte: Die Californian hatte kaum fünfzig Yards vor dem Rand eines Packeisfeldes gestoppt. Packeis und Eisberge so weit das Auge in der Dunkelheit reichte …
Noch etwas weiter über dem Laderaum, sogar noch über dem höchsten Deck, befand sich das Krähennest, der Ausguck am Fockmast* der Titanic. Hier war die Kälte im eisigen Fahrtwind noch beißender als sonst wo auf dem Luxusliner. In diesem Mastkorb standen zähneklappernd die Matrosen Frederick Fleet und Reginald Lee. Beide hatten die Arme um sich geschlungen und schlugen in dem beengten Raum des Ausgucks immer wieder mit den Armen an den Körper, um sich warmzuhalten
„Verdammt, ist das kalt!“, fluchte Lee. Er hatte das Gefühl, dass man sein Zähneklappern bis unten auf das Deck hören konnte.
„Glaub’ mir: Ich kann Eis riechen, wenn ich nahe genug dran bin“, presste Fleet ebenso zitternd und klappernd hervor. Lee verzog zweifelnd das Gesicht.
„Blödsinn!“, wehrte er die prahlerische Behauptung ab.
„Ich kann das wirklich!“, beharrte Fleet.
Auf der Brücke kam der Erste Offizier Murdoch auf das Freideck. Die Kälte ließ ihn den Mantelkragen hochschlagen.
„Haben Sie die Ferngläser für das Krähennest noch gefunden?“, fragte er. Lightoller, der Zweite Offizier, schüttelte den Kopf.
„Die hab’ ich das letzte Mal in Southampton gesehen“, erwiderte er. „Also, ich mach’ dann mal meine Runde. Bis dann.“
Tief unten im Laderaum 2 wollte Rose sich ganz für Jack öffnen und den rechten Arm aus seinem Weg nehmen. In der Enge des Renault Tournee traf ihre Hand auf das in der hitzigen Leidenschaft und der Kälte des übrigen Laderaums völlig beschlagene Heckfenster, blieb einen Moment wie im Krampf daran hängen und rutschte dann herunter. Zurück blieb Roses Handabdruck und die Schleifspur in Richtung Rückbank.
Keuchend kamen die jungen Leute zur Ruhe. Mit dem Verglühen der Leidenschaft machte sich die Kälte rasch wieder bemerkbar, obwohl sie Jacks geborgten Mantel als Decke über sich gebreitet hatten. Jack japste so erschöpft, dass Rose sich ernsthafte Sorgen um ihren ebenso leidenschaftlichen wie zärtlichen Liebhaber machte.
„Du zitterst ja“, bemerkte sie und legte ihre Hand an sein Gesicht, ganz so, als wollte sie prüfen, ob er real oder doch nur eine Vision war. Er lächelte matt.
„Keine Angst. Mir geht’s gut“, erwiderte er. Sein schwerer Atem strafte seine Worte Lügen, aber sein zärtliches Lächeln zeugte davon, dass er die aufkommende Schwäche niederkämpfen wollte. Es war viel zu schön, Rose zu lieben, ihr alles zu schenken, was er zu geben vermochte, ihr aus freiem Willen und tiefstem Herzen gemachtes Geschenk anzunehmen, als dass er diese Momente geheimer Zweisamkeit mit Rose schon hergeben wollte. Sie zog ihn an sich, um ihre Wärme mit ihm zu teilen. Sie küssten sich zärtlich. Jack gab Roses sanftem Zug nach, bettete seinen Kopf auf ihrer Brust und schloss die Augen.
„Ich kann deinen Herzschlag hören“, flüsterte er in liebesseliger Ermattung.
Lovejoy hatte eingesehen, dass er allein nicht weiterkam und hatte zwei Stewards auf die Jagd nach Rose und Jack geschickt. Im Kesselraum 6 brachte Chefheizer Barrett sie auf die Spur der Flüchtigen:
„Sie sind da lang gelaufen“, brüllte er gegen den Lärm der Kessel an und wies zum Laderaum 2.
„Alles klar!“, bestätigte einer der Stewards. Die Männer, mit großen Handlampen bewaffnet, pirschten weiter, in jede Ecke leuchtend, um die Leute zu finden, die Lovejoy ihnen bezeichnet hatte.
Weit oben, im B-Deck, war inzwischen Caledon Hockley in seine Suite zurückgekehrt. Niemand war außer ihm und Lovejoy anwesend. Er ging zum Safe und öffnete ihn.
„Fehlt irgendetwas?“, fragte Lovejoy. Die Tür schwang auf. Hockley erkannte nicht, dass etwas fehlte. Im Gegenteil: Es war ein Teil mehr drin als zuvor: Eine Ledermappe, deren Herkunft ihm unbekannt war – und eine Notiz von Rose. Er las sie, zog die Stirn kraus und nahm die Mappe heraus, schlug sie auf und sah die Aktskizze seiner Verlobten, die nichts weiter am Körper hatte als das Diamantcollier. Eine Welle kalter Wut übermannte ihn. Er las die Nachricht nochmals, als konnte er nicht glauben, was er eben gesehen hatte.
„Jetzt kannst du uns beide in deinem Safe wegschließen. Rose“, las Cal die Notiz laut vor. Alles krampfte sich in ihm zusammen. Nichts bewies dies deutlicher als den Umstand, dass er die Nachricht in ohnmächtiger Wut zerknüllte und die Zeichnung mit beiden Händen packte, wie um sie zu zerreißen. Im letzten Moment beherrschte er sich. Nein, es gab noch eine andere Möglichkeit.
„Ich hab’ eine andere Idee“, sagte er. Sie war seiner Ansicht nach auch geeignet, Rose wieder zurückzugewinnen …
Unten im Laderaum kamen die Stewards auf der Jagd zu Carters Renault. Die Scheiben waren komplett beschlagen – bis auf einen Handabdruck in der Heckscheibe, der nach unten verwischt war. Der erste Steward bemerkte den überdeutlichen Hinweis, winkte seinem Kollegen und schnippte mit den Fingern, als der nicht sofort reagierte. Auf das Fingerschnippen sah der andere zum Wagen. Der Erste bedeute ihm schweigend, jetzt überraschend zuzuschlagen. Er ging um den Wagen herum, riss von der rechten Seite die Fondtür auf.
„Haben wir euch!“, grollte er. Er leuchtete auf den Rücksitz. Der Sitz war leer.
William Murdoch, der Erste Offizier, stand auf dem Außenbereich der Brücke und hielt Ausschau nach vorne, als auf dem Welldeck* Gelächter laut wurde. Die Tür zu den vorderen Frachträumen war offen, zwei junge Leute stolperten fröhlich lachend heraus. Es waren Rose DeWitt Bukater und Jack Dawson. Lächelnd wandte Murdoch sich ab, als die beiden an der mit Persenning* abgedeckten vorderen Ladeluke ankamen.
Beide konnten sich vor Lachen kaum noch halten.
„Hast du … die Gesichter von diesen Typen gesehen?“, kicherte Jack und meinte die beiden Stewards, die ihnen bis in den Frachtraum gefolgt waren. „Hast du das gesehen?“
Es dauerte einen Moment, bis sie sich einigermaßen beruhigt hatten. Rose ließ ihre Augen nicht von Jack, streichelte sanft über sein Gesicht. Er hatte ihr neues Selbstvertrauen gegeben, sie aus dem seidenen Kokon befreit, der sie nun endgültig als Gefängnis wahrgenommen hatte.
„Wenn das Schiff anlegt … werd’ ich mit dir von Bord gehen“, sagte sie schließlich.
„Das ist verrückt!“, widersprach Jack verblüfft, aber breit lächelnd.
„Ich weiß, das ist völlig verrückt“, räumte sie ein. „Deswegen will ich es ja auch.“
Sie küssten sich in wortlosem Einverständnis und mit derselben Leidenschaft, mit der sie sich auf dem Rücksitz des Renault geliebt hatten.
Das leise Gespräch entging den beiden Matrosen im Krähennest nicht. Frederick Fleet peilte mit breitem Grinsen hinunter.
„Oh, ja! Hey, sieh dir das an! Sieh dir das mal an!“, sagte er mit einem geradezu seligen Ausdruck im Gesicht. Reginald Lee lehnte sich auf die Steuerbordseite des Krähennestes hinüber, um an Fleets Seite hinuntersehen zu können.
„Denen ist ein bisschen wärmer als uns“, bemerkte er mit ebenso breitem Grinsen wie sein Kollege. Fleet sah sich um und bemerkte seinen Kameraden in gar zu kurzer Entfernung.
„Also, wenn das die einzige Möglichkeit ist, damit uns hier oben auch ein bisschen wärmer wird, dann verzichte ich lieber drauf“, versetzte er und schob Lee von sich weg. Beide peilten wieder nach vorn. Fleet bemerkte eine rasch näherkommende, undefinierbare Masse, als er seinen Blick wieder fokussiert hatte. Das war doch nicht etwa …? Ihm entgleisten geradezu die Gesichtszüge, als ihm klar wurde, was das da draußen war: ein Eisberg! Kaum fünfhundert Yards entfernt! Jegliche Farbe wich ihm aus dem Gesicht.
„Verfluchter Mist!“, entfuhr es ihm. Er griff zur Glocke, läutete dreimal und nahm dann das Telefon ab, das das Krähennest mit der Brücke verband. Das Klingeln des Fernsprechers hörte er bis in den Ausguck. Warum, verdammt nochmal, nahm da keiner ab?
Murdoch, der gerade nach hinten gesehen hatte, drehte sich beim Glockenton um und versuchte in der schwarzen Finsternis vor dem Bug etwas zu erkennen.
„Nehmt endlich ab, ihr Bastarde!“, grollte Fleet, während wertvolle Sekunden verstrichen.
Der Sechste Offizier Moody kam ohne sonderliche Eile mit einer Tasse Tee um die Ecke und klappte den Hörer hoch, schaltete die Sprechmuschel frei.
„Ist da jemand???“, dröhnte Fleets wütende Stimme aus dem Hörer.
„Ja“, bestätigte Moody. „Was sehen Sie?“
„Eisberg direkt voraus!!!“, brüllte Fleet ins Telefon.
„Danke sehr“, nahm Moody die Meldung entgegen und eilte, die Tasse noch in der Hand, zum Steuerbordaußenbereich der Brücke. Murdoch, der den Alarmruf draußen aus dem Krähennest gehört hatte, kam ihm schon entgegengerannt.
„Eisberg direkt voraus!“, meldete Moody.
„Hart Steuerbord!“, brüllte Murdoch, Moody wiederholte den Befehl. Der Rudergänger Hitchins drehte mit aller Macht das Steuerrad nach links, womit die seitenverkehrte Ruderstellung ausgelöst wurde. Murdoch sprang in die Brücke, riss beide Maschinentelegrafen auf STOP, dann auf VOLL ZURÜCK.
„Schneller! Schneller! Scharfdreh!“, befahl er dabei.
Im Maschinenraum rührte der Leitende Ingenieur Bell gerade in seiner Suppe, die er zum Aufwärmen auf eine der heißen Dampfleitungen gestellt hatte, als der Maschinentelegraf klingelte. Zu seinem blanken Entsetzen sahen Bell und seine weiteren Ingenieure, dass der Telegraf über STOP hinausging und erst bei VOLL ZURÜCK stehenblieb. Er sprang auf.
„Volle Kraft zurück!“, brüllte er.
Auf der Brücke hatte Hitchins das Steuerrad bis zum Anschlag auf Steuerbord gedreht.
„Ruder ist hart Steuerbord!“, meldete er.
„Ruder ist hart Steuerbord, Sir!“, gab Moody die Meldung an Murdoch weiter, der inzwischen wieder auf den Außenbereich der Brücke zurückgegangen war.
Im Maschinenraum rannten die Maschinisten und Heizer anscheinend wild durcheinander, tatsächlich fegte jeder auf seinen Posten.
„Los, Leute! Beeilt euch!“, feuerte einer der nachrangigen Ingenieure die Männer an. „Schneller! Schneller! Schneller!“
„Maschinen stopp!“, brüllte Bell. „Runter mit dem Dampf! Runter damit!“
Ingenieure und Schmierer hetzten an die Ventile und drehten sie eilig zu.
Im Kesselraum 6 scheuchte Chefheizer Barrett, der gerade mit dem Zweiten Ingenieur James Hesketh gesprochen hatte, seine Männer an die Öfen.
„Zu das Ding! Wird’s bald? Beeilung!“, brüllte er. Die Männer warfen die Kesselluken zu, zogen an Dampfregulatoren. Die Anzeigen der Manometer sanken kontinuierlich. Das rote Alarmlicht zeigte an, dass es sich um ein Notaus handelte. In der Maschinenhalle stampften die gewaltigen Pleuel der Antriebswellen allmählich langsamer. Chefingenieur Bell behielt in dem scheinbaren Chaos den Überblick.
„Wartet!“, rief er. Ein Umsteuern auf VOLL ZURÜCK war erst möglich, wenn die Maschinen standen. „Wartet!“
Die Geschwindigkeit der Pleuelbewegungen nahm weiter ab, gleichzeitig drehten die Schrauben langsamer, kamen schließlich zum Stillstand.
„Gut so … und … umsteuern!“, befahl er. Die Maschinisten legten die entsprechenden Hebel um, die Maschine kehrte die Bewegung um, wurde wieder schneller, die Schrauben wechselten die Drehrichtung, drehten nun rückwärts.
„Maschinen gehen rückwärts!“, meldete einer der Maschinisten an Bell.
Oben im Krähennest war von einem Wendemanöver noch nichts zu erkennen.
„Wieso drehen die denn nicht?“, fragte Fleet ebenso verzweifelt wie wütend, in der Annahme, dass sich unter ihm überhaupt nichts tat.
Murdoch ging es kaum besser. Nichts wies darauf hin, dass seine Befehle irgendwo angekommen waren.
„Ist Ruder hart Steuerbord?“, fragte er zweifelnd den Rudergänger.
„Jawohl, Sir, Steuerbord liegt an!“, bestätigte der Rudergänger die Ausführung des Befehls.
‚Verdammt, warum tut sich nichts?‘, durchzuckte es Murdoch. „Komm schon! Komm schon! Komm schon!“, flüsterte er, an das Schiff gewandt. „Dreh! Komm! Komm! Komm!“
„Los, Leute! Bewegung!“, brüllte Chefingenieur Bell tief unter der Brücke.
Ganz langsam begann der Bug sich nach links zu drehen, der Eisberg, nun klar erkennbar, wanderte allmählich nach rechts aus, kam aber weiter näher.
„Ja!!“, entfuhr es Murdoch mit vorsichtiger Erleichterung.
Ein Ausguck vorn am Bug sprang von der Reling herunter auf die Back, um einer überhängenden Eisspitze auszuweichen.
„Wir kollidieren!“, schrie er. Im selben Moment krachte die Titanic mit der Steuerbordseite unter Wasser in das massive Eis des Eisberges. Für die Jahreszeit und diese Entfernung vom Nordpol war der Eisberg schon oberhalb des Wassers ungewöhnlich groß – doch Eisberge haben die fatale Eigenschaft, nur zu einem Achtel aus dem Wasser zu ragen. Sieben Achtel sind unter der Oberfläche und ragen meist weit über die oberhalb sichtbaren Umrisse hinaus …
Die scharfkantigen Vorsprünge unterhalb der Wasserlinie den unter der Oberfläche rissen kleine Löcher in die Außenhaut, ließen die Stahlplatten verbiegen. An den Biegekanten brachen die Nieten weg. Das überlastete Metall kreischte, mächtige Eisklumpen brachen ab und rumpelten ins Wasser.
Das ganze Schiff vibrierte, als die Kollision ihren Lauf nahm. Der entsetzte Murdoch spürte es unter seinen behandschuhten Fingern in der Reling, der Rudergänger im Steuerrad, Jack und Rose mitten im Kuss unter ihren Füßen. Im G-Deck wurde Fabrizio davon aus dem Schlaf gerissen.
„Meine Güte!“, entfuhr es Fleet, als das ganze Krähennest erzitterte.
Es waren zwar nur sechs im Vergleich zur Länge des Schiffes relativ kleine Löcher, die die Kollision verursachte, doch sie waren fatal verteilt … Das Wasser brach zuerst in die vorderen Frachträume ein, die wie von einem riesigen Messer aufgeschlitzt wurden.
Weit oben im B-Deck befand sich die Kajüte, die Thomas Andrews bewohnte. Er hatte eine Blaupause des Schiffes vor sich, ein Glas Wein neben sich und brütete über möglichen Verbesserungen, als der Wein im Glas konzentrische Wellen warf, der Tisch und der Kristalllüster zu zittern begannen.
Im Rauchsalon der Ersten Klasse wunderte sich Archibald Gracie über das Vibrieren seines Getränks, im Palmengarten-Restaurant war die Kollision bislang völlig unbemerkt geblieben. Dort saß Molly Brown bei einem Drink, der ihr eindeutig zu warm geworden war. Sie hob das Glas und stoppte einen vorbeikommenden Steward:
„Hey, kann ich hier ‘n bisschen Eis bekommen?“
Hinter ihr zog lautlos der Eisberg am Fenster vorbei, der genügend Eis enthielt, um dieses Schiff komplett mit Eis zu füllen. Doch Molly bekam es nicht mit.
„Großer Gott!“, keuchte Fleet draußen im Krähennest.
„Ruder hart Backbord!“, brüllte Murdoch in das Steuerhaus. Moody wiederholte als nachgeordneter Offizier den Befehl an den Rudergänger, der eilig das Steuerrad nach rechts riss.
Der Frachtraum 2 erlitt einen Riss. Die beiden Stewards, die hier immer noch nach Rose und Jack fahndeten, wurden von dem eisigen Meerwasser regelrecht weggespült.
Der Eisberg kam jetzt auch für Rose und Jack in Sicht, die sich auf dem Welldeck aufhielten und sprachlos auf die ungeheure Eismasse sahen, die noch die Brückenhöhe deutlich überragte. Abbrechendes Eis verteilte sich auf dem Welldeck, als ob ein Riese mit einem gewaltigen Hammer Eiswürfel von einem Gletscher abschlug.
„Komm weg!“, schrie Jack und schob Rose hinter sich. Beide starrten weiterhin auf das ungeheure Naturgebilde und wollten ihren Augen nicht trauen.
Die scharfkantige Eismasse unter der Wasserlinie erreichte den Kesselraum 6, der direkt an die vorderen Frachträume angrenzte. Die Bordwand platzte fast auf der ganzen Länge des Kesselraums auf, Wasser schoss hinein.
„Hilfe!“, brüllte hier jemand.
„Helft mir!“, schrie ein anderer dort.
Und dann war nur noch ein einziges Durcheinander von Schreien im Kesselraum 6 zu hören. Dennoch bemühten sich die Männer trotz des zunehmenden Chaos noch die Kesselklappen zu schließen, damit hier nicht Wasser eindrang und es zur Kesselexplosion kam, die das Schiff zerrissen hätte.
Oben sahen Offiziere, Matrosen im Ausguck und wenige Passagiere auf dem Welldeck fassungslos dem in der Dunkelheit wieder verschwindenden Eisberg nach. Murdoch hatte endlich wieder seine fünf Sinne beisammen und stürzte ins Steuerhaus, wo er die an der Rückwand des Steuerstandes befindliche Anlage zur Steuerung der wasserdichten Schotten und den dazugehörigen Alarm aktivierte. Die Schotten im untersten Deck begannen, sich zu schließen, der Alarm schallte durch die Kesselräume und benachbarten Frachträume, die mit diesen Schotten gesichert werden konnten.
Frederick Barrett bemerkte es zuerst.
„Kommt schon! Raus hier! Macht, dass ihr hier rauskommt! Sie schließen die Schotten! Los, raus hier!“, brüllte er. Seine Männer schrien wüst durcheinander, strebten teils watend, teils schwimmend den Schotten zu, um noch rechtzeitig auf die andere Seite zu kommen.
„Los, raus hier! Schneller, schneller! Los, beeilt euch! Kommt schon! Na, los!“, trieb Barrett seine Männer an und warf sich erst in das sich schließende Schott, als die sich schließende Tür schon die Wasseroberfläche erreicht hatte. Zwei seiner Männer kamen für dieses Schott zu spät und schlüpften gerade noch auf der anderen Seite des Raums durch, bevor auch dieses Schott endgültig schloss.
Oben auf der Brücke leuchtete an der Anzeigetafel der Schottsteuerung eine Lampe nach der anderen auf und zeigte so an, dass das jeweilige Schott geschlossen war. Schließlich leuchteten alle zwölf Kontrolllampen. Murdoch wandte sich mit vorsichtigem Aufatmen ab. Wenigstens das hatte geklappt!
„Oh, mein Gott! Das war haarscharf, oder?“, keuchte Frederick Fleet draußen im Krähennest.
„Und du willst Eis riechen können! Meine Güte!“, fuhr Lee ihn an.
Nun bemerkten auch die flanierenden Passagiere auf dem Promenadendeck, dass sehr dicht an der Titanic ein Eisberg vorbeitrieb.
„Was war das?“, fragte einer von ihnen.
„Anscheinend ’n Eisberg“, antwortete ein anderer. Sie, Jack und Rose hingen halb über der Reling des Welldecks und sahen immer noch dem Eisberg nach.
„Tragen Sie in das Logbuch die genaue Uhrzeit ein“, wies der Erste Offizier seinen Untergebenen Moody an. Trotz der eisigen Kälte schwitzte er wie im Hochsommer.
Mit offenem Kragen, gelockerter Krawatte, ohne Mütze und Mantel kam Captain Edward Smith auf die Brücke.
„Was war das, Mr. Murdoch?“, fragte er, leicht verwirrt.
„Ein Eisberg, Sir. Wir haben das Ruder hart Steuerbord gelegt und die Maschinen volle Kraft zurückfahren lassen, aber es war zu dicht“, erklärte Murdoch. „Ich wollte Backbord vorbei, aber wir kollidierten und …“
„Schließen Sie die Schotten!“, unterbrach der Captain den Ersten Offizier.
„Die Schotten sind dicht, Sir!“, erwiderte Murdoch.
„Alle Maschinen stopp!“, kommandierte Smith.
„Aye, Sir!“, bestätigte Moody. Smith eilte auf die Brückennock*, sah nach offensichtlichen Schäden oberhalb der Wasserlinie, konnte aber einstweilen keine entdecken.
„Suchen Sie den Schiffzimmermann!“, wies der Captain seinen Ersten Offizier an. „Er soll alles überprüfen!“
„Jawohl, Sir!“, bestätigte Murdoch.
Kapitel 18
Untersuchungen
Im G-Deck riss die Erschütterung Fabrizio de Rossi aus dem Schlaf. In seinen Ohren hallte ein Geräusch nach, das klang, als ob eine Katze mit ausgefahrenen Krallen rückwärts über Eis oder Glas rutschte. Es war der Schrei berstenden Metalls …
Verschlafen wühlte der Italiener sich aus den Decken in seinem Hochbett und sprang dann hinunter – in eiskaltes Wasser, das seine nackten Füße schon komplett überspülte.
„Oh, caputana! Che cazzo!“, fluchte er auf Italienisch und schaltete das Licht an. Der Boden der Kabine G-60 stand vollständig unter Wasser, ein Paar schwarze Socken schwamm zwischen den beiden Etagenbetten, vor Fabrizios Bett standen seine Stiefel halb unter Wasser. Björn Gundersen war ebenfalls von dem Krach geweckt worden und fluchte seinerseits auf Schwedisch. Beide waren nur mit halblanger Unterhose und mit einem Hemd bekleidet, als Fabrizio die Tür zum Flur öffnete, um die Lage dort zu peilen. Auch dort stand das Wasser schon eine gute Fußbreit hoch. Von links kam Tommy Ryan gelaufen. Er hatte sich unten herum vollständig angezogen, hatte seine Jacke noch über dem linken Arm, in der rechten Hand hatte er seine Reisetasche. Auch aus den einmündenden Gängen kamen die ersten Männer, um zu sehen, was los war; einer war gar nur mit seiner Hose bekleidet.
„Schnell! Lass uns von hier verschwinden!“, rief Ryan. Fabrizio drehte um, um seine Habseligkeiten zu holen.
„Aspetta, aspetta!“, forderte er Tommy auf Italienisch zum Warten auf.
„Los, beeil dich!“, trieb Tommy ihn an.
Auch in den teureren Klassen weiter oben war die Erschütterung des Schiffes nicht unbemerkt geblieben. Die Gräfin von Rothes kam aus ihrer Kabine, gehüllt in ein sehr züchtiges Nachthemd, das auch für ein Sommerkleid durchgegangen wäre.
„Wieso haben die Maschinen gestoppt?“, fragte sie einen Steward, der gerade den Gang entlang kam. Er blieb bei ihr stehen.
„Seien Sie unbesorgt, Madame. Wahrscheinlich ist etwas in die Schraube gekommen. Das war die Erschütterung“, beruhigte er sie. „Kann ich Ihnen etwas bringen?“, bot er an, um sie auf andere Gedanken zu bringen.
„Nein, vielen Dank“, wehrte die Gräfin höflich ab.
Im selben Moment kam Thomas Andrews mit diversen aufgerollten Blaupausen den Gang entlang und ging schnurstracks an ihnen vorbei.
Inzwischen lag die Titanic still und völlig allein im spiegelglatten Ozean. Die ersten verwirrten Passagiere kamen an Deck.
„Haben Sie was gesehen?“, fragte einer.
„Sie haben irgendwas von ‘nem Eisberg gesagt“, erwiderte ein anderer.
Jack und Rose hingen immer noch über der Reling und sahen die Außenhaut an, soweit das in der Dunkelheit und ohne Lampen möglich war.
„Sieht okay aus“, sagte Jack. „Ich kann nichts erkennen.“
„Könnte es das Schiff beschädigt haben?“, fragte Rose. Er schüttelte den Kopf.
„Schien mir kein starker Anstoß gewesen zu sein“, beruhigte er sie. „Ich bin sicher, wir sind okay.“
Im G-Deck rannten über ein Dutzend Ratten vor dem vom Bug her eindringenden Wasser davon, das den Flur zunehmend weiter überflutete. Hinter ihnen hetzten Fabrizio, Tommy und Björn, die ihre Sachen eilig zusammengepackt und mitgenommen hatten. Dahinter folgte eine größer werdende Menge besorgter Dritter-Klasse-Passagiere.
„Wenn die Ratten in diese Richtung rennen, dann stimmt der Weg“, keuchte Tommy eingedenk des Umstandes, dass Ratten ein sinkendes Schiff tunlichst verlassen wollen.
Weiter oben, im B-Deck, stapfte Bruce Ismay mit grimmiger Miene durch den Flur – in gestreiftem Pyjama, dunkelroten Samthausschuhen, deren Oberseite mit einer goldenen Krone bestickt waren; über den Pyjama hatte er seinen Kamelhaarmantel mit Fellkragen gezogen und strich sich das Haar provisorisch nach hinten.
„Bitte, Sir! Es ist alles unter Kontrolle!“, versuchte Steward Barnes den Reedereiboss zu beruhigen, der grußlos an ihm vorbeistürmte.
„Wieso haben wir gestoppt?“, fragte Ismay knurrend, als er Captain Smith traf.
„Wir hatten eine Eiskollision“, erwiderte Smith.
„Und nehmen Sie an, dass das Schiff ernsthaft beschädigt ist?“, fragte Ismay weiter.
„Entschuldigen Sie mich, bitte“, bremste Smith die Fragen des Reedereivorstands und eilte weiter. Ismay folgte ihm stur.
Aus der Tür der Suite B-52 kam Caledon Hockley heraus und bemerkte Steward Barnes auf dem Flur.
„Sie da!“, rief er ihn an. Barnes blieb stehen.
„Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung, Sir“, wollte er den aufgebracht erscheinenden Passagier beruhigen.
„Oh, doch natürlich!“, fauchte Cal. „Ich wurde beraubt!“, behauptete er. Lovejoy trat ebenfalls auf den Flur hinaus.
„Holen Sie den Bootsmann!“, wies er den Steward an. Barnes reagierte nicht sofort.
„Wird’s bald, Sie Idiot?“, fuhr Hockley ihn an.
„Ja… jawohl, Sir!“, stotterte Barnes und eilte davon.
Auf dem Welldeck lagen einige Pfund** Eis in unterschiedlich großen Brocken, so wie sie vom oberen Teil des Eisbergs bei der Kollision abgebrochen waren. Jetzt hatten sich hier einige Passagiere eingefunden, die aus der unterbrochenen Nachtruhe das Beste machen wollten. Sie spielten mit einem der Eisbrocken ausgelassen Fußball und amüsierten sich königlich darüber.
Auf dem Promenadendeck darüber kam ein junger Mann, etwa Mitte Zwanzig, der unter dem Mantel lediglich einen Pyjama trug, zu einem weiteren, vollständig angezogenen jungen Mann mit Brille und einem ebenfalls komplett bekleideten älteren Herrn mit Zylinder und Zigarre hinzu, die den Spielenden auf dem Welldeck zusahen.
„Hey, hab’ ich was verpasst?“, fragte der junge Mann im Schlafanzug. Der andere warf ihm einen doppelt faustgroßen Eisklotz zu, den der Ankömmling geschickt auffing.
„Konnten Sie sehen, was passiert ist?“, erkundigte er sich.
„Nein, ich kam zu spät“, erwiderte der Passagier, der schon anwesend war. „Angeblich war’s da drüben“, setzt er hinzu und wies auf die vordere Steuerbordseite. Der neu hinzugekommene junge Mann lehnte sich auf die Reling und sah hinunter.
In diesem Moment kamen Rose und Jack den Niedergang vom Welldeck zum Promenadendeck herauf. Jack öffnete die Relingtür und ließ Rose ritterlich den Vortritt. Ihnen kamen Captain Smith, der Leitende Offizier Wilde, Thomas Andrews und Zimmermann Hutchinson von der Backbordseite des Promenadendecks entgegen.
„Der Kesselraum sechs ist fast acht Fuß hoch überflutet, im Frachtraum ist es noch schlimmer. Der ist im vorderen Bereich völlig eingedrückt“, erklärte der Zimmermann, was er bei der Untersuchung festgestellt hatte.
„Können Sie das Leck abdichten?“, fragte der Captain.
„Nein, die Pumpen sind zu schwach“, erwiderte Hutchinson.
„Haben Sie den Frachtraum untersucht?“, hakte Andrews nach, als sie den Niedergang zum Welldeck hinuntergingen.
„Nein, der steht bereits unter Wasser“, entgegnete der Zimmermann.
„Das klingt übel“, resümierte Jack.
„Wir sollten das Mutter und Cal sagen“, empfahl Rose.
„Das ist noch schlimmer“, brummte Jack. Ihm war nicht wohl, Roses Mutter und ihrem Verlobten zu begegnen, nachdem Rose sich nun für ihn entschieden hatte.
„Komm mit mir, Jack“, bat sie. „Wenn du springst, springe ich auch, stimmt’s?“, erinnerte sie ihn. Er nickte. Sie brauchte gegen diese Leute Schutz – und er hätte für sie mit dem Teufel persönlich gerauft …
„Stimmt“, sagte er, nahm ihre Hand und ging mit ihr zusammen in Richtung der Suiten des B-Decks.
In der Suite B-52 war inzwischen der Bootsmann eingetroffen und sah sich die Zeichnungen aus Jacks Skizzenmappe an, während Cal rauchend mit grimmigem Gesicht auf dem Sofa saß, auf dem Rose wenige Stunden zuvor das lebendige Modell für die oberste der Zeichnungen gewesen war. Hinter der Couch schenkte Lovejoy Ruth auf den Schreck, dass Cal beraubt worden war, einen Brandy ein.
„Ich finde sie sehr gut, Sir“, bemerkte der Bootsmann. Cal sprang auf und riss ihm die Zeichnungen wütend aus der Hand. Er hatte ihn nicht rufen lassen, damit er die Kunst dieses Zwischendeckschweins bewunderte, wie Cal Jack für sich betitelte.
„Rühren Sie nichts an!“, fuhr er Steward Barnes an, der aufräumen wollte. „Ich will, dass der Raum fotografiert wird!“
Lovejoy hatte die Suite verlassen und wartete am Zugang zum Treppenhaus auf Rose. Sie kam in Begleitung von Jack. Als sie Lovejoy sah, schluckte sie schwer. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Es würde nicht einfach sein, ihrer Mutter und Cal zum einen zu sagen, dass das Schiff ein ernsthaftes Problem hatte – und zum anderen, dass sie eine Entscheidung für ihr Leben getroffen hatte, die beiden garantiert nicht gefallen würde.
„Halt’ meine Hand“, bat sie Jack, der ihre Hand auch sogleich in seine nahm. Mit ihm verbunden fühlte Rose sich schon bedeutend sicherer.
„Wir haben Sie bereits gesucht, Miss“, flötete Lovejoy mit solch falscher Freundlichkeit, dass Rose sich darauf gefasst machte, sowohl von ihrer Mutter als auch von Cal eine schreckliche Szene gemacht zu bekommen.
„Gut“, sagte sie schluckend. „Los geht’s“, flüsterte sie Jack zu, aber noch mehr sich selbst. Lovejoy ließ beide passieren, dann verlor sich sein aufgesetzt freundliches Gesicht zu einer entschlossen-grimmigen Miene. Er blieb dicht hinter Jack und ließ das Herz des Ozeans heimlich in dessen linke Manteltasche gleiten. Jack hatte die linke Hand in der Hosentasche und bekam es nicht mit.
Gemeinsam betraten sie die Suite. Rose räusperte sich.
„Es ist etwas Ernstes passiert“, setzte Rose an. Cal ließ sie nicht weiterreden.
„Ja, so ist es. In der Tat“, bestätigte er. „Zwei Dinge, die mir lieb sind, sind heute Abend verschwunden“, fuhr er fort. Rose war entsetzt, als sie ihn von ihr, seiner angeblich geliebten Verlobten, von einem Ding reden hörte …
„Da ich das Eine wiederhabe, kann ich mir gut vorstellen, wo das andere ist“, ergänzte er sarkastisch. Lovejoy warf ihm ein Nicken zu, das Cal den Erfolg der Schmuggelaktion signalisierte.
„Durchsucht ihn!“, befahl er Steward und Bootsmann in einem barschen Ton, der nur widerspruchslosen Gehorsam zuließ.
„Ziehen Sie Ihren Mantel aus, Sir!“, forderte Steward Barnes den jungen Mann auf und verzichtete bewusst auf ein höfliches Bitte.
„Hey, was soll das?“, protestierte Jack verärgert.
„Worauf warten Sie?“, knurrte der Bootsmann, der ebenfalls auf Höflichkeitsfloskeln verzichtete. Der Bootsmann tastete Jack vom Hosenbund nach unten ab, der Steward nahm sich der Manteltaschen an.
„Cal! Was tust du da?“, entfuhr es Rose. „Wir sind in einer Notlage! Was geht hier vor?“
Barnes zog aus der Manteltasche das Herz des Ozeans heraus.
„Ist es das hier?“, fragte er sachlich.
„Richtig“, bestätigte Cal. Rose und Jack starrten entsetzt auf das Collier in der Hand des Stewards.
„Was soll diese Scheiße?“, keuchte Jack entgeistert. „Du darfst das nicht glauben, Rose! Das ist nicht wahr!“, beschwor er seine Schuldlosigkeit.
„Das hätte er nie getan!“, verteidigte Rose ihn.
„Sicher doch!“, versetzte Cal bissig. „Ein Kinderspiel für einen Profi. Er hat sich die Kombination gemerkt, als du den Safe geöffnet hast.“
‚Nein, das ist unmöglich‘, dachte Rose bei sich. ‚Er kann es nicht gesehen haben. Ich habe vor dem Kombinationsschloss gestanden.‘
„Kommen Sie“, sagte der Bootsmann kühl und ruhig, schloss Jacks Hände in Handschellen auf dessen Rücken. Der junge Mann rührte sich nicht vom Fleck.
„Wir waren die ganze Zeit zusammen! Das ist absurd!“, protestierte Rose.
„Vielleicht hat er es getan, während du dich wieder angezogen hast, Schatz“, versuchte Cal Rose von seinem Verdacht zu überzeugen. Sie hatte plötzlich einen kurzen Flashback, in dem sie sich daran erinnerte, dass sie Jack gebeten hatte, das Kästchen mit dem Diamantencollier in den Safe zurückzulegen. Sie verwarf den Gedanken so schnell, wie er ihr gekommen war. Jack kam eine Ahnung, wie die Kette in den Mantel geraten war.
„Oh, echt clever!“, schnaufte er gereizt. „Rose, die haben mir das untergejubelt!“, wies er jeden Verdacht von sich.
„Halt’ die Klappe!“, befahl Cal ohne jeden Anflug von gewählter Sprache, wollte Jack mit Lautstärke zum Schweigen bringen. Lovejoy untersuchte den Mantel und fand – für sich und seinen Arbeitgeber überraschend – den entscheidenden Punkt, der den falschen Verdacht gegen Dawson nur noch glaubwürdiger machen würde …
„Das ist nicht einmal dein Mantel, nicht wahr, mein Sohn?“, spöttelte er und klopfte auf das Namensschild, das unter dem Kragen im Innenfutter eingenäht war. „Eigentum von A. L. Ryerson!“, posaunte er heraus und übergab den Mantel dem Bootsmann.
„Der wurde heute als gestohlen gemeldet“, sagte der und nahm das Kleidungsstück an sich. Der Jack nicht gehörende Mantel ließ nun sogar Rose an ihm zweifeln.
„Ich hab’ ihn mir nur geborgt! Ich wollte ihn zurückgeben!“, schwor Jack. Rose sah ihn mit zunehmender Unsicherheit an. Konnte sie ihm noch glauben?
„Oh, ein ehrlicher Dieb!“, spottete Caledon. „Wir haben hier einen ehrlichen Dieb!“
„Du weißt, dass ich es nicht getan habe, Rose! Du weißt es! Glaub’ ihnen kein Wort! Du weißt, dass ich es nicht war!“, blieb Jack hartnäckig bei seiner Version, dass ihm die Kette untergeschoben worden war.
„Komm, mein Sohn, wir gehen“, entschied der Bootsmann, die Sache nun abzukürzen, packte Jack, um ihn aus dem Raum zu befördern. Doch der junge Mann wehrte sich gegen die Verhaftung, so gut er mit gefesselten Händen konnte – auch verbal.
„Du weißt genau, dass das nicht wahr ist!“, rief er verzweifelt, als Rose keine Anstalten machte, ihn weiter in Schutz zu nehmen. Der Bootsmann zerrte ihn aus der Suite.
„Komm schon, wir gehen“, knurrte der kräftige Seemann.
„Rose! Rose!“, bettelte Jack. Der Bootsmann hatte ihn inzwischen draußen, aber er gab nicht auf und strampelte gegen die Kraft des Sicherheitsbeauftragten.
„Komm, sei ein braver Junge! Komm mit! Wir müssen uns mal unterhalten! Es hat doch keinen Sinn, sich zu wehren! Komm endlich! Na, komm schon!“, versuchte der Jack zur Ruhe zu bringen.
„Du weißt, dass ich es nicht war! Du kennst mich!“, appellierte Jack an ihre Bekanntschaft.
Rose blieb zurück, Tränen traten in ihre Augen, als sie nicht mehr wusste, wem sie nun glauben sollte. Sie spürte die Hand ihrer Mutter auf der Schulter und ließ sich von ihr tröstend umarmen.
„Wieso glauben Frauen Männern immer wieder?“, seufzte Ruth.
Während auf dem B-Deck das Verhaftungsdrama seinen Lauf nahm, hatte Reeder Ismay den Kartenraum der Brücke erreicht, wo Thomas Andrews gerade seine Blaupausen auf dem Kartentisch ausbreitete.
„Das ist ausgesprochen verdrießlich, Captain!“, grollte der – und er meinte den Stillstand des Schiffes, keinesfalls den untersuchungsbedürftigen Vorfall. Andrews versuchte, ihn zu ignorieren.
„Wasser … Vierzehn Fuß über dem Kiel in zehn Minuten. Im Vorschiff, in drei weiteren Abteilungen und im Kesselraum 6“, gab der Ingenieur seine Schadensfeststellungen an den Captain weiter.
„Ja, so ist es“, bestätigte Zimmermann Hutchinson.
