Fluch der Karibik – Lady Elaines Rachedurst

Fluch @ KaribikLady Elaines Rachedurst 

 

Nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges erlöschen die Kaperbriefe des britischen Königs. Will Turner möchte die Gelegenheit nutzen, das Freibeuterleben aufzugeben und wieder als Waffenschmied zu arbeiten. Zwar hat er es nicht mehr nötig, aber er liebt seinen Beruf und kann sich zudem vor Aufträgen kaum retten. Doch es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem Nachbarn nicht gefällt. Lady Elaine Jones, verwandt mit Lord Morgan Everett, dem früheren Vorsitzenden der East India Trading Company, hat mit Will Turner noch ein Hühnchen zu rupfen…

 

Prolog


Man schrieb den 10. Februar des Jahres 1763. An diesem Tag wurde in Paris mit der Unterzeichnung des Friedens von Paris der Siebenjährige Krieg beendet. Großbritannien, Preußen, Frankreich, Spanien, Russland, Österreich und deren weitere Verbündete unterschrieben den Vertrag durch die Diplomaten, die die Staaten in Paris vertreten hatten.

Wenige Tage später erhielt König George III. von Großbritannien die erfreuliche Mitteilung, dass der Krieg beendet war – und von Großbritannien als gewonnen betrachtet werden konnte. Frankreich musste alle nordamerikanischen Kolonien in Kanada und Indien an Großbritannien abtreten, konnte aber einige karibische Inseln wie Martinique und Guadeloupe zurückerhalten, die zwischenzeitlich von den Briten besetzt worden waren. Die Kolonien in Nordamerika waren für den aufkommenden Pelzhandel jedoch ausgesprochen wichtig und deshalb wertvoller als die Karibikinseln. Die britischen Tuchmacher hatten ebenfalls großes Interesse daran, für verfeinerte Tuche eigene Pelzquellen zu haben – insbesondere für Biberfelle – und nicht den russischen Zwischenhandel teuer bezahlen zu müssen. Die Hudson Bay Company, eine britische Handelsgesellschaft, die nach einem ähnlichen Muster wie die East India Trading Company aufgebaut war, würde dafür sorgen.

König George kam bei dem Gedanken an die Hudson Bay Company auch die wenig erbauliche Erinnerung an die politisch recht unzuverlässige East India Trading Company. Er beschloss, seinem Kabinett die Anweisung zu geben, hier für Ordnung zu sorgen. Weil es sich um eine königlich privilegierte Gesellschaft handelte, empfahl der zuständige Minister, dass der König selbst den Vorstand verwarnen sollte. Oft genug waren entsprechende Weisungen des Ministers offensichtlich ignoriert worden …

Drei Wochen nach dem Friedensschluss erschienen die Vorstände Nathan Everett und Edward Jones im St.-James’s-Palast in Kensington.

„Meine Herren“, eröffnete George die Zusammenkunft. „Nach allem, was mir über Eure Gesellschaft bekannt geworden ist, bin ich der Ansicht, dass es so nicht weitergehen kann. Die East India Trading Company hinterlässt in der Welt ein ausgesprochen hässliches Bild von Briten. Eure Firmengründer sind einmal mit der Vorstellung angetreten, Großbritannien die Waren-Schätze dieser Welt zu erschließen. Was ist daraus geworden? Eine Gesellschaft, die nur den persönlichen Befindlichkeiten ihres Vorstandsvorsitzenden dient – und nicht Großbritannien. Gegen Gewinne ist beileibe nichts einzuwenden, aber wenn sie auf Kosten des Ansehens dieses Landes und seines Königshauses erwirtschaftet werden, hört der Spaß auf! Ich erwarte, dass von nun an Handel zu moralisch vertretbaren Bedingungen getrieben wird – das schließt sowohl die Eingeborenen in den Kolonien ein als auch das Personal, das für Euch in ferne Länder reist, um wertvolle Waren einzuhandeln.“

„Nichts anderes ist unsere Absicht, Euer Majestät“, erklärte Nathan Everett. König George sah den jungen Mann eine Weile an. Nathan war fünfundzwanzig Jahre alt, hatte im Hause seines Vaters, Morgan Lord Everett, eine kaufmännische Lehre gemacht und gleich nach dem Tod seines Vaters den Sitz im Vorstand erhalten. Ein normaler Kaufmannslehrling, der die Lehre abschloss, hatte allenfalls die Aussicht, ganz unten in der Hierarchie einer solchen Gesellschaft seine ersten Gehversuche als Kaufmann zu machen …

„Lord Everett, da Ihr gerade das Wort ergreift: Euer Vater hat sich einiges geleistet, was mit dem, was ich wünsche, keineswegs zu vereinbaren ist. Auch sein Vorgänger, Lord Beckett, der auch mit Euch verwandt ist, war gewiss kein Muster der Loyalität zu meinem Großvater. Und deshalb wünsche ich ausdrücklich, dass Ihr den Vorstandsposten der East India Trading Company aufgebt. Ihr könnt an anderer Stelle bei der East India Trading Company bleiben, aber keinesfalls dort, wo Ihr Verantwortung für die Handelsstrategie dieses Hauses tragt! Solltet Ihr Euch weigern, werde ich der East India Trading Company sämtliche Privilegien entziehen. Habt Ihr verstanden?“

Nathan schluckte hart. Er wusste, was sein Vater und sein Onkel angerichtet hatten – und er hatte nicht vor, deren Fehler zu wiederholen.

„Majestät, ich bin mit diesen Personen verwandt, aber …“

„Nein, ich mache kein neues Experiment mit der Familie Everett, Lord Everett!“, versetzte George scharf. „Euer Vater hat dem Minister hoch und heilig versprochen, die East India Trading Company wieder zu dem Ansehen zurückzubringen, das sie einmal hatte. Und was hat er gemacht? Die Stellung seiner Gesellschaft für persönliche Bereicherung missbraucht, hat den königlichen Gouverneur von Jamaica und einen verdienten Freibeuter festsetzen lassen, die die britische Kolonie Jamaica gerade erst aus den Fängen seines Vorgängers Beckett gerettet hatten. Aus persönlicher Rache, weil Lord Beckett sein Schwager war! Wie viel Unfug soll ich der Familie Everett noch erlauben, bevor ich durchgreife? Ihr gebt den Vorstandsposten auf oder ich lasse die East India Trading Company auflösen! Ich erwarte noch heute Nachmittag eine schriftliche Erklärung, dass Eure Eintragung im Handelsregister gelöscht wird nebst einer Abschrift des Löschungsbegehrens an das Handelsregister. Habe ich die nicht bis zum Fünfuhrtee, erlasse ich augenblicklich die Auflösungsanordnung Eurer Gesellschaft!“

„Ich weiß, was mein Vater und mein Onkel angerichtet haben, Majestät. Ich werde mich aus der Geschäftsleitung zurückziehen. Ihr werdet die verlangte Erklärung bis zum gesetzten Termin erhalten“, versprach Nathan kreidebleich. „Erlaubt Ihr, dass mein bisheriger Kompagnon, Mr. Edward Jones, dann die alleinige Geschäftsführung übernimmt?“

„Das erlaube ich“, erwiderte George. „Aber ich erwarte monatliche Berichte über Euer Vorgehen in den Kolonien und die Einhaltung christlich-moralischer Wertvorstellungen, was die Behandlung der Eingeborenen und der Seeleute betrifft.“

„Ihr werdet sie erhalten, Majestät“, versprach Jones.

„Gut, dann will ich Euch nicht länger von Euren Geschäften fernhalten, Gentlemen“, komplimentierte der König die Gesellschaftsvorstände hinaus.

Die Männer waren kaum aus dem St.-James’s-Palast, als der König nach einem Schreiber rief und ihm einen Brief diktierte, der an alle Gouverneure der britischen Kolonien gerichtet war und sie vom Friedensschluss mit Frankreich und Spanien unterrichtete. Er wies die Gouverneure an, auch die von ihnen mit Kaperbriefen ausgestatteten Freibeuter davon in Kenntnis zu setzen, dass diese Kaperbriefe nunmehr ihre Gültigkeit verloren. Der König forderte die Gouverneure darüber hinaus auf, die Freibeuter schriftlich bestätigen zu lassen, dass sie vom Friedensschluss Kenntnis genommen hatten.

„Verzeiht, Majestät, glaubt Ihr wirklich, dass Freibeuter ihre Privilegien so bereitwillig aufgeben?“, erkundigte sich der Schreiber. George stutzte.

„Ihr habt Recht, mein Freund. Ergänzt noch: Wer von den Freibeutern den Kaperbrief nicht zurückgibt oder ungültig machen lässt, ist als Pirat zu behandeln!“

„Ja, Mylord!“, bestätigte der Schreiber mit einer Verbeugung.

 

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Kapitel 1

Gute Kunde, schlechte Kunde


Fern von London schien eine warme Sonne auf die Insel Jamaica in der Karibik. Es war der 26. März 1763, Elizabeth Turners 29. Geburtstag. Auf der Terrasse des schönen Hauses auf dem Hügel, der Port Royal nach Osten gegen Kingston abgrenzte, wurde fröhlich gefeiert. Zu den Gästen gehörten neben der Familie auch diverse Freunde, die Elizabeth eingeladen hatte, darunter Captain Jack Sparrow samt seiner Frau Anamaria und seinem Sohn Jack jr., Joshamee Gibbs, Marty, Pintel und Ragetti von der
Black Pearl, die gesamte Crew der Aztec, John Brown und seine Frau Mabel, Commander Andrew Gillette und seine Verlobte, James Norringtons Frau Emily mit ihrem Töchterchen Rose und noch einige andere wie Captain Hawkins mit seinen Söhnen. Die Gesellschaft war nur wenig kleiner als bei Wills 30. Geburtstag im Januar, zu der auch noch sämtliche Piratenfürsten der Bruderschaft mit Teilen ihrer Crews gekommen waren. Tia Dalma alias Calypso hatte für beide Feiern eine Einladung erhalten, hatte aber abgesagt, weil sie sehr beschäftigt war, wie sie durch den ebenfalls eingeladenen Groaltek mitteilen ließ. 

Andy Hawkins, Jack Sparrow jr. und Will Turner III tobten durch den großen Garten und enterten das Baumhaus, das Bill Turner seinem Enkel in den dicken Ästen einer riesigen westindischen Zeder gebaut hatte.

„Hey, seht mal!“, rief Willy, der auf dem Dach des Baumhauses die Freibeuterflagge seines Vaters setzte. Prompt schauten zwei dunkle Wuschelköpfe aus der Dachluke des Baumhauses.

„Was gibt’s?“, fragte Jack.

„Dreimaster am Horizont! Das ist bestimmt Onkel James!“

„James Norrington?“, stieß Jack hervor.

„Aye!“, rief Willy begeistert.

„Oh, Mann! Ich muss meinen Dad wahrschauen*!“, keuchte Sparrow junior. Eilig verließ er das Baumhaus. Andy und Willy sahen ihm verdutzt hinterher. Ihre Rufe, die ihn zum Zurückkommen bewegen sollten, verhallten ungehört.

Atemlos stolperte Jack jr. auf die Terrasse von Familie Turners Haus.

„Dad! Dad! Navy im Anmarsch!“, rief der Junge aufgeregt. Jack Sparrow sen. hielt in seinem ebenso wort- wie gestenreichen Vortrag über seine Aussetzung durch Barbossa inne und drehte sich zu seinem Sohn um.

„Aye, aye, junger Mann! Und was veranlasst dich, so heftig Alarm zu schlagen, als sei Davy Jones persönlich in Sicht?“, fragte er mit einem Anflug von Gereiztheit. Jack hatte es nicht gern, wenn man ihm beim Spinnen von Seemannsgarn in Tampenstärke unterbrach.

„Piraten und Navy passen nicht zusammen, sagst du immer. Ich wollte dich wahrschauen, damit wir rechtzeitig verschwinden können. Ich will nicht, dass die dich schnappen, Dad“, rechtfertigte sich Jack jr.

„Und … welche Navy hat unser junger Ausguck gesichtet?“, fragte Jack weiter, beide Hände in die Hüften gestützt.

„Na, die britische Royal Navy, Captain! Die HMS Dauntless!“, erklärte Jack junior.

Emily Norrington sprang auf.

„James! Endlich!“, rief sie. „Elizabeth, ich hoffe, du entschuldigst Rose und mich. Er war so lange fort!“

Elizabeth umarmte ihre Freundin.

„Ja, natürlich, Emily. Soll Jenkins dich und Rose in den Hafen fahren?“, bot sie an. Elizabeth war bisher nur selten in die Verlegenheit gekommen, auf Will zu warten, aber sie hatte genug Fantasie, um sich nur zu gut vorstellen zu können, wie schwer es einer jungen Ehefrau fiel, ohne den geliebten Ehemann zu sein. Emily nickte nur, und Elizabeth ging mit ihr ins Haus hinein, um Jenkins zu beauftragen, Mrs. Norrington nach Port Royal hinunterzubringen.

Jack senior seufzte derweil.

„Jack, du weißt doch, dass Admiral Norrington nicht mehr unser Feind ist! Wir kämpfen mit ihm gemeinsam für England“, erklärte er.

„An Bord erzählst du immer was anderes, Dad“, platzte Jack jr. heraus. Pintel und Ragetti waren knapp davor, sich vor Lachen auszuschütten, auch alle anderen Gäste und Bewohner des East Harbour Hill No. 1 grinsten mindestens, als Jack hilflos die Zeigefinger ausfuhr und sagte:

„Hier ist nicht an Bord, Junior!“

Jack jr. legte den Kopf schief.

„Hm, dann is’ auf der Pearl was anderes wahr als an Land, Dad?“, fragte er verblüfft. Lautes Gelächter war die Folge.

„Jack, dein Vater hat immer sehr eigene Ansichten, was wahr ist und was nicht“, lachte Will Turner. Jack junior kam mit hängendem Kopf zu Will.

„Ich versteh’ das nicht, Onkel Will. Wieso ist hier was anderes richtig als auf unserem Schiff?“

„Kann es vielleicht sein, dass du deinen Dad missverstanden hast, Jack, dass er die spanische oder die französische Royal Navy gemeint hat, wenn er die Navy als Feind bezeichnet?“, fragte Will und strich dem Jungen über den dunklen Wuschelkopf. Jack juniors Blick ging zu seinem Vater. Auch Anamaria sah ihren Mann an.

„Aber sicher, Jackie“, sagte sie, mehr an ihren Sohn gewandt. „Dein Dad würde nie einen Verbündeten als Feind bezeichnen.“

Jack junior sah wieder Will an, als sein Vater keine Reaktion zeigte.

„Meinst du, Onkel Will?“

Will nickte. Dann zeigte er in Richtung Baumhaus, wo Willy und Andy gerade die imaginären Kanonen der ebenso imaginären Aztec ausrichteten.

„Deine Kumpane nehmen gerade einen Spanier aus, Junior. Wenn du von der Beute was abhaben willst, solltest du beim entern dabei sein, hm?“, empfahl Will.

„Aye, Captain Turner!“, rief Jack jr. und rannte wieder zum Baumhaus zurück.

Jack atmete hörbar aus.

„Puuh, der kann einen ganz schön in Verlegenheit bringen. ‘Tschuldigung, Commander Gillette …“, grinste er verlegen in Richtung Gillette, der aber herzlich lachte und das Geplänkel zwischen Vater und Sohn keinesfalls ernst genommen hatte. Er kannte Captain Jack Sparrow inzwischen lange genug, um nicht jedes Wort von ihm auf die sprichwörtliche Goldwaage zu legen.

Wenig später winkte Weatherby Swann Gillette zu sich und verabschiedete sich dann von seiner Tochter und seinem Schwiegersohn.

„Ich muss Admiral Norrington empfangen, Elizabeth. Das gehört sich so für einen Gouverneur“, sagte er.

„Ja, ist gut, Vater. Sag James bitte, dass er gerne noch willkommen ist – samt Emily und Rose. Wäre er hier gewesen, hätte ich ihn natürlich mit eingeladen.“

„Das werde ich“, versprach Swann, nahm den breiten Hut mit dem Federschmuck und spazierte gemütlich den Weg zum Hafen hinunter, begleitet von Andrew Gillette.

Jack Sparrow und seine Leute verabschiedeten sich ebenfalls nur eine knappe halbe Stunde später und gingen nach Kingston hinunter, wo Jack seine Black Pearl auf Reede* liegen hatte. Elizabeth ließ sich durch den Abgang dieser Gäste allerdings nicht ihre Geburtstagsfeier verderben und feierte mit Ehemann, Kindern, Schwiegervater, der eigenen Crew und den Browns weiter.

Es war bereits dunkel geworden, als der Gouverneur mit Admiral James und Emily Norrington am East Harbour Hill No. 1 erschien. Emily hatte die inzwischen eingeschlafene kleine Tochter Rose in der Obhut ihrer Bediensteten gelassen. Jeremy, der Butler, der seit Anfang des Jahres beim Ehepaar Turner engagiert war, öffnete die Tür und verbeugte sich gemessen vor den Gästen.

„Willkommen, Mylady, Sirs. Ich werde Eure Ankunft umgehend Lady Turner melden. Wartet bitte einen Moment“, sagte er. Ebenso gemessenen Schrittes verließ er den großen Flur. Nur Augenblicke später kehrte er mit Elizabeth zurück.

„James, was für eine Freude!“, begrüßte sie den Freund des Hauses. „Schön, dass du wieder zu Hause bist.

Sie umarmte James, der die Umarmung seiner ehemaligen Verlobten erfreut erwiderte.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Elizabeth. Alles Gute für dein neues Lebensjahr“, beglückwünschte der Admiral die junge Frau.

„Vielen Dank, James. Es gibt wirklich nur drei Männer, die meinen Geburtstag nicht vergessen: Du, mein Vater und Will“, bedankte sie sich. „Danke, dass ihr noch mal gekommen seid“, wandte sie sich dann an ihren Vater und James’ Frau.

„Es wäre eine Schande gewesen, wenn James nicht auch mit der guten Nachricht zu dir gekommen wäre, Liz“, sagte Emily.

„Oh, was gibt es Gutes?“, fragte Elizabeth erfreut.

„Es ist Frieden, Elizabeth“, antwortete Norrington mit einem Strahlen im Gesicht.

„Oh, wundervoll! Kommt mit, das wüssten Will, Stiefelriemen und unsere anderen Gäste bestimmt auch gern.“

Elizabeth brachte ihre Gäste auf die Terrasse hinaus, wo Will, sein Vater, die Browns und die Crew der Aztec noch saßen.

„Willkommen zu Hause, Admiral!“, rief Groves fröhlich.

„Danke, Mr. Groves.“

„Admiral Norrington hat außer guten Wünschen für mich noch gute Nachrichten für uns alle. James?“

„In der Tat“, sagte James. „Am 10. Februar haben die Vertreter aller am Krieg beteiligten Nationen in Paris einen Friedensvertrag unterzeichnet. Wir haben nach sieben Jahren endlich Frieden!“

In die Freude der Anwesenden über den Friedensschluss mischte sich aber auch eine missmutige Miene – die von Angus Habershaw, der sich erst im Januar entschlossen hatte, Will Turners Angebot anzunehmen, auf der Aztec als Matrose anzuheuern und seinen kargen Nachtwächterlohn damit aufzubessern.

„Angus, was ist denn mit dir?“, fragte Charlie Hoskins.

„Toll! Da geht mein neuer Job gerade baden!“, grunzte er. Die anderen Männer der Aztec sahen ihren neuen Bordkameraden verblüfft an.

„Guckt mich nicht an wie die Lachse den Wasserfall!“, raunzte Habershaw. „Frieden bedeutet, dass Wills Kaperbrief nichtig ist! Is’ nix mehr mit Beute!“

Ärgerlich warf Habershaw seine Mütze zu Boden.

„Ich bin auch ein Unglücksrabe …“, seufzte er dann, las seine Mütze wieder auf und erhob sich. „Mein anderer Job wartet. Macht’s gut, Jungs. Wiedersehen, Elizabeth. Danke für die Einladung.“

Brummelnd verließ er das Haus und stapfte den Serpentinenweg hinunter nach Port Royal.

„Er hat Recht“, sagte Norrington. „Ich habe den Befehl des Ersten Seelords, die Freibeuter vom Friedensschluss zu unterrichten und die Kaperbriefe ungültig zu machen oder sie einzuziehen.“

„Ich habe unter dem Schutz des Kaperbriefes Beute gemacht“, sagte Will. „Du verstehst, dass ich ihn als Beweis benötige, dass die Aztec die Beute nicht als Piratenschiff gemacht hat, sondern mit königlicher Erlaubnis.“

„Ja, natürlich. Ich werde ihn aber mit Datum von heute für ungültig erklären müssen und das auf dem Kaperbrief vermerken müssen.“

Will stand auf und ging in sein Arbeitszimmer im ersten Stock, um den Kaperbrief zu holen.

Sein Vater realisierte erst mit einigen Augenblicken Verspätung, was sein Sohn vorhatte. Er sprang auf und eilte hinter ihm her, erwischte ihn, als er mit der Dokumententasche aus dem Arbeitszimmer kam.

„Das willst du nicht wirklich tun, oder?“, fragte Stiefelriemen.

„Doch, Vater, das will und werde ich.“

„Junge, der Kaperbrief ist die einzige Einnahmequelle deiner Männer!“

„Vater, wir haben derart gute Beute gemacht, dass keiner von uns je wieder von Arbeit abhängig sein wird. Allein der Verkauf der Diamanten von Goldbart hat jedem eine gute Million Guineas eingebracht. So viel kann keiner in seinem ganzen Leben ausgeben!“

„Ja, die, die auf San Cristobal dabei waren. Angus Habershaw nicht, Nicolas Maynard auch nicht“, wies Stiefelriemen seinen Sohn auf die neuen Crewmitglieder hin.

„Ich habe nicht vor, die Aztec abzuwracken, Vater. Aber sie wird künftig ein Reiseschiff sein, kein Freibeuterschiff mehr. Die Crew kann bei uns bleiben, gegen die übliche Bezahlung. Angus und Nicolas haben noch Anspruch auf ihren Beuteanteil, den wir vor drei Wochen von dem Spanier erbeutet haben. Wir reden morgen an Bord darüber. Ich möchte ihnen – weil sie neu sind und keine Chance mehr für weitere Beute haben – einen zusätzlichen Anteil zu geben, der ihnen ein einigermaßen sorgenfreies Leben ermöglichen wird. Aber ich werde diesen Kaperbrief von James entwerten lassen und nicht darauf warten, dass man mich zum Piraten erklärt, weil ich mich weigere, das zu tun!“

„Du bist der König der Piraten, Junge!“, warnte Bill.