„Wann können wir weiterfahren, verdammt?“, fauchte Ismay. Die Anwesenden auf der Brücke sahen den Reedereivorstand an, als hätte er den Verstand verloren – was der Wahrheit ziemlich nahe kam. Mindestens hatte er nicht die leiseste Ahnung, was hier geschehen war …
„Das sind fünf Abteilungen!“, fuhr Andrews fort. „Wenn vier Abteilungen vollgelaufen sind, hält sie sich noch über Wasser. Aber nicht bei fünf! Nicht fünf!“
Er wandte sich der Blaupause zu und tippte auf die entsprechenden Abteilungen, zeigte an, was weiter geschehen würde.
„Wenn der Bug absinkt, dann läuft das Wasser über die Schotten im E-Deck von einer Abteilung zur nächsten – immer weiter und weiter. Es ist nicht aufzuhalten!“
„Die Pumpen!“, warf Captain Smith ein. „Wenn wir die Pum…“
„Mit den Pumpen gewinnen wir Zeit, aber nur Minuten!“, widersprach Andrews heftig, den Captain einfach unterbrechend. „Von diesem Augenblick an ist es ganz egal, was wir tun: die Titanic wird untergehen!“, sprach er das Undenkbare aus. Ismay wollte seinen Ohren nicht trauen – und der Aussage des Chefkonstrukteurs schon gar nicht.
„Aber dieses Schiff kann nicht sinken!“, protestierte er lauthals. Andrews drehte sich um.
„Sie wurde aus Eisen gefertigt, Sir. Ich versichere Ihnen: sie kann! Und sie wird! Das ist eine mathematische Gewissheit“, erwiderte er. Der Schock über diese Aussage stand allen Anwesenden wie mit roter Tinte geschriebene Buchstaben im Gesicht.
„Wie viel Zeit noch?“, stellte Captain Smith nach endlosen Sekunden entsetzten Schweigens die entscheidende Frage. Andrews sah sich die überfluteten Abteilungen an, überschlug, wie lange es dauerte, bis sie so voll waren, dass die nächste fällig war.
„Eine Stunde“, sagte er nach einer Weile. „Höchstens zwei.“
Für einen Moment verschlug es dem Captain erneut die Sprache. Der Schock war ihm anzusehen. Nach schier unendlich langer Zeit wandte er sich an den Ersten Offizier Murdoch:
„Wie viele an Bord, Mr. Murdoch?“, fragte er. Murdoch schluckte.
„Zweitausendzweihundert Seelen an Bord, Sir“, meldete er. Smith drehte sich zu Bruce Ismay um.
„Ich vermute, Sie werden Ihre Schlagzeilen bekommen, Mr. Ismay“, sagte er.
Kapitel 19
Evakuierungsvorbereitung
Im Korridor des B-Decks wurden in einiger Entfernung Stimmen und Klopfen laut.
„Ich werde mich besser anziehen“, sagte Ruth und verließ die Suite von Rose und Cal zu ihrer eigenen. Rose stand immer noch sprachlos da, jetzt auch verängstigt und verunsichert. Hatte Jack wirklich den Diamanten gestohlen? Sie kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn Cal kam vom Flur zurück, wo er sich vergewissert hatte, dass der Bootsmann den Rivalen abtransportiert hatte. Er baute sich vor Rose auf, setzte zum Sprechen an – doch dann gab er ihr wortlos eine Ohrfeige, die ihr den Kopf nach hinten riss.
„Sind wir jetzt eine kleine Hure, ja?“, zischte er. Als Rose starr vor Schock den Kopf nicht wieder in seine Richtung drehte, packte er sie brutal an den Schultern und schüttelte sie durch.
„Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!“, brüllte er. Es klopfte, Cal reagierte nicht darauf.
„Mr. Hockley?“, drang die Stimme des Stewards Barnes herein, der unmittelbar darauf die Tür öffnete, ohne zum Eintreten aufgefordert worden zu sein.
„Nicht jetzt!“, wehrte Hockley grantig ab. „Wir sind beschäftigt!“
Barnes kam dennoch herein.
„Sir, ich wurde angewiesen, Sie zu bitten, die Rettungswesten anzulegen und sich an Deck zu begeben“, sagte er ruhig und ging zum Ankleidezimmer. Cal glaubte an einen bösen Scherz, war mindestens der Ansicht, der Steward stehe auf den Ohren.
„Ich sagte: jetzt nicht!“, knurrte er gereizt. Barnes blieb stehen, aber keinesfalls, um mit einem unterwürfigen Bückling rückwärts zur Tür zu schleichen.
„Bedaure die Unannehmlichkeiten, aber es ist eine Anordnung des Kapitäns“, versetzte der Steward ungerührt und kühl. „Also ziehen Sie sich bitte etwas Warmes an, es ist heute recht kühl draußen. Ich empfehle Ihnen Überzieher und einen Hut!“, setzte er hinzu, nahm die Rettungswesten vom Regal im Ankleidezimmer, kam zurück in den Wohnraum und legte die Westen auf dem Tisch ab.
„Das ist doch lächerlich!“, schnaufte Cal verächtlich, aber er ließ wenigstens von Rose ab. Der Steward präsentierte ihr die Rettungsweste.
„Kein Grund zur Beunruhigung. Es wird sich nur um eine Vorsichtsmaßnahme handeln“, sagte er zu ihr mit einer leichten Verbeugung.
Im G-Deck ging es weniger feinfühlig zu. Die Stewards dort unten hämmerten einmal an die Türen, stießen sie auf und machten ungefragt Licht.
„Alles aufstehen! Rettungswesten anlegen!“, brüllten sie in einem Ton, der jedem Ausbilder bei der Royal Navy zur Ehre gereicht hätte.
Bert Cartmell kam verschlafen hoch, stieß sich beinahe den Kopf am Matratzengestell des darüber befindlichen Bettes, aus dem sein Töchterchen Cora ebenfalls verschlafen und aus dem Land der Träume von sehr weit her wieder auf die Titanic zurückkam.
„Was? Was hat er gesagt?“, presste Cartmell schlaftrunken hervor.
Die Stewards sprangen weiter zu den nächsten Kabinen, polterten an den Türen, rissen sie auf und brüllten die Menschen aus dem seligen Schlaf, der sie noch bis vor wenigen Sekunden festgehalten hatte.
„Aufstehen! Wird’s bald!“, dröhnte es durch den Flur.
„Alle aufstehen! Rettungswesten anlegen!“
Ein Paar, das wohl aus dem Aufenthaltsraum der Dritten Klasse kam, war über die Hektik völlig verstört.
„Was ist denn hier los?“, fragte die Frau. Der Steward schob sie rücksichtslos beiseite.
„Legen Sie Ihre Rettungswesten an!“, befahl er den Passagieren.
In der Funkkabine notierte Captain Smith die Position der Titanic auf einem Telegrammformular.
„CQD*?“, fragte Phillips verblüfft. „Sir?“, setzte er verspätet hinzu, als Smith nicht reagierte. Der Captain schrieb die Notiz zuende. 41° 46‘ N 50° 14‘ W stand auf dem Zettel, den Smith von dem Block abriss und Phillips gab.
„Ganz recht! CQD! Ein Notruf“, bestätigte er die Befürchtung des Funkers. Das ist unsere Position“, ergänzte er zum Inhalt des Zettels und nahm müde die Mütze ab. „Sagen Sie – wer immer sich auch meldet – dass wir über Bug sinken und Hilfe benötigen.“
Phillips sah den Captain an, der seine Mütze nach längerem Schweigen wieder aufsetzte und die Funkkabine verließ. Bride und Phillips tauschten bedeutungsschwere Blicke.
„Du meine Güte!“, entfuhr es Phillips schließlich. Er stülpte sich die Kopfhörer über und setzte den befohlenen Notruf ab. Bride hörte die Morsezeichen und tippte ihm auf die Schulter. Phillips schob die Kopfhörer etwas weg und sah ihn an.
„Vielleicht solltest du diesen neuen Notruf benutzen – SOS*“ schlug der Junior-Funker vor. Grinsend fügte er hinzu: „Es könnte unsere einzige Chance sein, ihn jemals zu benutzen.“
Phillips nickte und morste eifrig SOS – dit dit dit – da da da – dit dit dit. Immer und immer wieder …
Thomas Andrews war auf dem Bootsdeck unterwegs, um zu sehen, ob alles so funktionierte, wie es sollte. Es funktionierte nicht, wie er entsetzt feststellte. Offiziere und Matrosen brüllten durcheinander. Desorganisation bestimmte das Bild. Hier, auf dem Deck direkt unter den Schornsteinen, an denen auch Dampfventile waren, um den Überdruck aus den Kesseln abzulassen, war die Verständigung schwierig. Die Probleme der Organisation waren durchaus auch auf den Lärm der Dampfventile zurückzuführen, die Probleme an den Davits nicht.
„Nach rechts drehen!“, überschrie Andrews den Lärm. „Holen Sie die Fallen* dicht*, bevor Sie sie freigeben! Haben Sie keine Bootsübung gehabt?“
„Nein, Sir. Nicht mit den neuen Davits, Sir!“, brüllte der Matrose zurück. Andrews sah sich um, fassungslos, wie die Matrosen mit den Fallen für die Bootsdavits herumhantierten.
Die ersten zur Evakuierung aufgerufenen Passagiere kamen wegen des herrschenden Lärms und der bitteren Kälte nur zögernd an Deck.
Etwas weiter weg auf dem Deck dirigierte der Zweite Offizier Lightoller mit ausgebreiteten Armen das Abfieren* eines Bootes.
„Uuunndd … abfieren!“, befahl er und senkte zur Verstärkung des Befehls rhythmisch die Arme. „Weiter abfieren! Weiter! Nicht so schnell!“
Noch ein Stück weiter tat der Leitende Offizier Henry Wilde dasselbe wie Lightoller.
„Weiter abfieren! Das reicht jetzt! Das nächste Boot abfieren!“, schrie er. „Die Persenning runter von den Booten! Runter damit!“
Andrews eilte über das Deck zu Wilde.
„Mr. Wilde! Wo sind die Passagiere?“, fragte er, verwirrt, dass trotz entsprechender Anweisungen außer schwer arbeitenden Seeleuten niemand auf dem Bootsdeck war.
„Die sind alle wieder reingegangen!“, rief der Leitende Offizier. „Das war denen wohl hier draußen ein bisschen zu kalt!“, setzte er hinzu, zog seine Trillerpfeife aus der Brusttasche seiner Uniform und winkte zum Dach des Aufbaus.
„He, du da!“, brüllte er den dort oben befindlichen Matrosen an und verlieh dem Ruf mit einem gellenden Pfiff aus der Pfeife Nachdruck.
„Komm hier runter und hilf bei den Leinen!“, befahl er.
Andrews drehte sich um, nahm die Taschenuhr aus der Weste und sah darauf. Verdammt! Die Leute mussten dringend von Bord! Die Zeit lief weg!
Er ging in den Salon hinein. Wallace Hartley und sein Kammerorchester spielten Alexander’s Ragtime Band – einen modernen Gassenhauer, ebenso populär wie beruhigend. Die Männer spielten auf Anweisung von Captain Smith, um eine Panik unter den Passagieren zu vermeiden.
Andrews ging zwischen den Leuten hindurch, die offenbar keine Ahnung hatten, was hier tatsächlich los war. Immer verstörter wurde seine Miene. Ein Steward mit einem Tablett, auf dem exakt gefüllte Cognacschwenker standen, hielt vor ihm an.
„Einen Drink, Sir?“, bot er diensteifrig an. Andrews sah ihn an, als ob er den Verstand verloren hätte. Der Steward, der ebenso wie die Musiker auf Anweisung handelte, um die Leute bei Laune und Ruhe zu halten, schaute den ihm verwirrt erscheinenden Chefingenieur der Werft Harland & Wolff seinerseits etwas indigniert an.
Molly Brown stand mit zwei Herren aus der Ersten Klasse am Fuß der obersten Treppe des prachtvollen Treppenhauses. Sie selbst hatte über die Rettungsweste ihren Pelzmantel gezogen, die beiden Herren trugen die Weste über den Mänteln. Molly trat dem jungen Steward in den Weg, der ihr schon beim Einsteigen ins Schiff den kleinsten ihrer Koffer getragen hatte.
„Hey, Kleiner!“, rief sie ihn an. Der junge Mann, der hektisch zur Treppe gelaufen war, blieb mit einer Vollbremsung stehen, stolperte beinahe in Molly hinein.
„Was soll das hier?“, fragte sie. „Erst macht man uns verrückt und jetzt steh’n wir rum und drehen Däumchen!“, beschwerte sie sich – wobei bei Molly selbst eine geharnischte Beschwerde immer noch durch ihren humorigen Tonfall entschärft wurde.
„Verzeihung, Ma’am!“, bat der junge Steward um Entschuldigung. „Ich werde mich erkundigen“, versprach er und stolperte die Treppe hinauf. Molly sah ihm nach, winkte dann resolut den beiden Männern, sie in den Speisesaal zu begleiten.
„Ich hab’ das dumme Gefühl, keiner weiß mehr, was hier eigentlich vorgeht“, sagte sie.
Aus der Gegenrichtung kamen gerade Caledon Hockley, Rose und Ruth DeWitt Bukater mit ihren beiden Zofen. Die Zofen hatten ihre Rettungswesten angezogen, trugen die Westen ihrer Herrschaften über dem Arm und falteten im Gehen noch weitere Kleidungsstücke zusammen, die sie von einem der drei gereicht bekamen. Weder Cal noch Rose oder Ruth hatte die eigene Rettungsweste angelegt.
„Diese verfluchten Engländer …“, fauchte Hockley, „müssen immer alles nach Vorschrift machen!“
Diese Aktion kam ihm mächtig übertrieben vor – vor allem, weil sie ihn daran gehindert hatte, Rose für ihren Ausbruch aus seinem goldenen Käfig zu züchtigen …
„Es gibt keinen Grund, ausfallend zu werden, Mr. Hockley“, bremste Ruth, die hinter ihm ging und sich gerade die Handschuhe anzog, während einer der Zofen ihr noch einen Pelzumhang überlegte. An der Wand gegenüber der Treppe, an der in goldfarbenen Metallbuchstaben A-Deck angebracht war, blieb sie stehen.
„Gehen Sie bitte zurück in unsere Suite und drehen Sie die Heizung auf“, wies sie die beiden Dienerinnen an. „Wenn ich zurückkomme, hätte ich gern eine Tasse Tee.“
Ihre Anweisung widersprach den Anordnungen, die die Passagiere durch die Stewards bekommen hatten, aber einer Frau wie Ruth, die es gewohnt war, selbst Befehle zu erteilen und keine entgegenzunehmen, war das völlig gleichgültig. Die Dienerinnen waren dazu da, ihr ein angenehmes Leben zu bereiten.
„Jawohl, Ma’am“, bestätigten die Zofen mit einem Knicks. Die ältere, die Ruths Rettungsweste getragen hatte, drückte ihrer Arbeitgeberin das Teil in die Hand und beeilte sich, Trudy zur Suite zurück zu folgen.
Thomas Andrews kam langsam zur Treppe und wollte hinauf zum Bootsdeck gehen. Rose, die in einem nachlässig übergezogenen zartrosa Mantel zwischen Cal und ihrer Mutter am Fuß der Treppe stand, bemerkte ihn und folgte ihm auf die ersten Stufen, bis sie ihn erreicht hatte. Sie hielt ihn am Mantel fest.,
„Mr. Andrews?“, sprach sie ihn an
Er drehte sich verblüfft um.
„Ich sah den Eisberg“, sagte sie nach einer Pause, die sie sich nur angeschaut hatten. „Und ich seh’ es in Ihren Augen.“
Andrews’ Blick verriet die ganze Verzweiflung, die ihn im Wissen um das Schicksal dieses Schiffes und der meisten seiner Passagiere bereits gepackt hatte.
„Bitte, sagen Sie mir die Wahrheit“, bat Rose eindringlich. Andrews drehte sich ganz um und nahm sie an den Armen, kam die wenigen Stufen wieder herunter.
„Das Schiff wird sinken“, sagte er schlicht, aber leise. Roses Augen weiteten sich noch mehr.
„Sind Sie sicher?“, hakte sie besorgt nach. Er warf auch Cal einen Blick zu, der Hockley veranlasste, näherzukommen.
„Ja“, sagte Andrews, wieder an Rose gewandt. „In etwa einer Stunde befindet sich all das hier“, er sah zur Kuppel nach oben und kehrt mit dem Blick wieder zu Cal und Rose zurück, „auf dem Grund des Atlantiks.“
„Was?“, entfuhr es Cal mit unüberhörbarem Schrecken.
„Bitte … sagen Sie es nur denen, denen Sie es sagen müssen. Ich will nicht die Verantwortung für eine Panik tragen“, fuhr Andrews beinahe im Flüsterton fort. „Gehen Sie zu einem Boot – und zwar schnell“, sagte er. „Warten Sie nicht!“, mahnte er eindringlich. „Sie … wissen doch noch, was … ich Ihnen über die Boote gesagt habe.“
Rose begriff die ganze Tragweite seiner Warnung. Sie hielt die linke Hand vor den Mund, als wollte sie sich an einem erschrockenen Schrei hindern.
„Ich verstehe“, sagte sie ebenso leise wie entsetzt. Dennoch blieb sie zunächst wie zur Salzsäule erstarrt stehen. Andrews wandte sich ab und ging die Treppe hinauf.
„Machen Sie bitte die Weste zu“ ermahnte er eine andere Frau freundlich.
Der Bootsmann hatte mit dem festgenommenen Jack Dawson sein Büro unten im Schiff erreicht.
„Hierher, mein Sohn!“, knurrte er und kettete Jack dort an einem dicken Rohr fest, einer Leitung, die durch das Büro lief.
Lovejoy war ihm gefolgt. Hockleys Butler hatte kaum den Raum betreten, als schon ein Matrose mit gehetztem Blick hinterher stolperte.
„Sir!“, keuchte er. „Sie werden im Büro des Zahlmeisters gebraucht! Dort … gibt es Probleme!“
Der Bootsmann war für einen Moment hin- und hergerissen zwischen der notwendigen Untersuchung des Diebstahls in der Suite B-52 und den unbestimmten Problemen beim Zahlmeister. Lovejoy nickte ihm zu.
„Gehen Sie ruhig“, sagte er und zog eine verchromte 45er Colt-Pistole aus dem Schulterhalfter. „Ich kümmere mich um ihn.“
Der Bootsmann sah noch einmal unschlüssig auf den Verhafteten und dann auf den Bewaffneten. Was war das größere Risiko? Tobende Passagiere beim Zahlmeister oder ein bewaffneter Kammerdiener, der gegen jede Regel auf hoher See die Waffenhoheit des Captains brach und damit einen aller Wahrscheinlichkeit nach berechtigterweise festgesetzten Straftäter bewachte? Der Bootsmann entschied sich, dass der Zahlmeister seine Hilfe benötigte …
„Aye“, sagte er zögernd und schloss die Handschellen zu. „In Ordnung.“
Er gab den Schüssel zu den Handschellen Spicer Lovejoy und verließ den Raum.
Kapitel 20
Frauen und Kinder zuerst!
Captain Edward Smith kehrte auf die Brücke zurück, um die Evakuierung der Titanic von dort zu beaufsichtigen – und um zu beten, dass rechtzeitig andere Schiffe zu Hilfe kamen.
„Sir!“, hörte er hinter sich die Stimme des Junior-Funkers Bride und drehte sich um. Der junge Mann hetzte hinter ihm her.
„Die Carpathia meldet, sie macht siebzehn Knoten Fahrt!“, rief er. „Das ist volle Kraft für sie, Sir!“
„Und sie ist die Einzige, die geantwortet hat?“, hakte Smith nach.
„Die Einzige in der Nähe, Sir“, präzisierte Bride. „Sie sagen, sie können in etwa vier Stunden hier sein!“
Smith hatte ein Gefühl, als träfe ihn ein Schlag mit dem Schmiedehammer und das mitten ins Gekröse.
„Vier Stunden?“, entfuhr es dem Captain in einem Ton, als könne der Funker die Carpathia beschleunigen und sei nur zu bequem dazu. Sein verbaler Fehlgriff wurde ihm gerade noch bewusst. Der junge Mann war nur der Bote der schlechten Nachricht, nicht der Grund. Es war nicht richtig, ihn so anzufahren …
„Danke, Bride“, fügte Smith hinzu. „Mein Gott!“, flüsterte er, als ihm endgültig klar wurde, dass dies das Todesurteil für mindestens die Hälfte aller an Bord befindlichen Menschen war.
Wie in Trance ging er über das Bootsdeck, auf dem die Matrosen Boot um Boot klarmachten.
„Noch ein Stück nach vorne!“, befahl der Leitende Offizier Wilde, als der Captain ihn passierte. „So ist gut!“
Charles Lightoller sah den Captain unschlüssig dastehen und eilte zu ihm.
„Sir? Die Rettungsboote sind klar, Sir!“, meldete er, den Lärm der Dampfpfeifen übertönend. Smith schien es überhaupt nicht mitzubekommen. Er sagte nichts.
„Sir, sollten wir nicht schon mal die Frauen und die Kinder in die Boote schaffen?“, schlug der Zweite Offizier vor, weiterhin brüllend. Nach schier unendlich langer Zeit nickte der Captain leicht.
„Ja, so machen wie es“, bestätigte Smith leise, fast wie im Selbstgespräch. Der Zweite Offizier hatte zwar gesehen, dass sich die Lippen des Captains bewegt hatten, verstanden hatte er ihn allerdings nicht. Er beugte sich zu ihm. Smith realisierte, dass Lightoller ihn nicht gehört hatte.
„Frauen und Kinder zuerst, ja“, sagte er, zwar lauter und verständlich, aber völlig kraftlos und regelrecht resigniert.
„Jawohl, Sir!“, bestätigte Lightoller laut und deutlich. Er trat einige Schritte zurück, vorbei an dem Leitenden Offizier Wilde und winkte dann die Passagiere zu sich.
„Ladies und Gentlemen! Dürfte ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten? Treten Sie bitte hier rüber!“, rief er. „Ja, ganz recht. Kommen Sie bitte zu mir. Ich danke Ihnen. Gut. Für den Augenblick bitte ich lediglich die Frauen und Kinder vorzutreten. Gentlemen …“
Etwas weiter achtern kamen Wallace Hartley und seine Musiker mitsamt ihren Instrumenten und einem der Stühle aus dem Pariser Café ins Freie – aber nicht, um sich ins nächste Boot zu setzen. Keiner von ihnen trug eine Rettungsweste.
„Genau hier!“, wies Hartley den an, der den Stuhl trug. Er stellte den mitgebrachten Stuhl für den Cellisten zurecht.
„Wie der Captain gesagt hat: Wir spielen etwas Fröhliches, damit es keine Panik gibt. Den Hochzeitstanz“, sagte Hartley. Die Musiker hoben ihre Instrumente, Wallace gab den Einsatz und ebenso leichte wie fröhliche Musik kämpfte gegen die schrillen Töne der hektischen Evakuierungsaktivitäten. Während die Musiker still standen oder saßen, als ob sie im Speisesaal die Begleitmusik zum Dinner machten, schwirrten um sie herum Menschen, denen Unsicherheit, manchen auch die beginnende Panik in den Augen stand; die in Hut und Mantel unruhig über das Deck liefen, ohne genau zu wissen, was sie jetzt tun sollten.
Der Zweite Offizier Lightoller hatte seine kurze Ansprache beendet.
„Ladies – bitte, steigen Sie ins Boot“, gab er das erste Boot zum Einsteigen frei. Der ersten Frau, die in das Boot bei Lightoller stieg, war die Angst vor der Tiefe, über der das Boot schwebte, anzusehen.
„Ihr werdet ’s sehen!“, orakelte eine andere. „Jetzt werden sie uns in diesen blöden kleinen Booten aussetzen, damit wir uns sonst was abfrieren – und zum Frühstück werden wir alle wieder hier sein!“
In diesem Moment kamen Ruth, Rose und Cal nahe bei dem Kammerorchester auf das Deck. Ruth spürte einen kalten Luftzug am Hals und fasste sich an den Blusenkragen, der sonst von einer Kameebrosche geschlossen und dekoriert wurde.
„Meine Brosche! Ich habe meine Brosche vergessen! Ich muss sie haben!“, keuchte sie und wollte wieder zurück, doch Cal hielt sie fest.
„Bleiben Sie hier, Ruth!“, mahnte er. Sie war überrascht und erschrocken zugleich über den festen Griff, mit dem er sie gestoppt hatte. Zum ersten Mal an diesem Abend spürte sie so etwas wie Angst.
Im E-Deck drängten sich Stewards durch die schmalen Gänge, die Arme voll Rettungswesten, die sie jedem in die Hand drückten, der noch ohne eine solche Weste war.
„Rettungswesten anlegen! Legen Sie Ihre Rettungswesten an!“, rief einer von ihnen. „Hier! Kommen Sie schon! Die Rettungswesten anlegen! Legen Sie bitte Ihre Rettungswesten an!“
Überall waren die Gänge mit Leuten verstopft, die ihr Gepäck trugen.
„Ich hab’ den dämlichen Idioten extra gesagt: Kein Gepäck! Oh, zur Hölle!“, schnaufte ein anderer.
Unter den Passagieren, die hier zu den Booten wollten, waren Tommy Ryan und Fabrizio de Rossi, aber auch die Familie Dahl und viele, viele andere. Vor ihnen bildete sich plötzlich ein Stau an der Treppe zum nächsten Deck hinauf. Fabrizio drängte sich zu Helga durch. Sie lächelte ihn freundlich an und umarmte ihn.
„Ladies und Gentlemen, es besteht kein Grund zur Panik! Es ist noch nicht an der Zeit, sich in die Rettungsboote zu begeben! Bitte, bewahren Sie Ruhe!“, kam die Stimme eines der Stewards vom oberen Treppenabsatz. Tommy drängte sich nach vorn durch, um zu sehen, was die Menge eigentlich aufhielt. Auf der Hälfte der Treppe sah er, dass zwei Stewards vor einer abgeschlossenen Gittertür standen. Diese Türen trennten die Dritte Klasse von den beiden anderen Passagierklassen und waren zwecks besserer Kontrolle der Immigranten auf ausdrückliches Verlangen der amerikanischen Einwanderungsbehörden eingebaut worden.
„Achten Sie bitte alle darauf, dass Sie Ihre Rettungswesten tragen!“, rief der Steward vor der Tür. „Und lassen Sie die Frauen und Kinder nach vorne durchtreten!“, setzte er hinzu, als ihm auffiel, dass ganz vorn am Gitter hauptsächlich erwachsene Männer standen.
Etwa auf der Hälfte der Treppe stand geduldig die erste Frau, eine irische Mutter mit ihren beiden Kindern.
„Was machen wir hier, Mummy?“, fragte ihr kleiner Sohn, der brav die Hand seiner Mutter hielt.
„Wir warten hier. Wenn die Passagiere der Ersten Klasse in den Booten sind, dann sind wir an der Reihe. Und dann wollen wir doch auch bereit sein, nicht wahr?“, sagte sie. Noch immer war sie fest im Klassendenken ihres Geburtslandes verwurzelt … Ihr Sohn und ihre Tochter nickten eifrig.
Die Männer vorn an der Gittertür hatten weniger Geduld und befürchteten, dass die Schiffsführung die Passagiere der Dritten Klasse lieber absaufen lassen wollte als sie zu retten. Sie drängten immer heftiger gegen die Tür.
„Hör’n Sie auf, zu drängeln! Es besteht kein Grund zur Panik!“, rief der Steward vor dem Gitter. „Lass sie hier nicht raus!“, wies er seinen Kollegen leiser an.
Auf der Steuerbordseite war im Bereich des Ersten Offiziers Murdoch das für fünfundsechzig Personen ausgelegte Boot Nummer 7 mit achtundzwanzig Personen besetzt, sowohl mit Frauen und Kindern als auch mit Männern – weniger als halb so viele wie zugelassen, aber Murdoch senkte die Arme.
„Und abfieren!“, befahl er. „Auf der linken und auf der rechten Seite gleichzeitig! Zugleich! Auf beiden Seiten gleichzeitig! Schön langsam! Langsam! Nicht so schnell! Vorsichtig!“
Das Boot ruckte, als die Fallen nachgaben und durch die Blöcke glitten. Die Leinen wurden an jeder Seite von zwei, im Boot selbst von einem Matrosen gesteuert. Die Männer auf der linken Seite gaben schneller Leine nach als auf der rechten mit der Folge, dass das Boot dort rascher sank und plötzlich hecklastig wurde.
„Stopp! Stopp!“, brüllte der Matrose im Boot. Die verängstigten Passagiere, denen schon die reine Höhe von etwa sechzig Fuß über dem schwarzen Wasser unheimlich gewesen war, schrien voller Schrecken auf.
„Nicht auf der linken Seite! Nur auf der rechten Seite fieren!“, schrie Murdoch. „Nur auf der rechten Seite! Nur auf der rechten Seite! Nicht links! Rechts noch ein bisschen tiefer!“
Endlich war das Boot wieder in der Waage.
„Und jetzt zusammen! Beide abfieren!“, befahl der Erste Offizier.
Vorn, an der Brückennock, feuerte der Vierte Offizier Boxhall die erste Notrakete ab. Die Passagiere, die hier in der Nähe standen, duckten sich erschrocken, als sie weit über dem Schiff explodierte. Ungläubig sahen sie, dass es eine weiße Silvesterrakete war. Das strahlende Licht der Rakete stand in krassem Widerspruch zu der Notsituation, in der sich die Titanic befand. Sie war eigentlich dafür hergestellt und mitgenommen, am Abend nach der Ankunft in New York das erfolgreiche Ende der Jungfernfahrt zu feiern. Die Crew konnte nur hoffen und beten, dass Schiffe in der Nähe die Raketen richtig als Notraketen deuteten und nicht als Ausdruck von Partystimmung.
Im Büro des Bootsmanns auf der Backbordseite im E-Deck war Jack Dawson nach wie vor an das Rohr gekettet. Skeptisch sah er zum Bullauge hinauf, dessen unteres Viertel bereits unter Wasser war. Spicer Lovejoy hatte sich den Stuhl vom Schreibtisch des Bootsmanns zu einem zweiten Schreibtisch gezogen, auf dem drei mit schwarzem Leinen bezogene und mit roten Rücken und Ecken versehene Berichtsbücher in verschiedenen Größen lagen. Hockleys Kammerdiener und Leibwächter hatte es sich bequem gemacht und seine Pistole auseinandergenommen. Die leere Pistole und das herausgenommene und entleerte Magazin lagen ebenfalls auf dem Tisch. Eine der Patronen legte Lovejoy auf den Tisch. Sie rollte zu ihm hin und belegte damit deutlich, welche Neigung das Schiff bereits in Richtung Bug hatte. Lovejoy ließ die Patrone noch einmal auf sich zulaufen, dann steckte er die Patronen in das Magazin und schob es wieder von unten in den Griff der Pistole, bis es einrastete.
„Weißt du“, sagte er, „ich gehe davon aus, dass dieses Schiff sinken wird.“
Er erhob sich und trat zu Jack.
„Man hat mich gebeten, dir dieses kleine Zeichen unserer Anerkennung zu übermitteln.“
Mit diesen Worten holte er mit der linken Faust aus und boxte Jack brutal in den Unterleib, dass der junge Mann wie ein Messer zusammengeklappt und zu Boden gegangen wäre, wäre er nicht an das massive Rohr gefesselt gewesen. Er krümmte sich ächzend, ging in die Knie, soweit seine Handfesseln dies zuließen.
„Mit besten Empfehlungen von Mr. Caledon Hockley“, fügte Lovejoy mit beißendem Spott hinzu, nahm den Handschellenschlüssel vom Schreitisch, schnippte ihn triumphierend hoch, fing ihn wieder auf und verließ das Bootsmannsbüro. Er ging in dem sicheren Bewusstsein, dass der Gefangene mit dem Schiff untergehen würde. Wer sollte ihm hier noch helfen?
Oben über dem Bootsdeck explodierte die nächste Rakete und tauchte das ganze Schiff in ebenso helles wie gespenstisches Licht. Der Schein beleuchtete auch das besorgte Gesicht des Reedereivorstands Bruce Ismay. Die explodierende Rakete verwandelte seine Besorgnis in nackte Panik.
„Wir dürfen keine Zeit verlieren!“, brüllte er, wedelte hektisch mit den Armen, sprang an die Fallen des auf der Steuerbordseite klargemachten Boots Nummer 5 und zerrte ungeschickt daran herum.
„Wegfieren! Wegfieren! Wegfieren!“, schrie er, bis der hier verantwortliche Fünfte Offizier Harold Lowe ihm in den Arm fiel.
„Weg da, Sie Idiot!“, fuhr er den außer Kontrolle geratenen Mann an.
„Wissen Sie, wer ich bin?“, herrschte Ismay den jungen Offizier an. Lowe wusste es im Durcheinander der Rettungsbemühungen entweder wirklich nicht oder er ignorierte es schlicht.
„Sie sind ein Passagier! Und ich bin, verdammt nochmal, Offizier dieses Schiffes!“, donnerte er den aufgelösten Ismay an. „Und jetzt tun Sie, was man Ihnen sagt!“
Damit drehte er sich zu den schockierten Matrosen um, die wie zu Statuen erstarrt an den Fallen standen.
„Ruhig bleiben, Männer!“, beruhigte er sie. „Gebt auf die Fallen acht!“
Ismay kam wie aus einem bösen Traum zurück.
„Ja, ganz recht. Entschuldigung“, flüsterte er resigniert.
Auf der Backbordseite lotste Charles Lightoller weitere Frauen und Kinder in die Boote, für die er verantwortlich war.
„Steigen Sie ein!“, rief er. Molly Brown nahm sich die Freiheit, Lightoller in seinem Bemühen zu unterstützen, eine ordnungsgemäße Evakuierung durchzuführen.
„Komm schon, Kleines, du hast den Mann gehört! Rein ins Boot!“, forderte sie eine zögernde junge Frau auf, in das Boot Nummer 6 einzusteigen. Nach weiterem Zögern und tatkräftiger Hilfe von Mrs. Brown tat sie das endlich. Hinter Molly erschien Cal Hockley.
„Ist hier auch Platz für einen Gentleman, Gentlemen?“, säuselte er. Joseph Boxhall, der Vierte Offizier, nahm sich zwischen zwei Raketen Zeit, bei Lightollers Booten auszuhelfen. Er bremste Hockley mit ausgefahrenem linkem Arm.
„Im Moment nur Frauen und Kinder, Sir!“, sagte er bestimmt. Hockley zog sich mit eingefrorenem Lächeln zurück, während Matrose Fleet Molly beim Einbooten assistierte.
Ganz in der Nähe arbeitete Daniel Marvin wieder mit seiner Kamera und tat so, als ob die reale Notsituation ein Spielfilm war, bei dem er Regie führte. Er ließ seine Hauptdarstellerin Mary vor den Booten posieren und gab ihr Regieanweisungen:
„Du hast Angst, Liebling. Todesangst, das ist es!“
Mary musste das in diesem Augenblick nicht einmal spielen. Sie hatte Angst – und zwar richtig!
Etwas entfernt lenkte Lightoller die Aufmerksamkeit der Bootspassagiere auf Frederick Fleet im Boot Nummer 6.
„Dieser Mann wird sich um Sie kümmern!“, rief er.
Rose stand hinter ihrer Mutter und Cal und sah mit leerem Blick, dass sich Ehemänner von ihren Frauen und Kindern verabschiedeten, die in die Boote gingen. Liebende wurden ebenso getrennt wie Freunde. Es waren herzzerreißende Szenen, die sich abspielten, doch an Rose prallten sie im Moment geradezu ab – bis sich Ruth zu Wort meldete:
„Sind die Rettungsboote nach Klassen unterteilt?“, fragte sie in derart hochnäsigem Ton, dass nicht nur Rose aus ihrer Erstarrung erwachte. Selbst Cal, sonst Klassenbewusstsein und Hochmut gegenüber weniger Begüterten in Person, warf ihr einen indignierten Blick zu.
„Ich hoffe nur, dass sie nicht zu voll sind“, setzte Ruth ihrer unglaublichen Arroganz und Ignoranz der Situation die Krone auf.
„Mutter, halt den Mund!“, platzte Rose der Kragen. Es fehlte nicht viel und sie hätte ihrer Mutter eine Ohrfeige verpasst. Ruth blieb glatt der Mund offen stehen, als Rose sie derart anfuhr.
„Begreifst du denn nicht?“, fuhr das Mädchen zorngeladen fort. „Das Wasser ist eisig kalt und es gibt nicht genug Boote! Nicht mal annähernd! Die Hälfte der Menschen hier an Bord wird ertrinken!“
„Nicht die bessere Hälfte“, bemerkte Cal bissig. Molly Brown sah sich genötigt, pragmatisch einzugreifen, um weitere Verzögerungen durch unnütze Diskussionen zu vermeiden.
„Los, kommen Sie rein ins Boot! Die Erste Klasse befindet sich hier!“, rief sie und winkte Ruth an ihre Seite auf der Ducht*. Übervorsichtig stieg Ruth ein, Molly half ihr dabei. Cal rückte näher an Rose.
„Dummerweise habe ich die Zeichnung nicht dabei. Die wäre morgen früh eine Menge wert“, giftete er. Rose wurde in Bruchteilen von Sekunden klar, was das bedeutete: Jack gehörte zu den Passagieren Dritter Klasse! Bei den zweifellos zu geringen Rettungsmöglichkeiten hatte er unter normalen Umständen schon nur geringste Chancen zu überleben. Die Rakete, die über dem Schiff explodierte und ihr Gesicht erleuchtete, war gleichzeitig so etwas wie der sichtbare Geistesblitz der jungen Frau. Ihr kam umgehend der Verdacht, dass Cal irgendwie dafür gesorgt hatte, dass Jack gewiss nicht unter denen war, die diese Nacht überleben würden …
„Du unbeschreiblicher Bastard!“, fauchte sie. Cal wandte sich ab und reichte Ruth die Rettungsweste hinunter.
„Komm schon, Schatz!“, rief Molly an Rose gewandt. „Hier ist jede Menge Platz für dich!“
„Kommen Sie bitte hier entlang!“, rief einer der Offiziere von hinten. Rose sah Cal starr vor Wut an und reagierte nicht auf Molly.
„Komm schon, Rose! Du bist die nächste, Kleines!“, forderte Molly sie auf. Doch Rose trat einen Schritt zurück.
„Komm bitte ins Boot, Rose“, verlieh Ruth der Aufforderung der mütterlichen Freundin Molly Nachdruck.
„Komm schon!“, schaltete auch Cal sich ein. Bei Rose bewirkte dies nun nur noch Trotz. Sie schüttelte leicht den Kopf.
„Rose!“, rief Ruth, nun schon schärfer. „Steig in das Boot!“, befahl sie. Keine Reaktion.
„Rose?“, fragte Ruth, nun verwirrt.
„Lebe wohl, Mutter“, sagte Rose schlicht, wandte sich ab und ging zum Zugang des Aufbaus.
„Rose! Rose!“, schrie Ruth verzweifelt hinter ihrem trotzigen Kind her. Cal handelte und rannte hinter ihr her, bekam sie am Arm zu fassen und riss sie grob herum.
„Komm auf der Stelle zurück!“, hörte Rose ihre Mutter aus einigen Yards Entfernung schreien.
„Wo willst du hin?“, herrschte Cal sie an. „Zu ihm?“, schrie er. Rose versuchte, sich aus seinem harten Griff zu befreien, es wollte nicht gelingen.
„Um … um die Hure einer Kanalratte zu werden?“, keifte er schrill.
„Uunnd abfieren!“, befahl einer der Offiziere etwas entfernt.
„Nein! Warten Sie!“, schrie Ruth.
„Lieber bin ich seine Hure als deine Frau!“, versetzte Rose eisig. Sie wollte Cal ihren Arm entziehen und drehte sich um, aber er hielt sie eisern fest und riss sie wieder herum.
„Nein!“, schrie er. Sie wehrte sich nun aus Leibeskräften, rangelte heftig mit ihm.
„Ich sagte: Nein!“, brüllte Cal, doch sie ließ sich nicht wieder disziplinieren. Rose erntete die Früchte aus Jacks Lehrstunde in Sachen Weitspucken und spie Cal eine mächtige Ladung ins Gesicht. Erschrocken ließ er sie los und wischte sich entsetzt das Gesicht ab. Rose war schneller weg, als er darauf reagieren konnte.
„Rose! Bleib hier!“
Ruths Schreien blieb erfolglos.
„Und abfieren!“
„Rose! Rose!“, rief die verzweifelte Mutter.
„Abfieren!“, rief der Offizier am Boot Nummer 6.
„Nein!“, schrie Ruth. „Warten Sie! Rose!“
„Lassen Sie’s, Ruth. Sie kommt schon zurecht“, bremste Molly Ruths Versuche, Rose zur Rückkehr zu bewegen. Ruth gab auf und das Boot wurde zu Wasser gelassen.
Cal gab nicht so leicht auf. Nachdem er den ersten Schock überwunden hatte, drängte er sich durch die Leute zum Zugang der Ersten Klasse. Rose, die ihr Heil in der Flucht durch die Menge gesucht hatte, sah sich um und bemerkte, dass Cal ihr mit wachsender Wut folgte. Atemlos wandte sie sich an zwei in ihrer Gestalt Vertrauen erweckende Männer:
„Dieser Mann da wollte mir in der Menge Gewalt antun!“, keuchte sie. Empört wandten sie sich Cal zu, griffen ihn, aber sie bekamen ihn nicht unter Kontrolle. Er riss sich los und stürzte hinter Rose her in den Eingang der Ersten Klasse, doch er verfing sich in einer Menschenmenge, die die Treppe heraufkam und ihm nicht Platz machen konnte. Rücksichtslos schubste er zur Seite, wer sich nicht freiwillig aus seinem Weg rettete. Als er sich endlich die Treppe hinunter hindurchgearbeitet hatte, fand er sich im Foyer des A-Decks wieder und sah sich um.
Rose war fort.
Kapitel 21
Rettungsaktion
Das Boot Nummer 6, in dem Ruth DeWitt Bukater und auch Margaret „Molly“ Brown saßen, war heil gewassert. Die haushoch über dem Boot aufragende Masse der Titanic wirkte geradezu bedrohlich gegenüber dem winzigen Boot. Quartermaster Hitchins, der zum Zeitpunkt der Kollision Rudergänger gewesen war, saß an der Pinne* und wollte nichts als ganz schnell weg von dem todwunden Riesen. Doch zu seinem Pech hatten die beiden Matrosen, die ihm zugeteilt waren, vom Pullen* so viel Ahnung wie ein Riesenkraken vom Orgelspiel.
„Los, weitermachen!“, befahl Hitchins. „Weg vom Schiff! Pullt!“
Molly schüttelte entsetzt den Kopf.
„Habt ihr noch nie gepullt, Jungs?“, prustete sie. „Los, gebt mir einen von den Riemen*. Ich zeig’ euch, wie’s geht!“
Resolut stieg sie über Ruth hinweg, schob sie einen der Matrosen beiseite und zeigte ihnen ihr Handwerk.
Während einer der Offiziere seine Leute dazu aufforderte, ein Boot langsam abzufieren, bemerkte Jack im Büro des Bootsmanns, dass das Bullauge bereits komplett unter Wasser war. Der verdammte Kerl von Leibwächter wollte ihn tatsächlich einfach absaufen lassen!
„Hilfe!“, schrie er. „Kann mich irgendjemand hören? Haalloo!“
Er trommelte mit den Handschellen gegen das Rohr in der Hoffnung, dass es entweder jemand auf diesem Deck hörte oder dass die Rohrleitung den Ruf weit genug transportierte, um jemanden zu alarmieren.
„Hilfe!“, brüllte er.
Vom Bug her drang das Wasser rasch zu den Mannschaftsunterkünften vor. Es rauschte voran wie ein ewig ausgedörrter Fluss nach der Schneeschmelze, murmelnd und bedrohlich. Es war zu leise als dass der angekettete Jack es hören konnte.
„Hört mich denn niemand?“, schrie er verzweifelt.
Das F-Deck war im Bereich der Mannschaftsunterkünfte bereits vollgelaufen. Das Wasser strömte aus dem Niedergang in das E-Deck und vereinigte sich mit dem von weiter vorn kommenden Fluss, lief weiter auf das Büro des Bootsmanns zu.
„Kann mir jemand helfen? Hilfe!“
Einige Decks höher suchte Rose kaum weniger verzweifelt Hilfe und erhoffte sie sich von Thomas Andrews. Sie fahndete nach dem Konstrukteur in den Korridoren der Ersten Klasse.
„Mr. Andrews!“, rief sie.
Der Gesuchte kümmerte sich selbst darum, dass die Passagiere gewarnt und an Deck geholt wurden.
„Steward, überprüfen Sie den Steuerbordkorridor!“, wies er einen der Stewards an.
„Jawohl, Mr. Andrews“, bestätigte der Steward und verschwand um die Ecke.
„Madame, legen Sie bitte die Rettungsweste an und begeben Sie sich an Deck“, forderte Andrews eine Dame auf, die gerade aus ihrer Kabine getreten war. Sie sah ihn verwirrt an, weil ihr die Rettungsweste über dem Anzug des Ingenieurs fehl am Platze erschien. Er drehte sich um und sah das Zimmermädchen Lucy kommen – in Dienstkleidung, ohne Schwimmweste.
„Lucy, um Gottes Willen!“, entfuhr es Andrews. „Leg’ bitte deine Rettungsweste an und sei ein gutes Beispiel!“, forderte er sie ebenso dringend wie freundlich auf und klopfte ihr aufmunternd auf die Wange.
„Ja, Sir!“, bestätigte Lucy. Andrews wandte sich der nächsten geschlossenen Kabinentür zu und öffnete sie.
„Ist hier noch jemand drin?“, rief er. Aus der Kabine kam keine Antwort, dafür hört er draußen seinen Namen rufen:
„Mr. Andrews!“
Thomas Andrews kam auf den Korridor zurück.
„Mr. Andrews! Gott sei Dank!“, schnaufte Rose, als sie ihn endlich sah. „Wo würde der Bootsmann jemanden hinbringen, der unter Arrest steht?“, fragte sie. Andrews sah sie verwirrt an.
„Was sagen Sie?“, entfuhr es ihm. „Sie müssen sofort in eins der Rettungsboote!“, mahnte er.
„Ich werde das mit oder ohne Ihre Hilfe rausfinden“ versetzte sie. „Aber ohne Ihre Hilfe dauert’s länger.“
Andrews bemerkte ihre Entschlossenheit, obwohl aus ihren Augen die schiere Panik schaute. Er atmete einmal durch.
„Nehmen Sie den Fahrstuhl und fahren Sie ganz nach unten. Gehen Sie dann nach links“, sagte er.
„Nach links“, wiederholte Rose, um sich den Weg einzuprägen.
„Gehen Sie in den Trakt der Mannschaftsunterkünfte. Am Ende gehen Sie rechts und bei der Treppe noch einmal links. Dann kommen Sie zu einem langen Korridor.“
Unten im E-Deck wurde es Jack immer mulmiger zumute.
„Das könnte ziemlich böse ausgehen“, brummte er. Noch immer hing er an dem Rohr fest. Ein leises Geräusch ließ ihn hinter sich schauen. Zu seinem blanken Entsetzen sah er, dass Wasser unter der geschlossenen Tür in das Büro einfloss.
„Scheiße!“, entfuhr es ihm drastisch. Er hatte keine Lust, nasse Füße zu bekommen, geschweige denn, zu ertrinken. Mit dem linken Fuß konnte er den Schreibtisch erwischen und daran etwas höher kommen. Dann stemmte er beide Füße gegen die Bordwand, klammerte sich an dem Rohr fest und mühte sich ebenso verzweifelt wie vergeblich, die Rohrkonstruktion auseinanderzureißen, um sich zu befreien.
Oben im Deck der Ersten Klasse rannte Rose über das Treppenhaus zu den Fahrstühlen. Der Fahrstuhlpage wies gerade ein älteres Paar ab:
„Die Fahrstühle sind außer Betrieb.“
Er sah Rose herannahen und hob abwehrend die Hand.
„Wie ich schon sagte: Die Fahr…“
Rose rannte glatt in ihn hinein.
„Es tut mir Leid, Miss, aber die Fahrstühle sind außer Betrieb“, versuchte er sie zu bremsen. Rose riss der letzte Geduldsfaden. Sie packte den Fahrstuhlpagen und schubste ihn grob in die Kabine hinein. Ihre Wut und ihre Angst um Jack verliehen ihr ungeahnte Kräfte.
„Ich hab’ es satt! Genug der Höflichkeiten!“, schnauzte sie den erschrockenen Pagen an. „Fahr’n Sie jetzt nach unten! E-Deck!“, befahl sie in einem Ton, der keinerlei Widerspruch duldete. Völlig verdattert drehte er die Bedienungskurbel auf das unterste für den Fahrstuhl zugängliche Deck, das E-Deck.
Draußen auf dem dunklen, kalten Atlantik pullten Molly und die beiden Matrosen aus Leibeskräften, hatten das Boot etwa hundert Fuß von der Bordwand entfernt. Es schien wie nichts angesichts der immer noch schieren Größe des sterbenden Riesen, auch wenn die Bugreling nur noch knapp zehn Fuß von der Wasseroberfläche entfernt war. Alle im Boot hatten das Gefühl, kaum von der Stelle zu kommen.
„Kommt, Mädels, macht mit!“, forderte Molly die anderen Frauen im Boot auf. „Das hält euch warm!“
Ruth schaute unverwandt auf das mit voller Beleuchtung stahlende, langsam sinkende Schiff.
Jack war inzwischen nicht untätig, was seine Freiheit und sein Leben betraf. Er zerrte an den Handschellen, versuchte, die Hand so schmal zusammenzufalten, dass sie durch die Öffnung rutschte.
„Komm! Komm! Komm!“, bettelte er. Vergeblich. Er bekam die Hand nicht schmal genug. Das Wasser stieg immer höher.
Der Fahrstuhl fuhr rasch nach unten. Als er den Boden des D-Decks passierte, wurde es plötzlich heller, dann setzte die nur durch Gittertüren gesicherte Kabine im E-Deck in knietiefem, eiskaltem Wasser auf. Durch die offenen Türen strömte Wasser wie von einem Wasserfall herein. Rose und der Page prallten erschrocken zurück.
„Oh! Oh, du lieber Gott!“, keuchte der Page. „Wir fahr’n wieder nach oben!“
„Nein!“, protestierte Rose. „Nein! Nein!“
Mit aller Gewalt riss sie die inneren und äußeren Gittertüren auf und sprang hinaus.
„Kommen Sie zurück!“, schrie der Page. „Ich fahr wieder zurück!“, drohte er. Rose interessierte es nicht.
„Ich fahr’ wieder zurück!“, brüllte er und schob den Fahrregler wieder auf ein höheres Stockwerk. Der Fahrstuhl hob ab, ein Schwall Wasser floss auf der aufsteigenden Kabine. Während der Wasserfall hinter ihr dünner wurde, je weiter der Fahrstuhl sich vom E-Deck entfernte, suchte ihr Blick nach den Mannschaftsunterkünften. Sie wandte sich nach links, wie Andrews ihr gesagt hatte.
„Mannschaftsunterkünfte …“, murmelte sie. Sie watete weiter und sah nach oben. Über dem Durchgang im Flur befand sich ein Messingschild mit der Aufschrift CREW ONLY. Normalerweise war dieser Durchgang durch eine Gittertür verschlossen, jetzt stand sie zum Glück offen. Rose watete hindurch. Wie Thomas Andrews es ihr beschrieben hatte, mündete der Gang auf einen weiteren.
„Jack!“, schrie sie und hoffte, dass er sich bemerkbar machen würde. „Jack!“
Jack stand inzwischen knöcheltief im Wasser, das auch nicht mehr so sauber war wie anfangs. Es war eine undurchsichtige braune Brühe, die um seine Füße schwappte. Er stieg auf den Schreibtisch, um aus dem Wasser zu kommen.
Rose war an der von Andrews beschriebenen Treppe, arbeitete sich durch dahintreibende Möbelstücke stand nun in dem langen Korridor, den er bezeichnet hatte. Wo, verdammt noch mal, war das Büro des Bootsmanns?
„Jack!“, schrie sie erneut. Sie ging vorwärts in der Richtung, in der sie das Büro vermutete. Das Licht ging fast aus, kam aber gleich wieder.
„Jack!“
Jack horchte auf. Das war doch …
„Jack! Jack!“
Das war eindeutig Rose, erkannte er.
„Rose!“, brüllte er. Sie hörte draußen auf dem Flur seine Stimme. Der Ruf kam aus der anderen Richtung. Sie blieb stehen und drehte sich um.
„Jack!“, schrie sie.
„Rose, ich bin hier!“, rief er und rasselte mit den Handschellen am Rohr, um ihr die Richtung zu zeigen.
„Jack!“, schrie sie erneut und eilte in die andere Richtung, so schnell das bei dem höher steigenden, eisigen Wasser und dem Treibgut aus Möbeln und zurückgelassenem Gepäck möglich war. Sie war froh, dass seine Rufe aus dem Teil des Korridors kamen, der noch nicht so tief im Wasser war.
„Ich bin hier!“, tönte es. Wieder klang es etwas näher. Sie war auf der richtigen Spur.
„Jack!“, rief sie.
„Ich bin hier drin!“, schrie er. Das war wieder weiter weg. Sie kehrte um und öffnete die nächste Tür.
Die Tür öffnete sich und Rose watete herein.
„Rose!“, rief er, nun einen Hoffnungsschimmer erkennend.
Ihre Erleichterung, ihn doch noch rechtzeitig gefunden zu haben, war ungeheuer.
„Jack! Jack!“, schrie sie und strebte eilig zu ihm hin, die herumtreibenden Möbel entschlossen zur Seite schiebend. „Jack, es tut mir Leid. Es tut mir Leid!“, japste sie und fiel ihm um den Hals, presste ihn an sich, als wollte sie ihn nie wieder loslassen.
„Es tut mir so Leid!“
Sie küssten sich voller Leidenschaft und Wiedersehensfreude.
„Dieser Lovejoy hat mir das untergejubelt!“, sagt er, als sie sich kurz voneinander lösten.
„Ich weiß! Ich weiß, ich weiß!“, stotterte sie hastig.
„Hör zu, Rose: Du musst den Ersatzschlüssel finden, okay?“, holte er sie in die bedrohliche Situation zurück.
„In Ordnung“, erwiderte sie, einigermaßen konzentriert.
„Sieh … sieh mal in dem Schrank nach“, sagte er und wies auf einen verglasten Schlüsselschrank. „Es muss so’n kleiner silberner sein“, setzte er hinzu. Sie arbeitete sich durch die Wassermassen und treibende Möbel zum Schrank und öffnete ihn.
„Silber …“, murmelte sie, „Silber …“
Hektisch suchte sie die ordentlich aufgehängten Schlüssel durch Kein silberner war darunter.
„Die hier sind alle aus Messing“, keuchte sie hysterisch. Jack hob den linken Fuß und wies auf den Schreibtisch direkt hinter sich, an dem Lovejoy gesessen hatte.
„Dann sieh mal da nach“, forderte er Rose auf. Sie nahm die oberste Schreibtischschublade einfach heraus und durchsuchte sie, als sie sie im Arm hatte.
„Rose?“
Sie drehte sich zu ihm um.
„Wie hast du herausgefunden, dass ich es nicht war?“, fragte er.
„Gar nicht“, erwiderte sie. „Ich hab’ gewusst, dass du’s nicht gewesen sein konntest.“
Sie lächelte ihn an und vergaß, zu suchen.
„Such’ weiter!“, ermahnte er sie. Während sie nach dem Schlüssel fahndete, schaute er besorgt zum Bullauge. Dort platschte gerade ein Boot ins Wasser, aus Jacks Perspektive war der Boden des Boots zu sehen.
Die Bugreling, an der Jack und Rose kaum sechs Stunden zuvor noch unendliches Glück erfahren hatten, sank unter die Meeresoberfläche.
Sir Cosmo und Lady Lucile Duff Gordon saßen in einem Boot, das gerade abgefiert wurde. Außer ihnen waren noch zehn weitere Personen darin – es hätte für mehr als die vierfache Anzahl von Passagieren Platz geboten.
„Ich hasse kleine Boote!“, entfuhr es Lucile, als es hart auf der Wasseroberfläche aufsetzte. „Ich weiß, ich werde gleich seekrank. In kleinen Booten werde ich immer seekrank.“
Ihr Blick fiel auf eines der erleuchteten Bullaugen, die bereits unter Wasser waren.
„Gütiger Himmel! Da unten ist noch ein Mann!“, rief sie, als sie Jack sah.
„Kein Schlüssel!“, jammerte Rose verzweifelt. „Hier ist kein Schlüssel!“
„Okay, Rose, hör zu: Geh los und hol’ irgendwo Hilfe“, sagte Jack eindringlich und so ruhig wie möglich. Sie durfte auf keinen Fall in Panik geraten, sonst fand er sich samt dem Schiff auf dem Meeresgrund wieder. „Es wird alles gut“, setzte er hinzu. Sie wühlte sich wieder zu ihm durch und küsste ihn erneut heftig.
„Ich bin gleich wieder da!“, versprach sie und verließ das Bootsmannsbüro.
„Ich warte solange hier!“, rief Jack hinter ihr her, als sie aus dem Raum fort war.
Rose arbeitete sich zum Niedergang des D-Decks und stieg die steile Treppe hinauf. Der Strom schwankte erneut, es wurde kurz dunkel, dann leuchtete das Licht wieder. Das Deck wirkte verlassen.
„Hallo! Ist hier irgendjemand?“, schrie sie, der Panik nahe und rannte den Gang entlang. „Hallo! Ist hier unten irgendjemand? Wir brauchen Hilfe!“
Sie lief weiter und musste sich in dem unübersichtlichen Ganggewirr bemühen, nicht zu vergessen, woher sie gekommen war.
„Hallo?“
Keine Antwort. Sie blieb stehen.
„Verdammt!“, entfuhr es ihr wenig damenhaft.
„Kann mir irgendjemand helfen, bitte?“, schrie sie und rannte weiter.
„Hallo! Hallo!“
Eilige Schritte hinter ihr ließen sie sich umdrehen. Um die Ecke kam ein Mann gerannt.
„Oh, Gott sei Dank!“, entfuhr es ihr erleichtert. „Warten Sie bitte! Ich brauche Hilfe!“, sprach sie den Mann an. Er blieb nicht stehen. Völlig aufgelöst und panisch drängte er sie beiseite.
„Njet! Njet!“, schrie er und stob davon.
„Wa… warten Sie!“, schrie Rose, aber der Russe war weg. Resigniert ließ sie die Schultern sinken.
„Hallo?“, versuchte sie es erneut, aber vor lauter Verzweiflung kam nur noch ein leises Flehen aus ihrem Mund. Der Strom blieb erneut fast völlig weg. Rose blieb stehen. Ein unheimliches, hohl knarrendes Geräusch verriet, wie massiv die Wassermassen die Hülle bereits belasteten. Es klang, als ob Davy Jones gähnte und sich streckte, bevor er das Schiff endgültig in die Tiefe zog.
Rose lehnte sich erschöpft vor Verzweiflung und aufkommender Panik an die Wand. Was sollte sie tun? Wieder näherten sich eilige Schritte aus dem Quergang. Als sie erkannte, dass es einer der Stewards war, erwachte neue Hoffnung in ihr.
„Oh, Miss, Sie sollten nicht mehr hier unten sein!“, rief er sie an, als er den Gang entlang stürmte, unter dem linken Arm einen Packen Rettungswesten.
„Ich brauche Ihre Hilfe!“, rief Rose. Er packte sie am Arm und zerrte sie mit sich.
„Kommen Sie mit!“, rief er.
„Unten ist noch jemand, der dringend Hilfe braucht!“, schrie sie, aber er ließ sie nicht los und riss sie weiter mit sich.
„Kommen Sie! Kommen Sie! Wir müssen uns beeilen!“, befahl er hektisch.
„Bitte! Ich brauche Ihre Hilfe!“, bremste Rose und versuchte vergeblich, ihn in die andere Richtung zu ziehen.
„Es besteht kein Grund zur Panik! Es ist alles in Ordnung!“, keuchte er, aber seine verdrehten Augen bewiesen, dass er selbst in völlige Panik geraten war.
„Sie laufen in die falsche Richtung!“, fuhr Rose ihn an, doch sie konnte ihn nicht stoppen. Einen guten Kopf größer als sie und um einiges schwerer, hatte er einfach zu viel Kraft, um sich von ihr aufhalten zu lassen.
„Lassen Sie mich los und hör’n Sie mir zu!“, donnerte sie schließlich, stemmte sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen sein Ziehen und konnte sich von ihm losreißen. Um endlich seine Aufmerksamkeit zu bekommen, versetzte sie ihm einen wuchtigen Faustschlag auf die Nase, die den Mann rückwärts an die nächste Querwand warf. Erschrocken und auch vom Schmerz geschockt, hielt er sich die Nase, sah an den Spuren in seiner Hand, dass die Nase blutete. Der Blick, den er Rose zuwarf, hätte töten können.
„Zur Hölle mit Ihnen!“, knurrte er und verschwand.
„Wir sehen uns dort!“, schrie sie ihm hinterher und lehnte sich wieder völlig fertig an die Wand. Dann sah sie unter den halb geschlossenen Lidern wieder einen leisen Hoffnungsschimmer: Einen Löschschlauch mit einer metallenen Spritze. Kurz entschlossen schnappte sie sich den Schlauch, rollte ihn einige Umdrehungen ab, bis die Länge ausreichte, um eine hinter Glas gesicherte Feueraxt zu erreichen. Mit dem metallenen Schlauchende schlug sie die Scheibe ein und rannte mit ihrer Beute zum Niedergang zum E-Deck.
Der Bug der Titanic war inzwischen so weit unter die Wasseroberfläche gesunken, dass das Wasser schon über die Bordwand auf das Welldeck strömte.
„Rettungsboot Sechs fertig!“, tönte eine Stimme über die langsam versinkenden Aufbauten. Oben auf der Brücke stand Captain Smith und konnte nur hilflos zusehen, wie sein Schiff immer tiefer ins Wasser tauchte. Ein heller Schein über ihm erleuchtete die Nacht, als der Vierte Offizier Boxhall erneut eine Rakete abschoss, die über dem Schiff explodierte.
‚In den Ruhestand mit einem Feuerwerk! Na, E. J.?‘, hallte Ismays freundliche Überredung in seinem Inneren nach. Oh ja, es gab ein Feuerwerk – allerdings nicht das, was Ismay ihm avisiert hatte. An Notrufe per Rakete hatte der Reedereivorstand dabei sicher nicht gedacht …
Rose erreichte den richtigen Niedergang und erstarrte: Das Wasser stand fast bis zur Decke des darunter liegenden Decks! Sie stieg hinunter und nahm wahr, dass die Oberfläche etwa in Höhe des Hinweisschildes für den Niedergang war. Sie lehnte sich nach vorn, bis sie das Gitter unter dem Türsturz erreichen konnte, hielt sich am Gitter fest und peilte die Lage im E-Deck. Nach rechts, in Richtung Bug, war das Deck schon mannstief unter Wasser, nach links, in Richtung Bootsmannsbüro, war die Lage noch nicht ganz so übel, aber sie verschlimmerte sich. Die Funken sprühende Elektroleitung rechts gab Anlass zu größter Besorgnis. Rose hakte die Axt im Gitter ein, zog ihren Mantel aus, den sie an der Treppe zurückließ, nahm die Axt wieder in die Hand und ließ sich ins Wasser hinunter. Die Kälte raubte ihr den Atem. Um nicht ganz unterzugehen, hangelte sie sich an Rohren entlang, die unter der Decke befestigt waren. So sehr sie auch innerlich geflucht hatte, dass die Rohre zu stabil waren, als dass Jack sich selbst hätte befreien können, so froh war sie jetzt über die stabile Konstruktion, die sie problemlos trug. Schließlich erreichte sie den Boden, ohne den Hals unter Wasser zu bekommen und ließ die Rohrleitungen wieder los, watete durch brusthohes Wasser mühsam in das Büro.
„Jack!“, rief sie und stieß die Tür mit der Axt beiseite und arbeitete sich durch die treibenden Möbelstücke den Weg zu ihm.
„Rose!“
Seine Erleichterung, dass sie zurück war, war unüberhörbar.
„Wird es hiermit gehen?“, fragte sie und hob die Axt. Es war ein massiver Kopf, der dazu dienen sollte, im Notfall Kabinentüren zu zerschlagen. An der richtigen Stelle und mit der richtigen Wucht getroffen, sollte diese Axt die Kette sprengen können.
„Das werden wir gleich sehen“, erwiderte er. Rose hob die Axt, und Jack erkannte, dass sie damit nicht die Spur von Übung hatte.
„Warte! Warte! Warte!“, bremste er sie. „Mach erst ein paar Probeschläge da hinten!“, wies er sie an und zeigte mit dem Kinn auf den Schrank. Sie holte aus und drosch die Schneide in den Schrank, was ein Loch darin hinterließ.
„Gut. Und jetzt versuch’, die gleiche Stelle nochmal zu treffen. Du kannst es!“
Sie holte erneut ungeschickt aus, schlug zu – und die Axt traf eine ganz andere Stelle. Jack überlegte nicht lange. Mit zwei vorhandenen Händen angekettet ganz sicher ertrinken oder vielleicht mit einer fehlenden Hand frei sein und überleben – da fiel die Wahl dann doch auf vielleicht.
„Okay, das sollte als Übung reichen“, sagte er. „Komm her, Rose. Du schaffst es!“, sprach er ihr Mut zu. „Hör zu: Schlag einfach ganz schnell zu und so fest du kannst.“
Sie nickte zitternd vor Kälte und Aufregung, holte aus. Jack bemerkte, dass sie keine Kontrolle über die Axt hatte.
„Augenblick!“, hielt er sie wieder auf. „Greif etwas weiter auseinander!“
Sie nahm die linke Hand deutlich höher an den Stiel.
„So etwa?“
„Genau. Hör zu, Rose: Ich vertraue dir“, sagte er und spannte die Kette über dem Rohr, die Hände so weit wie möglich auseinanderziehend. „Los!“
Sie schlug zu und traf die Kette an der richtigen Stelle. Das getroffene Kettenglied brach und Jack war frei.
„Du hast es geschafft!“, jubelte er und fiel ihr um den Hals. „Raus hier!“, rief er dann und ließ sich ins das eiskalte Wasser hinunter. „Ooaaahh! Scheiße, ist das kalt!“, keuchte er. „Scheiße! Scheiße!“, fluchte er, während sie sich den Weg zur Tür bahnten.
Als sie auf dem Flur waren, blubberte es bei dem Niedergang, den Rose benutzt hatte, nur noch. Dort stand das Wasser schon zu hoch, um zu entkommen.
„Da vorn ist der Ausgang!“, entfuhr es ihr. War das etwa alles doch umsonst gewesen? Jack sah sich um. Zur anderen Seite hin war das Wasser noch deutlich niedriger.
„Wir müssen einen anderen Weg finden! Komm!“, rief er und zog sie mit sich in der anderen Richtung.
Kapitel 22
Ausweg gesucht
Langsam, gleichmäßig und unerbittlich sank die Titanic über den Bug. Die stille Langsamkeit des Todeskampfes des durch sechs eher kleine Risse im Rumpf tödlich verwundeten Riesen stand in krassem Gegensatz zu dem nun zunehmenden Chaos auf dem Bootsdeck, dem wachsenden Stress der Offiziere und Matrosen und der Angst der in den bereits ausgesetzten Booten frierenden Frauen und Kindern, die um das Leben ihrer Männer, Väter und Brüder bangten.
Schreie hallten durch die Nacht. Offiziere befahlen das Abfieren des nächsten Bootes, Frauen schrien nach ihren Kindern oder ihren Männern. Das Orchester an Deck spielte in diesem Moment die Barcarole von Jacques Offenbach. Man konnte sich darüber streiten, ob dies vom ursprünglichen Sinn – der musikalischen Darstellung des sanften Wiegens einer venezianischen Gondel bei einer romantischen Fahrt durch die Kanäle Venedigs – der Situation eines sinkenden Schiffes, die mindestens die Hälfte seiner Passagiere das Leben kosten würde, tatsächlich angemessen war. Das Stück hatte auch nicht mehr die Wirkung, die sich Wallace Hartley erhofft hatte: dass es beruhigend wirkte.
Das gesamte Vorschiff war bereits über das D-Deck hinaus unter Wasser. Die schon ausgesetzten Boote wurden so weit wie möglich von dem sinkenden Schiff fortbewegt. Im Boot Nummer 6 saßen Molly Brown und Ruth DeWitt Bukater nebeneinander auf der Ducht. Beide bedienten einen der Steuerbordriemen des Rettungsbootes, das inzwischen weit genug von dem sterbenden Riesen entfernt war, um bei dessen endgültigem Versinken nicht mehr in der Gefahrenzone zu sein. Die Insassen sahen melancholisch auf das immer tiefer ins Wasser tauchende Schiff, das nach wie vor wie ein Christbaum strahlte.
„Das ist doch ein Anblick, den man nicht alle Tage hat …“, kommentierte Molly den langsam versinkenden Christbaum, der sogar noch unter Wasser leuchtete.
Erneut stieg eine Rakete in den schwarzen Nachthimmel und explodierte weit über dem Schiff. Die Titanic war trotz ihrer gewaltigen Größe ein winziger, länglicher Leuchtfleck in einem tiefschwarzen Ozean. Die Rakete wirkte aus der Entfernung wie ein aufgehender Stern, der barst und wie eine Handvoll Sternschnuppen niederging.
Auf dem Bootsdeck ging es immer hektischer zu. Am Boot Nummer 12 warf der Zweite Offizier Lightoller ein Gepäckstück über Bord, das er einem Passagier aus der Hand gerissen hatte.
„Lassen Sie das Gepäck zurück! Wir brauchen den Platz!“, befahl er. „Sind hier noch Frauen und Kinder?“
Er bekam keine direkte Antwort, aber auf dem Deck war ein ohrenbetäubendes Geschrei. Er sah, dass eine ältere Frau sich verzweifelt an ihren Ehemann klammerte, sich nicht losreißen konnte.
„Bitte Madame, wir haben keine Zeit!“, herrschte er die Frau an und riss sie kurzerhand von ihrem Mann weg.
„Nein!“, schrie sie verzweifelt. „Mein Mann! Nein!“
„Bitte, lassen Sie los!“, knurrte Lightoller. Die Wortwahl war immer noch britisch-höflich, aber die Aktion machte deutlich, dass dem Zweiten Offizier der Geduldsfaden endgültig gerissen war. Er beförderte sie ohne Feingefühl ins Boot.
„Und runter!“, befahl er. „Und hören Sie auf, zu drängeln!“, fuhr er gleich darauf die zunehmend panischen Passagiere hinter sich an.
Caledon Hockley hatte die Backbordseite ergebnislos nach Rose abgesucht. In der drängelnden Menge erkannte er seinen Butler, der auf der anderen Seite hatte suchen sollen.
„Lovejoy!“, machte er ihn auf sich aufmerksam. Spicer Lovejoy schob sich zu ihm durch.
„Auf der Steuerbordseite ist sie auch nicht“, gab er sein Fahndungsergebnis bekannt. Cal nickte.
„Wir haben keine Zeit mehr“, sagte er. „Diese aufgeblasenen Uniformträger lassen keine Männer in die Boote!“
„Auf der anderen Seite sind auch Boote, wo sie Männer aufnehmen“, erklärte Lovejoy. Hockley leistete sich ein hämisches Grinsen.
„Dann ist das … unser Fahrkarte“, sagte er. „Aber wir sollten auf Nummer Sicher gehen. Kommen Sie!“
Hockley und Lovejoy verließen das Deck und kamen an einem elegant gekleideten älteren Paar vorbei – Ida und Isidore Strauss. Ida sollte in das Boot Nummer 8 steigen, vor dem sie standen.
„Bitte, Ida, steig in das Boot“, sagte er. Sie schüttelte entschlossen den Kopf. Ihr geliebter Mann hätte nicht mitkommen dürfen. Der Zweite Offizier Lightoller, der hier für die Boote verantwortlich war, folgte streng der Regel Frauen und Kinder zuerst.
„Nein!“, widersprach sie resolut. „Wir sind vierzig Jahre zusammen – und wo du hingehst, gehe auch ich hin. Fang nicht an, mit mir zu diskutieren, Isidore, du weißt, das geht nicht gut.“
Er sah sie mit einer Mischung aus Traurigkeit und unendlicher Liebe an. Sie umarmten sich zärtlich. Ida blieb an Bord.
„Abfieren!“, befahl Lightoller. Das Boot Nummer 8 sank ohne Ida Strauss zur Meeresoberfläche.
Im E-Deck lotste einer der Stewards eine Gruppe von Passagieren auf die Scotland Road*, einen besonders breiten, vom Bug bis zum Heck durchgehenden zentralen Gang im E-Deck, zur nächsten Treppe.
„Folgen Sie mir bitte. Hier entlang. Kommen Sie!“, wies er die Passagiere an. Er bog in den Gang ein, der wenigstens die doppelte Breite aller anderen Gänge im Schiff hatte. Ein seltsames Rumoren rechts hinter einer Tür ließ ihn stocken.
„Heyjaaa!“, tönte es hinter der Tür neben dem Kasten mit den Feuerlöschhilfen, die Tür beulte sich in den Gang, dann brach sie durch und Jack Dawson stolperte auf die Scotland Road. Rose DeWitt Bukater folgte ihm auf dem Fuß. Die Passagiere, die der Steward führte, sahen sich verstört an.
„Hey, Sie da!“, fuhr der Steward Jack und Rose an. „Können Sie mir verraten, was das soll?“
Die beiden jungen Leute, die knapp dem überfluteten Mannschaftsdeck entkommen waren, kümmerten sich nicht um den Steward.
„Das werden Sie bezahlen müssen!“, fauchte der Steward hinter ihnen her, als sie sich Hand in Hand entfernten, ohne sich den Vorwürfen zu stellen. „Wissen Sie eigentlich, dass das Eigentum der White-Star-Line ist?“, brüllte er, als ob es noch etwas ausmachte, dass auf einem ohnehin dem Untergang geweihten Schiff eine Tür zu Bruch ging, weil Menschen sich befreien mussten. Die jungen Leute drehten sich kurz um, viel zu froh, der tödlichen Falle entwischt zu sein und viel zu wütend auf die Crew der Titanic, die sie einfach im Stich gelassen hatte.
„Halten Sie den Mund!“, fuhren sie ihn synchron an. Der Steward prallte erschrocken zurück. Jack und Rose setzten ihren Weg fort.
Sie kamen bald zu einem in Richtung Heck wandernden Pulk anderer Passagiere der Dritten Klasse. Die Korridore waren hier nahezu komplett durch große Familien blockiert, die ihr ganzes Gepäck bei sich hatten. Eine irische Frau sah, dass Rose und Jack nass waren, dass insbesondere Rose recht verfroren aussah. Sie gab ihr eine Decke.
„Hier, Mädchen, bedeck dich damit“, sagte sie. Rose nahm die Decke dankbar entgegen, legte sie sich um die Schultern. Jack rieb fürsorglich ihre Arme, um sie wieder aufzuwärmen. Der Mann der Irin bot ihnen seinen Flachmann mit Whisky an.
„Hier, das nimmt die Kälte“, sagte er. Rose nahm einen tiefen Zug und gab den Flachmann an Jack weiter, der sich grinsend ebenfalls einen tüchtigen Schluck genehmigte.
Auf dem weiteren Weg probierte er jede Tür und jedes Gitter, an dem sie vorbeikamen – alle waren abgeschlossen.
Oben, auf dem Bootsdeck, wurde es zwar immer hektischer, aber nicht jeder begriff, um was es hier eigentlich ging. Eine Frau, die in das Boot Nummer 10 steigen sollte, zögerte.
„Würden Sie das Boot bitte noch nicht runterlassen?“, bat sie in völliger Verkennung der Situation. „Ich muss nochmal in meine Kabine …“
Lightoller platzte endgültig der Kragen.
„Ooooohhhh!“, grunzte er, schnappte sie und beförderte sie grob ins Boot. „Sitzen!“, befahl er ihr barsch. „Sie ist die Letzte! Abfieren vorbereiten!“, wies er die Matrosen an den Davits an. Bevor sie reagieren konnten, drängte sich Thomas Andrews zu Lightoller durch.
„Mr. Lightoller! Wieso sind die Boote nicht voll besetzt?“, fuhr er den Zweiten Offizier an. Charles Lightoller war zu sehr im Stress, um jetzt auch noch Unterbrechungen oder Ermahnungen hinzunehmen.
„Nicht jetzt, Mr. Andrews!“, wehrte er gereizt ab, doch Andrews ließ sich nicht abweisen.
„Da, sehen Sie!“, wies er den Offizier auf ein gerade mal zu einem Drittel gefülltes Boot hin. „Etwa zwanzig Leute in einem Boot, das für fünfundsechzig gebaut wurde. Und ich habe ein Boot gesehen, in dem zwölf waren! Zwölf!“, donnerte Andrews. Die Bootsplätze waren sowieso viel zu knapp für alle Seelen an Bord – und dann legten sie auch noch mit einem Drittel oder gar einem knappen Fünftel der zulässigen Besetzung ab! Glaubte Lightoller eigentlich, dass die Boote an den Davits nachwuchsen???
Der zuckte eher hilflos mit den Schultern.
„Wir … waren uns unsicher wegen des Gewichts, Mr. Andrews. Die Boote könnten durchbrechen …“, erwiderte Lightoller. Andrews hätte ihn beinahe außenbords geschubst ob dieser unglaublich dämlichen Antwort, die nur eine Ausrede war.
„Blödsinn! Sie wurden in Belfast mit dem Gewicht von siebzig Personen getestet!“, fuhr er ihn wütend an. „Und jetzt machen Sie die Boote voll, Mr. Lightoller! Um Himmels Willen!“
Charles Lightoller drehte sich, wie um sich wieder unter Kontrolle zu bekommen, weil er Andrews beinahe an die Gurgel gegangen wäre, der sich nach Lightollers Ansicht in Dinge einmischte, von denen er nichts verstand. Irgendwie hatte er wohl vergessen, dass Thomas Andrews dieses Schiff und seine Rettungsmittel konstruiert hatte … Lightoller schnaufte gereizt.
„Bitte!“, stieß er hervor und breitete die Arme aus. „Noch mehr Frauen und Kinder in dieses Boot!“
Es klang, als wollte er Andrews von der Fehlerhaftigkeit seiner Anweisung überzeugen.
Auf der Steuerbordseite des E-Decks hatten einige Passagiere – darunter Fabrizio de Rossi – die Außenluke entdeckt, über die in die Dritte Klasse aus- und eingestiegen werden konnte, wenn das Schiff mit der Steuerbordseite in einem Hafen am Kai lag. Auch ein Lotse hätte hier ein- und aussteigen können. Die Passagiere öffneten die Luke, um sich dort in eines der Boote zu retten. Die Matrosen, die in der Nähe waren, griffen sofort ein. Drei oder vier warfen sich auf die offene Luke, zogen die Passagiere grob zurück.
„Kommen Sie wieder rein!“, rief einer der Matrosen. „Da geht’s nicht raus! Sie sollen wieder reinkommen!“
Fabrizio und mehrere andere wurden von den Matrosen nach innen abgedrängt.
Am Kopf der Haupttreppe des E-Decks zum D-Deck war das Gitter abgeschlossen, das auf ausdrücklichen Wunsch der amerikanischen Immigrationsbehörde die Dritte Klasse von der Zweiten Klasse trennte. Zwei Stewards, die in der Zweiten Klasse bedienten – kenntlich an ihrer der dunklen Uniform – drei der Dritter-Klasse-Stewards mit weißer Stehkragenjacke und ein Matrose, der sich mit einer Feuerschutzaxt bewaffnet hatte, standen im Gang des D-Decks, als wollten sie das Tor gegen eingedrungene Piraten verteidigen.
Tommy Ryan drängte sich nach vorn durch.
„Ihr könnt uns doch hier nicht wie Tiere einsperren!“, fuhr er die Stewards an. „Das Schiff wird, verdammt nochmal, sinken!“, erinnerte er.