„Solange kein Hoher Rat der Bruderschaft einen neuen bestimmt“, erwiderte Will. „Ich werde einen Hohen Rat einberufen und mein Amt zur Verfügung stellen.“

„Ich halte das für keine gute Idee, mein Sohn …“

„Du bist viele Jahre Pirat gewesen, Vater. Du bist auch nach Cayenne noch mit Jack als Pirat gefahren. Aber ich bin keiner und will auch keiner sein!“

Damit schob Will seinen Vater beiseite und stieg hinunter ins Erdgeschoss.

James Norrington erwartete ihn schon im Salon. Will hob den Kaperbrief, zog ihn aber weg, als Norrington danach greifen wollte.

„James, bevor ich dir das hier zum entwerten gebe, möchte ich eine schriftliche Garantie für die gesamte Crew der Aztec, dass wir erst mit dem heutigen Tag vom Friedensschluss unterrichtet wurden und Kaperfahrten, die seit dem 10. Februar unternommen wurden, noch unter den Schutz des Kaperbriefes fallen“, sagte er.

„Vertraust du mir nicht?“

„Dir schon; dich kenne ich und du kennst mich. Aber andere Kommandeure der Royal Navy kennen mich, meine Crew und die Aztec nicht. Ich möchte nicht am Galgen der Londoner Docks enden, wenn ein anderer Captain der Royal Navy mein Logbuch sieht und feststellt, dass die Aztec nach dem 10. Februar 1763 noch erfolgreich gekapert hat.“

„Einträglich?“, fragte James mit einem schiefen Grinsen.

„Ziemlich. Der Finanzverwalter der Kolonialregierung in Spanish Town hat leuchtende Augen bekommen, als ich vor zehn Tagen meinen Kronanteil für den Monat Februar abgerechnet habe.“

„Wie viel?“

„Dreißigtausend Guineas. Und wenn ich übermorgen wieder nach Spanish Town komme, liefere ich zehntausend für diesen Monat ab.“

James seufzte.

„Jetzt wundert es mich nicht mehr, dass der Schatzkanzler** den Krieg durch Verschleppung der Friedensverhandlungen noch verlängern wollte … Du bekommst die Garantie. Komm morgen zu mir in die Kommandantur.“

„Das werde ich.“

„Was … wirst du tun? Später … meine ich.“

„Den Frieden genießen, mit unserem Schiff die Freiheit genießen, die mir der Kaperbrief eingebracht hat“, erwiderte Will mit einem Lächeln.

2

Kapitel 2

Eine letzte Abrechnung


Am Tag darauf erschien Will Turner wie verabredet in der Kommandantur der Royal Navy in Port Royal. James Norrington händigte ihm eine von ihm als Kommandeur der britischen Royal Navy in der Karibik unterschriebene und gesiegelte schriftliche Garantie aus, dass Captain und Crew der
Aztec für Kaperfahrten zwischen dem 10. Februar und dem 26. März 1763 nicht belangt werden konnten, da der Kaperbrief aus dem Jahr 1756 in Unkenntnis des Friedenschlusses noch bis zum 26. März 1763 gültig war. Norrington bekam eine Liste der Crewmitglieder, die während der Freibeuterzeit auf der Aztec gefahren waren, mitsamt den genauen Daten vom Anheuern bis zum Abmustern der einzelnen Männer. Lieutenant Stevens schrieb die Liste aus dem Logbuch der Aztec ab, ebenso die abgerechneten Kronanteile der Beute, die die Crew der Aztec gemacht hatte.

„Erfolgreicher Freibeuter, Sir William. Ihr habt diese Kolonie reich gemacht“, sagte Stevens, als er Will das Logbuch zurückgab, der es mit einemKopfnicken annahm.

„Wo sind die anderen Freibeuter?“, fragte der Admiral.

„Captain Sparrow war gestern noch bei uns, ist aber mit seinen Leuten gegangen, bevor Ihr zurückgekommen seid. Er hatte die Black Pearl drüben in Kingston liegen. Wohin er gefahren ist, weiß ich nicht. Er ist in seinen Entscheidungen immer sehr spontan, das wisst Ihr, Admiral“, erwiderte Will distanziert. Das hier war ein offizieller und sehr dienstlicher Anlass, der einem Admiral Seiner Majestät keine Vertraulichkeiten erlaubte.

„Werdet Ihr die anderen Freibeuter in der nächsten Zeit treffen, Sir William?“

„Möglich, allerdings nur einen Teil der Freibeuter. Einige kenne ich persönlich, andere jedoch nicht. Ich beabsichtige, eine Versammlung der mir bekannten Piratencaptains einzuberufen und sie vom Friedensschluss in Kenntnis zu setzen. Schließlich habe ich ihnen die Kaperbriefe im Namen des Gouverneurs von New Providence ausgehändigt“, erwiderte Will.

„Ihr wisst, wo Ihr suchen müsst?“

„Ich habe eine Kontaktmöglichkeit über die Mambo** Tia Dalma. Ihr kennt sie ebenfalls, Sir.“

„Ich muss Euch darauf hinweisen, dass Ihr für die Nachrichtenübermittlung verantwortlich seid, wenn Ihr das für jene übernehmen wollt, die Euch persönlich bekannt sind, Sir William. Wenn einer der anderen Freibeuter, die noch Kaperfahrten machen, erwischt wird und sich auf den Kaperbrief beruft, werdet Ihr nachweisen müssen, dass Ihr keine Gelegenheit hattet, ihn zu unterrichten, wenn Ihr nicht neben ihm hängen wollt“, sagte James. Er wirkte nicht glücklich dabei, gegenüber einem Freund wie Will eine solche Drohung aussprechen zu müssen.

„Ihr wisst, dass ich mich um Verantwortung nicht drücke, Admiral; aber ich kann nicht die Verantwortung für alle damals auf Tortuga vergebenen Kaperbriefe übernehmen. Die Liste mit den Namen der Freibeuter habe ich damals zu Governor Bellows geschickt. Was aus ihr geworden ist, weiß ich nicht“, entgegnete Will bestimmt. Norrington nickte.

„Sucht die Freibeuter, die Ihr kennt und unterrichtet sie. Ich werde Governor Bellows informieren, dass er nach den übrigen suchen lässt, sofern Ihr zurück seid. Etwas anderes erwarte ich von Euch auch nicht, Sir William. Ich wünsche Euch Erfolg, dass Ihr die anderen Freibeuter schnell findet. Nach Ablauf von drei Monaten muss ich sie selbst suchen.“

„Verstehe, Admiral. Ich empfehle mich.“

Dass Will sich nicht vor der Verantwortung nicht drückte, bedeutete keinesfalls, dass sie ihn nicht drückte. Er wusste nicht genau, wie lange es dauern konnte, bis alle Piratenfürsten von Tia Dalma ausgemacht werden konnten. Bis dahin konnte viel geschehen. Auf dem Weg nach Hause beschloss er, so schnell wie möglich nach Pantano auszulaufen, um sich nicht der Säumigkeit schuldig zu machen. Turner seufzte leise. Eigentlich wollte er sich endlich wieder mal um seine Schmiede kümmern. Sie war jetzt schon viel zu lange in Meister Browns Vertretung. Will hatte das dunkle Gefühl, dass er mindestens so viel Arbeit investieren musste wie damals, als er die Schmiede von Meister Brown übernommen hatte.

Inzwischen war es kurz vor Mittag, weil die Formalitäten doch sehr viel länger gedauert hatten, als Will angenommen hatte, als er um zehn Uhr hinuntergegangen war. Sein Blick, der noch einmal zur Kommandantur zurückging, blieb an der Uhr an der neben der Kommandantur befindlichen Verwaltung der East India Trading Company hängen. Sie zeigte wahrhaftig fünf vor zwölf! Kein normaler Mensch wäre unter normalen Umständen jetzt auf den recht steilen Hügel an der östlichen Seite des Hafens gestiegen, aber Will wollte möglichst keine Zeit verlieren. Als er völlig durchgeschwitzt sein Haus auf dem östlichen Hafenhügel erreichte, erwartete ihn bereits sein Vater an der Tür. Bill Turner schüttelte den Kopf.

„Du bist so was von ehrlich, du würdest selbst dem Teufel sein Eigentum zurückgeben, was?“, fragte er. Will war leicht außer Atem.

„Ja“, keuchte er. „Vater, ich bin kein Pirat und ich werde nie einer werden!“

Bill schmunzelte.

„Dann bist du der erste Nichtpirat, der ein Piratenfürst und König der Piraten geworden ist, mein Sohn. Ich werde dich bei Gelegenheit daran erinnern, dass du kein Pirat bist – und ich hoffe, dass du dann schamrot wirst, William.“

Will nickte nur.

„Du hast mich schon in Verlegenheit gebracht, als ich gegenüber Jack voller Überzeugung gesagt habe, du wärst kein Pirat gewesen. Es war der Schock meines Lebens, als er das Gegenteil behauptete und ich dann feststellen musste, dass er nichts als die lautere Wahrheit gesagt hatte. Lass mich durch!“

Bill Turner trat beiseite.

„Will … versteh’ mich nicht falsch. Ich will dich nicht zu etwas nötigen, was dir widerstrebt“, sagte Bill.

„Kommt mir im Moment so vor, Vater. Ruf die Crew zusammen. Die Aztec muss seeklar gemacht werden.“

„Was hast du vor?“

„Nach Pantano zu Tia Dalma segeln und den Hohen Rat der Bruderschaft einberufen. Ich habe die Kaperbriefe im Auftrag von Governor Bellows ausgestellt, und es obliegt mir, die Piratenfürsten vom Friedensschluss zu unterrichten und die Kaperbriefe ungültig zu machen. Wenn ich nicht innerhalb von drei Monaten nachweisen kann, das getan zu haben oder keine guten Gründe dafür vorbringen kann, weshalb das nicht geschehen ist, bin ich ebenso dran wie ein erwischter Pirat.“

„Hat James dir das gesagt?“, fragte Bill. Will nickte.

„Was geschieht, wenn sich jemand weigern sollte?“

„Dann wäre ich wohl genötigt, ihm den Kaperbrief gewaltsam abzunehmen. Ich bete, dass mich keiner dazu zwingt.“

„William, du manövrierst dich damit zwischen alle Stühle, zwischen Scylla und Charybdis!“, warnte sein Vater.

„Ich weiß, Vater.“

Am späten Nachmittag erklärte Will den Männern seiner Crew die neue Lage. Die Männer waren zufrieden mit dem Reichtum, den sie als königliche Freibeuter erlangt hatten.

„Wir haben noch zwei neue Crewmitglieder, die seit Januar bei uns sind. Ich möchte als Captain der Aztec nicht, dass Angus und Nicolas schlechter dastehen als alle anderen, denn wir haben keine Gelegenheit mehr, legal Beute zu machen. Deshalb möchte ich ihnen einen zusätzlichen Anteil geben. Nach unserem Kodex gehört die Verteilung der Beute zu den Dingen, über die wir gemeinsam befinden. Ich schlage also vor, dass Angus und Nicolas statt eines Anteiles von der letzten Beute, die wir heute verteilen, zwei bekommen sollen.“

„Um wie viel geht’s denn, Captain?“ fragte Eddie, der schon zu der allerersten Crew gehört hatte, die Joshamee Gibbs sieben Jahre zuvor in Tortuga für Will angeworben hatte. Will wandte sich an seinen Vater:

„Master Turner, der Erste Maat hat die Beute zu verteilen. Waltet Eures Amtes!“, sagte er. Bill zog das Logbuch hervor, in dem im Anhang die Crewanteile ermittelt waren.