„Lassen Sie die Frauen und Kinder nach vorne!“, wies der mittlere Steward in weißer Jacke die Passagiere an, die sich hinter dem Gitte auf der Treppe drängten. Tatsächlich standen vorn fast nur Männer. Eine Frau kam nach vorne.
„Na los! Schließen Sie auf!“, befahl er einem Steward in dunkler Uniform an, der auch sogleich den Schlüssel zog und die Gittertür öffnete.
„Frauen und Kinder zuerst!“, rief der weißbejackte Steward. Die Tür war einen Spalt offen, als die Frau schon hindurch schlüpfte. Hinter ihr schloss sich die Menge der Männer wieder, die sofort nachdrängten – sei es, dass sie nicht genug Englisch verstanden, um zu begreifen, dass sie die Frauen und Kinder vorlassen sollten; sei es, dass die Männer ihre Frauen schlicht beschützen wollten; sei es, dass sie selbst solche Todesangst hatten, dass sie zuerst ihr eigenes Leben gerettet wissen wollten.
„Nur die Frauen und Kinder!“, brüllte der Steward. Er und die anderen Stewards und der Matrose drängten die Männer zurück, schlugen mit allem, was ihnen unter die Finger kam, nach den Männern, um sie unter Deck zu halten. Hier regierte das offene Chaos. Der Steward lud seinen Revolver und richtete ihn auf die Männer.
„Gehen Sie wieder zurück!“, befahl er brüllend. „Schließen Sie die Gitter!“, wies er zwei andere Stewards an, die versuchten, das Gitter zu schließen. Zitternd vor Stress und Angst hielt er den Revolver auf die Passagiere gerichtet. Der Matrose drosch immer wieder mit dem Stiel der Feuerschutzaxt in die Menge der Männer.
„Halten Sie sich von den Gittern fern!“, schrie der Steward, der die Gruppe anführte. „Sie sollen sich von den Gittern fernhalten!“
Tommy sprang auf eine der Scherenstreben des Gitters.
„Um Gottes Willen, Mann! Wir haben noch Frauen und Kinder hier unten! Lassen Sie uns raus, damit wir wenigstens ‘ne Chance haben!“, schrie er. Dem Steward war es offensichtlich zu gefährlich, die ihm unberechenbar erscheinenden Männer der Dritten Klasse mit nach oben zu lassen.
„Treten Sie zurück!“, brüllte er Tommy an. Ryan gab einstweilen auf. Gegen diesen weißbejackten Idioten hatten sie hier keine Chance. Er arbeitete sich gegen den Strom der verzweifelten Passagiere nach unten zum E-Deck zurück. Im Hinuntersteigen bemerkte er Jack Dawson, der mit Rose an der Hand zur Haupttreppe des E-Decks kam und eben Helga Dahl begrüßte.
„Jack!“, rief er erfreut aus. Jack erkannte seinerseits, wer nach ihm rief.
„Tommy!“, antwortete er. „Geht’s da raus?“, fragte er.
„Da geht’s garantiert nicht raus!“, grollte der Ire.
„Was immer wir tun: Wir sollten uns beeilen“, empfahl Jack. Anders als die Passagiere, die hier auf einen Weg nach oben hofften, hatten Rose und er schon mehr als nur nasse Füße gehabt und wussten gar zu gut, wie es um das Schiff stand.
„Jack!“, hörte er Fabrizios Stimme hinter sich. Er drehte sich um, er und Fabrizio umarmten sich.
„Die Boote sind alle weg!“, keuchte der Italiener.
„Der ganze Dampfer steht unter Wasser. Wir müssen hier raus!“, erwiderte Jack.
„Hier isse niente Ausweg!“, stellte Fabrizio radebrechend und unterstützt durch seine ebenso gesprächigen Hände klar.
„Also gut“, sagte Jack. „Wir gehen da lang!“, entschied er und wies auf den Gang weiter in Richtung Heck. Fabrizio drehte sich zu Helga und ihrer Familie um und betete, dass er die richtigen Worte finde würde, damit sie ihn verstand.
„Jeder … alle hier … kommt jetzt mit mir. Wir gehen zu den Booten. Wir gehen zu den Booten. Capito? Kommt jetzt!“, sagte er eindringlich und erneut mit kräftiger Hilfe der Hände. In den Augen der Norweger war zu sehen, dass sie den jungen Italiener nicht wörtlich verstanden hatten. Sie sahen sehr wohl, dass es ihm mit der dringlichen Mahnung ernst war, aber Oluf Dahl, das Familienoberhaupt, schüttelte den Kopf. Dieser Wikingernachfahre empfand keine Panik – und er würde seine Familie nicht mit diesem hergelaufenen Jungen gehen lassen. Fabrizio begriff und wandte sich an Helga allein:
„Helga … per favore … bitte … komm mit mir!“, flehte er. „Ich bin ein Glückspilz. Es ist meine Bestimmung, nach Amerika zu kommen.“
Helga küsste ihn und trat dann wieder zu ihren Eltern zurück. Bevor Fabrizio einen weiteren Versuch unternehmen konnte, Helga zu überreden, legte Jack ihm eine Hand auf die Schulter. Fabrizio sah ihn an. Jacks Blick sagte ihm, dass es Zeit wurde, zu gehen.
„Ich werde dich nie vergessen“, versprach er Helga, dann folgte er Jack, der seine Gruppe aus der Menge wegführte. Fabrizio warf noch einen sehnsüchtigen Blick zurück und sah ihr Gesicht in der Menge verschwinden.
In der Suite B-56 stand Caledon Hockley vor dem offenen Safe. Er nahm die Kassette mit dem Diamanten heraus, öffnete sie, steckte das Herz des Ozeans in die linke Manteltasche, griff nochmals hinein und holte zwei Päckchen Banknoten heraus, die noch mit den Banderolen verschlossen waren.
„Ich werde meinem Glück ein wenig nachhelfen“, kommentierte er.
„Werde ich auch!“, erwiderte Lovejoy und öffnete die Jacke, gab den Blick auf seine Pistole im Schulterhalfter frei. Cal grinste, warf die Tresortür zu, drehte den Griff zu und ließ das Kombinationsschloss rotieren, um den Tresor wieder zu verschließen.
Drei Decks tiefer lotste Jack seine Freunde gegen den Strom der konfusen Passagiere der Dritten Klasse. Er schaute in einen nach rechts abgehenden Gang, der aber nur zu Kabinen im E-Deck führte.
„Komm schon!“, rief Tommy.
„Nein, wir probieren es hier!“, entschied Jack, ging weiter geradeaus, Rose an der Hand. Mitten auf dem Flur saß eine Frau und weigerte sich offensichtlich, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Ihr Mann redete auf Serbokroatisch auf sie ein, aber sie blieb protestierend schreiend sitzen.
Etwas weiter stand ein Mann mit seiner Familie an der Einmündung des Ganges und versuchte, sich das Schild, vor dem sie standen, ins Arabische zu übersetzen.
„Jallah! Jallah!“, trieb seine besorgte Frau ihn zur Eile an. Er antwortete ihr auf Arabisch, schien ihr sagen zu wollen, dass er noch nicht herausgefunden hatte, in welche Richtung sie sich wenden sollten.
Jack und seine Freunde gingen an ihnen vorbei.
„Hier lang!“, kommandierte Jack. Sie bogen nach rechts ab und gleich wieder nach rechts, stiegen eine schmale Treppe hinauf.
Oben an der Treppe zeigte sich das schon bekannte Bild: Zwei Stewards in weißen Jacken bewachten ein abgeschlossenes Gitter und ließen die Leute aus dem E-Deck nicht ins D-Deck.
„Gehen Sie bitte zur Haupttreppe! Dort wird alles weitere geregelt!“, erklärte der eine Steward gerade. Der Mann und die Frau vorn am Gitter waren von seinen Worten nicht überzeugt, das merkte der Steward schnell.
„Glauben Sie mir! Es wird alles geregelt! Gehen Sie bitte zur Haupttreppe zurück!“, beschwor er die Passagiere. Jack kam gerade dazu. An der Haupttreppe hatten sich die Stewards anscheinend verschworen niemanden mehr hinauf auf das D-Deck zu lassen. Jack hatte den dringenden Verdacht, dass die Leute in der Dritten Klasse vorsätzlich davon abgehalten werden sollten, ihr Leben zu retten – egal, ob es Frauen und Kinder oder Männer waren.
„Machen Sie das Gitter auf!“, forderte er unmissverständlich und verzichtete auf ein bitte.
„Gehen Sie nach unten zur Haupttreppe!“, wiederholte der Steward gebetsmühlenartig.
„Sie machen jetzt sofort das Gitter auf!“, befahl Jack, noch ein bisschen amtlicher. Der Steward hatte das Gefühl, dass er gegen eine Wand redete, aber diesen Eindruck teilte er mit Jack Dawson.
„Gehen Sie wieder zurück zur Haupttreppe, wie ich es gesagt habe!“, wiederholte er erneut, als rede er mit einem begriffsstutzigen Kind. Jack reichte es endgültig. Er rüttelte wild und wütend an den Gittern.
„Gottverdammter, verfluchter Mistkerl!“, fluchte er drastisch.
„Hören Sie auf damit!“, schrie der Steward, der in Sorge um die Gittertür war. „Ich hab Befehl, Sie hier nicht raus zu lassen!“, rechtfertigte er sich. Jack wusste, woran er war. Bevor diese Leute das Gitter freiwillig öffneten, musste wohl erst Davy Jones persönlich vorbeikommen. Er drehte sich nach hinten und sah sich nach etwas um, womit man das Gitter aufbrechen konnte. Schnell hatte er eine am Boden verankerte Bank entdeckt.
„Fabri, Tommy, helft mir!“, rief er. Alle drei sprangen an die Bank, der irische Bandleader gesellte sich dazu. Sie rissen die Bank vor und zurück. Rose erkannte, was er vorhatte.
„Gehen Sie zur Seite!“, rief sie und gestikulierte zu den anderen Passagieren. „Gehen Sie zur Seite!“
„Los, zieht! Kräftig ziehen!“, feuerte Jack seine Freunde an.
„Stellen Sie das wieder hin!“, schrie der Steward, als sie die Bank lose hatten.
„Gehen Sie zur Seite!“, schob Rose auf der anderen Seite noch ein paar Leute aus dem Weg.
„Ich hab’ gesagt, Sie sollen das wieder hinstellen!“, schrie der Steward. Jack ignorierte ihn vorsätzlich.
„Eins!“, zählte er. „Zwei!“
„Stellen Sie das wieder hin!“, brüllte der Steward erneut.
„Drei!“, schrie Jack, sie rannten los und ließen die Bank wie einen Rammbock in die Gittertür krachen. Sie bog sich, aber es reichte noch nicht.
„Das ist Eigentum der White-Star-Line!“, brüllte der Steward, aber den Männern war es völlig egal, wessen Eigentum dies war, sofern es ihnen nur half, das Gitter aufzubrechen.
„Nochmal!“, rief Fabrizio.
„Hauruck!“, riefen die vier im Chor, holten erneut aus, stießen mit aller Gewalt zu – und diesmal brach das Schloss, die aufspringende Tür verfehlte den brüllenden Steward nur knapp.
„Komm!“, rief Jack und stürmte zusammen mit Rose an dem Steward vorbei.
„Sie dürfen da nicht raus! Das ist untersagt!“, schrie der verzweifelt, aber die Passagiere gehorchten nicht. Im Gegenteil: Tommy verpasste ihm einen fürchterlichen Schwinger, der den Steward k. o. auf den Boden schickte.
Rose griff sich den zweiten Steward.
„Wenn Sie Ihren Job bei der White-Star-Line irgendwie behalten wollen, dann schlage ich vor, dass sie diese guten Leute zum Bootsdeck bringen – und zwar jetzt!“, zischte sie ebenso giftig wie befehlend. Der verstörte Steward gehorchte prompt.
Die Dritte Klasse hatte endlich einen Fluchtweg.
Kapitel 23
Panik, Lügen und Geschäfte
Molly Brown, Ruth DeWitt Bukater und zwei weitere Frauen pullten das Boot Nummer 6 immer weiter von der sinkenden Titanic fort. Im Licht der vollen Beleuchtung konnten sie erkennen, dass das Vorschiff vor der Brücke schon vollständig unter Wasser war. Allein der Fockmast mit dem Krähennest ragte noch aus den Fluten.
Eine Rakete stieg hoch und tauchte die weitere Umgebung des Schiffes für kurze Zeit in strahlendes Licht. In diesem hellen Licht konnten nicht nur Ruth und Molly ein Dutzend Boote erkennen, die vom Schiff wegstrebten; der auf der Brückennock stehende Captain Edward Smith konnte sie ebenfalls sehen. Und er sah, dass sie nur teilweise besetzt waren. Smith war bewusst, dass die Kapazität der Boote allenfalls die Hälfte der Seelen an Bord aufnehmen konnten – aber nur unter der Voraussetzung, dass sie auch voll besetzt waren. Besonders das Boot Nummer 6 fiel ihm auf, dass vielleicht zu einem Drittel besetzt war.
Smith nahm ein metallenes Megaphon zur Hand.
„Kommen Sie zurück!“, rief er, verstärkt durch das Megaphon. „Kommen Sie zurück zum Schiff!“
Der Leitende Offizier Wilde, der in der Nähe der Brückennock gewesen war, trat zu Smith hinzu und pfiff auf seiner Trillerpfeife – ein eindeutiger Befehl zur Rückkehr. Es wäre eine handfeste Lüge gewesen, hätte jemand im Boot Nummer 6 behauptet, die Rufe des Captains und das schrille Pfeifen des Leitenden Offiziers nicht gehört zu haben.
Quartermaster Hitchins – er hatte als Rudergänger am Steuer gestanden, als die Titanic den Eisberg gerammt hatte – griff in Panik nach einem der Riemen, um die Damen daran zu hindern, dem Befehl vom Schiff nachzukommen.
„Der Sog wird uns runterziehen, wenn wir nicht weiterfahren!“, warnte er.
„Wir haben hier genug Platz für eine Menge mehr“, entgegnete Molly. „Ich sage. Wir fahren zurück!“
„Nein!“, keuchte Hitchins. „Es geht jetzt um unser Leben, nicht um deren! Ich trage die Verantwortung für dieses Boot! Und jetzt rudern Sie!“, befahl er barsch. Die Frauen an den Riemen zögerten noch kurz, dann tauchten die Riemen wieder ins Wasser, das Boot entfernte sich weiter von dem sinkenden Schiff.
An der Reling des Bootsdecks senkte Captain Smith langsam das Megaphon.
„Diese Narren!“, flüsterte er.
Im Foyer des A-Decks trafen Caledon Hockley und Spicer Lovejoy auf ihrer Suche nach Rose auf Benjamin Guggenheim und seinen Diener, beide im Frack mit weißer Krawatte und weißer Weste, dazu Zylinderhüte.
„Ben, was ist der Anlass?“, fragte Cal verblüfft, auf die festliche Kleidung Guggenheims und seines Bediensteten weisend.
„Wir haben die beste Kleidung angelegt und sind darauf vorbereitet, wie Gentlemen unterzugehen“, erwiderte Benjamin gelassen.
„Das … ist bewundernswert“, sagte Hockley. „Ich werde es ganz gewiss Ihrer Frau sagen … wenn ich nach New York komme“, fügte er im Weitergehen hinzu.
Im Rauchsalon der Ersten Klasse waren immer noch zwei Gruppen von Kartenspielern mit ihren Spielen beschäftigt. Ein silberner Servierwagen, auf dem ein großer Humidor stand, setzte sich langsam in Sinkrichtung in Bewegung. Einer der Kartenspieler nahm eine Zigarre von dem Wagen, als der bei ihm vorbeirollte.
„Sieht so aus, als hätten wir diesmal schlechte Karten“, sagte er.
Hockley und Lovejoy erreichten das Bootsdeck, strebten eilig in Richtung Heck. Sie kamen bei Chefbäcker Joughin vorbei, der trotz der frostigen Temperatur ins Schwitzen geriet, als er Deckstühle über Bord warf. Nachdem sie ihn passiert hatten, gönnte er sich eine Pause, zog eine Flasche Scotch aus der Tasche, öffnete sie, trank sie bis zur Neige leer, warf sie in hohem Bogen über Bord und sah ihr schwankend nach.
Auf dem Bootsdeck setzte Panik ein. Menschen drängten nach vorn zu den Booten. Inzwischen bestand die Menge hier oben aus einer Mischung aller drei Reiseklassen. Die Leute aus der Dritten Klasse, die sich den Weg nach oben schon gegen den Widerstand der Stewards hatten erkämpfen müssen, erwiesen sich als deutlich weniger zurückhaltend als die bisher hier anwesenden Passagiere der Ersten und Zweiten Klasse. Ihre scheinbare Disziplinlosigkeit beruhte darauf, dass sie den Warteanweisungen der Offiziere und Matrosen nicht mehr trauten und in jedem Befehl, zu warten, nur noch den Befehl zum Sterben sahen. Dass die Panik, die sie durch ihr Verhalten auslösten, alle an Bord gefährdete, interessierte die nur knapp dem nassen Tod im E-Deck Entkommenen nicht mehr. Für die meisten von ihnen zählte nur noch der Erhalt des eigenen Lebens.
Am Boot Nummer 14 wurde die Situation bedrohlich. Die Menge drängte rücksichtslos immer weiter nach vorn.
„Reißen Sie sich zusammen!“, schrie Charles Lightoller, der mit dem Fünften Offizier Harold Lowe an diesem Boot die Evakuierung zu steuern versuchte. Er musste sich sehr anstrengen, das Geschrei der Passagiere zu übertönen.
„Bewahren Sie Ruhe! Es besteht kein Grund zur Panik!“, brüllte Lightoller weiter. „Treten Sie zurück!“
Eine der Frauen, die in der ersten Reihe standen, bekam einen solchen Stoß von hinten, dass sie über Bord ging und bäuchlings auf der Reling des infolge der Beladung schon unter die Kante des Bootsdecks abgesunkenen Bootes Nummer 14 aufschlug. Augenblicklich wurde das Geschrei der immer ängstlicher werdenden Menschen noch lauter.
„Verdammt nochmal! Zurück!“, brüllte Lightoller, der zunehmend Schwierigkeiten hatte, das Schreien der Passagiere noch zu übertönen.
Unten, auf der Promenade des A-Decks, fanden sich helfende Hände, die die abgestürzte Frau vom Bootsdeck festhielten und vor dem Absturz unter das Boot bewahrten.
„Zieht sie rein!“, rief eine männliche Stimme vom A-Deck. Einer der Männer stieg auf die Reling des A-Decks, gestützt und gehalten von anderen Männern auf der Promenade. Er hielt die Frau sicher in seinen Armen. Die Hände mehrerer Männer packten zu und zogen ihn samt der Frau auf die Promenade.
Das Geschrei schwoll erneut an, die Drängelei der verängstigten Menschen auf dem Bootsdeck hörte nicht auf.
„Treten Sie zurück!“, schrie der Zweite Offizier und half ebenso wie Lowe mit beiden Händen nach, die Menge zurückzuschieben, während der Matrose Scarott aus dem abgesunkenen Boot mit der demontierten Ruderpinne auf die Männer einschlug, die in sein Boot steigen wollten oder von hinten fast hineingeschoben wurden. Lightoller griff in seiner Not zu seinem letzten Mittel. Er zog den in einem Holster unter seinem Mantel steckenden Webley-Revolver und richtete ihn auf die drängenden Menschen.
„Treten Sie zurück oder ich erschieße Sie wie räudige Hunde!“, drohte er. „Bewahren Sie Ruhe! Sie bewahren Ruhe! Ist das klar?“, fauchte er, selbst der Panik nahe. Dass die Waffe nicht geladen war, fiel den vor Angst außer Rand und Band geratenen Passagieren nicht auf. Sie zogen sich etwas zurück, was den Offizieren Luft verschaffte, um die Evakuierung einigermaßen geordnet weiterzuführen.
„Mr. Lowe, besetzen Sie das Boot!“, befahl Lightoller, an den Fünften Offizier gewandt. Lowe nickte ihm zu.
„In Ordnung“, bestätigte er. „Es ist alles in Ordnung!“, wandte sich der Jüngere an die panischen Passagiere. „Keine Panik!“, rief er in der Hoffnung, nun Ruhe in die Menge zu bekommen. Lightoller drehte sich um und lud, seinen Revolver von den Passagieren abgewandt, während Lowe das Boot wieder weit genug auffieren ließ, um weitere Passagiere einsteigen zu lassen.
Caledon Hockley und Spicer Lovejoy kamen auf der Steuerbordseite auf das Bootsdeck. Auch hier wuchs die Unruhe unter den Passagieren. William Murdoch, der Erste Offizier, der hier die Evakuierung leitete, ließ es durchaus zu, dass auch Männer in die Boote stiegen, wenn die Frauen und Kinder für den Moment abgefertigt waren. Dass es dennoch zu panischen Reaktionen kam, lag hier daran, dass an dieser Stelle auch Frauen und Kinder Angst hatten, nicht mitzukommen, dass Männer von der Promenade des A-Decks versuchten, in die bereits gut gefüllten Boote zu steigen versuchten.
Das Boot Nummer 15 war anscheinend das letzte in den Davits hängende Boot, das besetzt abgefiert wurde. Hockley sah dem Boot ebenso nach wie andere, die hier nicht mehr mitgekommen waren.
„Treten Sie zurück!“, befahl Murdoch, um weitere Menschen davon abzuhalten, in das wirklich volle Boot zu steigen oder zu springen.
Im A-Deck überhörte mancher diese Anweisung geflissentlich. Von dort drängten einige Männer in das Boot, von den Matrosen und einigen Passagieren ebenso heftig abgewehrt.
„Zu spät!“, knurrte Cal, als er sah, dass das Boot Nummer 15 zur Wasseroberfläche abgesenkt wurde.
„Es gibt vorne noch ein paar Boote“, warf Lovejoy ein und wies mit dem Kopf auf William Murdoch, der mit hochgeschlagenem Mantelkragen an der Kante des Bootsdecks das langsam hinunter sinkende Boot und die aus dem A-Deck nachdrängenden Menschen beobachtete.
„Sie müssen sich an den halten – Murdoch“, fügte Lovejoy hinzu. „Mir scheint, mit dem kann man reden.“
Cal sah nochmals zu dem verschwindenden Boot, dann wandte er sich von der Reling ab.
Unten erhob sich auf einmal noch lauteres Geschrei, noch ohrenbetäubender, als es oben an Deck schon war:
„Nicht abfieren!“, brüllte ein Matrose aus dem Boot Nummer 15. „Nicht abfieren! Unter uns ist noch ein Boot!“
Etwas weiter vorn, im Bereich des Bootes Nummer 13, strömte Wasser aus dem Rumpf der Titanic – herausgepumpt mit den Lenzpumpen, die das Schiff zwar nicht leeren konnten, die aber das Sinken verlangsamten. Die Strömung aus den Pumpen war so stark, dass das Boot Nummer 13, in dem auch Chefheizer Barret war, unter das Boot Nummer 15 getrieben wurde. Es hing nach wie vor in den Tauen. Barret hatte sein Messer gezogen und schnitt verzweifelt an den Tauen, um das Boot freizubekommen.
„Seile durchschneiden! Seile durchschneiden!“, brüllte er. Er und noch ein Matrose mühten sich mit den zähen Tauen ab, an denen das Boot hing, doch das Boot Nummer 15 kam immer näher. Barret stemmte sich gegen das Boot von oben, um es aufzuhalten. Die Taue gaben endlich nach, das Boot klatschte die letzten Fuß im freien Fall hinunter ins Wasser. Mit knapper Not konnten die Insassen des Bootes Nummer 13 dem immer näher kommenden Boot Nummer 15 entkommen.
Auf der anderen Seite senkte sich das Boot Nummer 14 mit dem Fünften Offizier Lowe als Bootsführer zur Wasseroberfläche. Die unruhigen und verängstigten Passagiere verursachten erhebliche Probleme beim abfieren.
„Hinsetzen!“, brüllte Lowe. „Sie sollen sich hinsetzen!“, herrschte er die Leute an. Von der Promenade des A-Decks wollten weitere Passagiere – hauptsächlich Männer – ins Boot springen, aber die Matrosen im Boot Nummer 14 trieben sie mit Riemen und Ruderpinne zurück.
„Gehen Sie weg! Gehen Sie wieder zurück!“, befahl Lowe den Leuten auf der Promenade. Als niemand auf ihn hörte, sondern die Männer weiter versuchten, das Boot zu entern, zog Lowe seinen Revolver, sah kurz hinter sich in die Dunkelheit, um sich vergewissern, dass dort niemand war.
„Gehen Sie wieder zurück, habe ich gesagt!“, schrie er und schoss dreimal in die Luft, vom Schiff weg, um seinem Befehl Nachdruck zu verleihen.
Auf der Steuerbordseite hörte Caledon Hockley die Schüsse.
„Jetzt bricht das Chaos aus. Wir haben nicht viel Zeit“, sagte er und entfernte sich von der Reling. „Mr. Murdoch?“, sprach er den Ersten Offizier an.
„Mr. Hockley?“, erwiderte Murdoch, um dem Passagier zu signalisieren, dass er ihn gehört hatte, wandte sich aber gleich an zwei Matrosen:
„Ihr zwei zu mir, na los!“, befahl er und strebte nach achtern. Hockley und Lovejoy folgten ihm, Cal holte ihn ein, während Lovejoy durch andere Passagiere von seinem Herrn getrennt wurde und zurückblieb.
„Ich bin Geschäftsmann, wie Sie wissen. Ich möchte Ihnen ein geschäftliches Angebot unterbreiten“, sagte er und eilte immer noch neben Murdoch her.
Ein Stück weiter achtern versuchte der Leitende Offizier Wilde, das Chaos zu beherrschen.
„Bleiben Sie zurück!“, brüllte er. Der Vierte Offizier Boxhall feuerte eine weitere Rakete ab, immer noch in der Hoffnung, dass die Raketen doch noch ein anderes Schiff zur sinkenden Titanic lotsen würden.
„Auf beiden Seiten langsam abfieren!“, befahl Wilde.
Der achtere Zugang zur Backbordseite des Bootsdecks öffnete sich und Jack Dawson erschien.
„Komm, Rose!“, rief er. Sie folgte ihm, hinter ihnen rannten Tommy Ryan und Fabrizio de Rossi auf das Bootsdeck.
„Bewahren Sie Ruhe!“, brüllte ein Offizier außerhalb von Jacks Gesichtsfeld. Roses Blick fand die Davits – ohne Boote!
„Die Boote sind weg!“, stieß sie entsetzt hervor.
„Langsaaam! Langsam abfieren!“, kam aus der Entfernung die Stimme des Offiziers. Jack sprintete zur Reling und peilte an der Außenseite entlang. Tatsächlich: Soweit er sehen konnte, waren alle Boote fort!
Rose drehte sich um und sah Colonel Gracie, der zwei Damen der Ersten Klasse begleitete. Wenn er noch in Begleitung von Damen war, bestand doch sicher noch eine Hoffnung, sagte sich Rose.
„Colonel Gracie!“, rief sie erfreut aus. „Gibt es auf der anderen Seite noch Boote?“, fragte sie.
„Nein, Miss“, enttäuschte er ihre vorsichtige Hoffnung. „Aber ganz vorn gibt es noch ein paar Boote“, setzte er hinzu und ließ die Zuversicht bei den jungen Leuten wieder steigen, wenngleich Rose sich im Stillen fragte, weshalb der Colonel seine Damen nicht schon längst dort hingebracht hatte.
Jack enthob sie des verbalen Ausdrucks der Frage und zog sie an der Hand hinter sich her. Tommy und Fabrizio konnten ihnen kaum folgen.
Etwas weiter vorn spielten die vier Musiker von Hartleys kleinem Orchester. Der Zweite Geiger bekam einen ruppigen Stoß in den Rücken, als ein Dritter-Klasse-Passagier ihn in seiner kopflosen Flucht fast umrannte.
„Was soll das ganze überhaupt?“, fragte er verdrossen und frierend. „Es hört uns sowieso keiner zu.“
Wallace Hartley war klar, dass sein Kollege absolut Recht hatte.
„Beim Dinner hört uns auch keiner zu“, sprach der Orchesterchef eine schlichte Wahrheit aus. „Kommt, spielen wir. Das hält uns warm“, entschied er und sprach auch damit eine schlichte Wahrheit aus. „Orpheus!“, sagte er den Titel an. Er gab den Einsatz, und die Musiker spielten das flotte Stück, das allgemein als der Can-Can aus Orpheus in der Unterwelt von Jacques Offenbach bekannt war.
Gerade in diesem Moment passierten Jack, Rose, Tommy und Fabrizio die vier Musiker im Laufschritt. Tommy glaubte zunächst, sich verhört zu haben, aber nein, die Musiker taten nicht nur so, als ob sie spielten, die spielten wirklich, erkannte er.
„Begleitmusik zum Ersaufen!“, keuchte er. „Jetzt weiß ich, dass ich in der Ersten Klasse bin“, fügte er einen bissigen Kommentar hinzu.
William Murdoch hatte auf der Steuerbordseite sein Ziel erreicht, eines der beiden Faltboote, die auf den Offiziersquartieren oberhalb des Bootsdecks befestigt waren. Er ließ das dortige Faltboot in den vordersten Davit einhängen und sah sich um. Cal Hockley klebte ihm immer noch an den Hacken, aber sonst waren nur wenige Menschen hier. Auch sein Blick durch den Niedergang auf das nächste Deck unter dem Bootsdeck fand nur gähnende Leere.
„Wo sind die alle geblieben?“, fragte er einen älteren Matrosen verstört.
„Die sind alle noch achtern, Sir!“, erwiderte der weißhaarige Matrose und wies zum Heck. Murdoch drehte sich um und stand unvermittelt wieder vor dem fast einen Kopf größeren Caledon Hockley, der ihm mit der Linken eine ansehnliche Zahl großer Geldscheine in die Manteltasche stopfte.
„Wir haben uns doch verstanden, Mr. Murdoch?“, fragte er maliziös. William Murdoch sah ihn verwirrt an. Er hatte jetzt einfach keine Zeit, sich auch noch mit derart unverfrorenen Sonderwünschen zu befassen – ganz abgesehen davon, dass das Wort bestechlich in seinem Wortschatz gar nicht existierte …
Auf der Backbordseite kämpfte Charles Lightoller immer noch gegen die nachdrängenden Männer und pickte eifrig Frauen und Kinder aus der wartenden und immer noch drängelnden Menge. In der Rechten hielt er den inzwischen geladenen Revolver, streckte ihn gut sichtbar nach oben.
„Nur Frauen und Kinder! Die Männer bleiben zurück!“, bellte er. „Zurückbleiben! Lassen Sie das Kind nach vorn!“
Um die Ernsthaftigkeit des Befehls zu verdeutlichen, schoss der Zweite Offizier zweimal in die Luft. Die Männer wichen wieder etwas zurück.
„Frauen und Kinder zuerst!“, stellte er scharf klar. „Gehen Sie zurück! Gehen Sie zurück, Sir!“, schrie er und schob einen Mann grob beiseite, griff nach der Frau, die hinter dem Mann war. „Kommen Sie her, Madame! Steigen Sie ein!“, wandte er sich in völlig anderem Ton an die Frau. „Und Sie gehen wieder zurück, Sir! Lassen Sie die Frauen und Kinder durch!“
Jack machte sich so lang, wie es ging, um über die Menge hinwegzusehen.
„Seht auf der anderen Seite nach! Na los!“, wies er Tommy und Fabrizio an, die auch prompt nach Steuerbord wechselten, um dort nach noch vorhandenen Booten Ausschau zu halten.
Bei dem Faltboot an Steuerbord vorn stand außer Männern niemand mehr.
„Sind hier noch Frauen und Kinder?“, fragte Murdoch laut. Lovejoy hörte die Worte, als er gerade durch die Brücke wieder nach Steuerbord kam.
„Sind hier noch irgendwo Kinder?“, fragte Murdoch abermals. Keine Antwort.
„Ich hab’ sie gefunden – auf der anderen Seite. Sie wartet auf ein Boot“, raunte der Kammerdiener seinem Arbeitgeber zu. „Mit ihm!“, fügte er hinzu. Cal war einen Moment hin- und hergerissen. Hier erwartete ihn ein rettendes Boot – aber er wollte nicht ohne Rose gehen, jetzt, da er wusste, wo sie war. Und er wollte tunlichst dafür sorgen, dass ihr Liebhaber nicht unter den Geretteten war …
Ismay, der bei dem Reserveboot war und dabei geholfen hatte, die Frauen und Kinder einsteigen zu lassen, half aus:
„Sie sind alle an Bord, Mr. Murdoch.“
„Dann eben alle anderen!“, rief der Erste Offizier. Ismay griff einen Mann am Arm, der neben ihm stand.
„Kommen Sie, Sir! Kommen Sie!“, sagte er und schob ihn ins Boot.
Murdoch drehte sich zu Hockley um.
„Alle anderen!“, verkündete er. Es war für Cal das Signal ins Boot zu steigen – aber jetzt kam diese Erlaubnis für ihn zu früh.
„Beeilen Sie sich! Beeilen Sie sich! Kommen Sie! Steigen Sie bitte ein!“, dirigierte Ismay weitere Männer in das Boot. Er schien zu fürchten, dass Murdoch es sich anders überlegen könnte.
„Oooch, das kann doch wohl nicht wahr sein!“, maulte Cal.
„Kommen Sie, Gentlemen!“, rief Ismay. „Schnell!“
Hockley wäre fast geplatzt. Da hatte er viel Geld für nichts bezahlt – er glaubte immer noch, dass Murdoch die Bestechung akzeptiert hatte, weil er nichts Gegenteiliges gesagt hatte – und dann sollte er auch noch zu einer für ihn völlig unpassenden Zeit ausgeschifft werden. Aber er wollte keinesfalls, dass Rose ohne seine Zustimmung oder sogar mit ihrem Galan zusammen das Schiff verließ. In dem Fall, das war ihm bewusst, würde er sie nie wiedersehen. Mit schnellen Schritten strebte er quer durch die Brücke auf die Backbordseite. Lovejoy glaubte, seinen Augen nicht zu trauen, als sein Arbeitgeber von dem vermeintlich sicher gebuchten Boot abdrehte.
„Scheiße!“, brummte er verdrießlich und der Umgebung seines Arbeitgebers ganz und gar nicht angepasst. Ihm war jetzt nicht mehr nach feinem Benehmen. Dennoch folgte er Hockley wie ein treuer Hund, ebenfalls quer durch die Brücke.
„Feuer!“, befahl der Vierte Offizier Boxhall dort gerade, um die nächste Rakete abzuschießen. Dann sah er die beiden Passagiere, die als Betriebsfremde außerhalb geführter Besichtigungen auf der Brücke gar nichts zu suchen hatten.
„Sir! Sir! Sie dürfen hier nicht durch!“, rief er und wollte Cal aufhalten, doch der schob ihn einfach beiseite.
„Sie können hier nicht durch!“, versuchte Boxhall auch Lovejoy zu bremsen – und ebenso vergeblich.
Ismay keuchte erschöpft.
„Das waren alle! Das waren alle!“, japste er. „Oh, Gott!“
„Fertigmachen zum abfieren!“, befahl Murdoch. Ismay nutzte die sich bietende Chance und sprang rasch ins Boot, bevor es nicht mehr erreichbar war. Man würde ihn nicht auffordern, in ein Boot zu steigen; das hatte er jetzt begriffen, nachdem er brav anderen ins Boot geholfen hatte, ohne dass er eine entsprechende Aufforderung an sich gehört hatte.
„Klar bei den Leinen!“, rief Murdoch. Er sah nach vorn und bemerkte Bruce Ismay, der stur geradeaus sehend auf der hinteren Ducht gleich an Steuerbord des Bootes saß. William Murdoch erstarrte kurz, tief enttäuscht von dem Reedereivorstand, der lieber sein eigenes Leben rettete, als anderen dabei zu helfen. Dass er mindestens bei diesem Boot dabei assistiert hatte, Leute in Sicherheit zu bringen, dass auch anderes Schiffspersonal in Booten saß und längst weg war, war bei Murdoch nicht recht angekommen. Doch er holte ihn nicht wieder aus dem Boot heraus. Mit sichtbarer Wut im Gesicht, senkte er die Arme.
„Uuund abfieren!“, befahl er. Ismay schloss vor Scham die Augen, wäre am liebsten im Erdboden versunken.
„Gleichmäßig … beide Seiten gleichzeitig … gaaaanz langsam!“, wies er die Matrosen an den Fallen an. Das Boot sank in Richtung Wasseroberfläche, Ismay saß auf seiner Ducht und wagte nicht, sich überhaupt irgendwie zu bewegen. Er schien zu hoffen, dass ihn niemand außer Murdoch bemerken würde …
Kapitel 24
Widerspenstigkeiten
Auf der Backbordseite sorgte Charles Lightoller weiter dafür, dass ausschließlich Frauen und Kinder in die Boote kamen. Seinen Revolver behielt er vorsichtshalber in der Hand, um allzu stürmische Männer damit in Schach halten zu können.
Kaum zwanzig Fuß unter der Stelle, an der Lightoller seine Passagiere sortierte, gurgelte es bereits im B-Deck, wo die Wassermassen nun eindrangen. Zu Lightollers Glück waren in seiner Nähe hauptsächlich Passagiere der Ersten und Zweiten Klasse; Menschen, die es als ihre gesellschaftliche Pflicht ansahen, sich zu beherrschen und Anordnungen einer Obrigkeit ohne Widerspruch zu folgen.
Einem gut gekleideten Mann nahm er ein Mädchen ab, das sieben oder acht Jahre alt sein mochte.
„Frauen und Kinder, bitte!“, rief der Zweite Offizier. „Nur Frauen und Kinder! Bleiben Sie zurück, Sir! Geben Sie her
„Daddy!“, quengelte die Kleine, die sich um nichts in der Welt von ihrem Vater trennen wollte.
„Es wird alles gut, mein Schatz“, versuchte der Mann, sie zu beruhigen, als Lightoller sie über einige Köpfe hinweg zu ihrer Mutter und ihrer Schwester ins Boot setzte. Das Mädchen ahnte, dass ihr geliebter Vater nicht mitkommen wollte.
„Daddy! Steig in das Boot!“, forderte sie ihn unter Tränen auf.
„Wir sehen uns bald wieder, mein Schatz! Es ist nur für kurze Zeit. Es gibt noch ein Boot für die Daddys“, sagte er, obwohl ihn die Ahnung beschlich, dass es nicht so war, wie er sagte. „Dieses Boot ist für die Mamis und Kinder. Haltet schön eure Mutter fest und seid brave, kleine Mädchen.“
Ein anderer Mann in der Nähe schrieb etwas auf einen Zettel und gab es einer Frau, die im Boot saß.
„Bitte senden Sie dies an meine Frau in Des Moines, Iowa“, bat er.
Rose stand direkt neben ihnen und bekam sowohl den mehr als nur verzweifelt klingenden Dialog zwischen dem zurückbleibenden Vater und seiner weinenden Tochter als auch die Abschiedsgeste des offenbar einzeln reisenden Mannes mit. Sie wusste ebenso wie diese beiden tapferen Männer, die sich gerade für immer von ihren Lieben verabschiedet hatten, dass es keinesfalls genügend Boote für alle Menschen an Bord gab. Mindestens die Hälfte hatte keine Chance, würde ertrinken oder in der entsetzlich kalten See erfrieren. Der Familienvater, der letztlich sehenden Auges in den Tod ging, stellte Rose erneut den ganzen Wahnsinn dieser Gesellschaft vor Augen. Die Menschen logen, dass sich die Balken bogen, um den gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Doch anders als Cal nötigte er ihr Respekt ab. Dieser Mann schwindelte nicht, um für sich selbst einen Vorteil zu erzielen, sondern um seine Familie zu retten. Doch er würde sie nie wiedersehen.
Die vier jungen Leute sahen sich an. Jack, Fabrizio und Tommy würden hier nicht in eines der Boote kommen, so viel war sicher.
„Seht mal besser auf der anderen Seite nach“, forderte Jack seine beiden Freunde auf. Er selbst wollte bleiben und sicherstellen, dass Rose einen sicheren Platz im Boot bekam. Beide nickten und eilten nach Steuerbord.
Rose fasste ihren Entschluss: nicht ohne Jack! Wenn sie dieses Schiff verließ, dann nur mit ihm. Sie drehte sich um.
„Ich werde nicht ohne dich gehen“, sagte sie entschieden.
„Doch, das wirst du, verstanden?“, erwiderte Jack, ebenso bestimmt.
„Nein, Jack!“, widersprach Rose. Jetzt fing er auch noch an, ihr Befehle zu geben. Was fiel ihm eigentlich ein? Roses Gedanken waren ebenso verwirrt wie zornig.
Jack wusste, wie sehr sie es hasste, herumkommandiert zu werden, aber es gab Situationen, da musste einer den Hut aufhaben, fand er. Und diese Situation war seiner Meinung nach so eine, in der auch Rose begreifen musste, dass es besser war, auf jemanden zu hören, der den Überblick hatte.
„Nein, Jack“, beharrte sie.
‚Oh, dieser starrköpfige Rotschopf!‘, durchzuckte es Jack. Es war jetzt wirklich nicht der Augenblick, um bockig zu sein. Das Boot war fast voll – und es gab sonst praktisch keine mehr.
„Steig in das Boot, Rose!“, mahnte er eindringlich. Sie schüttelte den Kopf.
„Nein Jack!“
Begriff er nicht, dass sie auf keinen Fall wieder von ihm getrennt sein wollte?
„Doch! Steig in das Boot!“
Sein Ton duldete keinen Widerspruch mehr. Bevor sie dazu kam, ihm nochmals klarzumachen, dass sie keinesfalls ohne ihn gehen würde, hörten sie eine gar zu vertraute und überaus unwillkommene Stimme:
„Ja. Steig in das Boot, Rose.“
Es war Caledon Hockley, von Lovejoy gewarnt. Geschockt rückte Rose noch näher zu Jack, der sie schützend an sich zog. Hockley sah sie von oben bis unten an. Zitternd stand sie vor ihm, nur in ein dünnes, durchnässtes Kleid gehüllt, eine der Decken aus der Ausrüstung der Titanic um die Schultern gelegt, die Lippen schon fast blau vor Kälte.
„Mein Gott, sieh dich einer an!“, entfuhr es Cal. „Du siehst ja furchtbar aus!“
Er nahm ihr die Decke ab, schob damit Jack gleich von seiner Braut weg und überließ es ihm, die Decke zu halten. Dann zog er den Mantel aus.
„Hier!“
„Helfen Sie beim abfieren der Boote!“, befahl der Leitende Offizier Wilde im Hintergrund.
„Zieh das hier an“, setzte Cal hinzu. „Komm.“
Den Mantel legte er ihr um. Rose sah verblüfft auf den trockenen, von Cal vorgewärmten Mantel, der ihr tatsächlich mehr Wärme gab als die inzwischen ebenfalls nasse Decke.
„Schnell, Ladys. Steigen Sie in die Boote. Bitte, beeilen Sie sich!“, mahnte Wilde zur Eile. Das Schiff sank immer tiefer. Bald würde es problematisch werden, noch Boote auszusetzen.
„Meine Tochter!“, überschrie eine Frau die immer lauter werdende, verängstigte Menge.
„Steig ein“, sagte Jack. „Ich werd’ das nächste nehmen.“
„Nein! Ich geh nicht ohne dich!“, bleib Rose stur.
„Ich komm schon zurecht, ich komm schon zurecht! Ich bin Überlebenskünstler“, beruhigte er sie. „Mach dir meinetwegen keine Sorgen. Also los, steig ein!“
„Ich habe ein Arrangement mit einem Offizier auf der anderen Seite getroffen“, griff Cal ein. „Jack und ich kommen ohne Gefahr von Bord. Wir beide“, versprach er. Rose bekam Zweifel. Cal würde Jack mitnehmen? Eher tauchte die Flying Dutchman mit Davy Jones persönlich am Steuer aus den Fluten auf, um Schiffbrüchige an Bord zu nehmen!
„Siehst du? Ich muss ein eigenes Boot kriegen. Steig ein“, ergänzte Jack zuversichtlich. Rose war immer noch unsicher, ob Cal tatsächlich bereit wäre, Jack einen Platz in „seinem“ Boot zu verschaffen. Aber wenn Jack das selber sagte …
„Und beeil dich. Es ist fast voll“, setzte Cal hinzu und nickte zu dem Boot.
„Steigen Sie ein! Steigen Sie ein!“, kommandierte Wilde und griff Rose, ohne auf ihre Zustimmung zu warten.
„Mach schnell!“, wies Jack sie an. Im Moment behinderte sie mit ihrer Bockigkeit nur die Evakuierung.
„Seien Sie vorsichtig!“, mahnte Wilde half ihr in das Boot.
„Kommen Sie, Madame, ich helfe Ihnen“, rief ein Matrose im Boot und reichte ihr die Hand, um sich sicher ins Boot zu bekommen. Doch Rose ließ Jacks Hand einfach nicht los.
„Bleiben Sie zurück!“, befahl der Leitende Offizier Jack, nur lag es nicht an Jack, dass es nicht weiterging. „Sie sollen zurücktreten!“, kommandierte Wilde und trennte die Hände der jungen Leute recht grob.
„Treten Sie bitte zurück!“, wiederholte er und stellte sich vor die zurückbleibenden Männer am Rand des Bootsdecks. „Und abfieren! Zugleich! Vorsichtig! Auf beiden Seiten gleichzeitig! Gaaanz langsam abfieren! Langsam! So ist gut!“
Das Boot sank langsam hinunter, Cal und Jack blieben an der Reling zurück und sahen dem Boot nach. Rose ließ den Blick nicht von Jack, der sich langsam von ihr entfernte.
„Du bist ein guter Lügner“, bemerkte Cal, ohne Jack anzusehen.
„Fast so gut wie Sie“, erwiderte der junge Mann.
„Langsam abfieren! Langsamer! So ist gut! Vorsicht!“, steuerte Wilde die Matrosen an den Fallen.
„Es … äh … es gibt keine Abmachung, nicht wahr?“, hakte Jack ahnungsvoll nach, ebenfalls ohne Cal anzusehen.
„Langsam abfieren!“, rief Wilde.
„Doch, die gibt es“, bestätigte Cal. „Sie wird dir allerdings nicht viel nützen“, setzte er gehässig hinzu. Innerlich freute er sich geradezu diebisch, dass er Jack und Rose endlich getrennt hatte. Niemals hatte er vorgehabt, Jack tatsächlich einen Platz in „seinem“ Boot zu verschaffen.
„Los, kommen Sie her!“, befahl Wilde einigen Matrosen. „Helfen Sie!“
„Ich gewinne immer Jack“, sagte Cal mit eisigem Grinsen.
„Zugleich, Männer!“, tönte Wildes Stimme dazwischen.
„So oder so“, versetzte Cal.
„Langsamer! Langsamer!“, befahl Wilde den Matrosen. Jack musste schlucken. Er hatte tatsächlich für einen Moment daran geglaubt, dass es in diesem Pinguin noch etwas Gutes geben musste. Er hatte sich geirrt. Nun konnte er nur noch beten, dass es kein tödlicher Irrtum war.
Das Boot mit Rose senkte sich weiter der Wasseroberfläche entgegen.
„Vorsicht! Und weiter abfieren!“, rief der Leitende Offizier Anweisungen. Rose sah hinauf, ihr Blick fand den von Jack.
„Langsamer! So ist’s gut. Schön langsam!“, kamen die Befehle des Offiziers.
Rose fixierte immer noch Jack, doch sie bemerkte auch Cal neben ihm und den Vater der beiden Mädchen, mit deren Mutter sie im Boot saß. Sie sah, dass Jack Tränen in den Augen hatte, dass seine Hand an der Reling zitterte und dass er schwer schluckte. In diesem Augenblick wusste sie, dass Cal sie beide betrogen hatte. Nie würde Cal sich eines Konkurrenten annehmen. Wie hatte sie das nur den Bruchteil einer Sekunde lang glauben können? Tränen stiegen in ihre Augen. Sie nahm plötzlich nur noch Jack wahr. Sie hörte nichts mehr, die Zeit schien sich zu dehnen, alle Bewegungen – so hektisch sie tatsächlich sein mochten –, wirkten mit einem Mal langsam, fast wie in einem Traum oder wie in einem zu langsam abgespielten Film. Eine weitere Rakete stieg auf und explodierte aus ihrer Perspektive genau hinter Jack. Der helle Schein der weißen Signalsterne umgab seinen Kopf wie ein Heiligenschein. Die Explosion dieser Rakete war die Initialzündung bei Rose. Nein, sie durfte Jack auf keinen Fall allein lassen. Ohne sie würde er sterben – und wenn er starb, hatte ihr Leben keinen Sinn mehr. Aber wenn sie bei ihm war, würde er leben …
Sie fasste einen verzweifelten Entschluss. Ohne Rücksicht auf die anderen im Boot drängte sie sich zur Schiffswand hin durch. Augenblicklich erhob sich Geschrei im Boot, aber nicht nur dort.
Cal und Jack glaubten, ihren Augen nicht zu trauen, als Rose nach der Schiffswand griff.
„Rose!“, entfuhr es beiden wie aus einem Munde. Sie griff entschlossen nach der Reling der offenen Promenade auf dem A-Deck, zog das Boot nahe genug heran, um sich an der Reling aus dem Boot zu ziehen.
„Rose!“, schrie Jack.
„Haltet sie auf!“, brüllte Cal. Rose kümmerte sich nicht darum.
„Rose! Was tust du da? Nein!“, schrie Jack voller Entsetzen.
Während sie mithilfe kräftiger Arme einiger Männer auf dem A-Deck wieder auf die Titanic zurückkam und wie von Sinnen über die Promenade zur Tür des Foyers hetzte, drehte Jack von der Reling ab und rannte ebenso rücksichtslos zum Eingang ins Schiffsinnere aus Bootsdeck. Wer ihnen nicht freiwillig aus dem Weg ging, wurde rüde beiseite geschubst.
Jack erreichte die Treppe und traf sie unten am Treppenfuß. Sie fielen sich in die Arme wie nach einer ewig langen Trennung und küssten einander wild und leidenschaftlich.
„Rose! Du bist so dumm! Wieso hast du das getan?“, fragte er schluchzend und küsste sie wieder. „Du bist so dumm, Rose!“ Er küsste sie nochmals. „Wieso hast du das getan!? Wieso?“, keuchte er verzweifelt.
„Wenn du springst, dann spring’ ich auch, richtig?“, wies sie ihn auf ihr gegenseitiges Versprechen hin.
„Richtig!“, bestätigte er mit einem tiefen Schluchzen. Sie küssten sich erneut, umarmten einander so fest, als würde nichts auf dieser Welt sie jemals trennen können.
„Oh, Gott! Ich konnte nicht gehen!“, japste Rose. Oben im Foyer des Bootsdecks erschien Cal am Geländer des Treppenhauses.
„Ich konnte es einfach nicht, Jack!“, schluchzte sie und klammerte sich an ihm fest. Jack seufzte. Jetzt waren sie wieder beide in Lebensgefahr.
„Ist schon gut“, sagte er und streichelte sie beruhigend. „Mir wird schon was einfallen.“
„Ich wollte bei dir sein!“, weinte sie.
„Uns wird schon was einfallen“, erwiderte Jack sanft.
Während seine Worte bei Rose neue Zuversicht bewirkten, erkannte Cal, dass er verloren hatte. Er hatte seinen kostbaren Edelstein Rose an einen mittellosen Niemand verloren.
Lovejoy bemerkte, dass sein Arbeitgeber wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch war. Nathan Hockley hatte ihn einmal dafür engagiert, seinen Sohn vor Schwierigkeiten zu bewahren. Jetzt war Caledon auf dem besten Weg, sich wieder in Schwierigkeiten zu bringen. Lovejoy packte ihn und zog ihn vom Geländer fort, damit er sich wieder unter Kontrolle bekam. Doch Cal wollte sich nicht zur Vernunft bringen lassen.
Für Lovejoy völlig unerwartet riss er sich los, schnappte sich mit einem geschickten Griff die Pistole aus dem Schulterhalfter seines Leibwächters, entsicherte sie und sprang an das Treppengeländer zurück. Jack, der mehr zufällig nach oben sah, bemerkte Cal und die finstere Wolke aus purem Zorn, die ihn zu umgeben schien.
„Komm! Weg hier!“, rief er erschrocken und zerrte die völlig verdatterte Rose mit sich. Cal schoss. Die Kugel traf den geschnitzten Pinienzapfen an der rechten Seite des Treppenfußes und zerteilte ihn in der Mitte. Jack und Rose rannten Hand in Hand ins B-Deck hinunter.
„Komm schon! Komm schon!“, feuerte Jack sie an und zerrte sie mit sich. Rose konnte ihm kaum folgen, hielt sich aber irgendwie auf den Beinen. Cal rannte die Treppe hinunter, um sie einzuholen oder wenigstens in sein Schussfeld zu bekommen.
„Komm, schnell weg! Komm, beeil’ dich!“, hörte er Jacks Rufe. Am Fuß der Treppe im A-Deck wollte Cal auf den Marmorboden springen, setzte aber auf der einen Hälfte des zerschossenen Pinienzapfens auf, rutschte darauf aus und flog der Länge nach hin. Er rappelte sich rasch wieder auf, griff noch im Aufstehen nach der ihm entfallenen Pistole, bekam sie zu fassen und hetzte die nächste Treppe hinunter ins B-Deck.
„Mach schon!“, schrie Jack, der immer wieder nach oben sah, um zu sehen, wo ihr Verfolger blieb. Cal folgte ihnen hartnäckig, die Pistole am ausgestreckten Arm im Anschlag. Die fliehenden jungen Leute erreichten das C-Deck. Cal sah sie und zielte, doch sie waren schon aus seinem Schussfeld verschwunden, bevor er abdrücken konnte. In seiner Wut warf er einen Mann, der im B-Deck am Treppengeländer stand, beiseite.
„Aus dem Weg!“ herrschte er ihn an. Er schoss zum dritten Mal. In seiner kopflosen Wut zielte er nicht richtig und traf statt Jack nur das Wasser, das im D-Deck bereits die Treppe erreicht hatte. Es spritzte bis zum B-Deck hinauf. Rose und Jack waren eben auf dem Weg zum Treppenabsatz zwischen C- und D-Deck. Weder Jack noch Rose kümmerte es, dass das D-Deck bereits bis zur Hälfte der nach oben führenden Treppe überflutet war, sofern sie mit einer Flucht durch das Wasser Caledon Hockley abhängen konnten. Sie sprangen ins Wasser und wateten von der Treppe in Richtung Heck, wo das Wasser noch nicht so hoch stand.
„Beeil’ dich, Rose! Wir müssen hier weg!“, rief Jack. Immer noch hielt er Rose fest an der Hand und ließ sie nicht los.
Vom C-Deck krachte ein vierter Schuss und ließ sie schneller waten. Hinter ihnen erschien Hockley auf dem Treppenabsatz zwischen dem C- und dem D-Deck. Er schoss sofort, als er sie beide sah, traf aber erneut nicht. Der Rückstoß warf Cal in der instabilen Lage seiner planlosen Hatz wiederum aus der Bahn und ließ ihn straucheln. Er konnte sich nur knapp fangen und schoss zum sechsten Mal kurz hinter dem Treppenabsatz. Der nächste Satz führte ihn in das eiskalte Wasser, doch er spürte es nicht einmal. Er sprang hinter die erste weiße Säule, stand bis zum Bauch im Wasser und gab einen siebenten Schuss ab, als er Jack und Rose auf dem Weg zu den französischen Türen des Speisesaals sah.
„Komm Rose! Lauf!“, schrie Jack.
Die Kugel verfehlte Jack weit und schlug in der Trennscheibe zwischen dem Foyer des D-Decks und dem Speisesaal der Ersten Klasse ein, hinterließ ein hässliches Loch mit zahlreichen Sprüngen in der Scheibe.
„Lauf!“, schrie Jack erneut. Sie durchquerten die Tür. Cal wollte nochmals schießen, doch die Pistole blockierte, hatte Ladehemmung.
„Argh!“, entfuhr ihm ein unterdrückter Fluch. Erst jetzt merkte er, dass er schon fast brusttief im Wasser stand und erstarrte fast. Hinter ihm sprudelte Wasser aus dem E-Deck wie aus einem Springbrunnen herauf. Cal sah ein, dass er keine Chance hatte, seinen finsteren Kurzschlussplan in die Tat umzusetzen und gab zähneknirschend auf. Er watete müde zur Treppe zurück. Noch einmal drehte er sich auf dem D-Deck um und fuchtelte mit der blockierten Pistole in Richtung seiner Noch-Verlobten und ihres Geliebten.
„Ich hoffe, ihr genießt eure gemeinsame Zeit!“, schrie er mit einem weinerlich-trotzigen Gesichtsausdruck und wandte sich wieder der Treppe zu.
Rose und Jack hatten wieder trockenen Boden unter den Füßen, nachdem sie den Speisesaal erreicht hatten, aber sie rannten immer noch, als ob der Leibhaftige hinter ihnen her war.
Cal war inzwischen auch wieder auf dem noch trockenen Teil der Treppe, die vom D-Deck hinauf ins C-Deck führte. Er seufzte, dann brach er in ein geradezu irre klingendes Lachen aus. Genau in diesem Moment kam ein über den Affekt seines Arbeitgebers schwer indignierter Spicer Lovejoy vom C-Deck herunter.
„Was, bitte, gibt es jetzt noch zu lachen?“, fragte er. Er konnte kaum glauben, was er im Lauf der Jahre alles für diesen unbeherrschten Mann getan hatte …
Cal sah ihn an. Sein Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Irrsinn, Müdigkeit und dem unschuldigen Augenaufschlag eines Hundewelpen.
„Ich hab’ den Diamanten … in den Mantel gesteckt“, sagte er langsam. Nach einer längeren Pause fuhr er fort: „Und den Mantel hat sie jetzt an!“
Er schrie es in vorwurfsvollem Ton heraus, als hätte Lovejoy ihm den Mantel abgenommen und Rose angezogen.
„Er gehört Ihnen – wenn Sie ihn kriegen können“, bot Hockley hinterlistig an. Vielleicht hatte er Glück und Lovejoy teilte das Schicksal seiner untreuen Verlobten und ihres Galans. Wenn sie alle drei mit dem Schiff untergingen, waren die drei Personen beseitigt, die seinen widerrechtlichen Schusswaffengebrauch bezeugen konnten, weil er einem von ihnen die Waffe geraubt und auf die anderen beiden geschossen hatte. Er gab Lovejoy die Pistole zurück und stieg die Treppe hinauf.
Lovejoy überlegte einen Moment. Der Diamant war ungeheuer viel Geld wert. Wenn es ihm gelang, den Diamanten zu ergattern, war er ein reicher Mann. Er wusste, was Hockley getan hatte. Falls der diese Nacht überlebte und den Deal später bestreiten würde, hatte er ihn in der Hand. Er glitt ins Wasser und musste feststellen, dass es ihm bis zur Brust reichte. Das eisige Wasser biss wie tausende von Nadeln in seinen Körper, doch er watete zielstrebig zum Speisesaal. Nur dort konnten sie nach der Handbewegung Hockleys, aber auch der Logik nach sein. In der anderen Richtung hätten sie nur noch tauchen können …
Der Kammerdiener bewegte sich suchend zwischen Tischen, Stühlen und ornamentgeschmückten Säulen. Er lauschte auf verdächtige Geräusche, die die beiden Flüchtigen verraten würden. Der Speisesaal war wie ein Meer von Tischen – und sie konnten unter jedem davon sein. Ein silberfarbener Servierwagen rollte in Richtung der Schiffsneigung und stieß auf seinem Weg an Tische und Säulen.
Lovejoy blickte sich um. Das Wasser folgte ihm in den Speisesaal. Die Rezeption im Foyer war bereits ein trüber See, die Treppe zum C-Deck bis zum Absatz schon unter Wasser. Ein tiefes Knarren, fast ein Ächzen, tönte durch das Schiff.
Jack und Rose steckten mitten im Speisesaal hinter einem Tisch verborgen. Auch sie sahen, dass das Wasser näher kam. Sie krochen vorsichtig weiter zur nächsten Reihe der Tische
„Bleib hier“, flüsterte Jack und schlich davon, als Lovejoy die erste Tischreihe entlang spähte. Erneut dröhnte ein unheimliches Knarren überlasteter Schotten durch das Schiff. Er fand nichts und ging zur nächsten Reihe weiter.
Ein gut fünf Fuß hoher Metallwagen, auf dem Stapel von Porzellantellern standen, befand sich am Ende des Speisesaals. Die Neigung brachte jetzt auch diesen Wagen ins Rollen. Er fuhr, der Schwerkraft folgend, durch den Gang zwischen den Tischen hindurch, direkt auf Rose zu. Der Wagen schlug an einem Tisch an, die ganze Ladung Porzellan geriet aus dem Gleichgewicht, stürzte und schien auf dem Boden zu explodieren. Die Scherben flogen auch in Roses Richtung. Sie krabbelte eilig aus dem Weg.
Lovejoy fuhr herum und zielte mit der wieder schussfähigen Waffe auf sie. Im selben Moment warf Jack sich von der Seite auf ihn. Zusammen krachten sie in einen Tisch, der unter ihnen zusammenbrach. Sie stürzten zu Boden, hinein ins Wasser, das zwischen den Tischen rasch höher stieg. Sie rangen im eisigen Wasser. Jack gelang es, sein Knie auf Lovejoys rechte Hand zu rammen, womit er ihm die Pistole aus der Hand schlug. Er kickte sie mit dem Fuß in unerreichbare Entfernung. Lovejoy brachte es fertig, sich aufzurappeln und sich wieder auf ihn zu stürzen, aber Jacks Faust fand ihren Weg zu seinem Solarplexus, traf ihn mit voller Wucht. Lovejoy klappte zusammen wie ein Taschenmesser.
„Mit den besten Empfehlungen von den Chippewa Falls Dawsons“, revanchierte Jack sich bissig für den gemeinen Tiefschlag im Büro des Bootsmanns. Er zog ihn am Schlafittchen wieder hoch und rammte ihn gegen eine Säule. Lovejoy sackte zusammen, schlug auf dem überfluteten Boden auf und verursachte dabei einen kräftigen Schwall, der sich durch den Raum fortsetzte, soweit er bereits geflutet war.
„Komm, weg hier!“, forderte Jack Rose auf. Sie rannten eilig bergauf nach hinten Richtung Kombüse. Durch die französische Tür strömte Wasser in den Speisesaal. Tische, Stühle und auf den Tischen befindliches Geschirr trieben in der zunehmenden Strömung, Geschirrteile stießen klirrend aneinander. Das andere Ende des Raumes war bereits bis zur Decke geflutet.
Es dauerte einen Moment, bis Lovejoy wieder zu sich kam und sich nach seiner Pistole umsah. Er fischte sie aus dem Wasser und watete hinter Rose und Jack her.
Sie passierten den Anrichteraum, in dem ein Geschirrregal aus dunklem Holz bis unter die Decke reichte. Dahinter führte eine Treppe nach oben, eine um die Ecke nach unten zum E-Deck, wo auch die Kombüse war. Rose wollte nach oben. Jack hinderte sie.
„Komm!“, rief er zog sie zur Treppe nach unten. Sie schlüpften in den schmalen Niedergang, der noch um eine Ecke nach rechts hinunterführte. Hinter dem Absatz bleiben sie atemlos stehen und lauschten.
Es dauerte nur Sekunden, bis Lovejoy heran war und die Treppen entdeckte. Er nahm an, sie wären nach oben weitergeflohen, was der einzige vernünftige Weg zu sein schien, und sprang, zwei Stufen auf einmal nehmend nach oben.
Jack und Rose warteten noch einen Moment, ob Lovejoy zurückkehren würde, wenn er merkte, dass sie nicht nach oben verschwunden waren. Keine Schritte eines Menschen, nur das unheimliche Knarren des sinkenden Schiffes.
Ein klagendes Schreien aus dem E-Deck ließ ihnen einen Schauder nach dem anderen über den Rücken laufen. Dass sie erneut völlig durchnässt waren und auch deshalb froren, schien ihnen im Moment weniger naheliegend …
Kapitel 25
Erste Opfer
Das Schreien, das die jungen Leute hörten, war nicht die Stimme des Klabautermanns, dafür klang es erheblich zu real. Sie sahen sich am Fuß der Treppe um. Richtig: Gut dreißig Fuß rechts von der Treppe stand ein kleiner Junge, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt und schrie aus Leibeskräften, wagte aber nicht, sich in den um seine Füße wirbelnden, eiskalten Wassermassen zu bewegen. Er stand wie erstarrt und brüllte nur. Ob er Worte herausschrie oder er einfach nur schrie, war für Rose und Jack nicht zu erkennen. Klar war aber, dass der Kleine dort keinesfalls bleiben konnte.
„Wir müssen ihn mitnehmen“, sprach Rose die Erkenntnis aus. Jack sah skeptisch auf das Wasser, das den Niedergang schon von oben herunterfloss. Sie mussten hier dringend weg – sie hätten eigentlich längst weg sein sollen. Aber er konnte ebenso wenig wie Rose jetzt verschwinden, und einen anderen Menschen in akuter Lebensgefahr zurücklassen. Er gab sich einen Ruck.
„Na, komm schon!“, stieß er hervor. Er und Rose sprinteten durch das noch knöchelhohe, aber rasch steigende Wasser auf den brüllenden Jungen zu. Jack nahm ihn auf den Arm, worauf das Kind erschrocken noch lauter schrie. Im selben Moment sah Jack auf die große Doppeltür im Quergang. Aus den Spalten spritzte Wasser – selbst unter der Decke! Der Raum hinter der Tür musste komplett vollgelaufen sein. Wenn diese wenigstens halbwegs abschottende Tür nachgab, war an dieser Stelle im E-Deck schneller Wasser bis unter die Decke, als man bis drei zählen konnte. Den Jungen auf dem Arm, rannte Jack zurück zu der Treppe, die in den Speisesaal hinaufführte. Rose folgte ihm.
Dort erwartete sie jedoch bereits ein richtiger Wasserfall. Das in den Speisesaal eingedrungene Wasser war bis zur Pantry, dem Anrichteraum vor der Treppe, vorgedrungen. Dort gab es kein Entkommen mehr!
„Wieder zurück!“, rief Jack. Sie machten kehrt, um es in einem der Seitengänge zu versuchen. Währenddessen schrie der Junge immer noch so laut, dass Glas in seiner Nähe extrem gefährdet erschien.
Aus einem Seitengang vor ihnen sprang ein Mann in Arbeiterkleidung heraus, der offensichtlich auch auf der Suche nach der Quelle der Schreie war. Er sah Rose und Jack, der den Jungen hielt, sprang durch das steigende Wasser auf sie zu und stieß Beschimpfungen aus, die sie beide nicht verstanden. Möglicherweise sprach der Mann russisch. Dass es Beschimpfungen waren, erkannten sie aus dem rüden Tonfall und der Tatsache, dass einige Male ein Wort fiel, das sie als „Idiot“ identifizierten. Der Mann entriss Jack den Jungen – vermutlich war es sein Sohn – und gab ihm einen heftigen Stoß, der den jungen Mann fast niederwarf. Fluchend watete er hastig zu der Kabine, vor der der Junge gestanden hatte, als Rose und Jack den Kleinen gefunden hatten.
„Nicht dort entlang!“, rief Rose. „Sie laufen in die falsche Richtung!“
„Kommen Sie zurück!“, schrie Jack. Der Mann achtete nicht auf sie. Er kämpfte durch die steigenden Wassermassen vor, bis er vor seiner Kabine den Koffer aufnehmen konnte, der noch davor lag.
„Hier geht es lang!“, rief Rose verzweifelt.
Der Mann mit dem Jungen auf dem Arm stand gerade wieder, als die Doppeltür brach und die dahinter aufgestaute Flut sich mit ungeheurer Gewalt ihren Weg suchte. Vater und Sohn gingen in der Sturzflut unter. Rose und Jack konnten sich gerade noch in den Seitengang retten, aus dem der Vater gekommen war, doch die Flut folgte ihnen unerbittlich. Das Licht flackerte, als das Wasser die Schaltkästen erreichte und Kurzschlüsse in Serie verursachte.
Sie rannten um ihr Leben, doch das Wasser war schneller. Im unsicheren Geflacker des Lichtes, das mehr Blitzen in einem schweren Gewitter glich, riss die Welle sie schließlich um. Hilflos trieben sie durch den Gang, wurden an einem Treppenaufgang glatt vorbeigespült.
„Jack!“, schrie Rose, als sie die Treppe sah, aber sie fand nichts, woran sie sich festhalten konnte.
„Rose!“, brüllte Jack, der kurz aus dem Wasser hochkam; auch er fand keinen Halt. Doch schon wenige Yards dahinter stoppte sie ein geschlossenes Scherengitter. Prustend und stöhnend kamen die jungen Leute wieder auf die Beine. Das Wasser stieg rasch an und würde den Gang binnen Sekunden komplett fluten, das war beiden klar.
„Hier lang!“, schrie Jack, um das Gurgeln des Wassers zu übertönen. Beide versuchten, die Rohre an der Decke zu erreichen, um sich daran zur Treppe zurückzuhangeln. Es war schwierig, an den glatten, durch das Wasser nun auch glitschigen Rohren Halt zu finden, aber irgendwie gelang es ihnen.
„Komm schon! Gib mir deine Hand!“, schrie Jack, der das Gitter des Oberlichtes an der Treppe zuerst erreichte. Rose wurde vom Wasser immer noch in Richtung Gitter gezerrt, aber sie gab nicht auf und versuchte eisern, Jacks Hand zu fassen zu kriegen. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis er sie greifen konnte und nach oben schob, aber diese Zeit gerann nach ihrem Eindruck zu einer Ewigkeit.
Japsend stiegen sie die Treppe hinauf – nur um festzustellen, dass sie in der Falle saßen. Auch dort befand sich eines der Scherengitter – verschlossen!
Verzweifelt rüttelten sie beide am Gitter, aber hier hatten sie keine Möglichkeit, es einzurammen. Hier brauchten sie Hilfe von außen.
„Oh, Gott!“, entfuhr es Rose.
„Hilfe!“, schrie Jack.
„Hilfe!“, unterstützte Rose.
Die Schritte, die sich eilig näherten, waren schier Himmelsglocken in den Ohren der jungen Leute. Es war ein Steward in der weißen Uniformjacke der Dritten Klasse. Er hatte es angesichts des auch hier bereits eindringenden Wassers eilig und nahm die hinter dem Gitter Eingeschlossenen gar nicht wahr.
„Warten Sie, Sir!“, rief Jack hinter ihm her, als er die Treppe genau gegenüber hinaufrennen wollte. „Machen Sie das Gitter auf! Bitte! Bitte!“
„Helfen Sie uns! Bitte!“, flehte Rose. „Helfen Sie uns! Bitte!“
Der Mann zögerte, sah sich um, entschied sich dann zur Flucht. Doch zwei Stufen darauf schlug ihn das Gewissen. Er hielt inne.
„Verdammt nochmal!“, fluchte er – und kam zurück. Noch im Herunterkommen zog er sein Schlüsselbund, aber seine Hände zitterten vor Angst so sehr, dass er den passenden Schlüssel nicht fand, ja nicht einmal richtig zugreifen konnte.
Das Wasser stieg schnell aus dem E-Deck herauf. Jack und Rose hatten Todesangst, alles andere wäre eine handfeste Lüge gewesen – und angesichts der Tatsache, dass während dieses kurzen Gesprächs das Wasser schon bis zu den Knien gestiegen war, mehr als nur verständlich.
„Beeilen Sie sich!“, trieb Rose den Steward an.
„Beeilung! Beeilung!“, mahnte auch Jack. Verzweifelt suchte der Steward nach dem richtigen Schlüssel, fand ihn wiederum nicht.
„Machen Sie schon!“, drängte Rose.
„Los! Los!“, quengelte Jack. Dem Steward stand trotz des eisigen Wassers Schweiß auf der Stirn. Das Wasser reichte ihnen nun bis zum Bauch, und er hatte noch immer nicht den richtigen Schlüssel. Das Schloss verschwand unter dem schnell steigenden Wasser.
„Oh, Gott!“, jammerte der Steward.
„Bitte!“, flehte Rose.
„Schneller!“, drängte Jack.
„Schneller!“, kam es von Rose.
„Worauf warten Sie?“
Ein Kurzschluss peitschte durch das Deck, der Steward ging erschrocken in Deckung, kämpfte weiter mit den Schlüsseln – und verlor vor lauter Panik das ganze Schlüsselbund.
„Tut mir Leid! Ich hab’ sie fallen lassen!“, jammerte er und floh die Treppe hinauf.
„Warten Sie!“, brüllten Rose und Jack wie aus einem Munde, aber er reagierte nicht.
„Warten Sie! Gehen Sie nicht! Bitte, holen Sie Hilfe!“, schrie Rose hinter ihm her. „Oh, Gott!“, jammerte sie, als er sich nicht wieder blicken ließ.
Jack tauchte ab, um die Schlüssel zu suchen. In dem unsteten Licht des mal vorhandenen und mal abwesenden Stroms tastete er unter Wasser auf dem Boden nach dem verlorenen Schlüsselbund. Es dauerte nicht lange, aber erneut gerann die kurze Zeit, bis er das Bund gefunden hatte, zu einer qualvollen Ewigkeit.
„Ich hab’ sie!“, keuchte er, als er wieder auftauchte. „Welcher ist es, Rose?“
Sie dachte hektisch nach. Die langen hatten es nicht getan, dann war es wohl ein kurzer …
„Der … der Kurze!“, japste sie. „Versuch’ den Kurzen!“
Er fingerte eilig den kurzen unter den Schlüsseln heraus und tastete unter Wasser und von außen nach dem Schloss.
„Beeil’ dich Jack!“, flehte sie. Er suchte panisch nach dem Schlosseingang.
„Oh, nein!“, fluchte er, als der Schlüssel nicht fasste. „Oh, nein!“
„Beeil’ dich, Jack!“, drängte Rose. Das Wasser stand ihnen schon beinahe bis zum Hals.
„Er bewegt sich nicht!“, erwiderte er „Er bewegt sich nicht!“
„Beeil’ dich, Jack!“
„Koommm! Kooomm!“, drängte Jack sich selbst und auch an den Schlüssel gewandt.
„Jack!“, kreischte Rose, als das Wasser ihren Mund erreichte.
„Ich hab’s! Ich hab’s!“, jubilierte er, als das Schloss endlich aufsprang. „Beeil dich! Beeil’ dich!“, trieb er sie an.
Das Wasser stieg immer schneller. Als das Tor endlich offen war, sprangen sie hinaus, aber das Wasser war bereits so hoch, dass es sie direkt unter die Decke drückte und die Rohre ernsthafte Hindernisse wurden. Rose gelang es, unter den Rohren hindurch zu tauchen und im Aufgang zum C-Deck wieder an die Oberfläche zu kommen. Entsetzt stellte sie fest, dass sie allein war.
„Jaaack!“, schrie sie verzweifelt. Es konnte doch nicht alles umsonst gewesen sein! Nach bangen Sekunden tauchte auch er wieder auf.
„Jack!“, entfuhr es ihr erleichtert. „Komm endlich!“, trieb sie ihn dann an. Er tauchte unter dem letzten Rohr hindurch. Das Wasser stieg weiterhin schnell und würde in Kürze auch im C-Deck alles überschwemmen. Er wurde von dem nachdrückenden Wasser hochgespült und bekam ihre Hand zu fassen.
„Mach! Mach!“, trieb er sie an. Sie gewannen vorerst trockenen Boden unter den Füßen und beeilten sich, dem steigenden Wasser zu entkommen, das sie schier verfolgte.
Auf dem Bootsdeck waren jetzt nur noch die vier Reserveboote vorhanden, die zwischen den Schornsteinen auf dem Dach der obersten Aufbauten verstaut waren. Um sie einsetzen zu können, mussten sie klargemacht werden, also in die Davits eingehängt werden. Es war schon unter Übungsbedingungen schwer genug, die unhandlichen Boote aus ihrer Transportposition herunterzubekommen; unter den Gegebenheiten einer Notsituation schien es völlig unmöglich.
Der Bug der Titanic war inzwischen so tief abgesunken, dass das Wasser schon über das vordere Schanzkleid* der Aufbauten des A-Decks strömte – nur noch ein Deck unter der Brücke. Die Crewmitglieder auf dem Bootsdeck, das auf Brückenhöhe lag, hatten an den Aufbauten die zu den Booten gehörenden Riemen angelegt, um sie darauf das Deck gleiten zu lassen, doch die zunehmende Schräglage, ihre eigene Aufregung und die Unruhe der panischen Passagiere erschwerten ihnen die ohnehin nicht leichte Aufgabe.
„Das schaffen wir nicht!“, schrie einer der Matrosen.
„Treten Sie zurück!“, herrschte einer der koordinierenden Offiziere die durcheinander schreienden und drängelnden Leute an. Er und einige weitere hatten eine Kette gebildet, um die Leute zurückzuhalten und das Klarmachen des Bootes zu ermöglichen. Ein Schuss krachte, mit dem er sich offenbar Respekt verschaffen musste.
„Langsam!“, riefen noch einige Männer im Chor am vorderen Reserveboot der Steuerbordseite, aber es war zu spät. Es rutschte den Männern aus den Händen und krachte unplanmäßig auf das Deck, wobei das schwere Boot gleich noch mehrere Riemen zerbrach. Immerhin blieb das Boot selbst heil. William Murdoch, der Erste Offizier, arbeitete sich über Tampen* und Klampen* zum Niedergang, der zum offenen Teil des A-Decks führte. Zu seinem blanken Entsetzen sah er, dass das Wasser im A-Deck schon am Fuß des Niedergangs stand. Durch das offene Schott der Außenwand am Promenadendeck sprudelte Wasser in den Zugangsraum zum Niedergang. Murdoch drehte um und sprang zum Boot zurück.
„Macht es an den Davits fest! Die Talje* befestigen! Na los! Wird’s bald?“, wies er die Matrosen barsch an.
Am Zugang zum Bootsdeck kam Caledon Hockley wieder auf das Deck. Im vorderen Bereich des Bootsdecks waren nur noch Männer, die jetzt auf die letzten noch vorhandenen Boote zustürzten. Cal wurde geradezu in den Strom hineingezogen. Er blieb hinten in der Menge und konnte nicht sehen, was sich vor ihm tat. Für jemanden wie ihn, der es gewohnt war, entweder gleich vorne in der ersten Reihe zu stehen oder jedenfalls widerspruchslos dorthin vorgelassen zu werden, wenn es zufällig anders kam, war es unerhört, dass man ihn einfach abdrängte.
„Na, macht schon!“, trieb Murdoch weiter vorn seine Leute an.
„Bleiben Sie zurück!“, stoppte ein anderer Offizier die heran flutende Menge.
„Worauf wartet ihr? Es sind noch Frauen und Kinder. Die kommen zuerst rein!“, vernahm Hockley die Stimme des Offiziers. „Sie werden zurückbleiben!“, bremste der Offizier die Männer aus.
Cal suchte nach einer Möglichkeit, sich einen besseren Überblick zu verschaffen und fand ihn in einem etwa hüfthohen Metallaufbau. Wozu das Teil diente, war ihm völlig gleich, sofern es ihn nur trug. Er stieg hinauf.
„Ihr sollt die Talje befestigen, sagte ich!“, brüllte Murdoch die Matrosen an. Plötzlich forderte ein anderes Geräusch Cals Aufmerksamkeit: ein klagendes Weinen. Er sah hinunter und bemerkte ein kleines Mädchen, das sich hinter dem Metallaufbau vor der allgemeinen Panik instinktiv in Sicherheit gebracht hatte. Die Kleine war allein.
Jack und Rose rannten währenddessen Treppe um Treppe nach oben, um dem höher steigenden Wasser zu entkommen.
„Lauf weiter!“, trieb er sie an, als sie kurz in ihren Anstrengungen nachließ.