„Wir haben vereinbart, dass wir die uns zustehende Beute in siebenundzwanzig Teile teilen. Davon erhält Will als Captain einen und einen dreiviertel Anteil, dazu als Schiffsunterhalt noch mal einen halben Anteil. Will ist als Captain bereit, auf einen ganzen Anteil zu verzichten und für die Aufstockung bei Angus und Nicolas zu stiften, wenn die an uns zu verteilende Beute diesmal nicht durch sieben-undzwanzig sondern durch achtundzwanzig geteilt wird. Sein gestifteter Anteil und der aus der neuen Teilung entstehende zusätzliche Anteil sollen an Nicolas und Angus gehen. Was sagt ihr dazu?“

Die Männer grübelten eine Weile, konnten mit dem Vorschlag augenscheinlich nicht wirklich etwas anfangen.

„Was kriege ich bei achtundzwanzig Teilen, was kriege ich, wenn wir durch siebenundzwanzig teilen?“ fragte Eddie schließlich. Ein leises Aufatmen der übrigen Crew zeigte Will und Stiefelriemen, dass das die Frage war, die alle beschäftigte. Bill hatte vorsorglich die entsprechenden Werte ausgerechnet.

„Bei achtundzwanzig Teilen ist jeder Anteil 3.214 Guineas**, bei siebenundzwanzig Teilen 3.333 Guineas. Der Unterschied je Anteil beträgt 119 Guineas“, erklärte Bill.

„Captain! Hundertneunzehn Guineas, das sind fünf Jahreslöhne von gut bezahlten angestellten Handwerksmeistern!“, protestierte Eddie. Grummeln erhob sich in der Crew.

„Ja, stimmt, Eddie. Und 3.214 Guineas sind die Jahreslöhne von einhundertneunzehn richtig gut bezahlten Handwerksmeistern!“, versetzte Will. „Es geht für euch um hundertneunzehn oder um hundertvierundzwanzig volle Jahreslöhne, Jungs! Oder um zwanzig oder einundzwanzig Jahreslöhne von sehr gut verdienenden Leuten in der Führungsetage der Company! Mal ganz abgesehen davon, dass jedem von uns, der schon in der Sache mit den Diamanten von San Cristobal dabei war, von der damaligen Beute etwa eine Million Guineas zugekommen sind, die kein Mensch je in seinem Leben verprassen kann, kann ich einfach nicht glauben, dass meine Crew aus Krämerseelen besteht, die noch gieriger sind als die ganze Company!“, wetterte Will.

Nicolas Maynard meldete sich.

„Will … ich bestehe nicht auf einem weiteren Anteil“, sagte er. Die Männer sahen den jungen Matrosen verblüfft an. Maynard hatte nicht viel Geld. Jeder Shilling wäre wertvoll gewesen.

„Aber ich!“, keifte Angus und kickte Nicolas grob beiseite. Jeder andere hätte vermutlich eine Schlägerei daraus gemacht, nicht so der zurückhaltende Nicolas.

„Wenn es nur um Johnny ginge, bin ich dabei. Angus ist mir etwas zu gierig, Sir!“, versetzte Eddie. Will seufzte.

„Dann rechne ich euch noch was anderes vor: Bei der normalen Teilung durch siebenundzwanzig habe ich Anspruch auf zweieinviertel Anteile. Wenn ich auf einen Anteil zugunsten von Angus und Nicolas verzichte, verzichte ich auf über dreitausend Guineas. Das ist fünfundzwanzigmal das, worum ich euch bitte zu verzichten. Für jeden von euch verzichte ich auf den gleichen Anteil und sogar noch auf ein bisschen mehr. Ich denke, ich gehe euch mit dem besten Beispiel voran, Männer! Also: Wer will Angus und Nicolas einen einmaligen Zuschlag gönnen?“

Will und Stiefelriemen hoben die Hand, Angus mit vor Gier blitzenden Augen ebenfalls, Nicolas hielt sich zurück, Stephen Groves und Charlie Hoskins stimmten ebenfalls zu. Nach und nach hoben immer mehr die Hand, letztlich dann auch Edward Finney – mit vor Beschämung hochrotem Kopf. Will lächelte.

„Gut, dann ist es beschlossen. Master Turner: Teilt die Beute in achtundzwanzig gleiche Teile. Ich verzichte auf einen Anteil, Angus Habershaw und Nicolas Maynard erhalten je einen zusätzlichen Anteil, also zwei volle Anteile“, wies Will seinen Ersten Maat an.

„Aye, Captain Turner!“, bestätigte Bill mit einem zufriedenen Lächeln.

„Gut, Männer. Nachdem das geklärt ist und diese letzte Beute abgerechnet ist, wird es keine weiteren Fahrten eines britischen Kaperschiffs mit Namen Aztec geben“, fuhr Will fort. Die Enttäuschung der Männer war unübersehbar.

„Das heißt nicht, dass ich die Aztec jetzt zu Brennholz abwracken will“, grinste Will dann. „Sie wird weiterhin mein Reiseschiff sein, für das ich auch immer noch eine Crew benötigte. Ich biete euch daher an, meine Crew zu bleiben, in den gleichen Funktionen wie bisher. Statt Beuteanteilen wird es jedoch eine feste Bezahlung geben. Ich habe noch einen letzten Auftrag von Admiral Norrington erhalten: Ich habe die Freibeuter, denen ich die Kaperbriefe ausgehändigt habe, selbst über den Friedensschluss zu informieren und deren Kaperbriefe ungültig zu machen. Der Nachweis über die Information des Friedensschlusses und die Ungültigkeit der Kaperbriefe ist das absolut Mindeste, was der Admiral verlangt. Dafür hat er mir drei Monate Zeit gegeben. Werden danach noch Captains mit von mir ausgestellten Kaperbriefen erwischt, hafte ich dafür mit meinem Kopf – es sei denn mir fällt eine gute Ausrede ein, weshalb ich sie nicht zu fassen gekriegt habe. Ich will deshalb keine Zeit verlieren und morgen nach Pantano auslaufen. Wer mir dabei helfen möchte, den bitte ich, morgen früh hier am Kai zu sein, damit wir mit der Flut am Mittag nach Pantano auslaufen können.“

„Und an welche Heuer hast du gedacht, Will?“, fragte Eddie.

„Ich habe an fünf Shilling in der Woche als Grundlohn gedacht. Für die Sonderfunktionen gibt es Zuschläge, die denen unseres Beuteteilungsschemas entsprechen. Abgerechnet wird nach der tatsächlichen Reisedauer“, erklärte Will. Einige Männer nickten beifällig. Das war ein großzügiges Angebot.

„Und es wäre nicht dein Wunsch, Pirat zu werden?“, erkundigte sich Charlie Hoskins. Will schüttelte den Kopf.

„Nein. Ich hatte nie die Absicht, Pirat zu werden. Hätte mich die East India Trading Company nicht in diese Richtung gedrängt, wäre ich nie zum Piraten und dann zum Freibeuter geworden.“

„Und … was willst du tun, wenn du nicht mehr zur See fährst?“, fragte Charlie weiter.

„In Frieden hier leben und wieder als Schmied arbeiten.“

„Will, das hast du doch überhaupt nicht nötig!“, wandte Angus ein.

„Es ist ein Unterschied, ob ich arbeite, weil ich meine Familie damit ernähren muss oder ob ich das aus Neigung mache, mein Freund. Ich betrachte es als Freizeitbeschäftigung.“

„Es ist Verschwendung deiner Fähigkeiten, William!“, protestierte Charlie.

„Charlie, es gibt keinen Kaperbrief mehr, der die Seeräuberei legitimiert. Ich bin und bleibe ein braver Bürger Britanniens. Punkt. Pirat will und werde ich nicht sein.“

„Aber du bist der König der Piraten!“

„Das ist der zweite Grund, weshalb ich nach Pantano will. Ich werde einen Hohen Rat einberufen und mein Amt niederlegen. Auf Dauer wollte ich es ohnehin nicht haben“, erklärte Will. Charlie zuckte mit den Schultern.

„Ich fürchte, du wirst es eines Tages bereuen, Will“, warnte Hoskins.

„Möglich. Jetzt halte ich die Entscheidung aber für richtig“, versetzte Will entschieden.

Bill teilte die Beute auf und begann dann mit der Auszahlung. Gegen acht Uhr abends war alles abgerechnet, die Männer gingen mit ihren Beuteanteilen nach Hause. Will und Stiefelriemen blieben an Bord zurück.

„Will, ich halte es für einen Fehler, wenn du dich ohne weiteres aus dem Kapergeschäft zurückziehst.“

„Wieso?“, fragte Will.

„Wieso?“, äffte Bill grantig nach. „Weil wir so viele Spanier und Franzosen ausgenommen haben, dass denen die Kehle vor Rachedurst brennt! Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass du lebend davonkommst, wenn wir einem von denen über den Weg fahren!“

Will sah seinen Vater eine Weile an.

„Mit anderen Worten: Du hältst es für naiv, wenn ich an Frieden glaube.“

„So was in der Art, ja! Du wirst Jamaica praktisch nicht mehr verlassen können, wenn du wenigstens mein Alter erreichen willst, Junge! Sie werden dich bis ans Ende der Welt jagen! Es wird sie nicht interessieren, dass du einen Kaperbrief hattest – so wenig, wie es sie während des Krieges interessiert hat! Erinnere dich an Cozumel! Die Navy wird dir nicht helfen! Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Du wirst eines Tages begreifen, dass wir Freibeuter nur so lange für Vater Staat interessant sind, solange wir für die feinen Herrschaften die Kastanien aus dem Feuer holen. Danach lassen sie uns fallen!“, grollte Bill.

„So was Ähnliches hat mir Jack gesagt, als ich ihm damals den Kaperbrief anbot.“

„Aber du hörst ja nicht auf das, was man dir sagt!“, rief Bill wütend. Will drehte sich ganz zu ihm um und sah seinen Vater geradeaus an.

„Vater, seit meinem dreizehnten Lebensjahr war ich auf mich allein gestellt!“, erinnerte Will ihn. „Zehn Jahre meines Lebens habe ich meine Entscheidungen allein treffen müssen und halte mich durchaus für fähig, das auch vernünftig zu tun!“

„Du hast für dich allein entschieden und hattest keinen, auf den du Rücksicht nehmen musstest. Jetzt hast du Familie!“, erinnerte Bill ihn seinerseits.

„Und für genau die treffe ich diese Entscheidung, Vater! Ich möchte meine Kinder aufwachsen sehen und als Vater für sie da sein. Im Gegensatz zu anderen habe ich auf See nie meine persönliche Freiheit gesucht!“

„Danke, dass du mir meine Verfehlungen immer noch vorhältst!“, ätzte Bill.

„Ich habe nicht von dir gesprochen, Vater. Wenn du dir den Stiefel anziehst, ist es nicht mein Problem!“, entgegnete Will eisig. Stiefelriemen nickte und verließ wortlos die Aztec.

3

Kapitel 3

Eine Insel im Nirgendwo


Am nächsten Morgen war die Crew der
Aztec fast vollzählig versammelt. Es fehlten nur Angus Habershaw, der mit Wills Entscheidung nicht einverstanden war, den auch ein doppelter Beuteanteil nicht versöhnen konnte, und Stiefelriemen Bill, der ebenfalls noch mit Wills Ablehnung eines künftigen Piratenlebens haderte. Bill sah eindeutig die Gefahr, dass Will sich ohne Not Spaniern und Franzosen geradezu ausliefern würde, wenn er auf den Kaperbrief verzichtete. William III und Klein Lilly waren begeistert, nach längerer Zeit wieder auf ihren Lieblingsspielplatz zu kommen, und Elizabeth zog es ebenfalls wieder auf See.

Die Reise nach Pantano war ohne Zwischenfälle. Tia Dalma alias Calypso empfing die Crew der Aztec herzlich.

„Ihr seid hier, das freut mich. Aber … wo ist dein Vater?“, fragte sie Will schließlich.

„Zurückgeblieben“, erwiderte Will wortkarg. Der Zwist mit seinem Vater störte ihn mehr, als er sich bisher hatte eingestehen wollen. Lange hatte er nach seinem verschollenen Vater gesucht, bis er ihn endlich gefunden hatte; sie hatten glückliche, aber auch gefährliche Jahre miteinander verbracht – und dann diese Missstimmung!

„Ihr habt Streit gehabt?“, fragte Tia nach. Will nickte schweigend.

„Das ist nicht gut“, bemerkte die Göttin des Meeres.

„Nein. Tia, kannst du die anderen Piratenfürsten erreichen?“, fragte Will.

„Aber ja, William. Ich habe sie schon gerufen – so wie dich. Sie werden wohl morgen eintreffen.“

„Wie machst du das, Tante Tia?“, erkundigte sich Willy neugierig. Calypso lächelte.

„Oh, das ist ein Geheimnis, William. Das verrate ich nicht. Aber eines Tages werde ich auch nach dir rufen, wie ich schon deinen Vater und deinen Großvater gerufen habe. Sie sind dem Ruf stets gefolgt. Du wirst es auch tun“, sagte sie sanft. Willy sah seinen Vater an.

„Wie hat sie dich denn gerufen, Papa?“, bohrte der Junge dort nach. Will lächelte seinen Sohn liebevoll an.

„Das weiß ich auch nicht, Willy. Aber ich hatte den Wunsch herzukommen. Tia Dalma weiß, wie man das macht.“

„Och, ich will das aber wissen!“, maulte Willy. Viel fehlte nicht, und er hätte mit dem Fuß gestampft.

„Wenn Tante Tia uns das sagt, ist es nicht mehr möglich, Willy“, erklärte Will sanftmütig. „Es ist ein Zauber – und das darf sie nicht verraten.“

Willys Blick fiel auf Tia Dalma, die bestätigend nickte, aber gleichzeitig überlegend aussah, wie sie dem kleinen Jungen ihre Kunst nahebringen konnte, ohne alles zu verraten.

„Willy, gibt es etwas, was du dir wünschst – außer zu wissen, wie dieser Zauber geht?“, fragte sie schließlich.

„Ja. Papa und Großpapa sollen sich wieder vertragen!“

Will und Elizabeth sahen sich verblüfft an. Wenigstens Willy hatte mitbekommen, dass zwischen Vater und Sohn Turner etwas nicht stimmte …

„Ah, mal sehen, was sich da machen lässt. Hast du etwas von deinem Großvater oder deinem Vater bei dir, Willy?“

William III kramte nachdenklich in seinen Jackentaschen und förderte schließlich eine kleine Strohpuppe zutage.

„Ja, meinen Wudi“, sagte er und reichte ihn strahlend Tia Dalma. Die kleine Strohpuppe trug Sachen, die der Seekluft seines Großvaters sehr ähnlich waren, einschließlich einer etwas löchrigen Mütze – und eine Nachbildung von William Turner seniors Ohrring in Originalgröße, mochte der Ring auch auf der Mütze befestigt sein statt im Ohrläppchen. Tia Dalma grinste.

„So, so, ein Wudi …“, sagte sie, als sie die Puppe vorsichtig annahm. Sie nahm aus einem der zahllosen Täschchen, die sie am Gürtel trug, eine Krabbenschere heraus, steckte sie der Strohpuppe in den Ohrring und murmelte eine Beschwörungsformel, die französisch klang, aber es nicht war. Dann zog sie die Krabbenschere wieder aus dem Ohrring und gab die Puppe Willy zurück.

„Dein Vater und dein Großvater werden sich vertragen, wenn ihr wieder nach Port Royal zurückkehrt“, sagte sie dazu. William III sah skeptisch auf die Puppe und die Krabbenschere, die die Mambo wieder in ihrem Beutel versenkte.

„Bestimmt?“, hakte er nach.

„Ja, ganz bestimmt!“, erklärte sie und sah Will an. „Wirklich – dein Sohn …“, grinste sie. „William, was du vorhast, ist gefährlich“, fuhr sie fort. „Aber ich teile deine Meinung, dass der Weg richtig ist. Und es wird nicht ohne weiteren Streit abgehen. Du wirst Freunde verlieren und sie dir zu Feinden machen, aber auch neue Freunde gewinnen.“

„Warum hätte es auch einfach sein sollen, einfach nur in Frieden leben zu wollen?“, seufzte er. „Weshalb hast du uns alle gerufen, Calypso?“, fragte er dann.

„Ich habe das fertig, was ich euch versprochen habe. Lass mich dazu morgen mehr sagen“, erwiderte sie. „Weshalb wolltest du, dass ich die Piratenfürsten rufe?“

Will rang sich ein Lächeln ab.

„Deine Frage verblüfft mich, wenn du mir sagst, dass mein Weg richtig ist. Es ist Frieden und ich muss die Kaperbriefe, die ich für Governor Bellows ausgestellt habe, für ungültig erklären.“

„Du wirst Schwierigkeiten damit haben, William!“, warnte Tia Dalma. Will nickte.

Am darauffolgenden Tag lagen zehn Schiffe vor Pantano, die Schiffe aller Piratenfürsten und des Kodex-Hüters Captain Teague, jeweils von einer massiven Bordwache geschützt. Die Piratenfürsten selbst befanden sich in einer strohgedeckten Hütte, die Tia Dalma in den Tagen zuvor von ihr ergebenen Inselbewohnern hatte herrichten lassen. Die Hütte überdeckte einen Stein, dessen Herkunft im Dunkel der Vergangenheit lag. Schwarz war der Stein, oben ersichtlich künstlich abgeplattet – und er war ein Bruchstück jenes Meteors, der Millionen Jahre zuvor das Gesicht der Karibik geformt hatte, während der Einschlag des ganzen Meteors fast alles Leben auf Erden ausgelöscht hatte. Von allen Anwesenden wusste allein die unsterbliche Göttin Calypso, was es mit diesem Stein auf sich hatte. Ihre Insel Pantano war ein Kind dieses Meteors und unterlag anderen Gesetzen als – fast – alle anderen Inseln der Karibik. Die Insel existierte nur dann für andere Menschen sichtbar, wenn Calypso es wollte …

„Ihr alle wisst, dass mir die die Macht über das Meer gegeben ist“, begann die Göttin. „Ich habe Euch nach der Zerstörung Tortugas zugesagt, dass ich eine Insel für Euch bauen werde. Jetzt ist alles bereit.“

Mit diesen Worten zog sie ein Tuch von der Platte des Meteorsteins weg. Eine farbige, unendlich genaue Karte der Karibik erschien darunter, die die Küstenverläufe des Festlandes ebenso zeigte wie alle Inseln, die sich in diesem Gewässer befanden. Die Kleinen Antillen grenzten die Karibik wie ein Halbmond in der zunehmenden Phase vom Atlantik ab, die Großen Antillen – Kuba, Hispaniola, Jamaica und Puerto Rico – bildeten einen Riegel nach Norden zum Golf von Mexiko, der seinerseits von den Bahamas nach Osten gegen den Atlantik begrenzt wurde. Vor der mittelamerikanischen Küste und der Küste Kolumbiens lagen noch einige kleinere Inseln. Aber die Karibik selbst war – abgesehen von den winzigen Resten der Swan-Islands und den ebenfalls sehr kleinen Cayman Islands südwestlich von Kuba ein riesiges, völlig leeres Wasserbecken. Eigentlich …

Mitten in diesem gewaltigen, inselleeren Wasserbecken befand sich ein roter Kreis, und in dem roten Kreis lag eine Insel, umgeben von einem riesigen Korallenring, der fast genauso groß war wie der rote Kreis und etwa hundert Seemeilen durchmaß, so dass der Ring praktisch überall etwa fünfzig Seemeilen von der Insel entfernt war.

„Das … ist die Insel, die ich für Euch gemacht habe. Niemand außer Euch wird sie finden können. Um dies sicherzustellen, bitte ich Euch, dass Ihr mir Eure Acht-Reales-Silbermünzen gebt, die Euch als Fürsten der Piraten ausweisen“, erklärte die Göttin.

„Und wozu benötigst du sie genau, Calypso?“, erkundigte sich Sao Feng.

„Ich werde ihnen die Kraft verleihen, die sie benötigen, um Eure Schlüssel zu dieser Insel zu sein“, erwiderte Calypso. Die Piratenfürsten nahmen ihre persönlichen Zeichen hervor und legten sie in eine Holzschale, die Ragetti auf ein Kopfnicken der Göttin herumtrug. Schließlich hatte er alle zusammen und reichte Calypso die Schale. Mit einiger Verblüffung sah die Göttin, dass Will nicht Ragettis Holzauge in die Schale gelegt hatte, sondern sein Aztekenmedaillon.

„Moment, das ist doch nicht dein …“

„Doch, ist es. Ich habe mir ein eigenes Zeichen gewählt, Calypso.“

Sie hielt ihm die Schale wieder hin.

„Quetzalcoatl muss erst aussteigen, bevor ich den Zauber anwende“, sagte sie. Will nahm das Medaillon zurück, rieb daran, grüner Dampf stieg aus dem Medaillon auf, als Quetzalcoatl erschien. Die Piratenfürsten, die bislang noch nicht wussten, dass der Aztekengott bei Will im goldenen Kettenanhänger wohnte, fielen vor Schreck beinahe um – bis auf Sri Sumbhajee, der wirklich auf dem Allerwertesten landete und seine sonst zur Schau getragene Würde etwas lädiert sah.

„Schade, ich habe gerade ein bisschen geschlafen“, griente der Aztekengott schelmisch. Für einen Gott war er zuweilen ausgesprochen menschlich.

„Entschuldige, aber Calypso wollte dein Heim etwas verzaubern. Das ging aber nicht mit dir drin, mein Freund“, grinste Will zurück. Quetzalcoatl verbeugte sich vor der mit ihm befreundeten Göttin, mit der er sich die Sorge um die Karibik als Ganzes teilte. Calypso hütete das Meer, Quetzalcoatl Inseln und Festland.

„Will, das Medaillon, das du mir gegossen hast, wird mir nicht verzaubert. Darauf muss ich bestehen“, erwiderte er. Will sah den Aztekengott einen Moment an, dann nickte er, griff in die Wamstasche.

„Wie nennen wir die Dinger? Acht-Reales-Silbermünzen? Dann nehme ich doch am besten eine solche dafür“, sagte er und holte aus einem Beutel eine Silbermünze im Wert von acht Reales, die er in die Schüssel fallen ließ. Tia Dalma alias Calypso zeigte ein schelmisches Lächeln, als sie mit der Schüssel zum Stein ging, aus einem Fläschchen an ihrem Gürtel etwas in die Schale goss und dann anzündete. Chevalle, Jack Sparrow, Sao Feng und Sri Sumbhajee sprangen erschrocken auf, weil ihre „Acht-Reales-Silbermünzen“ zumindest teilweise brennbar waren und sie um ihre kostbaren Zeichen unübersehbare Angst hatten. Doch sie sahen, dass die Flammen die Zeichen nicht verzehrten. Mit erkennbarem Aufatmen ließen sie sich wieder auf ihre Sitze fallen.