„Hören Sie auf, zu drängeln!“, herrschte der Leitende Offizier Wilde die Menge auf dem vorderen Steuerbord-Bootsdeck an, die zumeist aus Männern bestand. Weil die Offiziere und einige Matrosen die gesamte Breite des Decks vor dem letzten Boot absperrten, staute sich die Menge in der Breite. Für einen der Männer kam die Mahnung zu spät. Er wurde so weit zur Kante des Bootsdecks abgedrängt, dass er ins Leere trat und schreiend in die eiskalten Fluten des Nordatlantiks stürzte.
„Bleiben Sie zurück! Sie soll’n zurückbleiben!“, brüllte William Murdoch die in Todesangst drängelnden Männer an und bedrohte sie mit seinem Webley-Revolver. Tommy Ryan, der mit Fabrizio de Rossi ganz vorne in der nachdrückenden Menge stand, hatte den Verdacht, dass die britischen Schiffsoffiziere die gut fünfzig erwachsenen männlichen Iren, die in Queenstown als Passagiere der Dritten Klasse an Bord gegangen waren, absichtlich von den Booten fernhielten.
„Gib uns gefälligst ‘ne Chance zum Überleben, du dreckiger Bastard!“, schleuderte er Murdoch zornig entgegen. Der Erste Offizier hatte keine nationalistischen Vorbehalte, er wollte aber sicherstellen, dass das Boot unbehindert klargemacht werden konnte. Nachdem der Leitende Offizier Wilde deutlich gemacht hatte, dass Frauen und Kinder Vorrang vor den erwachsenen Männern hatten, musste er auch Sorge dafür tragen, dass diese tatsächlich bevorzugt in die Boote kamen. Erst dann konnte er wieder daran denken, auch Männer in die Boote zu lassen. Er fuchtelte wild mit dem Revolver vor den Männern herum.
„Ich werde jeden erschießen, der versucht, an mir vorbeizukommen!“, drohte er.
„Bastard!“, fluchte Tommy.
„Gehen Sie zurück!“, schrie Murdoch. Begriffen diese Leute eigentlich nicht, dass sie mit ihrem Gedrängel nur ihre eigene Rettung verhinderten?
Caledon Hockley drängte sich nach vorne durch.
„Wir hatten eine Vereinbarung!“, fuhr er Murdoch an. Der Erste Offizier sah ihn zornig an.
„Ihr vieles Geld kann Sie genauso wenig retten wie mich!“, fauchte er. „Also bleiben Sie zurück!“, ergänzte er und gab Hockley einen herzhaften Stoß, der ihn zurückwarf. Mit der Rechten fischte er die Geldscheine aus seiner Manteltasche und warf sie Cal wütend zurück. Der Stapel löste sich auf und schien sich in großformatiges Konfetti zu verwandeln, als es den indignierten Stahlerben umsegelte.
Jemand in den hinteren Reihen wollte sich nach vorne durcharbeiten, schaffte es nicht am Boden und sprang mit einem gewaltigen Satz über die Köpfe einiger Männer. Murdoch reagierte und schoss noch in der Drehung, traf den Mann tödlich. Im selben Moment drängelte jemand hinter Tommy und Fabrizio so heftig, dass Tommy dadurch nach vorn geschubst wurde. Murdoch bekam es nur aus dem Augenwinkel mit, wirbelte zurück und schoss sofort. Die Kugel traf Tommy in Höhe der mittleren rechten Korkplatte seiner Schwimmweste, durchschlug sie samt der Kleidung, die Ryan darunter trug, und verursachte eine tödliche Verletzung in der oberen rechten Bauchgegend. Tommy brach zusammen. Augenblicklich stand alles still. Fabrizio warf sich sofort über seinen Freund.
„Hallo! Tommy! No, no! Tommy! No!“, klagte er. Er sah Murdoch an.
„Bastardo!“, beschimpfte der Italiener den Offizier. „Oh, no! Oh, no! Tommy!“, rief er, wie um Tommy allein mit Worten ins Leben zurückzuholen.
William Murdoch stand wie erstarrt. Er hatte in seiner Überreaktion zwei Menschen getötet! Entsetzt über sich selbst trat er zurück an den Rand des Bootsdecks, während die Matrosen immer noch dabei waren, das Boot in die Davits einzuhängen.
„Aiuto, per favore!“, flehte Fabrizio um Hilfe, während Murdoch ein Mauseloch suchte, in dem er sich verkriechen konnte, und keines fand. Er hatte auf der ganzen Linie versagt. Er hatte zu spät den Ausweichbefehl gegeben, wodurch es zu der verhängnisvollen Kollision mit dem Eisberg überhaupt erst gekommen war. Seine Aufgabe als Offizier dieses Schiffes nach der Kollision war es, so viele Menschen wie möglich zu retten. Zwei von denen, die er hätte retten sollen, waren durch seine Schuld tot. Diese Schande war für ihn zu viel. Er sah sich noch einmal um, legte die rechte Hand an die Mütze zum Gruß. Mit der Linken führte er den Revolver an seine Schläfe. Henry Wilde erkannte, was der Erste Offizier vorhatte.
„Nein, Will!“, schrie er. Es war zu spät. Murdoch drückte ab, ein Schuss krachte. Der entseelte Körper des Ersten Offiziers fiel rücklings in den eiskalten Atlantik, während seine Seele sich auf den Weg zu Davy Jones machte, zum Fährmann der Seelen.
Der Mann, dem wohl der größte Teil der männlichen Passagiere, die diese Nacht überleben sollten, ihr Leben verdankten, gehörte zu den ersten Todesopfern, die der unabwendbare Untergang der Titanic fordern würde.
Kapitel 26
Näher, mein Gott, zu Dir
Auf der Backbordseite hatten die Offiziere und Matrosen dieselben Schwierigkeiten mit dem widerspenstigen Rettungsmittel. Hier allerdings standen der Crew auch noch die Passagiere fast auf den Füßen.
„Die Boote müssen erst klargemacht werden!“, brüllte Lightoller. Das Boot krachte mit voller Wucht auf das Deck.
„Treten Sie zurück!“, ermahnte der Zweite Offizier die Leute.
Auf der Steuerbordseite ahnte Caledon Hockley, dass jedenfalls die männlichen Passagiere, die jetzt noch auf dem Bootsdeck standen, keine Chance mehr hatten, noch einen – legalen – Platz in einem Boot zu bekommen. Wenn Geld bei den von ihm als Moralapostel verachteten Schiffsoffizieren keine Wirkung hatte, musste er eben zu anderen Mitteln greifen. Er erinnerte sich an das weinende Kind, das er wenige Minuten zuvor in der Ecke des Steuerbord-Bootsdecks gesehen hatte. Er arbeitete sich dorthin zurück und fischte die Kleine aus der Ecke. Sie weinte nach wie vor herzzerreißend. Wenn das nicht dazu führte, dass er einen Bootsplatz bekam, wollte er der Osterhase persönlich sein!
„Ich hab’ ein Kind!“, schrie Cal und übertönte damit das Geschrei, was allgemein auf dem Deck herrschte. „Ich hab’ ein Kind!“
„Geben Sie den Weg frei!“, befahl Henry Wilde, der die Evakuierungsbemühungen nun auf dem vorderen Steuerbord-Bootsdeck selbst leitete. Die Reihe teilte sich tatsächlich, und Cal konnte nach vorne durchgehen.
„Hier ist noch ein Kind!“, rief er. Als er direkt vor Wilde stand, setzte er einen tieftraurigen Hundeblick auf. „Bitte! Ich bin der Einzige, den sie noch hat!“, log er ungeniert und hoffte, dass der Leitende Offizier ihm die Lüge abkaufte. Der sah ihn einen Moment an, schien abzuwägen, ob er ihm glauben sollte oder nicht. Er entschied sich, dem mitleidheischenden Blick des Frackträgers vor sich zu glauben.
„Gehen Sie!“, wies er ihn mit einer Kopfbewegung zum Boot an. „Zurückbleiben! Bleiben Sie zurück, hab’ ich gesagt! Nur Frauen und Kinder!“, fuhr er gleich darauf die anderen Männer an, die fassungslos mit ansehen mussten, dass sich dieser freche Pinguin doch noch einen Bootsplatz erschlichen hatte.
„Miss!“, forderte Cal die Aufmerksamkeit einer jungen Frau, die bereits im Boot saß und reichte ihr das kleine Mädchen. Er stieg ein und setzte sich neben sie auf die Ducht.
„Geben Sie her!“, winkte er ihr dann und nahm ihr das Kind wieder ab, setzte es auf seinen Schoß.
„Es hat doch keinen Sinn!“, bremste hinter ihm Henry Wilde die wütende Menge von Männern aus.
„Scchhh!“, beruhigte Cal das kleine Mädchen.
„Bleiben Sie ganz ruhig sitzen!“, forderte ein Matrose im Boot eine Frau auf, die eine Reihe hinter Cal saß.
Jack und Rose hatten inzwischen den Rauchsalon der Ersten Klasse erreicht. Er schien völlig leer zu sein, aber als sie am Kamin vorbeikamen, bemerkte Rose, dass vor dem Kamin, in dem immer noch ein munteres Feuer brannte, Thomas Andrews stand. Er stand da und sah teilnahmslos auf die Uhr.
„Warte!“, hielt sie Jack zurück. „Warte, warte!“
Sie ließ Jacks Hand los und ging auf Andrews zu.
„Mr. Andrews!“, sprach sie ihn an. Er schaute zu ihr und schien wie aus weiter Ferne zurückzukommen.
„Oh, Rose …“, sagte er langsam und leise.
„Wollen Sie denn nicht versuchen, sich zu retten?“, fragte sie verblüfft. Er stand immer noch zusammengesunken am Kamin. Sein Stolz, das größte und luxuriöseste Schiff seiner Zeit, ging unter. Für Thomas Andrews war es ein Stich ins eigene Herz. Dass es überhaupt sinken konnte, dass die wenigen und eher kleinen Risse im Rumpf den Untergang besiegelten, schob er auf sein Unvermögen als Konstrukteur.
„Es … tut mir Leid, dass ich Ihnen kein stabileres Schiff gebaut habe, kleine Rose“, sagte er leise, wie um Entschuldigung bittend. Rose sah ihn entsetzt an, als sie begriff, dass er keine Anstalten machen wollte, sein Leben zu retten. Jack holte sie in die Wirklichkeit zurück.
„Es sinkt immer schneller!“, mahnte er und nahm sie wieder an der Hand. „Wir müssen uns beeilen!“
Rose wollte ihm folgen, aber es kam wieder etwas Leben in Thomas Andrews.
„Warten Sie“, sagte er. Er trat an den Tisch, auf dem seine Rettungsweste lag, und nahm sie in die Hand. Er ging auf Rose zu und gab ihr die Weste.
„Viel Glück“, sagte er leise. Rose konnte nicht anders: Sie umarmte ihn zum Abschied.
„Ihnen auch“, sagte sie. Nur zögernd ließ sie ihn los, um den Rauchsalon durch die Drehtür zu verlassen. Jack folgte ihr und nickte Andrews zum Abschied zu.
Ein Steward eilte mit zwei Rettungswesten in der Hand durch die große Empfangshalle unter der riesigen Glaskuppel.
„Mr. Guggenheim?“, rief er und reckte sich fast den Hals nach dem Maschinenbaumagnaten aus. Benjamin Guggenheim und sein Butler Victor Giglio kamen die Treppe vom Bootsdeck herunter, wo Benjamin seine Mätresse in ein Boot verabschiedet hatte. Beide waren elegant gekleidet. Der Butler trug einen schwarzen Frack nebst passender Hose, dazu eine schwarze Weste, ein weißes Hemd mit vorn umgeschlagenem Stehkragen – umgangssprachlich Vatermörder genannt – und eine schwarze Fliege. Benjamin Guggenheim trug ebenfalls Frack, aber weiße Weste und weiße Fliege, noch einen weißen Schal und als Krönung einen schwarzen Zylinder.
„Die sind für Sie, Mr. Guggenheim!“, rief der Steward und hob die Rettungswesten an. Guggenheim hob abwehrend die linke Hand.
„Nein, vielen Dank. Wir sind angemessen gekleidet und bereit, wie Gentlemen unterzugehen“, entgegnete er mit einem ebenso fatalistischen wie ritterlichen Stolz, den der britische Steward bei einem Amerikaner wohl nicht erwartet hatte. Der Maschinenmagnat passierte den Steward, der etwas unschlüssig auf der Treppe stehenblieb. Am Fuß der Treppe drehte er sich noch einmal um.
„Aber wir hätten gern einen Brandy“, setzte er hinzu.
An Backbord, knapp hinter der Brücke, kämpfte die Crew immer noch mit dem abgestürzten Reserveboot. Der einzige ruhende Pol an dieser Stelle war Captain Edward Smith, der anscheinend teilnahmslos dastand, nicht dazuzugehören schien und wie ein Fremdkörper wirkte. Die Arbeit, sich um die Rettung der Passagiere zu kümmern, überließ er an dieser Stelle seinem Zweiten Offizier Lightoller.
„Richtet das Boot auf und bringt die Taljen her!“, befahl Lightoller. „Na, macht schon! Beeilung! Und jetzt ‘rüber damit! So ist es gut! Richtet endlich das Boot auf, verdammt nochmal!“
Smith wandte sich ab. Einerseits prallte die Panik, die auf seinem Schiff herrschte, augenscheinlich am Captain ab, andererseits war er von der Eiskollision und der Tatsache, dass – wenn überhaupt – nur die Hälfte aller Menschen an Bord gerettet werden konnte, derartig geschockt, dass nichts mehr für ihn Bedeutung hatte. Er drehte sich von dem Chaos am Boot weg zum Schanzkleid der Brücke. Die Lichter des hier längst überfluteten A-Decks beleuchteten gespenstisch das durch den Niedergang herauf sprudelnde Wasser. Von den Niedergängen an Backbord und Steuerbord breitete es sich schon auf dem Bootsdeck aus. Der freie Bereich der Brücke war bereits bis zu den Aussparungen der Treppen überschwemmt – und es kam näher.
„Herr Kapitan …“, sprach eine Frau Smith an. Langsam drehte er sich zu ihr um. Hinter ihm stand eine Frau, die einen Säugling im Arm hielt. Ihrer Aussprache nach war sie definitiv keine Britin.
„Herr Kapitan … wohin soll ich gehen, bitte?“, fragte sie und hob ihr Kind an. Smith sah sie an, als wäre sie ein Gespenst. Wortlos wandte er sich ab und steuerte auf die Brücke zu.
„So ist es gut! Jetzt hoch damit!“, schrie Lightoller. Während Smith wie in Trance dem Wasser entgegenging, rannte einer der Matrosen hinter ihm her.
„Captain!“, schrie er. „Captain, Sir!“
Smith blieb kurz stehen und drehte sich wieder um. Der Matrose hielt ihm eine Rettungsweste hin. Der Captain sah unverwandt darauf und ging weiter, ohne sie anzunehmen. Ratlos sah der Matrose seinem Captain nach. Mit langsamen Schritten ging Smith weiter, kam in den Teil der Brücke, der ohne Türen seitlich offen war, nach vorn aber durch Scheiben geschützt war. Das Wasser stand hier schon bis zu den Maschinentelegrafen, das Steuerrad in der Mitte war zur Hälfte bereits unter Wasser. Wie aus weiter Ferne klangen die Töne des Walzers „An der schönen blauen Donau“ an die Ohren des Captains. Näher klangen Lightollers hektische Befehle:
„Das Schiff kann jeden Augenblick sinken! Macht die Taljen los! Macht die Taljen los! Vorsicht da hinten!“
Captain Edward John Smith betrat den geschlossenen Teil der Brücke und schloss hinter sich die Tür. Hier, am Steuer seines todgeweihten Schiffes wollte er bleiben. Er würde mit dem Schiff untergehen, wie es sich für einen wahren Captain der britischen Marine gehörte.
Weiter hinten auf dem Bootsdeck strichen die Männer von Wallace Hartleys kleinem Decksorchester die letzten Akkorde des Strauß-Walzers. Um sie herum war eine Kakophonie durcheinander schreiender Menschen.
„Kommt hier ’rüber! Ihr müsst das nächste Boot klarmachen!“, brüllte einer der Offiziere.
„Gut, das wär’s“, entließ Hartley seine Leute. Der Zweite Geiger, John Hume, trat zu ihm.
„Leb’ wohl, Wally. Viel Glück“, verabschiedete er sich. Fred Clark, der Mann an der Bratsche, war der nächste:
„Mach’s gut“, wünschte er.
„Alles Gute, Wallace“, sagte auch der Cellist George Woodward zum Abschied. Die drei Männer gingen nach achtern, wo sie noch ein Boot vermuteten.
Ein kleines Mädchen in der Nähe kam kaum hinter seiner Mutter her.
„Mami, warte auf mich!“, rief die Kleine.
Wallace Hartley blieb allein zurück. Das Schiff lag schon sehr tief. Auch der Musiker konnte nicht mehr übersehen, dass das Bootsdeck im vorderen Bereich überspült wurde. Es würde nicht mehr lange dauern, bis das Schiff endgültig versank. Es würde viele Tote geben, das war angesichts der zwar mehr als vorschriftsmäßigen, aber keinesfalls ausreichenden Bootsplätze klar. Hartley erfasste Trauer. Er hob seine Violine wieder ans Kinn und stimmte den Choral Nearer My God to Thee in der Melodieversion Bethany des Amerikaners Lowell Mason an; ein Stück, das oft auf Beerdigungen gespielt wurde. Wallace Hartley liebte dieses Stück mit seiner getragenen Melodie, die der Tragik des Augenblicks sehr viel angemessener war als der fröhliche Walzer An der schönen blauen Donau …
John Hume hörte die ersten Takte des melancholischen Stücks und kehrte zu Hartley zurück. Auch er setzte seine Violine an, passte die richtige Note ab und stieg wieder mit ein. Auch Bratschist Clark und der Cellist Woodward kamen zurück und stimmten mit ein. Es war die Hymne dieser tragischen Nacht – und sie war wie für die Ereignisse geschrieben, die zeitgleich zum Spiel des Streicherquartetts geschahen:
Brücke:
Captain Edward Smith war allein im geschlossenen Bereich der Brücke. Er hatte auch die Steuerbordtür geschlossen. Der offene, vordere Teil war bereits vollständig unter Wasser. Die Steuereinrichtungen waren vom Blanken Hans* schon verschluckt. Die Fenster vor den Maschinentelegrafen und dem vorderen Steuerrad sanken rasch unter die Wasserlinie, an den Fenstern des hinteren Steuerstandes stieg der Wasserstand rasant an. Innerhalb der wenigen Sekunden, die Smith benötigte, um von der geschlossenen Tür zum Steuerrad zu treten und eine Hand darauf zu legen, stieg das Wasser von der halben Höhe zwischen Boden und Fenstern bis eine Handbreit oberhalb der Fensterkante des geschlossenen Steuerstandes. Durch die Ritzen der Türen drang bis zur halben Höhe der Türen Wasser in den inneren Steuerstand.
Rauchsalon der Ersten Klasse, A-Deck:
Thomas Andrews stand völlig allein vor dem brennenden Kamin, auf dessen marmornem Sims eine etwa drei handbreit große Uhr stand. Ebenfalls auf dem Sims, nicht weit von der Uhr entfernt befand sich ein zu einem Drittel gefülltes Weinglas, näher an der Uhr ein Whiskyglas, in dem etwa zwei fingerbreit Brandy war. Die Flüssigkeiten in den Gläsern zeigten deutlich den Neigungswinkel des Schiffes.
Andrews zog seine Taschenuhr hervor und verglich die Zeit. Seine Taschenuhr zeigte zwölf Minuten nach zwei Uhr morgens, die Standuhr neun Minuten nach zwei Uhr. Das Weinglas mit dem deutlich höheren Schwerpunkt fiel vom Kaminsims und zersprang klirrend am Boden. Er steckte die Taschenuhr wieder ein, öffnete das Uhrglas der Standuhr und schob den Minutenzeiger auf zwölf nach zwei vor und schloss das Uhrglas wieder. Auch das Brandyglas rutschte vom Kaminsims und zerschellte am Boden. Thomas Andrews stützte sich am Sims ab wartete mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen auf den Untergang.
Erste Klasse, C-Deck, Kabine C-55:
Ida und Isidore Strauss lagen angezogen auf dem Bett, Isidor umarmte seine geliebte Frau, die ihn nicht hatte verlassen wollen. Durch die geschlossene Tür der Kabine strömte mit hohem Druck Meerwasser und sprudelte um die Füße des Bettes. Ida hatte die Augen fest geschlossen. Ihr Gesicht verriet ihre Furcht vor dem nahen Ende, aber sie war nicht allein. Isidore richtete sich halb auf, ihre Hände fanden sich wie die eines frischverliebten Paares und umschlossen einander voller Liebe. Er gab seiner Frau einen zärtlichen Kuss auf die Wange. Sie waren zusammen, nicht einmal der Tod konnte sie trennen.
Dritte Klasse, Achteres G-Deck:
Irgendwo in den achteren Kabinen der Dritten Klasse hatte jene junge Mutter ihre Kabine, die mit ihrer Tochter und ihrem Sohn so vorbildlich und geduldig gewartet hatte, dass die Scherengitter geöffnet wurden, um die einfachen Menschen nach oben zu lassen. Sie hatte vergeblich gewartet.
Mit ihren Kindern war sie in die Kabine zurückgekehrt. Die Kinder lagen in ihrem Bett eingekuschelt, ihre Kuscheltiere in den Armen und lauschten der Gute-Nacht-Geschichte, die ihre Mutter ihnen erzählte, der letzten Gute-Nacht-Geschichte ihres viel zu kurzen Lebens.
„Und so lebten sie noch dreihundert Jahre glücklich und zufrieden im Lande Tir na nÓg**. Im Land der ewigen Jugend und Schönheit“, beendete die Mutter die Geschichte. Ihre Kinder schlossen die Augen, um sie erst wieder in Tir na nÓg an der Seite ihrer Mutter zu öffnen … Doch der Weg dorthin war noch hart und kalt …
Erste Klasse, B-Deck, Suite B-52 bis B-56:
In der Suite, die Roses Familie belegt hatte, trieben die erst vor wenigen Tagen in Paris gekauften Gemälde knapp unter der Wasseroberfläche durch den überfluteten Raum. Die Wasserlilien von Monet schienen wie in ihrem Element, selbst die Tänzerin von Degas erwachte durch die Reflexionen der noch angeschalteten Raumbeleuchtung in den kleinen Wellen schier zum Leben.
Bootsdeck:
Während die Musiker um Wallace Hartley den Choral spielten, spitzte sich die Situation dort bedrohlich zu. Die Front des Bootsdecks versank in den eisigen Fluten des Atlantiks, der Bereich um die vorderen Reserveboote wurde schnell überspült. Gurgelnd und sprudelnd schoss das Wasser aus dem Niedergang. Wer davon gepackt wurde und sich nicht festhalten konnte, wurde über Bord gespült. Fabrizio kniete neben Tommy und zerrte verzweifelt an den Verschnürungen der Rettungsweste seines toten Freundes.
„Wir haben keine Zeit!“, schrie Wilde. „Die Seile kappen! Die Seile! Worauf wartet ihr?“
„Ich brauch’ ein Messer!“, schrie einer der Matrosen zurück, der vergeblich mit den Leinen der Talje kämpfte. „Es geht nicht ohne Messer! Beeilt euch!“
Auf der Backbordseite lag das vordere Reserveboot B immer noch kieloben auf dem Deck, blockiert durch verdrehte Leinen. Lightoller turnte durch die Leinen, um die Blockierung zu lösen.
Fabrizio hatte es endlich geschafft, Tommy die Weste abzunehmen und sie selbst anzulegen. Er stand schon bis zu den Knien im wild wirbelnden Wasser.
„Kappt die verdammten Seile!“, brüllte Wilde. Der junge Italiener griff in die Hosentasche und holte sein Klappmesser heraus, öffnete es mithilfe der Zähne und half den Matrosen, die Seile des Reservebootes durchzuschneiden. Um ihn herum tobte das Chaos schreiender Menschen, die vor den unerbittlichen Fluten des Atlantiks nach achtern flohen.
Hockley, der in dem Reserveboot A auf der Steuerbordseite saß, kam der Verdacht, dass es mit dem Boot nicht klappen würde. Er nahm das nun still weinende Mädchen von seinem Schoß und reichte es der Frau, die ihm gegenübersaß.
„Hier!“, sagte er und stieg rückwärts aus dem Boot wieder aus.
Auf der Backbordseite sah Charles Lightoller ein, dass er ohne eine scharfe Klinge nicht auskam. Das Boot war zwar halb umgedreht, die Strömung des über das Schanzkleid einfließenden Wassers drückte es aber gegen den Aufbau.
„Gib mir das Messer!“, schrie er.
Großes Treppenhaus, A-Deck:
Benjamin Guggenheim saß in einem bequemen Sessel gegenüber der großen Treppe, die unter der riesigen Glaskuppel zum Bootsdeck hinaufführte. Der Salon hinter der Treppe war bereits vollständig geflutet. Rechts und links wurden Menschen mit Rettungswesten aus dem Salon gespült oder versuchten, der gnadenlosen blaugrünen Flut nach oben zu entkommen. Sie stolperten vorwärts, weil die beißende Kälte des Wassers ihnen die Kraft aus den Beinen zog. Hinter dem Maschinenmagnaten saß mit eher besorgtem Blick sein Diener Victor Giglio. Dabei galt die Besorgnis des knapp Vierundzwanzigjährigen eher der Frage, ob die in Panik wild durcheinander laufenden Menschen den Sessel seines Arbeitgebers umwerfen würden, als der Angst vor dem Tod. Wie bei seinem Arbeitgeber entsprach es nicht seinem Wesen, sich retten zu lassen, wenn andere dafür sterben mussten. Gleichwohl schaute Benjamin Guggenheim das unaufhaltsam näher kommende Wasser mit weit aufgerissenen Augen an.
Auf dem Bootsdeck rannten verängstigte Menschen vor dem bitter kalten Wasser davon, versuchten, sich weiter nach achtern in relative Sicherheit zu bringen. Längst nicht alle schafften es. Viele wurden von den wirbelnden Wassermassen erfasst und von Bord gerissen.
In der Nähe des Eingangs zu den Salons der Ersten Klasse im mittleren Aufbau des Bootsdecks stand Hartleys kleines Orchester und spielte den Choral als Begleitmusik zu der immer größer werdenden Panik. Es waren die letzten Akkorde des Stücks. Als es beendet war, hatte das Wasser schon den halben mittleren Aufbau erreicht. Hartley konnte seinen Blick nicht von dem rasch näherkommenden Wasser abwenden, als er sagte:
„Gentlemen, es war mir eine Ehre, heute mit Ihnen spielen zu dürfen.“
Kapitel 27
Rette sich, wer kann!
Captain E. J. Smith stand in der geschlossenen Innenbrücke und hielt das Steuerrad fest in beiden Händen. Es war für ihn Halt in diesen Momenten, von denen er nur zu genau wusste, dass es seine letzten auf dieser Erde sein würden.
Die seitlich offene Vorderbrücke war vollständig unter Wasser. Die Lampen, die auch unter Wasser noch leuchteten, gaben in dem durch Myriaden winziger Luftbläschen leicht trüben Atlantikwasser ein gespenstisches, bläulich-grünes Licht, das die Eigenbeleuchtung der Innenbrücke diffus überstrahlte. Durch die Ritzen und Spalten der Brückenbauteile spritzte mit hohem Druck das Wasser, das die Innenbrücke nun vollständig bis über das Dach einschloss.
Und dann barst die erste Scheibe an der Backbordseite der Brücke. Innerhalb weniger Momente implodierten auch die anderen Scheiben. Wasser und scharfkantige Glassplitter schossen mit ungeheurer Wucht in das Steuerhaus, brodelten in einem gewaltigen Strudel um den unglücklichen Captain und verschlangen ihn in fünf Sekunden.
Auf dem Bootsdeck bewirkte die Implosion der Brücke einen Schwall Wasser, der die Menschen dort nach hinten trieb – sofern sie nicht gleich von den Füßen und vom Schiff gerissen wurden.
Fabrizio gelang es auf der Steuerbordseite endlich, das Fall zu kappen, aber er wurde von der massiven Strömung weggerissen und unter einen Davit gedrückt.
Der gleiche Schwall, der Fabrizio fortgerissen hatte, ließ das Reserveboot A bedrohlich hochkommen. Caledon griff nach dem Fall und zog sich auf den Rand des Bootes und hielt sich an der Reling des Dachs fest, auf dem die Reserveboote gelegen hatten. Die, die an der rechten Seite des Bootes gesessen hatten, wurden aus dem Boot gerissen. Das zweite Reserveboot an Steuerbord war durch die Implosion der Brücke gekentert. Die Leute, die hier nicht gleich weggespült worden waren, klammerten sich an das nun kieloben treibende Boot.
Cals waghalsige Aktion, die zuerst seiner eigenen Sicherheit gedient hatte und weniger der Stabilisierung des Bootes, bewirkte, dass das Reserveboot wieder zurückschwang. Zwar hatte es reichlich Wasser genommen, aber es schwamm.
Andere versuchten, sich nach achtern in vorläufige Sicherheit zu bringen, doch zahlreiche Menschen traten bei der kopflosen Flucht auf dem zum Wasser ungesicherten Bootsdeck nach hinten ins Leere und stürzten in die eisigen Fluten, die immer gieriger die Titanic umschlossen und in die Tiefe zerrten. Einigen gelang es noch, die Fallen zu greifen, von denen die bereits ausgesetzten Boote abgefiert worden waren.
Das Heck kam immer höher, wurde vom zunehmenden Gewicht des versinkenden Bugs aus dem Wasser gehoben.
Am Ende der A-Deck-Promenade, beim dortigen vorderen Steuerbordkran, kamen Rose und Jack an die Reling. Jack lehnte sich hinüber und peilte nach vorn, wo die Brücke gerade versunken war.
„Wir müssen so lange wie möglich auf dem Schiff bleiben. Komm!“, sagte er und zog sie mit sich, um weiter nach achtern zu kommen.
Das große Treppenhaus des A-Decks wirkte wie ein gewaltiges Schwimmbecken, nur war das Wasser in diesem Becken eiskalt und sprudelte von unten wie aus einer Monsterquelle herauf. Von vorn strömte es mit der Gewalt eines Bergflusses nach der Schneeschmelze, bildete gefährliche Strudel. Zusätzliche Gefahr drohte von mitgerissenem Mobiliar und geborstenen Holzteilen, die wie unterseeische Geschosse wirkten. Die Menschen, die hier dem Untergang entgegensahen, versuchten, sich gegenseitig zu helfen, indem sie einander festhielten und sich an Streben und Säulen festklammerten.
Auf der A-Deck-Promenade erreichten Rose und Jack die achtere Reling. Es war genau jene Innenreling, die Jack am Vormittag überklettert hatte, um Rose wiederzusehen.
„Hier lang! Kletter rüber!“, rief er. „Komm schon. Spring!“
Im großen Treppenhaus unter der gewaltigen Milchglaskuppel arbeitete sich J. J. Astor auf der rechten Seite der Treppe zum obersten Stockwerk, dem Zugang zum Bootsdeck vor. Das A-Deck versank rasch an dieser, etwa am hinteren Ende des vorderen Drittels der Titanic gelegenen Stelle. Die Tragbalken des darüber liegenden Bootsdecks versperrten vielen Menschen den Weg. Sie wurden eingeschlossen und hatten keine Chance, dem nassen Tod zu entrinnen. Als der auf halber Höhe zwischen dem Bootsdeck und dem A-Deck befindliche Treppenabsatz im sprudelnden Wasser versank, zeigte die in der geschnitzten Wandvertäfelung angebrachte Uhr Viertel nach zwei.
Durch das Absinken des Treppenhauses unter die Wasseroberfläche verstärkte sich der Druck auf die Fenster. Die Scheiben brachen im Sekundenabstand. Wasser schoss herein. Der Sog, den das eindringende Wasser auf dem offenen Bootsdeck verursachte, riss in der Nähe befindliche Menschen zu den geborstenen Fenstern und direkt in das große Treppenhaus hinein. Wer dort gerade stand, wurde umgerissen und fortgespült.
Fabrizio geriet ebenfalls in diesen ungeheuren Sog. Er steckte mit den Füßen voran in einem der Fenster, doch es gelang ihm in letzter Sekunde, sich an der oberen Kante des Decksaufbaus festzuhalten. Er konnte sich abfangen, hinaufziehen und in freies Wasser schwimmen, als das Deck ihm unter versank.
Am Ende der A-Deck-Promenade hatten Jack und Rose die Reling überklettert. Jack war schon unten angekommen.
„Gib mir deine Hand!“, rief er. „Spring!“
Sie sprang hinunter, konnte den Aufprall aber nicht kontrollieren und stürzte. Ehe Jack zur Stelle war, war Chefbäcker Joughin heran.
„Ich helfe Ihnen, Miss“, sagte er und bot ihr eine hilfreiche Hand, die sie gern annahm.
„Jack!“, entfuhr es ihr, als sie ihn erst nicht wiederfinden konnte. Dann war auch Jack da, der sie wieder bei der Hand nahm.
„Komm schon!“, rief er und zog sie mit sich in Richtung Heck.
Das Reserveboot A, das Hockley erfolgreich stabilisiert hatte, wurde schnell zum Ziel der Menschen, die ins Wasser gestürzt waren. Cal wehrte mit dem Riemen die Verzweifelten ab, die am Boot hingen und es bedrohlich in Schräglage brachten. Das Reserveboot B trieb immer noch kieloben ab. Charles Lightoller konnte sich gerade noch daran festhalten.
Fabrizio, der hier vom Schiff fortschwamm, ließ Cals Boot unbeachtet und beeilte sich, zwischen sich und das versinkende Schiff möglichst viel Entfernung zu bringen.
Über dem Getöse herausgepresster Luft, die mit massivem Druck aus den Zugängen zum Treppenhaus schoss, dem Gebrüll der Menschen und dem Gurgeln des Wassers waren plötzlich scharfe Geräusche zu hören, die wie vorbeifliegende Kugeln klangen. Hockley sah in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Es waren die Wanten, die den vordersten Schornstein hielten. Unter dem wachsenden Übergewicht des Schornsteins brachen die hinteren Verspannungsdrahtseile. Sie jagten wie stählerne Peitschen ins Wasser, verletzten und töteten Menschen, die keine Chance hatten, ihnen auszuweichen. Der Schornstein knickte durch den verbleibenden Zug der vorderen Wanten schräg nach Steuerbord um. Er neigte sich und fiel dann aus den Halterungen – genau in die Richtung, in der die meisten Schiffbrüchigen schwammen, denen es gelungen war, sich dem Sog der brechenden Scheiben des Treppenhauses zu entziehen.
Fabrizio, durch die peitschenden Geräusche aufmerksam geworden, drehte sich um und schaute nach oben. Er sah den Schornstein direkt auf sich zu fallen. Das tonnenschwere Teil erschlug ihn und viele andere Unglückliche. Die Wellen, die der Aufschlag des Schornsteins auf dem Wasser verursachte, spülten die beiden in der Nähe befindlichen Reserveboote glatt ein Stück weg, durchnässten die Insassen von Cals Boot.
Lightoller gelang es endlich, das umgekippte Reserveboot B zu entern und es zu sichern.
Auf der anderen Seite des Schornsteins stach Cal mit dem Riemen auf panische Menschen ein.
„Weg hier!“, brüllte er.
Der fallende Schornstein hinterließ eine gut dreißig Fuß durchmessende Öffnung, in die Seewasser hineinstürzte, dabei zu einem wilden Mahlstrom wurde, der erneut Menschen ansog und auf Nimmerwiedersehen verschwinden ließ. T. W. McCauley, der Fitnessinstrukteur, gehörte zu den Unglücklichen, die hier in die Tiefen des Schiffes gesogen wurden.
Wer sich bisher auf dem Trockenen hatte halten können, strebte in Richtung Heck, das angesichts der Sinkrichtung am längsten über Wasser bleiben würde. Mit allem, was sie hatten retten können – einschließlich Gepäck – strömten die Menschen nach hinten. Mitten in der sich mehr oder weniger schnell bewegenden Masse steckten Jack und Rose. Erneut flackerte das Licht, kam aber rasch wieder. Die jungen Leute hatten den Niedergang erreicht, der ohnehin recht steil war. Durch die zunehmende Neigung des Schiffes wurde die Steigung immer heftiger.
„Hoch!“, kommandierte Jack. Rose fasste am Geländer an, Jack hielt ihr den Rücken frei.
Vor ihnen blockierte ein langsam gehender Mann den Niedergang, der sich mit beiden Händen am Geländer festhielt, um nicht abzustürzen.
„Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal …“, zitierte er während der Besteigung aus der Bibel. Jack platzte der Kragen. Er zwängte sich an Rose vorbei und gab dem Mann einen kräftigen Schub.
„Können Sie sich mit Ihrer Wanderung etwas beeilen?“, fauchte er ihn an
uIm großen Treppenhaus hatte J. J. Astor die Holzbrüstung erklommen und hielt sich an einer der Säulen fest, die die Decke stützten. In diesem Moment brach die Glaskuppel unter dem Druck der Wassermassen zusammen. Einem mit Glassplittern gespickten Wasserfall gleich stürzten sie in den Hohlraum. Wer hiervon getroffen wurde, ertrank nicht, sondern wurde aufgespießt und weggeschleudert.
In den Kabinenbereichen schoss das Wasser aus dem Treppenhaus durch die Gänge wie aus einem geborstenen Damm, schwappte mit Wucht und einer Menge gefährlichen Treibgutes um die Ecken und katapultierte Türen wie nach einer Explosion in den Gang.
In der Dritten Klasse waren nach wie vor Gittertüren verschlossen. Die Familie Cartmell irrte durch die Gänge des E-Decks, stets auf der Flucht vor dem weiter nach achtern vordringenden Wasser. Jede Treppe, die sie zum nächsthöheren Deck fanden, war durch Gittertüren verschlossen.
Als das Wasser in ihrem Gang mit diesem wahnsinnigen Druck alles vernichtete, was ihm im Weg stand, hatten die Cartmells keine Chance. Bert schüttelte die Türen vergeblich und schrie um Hilfe, doch es gab keine. Sie wurden an die verschlossene Gittertür gepresst und versanken schreiend in einem Wirbel wütenden Wassers.
Das Wasser füllte nun fast die Hälfte des todgeweihten Schiffes. Die ungeheure Menge zerrte den Bug abwärts, dafür hob sich das Heck immer höher in den Himmel. Die drei gewaltigen Schrauben wurden aus dem Wasser gehoben. Das Boot, das hinter dem Heck schwamm, wirkte gegen die haushohen Schrauben zwergenhaft.
„Rudert!“, schrie der im Boot sitzende Offizier. „Alle zugleich!“
An der Heckreling sammelten sich die ersten Passagiere. Einige stiegen über die Streben, doch drei von ihnen fanden an dem sich nach innen verjüngenden Heck keinen Halt, stürzten in die Tiefe. Aus der Höhe, aus der sie abstürzten, wirkte die Oberfläche des Wassers hart wie Beton.
„Weg hier!“, schrie einer der Bootspassagiere.
Vor dem Niedergang zum Achterdeck klammerte sich Father Byles, ein Geistlicher, an einen der großen Poller und bemühte sich, den Menschen Trost durch Gebete und Zitate aus der Bibel zuzusprechen:
„Gegrüßet seiest du Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Weibern und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.“
Mindestens eine Frau klammerte sich an die Hand des Priesters, mehrere Männer standen mit gezogenen Hüten vor ihm und lauschten ihm ebenso andächtig wie völlig verängstigt.
„Komm schon, Rose!“, drängte Jack. „Wir können nicht erwarten, dass der liebe Gott uns die ganze Arbeit abnimmt!“
„Hier entlang!“, rief Rose gegen den Lärm aus Geschrei und Gebeten an.
„Heilige Maria, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes“, beendete Byles das Ave Maria.
„Komm schon!“, schrie Jack.
Sie erreichten den Flaggenmast am Heck des Schiffes und klammerten sich dort fest.
„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde vergingen. Und das Meer ist nicht mehr“, zitierte Father Byles aus dem 21. Kapitel der Offenbarung des Johannes. Er musste nachgreifen, um sich in der weiter zunehmenden Steigung halten zu können.