„Verändern oder verzaubern bedeutet nicht zerstören, ihr Kleingläubigen!“, versetzte Calypso mit gewisser Schärfe und Kopfschütteln. Dann fuhr sie beschwörend mit der rechten Hand über den „Acht-Reales-Münzen“ in Kreisen durch die Luft und murmelte leise eine Formel, die niemand der Anwesenden verstand. Die „Münzen“ schienen kurz grün aufzuglühen, dann verlosch der grüne Schimmer wieder. Mit zufriedenem Grinsen nickte die Göttin Ragetti zu, der die Schale mit den geheimen Zeichen wieder abholte und bei den Piratenfürsten herumreichte, damit jeder sich sein Zeichen zurücknehmen konnte. Will nahm als Letzter die einzige echte Acht-Reales-Silbermünze aus der Schale. Sie fühlte sich seltsam kalt an und wurde auch nicht wärmer, als er sie in der Hand behielt.

„Wenn ihr zu eurer Insel wollt, könnt ihr nun das Riff passieren. Lasst euer Zeichen am Rand des Riffs ins Wasser. Es wird sich nun für euch öffnen – oder für jeden, der um das Geheimnis weiß und eines dieser Zeichen in seinen Besitz bringt. Hütet euer Geheimnis und diese Zeichen also gut. Ohne diese Zeichen kommt ihr nicht zu eurer Insel“, erklärte Calypso.

Die Piratenfürsten verstauten ihre Zeichen.

„Danke, Calypso“, sagte Will. „Wir stehen in deiner Schuld.“

„Das Meer ist empfindlich, auch wenn man es ihm nicht ohne weiteres ansieht. So empfindlich es ist, so hart ist es auch. Behandelt das Meer als Freund; als einen, den ihr nie betrügen würdet. Sonst wird es euer Feind. Das ist die Bezahlung, die ich für die Insel verlange“, erklärte Calypso dann an alle gewandt. „Schwört ihr mir das?“

„Aye!“, kam es neunstimmig von den Piratenfürsten, die auch alle die rechte Hand zum Schwur hoben. Calypso lächelte sanft.

„Fein, ich wusste, ich kann mich auf euch verlassen. Reist bald zu eurer Insel und seht euch an, was ich euch geschaffen habe“, empfahl sie dann.

„Aye!“, bestätigten die Piratenfürsten wie aus einem Mund, dann erhob sich einer nach dem anderen.

„Einen Moment, meine verehrten Captains!“, rief Will. Die Piratenfürsten blieben stehen.

„Ich habe noch zwei Dinge, die ich gern anbringen möchte, da wir gerade alle beisammen sind.“

„Sprecht, Captain Turner, König der Piraten!“, forderte Teague ihn auf.

„Als Erstes gebe ich Euch hiermit bekannt, dass Großbritannien und seine Kriegsgegner im Februar dieses Jahres Frieden geschlossen haben. Damit sind unsere Kaperbriefe gegenstandslos“, erklärte Will. Alle Piratenfürsten sahen ihn an, als seien ihm Hörner gewachsen.

„Für den passenden Moment hattest du noch nie ein besonderes Gefühl, Will“, bemerkte Jack. „So etwas sagt man einem Piratenfürsten nicht ins Gesicht“, ergänzte Sao Feng.

„Wieso? Verliert er es dann?“, fragte Will bissig. „Ihr habt die Wahl: Ihr lasst mich die Kaperbriefe entwerten, anderenfalls bin ich gezwungen, dem König mitzuteilen, welche Captains sich ausdrücklich geweigert haben, die Kaperbriefe zurückzugeben.“

„Captain Turner: Ihr seid der König der Piraten!“, erinnerte Ammand ihn erschrocken.

„Das ist richtig …“, räumte Will ein aber Ammand ließ ihn nicht weiter zu Wort kommen:

„Und als König der Piraten solltet Ihr der Erste sein, der sich einem solchen Ansinnen entgegenstellt!“, fuhr er fort, ohne Wills Einwurf zu beachten. Will sah Teague an.

„Ist das so richtig, Captain Teague?“, fragte er den Hüter des Kodexes. Teague winkte seinen Bücherträgern, die den schweren Kodex auf den Tisch wuchteten, dann pfiff er dem Schlüsselhund, der ihm brav die Schlüssel gab, öffnete das Vorhängeschloss und blätterte einen Moment in dem Gesetzeswerk der Piraten. Murmelnd ging er einige Bestimmungen durch.

„Captain Ammand hat Recht“, sagte er schließlich. Jack peilte seinem Vater über die Schulter.

„Es heißt weiter, dass der König der Piraten, der gegen seine Pflichten als König verstößt, den Titel als König der Piraten verliert“, setzte Jack hinzu.

„Ich habe damit kein Problem, Jack. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich nur so lange König der Piraten sein wollte, bis der Krieg beendet ist. Der Krieg ist beendet“, erwiderte Will. „Das wäre ohnehin die zweite Sache, die euch mitteilen wollte.“

„Niemals zuvor hat ein König der Piraten sein Amt freiwillig niedergelegt“, platzte Jocard heraus. Will lächelte.

„Es hat auch nicht sehr viele Könige der Piraten gegeben, oder? Vielleicht bin ich der Erste. Na und?“

„Wenn Ihr dem englischen König mitteilt, dass wir uns weigern, die Kaperbriefe abzugeben, begeht Ihr Verrat an den Piratenfürsten“, sagte Jocard. „Ein Pirat, der einen anderen verrät, hat den Tod zu erwarten!“

„Dann gilt das auch für Euch, werte Captains“, versetzte Will. „Sorge ich nicht dafür, dass Eure Kaperbriefe ab dem Tag Eurer Kenntnis vom Friedensschluss für ungültig erklärt werden, dann hafte ich für jeden einzelnen von Euch mit meinem Kopf. Was anderes als Verrat an meiner Person wäre es dann, wenn Ihr weiterhin die Kaperbriefe benutzen wollt, obwohl ich Euch gesagt habe, dass sie mit dem Frieden erloschen sind? Glaubt Ihr ernsthaft, dass ich das mit mir machen lasse?“

„Nimm, was du kriegen kannst und gib nichts wieder zurück!“, bemerkte Jack Sparrow. „Ein Pirat gibt nichts wieder her, was er einmal in den Fingern hat.“

„Jack, es ist mir egal, ob du und die anderen Captains weiterhin andere Schiffe und Siedlungen ausrauben wollen. Ihr seid Piraten und habt auch ohne Kaperbriefe geplündert“, erwiderte Will. Aus der Innentasche seines Wamses holte er ein Pergament und breitete es aus.

„Wenn Ihr mir diese Erklärung unterschreibt, dass ich Euch über den Frieden und die Ungültigkeit Eurer Kaperbriefe in Kenntnis gesetzt habe, reicht mir das aus. Was Ihr danach tut, kann mir gleich sein. Ich hindere niemanden daran, dem Piratenhandwerk weiterhin nachzugehen.“

„Und die Royal Navy macht auf uns Jagd, sofern du Port Royal wieder erreichst!“, schnaubte Jack.

„Nur dann, wenn ich Admiral Norrington mitteilen müsste, dass Ihr Euch weigert. Erklärt Ihr, dass Ihr den Friedensschluss zur Kenntnis nehmt und Euch nicht weiter auf den Kaperbrief beruft, kriege ich kein Problem in Port Royal und die Navy hat keinen Grund, Euch zu jagen.“

„Nur unter der Bedingung, dass du deine Acht-Reales-Münze an Captain Teague aushändigst und hier und jetzt schwörst, dass du dich nicht an der Jagd auf einen von uns beteiligst!“, bedingte Jack. Will griff ohne zu zögern in die Wamstasche, in die er die Münze gesteckt hatte, holte sie heraus und warf sie Teague zu, der sie geschickt auffing und einsteckte.

„Mach’ die Tasche leer, William!“, forderte Jack.

„Sofern alle die Erklärung unterschreiben, Jack, krempele ich dieses Wams komplett um, damit du dich überzeugen kannst, dass ich ernst meine, was ich verspreche!“, versetzte Will.

„Sollte einer von uns von der britischen Royal Navy angegriffen werden, werden wir uns an dich halten“, warnte Jack.

„Sollte mich einer von euch angreifen, sollte er beten, dass er mein Schiff versenkt, bevor ich seines versenke!“, grollte Will. „Ich denke, dass ich in den letzten sieben Jahren jedem von euch bewiesen habe, dass ich erstens zu meinem Wort stehe und dass ich zweitens in der Lage bin, mich zu wehren. Nehmt bitte zur Kenntnis, meine verehrten Captains, dass mein Schiff weiterhin bewaffnet sein wird. Ich rate davon ab, mich zu überfallen!“

Die Piratenfürsten machten keine Anstalten, die Erklärung zu unterschreiben. Will wartete noch eine Weile, aber außer eisigem Schweigen kam nichts von den Piratenfürsten. Schließlich nickte Will und steckte die Erklärung wieder ein.

„Wie Ihr wollt. Ich habe es Euch gesagt“, seufzte er.

„Moment, William“, hielt Tia Dalma ihn zurück.

„Ihr erwartet doch nicht wirklich, dass ich Euch von dieser Insel weglasse, ohne dass Ihr Will Euren Kaperbrief entwerten lasst oder Ihr die verlangte Erklärung unterschreibt?“, wandte sie sich dann an die Captains. „Ihr wisst, dass Ihr ohne meine Gunst das Meer nicht befahren könnt. Also: Ihr unterschreibt das oder lasst Will tun, was er tun muss oder Ihr könnt bis zum Jüngsten Tag versuchen, von dieser Insel wegzukommen!“, drohte sie.

Die Piratenfürsten sahen sich betroffen an. Jeder wusste, dass die Göttin eine besondere Freundin von Will Turner war. Wenn sie sich so offen auf seine Seite stellte, war es besser, dass man nachgab … Einer nach dem anderen unterschrieb oder ließ es zu, dass Will den Kaperbrief entwertete. Will gab den Captains seinerseits eine schriftliche Erklärung, dass der Inhaber des jeweiligen Kaperbriefes erst an diesem 13. April 1763 vom Friedensschluss erfahren hatte und deshalb für Kaperfahrten vor diesem Datum nicht belangt werden konnte.

Weitere zwei Wochen später lag die Aztec wieder im Hafen von Port Royal. Am Hafen erwartete Bill Turner seinen Sohn und begrüßte ihn so freundlich, dass Will und Willy sich nur zuzwinkerten. Tia Dalmas Zauber hatte also gewirkt.

Will eilte von der Pier gleich zur Hafenkommandantur der Royal Navy und gab dort die unterzeichnete Erklärung ab, ließ sich aber eine beglaubigte Kopie anfertigen und bestätigen, dass er die Entwertung der Kaperbriefe von Jack Sparrow, Sao Feng, Gentleman Jocard, Mistress Ching, Capitaine Chevalle, Capitán Villanueva, Sri Sumbhajee und Ammand der Royal Navy angezeigt hatte.

 

Glossar

Wie üblich gibt es auch dieses Mal wieder ein Glossar. Ich habe wieder zwei Glossare gefertigt, ein Seelexikon und ein allgemeines Lexikon. Begriffe, die an anderer Stelle erklärt sind, sind mit ↑ versehen

* Seelexikon

abbacken: Nee, nix Völkerball … Gegenteil von aufbacken. Auf Schiffen, auf denen nicht genügend Platz für einen gesonderten Speiseraum (auch Messe genannt) für die Crew ist, werden im Mannschaftsdeck die Bänke und Tische zusammengeklappt unter der Decke und/oder an den Seiten verstaut und nur zum Essen selbst aufgebaut. Der Befehl dazu lautet: „Backen und Banken!“ Derjenige, der mit Backen und Banken beauftragt ist, wird auch Backschafter genannt.

achteraus: nach hinten

achtern: hinten

Achterkastell: siehe Kastell↑

Anschlagen: befestigen, insbes. ein Segel an einem Rundholz. Gegenteil von: abschlagen.

Backbord: linke Seite des Schiffes, Gegenteil von Steuerbord↑

Back, Backdeck: Erhöhtes Deck am Bug eines Schiffes, das das Oberdeck nach vorn abschließt.

Baum: Rundholz, das den unteren Teil eines Segels (Unterliek) hält.

Belegnagel: handliches Rundholz mit einer Verbreiterung etwas vor der Mitte, die verhindert, dass das der Belegnagel durch die Öffnung in der Nagelbank↑ rutscht. Belegnägel dienen dazu, die Taue des laufenden Gutes zu fixieren, indem sie achtförmig oben und unten um diese Nägel geführt werden.

Besan, Besansegel: längs zur Schiffsachse angebrachtes Gaffelsegel am achtersten Mast.

Besanmars: Marsplattform des Besan↑-Mastes

Bilge: (Aussprache: bilsch), die, unterster Raum im Schiff, in dem sich Wasser sammelt.

Brasse: die; laufendes Gut↑ zum waagerechten Schwenken einer Rah↑.

Briggsegel: Besansegel einer Brigg

Dreidecker: Kriegsschifftyp im 18. Jh., bei dem auf drei Decks Kanonen hinter Stückpforten↑ vorhanden sind.

Drehbasse: die, kleine Handkanone, die mithilfe eines Dorns auf der Reling oder der Nagelbank↑ fixiert werden kann und fast um 360° drehbar ist. In der Regel waren Drehbassen von relativ kleinem Kaliber und dienten als Warnschusskanone oder für gezielte Schüsse auf kleinere, aber für die Manövrierfähigkeit wichtige Ziele.

Elmsfeuer: bei Gewitter die elektrische Entladung an den Toppen der Masten in Form kleiner Flämmchen.

Etmal: Zurückgelegte Entfernung eines Schiffes innerhalb von vierundzwanzig Stunden, gemessen von Mittag bis Mittag.

Faden: (engl. fathom), Tiefenmaß in der Seefahrt. 1 Faden = 6 Fuß ~ 1,80 m.

Fallreep: das, Treppe zum an und von Bord gehen in Schiffsrichtung. „Seefallreep“, eine über die Bordwand ausgebrachte Leiter mit Holztritten.

Fock: die; bei rahgetakelten Schiffen das Großsegel des vordersten Mastes

Fockmast: der vorderste Mast bei rahgetakelten Schiffen mit mindestens zwei Masten

Fregatte: die; dreimastiges Segelschiff, das an allen drei Masten mit Rahen getakelt ist; in der Regel werden Kriegsschiffe so bezeichnet. Gleichartig getakelte Handelsschiffe werden normalerweise als Dreimast-Vollschiffe bezeichnet.

Galion: Die mit einer Reling versehene Plattform unterhalb des Backdecks↑ am Bug einer Galeone, von der aus das kleine Rahsegel unter dem Klüverbaum↑ bedient werden kann.

Großtopp: der; Spitze des Großmastes. Auf Schiffen der Marine werden im Großtopp die persönlichen Wimpel der Kommandanten geführt.

Gut: Tauwerk der Takelage. Man unterscheidet

    1. laufendes Gut: Alle Leinen und Taue, die dazu dienen, die Segel zu bedienen; und
    2. stehendes Gut: Die unbeweglichen Wanten und Stage, die die Masten fixieren.

Halse: die; das Schiff mit dem Heck durch den Wind drehen. Gegenteil von Wende↑

Havarie: die; durch Grundberührung, Sturm o. ä. entstandener Schaden an einem Schiff bis hin zum Totalverlust.

Hornpipe: die; rhythmischer Seemannstanz

Kabellänge: Entfernungsmaß in der Seefahrt, entspricht 1/10 Seemeile oder 185,2 m.

Kastell: Aufbau auf dem Hauptdeck einer Galeone, der gleichzeitig als Raum genutzt werden kann. Galeonen waren ursprünglich als Kriegsschiffe konstruiert. Die Kastelle dienten der Verteidigung des Schiffes. Dabei blieb es auch, als klar wurde, dass diese Schiffsart vielseitig verwendbar war und sie als Kriegsschiff, Ostindienfahrer oder Piratenschiff gefahren wurde. Der hintere Aufbau wird Achterkastell genannt. Der Raum im Achterkastell ist in der Regel die Kapitänskajüte, die mit der Reling gesicherte Fläche darüber ist das Achterdeck, wo sich das Steuerrad befindet und von wo der Captain sein Schiff leitet. Der vordere Aufbau ist das Vorderkastell. Die ebenfalls relinggesicherte Fläche darüber ist die Back, der Raum innerhalb des Vorderkastells wird unterschiedlich genutzt, teilweise als Kajüten oder als Lagerraum, im Falle der Black Pearl ist es die Kombüse.

Kiellast: siehe Last↑

Kimm: die; der sichtbare Horizont auf dem Wasser, an dem sich Himmel und Meer scheinbar berühren.

Klüse: Verstärkte Öffnung in der Bordwand, durch die Trossen nach außen geführt werden können, zum Beispiel zum Vertäuen des Schiffs am Kai.

Klüverbaum: der; über den Vorsteven hinausragendes Rundholz zum Befestigen von Vorsegeln.

kreuzen:

    • seglerisch: auf Zickzackkursen „am Wind“ gegen den Wind fahren.
    • allgemein: sich in einem bestimmten Seegebiet unter Fahrt aufhalten (z.B. Lotsenboote)

Kreuzsee: die; eine Welle, die sich mit einer anderen, quer zur normalen Richtung der Wellen laufenden Welle überlagert und dadurch wesentlich höher wird als die übrigen Wellen.

Last: die;

    • Gewicht: Gegenteil von: Kraft.
    • Aufbewahrungsraum:B. Proviant-, Taulast.
    • Abweichung von der Horizontallage in der Schiffsrichtung; Vor- oder Kopflastigkeit, Achter- oder Hecklastigkeit: je nachdem das Schiff vorn oder achtern tiefer liegt.

Lee: windabgewandte Seite des Schiffes. Gegenteil von Luv↑

lenzen: Einen Raum leer („lenz“) pumpen.

löschen: Nein, das Schiff brennt nicht. Fachbegriff für das Entladen von Schiffen.

Luv: windzugewandte Seite des Schiffes. Gegenteil von Lee↑

Mars:

    • bei rahgetakelten Schiffen die zweite Rah von unten
    • Plattform in Höhe der Marsrah, die insbesondere am Fockmast als Ausguck genutzt wird. Auch Saling↑ genannt

neunschwänzige Katze: Peitsche mit neun, aus Leder oder Pferdehaar bestehenden Peitschenschnüren, in deren Enden Knoten eingeflochten sind – oder auch Metallstücke. Ein grausames Strafinstrument, das noch bis ins 19. Jh. in der Seefahrt benutzt wurde.

Nagelbank: der Längsachse des Schiffes folgend an der Reling oder querschiffs vor den Masten angebrachte starke Bohle, die in regelmäßigen Abständen mit Löchern versehen ist, die etwa den Durchmesser einer Zwei-Euro-Münze haben. Durch die Löcher werden Belegnägel↑ gesteckt, an denen die Taue des laufenden Gutes belegt (fixiert) werden können.

Niedergang: Treppe auf einem Schiff, aus Gründen der Platzersparnis meist relativ steil.

Prise: Feindlich übernommenes Schiff

Pütz: die; Eimer in der Seemannssprache.

pullen: Fortbewegung eines Bootes mittels Riemen#. Umgangssprachlich falsch rudern genannt.

querab: seitlich

Rah: die; in ihrer Mitte waagerecht am Mast aufgehängt; Rundholz, an das die Oberkante des Rahsegels angeschlagen ist.

Reede: die; Legt ein Schiff in einem Hafen nicht am Kai an, sondern bleibt abseits der Kais oder auch vor dem Hafen vor Anker liegen, nennt man dies „auf Reede liegen“.

Reling: die, Geländer, bestehend aus Relingstützen, Durchzügen und Handläufer.

Riemen: Rundhölzer mit blattförmigen Enden zum Fortbewegen eines Bootes. Umgangssprachlich – falsch – auch Ruder↑ genannt.

Ruder: Das senkrecht im Wasser stehende Ruderblatt, mit dem die Fahrtrichtung geändert wird.

Saling: die; insbesondere bei Windjammern# Plattform in Höhe der Marsrah, die als Ausguck genutzt wird.

Schanghaien: jemanden gegen seinen Willen zum Dienst an Bord eines Schiffes nötigen, indem man ihn (meist mithilfe von reichlich Alkohol dunkelblau und k. o. gemacht) an Bord schleppt und ihn erst auf hoher See aus dem Bau lässt …

Schanzkleid: Die massive, brüstungs- oder wandartige Fortsetzung oder Erhöhung der Bordwand über ein freiliegendes Schiffsdeck hinaus. Auf modernen Schiffen ist ein Schanzkleid eine Sonderform der sonst offenen Reling, auf historischen Segelschiffen ist es aber die Regel.

Schapp: das; eingebauter Schrank auf einem Schiff

Schauerleute: Hafenarbeiter, die Güter auf Schiffe laden oder löschen↑

Segelmeister: Alte Bezeichnung für den Navigator auf einem Segelschiff

Spill: das; Winde mit senkrechter Achse zur Handhabung der Ankerkette (Ankerspill) oder Leinen (Verholspill)

Stagsegel: Segel, die längs zur Schiffsachse stehen und damit seitlichen Wind aufnehmen können

Stauervize: Vorarbeiter der Schauerleute↑

Steuerbord: rechte Seite des Schiffes, Gegenteil von Backbord↑

Stückpforten: Hölzerne Klappen, die eine Schießscharte für Kanonen abdecken. Sie dienen dazu, die Kanonen und natürlich das Deck vor eindringendem Seewasser zu schützen.

Tallymann: Ladungskontrolleur im Seehafen; zählt die über die Kaikante gelöschten↑ Ladungsmengen und die einzelnen Packstücke (Kolli [Kisten], Säcke, Fässer) auf äußere Beschädigungen prüft

Topp: der; Mastspitze

Toppsegel: Auch Mars↑-Segel genannt. Diese zweite Bezeichnung beruht auf dem Umstand, dass das Toppsegel bei seiner Einführung im 15. Jh. das oberste Segel am Mast war.

Vorderkastell: siehe unter Kastell↑

Vormars: Mars↑-Plattform des Fockmastes↑

Wahrschauen: jmd. warnen

Webeleinen: Quer zu den Wanten geknüpfte Leinen, die es ermöglichen, zu den Rahen hinaufzusteigen.

Wende: Das Schiff drehen, indem der Bug durch den Wind gedreht wird. Gegenteil von Halse↑

Windjammer: Als Begriff ab dem 19. Jh. gebraucht und für rahgetakelte Großsegler (z. B.: Brigg, Fregatte, Galeone) verwendet, die durch den Wind vorwärts gedrückt werden (engl. wind jammed).