„Und … ich sah die heilige Stadt, das neue … Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabfahren, bereitet wie eine geschmückte Braut ihrem Mann.“
„Es ist bald zu Ende“, tröstete eine junge Mutter ihr kleines Kind, das sie auf dem Arm hatte. „Bald ist alles zu Ende.“
„Und ich hörte eine große Stimme von dem Stuhl“, fuhr Byles fort, als Rose auf der anderen Seite Helga Dahl und ihre Familie bemerkte.
„Und sie sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott, wird mit ihnen sein …“, zitierte Byles weiter.
Rose wurde klar, dass sich hier ein Kreis schloss.
„Jack!“, rief sie. „Hier sind wir uns zum ersten Mal begegnet!“
Es schien ihnen beiden eine Ewigkeit her zu sein – dabei war das erst vorgestern gewesen. Jack zog sie fest an sich und küsste sie liebevoll auf die Stirn. So zärtlich seine Geste war, so entschlossen war sein Gesichtsausdruck. Er würde alles tun, um sie, seine große Liebe, zu retten.
„Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen“, sprach Byles und konnte sich selbst der Tränen nicht mehr erwehren, „und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei. Kein Schmerz wird mehr sein. Denn das Erste ist vergangen, das Erste ist vergangen.“
Jetzt allerdings griff der Tod mit aller Macht nach Passagieren und Besatzung der Titanic. Im großen Treppenhaus, das jetzt vollständig geflutet war, trieb langsam die Leiche einer Frau dahin. Sie schien sanft dahinzuschweben.
Aus einem Regal in einem noch trockenen Anrichteraum fiel der erste Tellerstapel, dann nach und nach alle anderen. Die Teller zersprangen klirrend am Boden und bildeten einen Berg aus Scherben.
Lightoller und einigen anderen war es inzwischen gelungen, das gekenterte Reserveboot B der Steuerbordseite umzudrehen und zu besetzen. Jetzt galt es, das Boot und seine Insassen in Sicherheit zu bringen. Das Schiff ragte immer höher aus dem Wasser. Lightoller war klar, dass es bald brechen würde.
„Verdammt nochmal! Legt euch ins Zeug! Rudert! Macht schon!“, befahl der Zweite Offizier.
Die Neigung war jetzt so stark, dass jeder, der sich nicht festhielt, abstürzte.
In einer der Kabinen stürzte das Mobiliar durcheinander, ein Stuhl brach, das Bett rutschte gegen die Kabinenwand.
Trudy Bolt, Roses Zofe, hing mit verzweifelter Miene an der Hand eines Mannes, der sich gut gesichert hatte.
„Halten Sie sich fest, Miss!“, rief er, aber Trudy konnte sich nicht mehr halten. Sie rutschte aus dem Griff des Mannes und stürzte schreiend das steile Deck hinunter.
Am Heck, wo Jack und Rose sich mit aller Kraft an die Heckreling klammerten, stieg Chefbäcker Joughin über die Streben auf die andere Seite nach außenbords. Dort zog er seinen Flachmann aus der Tasche und genehmigte sich einen ordentlichen Schluck.
„Ich bin bei dir“, beruhigte Jack die nun doch aufgeregte und ängstliche Rose. Vor nur gut achtundvierzig Stunden hatte sie hier vom Schiff springen wollen, doch jetzt, wo sie unbedingt leben und dieses Leben mit Jack verbringen wollte, war es wesentlich mehr in Gefahr als zwei Tage zuvor.
Die Leute in den bereits ausgesetzten Rettungsbooten saßen starr vor Schrecken da und konnten nichts tun. Das blanke Entsetzen stand ihnen ins Gesicht geschrieben, als sie hilflos den Todeskampf des Stahlriesen mit ansehen mussten, erleben mussten, wie Menschen in den sicheren Tod stürzten. Einer der Männer, die sich über die Heckreling gearbeitet hatten und sich dort halbwegs in Sicherheit wähnten, stürzte ab und prallte mit einem schrecklichen Geräusch auf die Steuerbordschraube. Die Schrauben ragten jetzt gute hundert Fuß aus dem Wasser.
Ruth DeWitt Bukater hatte Tränen in den Augen, eine andere Frau in ihrem Boot weinte leise.
„Gott, der Allmächtige …“, entfuhr es Molly Brown leise. Sie war die Einzige, die überhaupt Worte fand.
Bruce Ismay war wie versteinert über das, was mit seinem ganzen Stolz von Schiff geschah. Es zerriss ihm einerseits das Herz, andererseits suchte er nach einem Mauseloch, in dem er vor den Vorwürfen verschwinden konnte, die er bereits ahnte …
Kapitel 28
Untergang
Im Maschinenraum kämpften die wahren Helden dieser Nacht noch immer darum, das Schiff so lange wie möglich stabil und beleuchtet zu halten. Die Männer um Chefingenieur Bell, die immer noch im Maschinenraum ausharrten, waren sich dessen bewusst, dass es für sie keine Rettung geben würde. Sie opferten ihr Leben, um das von vielen anderen zu erhalten. Es war ihnen gelungen, das sinkende Schiff trotz des hauptsächlich von Steuerbord eindringenden Wassers so zu trimmen, dass es keine Schlagseite bekam, womit es möglich gewesen war, alle Boote auszusetzen. Dass diese Boote nicht mit der vollen Kapazität besetzt waren, konnte man Chefingenieur Bell und seinen Männern nicht zum Vorwurf machen.
Doch jetzt machten die massive Neigung und das auch hier eindringende Seewasser Bell und seinen Maschinisten einen dicken Strich durch die Rechnung: Kurzschlüsse schossen in gleißenden Blitzen durch den Maschinenraum.
„Abschalten! Abschalten!“, befahl Bell scharf. Elektrizität in Salzwasser – das kam einer Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl gleich! Einer der Maschinisten arbeitete sich gegen die Steigung durch das eisige Wasser, um den Hauptschalter umzulegen. Er hatte ihn nur knapp berührt, als ihn eine gewaltige Entladung elektrischer Energie in einem Lichtbogen zurückwarf und ihm einen tödlichen Stromschlag versetzte.
Augenblicklich fiel der Strom komplett aus. Das steil aus dem Wasser ragende Heck der Titanic verschwand in der Dunkelheit. Das einzige noch vorhandene Licht waren Abermilliarden von Sternen, die am nächtlichen Himmel standen.
Von der Steuerbordseite schwammen zahlreiche Menschen fort, dorthin, wo sie die bereits ausgesetzten Boote zuletzt im Schein der Schiffslampen gesehen hatten.
Der heftige Kurzschluss im Maschinenraum war Folge eines zusätzlichen Wassereinbruchs durch die Überdehnung des Schiffsbodens. Noch immer waren in den bereits unter Wasser befindlichen Teilen des Schiffs Luftblasen, die einen gewissen Auftrieb erzeugten. Dadurch hatte wurde das Schiff an den oberen Decks leicht zusammengedrückt, an der Bodenseite jedoch gedehnt. Diese Dehnung hatte dazu geführt, dass sich ein Riss im Boden unter dem Maschinenraum bildete, weiteres Wasser eindrang und den Kurzschluss sowie weitere Explosionen im Kesselbereich ausgelöst.
Diese Explosionen wirkten sich nun auf die Struktur des Schiffes aus. Obwohl der Riss im Bodenbereich begonnen hatte und dort einige Abteilungen buchstäblich zerrissen hatte, wurde er für die Menschen zuerst an der Oberseite sichtbar. Zwischen den mittleren Schornsteinen bildete sich rasch von oben nach unten ein Riss in der Mitte des Schiffsrumpfes.
Spicer Lovejoy, der sich nach den wohlgezielten Hieben Jack Dawsons im Speisesaal blutüberströmt an die Reling mittschiffs an Steuerbord gearbeitet hatte, stand genau da, wo der Bruch durch den Rumpf ging. Mit nacktem Entsetzen sah er, wie sich direkt neben ihm schier der Schlund der Hölle öffnete. Menschen, die sich nicht mehr hatten halten können und das steile Deck herunterrutschten, sausten schreiend an Lovejoy vorbei direkt in die Tiefe des Schiffes. Hockleys Kammerdiener gelang es irgendwie, sich festzuhalten und nicht abzurutschen.
In diesem Moment brachen die Wanten des dritten Schornsteins, die ebenso wie die des ersten wie stählerne Peitschen durch die Luft schnellten und alles zerstörten, was auf ihrem Weg war. Eines der Kabel zerschlug die Reling, an der Lovejoy sich festklammerte. Er stürzte rücklings in ein geborstenes Stück Metall, das ihn durchbohrte.
Sobald der Riss die Wasseroberfläche erreichte, strömten Wassermassen in den Riss, als ob die Niagara-Fälle auf die hohe See verlegt worden seien. Das Wasser schoss in den nach unten hängenden Bugteil, füllte ihn auf, beschwerte ihn zusätzlich und riss ihn schließlich ab.
Ohne die Masse des Bugs fiel die abgebrochene hintere Hälfte des Schiffes wieder in die Waagerechte zurück. Die Lageveränderung warf wiederum Leute ins Meer, die sich schon außenbords an die Reling geklammert hatten. Noch schlimmer war aber, dass die ungeheure Masse – etwa fünfundzwanzigtausend Tonnen Stahl – einen regelrechten Tsunami auslöste, als sie wieder ins Wasser stürzte. Hunderte Menschen, die hinter dem aufrecht stehenden Heck um ihr Leben schwammen, verloren es in dieser unberechenbaren Flut oder unter der gigantischen Masse des Schiffes selbst, als es auf sie hinab fiel.
Doch die waagerechte Lage der abgebrochenen hinteren Hälfte der Titanic war nicht von langer Dauer. Das einfließende Wasser füllte die Sektionen der hinteren Hälfte umgehend und richtete das Heck erneut auf. Wer sich jetzt keinen Halt hatte suchen können, fand ihn auch nicht mehr. Wieder stürzten zahllose Menschen in den Tod, als sie dreihundert Fuß tief auf die steinharte Wasseroberfläche oder harten Decksteilen aufschlugen.
„Wir müssen hier weg!“, entschied Jack. Er und Rose kletterten über die Reling. Er schaffte es mehr oder weniger problemlos, aber Rose hatte Schwierigkeiten. Ihre Kräfte schwanden zusehends.
„Gib mir deine Hand!“, schrie Jack. „Ich zieh dich hoch!“
„Ich kann nicht!“, klagte sie verzweifelt.
Es war schier die gleiche Situation wie achtundvierzig Stunden zuvor – nur dass Jack sie jetzt auf die andere Seite der Reling ziehen wollte.
„Komm schon, gib mir deine Hand!“, rief er. Sie streckte die Hand nach oben, die er zu fassen bekam.
„Ich hab’ dich! Ich lass dich nicht los! Komm, ich hab’ dich!“
Es gelang Jack, sie auf die rettende Außenseite der Reling zu bugsieren. Außer ihnen schaffte es noch Chefbäcker Joughin auf die nun obere Seite der Reling.
„Höllische Nacht!“, entfuhr es ihm.
Inzwischen stand das Heck vollkommen senkrecht auf der Meeresoberfläche.
„Was passiert da, Jack?“, fragte Rose verängstigt.
„Ich weiß nicht. Ich weiß nicht“, erwiderte er. Trotz aller Selbstsicherheit, die er sich angeeignet hatte, seit er seit dem Tod seiner Eltern auf sich allein gestellt war, schlich sich ein besorgter Ton in seine Antwort.
„Es ist stehengeblieben!“, schrie eine Frau in ihrer Nähe.
„Jack!“, entfuhr es Rose angstvoll.
„Halt dich fest! Festhalten!“, kommandierte er. Rose klammerte sich an die Reling wie ein Vogel an den Ast.
Unter ihnen stürzten die Menschen schreiend in den Tod. Auch Helga Dahl, die sich noch von unten an die Heckreling klammerte, verließen die Kräfte. Sie fiel mit einem langgezogenen Schrei dreihundert Fuß tief der Ewigkeit entgegen.
Als Helga gefallen war, bewegte sich die hintere Hälfte der Titanic wieder – senkrecht in die Tiefe.
„Es ist soweit!“, schrie Jack.
„Oh, Gott! Oh, Gott!“, brüllte Rose.
„Halt dich fest!“, befahl er.
„Oh Gott!“.
Immer schneller ging das Schiff wie ein Fahrstuhl nach unten.
„Das Schiff wird uns nach unten ziehen“, rief Jack. „Hol tief Luft, wenn ich es dir sage!“
Rose brachte kein Wort mehr heraus und nickte nur panisch.
„Schwimm nach oben – so schnell du kannst! Und lass nicht meine Hand los!“, gab er ihr Anweisungen zur Rettung. Sie nickte erneut nur.
„Wir werden es schaffen, Rose! Vertrau’ mir“, ergänzte er beruhigend.
„Ich vertrau’ dir“, bestätigte sie.
Das Wasser kam ihnen entgegen wie eine schwarze Wand mit weißschäumendem Kern. Nur Sekunden vor dem endgültigen Untergang schrie Jack:
„Fertig? Fertig? Jeeetzt!“
Sie schnappten beide tief nach Luft, sogen so viel ein, wie möglich, schlossen gerade noch Nase und Mund, als die Reling als letzter Rest der Titanic unter Wasser ging. Der Sog des unter ihnen unaufhaltsam in die Tiefe gehenden Schiffes packte sie und zog sie mit. Unbeirrbar hielten sie sich an den Händen und setzten dem Sog damit einen deutlich stärkeren Widerstand entgegen, als eine Einzelperson es gekonnt hätte. Es wirbelte sie herum wie am Abend zuvor, als sie ausgelassen getanzt hatten, aber dieser Tanz hier konnte tödlich enden, wenn sie einen Fehler machten.
Nach langen Sekunden wurde Jack dann doch von ihr weggerissen und verschwand weiter nach unten.
Rose gelang es irgendwie, sich aus dem Sog herauszuarbeiten. Den aufsteigenden Luftblasen folgend kam sie an die Oberfläche und tauchte inmitten einer unglaublichen Menge in Todesangst kreischender Menschen auf, die verzweifelt strampelten.
„Jack!“, schrie sie. „Jack! Jack! Jack! Jack! Jack!“
An der Stelle, an der das Heck der Titanic versunken war, kochte das Wasser, als Hunderte von Menschen wie die Ameisen einer überfluteten Kolonie um ihr Leben kämpften. Sie balgten sich um Kisten und Tonnen, um schwimmende Deckstühle und Wrackteile.
Rose schrie immer wieder Jacks Namen, ohne eine Antwort von ihm zu bekommen. Plötzlich wurde sie unter Wasser gedrückt, als ein Mann ohne Schwimmweste sie als Rettungsboje missbrauchte und sich auf ihr abstützte. Sie hatte nahezu keine Chance gegen den körperlich stärkeren Mann, der obendrein für sie nicht zu packen war. Dennoch gelang es ihr, sich unter ihm herauszuarbeiten und wieder an die Oberfläche zu kommen, doch der panische Mann hing immer noch wie eine Klette an ihr, wollte sie wieder unter sich drücken, um selbst Luft zu bekommen.
Nur Bruchteile von Sekunden später war auch Jack wieder an der Oberfläche.
„Rose!“ brüllte er. Instinktiv fand er sie. Eilig bahnte er sich einen Weg dorthin.
„Lass sie los!“, brüllte er den Mann an. „Lass sie los!“
Als der in seiner Panik nicht auf Jacks Schrei reagierte, wurde der junge Mann handgreiflich und setzte ihn mit einem wuchtigen Hieb außer Gefecht.
„Rose!“, schrie er und fasste sie fest an der Hand.
„Jack!“, erkannte sie ihn mit freudigem Schrecken.
„Schwimm, Rose! Ich will, dass du schwimmst!“, rief er. „Schwimm weiter!“, trieb er sie an. „Such nach etwas, das schwimmt … ein Trümmerteil, Holz … irgendwas!“,
„Es … ist so kalt!“, klagte sie, aber sie folgte ihm.
„Ich weiß, ich weiß. Hilf mir, sieh dich um und schwimm, Rose!“ rief er. Seine Worte halfen ihr, sich zu konzentrieren und das Schreien der anderen Schiffbrüchigen auszublenden. Sie schaute sich um – und schrie plötzlich, als direkt vor ihr eine schwarze französische Bulldogge wie ein Seeungeheuer aus der Dunkelheit auftauchte, auf sie zu schwamm, sie passierte und anscheinend Kurs auf Neufundland nahm.
Langsam arbeiteten sie sich aus dem strampelnden Pulk schiffbrüchiger Menschen heraus. Die kräftigen Schwimmzüge, die sie machten, halfen ihnen, noch etwas Wärme zu produzieren.
„Komm weiter!“, rief er. „Hier. Immer weiter schwimmen. Mach schon!“
„Was ist das?“, fragte sie und zeigte auf etwas, das im Wasser trieb.
Sie erreichten ein großes auf dem Wasser treibendes Trümmerteil, das Rose gerade entdeckt hatte. Es war der Teil einer geschnitzten Wand oder eine mit Schnitzereien verzierte Tür.
„Hier. Kletter’ hier rauf! Kletter’ hier rauf!“, schrie er und hielt das Wrackteil fest, damit sie aufsteigen konnte. Sie bemühte sich, aber der mit Wasser vollgesogene Wollmantel, den Cal ihr gegeben hatte, war schwer und bot wenig Bewegungsfreiheit.
„Weiter!“, feuerte Jack sie an. „Du schaffst es, Rose!“
Mit seiner Hilfe gelang es ihr, das Wrackteil zu entern. Als Jack selbst ebenfalls aufsteigen wollte, kenterte das Teil beinahe.
„Halt dich fest! Halt dich fest, Rose!“, schrie er. „Halt dich fest!“
Rose kam mit Jacks Hilfe wieder auf das Wrackteil, aber er musste im Wasser bleiben. Für sie beide bot es nicht genügend Auftrieb.
„Jack!“, rief sie mit klagendem Ton. Sie wollte nicht, dass er in dem eiskalten Wasser blieb und erfrieren musste. Er schwamm auf die Seite, an der ihr Kopf war und hielt sich dort fest, den Oberkörper so weit wie möglich aus dem Wasser habend, ohne das Trümmerteil zu versenken. In der eisigen Luft kondensierte ihr Atem zu einer Wolke, die sie umgab.
„Es wird alles gut!“, beruhigte er sie. „Es wird … alles wieder gut.“
Kaum, dass sich das Trümmerteil mit Rose allein darauf stabilisiert hatte, schwamm ein Mann auf sie zu. Jack erkannte dessen Absicht, ebenfalls auf das Trümmerteil zu kriechen.
„He, das ist gerade ausreichend für die Lady! Du drückst es runter!“, warnte er.
„Lasst es mich wenigstens versuchen, sonst sterbe ich bald!“, bettelte der Mann.
„Du wirst noch schneller sterben, wenn du näher kommst!“, drohte Jack entschlossen.
„Verstehe“, seufzte der Mann. „Viel Glück euch beiden. Gott schütze euch.“
Damit verschwand er in der Dunkelheit.
Nur ein paar Yards entfernt hatte der Leitende Offizier Wilde einen Deckstuhl erwischt und klammerte sich daran. Er hatte seine Trillerpfeife im Mund und pfiff laut und schrill. Das Signal konnte von den Menschen in den Booten unmöglich überhört werden.
„Dreht um … mit den Booten!“, schrie er befehlend.
„Die Boote kommen zu uns zurück, Rose. Halt noch’n bisschen aus“, sagte Jack mit vor Kälte zitternder Stimme. Ja, das eisige Wasser fühlte sich an wie tausend Messerstiche am ganzen Körper; seine Erinnerung hatte ihn nicht getrogen.
„Die … die mussten wegen des Sogs wegrudern, aber … jetzt komm’n sie wieder zurück“, versuchte er, Zuversicht zu verbreiten und betete innerlich, dass es tatsächlich so war.
„Gott sei Dank, dass du bei mir bist, Jack.“
Nicht weit von ihnen entfernt konnten sie in dem allgemeinen Geschrei deutlichere Stimmen ausmachen:
„Oh, Gott! In Gottes Namen!“, schrie eine Frau.
„Bitte! Helft uns!“, schrie ein Mann
Im Boot Nummer 6 wurden die Pfiffe des Leitenden Offiziers und die Hilfeschreie der im Wasser treibenden Menschen ebenso gehört wie auf den anderen neunzehn Booten. Quartermaster Hitchins, der an der Pinne des Bootes saß, sah die Frauen in seine Boot scharf an und bemerkte, dass es welche gab, die der Aufforderung Folge leisten wollten.
„Sie scheinen das nicht zu verstehen!“, versetzte er. „Wenn wir zurückrudern, dann kippen die unser Boot um; sie werden uns in die Tiefe reißen!“, malte er furchtsam die Folgen einer Rückkehr aus. Molly, die Anstalten gemacht hatte, umzukehren, schüttelte den Kopf.
„Ach, hör’n Sie doch auf! Da kriegt man ja Angst!“, entgegnete die resolute Frau. „Kommt, Mädels, schnappt euch ein Ruder! Auf geht’s!“, rief sie entschieden.
„Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?“, keifte Hitchins. „Wir befinden uns mitten auf dem Nordatlantik! Also, was ist: Woll’n Sie leben oder woll’n Sie sterben?“
Die Frauen, die die Riemen schon fast in den Händen hatten, zuckten wieder zurück.
„Ich kann euch einfach nicht verstehen. Was ist bloß mit euch los?“, wunderte sich Molly. „Das sind eure Männer da draußen! Wir haben hier im Boot noch reichlich Platz!“
„Es wird noch ein Platz mehr sein, wenn Sie nicht endlich Ihren and halten! Verstanden?“, fauchte Hitchins. Molly gab resigniert auf und setzte sich wieder.
Im Boot Nummer 1 saßen außer Sir Cosmo und Lady Lucile Duff Gordon noch zehn weitere Menschen. Das Boot war zu vier Fünfteln leer und war zweihundert Yards von den verzweifelt um Hilfe schreienden Menschen entfernt.
„Wir sollten etwas tun“, schlug Heizer Hendrickson vor. Lucile quetschte ängstlich Cosmos Hand, sah ihn mit flehenden Augen an.
„Das ist indiskutabel“, versetzte Sir Cosmo. Die eigentliche Crew des Bootes, eingeschüchtert durch die Meinung des Adligen, fügte sich, buckelte schuldbewusst und hoffte, dass es bald ruhiger werden würde.
Ein Stück entfernt entschied sich Harold Lowe, der Fünfte Offizier, Vorbereitungen für die Rettung weiterer Menschen zu treffen, aber dazu mussten die Boote erst einmal aufgeräumt werden … Er ließ die Boote 10, 12, 14 und das Reserveboot D vertäuen.
„Halten Sie sich an mir fest! Nehmen Sie die Ruder rein!“, rief er und leuchtete mit einer Stablampe die Boote aus. „Wir werden diese beiden Boote auch noch vertäuen. Sorgen Sie dafür, dass es gut festgezurrt ist“, sagte er. „In Ordnung. Jetzt hört mir gut zu, Männer: Wir müssen wieder zurück. Ich möchte, dass alle Frauen und Kinder von diesem Boot in dieses umsteigen, und zwar so schnell es geht! Bitte! Schaffen wir ein bisschen Platz. Verteilt sie gleichmäßig vorn und achtern.“
Lowes Vorbereitungen brauchten Zeit. Es war nicht so einfach, unerfahrene Menschen auf offener See von einem Boot in ein anderes umsteigen zu lassen – nicht einmal, wenn das Meer glatt war wie ein Dorfteich …
Kapitel 29
Eiskalter Tod
Es wurde stiller, je mehr der im Wasser treibenden Schiffbrüchigen verstummten. Henry Wilde hing an seiner Tonne, die Trillerpfeife im Mund, die Augen geschlossen, stumm, tot – erfroren. Der kalte Tod kam auf leisen Sohlen.
„Es wird leiser“, flüsterte Rose vor Kälte zitternd.
„Die … die brauchen noch ‘ne Weile, bis … sie das mit den Booten organisiert haben“, stöhnte Jack bebend. „Ich … weiß nicht … wie du darüber denkst, aber … ich werde … der White Star Line wegen dieser Geschichte einen gepfefferten Brief schreiben!“
Rose rückte etwas näher zu ihm heran. Dass sie ihn nicht umarmen und wärmen konnte, zerriss ihr fast das Herz.
„Ich liebe dich, Jack“, flüsterte sie. Jack erkannte ihre Absicht.
„Hey, lass das sein! Fang nicht an, dich zu verabschieden“, mahnte er. „Noch nicht! Hast du mich verstanden?“
Sie musste weiter durchhalten. Er wollte sie nicht verlieren.
„Mir ist so kalt“, klapperte Rose mit den Zähnen.
„Hör zu, Rose: Du wirst gerettet. Du … du wirst weiterleben“, presste er mit aller Entschiedenheit heraus, die ihm die eisige Kälte noch gelassen hatte. „Du wirst später einen Haufen Babys kriegen. Du wirst sie aufwachsen sehen. Und du wirst als alte … als alte Frau … friedlich in deinem Bett sterben. Nicht hier. Nicht heute Nacht. Nicht so. Hast du mich verstanden?“, ermahnte er sie.
„Ich spür’ meinen Körper nicht mehr“, erwiderte Rose erschöpft.
„Diese Fahrkarte zu gewinnen … war das Beste … das Allerbeste, was mir je passiert ist. Sie hat mich zu dir gebracht. Und dafür bin ich sehr dankbar, Rose. Sehr dankbar“, fuhr er fort. Sie lächelte ihn sanft an. Sie brauchte Lebensmut, das hatte er erkannt. Dass er seinerseits begann, sich zu verabschieden, war ihm nicht wirklich bewusst. Als es ihm langsam klar wurde – sein Körper meldete sich ob der beißenden Kälte des Wassers schneller aus dem Leben ab, als er trotz seiner Erfahrung angenommen hatte – wollte er nur noch, dass sie alles tat, um selbst zu überleben.
„Du musst … du musst … du musst mir diese Ehre erweisen. Du musst mir versprechen … dass du überleben wirst“, stammelte er. „Dass … du … nicht aufgeben wirst. Ganz gleich, was passiert. Ganz gleich, wie hoffnungslos es ist. Ver… sprich es mir … Rose. Und vergiss dieses Versprechen niemals.“
„Ich versprech’ es“, gelobte sie.
„Vergiss es nie“, schärfte er ihr zitternd ein.
„Ich werde es nie vergessen, Jack“, versprach sie. „Ich … werde … es nie vergessen.“
Er rang sich ein Lächeln ab, das sein ganzes, kurzes Glück mit ihr widerspiegelte und küsste zärtlich ihre Hand.
Harold Lowe war endlich soweit, dass er mit seinem Boot, in dem außer ihm selbst noch vier weitere Männer saßen, auf die Suche nach weiteren Überlebenden gehen konnte. Inzwischen war es fatal still geworden. Entweder waren die im Wasser treibenden Menschen erfroren oder schon so apathisch, dass sie nichts mehr wahrnahmen, befürchtete Lowe. Er leuchtete mit seiner Stablampe die schwarze Wasserfläche ab. Der Lichtstrahl traf auf einen dahintreibenden Deckstuhl, auf Daniel Marvins Kamera, dann kam die erste Person in den Lichtkegel und nur Augenblicke später das große Feld der Schiffbrüchigen.
„Direkt voraus, Sir!“, meldete einer der Matrosen im Boot.
„Ruder hoch!“, befahl Lowe. „Sehen Sie, ob sich noch jemand bewegt?“
„Nein, Sir, da bewegt sich niemand mehr“, erwiderte der Matrose.
„Überprüfen Sie’s! Geben Sie mir ein Ruder! Vergewissern Sie sich!“, befahl der Fünfte Offizier. Der Matrose zog eine Frau an der Rettungsweste aus dem Wasser. Sie war tot – steifgefroren, ihre Augen waren weit aufgerissen.
„Die hier sind tot, Sir!“, meldete er. Lowe wollte nicht glauben, dass es keine weiteren Überlebenden mehr gab.
„Langsam weiter!“, befahl er. „Ganz Vorsichtig. Vorsichtig mit den Rudern. Ihr könntet sie treffen.“
Das Boot schob sich ganz langsam durch die Masse der im Wasser treibenden Menschen. Es bewegte sich nichts, nichts war zu hören.
„Ist hier noch irgendjemand am Leben? Kann mich irgendjemand hör’n?“, rief Lowe. „Ist hier noch irgendjemand am Leben?“
In das Blickfeld des Fünften Offiziers kam eine Frau, die ein Kind im Arm hielt – beide ebenso tot wie alle anderen, die in unmittelbarer Umgebung waren. Es war jene Frau, die vor dem Auseinanderbrechen der Titanic ihr Kind damit beruhigt hatte, dass alles bald zu Ende sein werde. Sie hatte für sich, ihr Kind und weit über tausend andere Menschen Recht gehabt …
„Wir haben zu lange gewartet …“, presste Lowe tränenerstickt hervor. Er machte sich bittere Vorwürfe, dass er nicht schon Stunden zuvor – noch vor dem kompletten Untergang des Schiffes – das Umbesetzen der Boote angeordnet hatte, um die Menschen deutlich früher aus dem eisigen Wasser aufzunehmen.
„Vergewissert euch weiter! Sucht weiter!“, fuhr er seine Männer scharf an. Er wollte einfach nicht glauben, was seine Augen ihm klarzumachen versuchten …
„Ist hier noch irgendjemand am Leben? Kann mich irgendjemand hör’n?“
Rose DeWitt Bukater lag apathisch auf dem Wrackteil, das sie entdeckt hatte. Teilnahmslos ging ihr Blick in den sternenübersäten Himmel. Sie nahm es nicht wirklich wahr, auch wenn die Milchstraße in dieser mit dem bloßen Auge sonst nie sichtbaren Schönheit, sie im Unterbewusstsein zu einem bestimmten Lied inspirierte. Leise sang sie das Lied von Josephine in ihrer Flugmaschine vor sich hin, das Lied, das so populär war, das sie im Überschwang des fröhlichen Tanzabends am Vortag gesungen hatte, das sie von Jack bei Sonnenuntergang dieses Tages gehört hatte, als sie am Bug der Titanic gestanden hatten, als sie das Gefühl gehabt hatte, zu schweben, zu fliegen … Es war jetzt alles so weit fort, wie eine blasse Erinnerung aus einem anderen Zeitalter …
Ein Stern schien ihr Gesicht deutlicher zu beleuchten als die anderen da oben, die für sie wie Diamanten auf schwarzem Samt aussahen. Wie durch dicke Watte und unendlich verlangsamt drangen Geräusche an ihr Ohr. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis ihr in der bitteren Kälte dieser Nacht beinahe auf Winterschlaf heruntergefahrener Körper wieder so weit reaktionsfähig war, dass sie die Geräusche orten und zuordnen konnte. Dann aber kam sehr plötzlich Leben in sie. Sie drehte sich um und rüttelte an Jacks Hand, der mit geschlossenen Augen vor ihr an dem Wrackteil hing.
„Jack?“, fragte sie. Er rührte sich nicht.
„Jack!“, rief sie ihn an, um ihn, der scheinbar eingeschlafen war, wieder zu wecken. Verzweifelt schüttelte sie seine kalte Hand. Das Licht, das ihr Gesicht gestreift hatte, wanderte weiter.
„Jack, da ist ein Boot!“, rief sie, wenngleich mit fast unhörbarer Stimme. Sie schüttelte ihn weiter, doch ohne Erfolg.
„Jack? Jack!“, schrie sie, schriller werdend. Keine Reaktion.
„Jack!“, setzte sie erneut an und begann zu weinen. „Jack! Da ist ein Boot, Jack!“
Langsam, ganz langsam begriff sie, dass er nicht schlief.
„Jack …“
Das Boot, das sie aus ihrer Apathie geweckt hatte, fuhr weiter, an ihr und Jack vorbei.
„Kommt zurück! Kommt zurück!“, krächzte sie kaum hörbar und richtete sich halb auf. „Kommt zurück! Kommt zurück!
„Kann mich irgendjemand hören?“, schrie Lowe.
„Kommt zurück! Kommt zurück!“, rief Rose, doch noch immer war ihre Stimme so leise und heiser, dass die Crew in dem Boot sie unmöglich hören konnte.
„Ist hier noch jemand am Leben?“, rief der Fünfte Offizier. Er erhielt keine Antwort – genauer: Die Antwort war so leise, dass sie sein Ohr nicht erreichte:
„Kommt zurück!“
„Haallooo! Hört mich irgendjemand?“, schrie er. Ja, es hörte ihn jemand, aber sie konnte sich nicht so bemerkbar machen, wie sie tatsächlich wollte …
„Da ist niemand mehr, Sir“, bemerkte der Matrose resigniert.
„Kommt zurück!“, rief Rose flüsternd.
„Kann mich irgendjemand hören?“, schrie Lowe, der einfach nicht aufgeben wollte.
„Kommt zurück!“
„Kann mich irgendjemand hör’n?“
Rose löste ihre linke Hand mit einiger Mühe von Jacks. Sie waren tatsächlich zusammengefroren … Er sank ohne jegliche Reaktion tiefer ins Wasser. Nur ihre andere Hand hielt ihn noch an dem Wrackteil. Ihr wurde klar, dass sie ihn verloren hatte.
„Ich werd’s es nie vergessen! Ich versprech’s!“, gelobte sie. schluchzend. Ein letztes Mal küsste sie seine Hand und ließ ihn los. Langsam sank er von dem Wrackteil fort in Richtung Meeresgrund, in das Reich des Davy Jones. Rose sah ihm nach, solange sie ihn im schwachen Licht der Sterne noch wahrnehmen konnte. Seine rechte Hand schien ihr zum Abschied zu winken. Dann rutschte sie entschlossen von dem Wrackteil und schwamm – eher im Hundetrab – zu Wilde, nahm dessen Trillerpfeife und pfiff aus Leibeskräften in das Signalinstrument. Die schrillen Pfiffe hätte nur ein Toter nicht gehört …
Lowe hörte die Töne der Trillerpfeife.
„Dreht um! Sofort!“, befahl er.
„Fünfzehnhundert Menschen stürzten in die See, als die Titanic unter uns versank. Zwanzig Boote trieben in nächster Nähe umher. Aber nur eines ist umgekehrt. Nur eins“, schloss die alte Rose ihre Erzählung von den dramatischen Ereignissen beim Untergang der Titanic. Im Computerraum an Bord der Keldysh war es mucksmäuschenstill. Nicht nur Lizzy hatte Tränen in den Augen, die eigentlich hartgesottenen Schatzsucher um Brock Lovett ebenfalls. Die Schatzsucher hatten zum ersten Mal in ihrem Leben das Gefühl, Grabräuber zu sein, wenn sie in den Trümmern derartiger Katastrophen nach wertvollem Gut fahndeten und es als wissenschaftliche Expedition tarnten.
„Sechs wurden aus dem Wasser gerettet – mich eingeschlossen. Sechs – von fünfzehnhundert! Danach brauchten die siebenhundert Menschen in den Booten nichts anderes zu tun als zu warten. Warten auf den Tod … auf das Weiterleben … warten auf eine Absolution …, die aber nie erteilt wurde“, fuhr sie dann mit dem Bericht der Rettung der Überlebenden fort.
Die Boote trieben nahe beieinander auf dem offenen Ozean, hunderte von Meilen vor der kanadischen Küste. Langsam begann es zu dämmern. Zitternd saßen die gut siebenhundert Menschen in diesen Nussschalen. In Reserveboot A, in dem Caledon Hockley saß, genehmigte sich der ihm gegenüber sitzende Mann einen Schluck aus seinem Flachmann und reichte ihn dann an Cal weiter, der auch dankend annahm.
Im Boot Nummer 6 lehnte Ruth DeWitt Bukater zutiefst erschüttert an Mollys Seite. Margaret „Molly“ Brown sah mit versteinertem Bick ins Leere. Sie konnte es sich nicht vergeben, nicht stärker darauf gedrängt zu haben, umzukehren und weitere Menschen aus der See zu bergen. Vielleicht hätten sie den feigen Quartermaster gleich bei der Gelegenheit aussetzen sollen …
Im Boot Nummer 14, das Harold Lowe führte, lag Rose DeWitt Bukater in Decken der White Star Line eingepackt, den Kopf auf einer Kiste mit der Aufschrift R.M.S. Titanic. Sie wurde wach, als grünes Licht die Dämmerung erhellte. Wie ein Traumbild wirkte es für sie, als sie den Fünften Offizier hochaufgerichtet im Boot stehen sah, der eine grüne Leuchtfackel schwenkte, um hoffentlich in der Nähe befindliche Schiffe auf die Boote aufmerksam zu machen.
Im ersten Morgenlicht erreichte endlich die Carpathia die zwanzig Boote der Titanic. Rose hatte eine Weile geschlafen und kam in dem Moment wieder zu sich, als der Name des rettenden Schiffes über dem Boot sichtbar wurde. Verschlafen und unverwandt sah sie darauf.
Die Seeleute in den Booten halfen den Schiffbrüchigen die Jakobsleitern zu den Gangwaytüren der Carpathia hinauf. Wer – wie Rose – zu schwach war, um die Leitern selbst hinaufzusteigen, wurde an Bord gehievt. Zwei weinende Frauen umarmten einander, hielten sich in der abgrundtiefen Trauer um ihre auf See gebliebenen Ehemänner aneinander fest, als sie auf dem Deck der Carpathia ankamen.
Rose war kaum in der Lage, zu stehen, als sie auf dem Deck abgesetzt wurde. Jemand reichte ihr heißen Tee, den sie dankbar annahm. Hinter ihr stieg Bruce Ismay an Bord. Der Schock über den Untergang der Titanic und die Ahnung, dass der Rest der Welt insbesondere ihn dafür verfluchen würde, standen ihm ins Gesicht geschrieben, lesbar wie in einem offenen Buch. Ein Steward der Carpathia nahm ihn in Empfang und begleitete ihn zur Ordinationskajüte des Schiffsarztes. Der Weg dorthin war für Ismay ein wahres Spießrutenlaufen an Witwen und Waisen vorbei, die ihn mit anklagenden Blicken betrachteten.
Wenig später waren die Schiffbrüchigen an Bord der Carpathia, nun wieder sauber nach Klassen getrennt. Caledon Hockley kam von einem der oberen Decks auf ein großes Freideck des Rettungsschiffes. Dort lagen die Rettungswesten auf einem riesigen Haufen vor dem Decksaufbau. Wie alle anderen sah auch Hockley mitgenommen und derangiert aus. Sein Smoking war am linken Ärmel zerrissen, Hockley selbst ungewaschen, unrasiert und ungekämmt.
Zwei Männer in der Uniform der Cunard Line kamen ihm entgegen, der eine mit drei Streifen um die Ärmel, der andere war ein Steward.
„Oh, Sir, ich glaube nicht, dass Sie hier jemand von Ihren Angehörigen finden werden. Das ist die Dritte Klasse“, sprach der Steward Cal an. Hockley nickte, ging aber dennoch auf das Deck hinunter. Wenn Rose überlebt haben sollte, könnte sie hier sein – vor allem, falls auch ihr Galan unter den Überlebenden sein sollte …
Eine Frau, an der Cal vorbeikam, suchte ihren Mann und beschrieb ihn:
„Er hat rötlich-braunes Haar und einen weißen Bart …“
„Beruhigen Sie sich“, versuchte eine Schwester, sie zu trösten.
„Gibt es denn keine zweite Passagierliste? Vielleicht …“
„Tut mir Leid“, musste einer der Offiziere ihre schwache Hoffnung zunichtemachen. Die Frau gab nicht auf.
„Vielleicht ist er auf einem anderen Schiff“, mutmaßte sie.
„Wir tun alles, was in unserer Macht steht, versprach der Offizier.
Währenddessen ging Caledon Hockley durch die Reihen der geretteten Dritter-Klasse-Passagiere. Er kam an einer Frau vorbei, die ihm den Rücken zugewandt hatte und sich die Cunard-Line-Decke bis über den Kopf gezogen hatte. Unter dieser Kapuze peilte eine rothaarige junge Frau besorgt nach dem zwar fein, aber ramponiert gekleideten Mann. Es war Rose.