Winsch: Winde mit waagerechter Achse. Siehe auch unter Spill↑

** Allgemeines Lexikon

Arawak: Indianische Ureinwohner der Karibik.

Babalawo: Priester der Voodoo-Religion.

Bandana: die; andere Bezeichnung für das von Seeleuten, insbesondere Piraten, gern getragene Kopftuch, das nicht immer den ganzen Kopf bedecken muss.

Batterie: militärischer Fachbegriff für eine Artillerieeinheit, die aus mehreren Kanonen besteht; in diesem Fall die in einer Reihe nebeneinander stehenden Geschütze auf dem Schiffsdeck.

Bukan: Genau genommen ist Bukan das Wort, das die Arawak↑ für einen hölzernen Grillrost benutzten, auf dem sie in dünne Streifen geschnittenes Fleisch räucherten und gleichzeitig dörrten. Die Arawak waren u. a. auf Tortuga beheimatet, wohin um 1630 Franzosen von Hispaniola kommend vor den Spaniern flohen. Die Franzosen lernten von den Arawak diese Art der Konservierung erlegter Tiere und ernährten sich auf die gleiche Art.

Diese Franzosen waren aber auch als Seeräuber aktiv. Bald belegte man sie mit dem französischen Wort Bukanier, was übersetzt Fleischräucherer bedeutet. Daraus wurde dann einer der Begriffe, unter denen Piraten der Karibik bekannt wurden: Bukanier oder Bukaniere.

Cove: Hafenstadt in der südirischen Provinz Cork, im 19. Jh. in Queenstown umbenannt und unter diesem Namen als Transatlantikhafen bekannt geworden. Nach der Unabhängigkeit Irlands erneut umbenannt in Cobh, die gälische Variante des Gründungsnamens Cove.

Crown: Münze der britischen Währung Pfund Sterling↑ im Wert von fünf Shilling.

Flugseite: Die vom Mast entfernte Seite der Flagge, die im Wind flattert.

Garter Principal King of Arms: der oberste Herold Englands. Nach britischem Recht hat er allein das Recht, ein Wappen zu vergeben. Bevor ein neues Wappen vergeben wird, wird üblicherweise nachgeforscht, ob für die betreffende Familie bereits ein Wappen vergeben wurde. Siehe auch Wappenkönig↑.

Guinea: Britische Goldwährung, deren Münzen erstmals 1663 maschinell geprägt wurden und die bis 1816 gültiges Zahlungsmittel war (bei Versteigerungen gilt das bis heute!). 1 Guinea (auch Guinee geschrieben) entsprach etwas mehr als 1 Pfund Sterling↑ und hatte damit den Gegenwert von rd. 392 g Feinsilber.

Hammerkuss: Die hier beschriebene Prüfung gilt nach Aussagen eines realen Schmieds in einer Fernsehdokumentation als Eingangsprüfung für neue Gesellen, aber auch für neue Lehrlinge des Schmiedeberufs. Der Schmiedemeister prüft damit, ob der Bewerber genügend Kraft hat, um mit den schweren Werkzeugen des Schmiedehandwerks umzugehen.

Lehrgeld: Vor dem II. Weltkrieg war es allgemein üblich, dass der Lehrling (heute Auszubildender genannt) bzw. dessen Familie dem Lehrherrn für Kost und Logis (und im Prinzip auch für die Lehren) Geld bezahlte, statt selbst eine Ausbildungsvergütung zu erhalten. Die EITC setzt natürlich auch hier noch eins drauf …

Mambo: Priesterin der Voodoo-Religion.

Pfund Sterling: Britische Währung. Das Pfund Sterling war eine Masse von rd. 373 g Silber (daher auch Sterling-Silber!), aus dem 240 Silbermünzen zu 1 Pence geschlagen wurden. 12 Pence ergaben 1 Shilling, 20 Shilling 1 Pfund Sterling.

Als Münzen für diese Währung existierten Half Farthing (1/8 Penny), Farthing (1/4 Penny), Halfpenny (1/2 Penny), Penny, Threepence (3 Pence), Groat (4 Pence), Sixpence (6 Pence), 1 Shilling, Florin (2 Shilling), Half Crown (2 Shilling, 6 Pence), Crown (5 Shilling) und Sovereign (1 Pfund/20 Shilling).

Der Shilling ist damit in etwa das Gegenstück zum Taler im Heiligen Römischen Reich. Umgerechnet konnte man für 1 Pfund Sterling ca. 260 kg Brot, rd. 130 kg Fleisch, ca. 22 kg Tabak, rd. 5,5 kg Tee oder 20 Hemden, 20 Paar Schuhe oder 66 Paar Wollsocken kaufen. Für Nahrungsmittel und 2 möblierte Zimmer musste man etwa 4 Pfund 10 Shilling – 5 Pfund 10 Shilling im Jahr bezahlen. Ein Handwerksmeister hatte – je nach Branche – ein Jahreseinkommen von etwa 9 – 27 Pfund, ein Professor an einer Universität verdiente ca. 9 Pfund, ein mittlerer Beamter rd. 4 Pfund 10 Shilling, und ein einfacher Soldat bekam ungefähr 1 Pfund, was in etwa der Armutsgrenze im 18. Jh. entsprach. Hohe Beamte (wie zum Beispiel Governor Swann) konnten mit rd. 136 Pfund rechnen, wenn sie darüber hinaus nicht noch Naturalien wie z. B. Kaminholz von ihren Dienstherren erhielten.

Diese Werte wurden für den Reichstaler im deutschen Raum ermittelt, der in einem Verhältnis von ca. 22 Talern = 1 Pfund Sterling stand. Sie dürften auf Großbritannien vermutlich übertragbar sein.

Bei einer Beute von rd. dreitausend Guineas allein aus der letzten Kaperfahrt sind Will Turner und seine Männer schlichtweg reich …

Pound: engl. Gewichtseinheit, ca. 450 g. Ich habe bewusst auf die deutsche Bezeichnung Pfund verzichtet. Anders als die Unze, die der Masse der englischen ounce tatsächlich entspricht, ist das englische pound nicht massenidentisch mit dem deutschen Pfund.

Schatzkanzler: (engl. Chancellor of the Exchequer) Seit Sir John Baker (vor 1559) die gültige Amtsbezeichnung für den englischen (ab 1708 britischen) Finanz- und Wirtschaftsminister.

Tee, rot: Das, was wir als Schwarztee kennen, wird wegen der rötlich-braunen Färbung des Teeauszuges in China als roter Tee bezeichnet.

Anmerkung am Rande: In Indien wird Tee erst seit dem zweiten Drittel des 19. Jh. angebaut. Davor kam der in Großbritannien gehandelte Tee ausschließlich aus China, auch wenn er über Indien oder Singapur verschifft wurde.

Turner: auf Deutsch bedeutet der Name Drechsler

Unze: Gewichtseinheit, engl. ounce, Abk. oz. Entspricht ca. 28 g. Fünf Unzen sind folglich rd. 140 g.

Wappenkönig: oberster Herold seines Landes.

Herolde waren ursprünglich Boten ihrer Herren, denen Unverletzlichkeit garantiert wurde – sogar auf dem Schlachtfeld. Um entsprechend kenntlich zu sein, trug der Herold einen weißen Stab, den ausschließlich mit dem Wappen seines Herrn geschmückten Überrock, den Tappert, und war zum weiteren Zeichen seiner Stellung als Nichtkämpfer nicht bewaffnet. Gegen verirrte Pfeile im Schlachtengetümmel trugen Herolde auf dem Schlachtfeld jedoch unter dem Tappert Kettenpanzer, später auch Plattenrüstungen. Ein Herold, der in ein feindliches Lager kam, durfte seinem Herrn jedoch nichts berichten, was er an Waffen oder Schlachtvorbereitungen gesehen hatte. Weil die Herolde sich streng an diese Regel hielten, galten sie bald als neutral, auch wenn sie in Diensten eines bestimmten Herrschers standen.

Im hohen Mittelalter entwickelten sich aus einfachen Zeichen – anfangs waren es einfache Schildteilungen oder Kreuze – die auf den Schild gemalt wurden, die Wappen. Weil Herolde als Boten ihrer Herren weit herum kamen, kannten sie sich mit den Wappen anderer Wappenträger gut aus und wurden zu wahren Experten der Wappenkunde, der Heraldik. Als Gedächtnisstütze zeichneten sich Herolde alle Wappen auf, die ihnen auf ihren Botentouren und in Turnieren begegneten. Speziell zu Beginn waren die Wappen noch recht einfach gehalten; es war auch für Leute mit wenig künstlerischem Talent möglich, diese Zeichen bildlich festzuhalten. Diese Aufzeichnungen machten sie anfangs auf aufgerollten Pergamenten, so genannten Buchrollen, wie man sie noch aus der Antike kannte. Die gerollte Form hatte auch den Vorteil, wenig Platz einzunehmen und deshalb auch gut transportiert werden zu können. Bis heute heißen offizielle Wappenverzeichnisse Wappenrolle, obwohl die gerollte Form seit langem nicht mehr üblich ist.

Ebenfalls im hohen Mittelalter wurde das ursprünglich als reines Kampftraining gedachte Turnier zum sportlichen Wettkampf mit öffentlichem Unterhaltungswert, bei dem es auch um Ehre und Preise ging. Bei den Turnieren waren Herolde schon von ihrer ursprünglichen Funktion her diejenigen, die die Teilnehmer anzukündigen hatten. Durch ihre Kenntnis wurden sie, was Wappen betraf, unentbehrlich für jeden Turnierveranstalter – ganz besonders, nachdem nicht mehr Jedermann an einem Turnier teilnehmen durfte, sondern nur noch so genannte turnierfähige Adlige. Der Herold hatte dann anhand des Wappens zu identifizieren, ob es sich bei einem Teilnahmeaspiranten um einen turnierfähigen Adligen handelte oder nicht.

Um die erkannten Wappen in eine Ordnung zu bringen, entwickelten die Herolde zum einen eine bis heute gültige Reihenfolge, in der Wappen nach dem Bild sortiert werden, zum anderen eine eigene Fachsprache, die dazu diente, nur aus der fachlich korrekten Beschreibung eines Wappens das Wappen zeichnerisch abbilden zu können. Auf die gemeinsame Arbeit vieler Generationen von Herolden gehen auch die knappe Farbauswahl (Tinkturen [Rot, Blau, Grün, Violett/Purpur und Schwarz, selten Orange], Metalle [Gold und Silber] und Felle [Hermelin und Feh {Eichhörnchen}]) und die Regeln der Zusammenstellung (niemals Farbe an Farbe grenzend, niemals Metall an Metall grenzend) zurück.

Herolde mussten nicht von Adel sein; um Herold zu werden, benötigte jemand Reiselust, zuweilen Fremdsprachentalent, ein gutes bildliches Gedächtnis und mit zunehmender Zeit immer besseres Zeichentalent, weil die Wappen immer komplexer wurden.

Etwa ab Beginn des 16. Jh. durften in den meisten Ländern Wappen nicht mehr frei angenommen werden, sondern wurden verliehen. Die Aufgabe, Wappen zu entwerfen, zu vergeben und sie zu registrieren, fiel damit Heroldsämtern zu, die dem jeweiligen Herrscher unterstanden. Chef eines solchen Heroldsamtes ist der Wappenkönig, der oberste Herold seines Landes.

Yard: Engl. Längenmaß, ca. 1 m.

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