Cal ging zunächst vorbei, ohne sie zu bemerken, dann kam er vorn durch die Reihe, in der Rose saß. Sie trank heißen Tee, er erkannte sie kaum, so tief wie sie in Decken eingewickelt war. Dafür erkannte sie ihn umso besser. Was er wegen der Schicht aus Decken allerdings nicht sah, war sein Mantel, den sie nach wie vor trug.
„Ja, ich lebe. Wie peinlich für dich“, versetzte sie.
„Rose … deine Mutter und ich suchen nach dir …“
Sie hob die Hand, ließ ihn nicht weitersprechen.
„Nein, bitte, nicht. Sei still. Hör einfach zu: Wir machen ein Geschäft, denn das ist das Einzige, wovon du etwas verstehst“, bremste sie ihn in scharfem Ton. „Von diesem Moment an existiere ich nicht mehr für dich und du nicht für mich. Du wirst mich nie wieder sehen und du wirst nicht versuchen, mich zu finden. Im Gegenzug werde ich schweigen. Das, was du heute Nacht angestellt hast, braucht nicht ans Licht der Öffentlichkeit kommen. Du kannst deine Ehre bewahren, die du dir so sorgsam erworben hast.
Sie fixierte ihn mit einem Blick, der geeignet war, Wasser zu Eis erstarren zu lassen – zu einem ganzen Eisberg, wie den, der ihre Leben so radikal verändert hatte …
„Gibt es noch irgendwelche Unklarheiten?“, fragte sie eisig. Cal war völlig verblüfft und suchte eine Weile nach Worten.
„Was … soll ich deiner Mutter sagen?“, fragte er schließlich.
„Sag ihr, dass ihre Tochter mit der Titanic gestorben ist.“
Damit stand sie auf und drehte sich zur Reling um. Er war entlassen.
„Du bist mir teuer, Rose“, versuchte er, sie umzustimmen. Er hatte sich allerdings die falsche Vokabel ausgesucht …
„Juwelen sind teuer“, versetzte sie. „Leben Sie wohl, Mr. Hockley.“
Er stand noch einen Moment da, als wollte er einen neuen Versuch unternehmen, sie zurückzugewinnen. Erst jetzt, als er sie wirklich verloren hatte, wurde ihm bewusst, dass er sie wirklich geliebt hatte – aber er hatte nie den richtigen Weg gefunden, sie von seiner Liebe zu überzeugen. Schließlich wandte er sich ab und ging fort.
„Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe. Er hat natürlich geheiratet und seine Millionen geerbt. Aber der Börsenkrach von 1929 hat ihn schwer getroffen. Da hat er sich eine Pistole in den Mund gesteckt. Seine Kinder haben wie die Hyänen um die Reste seines Vermögens gekämpft. Das hab’ ich zumindest gelesen“, erzählte die alte Rose auf der Keldysh.
Die Carpathia erreichte New York am 18. April 1912 gegen neun Uhr abends. Es goss wie aus Kübeln, als das Schiff die Freiheitsstatue passierte. Rose sah auf die eherne Lady Liberty, die all das symbolisierte, was Amerika für den Rest der Welt sein wollte: Das Land der Freien, in dem jeder seines eigenen Glückes Schmied war; in dem jeder alles erreichen konnte, wenn er es nur wollte und tüchtig genug war. Sie wollte auf eigenen Beinen stehen, sich selbst und anderen beweisen, dass eine Frau auch allein zurechtkommen konnte, dass sie keinen Ernährer benötigte.
Ein Steward mit einer Liste auf einem Klemmbrett trat auf sie zu.
„Sagen Sie mir Ihren Namen, bitte?“, bat er. Rose sah ihn an und traf ihre Entscheidung.
„Dawson; Rose Dawson“, antwortete sie mit fester Stimme. Auch wenn Jack nicht mehr lebte – sein Name würde weiterleben.
„Vielen Dank“, sagte der Steward, machte auf seiner Liste einen Vermerk und ging weiter.
Rose steckte die Hände in die Manteltaschen.
Teil 3 – Epilog
Kapitel 30
Rückkehr
Lewis Bodine war der Erste, der die Sprache wiederfand.
„Wir haben nichts über diesen Jack gefunden. Sein Name taucht nirgendwo auf“, gab er stirnrunzelnd zu bedenken. Er hatte immer noch Zweifel. Andererseits war ihre Erzählung so plastisch, so detailgetreu gewesen, dass es keine Zweifel an der Korrektheit geben konnte.
„Nein, das kann er ja wohl auch kaum, oder?“, versetzte Rose. Wie sollte jemand, der seine Fahrkarte gewonnen hatte, der genau genommen unter falschem Namen reiste, auf einer Passagierliste erscheinen?
„Und ich hab’ bis zum heutigen Tag noch nie von ihm gesprochen. Zu niemandem. Nicht einmal zu deinem Großvater. Das Herz eine Frau ist ein tiefer Ozean voller Geheimnisse. Aber jetzt wissen Sie, dass es einen Mann namens Jack Dawson gab, und dass er mich gerettet hat. In jeder Weise, wie ein Mensch nur von einem anderen gerettet werden kann. Ich habe … nicht mal ein Bild von ihm. Er … existiert … nur noch … in meiner Erinnerung.“
Das Kamerabild der Mir 2 wurde dunkel, als das Tauchboot seine Fahrt beendete.
„Keldysh, Keldysh: Mir 2 taucht wieder auf!“, meldete Roger aus der Mir 2. Die Kapsel schwenkte vom rostüberwucherten Bug des Wracks fort und ließ die Titanic im Dunkel ihres nassen Grabes zurück.
Zwei Stunden später, als das Tauchboot wieder an der Oberfläche war, war es bereits dunkel geworden. Die Froschmänner der Begleitboote schlugen die großen Schäkel an den Halteösen der Mir 2 an, damit die Kapsel aus dem Wasser geborgen werden konnte.
Brock Lovett stand mit Lizzy an Deck und spielte nachdenklich mit der dicken Zigarre.
„Die wollte ich mir für den Moment aufheben, wenn ich den Diamanten gefunden habe“, seufzte er. Er schnupperte noch einmal daran und warf sie dann aus dem Handgelenk über Bord.
„Tut mir Leid“, versuchte Lizzy, ihn zu trösten.
„Drei Jahre lang hab’ ich an nichts anderes gedacht als an die Titanic. Aber ich hab’ es nie ganz begriffen. Ich ließ es nie an mich rankommen“, sagte er leise. Lizzy schüttelte nur lächelnd den Kopf.
Am Heck der Keldysh tapsten nackte, faltige Füße mit sorgfältig lackierten Zehennägeln über das rutschfeste Deck. Rose Calvert, geborene DeWitt Bukater, bekannt als Dawson, schlich im kalten Nachtwind nur mit einem Nachthemd bekleidet, zum Heck der Keldysh. Als sie die Reling erreicht hatte, hielt sie sich fest und stieg auf die Querstreben der Heckreling – genauso, wie sie vierundachtzig Jahre zuvor am Freitag, den 12. April 1912, auf die Heckreling der Titanic gestiegen war. Diesmal blieb sie auf der Innenseite der Reling stehen und schaute in das schwarze Wasser. Es war ebenso schwarz wie in jener Nacht vom 14. auf den 15. April 1912, als ihre große Liebe Jack Dawson erfroren in dieser Schwärze versunken war.
Rose öffnete ihre linke Hand. In der Hand lag die Diamantkette mit dem blauen Herz des Ozeans, strahlend wie an jenem Sonntagabend, als Jack sie mit dieser Kette am Hals gezeichnet hatte.
Ihre Gedanken kehrten an den 18. April 1912 zurück. Der Steward mit der Liste war gerade fortgegangen, als sie die Hände in die Manteltaschen gesteckt hatte. Sie hatte etwas in ihrer Hand gespürt und es aus der Tasche gezogen – es war das Diamantcollier, das Cal unmittelbar vor der Evakuierung aus dem Safe genommen und in die Manteltasche gesteckt hatte – in den Mantel, den er ihr später gegeben hatte … Sie hatte die Kette behalten; als Erinnerung daran, dass sie fähig war, selbst für sich zu sorgen und nicht auf den Reichtum anderer angewiesen war. Doch jetzt, mit fast hundertundeinem Jahr, nach vierundachtzig Jahren, die sie auf eigenen Beinen gestanden hatte, konnte sie auf eine weitere Erinnerung verzichten. Der Diamant hatte mit dem Schiff untergehen sollen …
Mit einem schelmischen Lächeln schüttelte sie den Kopf und warf die Diamantkette mit elegantem Schwung über Bord. Im Licht der Lampen der Keldysh versank die Kette im Uhrzeigersinn drehend in den Tiefen des Alantischen Ozeans. Sie atmete auf und sah auf den klaren Sternenhimmel. Eine Sternschnuppe blitzte auf.
Rose kehrte zurück in ihre Kabine und legte sich schlafen. Die Fotos neben ihr zeigten sie in den unterschiedlichsten Situationen ihres Lebens: Als Schauspielerin – so wie sie es auf der Titanic vor Daniel Marvins Kamera schon mal geprobt hatte. Als Ehefrau; als Mutter zweier Kinder, bei deren Collegeabschluss; an ihrem siebzigsten Geburtstag mit Kindern und Enkelkindern. Als Anglerin, die einen mächtigen Marlin präsentierte, der größer war als sie selbst. Als Pilotin – das Lied von Josephine in ihrer Flugmaschine war nicht nur Jacks und ihr erklärtes Lieblingslied, es hatte sie auch dazu gebracht, fliegen zu lernen und den Pilotenschein zu machen. Als Reiterin – das Bild zeigte sie etwa 1920 am Santa Monica Pier, die Achterbahn im Hintergrund, wo sie im Herrensitz am Strand geritten war, genauso, wie sie es mit Jack verabredet hatte …
Ihre Seele löste sich vom Körper und begab sich auf die Reise – auf die Reise in die Tiefe; auf die Reise zu den anderen, die vor vierundachtzig Jahren hier geblieben waren. Sie tauchte in die tiefe Schwärze des Ozeans. Schon nach kurzer Zeit schälte sich aus der blau werdenden Tiefe das Wrack der vorderen Hälfte der Titanic. Sie schwebte über die Promenade des A-Decks. Während die Seele eilig das A-Deck überquerte, wurde aus dem toten Wrack wieder die eben gerade in Dienst gestellte, aus allen Fenstern warmes Licht verstrahlende Titanic. Sie erreichte den etwas nach innen gezogenen Zugang zum großen Treppenhaus.
Dort stand der Steward, der am Samstagabend Jack hier eingelassen hatte und öffnete ihr mit einem freundlichen Lächeln und einer leichten Verbeugung die Tür. Sie trat ein und wurde von den Anwesenden mit freundlichem Lächeln begrüßt. Vierundachtzig Jahre hatten sie auf sie gewartet.
Gleich rechts stand Trudy Bolt, hinter ihr J. J. Astor, Ida und Isidor Strauss. Dahinter folgten Bert Cartmell und seine Familie. Die kleine Cora hatte er auf dem Arm. Auf der linken Seite standen die Musiker, hinter ihnen Tommy Ryan, dann Benjamin Guggenheim und viele andere. Links, hinter der ersten Säule an der Treppe, stand William Murdoch, auf der Treppe Thomas Andrews. An der Putte am Treppenfuß stand ein lachender Fabrizio de Rossi, Helga Dahl glücklich lächelnd an seinem Arm. Der Blick ging hinauf zum Treppenabsatz, wo Jack Dawson unter der intakten, strahlenden Kuppel des Treppenhauses in seiner eigenen bescheidenen Kleidung stand und auf die Uhr sah. Sie zeigte zwanzig nach zwei, den Zeitpunkt des endgültigen Versinkens des Hecks.
Jack drehte sich um und bot Roses Seele die Hand. Es war die Seele der siebzehnjährigen Rose in einer engelhaft weißen Robe. Jack zog sie an sich. Sie umarmten sich und küssten sich unter dem Applaus aller eintausendfünfhundert Seelen, die hier seit vierundachtzig Jahren auf Rose gewartet hatten.
Sie war endlich zu Hause.
Ende
Kapitel 30a
Rückkehr
(Alternatives Szenario Keldysh)
Lewis Bodine war der Erste, der die Sprache wiederfand.
„Wir haben nichts über diesen Jack gefunden. Sein Name taucht nirgendwo auf“, gab er stirnrunzelnd zu bedenken. Er hatte immer noch Zweifel. Andererseits war ihre Erzählung so plastisch, so detailgetreu gewesen, dass es keine Zweifel an der Korrektheit geben konnte.
„Nein, das kann er ja wohl auch kaum, oder?“, versetzte Rose. Wie sollte jemand, der seine Fahrkarte gewonnen hatte, der genau genommen unter falschem Namen reiste, auf einer Passagierliste erscheinen?
„Und ich hab’ bis zum heutigen Tag noch nie von ihm gesprochen. Zu niemandem. Nicht einmal zu deinem Großvater. Das Herz eine Frau ist ein tiefer Ozean voller Geheimnisse. Aber jetzt wissen Sie, dass es einen Mann namens Jack Dawson gab, und dass er mich gerettet hat. In jeder Weise, wie ein Mensch nur von einem anderen gerettet werden kann. Ich habe … nicht mal ein Bild von ihm. Er … existiert … nur noch … in meiner Erinnerung.“
Das Kamerabild der Mir 2 wurde dunkel, als das Tauchboot seine Fahrt beendete.
„Keldysh, Keldysh: Mir 2 taucht wieder auf!“, meldete Roger aus der Mir 2. Die Kapsel schwenkte vom rostüberwucherten Bug des Wracks fort und ließ die Titanic im Dunkel ihres nassen Grabes zurück.
Zwei Stunden später, als das Tauchboot wieder an der Oberfläche war, war es bereits dunkel geworden. Die Froschmänner der Begleitboote schlugen die großen Schäkel an den Halteösen der Mir 2 an, damit die Kapsel aus dem Wasser geborgen werden konnte.
Brock Lovett stand an der Reling und starrte in das schwarze Wasser. Hinter ihm war eine wilde Party in Gange, die das Ende der Expedition besiegelte. Lewis Bodine ließ sich mindestens so volllaufen wie Bäcker Joughin in den letzten Momenten der Titanic. Lizzy Calvert kam hinzu und bot Brock ein Bier an.
„Es tut mir Leid“, sagte sie.
„Wir können die ganze Zeit in den Wind schreiben“, seufzte er. Dann nahm er im Licht der Bordbeleuchtung eine Gestalt wahr, die zum Heck des Schiffes schlich.
„Oh, verdammt!“, entfuhr es ihm.
Am Heck der Keldysh tapsten nackte, faltige Füße mit sorgfältig lackierten Zehennägeln über das rutschfeste Deck. Rose Calvert, geborene DeWitt Bukater, bekannt als Dawson, schlich im kalten Nachtwind nur mit einem Nachthemd bekleidet, zum Heck der Keldysh. Ihre Hände waren vor der Brust gefaltet, als ob sie betete.
Lovett und Lizzy konnten gar nicht schnell genug zum Heck hetzen. Sie rannten die Treppen vom Oberdeck herunter und sprinteten nach achtern.
Als Rose die Reling erreicht hatte, hielt sie sich fest und stieg auf die Querstreben der Heckreling – genauso, wie sie vierundachtzig Jahre zuvor am Freitag, den 12. April 1912, auf die Heckreling der Titanic gestiegen war.
In diesem Moment kamen Brock und Lizzy auf das Achterdeck.
„Großmutter, warte! Tu das nicht!“, schrie Lizzy. Rose drehte den Kopf, dann drehte sie sich noch weiter um. In ihrer Hand, die sie über die Reling hielt, wurde das Herz des Ozeans sichtbar.
„Kommt nicht näher!“, rief sie. Lovetts Augen wurden immer größer, als er seinen persönlichen Heiligen Gral sah, den Rose jederzeit ins Wasser fallen lassen konnte. Dass sie ihn hatte, war der handfeste Beweis, dass ihre Erzählung in jeder Hinsicht der Wahrheit entsprach.
„Sie hatten ihn die ganze Zeit?“, fragte Brock verblüfft.
Ihre Gedanken kehrten an den 18. April 1912 zurück. Der Steward mit der Liste war gerade fortgegangen, als sie die Hände in die Manteltaschen gesteckt hatte. Sie hatte etwas in ihrer Hand gespürt und es aus der Tasche gezogen – es war das Diamantcollier, das Cal unmittelbar vor der Evakuierung aus dem Safe genommen und in die Manteltasche gesteckt hatte – in den Mantel, den er ihr später gegeben hatte …
Sie lächelte über Lovetts Unverständnis.
„In der Armut war es das Härteste, dass ich eigentlich so reich war“, sagte sie. „Aber immer, wenn ich daran gedacht habe, es zu verkaufen, dachte ich an Cal. Und irgendwie ist es mir immer gelungen, ohne seine Hilfe auszukommen.“
Jetzt kamen auch Bodine und noch einige andere hinzu und bemerkten, was da in Roses alter Hand über dem Wasser hing.
„Heilige Scheiße!“, entfuhr es Lewis.
„Lassen Sie es nicht fallen, Rose!“, beschwor Brock die alte Dame.
„Los, auf sie!“, schlug Bodine vor.
„Es ist ihrs, du Schwachkopf!“, bremste Lovett seinen Partner aus. Sie hatten kein Recht, ihr den Diamanten einfach wegzunehmen. Sie mochten Grabräuber sein – aber ganz gewiss keine Piraten …
„Sehen Sie, Rose, ich … ich weiß nicht, was ich zu einer Frau sagen soll, die versucht hat, von der Titanic zu springen, als sie nicht sank und die wieder drauf gesprungen ist, als sie unterging. Wir haben es hier nicht mit Logik zu tun, das weiß ich, … aber … bitte … denken Sie darüber noch ’ne Sekunde nach“, sagte er.
„Das habe ich. Ich bin den ganzen Weg hierhergekommen, damit dies dorthin kommt, wohin es gehört“, erwiderte sie entschieden.
„Lassen Sie es mich nur einmal in die Hand nehmen, Rose – bitte. Nur ein einziges Mal“, bettelte Brock. Er kam langsam näher. Es war wie eine Erinnerung an Jacks vorsichtige Annäherung am Heck der Titanic an sie, als sie Selbstmordgedanken gehabt hatte.
Es überraschte nicht nur Lovett, dass sie die Kette tatsächlich wieder über Deck nahm und ganz ruhig den Diamanten in seiner hohlen Hand versenkte. Die Kette selbst behielt sie in der Hand. Brock starrte auf das Objekt seiner Suche und seiner Begierde. Eine Unzahl kalter Strahlen, die wie Skapellklingen wirkten, glitzerte in der blauen Tiefe des Steins. Er passte genauso in die Hand, wie er es sich immer vorgestellt hatte.
„Mein Gott!“, entfuhr es ihm. Sein Griff um den Diamanten würde stärker. Er sah auf, ihre Blicke trafen sich. In Roses Augen war eine Tiefe und Weisheit, die er nicht erwartet hatte.
„Sie haben an der falschen Stelle nach Schätzen gesucht, Mr. Lovett“, sagte sie. „Nur das Leben ist unendlich kostbar und lässt jeden Tag zählen.“
Er lockerte den Griff und öffnete die Hand langsam. Behutsam zog sie den Diamanten heraus. Er spürte, wie das Schmuckstück aus seinen Fingern glitt. Mit einem ebenso leichten wie schelmischen Lächeln warf sie die Kette über Bord.
Lovett stieß einen Schrei aus und hechtete zur Reling, kam aber nur noch dazu, zu sehen, wie die Kette auf dem Wasser aufschlug und für immer verschwand.
„Ey, das ist echt beschissen, Lady!“, grollte Bodine. Lovett wurde wohl zehnmal bleich und wieder rot, bevor er sich für einen Emotionsausbruch entschied: Er lachte! Er lachte, bis ihm die Tränen über die Wangen liefen. Er drehte sich zu Lizzy um.
„Wollen Sie tanzen?“, fragte er. Sie lächelte ihn an und nickte.
Rose lächelte und sah in den Sternenhimmel, der ebenso unglaublich klar war wie in jener Nacht, als die Titanic gesunken war. Eine Sternschnuppe huschte über den Himmel, während der Diamant im Uhrzeigersinn kreisend dem Meeresboden entgegenfiel.
Die alte Rose kehrte zurück in ihre Kabine und legte sich schlafen. Die Fotos neben ihr zeigten sie in den unterschiedlichsten Situationen ihres Lebens: Als Schauspielerin – so wie sie es auf der Titanic vor Daniel Marvins Kamera schon mal geprobt hatte. Als Ehefrau, als Mutter zweier Kinder, bei deren Collegeabschluss, an ihrem siebzigsten Geburtstag mit Kindern und Enkelkindern. Als Pilotin – das Lied von Josephine in ihrer Flugmaschine war nicht nur Jacks und ihr erklärtes Lieblingslied, es hatte sie auch dazu gebracht, fliegen zu lernen und den Pilotenschein zu machen. Als Reiterin – das Bild zeigte sie etwa 1920 am Santa Monica Pier, die Achterbahn im Hintergrund, wo sie am Strand geritten war, genauso, wie sie es mit Jack verabredet hatte …
Ihre Seele löste sich vom Körper und begab sich auf die Reise – auf die Reise in die Tiefe; auf die Reise zu den anderen, die vor vierundachtzig Jahren hier geblieben waren. Sie tauchte in die tiefe Schwärze des Ozeans. Schon nach kurzer Zeit schälte sich aus der blau werdenden Tiefe das Wrack der vorderen Hälfte der Titanic. Sie schwebte über die Promenade des A-Decks. Während die Seele eilig das A-Deck überquerte, wurde aus dem toten Wrack wieder die eben gerade in Dienst gestellte, aus allen Fenstern warmes Licht verstrahlende Titanic. Sie erreichte den etwas nach innen gezogenen Zugang zum großen Treppenhaus.
Dort stand der Steward, der am Samstagabend Jack hier eingelassen hatte und öffnete ihr mit einem freundlichen Lächeln und einer leichten Verbeugung die Tür. Sie trat ein und wurde von den Anwesenden mit freundlichem Lächeln begrüßt. Vierundachtzig Jahre hatten sie auf sie gewartet.
Gleich rechts stand Trudy Bolt, hinter ihr J. J. Astor, Ida und Isidor Strauss. Dahinter folgten Bert Cartmell und seine Familie. Die kleine Cora hatte er auf dem Arm. Auf der linken Seite standen die Musiker, hinter ihnen Tommy Ryan, dann Benjamin Guggenheim und viele andere. Links, hinter der ersten Säule an der Treppe, stand William Murdoch, auf der Treppe Thomas Andrews. An der Putte am Treppenfuß stand ein lachender Fabrizio de Rossi, Helga Dahl glücklich lächelnd an seinem Arm. Der Blick ging hinauf zum Treppenabsatz, wo Jack Dawson unter der intakten, strahlenden Kuppel des Treppenhauses in seiner eigenen bescheidenen Kleidung stand und auf die Uhr sah. Sie zeigte zwanzig nach zwei, den Zeitpunkt des endgültigen Versinkens des Hecks.
Jack drehte sich um und bot Roses Seele die Hand. Es war die Seele der siebzehnjährigen Rose in einer engelhaft weißen Robe. Jack zog sie an sich. Sie umarmten sich und küssten sich unter dem Applaus aller eintausendfünfhundert Seelen, die hier seit vierund-achtzig Jahren auf Rose gewartet hatten.
Sie war endlich zu Hause.
Ende
Glossar
Dieser Roman zum Film enthält diverse Ausdrücke, die vermutlich nicht jedem bekannt sind. Hier sind sie erklärt.
Sofern Ausdrücke im Glossar an anderer Stelle ebenfalls vorkommen, sind diese als Querverweis unterstrichen
* Seemännische Fachausdrücke
abfieren: Siehe fieren
achtern: hinten
Heck: hinterster Teil des Schiffes
Backbord: nautisch links, linke Schiffsseite
Backdeck: (kurz auch Back genannt) Vorderstes Deck, direkt hinter dem Bug
Blanker Hans: Spitzname für das Meer als solches, hauptsächlich an der stets sturmflutgefährdeten deutschen Nordseeküste gebraucht.
Block: Gehäuse mit mehreren Rollen zum Umlenken von Tauen
Blue Ensign: Dienstflagge Großbritanniens. Der Flaggengrund ist blau, in der Oberecke (das obere Viertel der Flagge, das sich am Mast befindet) befindet sich der Union Jack, die britische Nationalflagge.
Brücke: Der erhöhte Steuerstand auf einem Schiff – meist ist befindet er sich auf dem obersten Deck – wird auch als Brücke bezeichnet.
Brückennock: Über die Außenhaut eines Schiffes hinausragender, meist offener Teil der Brücke, der insbesondere für Anlegemanöver einen besseren Überblick ermöglicht.
Bug: vorderster Teil des Schiffes
CQD: Erster Funknotruf der Fa. Marconi auf See vor Einführung des internationalen SOS-Signals. CQ steht dabei für seek you (suche euch/dich), das D für distress (Gefahr). Als englische Eselsbrücke dient auch: come quick, danger (komm schnell, Gefahr)
Davit: schwenkbarer Kran (in der Regel paarweise vorhanden), mit dem ein Boot ausgesetzt bzw. eingeholt werden kann.
dicht (-holen): strammziehen
Dienstflagge: Flagge, die auf Schiffen des öffentlichen Dienstes einer Nation am Flaggenmast gesetzt wird.
Ducht: Sitzbank in einem Boot
Fall (Pl. Fallen): Tau zum hieven oder fieren von Gegenständen (in diesem Fall Boote)
fieren: herunterlassen
Fockmast: vorderster Mast auf mehrmastigen Schiffen (die Titanic hatte zwei Masten)
Handelsflagge: Flagge, die von Handelsschiffen, aber auch von Privatleuten am Flaggenmast eines Schiffes geführt wird.
Heckschwell: Siehe Schwell
hieven: hochziehen
Klampe: Vorrichtung zum Befestigen von Leinen auf einem Schiff, aus Holz oder Metall gefertigt und mit zwei voneinander weg gerichteten Hörnern versehen. Die Hörner einer Klampe sind in der Regel parallel zur Reling ausgerichtet.
Knoten: nautische Geschwindigkeitseinheit, 1 Knoten (kn) entspricht 1 Seemeile pro Stunde. Die Einheit entstand daraus, dass eine mit einem Log genannten Gewicht beschwerte Knotenleine vom Schiff ins Wasser gehalten wurde. Das Log zerrte durch seine Bremswirkung die Knotenleine durch die Hand des messenden Matrosen. Je nachdem, wie viele Knoten in einer bestimmten Zeit durch die Hand des Matrosen liefen, so viele Seemeilen bzw. Knoten je Stunde lief das Schiff.
Niedergang: Steile Treppe auf einem Schiff
Persenning: in der Seemannssprache: wasserfest gemachtes Gewebe, um Hohlräume vor dem Eindringen vom Wasser zu schützen.
Pinne: Direkt mit dem Ruderblatt im rechten Winkel verbundenes Rundholz. Das Boot wird damit ganz direkt gesteuert.
Pullen: nix Flaschen … Seemännisch korrekter Ausdruck für das, was Landratten „rudern“ nennen.
Red Ensign: Handelsflagge Großbritanniens. Der Flaggengrund ist rot, in der Oberecke (siehe auch Dienstflagge) befindet sich der Union Jack.
Reling: Geländer zur Sicherung gegen Absturz auf einem Schiff.
Riemen: nein, kein Gürtel. Rundholz mit Blatt, um ein Boot durch pullen vorwärts zu bewegen. Unseemännisch auch „Ruder“ genannt.
Schanzkleid: das; die massive, brüstungs- oder wandartige Fortsetzung oder Erhöhung der Bordwand über ein freiliegendes Schiffsdeck hinaus. Es ist insofern eine Sonderform der sonst offenen Reling.
Schwell: der, in Häfen und begrenzten Gewässern von fahrenden Schiffen bewegtes Wasser oder hinein stehende schwache Dünung. Kann aber auch in offenem Gewässer hinter schnell fahrenden Schiffen entstehen, insbesondere bei propellergetriebenen Schiffen
Scotland Road: Eigentlich eine Straße in Liverpool (die Titanic war in Liverpool registriert), über die die Postkutschenlinie von Liverpool nach Schottland verlief. Heute ist es die 109 Meilen (175 km) lange Hauptstraße A 59, die auf der Merseyside von Liverpool beginnt und in York/North Yorkshire endet. Sie wurde im Laufe ihrer Geschichte verbreitert, gilt als sehr lange Straße und innerhalb Liverpools als Zentrum der Zuwanderer nach Großbritannien. Ähnlich war auch die Dritte Klasse der Titanic strukturiert, weshalb der einzige, zudem besonders breite vom Bug zum Heck durchgehende Korridor im E-Deck diesen Spitznamen bekam.
Seemeile: nautisches Längenmaß, Abk. sm = 1.852 m
Smutje: Koch auf einem Schiff
SOS: Internationaler Notruf, kann mit save our souls ausgeschrieben werden; dies ist jedoch nur eine Eselsbrücke, um sich den Ruf zu merken. Die Morsezeichenfolge drei Punkte, drei Striche, drei Punkte ist auch so eingängig, dass selbst ein funktechnischer Laie sie schnell begreift und im Notfall auch senden bzw. empfangen kann. Entgegen der sonstigen Morseregel, dass zwischen den Buchstaben eine Pause einzulegen ist, die die Länge eines Punktes hat, wird SOS durchgängig gemorst, also ohne Pause.
Stag: Dauerhaft befestigtes („stehendes“) Tau auf einem Schiff in Längsrichtung zur Schiffsachse, das zur Befestigung von Masten oder Schornsteinen dient oder – bei Segelschiffen – an dem auch längs zur Schiffsachse Segel gesetzt werden können.
Steuerbord: nautisch rechts, rechte Schiffsseite
Talje: seemännische Bezeichnung eines Flaschenzuges, der aus Tauen und Blöcken gebildet wird.
Tampen: Ende eines Taues/einer Leine
Vorstag: Siehe Stag
Want: (Mrz. Wanten), das; dauerhaft befestigtes („stehendes“) Tau auf einem Schiff in Querrichtung zur Schiffsachse, das zur Befestigung von Masten oder Schornsteinen dient.
Welldeck: Offener Bereich des Hauptdecks zwischen dem Backdeck und den Hauptaufbauten Schiffes.
** Allgemeines Lexikon
Chiton: der; altgriechisches Gewand, das direkt am Leib getragen wurde. Es wurde aus einem rechteckigen Stück Leinenstoff gefaltet. Er ist an der linken Seite geschlossen, bleibt an der rechten Seite offen und wird durch Fibeln auf der Schulter zusammengehalten. Als Frauengewand war der Chiton lang und reichte bis fast auf den Boden, als Männergewand reichte er etwa bis zum Knie. In der Regel bestand er aus einem leichten Leinengewebe. Die schwere Variante aus Wollstoff (und eigentlich ein reines Frauengewand) wurde als Peplos bezeichnet
Cloche: Abdeckhaube für Speisen, die hauptsächlich in der gehobenen Gastronomie eingesetzt wird. Eine Cloche besteht aus Glas, Kunststoff (allerdings nicht 1912 …) oder Edelstahl und dient zum Warmhalten der Speise zwischen Küche und Gästetisch. Als Nebeneffekt der Benutzung einer undurchsichtigen Cloche ergibt sich eine Art Überraschungseffekt für den Gast, wenn die Speise vor seinen Augen aufgedeckt wird. Ob angenehme Überraschung oder nicht, das liegt an der Speise selbst …
Entkleiden: Eigentlich liegt hier ein Filmfehler vor, da Rose sich nach den sonstigen Informationen aus dem Drehbuch das Korsett nicht allein ausziehen kann. Einen Hinweis darauf, dass Jack ihr hilft oder dass sie zu einem anderen Zeitpunkt am Tag das Korsett abgelegt hat, gibt es nicht. Es ist denkbar, dass die Szene mit dem Nervenzusammenbruch herausgeschnitten wurde, um hier das eigenständige Entkleiden glaubwürdig bleiben zu lassen.
Fuß: engl. Längenmaß, ca. 30 cm
Humidor: Behälter, in der Regel aus dem Holz der in der Karibik heimischen Westindischen Zeder hergestellt, in dem Zigarren bei der für sie besten Luftfeuchtigkeit von ca. 70 – 75% und einer Temperatur von 18 – 22° C gelagert werden können. Im Deckel des Humidors befinden sich ein Hygrometer, das die Luftfeuchtigkeit misst und anzeigt, sowie ein feuchtigkeitsdurchlässiger Behälter für ein benetztes Schwämmchen, der die Feuchtigkeit reguliert abgibt. Dadurch wird eine konstante Feuchtigkeit gewährleistet.
Inch: engl. Längenmaß, ca. 2,54 cm
Kinematograph: handbetriebener Vorläufer der Filmkamera
Komtesse: Im Dialog wird die Gräfin von Rothes als Komtesse bezeichnet. Hierbei handelt es sich um einen schlichten Übersetzungsfehler, da der englische Adelstitel Countess auf Deutsch Gräfin bedeutet. Eine Komtesse ist die unverheiratete Tochter eines Grafen. Gräfin Rothes war jedoch mit dem 19. Earl (Graf) of Rothes verheiratet.
Pfund: historische Maßeinheit für Masse; 0,5 kg
Pint: engl. Hohlmaß, ca. 0,5 l
Quadratfuß: Im Prinzip die Übersetzung für square feet (Abk. sq ft). 1 sq ft. entspricht ca. 0,09 m², 9 sq ft ergeben 1 sq yd (square yard), was ca. 0,8 m² entspricht. Die im Text enthaltene Flächenangabe von 12 sq ft/Quadratfuß entsprechen etwas mehr als einem Quadratmeter.
Standard Oil: Die Abkürzung SO ist – lesbar als Esso – eine der weltweit bekannten Treibstoffmarken.
Tir na nÓg: altirisch, bedeutet Land der ewigen Jugend. Gilt in der keltisch-irischen Sagenwelt als einer der bekanntesten Orte der mystischen Anderswelt, des Jenseits. Dieser Ort soll der Mythologie nach im Westen Irlands liegen und ist mit dem Himmel in der christlichen Mythologie vergleichbar. Deshalb soll er nur durch eine beschwerliche Reise oder die Einladung eines Bewohners – meist sind es Elfen – erreichbar sein.
Yard: engl. Längenmaß, ca. 1 m
Besetzungsliste
|
Synchronsprecher nicht bekannt |
||
| Rolle | Darsteller/in | |
| Quartermaster Hitchins | Paul Brightwell | |
| Madame Aubert | Fannie Brett | |
| Helga Dahl | Camilla Overbye Roos | |
| Frau, Dritte Klasse | Linda Kerns | |
| Trudy Bolt | Amy Gaipa | |
| Wallace Hartley | Jonathan Evans-Jones | |
| Synchronsprecher nicht bekannt | ||
| Rolle | Darsteller/in | |
| Irischer Mann | Brian Walsh | |
| Bert Cartmell | Rocky Taylor | |
| Cora Cartmell | Alexandrea Owens | |
| Vierter Offizier Boxhall | Simon Crane | |
| Ausguck Reginald Lee | Martin East | |
| Jack Phillips | Gregory Cooke | |
| Chefbäcker Joughin | Liam Tuohy | |
| Ida Strauss | Elsa Raven | |
| Isidor Strauss | Lew Palter | |
| Irischer Junge | Reece P. Thompson III | |
| Irisches Mädchen | Laramie Landis | |
| Cals weinendes Mädchen | Amber Waddell | |
| Cals weinendes Mädchen | Alison Waddell | |
| Yaley | Mark Rafael Truitt | |
| Ehemann, Erste Klasse | John Walcutt | |
| Chefheizer Barrett | Derek Lea | |
| Zimmermann John Hutchinson | Richard Ashton | |
| Steward, Scotland Road | Brendan Connolly | |
| Matrose | David Cronnelly | |
| Kellner, Erste Klasse | Garth Wilton | |
| Steward, Promenadendeck | Martin Laing | |
| Steward #1 | Richard Fox | |
| Steward #2 | Nick Meaney | |
| Steward #3 | Kevin Owers | |
| Steward #4 | Mark Capri | |
| Steward, Erste Klasse | Emmett James | |
| Steward im Treppenhaus | Chris Byrne | |
| Olaf Dahl | Erik Holland | |
| Bjorn Gundersen | Jari Kinnunen | |
| Olaus Gundersen | Anders Falk | |
| Slowakischer Vater | Martin Hub | |
| Slowakischer Junge, 3 Jahre | Seth Adkins
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Synchronsprecher nicht bekannt |
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| Rolle | Darsteller/in | |
| Betender Mann | Barry Dennen | |
| Mann im Wasser | Vern Urich | |
| Mutter am Heck | Rebecca Klingler | |
| Frau im Wasser | Kathleen S. Dunn | |
| Syrischer Mann | Romeo Francis | |
| Syrische Frau | Mandana Marino | |
| Chinesischer Mann | Van Ling | |
| Olaf (als Bjørn) | Bjørn Olsen | |
| Sven | Dan Pettersson | |
| Pubkeeper | Shay Duffin | |
| Carpathia Steward | Greg Ellis | |
| Orchestermusiker (als I salonisti) | Lorenz Hasler | |
| Orchestermusiker (als I salonisti) | Thomas Füri | |
| Orchestermusiker (als I salonisti) | Ferenc Szedlák | |
| Orchestermusiker (als I salonisti) | Béla Szedlák | |
| Orchestermusiker (als I salonisti) | Werner Giger | |
| Musiker 3. Klasse (als Gaelic Storm) | Patrick Murphy | |
| Musiker 3. Klasse (als Gaelic Storm) | Stephen Wehmeyer | |
| Musiker 3. Klasse (als Gaelic Storm) | Stephen Twigger | |
| Musiker 3. Klasse (als Gaelic Storm) | Shep Lonsdale | |
| Musiker 3. Klasse (als Gaelic Storm) | Samantha Hunt | |
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übrige Besetzung in alphabetischer Reihenfolge: |
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| Rolle | Darsteller/in | |
| Tänzer | Kris Andersson | |
| Tänzer | Bobbie Bates | |
| Tänzer | Aaron James Cash | |
| Tänzer | Anne Fletcher | |
| Tänzer | Edmond Alan Forsyth | |
| Tänzer | Andie Hicks | |
| Tänzer | Scott Hislop | |
| Tänzer | Stan Mazin | |
| Tänzer | Lisa Ratzin
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Synchronsprecher nicht bekannt/nicht im Abspann |
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| Rolle | Darsteller/in | |
| Tänzer | Julene Renee-Preciado | |
| Edelmütiger Seemann | Brian Baines | |
| Frau, Erste Klasse | Alexandra Boyd | |
| Musiker / Baker | Mike Butters | |
| Steerage Dancer | James Cameron | |
| Mann, Erste Klasse | Bruno Campolo | |
| Victor Giglio | Chris Cragnotti | |
| Titanic Crewmitglied | Kevyn Currie | |
| Dritter Offizier Pitman | Kevin De La Noy | |
| Promenaden- Steward | Sean Howse | |
| Hotelboy | Rudy Joffroy | |
| Matrose | Tony Kenny | |
| Oberheizer Charles Hendrickson | Sean Lawlor | |
| Passagier, Zweite Klasse | John Leonhardt | |
| Frederick Spedden | Don Lynch | |
| Matrose Rettungsboot | Johnny Martin | |
| Passagier, Erste Klasse | Meghan McLeod | |
| Maschinist 1 | Mike O’Neal | |
| Core extra | Barbarella Pardo | |
| Akkordeonspieler | Phil Parlapiano | |
| Betende Frau | Judy Prestininzi | |
| Maschinist 2 | Steven Quale | |
| Mary Marvin | Olivia Rosewood | |
| Ohio Man | John Slade | |
| Restaurant Steward Erste Klasse | Stephen Wolfe Smith | |
| Ertrinkender Mann | R. Gern Trowbridge | |
| Junger Mann ohne Schwimmweste, Dritte Klasse | Miguel Angel Varela Fimbres | |
| Mann, der auf Läuse untersucht wird | Francisco Váldez | |
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Danke, dass das Filmbuch wieder da ist.
Ich freue mich sehr darüber.
Liebe Grüße
Andrea
Hallo, Andrea,
willkommen zurück! Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich wünsche dir weiterhin viel lesevergnügen.
Liebe Grüße
Gundula